Stachlige Alltagsblüten

Auf Katharina Adler’s zweiten Roman „Iglhaut“ war ich sehr gespannt, denn schon die Vorschauen hatten mich neugierig auf diese besondere Frau mit dem ungewöhnlichen Namen im Zentrum des Romans gemacht. Während der Lektüre hat mich die Schreinerin in der Münchner Hinterhofwerkstatt – gemeinsam mit den Menschen um sie herum – endgültig für sich eingenommen. Eine großartige, literarische Figur mit Ecken, Kanten und verborgenen Seiten, die Schritt für Schritt – wie beim Hobeln und Schleifen eines Stücks Holz – zum Vorschein kommen und nach dem Polieren zu glänzen beginnen.

„Leicht waren die Ferientage nicht für sie gewesen, alleinstehend unter Familien, Mittvierzigerin unter Pensionisten, Schattenfreundin unter Sonnenbränden, eine, die ein Buch las zwischen lauter Telefonen.“

(S.10)

Das ist Iglhaut – eine Frau in den Vierzigern, alleinstehend mit einem Hund, der Kanzlerin heißt und die im Hinterhof eines Münchner Mietshauses eine kleine Schreinerwerkstatt betreibt. Dort hat sie auch an den Lebensschicksalen ihrer Nachbarschaft – mal mehr, mal weniger freiwillig, aber immer unmittelbar – Anteil. Das Leben hat nicht nur ihren Nachbarn, sondern auch ihr selbst bereits ein paar Narben zugefügt. Als Scheidungskind bewegt sie sich ständig im psychologischen Minenfeld zwischen den getrennten Eltern und auch selbst konnte sie ihre bisherigen Liebesbeziehungen nicht aufrecht erhalten.

„Sie hatte sich noch nicht gesetzt, noch kein Getränk, noch kein Stück von der Käseplatte auf dem Esstisch genommen, da war sie nicht mehr Tochter, sondern Botschafterin in einem autokratischen Land, zur Rechtfertigung einbestellt. Ihre diplomatische Seite war gefordert. Umsichtig gewählte Worte, vielsagendes Schweigen und abwägendes Nicken zur rechten Zeit.“

(S.69)

Und so lernen wir nicht nur Iglhaut, sondern auch ihre Eltern – den überfürsorglichen Vater und eine esoterische Mutter – und ihre Nachbarschaft kennen.

Zwischen Münchner Mietshaus, ägyptischem Luxushotel und der Notfallambulanz entwickelt Katharina Adler Menschen, Lebensschicksale und Episoden, wie mitten aus dem Leben gegriffen. Der ganz normale Wahnsinn des täglichen Lebens in all seiner Buntheit, mit all seinen Facetten, Formen und Farben: Alltagsblüten.

Da ist die Klosterschwester Amalburga, die als Kundin eine Statue zur überzeugten Atheistin Iglhaut zur Restaurierung bringt und die so gerne einen Caffè Doppio im Café Alighieri um die Ecke trinkt oder der Pfleger Ronnie, der auf die medizinische Wirkung von Marihuana schwört. Oder die Mutter des Griechen um die Ecke, die so gerne auf ein Metallica-Konzert gehen würde und im Mietshaus das häufig lautstark streitende Ehepaar, die Schriftstellerin mit Schreibblockade, die mit ihrem zweiten Roman kämpft.

Da gibt es All Inclusive-Urlaub, Hochzeiten von Ex-Freunden, Rassismus, Flüchtlingsschicksale, Hausgeburten, Zahnarztbesuche, häusliche Gewalt und Geburtstagsfeiern – das Leben mit Höhen und Tiefen, Freude und Schmerz, Liebe und Leid.

Adler ist eine aufmerksame Beobachterin und trifft mit schlafwandlerischer Sicherheit und scheinbar mühelos den richtigen Tonfall. Viele Sätze treffen punktgenau ins Schwarze und sprechen einem geradezu aus der Seele. Sie hält der Gesellschaft und den Menschen den Spiegel vor und oft denkt man: Ja, genau so ist es. Genau so.

