Von der ersten, großen und anderen Liebe

Daniela Engist hat mit „Lichte Horizonte“ einen wunderbaren Roman über Frauen und die Liebe in ihren unterschiedlichsten Facetten geschrieben. Bewegend, intelligent, erfahren und lebensweise weiß die Autorin genau, wovon sie schreibt und trifft mitten ins Herz.

„Vor allem das eine Chanson, in dem er erzählt, wie jemand aufsteht und geht und wortlos das ganze bisherige Leben zurücklässt, hat es ihm angetan.“

(S.8)

Schriftstellerin Anne ist seit mehr als zwanzig Jahren mit Alexander verheiratet, Mutter zweier Kinder und hat bereits viel erlebt, als sie plötzlich dem Künstler und Chansonnier Stéphane begegnet und von einem Moment auf den anderen aus der Bahn geworfen wird. Was ist das? Was macht die Attraktivität aus? Ist es richtig, diesen Gefühlen nachzugeben? Was ist eine Affäre? Wo und ab wann beginnt Untreue und Betrug? In Gedanken? Oder bereits bei erotischen Emails und Nachrichten? Einem Kuss? Wo verläuft die Grenze? Wieso verläuft ein Leben, so wie es verläuft? Warum erfüllen sich manche Lieben und manche nicht?

„Ich denke zurück an diesen Morgen und sehe, wie wir Seite an Seite in unsere Kaffeetassen schauen und übers Geschichtenerzählen in der Musik und in der Literatur sprechen, woher sie kommen, die Geschichten, was sie hervortreibt und herbeilockt, warum manche unausweichlich sind und manche nie erzählt werden.“

(S.13)

Viele Fragen, die sich Anne stellt und viele Erinnerungen, die über sie hereinbrechen. Sie blättert in Tagebüchern und Aufzeichnungen aus Jugendtagen, lässt gedanklich ihr Liebesleben Revue passieren: von den ersten Schwärmereien im Teenageralter, über die erste Liebe, die großen und kleine Gefühle, studentische Eskapaden, verpasste Gelegenheiten und erfüllende Momente. Sie erzählt ihr Leben als Frau und Liebende mit allen Höhen, Tiefen und Schattierungen – eine Entwicklung, die der Leser gespannt mit verfolgt und sich sicherlich in der einen oder anderen Szene selbst wieder erkennt und diese nachvollziehen kann.

Die Handlung spielt im Freiburg der Gegenwart, aber erzählt auch von der Studentenzeit in den 90er Jahren und einem Studienaufenthalt in England.
Stilsicher und treffend beschreibt die Autorin eine Zeit, in der man nicht ständig aufs Handy starrte und noch analoge Fotoapparate verwendete – als man noch überlegte, bevor man ein Bild schoss, die Aufnahme quasi plante, komponierte und erst im richtigen Moment und mit vollem Bewusstsein abdrückte. Eine Zeit, in welcher man Postkarten statt SMS oder Mails schrieb, ein Tagebuch führte und sich ein Herz aus Glas schenkte, das dann als Erinnerungsstück auf dem Dachboden landete.

Sie erzählt über die Ehe, Familie, Mutterschaft und Kompromisse, die man eingeht. Darüber sich in einer Beziehung anzunähern, gemeinsame Interessen zu entwickeln und über so manches hinwegzusehen.

„Wenn man sich für einen Partner entscheidet, bekommt man seine ganze Geschichte dazu. Und auf einmal spielt man eine Rolle in einem Theaterstück, für das man gar nicht vorgesprochen hat.“

(S.84)

Die Hauptfigur ist Literaturstudentin, später Schriftstellerin (wie Engist selbst) und man spürt die unbändige Liebe zur Literatur, zum Theater und zu Shakespeare – als Leser bewegt man sich daher als Literaturliebhaber und Buchmensch auf gewohntem und geschätztem Terrain.

