Zwischen Gemeindebau und Opernball

Herbstzeit ist Schmökerzeit, d.h. die Zeit, in der ich gerne auch mal in umfangreichere, seitenstarke Romane abtauche. Und wenn dann auch noch der Schauplatz Wien lockt und die Handlung in einem Grand Hotel angesiedelt ist, dann ist meine Neugier ja ohnehin schon sofort geweckt. „Fabula rasa oder Die Königin des Grand Hotels“, der neue mehr als 550 Seiten starke Roman von Vea Kaiser kam für mich also genau zur rechten Zeit bzw. sehr gelegen.

Und die rasante Fabulierlust der gebürtigen Wienerin und Erfolgsautorin trägt einen dann auch durch eine wilde Lebensgeschichte, die vom Gemeindebau über Grandhotel und Opernball letztlich bis ins Gefängnis führt. Aber der Reihe nach:

Angelika Moser ist in einfachen Verhältnissen mit ihrer Mutter – ihres Zeichens Hausbesorgerin – in einem Wiener Gemeindebau aufgewachsen. Eine harte Schule, aber auch eine Schule fürs Leben. Angelika arbeitet sich hoch, macht eine Ausbildung zur Buchhalterin und bekommt schließlich einen begehrten und sicheren Job im Rechnungswesen eines Wiener Luxushotels.

„Vielleicht war das aber auch das Wesen eines Hotels: eine eigene Welt zu beherbergen, die sich von der äußeren abgrenzte. Die Anspannung vor Konferenzen, auf denen über das Schicksal ganzer Nationen entschieden wurde, brachte Fensterglas zum Vibrieren. Die Nervosität einer Hochzeitsgesellschaft ließ den Boden erzittern. Und wenn im Prater die Bäume blühten, sah man in den Gesichtern der Gäste überdurchschnittlich häufig jenen rosigen Glanz leidenschaftlicher Nächte. Spargel, Erdbeeren, Lilien, sogar das Schlagobers auf den Torten schien erregt.“ (S.54)

Eine neue, faszinierende und schillernde Welt, die sich hier plötzlich für die junge Frau öffnet. Zudem verliebt sie sich. Doch als sie plötzlich schwanger wird, ihre Beziehung in die Brüche geht und sie ihren Sohn allein großziehen muss und das Leben noch so manch anderen Schicksalsschlag für sie bereithält, gerät etwas ins Rutschen.

Denn als auf einmal auch noch ein kleiner finanzieller Engpass eintritt, nutzt sie das Vertrauen ihres Chefs und ihre Stellung im Hotel, um sich kurzfristig, heimlich etwas Geld abzuzweigen. Selbstverständlich nur ausnahmsweise und nur vorübergehend „geliehen“, um es später wieder zurückzuzahlen.
Doch die kleinen Ausnahmen beginnen sich zu häufen und Angelika driftet ab in den Strudel der Kriminalität. Ihr Leben gerät aus den Fugen.

„Die Vergesslichkeit ihrer Mutter hatte sie bisher für unsichtbar und daher besonders hinterlistig gehalten. Aber nun verstand Angelika: Die Vergesslichkeit ihrer Mutter war nicht unsichtbar. Sie hatte sie nur nicht sehen wollen.“ (S. 145)

Vea Kaisers Roman ist prall an Themen: da geht es um Mutterschaft ebenso wie um Herkunft und Klassenzugehörigkeit. Es geht um Armut und Reichtum, aber auch um die fortschreitende Demenz der Mutter und was dies für die nächsten Angehörigen bedeutet. Und da ist auch noch Ingi, Angelikas beste Freundin aus Jugendzeiten, die immer mehr dem Alkohol und den Drogen verfällt.

Kaiser erzählt, wie das Leben so spielen kann. Sie beschreibt Aufstieg und Fall und wie eine junge, einfache und kluge Frau, geblendet vom Glanz eines Luxushotels bzw. der High Society und dem sehnsüchtigen Wunsch des Dazugehörens auf die schiefe Bahn gerät.