Sowohl von der Sprache der Autorin, die in München geboren wurde und jetzt nach Stationen in Leipzig und Berlin auch wieder dort lebt, als auch von den liebevoll gezeichneten Figuren war ich wirklich begeistert. Sarkastisch-zynisch schreibt sich Katharina Adler, deren Debütroman „Ida“ ich bisher noch nicht gelesen habe, was ich vermutlich aber bald ändern sollte, Seite um Seite mehr in mein Leserherz und überzeugt mich durch Stil, Wahrhaftigkeit und Authentizität.

„War sie, die Iglhaut, authentisch, weil sie nur zweimal in ihrem Leben umgezogen war?“

(S.91)

Iglhaut ist mir von Seite zu Seite mehr ans Herz gewachsen und für mich hätte das Buch gerne noch etwas länger als die 280 Seiten sein dürfen – so manche Figur oder Geschichte hätte sich noch gelohnt, näher beleuchtet und ausführlicher erzählt zu werden.

Ein tiefgründiger und zugleich witziger Roman mit ganz eigenem Charme und einem Zauber, der sich schwer in Worte fassen lässt: so stachlig, unkonventionell und direkt wie seine Hauptfigur – ein Buch so bunt wie das Leben!

„Ach, dachte die Iglhaut, nur ein paar Nächte in Frieden, mehr Wohlwollen und weniger Zahnschmerz und Zorn. Das wäre ein Leben. Und wenn sich dann noch vormalige Erlöser selber zur Wurmkur chauffierten. Mehr Paradies brauchte sie eigentlich nicht.“

(S.113)

Buchinformation:
Katharina Adler, Iglhaut
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00256-5

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Katharina Adler’s „Iglhaut“:

Für den Gaumen (I):
Schon der Klappentext verrät, dass Iglhaut eine Schwäche für Whiskey-Cocktails hat und zwar genaugenommen vor allem für den sogenannten „Old Fashioned“. Die Zutaten hierfür sind Whiskey, Zuckersirup, Bitter, Orangenzeste und natürlich Eis – ob Wasser reingehört oder nicht, da scheiden sich wohl die Geister.

Für den Gaumen (II):
Iglhaut’s Vater lebt seine Fürsorge gerne durch Bekochen und umfangreiche Verpflegungspakete aus:

„Der Vater konnte sich jetzt doch an seiner Tochter freuen. Das erste Stück Lasagne hatte sie fast verzehrt, nahm sich schon das zweite. Ob die Kinder fünf, fünfzehn oder fünfundvierzig waren, ein gesunder Appetit beruhigte die Elternseele. Solange der Nachwuchs aß, war noch nicht alles verloren.“

(S.40/41)

Zum Weiterlesen (I):
Schon bei den Worten „Münchner Schreinerwerkstatt im Hinterhof“ musste ich sofort an Meister Eder und seinen Pumuckl denken und es schossen mir Bilder von Gustl Bayrhammer hinter dem großen Glasfenster in seiner Hinterhofwerkstatt durch den Kopf. Ob die Fernsehserie des bayerischen Rundfunks aus den 80er Jahren, die Schallplatten oder die Bücher selbst: Pumuckl ist Teil meiner Kindheit.
Um so größer war dann die Freude, als ich doch tatsächlich bei der Lektüre von „Iglhaut“ auch noch eine kleine (ob bewusst oder unbewusst, kann ich nicht beurteilen) Hommage an die liebgewonnenen Figuren aus meiner Kindheit entdeckt habe:

„Einsam sitz ich in der Schaukel. Die Welt ist traurig und voll Gaukel. Ganz und gar, mögen andere dick und satt sein, ich will nichts vom Späneschwein.“
Während sie die Sätze aufsagte, sah sie so aufrichtig verwundert aus, da ging der Iglhaut das Herz schon wieder ein bisschen auf. „Kästner?“, tippte sie.
Jasmina schnippte die Späne weg. Sie lese prinzipiell nur Autor*innen, die sich als weiblich bezeichneten. Kaut sei das gewesen.“

(S.141)

Ellis Kaut, Meister Eder und sein Pumuckl
Franckh Kosmos Verlag
ISBN: 978-3440148204

Zum Weiterlesen (II):
Ein weiterer wunderbarer Roman, den ich vor einigen Jahren gelesen habe, ging mir während der Lektüre auch immer wieder durch den Kopf. Wer Gefallen an „Iglhaut“ findet, könnte sicherlich auch an „Die Eleganz des Igels“ der französischen Autorin Muriel Barbery seine Freude haben, denn auch die Pariser Concierge Renée ist eine außergewöhnliche Figur, die man nicht so schnell vergisst.

