Walzertaumel und Börsenkrach

Gerhard Loibelsberger kennt man bisher vor allem durch seine Krimireihe um den Wiener Kommissar Joseph Maria Nechyba, welche in den Jahren 1903 bis 1918 spielt. Mit „Alles Geld der Welt“, der diesen Sommer erschienen ist, bleibt er Wien als Schauplatz treu, aber er hat sich zeitlich ein wenig weiter in die Vergangenheit zurück begeben und zwar in das Jahr 1873.

Man kennt den „schwarzen Freitag“ der New Yorker Börse aus dem Jahre 1929 oder – insbesondere seit der letzten Babylon Berlin-Staffel wieder frisch im Gedächtnis – auch den Berliner Börsenkrach aus dem Jahre 1927. Aber Wien erlebte bereits am 9. Mai 1873 einen schweren Börsenkrach, der auch als sogenannter „Gründerkrach“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

Loibelsberger nimmt seine Leser mit in die Zeit vor der Krise von Januar (Jänner) bis zum Mai, zeichnet ein stimmungsvolles Bild dieser Epoche und erzählt die Geschichte des Aufstiegs und des Falls des Wiener Bankhauses Strauch.

„Wenn er aus diesem immer wiederkehrenden Albtraum hochschreckte und sich danach bis zum Morgengrauen im Bett hin- und herumwälzte, beherrschte ihn ein Gedanke: Dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis all die an der Wiener Börse notierten windschiefen, unterkapitalisierten Aktiengesellschaften als Leichen die Donau hinunterschwimmen würden.“

(S.31)

Wien boomt, pulsiert und fiebert der nahenden Weltausstellung entgegen, die im Mai 1873 eröffnet werden soll. Neben der Rotunde, die das spektakuläre Wahrzeichen der Wiener Weltausstellung werden soll, wird überall geplant, gebaut und investiert. Baron Heinrich von Strauch führt das Bankhaus, das er von seinem Vater übernommen hat, mit wenig Herzblut, möchte sich am liebsten als Privatier aus dem Investitionsgeschäft zurückziehen und die Mühsal und die ungeliebte Bankiersarbeit seinem angestellten Geschäftsführer Ernst Xaver Huber überlassen. Dann würde ihm auch mehr Zeit für das Schöne im Leben bleiben und er könnte sich ganz der Wiener Damenwelt widmen, denn ewig lockt (zumindest den Herrn Baron von Strauch) das Weib.

Wien feiert sich selbst und rauschende Ballnächte, schwelgt im Walzertaumel, in erotischen Abenteuern und überall wird dem Fortschritt gehuldigt. Es herrscht Aufbruchstimmung und Euphorie: Firmengründungen und Kapitalgesellschaften ohne Eigenkapital schießen wie Pilze aus dem Boden und auch der kleine Mann – im Roman zum Beispiel verkörpert durch den Barbier Alois Pöltl – will an den steigenden Aktienkursen teilhaben und profitieren.

Von Kapitel zu Kapitel überhitzt sich der Kapitalmarkt weiter und die Lage spitzt sich mehr und mehr zu. Anhand zahlreicher Romanfiguren lässt der Autor den Leser die Wünsche, Hoffnungen und die Gier der Menschen hautnah mit erleben. Ein bunter Querschnitt durch die Wiener Gesellschaft der damaligen Zeit, die von Kaiser Franz Joseph I., aber auch immer mehr vom Geld regiert wird. So liest man von kleinen Handwerkern, jüdischen Bankiers, einfachen Dienstmägden, Kaffeehausbesitzern und Tänzerinnen mit all ihren Begierden und Sehnsüchten – ein vielschichtiges und farbenfrohes Bild dieser Epoche entsteht vor den Augen des Lesers.
Dass da am Ende nicht alle zu den Gewinnern zählen werden, lässt sich schnell erahnen.