Eine weitere große Stärke der Autorin ist ihr scharfes Auge für Details und kleine, alltägliche Szenen, die doch so viel davon offenbaren, was sich hinter den Kulissen einer Beziehung abspielt oder in einer Person vorgeht. Bei einigen Situationen meint man, sie genau so auch schon selbst erlebt zu haben und das macht den Roman ungemein stimmig, authentisch und glaubwürdig.

Auch die Entwicklung Annes vom unsicheren, schwärmerischen und ins Verliebtsein verliebten Teenager, über die Studentin, die noch nach ihrem Platz im Leben und dem Partner fürs Leben sucht, bis zur reifen Ehefrau und Mutter, die das Verlangen verspürt, als einzigartige Persönlichkeit und Frau gesehen und geliebt zu werden, ist großartig beschrieben.

Die Sprache Engist’s ist angenehm klar, unmittelbar, nie ausschweifend und lässt oft auf raffinierte und intelligente Weise auch viel zwischen den Zeilen anklingen. Sie lässt dem Leser Raum, Gedanken weiter zu spinnen und mit eigenen Erfahrungen zu vergleichen.

Daniela Engist hat einen intensiven, gefühlvollen, emotionalen und klugen Roman geschrieben, der eine schöne Art von Nostalgie weckt: nicht die angestaubte Variante, sondern eine auf Hochglanz polierte Nostalgie, die Lust macht, in eigenen Erinnerungen zu graben, das eine oder andere Erinnerungsstück hervorzuholen und sich selbst zurück zu erinnern, wie das früher war.

Vermutlich hätte ich den Roman mit Anfang Zwanzig noch nicht so sehr zu schätzen gewusst und genossen, wie das jetzt der Fall war, denn für mich hat man mit einer gewissen Reife und Lebenserfahrung mehr von der Lektüre und findet sich auch in den zeitlichen Beschreibungen und Anklängen der 90er Jahre eher wieder.

Die hochwertige, herrliche Aufmachung des Buches mit Halbleinen, Lesebändchen und einem stimmungsvollen Titelbild, welche der Kroener Verlag für diesen Band aus der Edition Klöpfer gestaltet hat, lässt zudem das Herz jedes bibliophilen Menschen höher schlagen.

Ein wunderbarer Roman über die Sehnsucht, sich selbst und das Leben zu spüren und es intensiv zu genießen. Darüber, dass manchmal kurze Augenblicke und Kleinigkeiten darüber entscheiden, ob das Leben eine entscheidende Wendung nimmt oder nicht. Aber auch darüber, was eine gute Partnerschaft ausmachen sollte und dass es sich trotz Annäherung lohnt, sich selbst treu und authentisch zu bleiben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kroener Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Daniela Engist, Lichte Horizonte
Kroener
ISBN: 978-3-520-75001-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Lichte Horizonte“:

Für den Gaumen:
Bei der Verpflegung bin ich bei etwas typisch Englischem hängen geblieben: Am Strand gibt es Sandwiches:

„Brotdreiecke gefüllt mit Krabben in Mayonnaise, Schinken, Cheddarkäse, Gurken und Tomatenscheiben, und überall quillt geschnittener Salat heraus.“

(S.77)

Zum Weiterschauen (I):
Im Roman bereist die Studentin Anne England und unter anderem auch den Landstrich, in welchem die Jane Austen-Verfilmung von „Sense and Sensibility“ mit Hugh Grant gedreht wurde. Das war tatsächlich schon im Jahr 1995 – das ist sage und schreibe 26 Jahre her – das Filmplakat zeigt neben einem jugendlichen Hugh Grant auch eine sehr junge Kate Winslet und Emma Thompson, die für ihre Drehbuchadaption den Oscar bekam.

Zum Weiterschauen (II):
Mich hat das Bild auf dem Titel sofort fasziniert: eine Strandszene – ein Paar, die Dame hat den Sonnenhut tief ins Gesicht gezogen, der Mann kniet daneben – das Meer und der (lichte) Horizont im Hintergrund. Ich wollte sofort wissen, wer der Künstler des Gemäldes ist: Alex Colville (1920-2013) – ein kanadischer Maler, dessen Werk „Couple on the beach“ aus dem Jahr 1957 in der National Gallery of Canada in Ottawa zu sehen ist.