Muriel Barbery, Die Eleganz des Igels
Aus dem Französischen von Gabriela Zehnder
dtv
ISBN: 978-3-423-13814-7

Kreislauf des Lebens

Im Sommer hatte ich hier auf der Kulturbowle bereits Sigrid Undset’s (1882 – 1949) nobelpreisgekrönten Auftakt ihrer Kristin Lavranstochter-Trilogie vorgestellt: nach „Der Kranz“ (Kransen) folgt nun „Kristin Lavranstochter – die Frau“ (Husfrue), welches 1921 erschienen ist. Meine Neugier war durch den ersten Band geweckt und so habe ich mich gefreut, dass ich meine Lektüre jetzt in der wunderbaren und zeitgemäßen Neuübersetzung von Gabriele Haefs fortsetzen konnte. Denn schließlich wollte ich wissen, wie sich die Geschichte um Kristin und Erlend weiterentwickelt.

Sigrid Undset gelingt es erneut auf unnachahmliche Art und Weise, mich sofort in die Geschichte hineinzuziehen. Norwegischer Winter, klirrende Kälte – grandiose Naturschilderungen und detailgenaue Beschreibungen der Stimmung – zwei Seiten und ich bin mitten im Geschehen, sehe die Landschaft und die Figuren buchstäblich vor mir. Charlotte Gyth – die Mutter der Autorin – war Aquarellmalerin. Offenbar hat sie den Blick fürs Detail an die Tochter weitergegeben, die mit wenigen Worten gleich einem Pinselstrich ein eindrucksvolles Bild für ihre Leser zeichnet.

Nach der Trauung mit Erlend zieht Kristin zu ihm auf seinen Hof Husaby. Dass sie zum Zeitpunkt der Eheschließung bereits schwanger war, hat sie verheimlicht und sie trägt schwer an dieser Last. Und auch der Start in Husaby ist alles andere als einfach: sie findet einen verwahrlosten und heruntergekommenen Hof vor, den Erlend sträflich vernachlässigt hatte, und macht sich zunächst daran, aufzuräumen und das Vertrauen des Personals zu gewinnen. Sie versucht, durch einen Bußgang nach Nidaros ihr Gewissen zu erleichtern, sucht Trost und Kraft in Gesprächen mit dem Geistlichen Gunnulf – Erlend’s Bruder – und im Glauben.

Fernab von ihrer Familie – und vor allem getrennt von ihrem geliebten Vater – muss sie ihre Frau stehen: sie wird mehrfache Mutter, durchleidet schwere Geburten und ihr Gatte lässt sie – verwickelt in politische Intrigen und Machtspiele – immer mehr allein. Auch das komplizierte Familiengeflecht – heute würde man dies wohl als Patchworkfamilie bezeichnen – und das Verhältnis zu Erlend’s Kindern aus einer anderen Beziehung vor ihrer Ehe sorgen für Konflikte.

„Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht die Messe hört. Und Sira Eiliv, unser Priester, den du gesehen hast, der liest uns aus frommen Büchern vor – das mag er am liebsten, gleich nach Leckereien und Bier, das Vorlesen, meine ich. Und die armen Leute kommen zu Kristin, wenn sie Rat und Hilfe suchen – ich glaube, sie küssen sogar die Zipfel ihres Gewandes (…)“

(S.164)

Religion, Glaube und Katholizismus spielten in Sigrid Undset’s Leben und auch in ihrem Werk eine große Rolle. Auch in diesem zweiten Band bekommt dieser Aspekt zunehmend Gewicht. So nimmt Gunnulf, der Bruder Erlends, Priester und Mönch, mehr Raum in der Erzählung ein und auch das Motiv des Pilgerns bzw. des Bußgang’s nach Nidaros (im heutigen Trondheim) wirft sicherlich bereits Schatten auf den letzten Band der Trilogie: „Das Kreuz“ (Korset) voraus.