„Der Opernball war keineswegs prächtig oder pompös, wenn man allein war: Es war ein einziges Gedränge. Es war ein albernes Herumstehen. Man blieb untereinander. Die Elite schloss sich in den Logen weg. Angelika war dabei und merkte: Sie war es noch immer nicht. Sie würde nie wirklich dabei sein. Sie wollte es auch gar nicht mehr.“ (S.485)

Im Roman besucht die Autorin Angelika Moser immer wieder im Gefängnis und lässt sich ihre Geschichte erzählen und mehrfach ertappt man sich beim Lesen, dass man dieser Frau, die sich nach Liebe sehnt und der das Leben wirklich mehr als einmal und in vielerlei Hinsicht übel mitspielt, trotz ihrer kriminellen Aktivitäten nur schwer böse sein kann.

Kaiser schreibt frech und rührend zugleich – mit viel Wiener Schmäh – lustig und doch auch immer wieder so, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. „Fabula rasa“ ist eine ernste, stellenweise tragische Geschichte, die jedoch mit soviel Verve, Witz und Leichtigkeit erzählt wird, dass man irgendwann schlicht nicht mehr weiß, ob man jetzt weinen oder lachen möchte.

„Ein Stoß eisfrischer Winterluft schlug ihnen gegen die erhitzten Gesichter.
„Nix über eine anständige Luftwatsche!“ “ (S.12)

Letztlich ist es ein wilder Ritt bzw. eine turbulente und opulente Geschichte über ein Wiener Hotel, eine Löwenmutter und darüber, dass Äpfel nicht weit vom Stamm fallen. Ich habe gelernt, was eine „Luftwatsche“ ist und Vea Kaiser hat mit Angelika Moser eine unvergessliche Hauptfigur geschaffen. Und wenn die beste Party bekanntlich nicht im festlich geschmückten Opernhaus, sondern erst am Würstelstand nach dem Opernball steigt, dann würde man sich dort jederzeit mit ihr auf eine Eitrige (alias Käsekrainer), eine Debreziner oder ein Fluchtachterl treffen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag Kiepenheuer & Witsch, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Vea Kaiser, Fabula rasa
oder die Königin des Grand Hotels
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05234-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Vea Kaisers „Fabula rasa“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch ist das Wiener Traditionshotel Frohner für eine ganz besondere, gehaltvolle Süßspeise bekannt:

„Vor dem Frohner standen die Touristen Schlange, um das Frohner-Krapferl zu kosten, eine mit Vanillecreme, Weichkrokant, Rumfrüchten und Karamell gefüllte, mit Schokolade überzogene Brandteigspezialität, die weltweit imitiert und doch nie erreicht wurde.“ (S.53)

Zum Weiterhören:
Vermutlich hat schon beim Titel dieses Blogbeitrags bei manchen im Kopf Wolfgang Ambros zu singen begonnen: Sein Lied „Die Blume aus dem Gemeindebau“ erschien 1977.

Zum Weiterklicken:
Und wer mehr über die Geschichte des Wiener Gemeindebaus erfahren möchte, der kann auf dem Wien-Geschichte-Wiki der Stadt Wien etwas darüber nachlesen.

Zum Weiterlesen:
Wer sich durch meine Kategorie „Die Welt erlesen“ stöbert, wird merken, dass Wien einer der Schauplätze ist, der mit am häufigsten vertreten ist. Es zieht mich einfach – auch literarisch – immer wieder dort hin. Und wenn wir schon bei der Kombination aus Wien und Gastronomie sind: Robert Seethalers Roman Das Café ohne Namen habe ich sehr gern gelesen.

Robert Seethaler, Das Café ohne Namen
Claassen
ISBN: 978-3-546-10032-8

Ein Kommentar zu „Zwischen Gemeindebau und Opernball

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