Zum Weiterlesen:
Anne studiert Literatur und liebt Shakespeare – ein Stück, das im Roman mehrfach eine Rolle spielt ist William Shakespeare’s „A Midsummer Night’s Dream“. Ein absoluter Klassiker und ein Lieblingsstück, an dem ich persönlich auch immer wieder große Freude habe und nie die Lust verliere:

William Shakespeare, Ein Sommernachtstraum – Zweisprachige Ausgabe
Deutsch von Frank Günther
dtv Literatur
ISBN: 978-3-423-12480-5

Dänisches Frauenleben

Heute führt mich meine literarische Europareise oder Europabowle nach Dänemark – in die wunderschöne Hauptstadt Kopenhagen. Doch der Star in Tove Ditlevsen’s Kopenhagen-Trilogie ist nicht die Stadt, sondern vielmehr die Autorin selbst. In den drei Bänden „Kindheit“, „Jugend“ und „Abhängigkeit“, die zwischen 1967 und 1971 entstanden sind und jetzt in einer großartigen Übersetzung von Ursel Allenstein neu erschienen sind, schreibt Ditlevsen autobiographisch über ihr Leben als Mädchen, Frau, Mutter, Autorin und Suchtkranke.

Tove wächst im Kopenhagen der 1920er Jahre in einem ärmlichen Arbeiterviertel auf und schon bald ist es ihr sehnlichster Wunsch, Dichterin zu werden. Doch ihr Vater macht ihr unmissverständlich klar, sich diese Flausen aus dem Kopf zu schlagen: „Ein Mädchen kann nicht Dichter werden.“ (S.24)

„Ich schwor mir, nie wieder jemand anderem meine Träume zu verraten und hielt mich meine ganze Kindheit über daran.“


(aus Tove Ditlevsen „Kindheit“, S.25)

Ihre Kindheit ist geprägt von einem Umfeld der Armut, der Arbeitslosigkeit des Vaters, Alkoholismus in der Familie und Krankheit. Selbst erkrankt sie an Diphtherie und muss monatelang im Krankenhaus liegen. Früh kommt sie auch mit dem Tod in Berührung, als sie ihre geliebte Großmutter verliert.

„Oh, Großmama, nie mehr wirst du mich singen hören. Nie mehr wirst du mir echte Butter aufs Brot schmieren, und alles, was du mir nicht über dein Leben erzählt hast, wird jetzt nie mehr verraten werden.“


(aus Tove Ditlevsen „Kindheit“, S.84)

Freundschaften kommen und gehen, die Eltern streiten viel und so sucht das Mädchen häufig Trost in der Literatur, liest gerne und beginnt selbst zu schreiben. Worte können Trost spenden, ihre Gedichte sind ihre Kraftquelle und geben ihr Selbstbewusstsein – der Traum Schriftstellerin zu werden ist ungebrochen.

„Von Leben und Erinnerungen überschwemmt, blickte ich zur Mauer des Vorderhauses auf, dieser Klagemauer meiner Kindheit, hinter der Menschen speisten und schliefen und sich stritten und schlugen.“


(aus Tove Ditlevsen „Jugend“, S.16)

Im zweiten Band „Jugend“ beschreibt Tove Ditlevsen ihren Aufbruch in ein selbstständiges Leben. Sie beendet die Schule, beginnt zu arbeiten, geht aus, lernt Männer kennen. Bald auch einen deutlich älteren Mann, der sich für ihre Gedichte interessiert und sie fördert. Aus den Zeilen der Autorin sprüht ihre Kraft, ihre Eigensinnigkeit und das Ungestüme, Unangepasste. Immer wieder bringt sie sich selbst in Schwierigkeiten und nicht immer nimmt sie den direkten, einfachen Weg.
Der rote Faden in ihrem Leben ist und bleibt jedoch die ungezügelte Liebe zur Literatur, der Drang zu schreiben und eines Tages auch zu veröffentlichen.