„Tief in ihrem Herzen ahnte Kristin, warum ihr Vater sich solche Mühe gab, um Gott nah und immer näher zu kommen. Aber sie wagte nicht, sich diese Gedanken wirklich bewusst zu machen. Sie wollte sich auch nicht eingestehen, dass sie sehen konnte, wie sehr sich der Vater verändert hatte.“

(S.304)

Undset behandelt in diesem Band die ganz großen Themen des Menschseins, gleichsam den Kreislauf des Lebens: Geburt und Tod, Werden und Vergehen, Liebe zu den Eltern, zum Partner, zu den Kindern. Kristin reift zur Frau, wird vielfache Mutter und muss sich von der ungestümen Wildheit der Jugend, der Unbekümmertheit und unüberlegten Entscheidungen verabschieden. Sie muss Verantwortung für sich, ihr Leben und ihre Kinder übernehmen und doch flackert in den Auseinandersetzungen mit Erlend auch das Feuer und das Temperament der jungen Tage wieder auf. Sie durchleidet die Schmerzen der Geburt ebenso wie sie sich leidvoll von geliebten Menschen verabschieden muss.

Sigrid Undset ist eine Meisterin der Atmosphäre und sie erforscht die Gefühlswelt ihrer Figuren mit einer Tiefgründigkeit und Genauigkeit, die ihresgleichen sucht. Sie hat die besondere Gabe, Emotionen unmittelbar in Bilder aus der Natur zu übertragen. Gefühle und Natur verschmelzen und werden eins:

„Als sie ihn damals kennengelernt hatte, war das Leben für sie wie ein reißender Fluss geworden, der über Stock und Stein strömte. In diesen Jahren auf Husaby hatte sich das Leben ausgebreitet, hatte weit und geräumig wie ein See dagelegen und alles um sie herum gespiegelt.“

(S.446)

Ein reifes und gesetztes Werk, das die Autorin im Alter von gerade einmal 39 Jahren veröffentlicht hat. Ein Roman über elementare und archaische Themen: Leben und Tod, Geburt und Sterben, Schuld und Sühne, Untreue und Eifersucht, Glaube und Liebe, Familienbande und Muttergefühle. Undset zeichnet authentische Menschen mit allen Stärken und Schwächen. Das ruhige Tempo und ihre großartige Erzählkunst, die ohne jede Effekthascherei auskommt, lassen die Lektüre zu einem intensiven, wehmütigen und lebensklugen Leseerlebnis werden.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Die Frau
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62201-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Sigrid Undset’s „Kristin Lavranstochter – Die Frau“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch werde ich leider mit den norwegischen Spezialitäten des Mittelalters nicht so recht warm. Folgendes, geschilderte Festmahl überlasse ich daher gerne Kristin und ihrem Priester und Beichtvater Sira Eiliv, denn es gibt:

„(…) einen Spieß mit jungen Schneehühnern im feinen Speckmantel oder ein Gericht aus Rentierzungen in französischem Wein und Honig“

(S.193)

Zum Weiterlesen (I) bzw. vorher lesen:
Es lohnt sich unbedingt, den ersten Band „Kristin Lavranstochter – Der Kranz“ vorweg zu lesen, denn die Geschichte baut aufeinander auf und knüpft nahtlos an. Wer also dabei sein möchte, wenn sich Erlend und Kristin verlieben und die Hintergründe der Familiensaga verstehen möchte, dem sei der Auftakt der Reihe wärmstens ans Herz gelegt:

Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Der Kranz
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62101-6

Zum Weiterlesen (II):
Der dritte und letzte Band von Sigrid Undset’s preisgekrönter Trilogie „Kristin Lavranstochter – Das Kreuz“ erscheint im Frühjahr im Kröner Verlag und Gabriele Haefs hat somit ihre Neuübersetzung dieses Werks vervollständigt. Man darf sich also aufs Frühjahr freuen und die Wartezeit ist überschaubar:

Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Das Kreuz
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62301-0

Poesiealbumzauber

Pascale Hugues blätterte durch ihr Poesiealbum, in welchem sich 1968 ihre Straßburger Klassenkameradinnen verewigten und die Idee zu ihrem neuen, wunderbaren Buch „Mädchenschule – Porträt einer Frauengeneration“ war geboren. Was ist aus diesen zwölf Mädchen, die damals in Pascale’s Poesiealbum bescheidene, süße und fromme Verse schrieben sowie Blumen- und Glitzerbilder einklebten, geworden?

Anhand der Lebensgeschichten ihrer Schulkameradinnen – geboren in den Jahren 1958 bis 1960 – fächert die französische Journalistin, die seit vielen Jahren als Deutschlandkorrespondentin für das Nachrichtenmagazin Le Point in Berlin arbeitet und auch Kolumnen für den Tagesspiegel schreibt, das Bild einer ganzen Generation auf. Den Krieg kannten sie nur aus Erzählungen, für die Revolution 1968 waren sie selbst noch zu jung und so profitierten sie in hohem Maße von neuen Errungenschaften und Rechten, welche ihre Großmütter und Mütter für sie erkämpft hatten. Sie entwickelten sich vom „braven Mädchen aus dem Poesiealbum“ zu starken und selbstständigen Frauen, die mitten im Leben stehen.

„Wir ritten auf einer steilen Diagonale immer höheren Gipfeln zu. Um uns herum stieg alles an: die Geburtenrate, die Lebenserwartung, das Wirtschaftswachstum, die Industrieproduktion, die Abiturientenzahl, das Einkommen, das Kindergeld, die Renten, der gesetzlich garantierte Mindestlohn, der am ersten Juni 1968 einen Sprung von fünfunddreißig Prozent machte, der Lebensstandard, die Kaufkraft, der Konsumentenverbrauch, die Länge des bezahlten Urlaubs und die unserer Sommerferien, die zehn Wochen dauerten.“

(S.33)

Als Pascale Hugues ein Klassentreffen organisiert und die meisten ihrer Klassenkameradinnen zum ersten Mal seit der Schulzeit wieder sieht, um ihr literarisches Projekt in die Tat umzusetzen, herrscht zunächst Skepsis: Werden sie sich wieder erkennen? Was hat man sich nach all der Zeit zu sagen? Wird es mehr sein als das übliche „mein Haus, mein Auto, mein Mann, meine Kinder…“ oder das gemeinsame Schwelgen in Streichen und Anekdoten aus der Schulzeit? Und sind ihre vermeintlich alltäglichen Lebensläufe es wirklich wert und substanziell genug, um in einem Buch erzählt zu werden?

„Verändert man sich während eines Lebens? Es scheint mir, es gibt eine unwandelbare Essenz, einen inneren Wesenskern, dem weder die verflossenen Jahre noch die unterwegs angesammelten Erfahrungen etwas anhaben können.“

(S.47)

Schnell stellt sich heraus, dass es hochspannend ist, sich die Lebensgeschichten der Frauen anzuhören und aufzuschreiben – und für den Leser, diese zu verfolgen. Die Frauen öffnen sich gegenüber der Autorin und sie merkt, dass viele Eigenschaften und Anlagen, die bereits in der Kindheit vorhanden waren, sich wie ein roter Faden durch ihre Lebensläufe ziehen. Manches überrascht, manches nicht und doch zeichnen diese Erzählungen der Frauen über ihre Kindheit, schulische Ausbildung, Berufswahl, Liebesgeschichten und Eheschließungen, Mutterschaft und das Jonglieren zwischen Familie und Beruf ein umfassendes Bild einer ganzen Generation.