„Geh pfui, Ernstl! So ein Wort nimmt man doch nicht in den Mund!“
„Was? Fantasie?“
„Nein. Bankrott.“

(S.167)

Loibelsberger ist gebürtiger Wiener und kennt die Stadt und deren Geschichte wie seine Westentasche. Zudem ist er ein großer Kenner und Liebhaber der Wiener Küche, so dass auch die Kulinarik in all seinen Büchern eine große Rolle spielt. Auch „Alles Geld der Welt“ liest sich – wie seine Krimireihe um Kommissar Nechyba – sehr kurzweilig und flüssig. Wenn auch die Nechyba-Krimis vielleicht noch mit ein wenig mehr Spannungselementen gewürzt sind und mich daher noch etwas mehr begeistert haben, war dieser historische Roman vor allem aufgrund des geschichtlichen Hintergrunds und der Einblicke in die Zeit vor der Wiener Weltausstellung für mich sehr interessant. Ich habe auf unterhaltsame und spielerische Art und Weise einiges gelernt und viel Neues erfahren. Sprachlich flicht der Autor auch die Wiener Mundart in seine Dialoge ein (oft per Fußnoten übersetzt für diejenigen, welche des Wiener Dialekts vielleicht nicht so mächtig sind) und verstärkt so die ohnehin große Portion an Wiener Schmäh und Lokalkolorit im Roman zusätzlich. Angeregt durch Vincent Klinks „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“, das ich vor kurzem gelesen habe, konnte ich durch diese Lektüre noch ein wenig länger literarisch im schönen Wien verweilen. Und so bleibt mir jetzt nur noch Kaiser Franz Joseph I. zu zitieren: „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.“

© Gmeiner Verlag

Buchinformation:
Gerhard Loibelsberger, Alles Geld der Welt
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2686-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Alles Geld der Welt“:

Für den Gaumen:
Wie bereits erwähnt spielt die Kulinarik in Loibelsberger’s Büchern stets eine gewichtige Rolle. Oft wird bei einem ausgedehnten Mittagessen im Restaurant oder im Kaffeehaus diskutiert oder ermittelt. Und so erfährt man auch einiges über die Wiener Küche und die Gerichte der damaligen Zeit, so wird zum Beispiel ein Menü aus einer kräftigen Rindssuppe, faschiertem Rostbraten und Palatschinken serviert.

Zum Weiterhören:
Wer dem Wiener Walzer und der Musik der Strauß-Dynastie frönen möchte, hat alljährlich beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, das in alle Welt übertragen wird, die Möglichkeit dazu. Bald ist es wieder so weit und zeitlich und musikalisch passt dies perfekt zu dieser Lektüre. Der Walzerkönig Johann Strauß (Sohn) lebte von 1825 bis 1899 und feierte mit Orchesterwerken und Operetten große Erfolge, zum Beispiel in genau jenem Jahr 1873 mit „Wiener Blut“.

Zum Weiterlesen:
Gerhard Loibelsberger habe ich durch eine persönliche Empfehlung der Krimireihe um den gemütlichen, übergewichtigen Genussmenschen Joseph Maria Nechyba kennen- und schätzen gelernt, der in 6 Bänden (und zwei Kurzgeschichtenbänden) im Wien der Jahre 1903 bis 1918 ermittelt. Diese sind sehr amüsant, stellenweise ein wenig deftig und schlüpfrig, aber stets authentisch, unterhaltsam und spannend zu lesen. Wer also gerne historische Krimis liest und sein Herz ans wunderschöne Wien verloren hat, der kann mit diesen Bänden viel Freude haben. Ich würde jedoch unbedingt empfehlen, die Fälle in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Den Auftakt bilden „Die Naschmarkt-Morde“, in welchen man Nechyba und seine Aurelia kennenlernt und sofort ins Herz schließt.

Gerhard Loibelsberger, Die Naschmarkt-Morde
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-1006-2