Der dritte Band „Abhängigkeit“ offenbart die große Verletzlichkeit Tove Ditlevsens, ihre Schwächen und beschreibt eine dunkle, schwere Phase ihres Lebens. Denn während in den 40er Jahren der zweite Weltkrieg seinen Schatten auf die Welt und somit auch auf Dänemark wirft, durchlebt Ditlevsen Mutterschaft, Ehekrisen, Verluste und driftet immer mehr in eine schwere Suchterkrankung ab. Mit geradezu schmerzlicher Ehrlichkeit und Direktheit beschreibt sie viele Jahre später diese schwierige Zeit in ihrem Leben. Dramatisch und traurig – eine schmerzhafte Lektüre, die aufrüttelt.

Drei schmale, feine Bände, die vor allem durch ihre unmittelbare und eindringliche Sprache faszinieren und berühren. Tove Ditlevsen schreibt mit einer immensen Intensität, so dass man beim Lesen geradezu den Eindruck bekommt, sie sitze direkt wie eine gute Freundin neben einem und erzählt ihre Geschichte bei einer Tasse Kaffee.

Vor allem der letzte Band ist aufwühlend und schmerzlich, denn es tut weh durch die schonungslos ehrliche Schilderung der Autorin so hautnah miterleben zu müssen, wie sie ihr Abrutschen in die Sucht und Medikamentenabhängigkeit beschreibt. Man fühlt sich hilflos und traurig auch in dem Wissen, dass sich Ditlevsen später im Alter von nur 58 Jahren das Leben nahm.

Hinterlassen hat sie ihren Leserinnen und Lesern ein autobiographisches Werk in einer außergewöhnlichen Sprache, die zu Herzen geht und berührt – wunderbar übersetzt von Ursel Allenstein. Große Literatur aus Dänemark, die auch nach 50 Jahren nichts an Aktualität eingebüßt hat und absolut zeitlos ist.

Buchinformationen:

Tove Ditlevsen, Kindheit
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03868-7

© Aufbau Verlag

Tove Ditlevsen, Jugend
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03869-4

© Aufbau Verlag

Tove Ditlevsen, Abhängigkeit
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03870-0

© Aufbau Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Tove Ditlevsen’s Kopenhagen-Trilogie:

Für den Gaumen:
Typisch für Dänemark ist bekanntlich Smørrebrød, d.h. ein reich belegtes Butterbrot. In einem der Bücher gibt es Schnittchen mit „Ramona“, wohl ein Möhrenaufstrich. Eine kurze Internetrecherche dazu blieb aber ergebnislos.

Zum Weiterschauen oder für einen Museumsbesuch:
In der Münchner Glyptothek findet (so bald wie möglich) und bis zum 25.07.2021 die Ausstellung „Bertel Thorvaldsen und Ludwig I.“ statt, welche die deutsch-dänische Freundschaft der beiden und das Werk des dänischen Bildhauers im Besonderen in den Mittelpunkt stellt. Hoffen wir, dass die Ausstellung noch ausreichend von Besuchern gewürdigt werden kann, sobald die Museen wieder öffnen dürfen.

Zum Weiterlesen:
Dänemark hat bisher drei Literaturnobelpreisträger vorzuweisen: Karl Gjellerup, Henrik Pontoppidan und Johannes Vilhelm Jensen – mit ihrem Werk bin ich bisher noch nicht in Berührung gekommen.
Vielmehr denke ich bei Dänemark neben Hans Christian Andersen, Søren Kierkegaard, Karen Blixen, Bjarne Reuter und Janne Teller unter anderem an Peter Høeg („Fräulein Smillas Gespür für Schnee“) oder in letzter Zeit auch an die gelungenen Kopenhagen-Krimis von Katrine Engberg („Krokodilwächter“ ist der erste Band der Reihe).

Daher für alle, die es spannend mögen:

Peter Høeg, Fräulein Smillas Gespür für Schnee
Übersetzt von: Monika Wesemann
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-23701-0

Katrine Engberg, Krokodilwächter
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg
Diogenes
ISBN: 978-3-257-24480-9