„Wir sind Zeugen der wiederkehrenden Moden und Epochen. Amüsiert beobachten wir, wie all diese Gesten aus unserer Kindheit wie ein Bumerang zurückkehren. Ein eigentümlicher Eindruck von Déjà-vu. Recycling, Kompostierung, eingekochtes Obst und hausgemachte Marmelade, Tausch, Do-it-yourself, die Kunst des Umgangs mit Resten, Servietten und Taschentücher aus Stoff, waschbare Windeln und weißer Essig zum Putzen des Waschbeckens. Sogar das Stricken ist zurück. Unsere Mütter und Großmütter waren Pionierinnen, ohne es zu wissen.“

(S.287/288)

Doch das Buch ist noch so viel mehr als lediglich eine Geschichte der Frau seit den 60er oder 70er Jahren: es erzählt auch die wechselvolle Entwicklung des Elsass – das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland. So durfte ich zum Beispiel lernen, dass ein Poesiealbum als deutsches Kulturgut galt und in Frankreich eher verpönt war – ein Geschenk der deutschen Großmutter in Erinnerung ihrer Wurzeln an die kleine Pascale, die sich damals der Tragweite dieser Geste noch gar nicht bewusst war.

Man erfährt aber auch vieles über das Schicksal der Gastarbeiter, die fernab ihrer Heimat im Elsass ein neues Leben beginnen mussten. Es ist ein Buch über Armut und teils fehlende Chancengleichheit – ein Buch über herausragende Pädagogen und prägende Lehrerpersönlichkeiten, die rückläufige Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft, über Klassenunterschiede, über schwierige Familienverhältnisse – Scheidung der Eltern, Alkoholismus, Depression.

All das bringt die Autorin in ihrem Buch über zwölf Frauenleben, die voller Menschlichkeit, Respekt und Herzenswärme erzählt sind, auf gerade einmal 300 Seiten unter. Ein wunderschönes und kluges Stück Literatur, das mich mitten ins Herz getroffen hat und von dem ich glaube, dass viele sich darin – unabhängig von Alter oder Herkunft – mit gewissen Aspekten identifizieren oder ihre Omas, Mamas, Tanten oder gar sich selbst wiederfinden werden.

Pascale Hugues hat ein großartiges, faszinierendes und warmherziges Buch geschrieben, das zeigt, dass in jedem Menschen eine spannende Geschichte steckt, die es sich zu erzählen lohnt und wir alle Kinder unserer jeweiligen Zeit sind. Meisterhaft verknüpft sie die besondere deutsch-französische Situation des Elsass damit, wie sich die Rolle und das Bild der Frau in ihrer eigenen Generation und der ihrer Mutter gewandelt hat. All das ist so mitreißend erzählt und wunderbar mit viel Liebe zum Detail beschrieben, dass man dieses Buch einfach lieben muss. Für mich ganz klar eines der Leseglanzlichter in diesem Bücherjahr 2021!

Eine weitere Besprechung gibt es auf Deutschlandfunk Kultur.

Buchinformation:
Pascale Hugues, Mädchenschule – Porträt einer Frauengeneration
Aus dem Französischen von Lis Künzli
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00271-8

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Pascal Hugues’ „Mädchenschule“:

Für den Gaumen:
Die Gerichte, an welche wir uns aus unserer Kindheit erinnern, sind oft die guten, einfachen Dinge – hier im Buch ist es zum Beispiel der französische Quatre-Quarts-Kuchen. Der Name kommt daher, dass die vier Zutaten jeweils das selbe Gewicht haben: Eier (mit Schale), Mehl, Zucker und Butter. Für Pascale’s Freundin Françoise’s Geburtstag wurde von ihrer Mutter stets ein solcher gebacken „mit elfenbeinfarbener Kirschglasur und Kerzen darauf“ (S.74).

Zum Weiterstöbern:
Was spricht gegen ein bisschen Nostalgie? Mich inspirierte der Roman, mein eigenes Poesiealbum wieder einmal zur Hand zu nehmen und darin zu blättern. Schön, wie man sich dann wieder an Freundinnen und Freunde, Wegbegleiter und Menschen erinnert, die einem etwas bedeutet haben.

Zum Weiterlesen (I):
Pascale Hugues hat mit ihrem ersten Buch „Marthe und Mathilde“ 2008 bereits ihren beiden Großmüttern ein literarisches Denkmal gesetzt. Auch hier geht es um die besondere Situation im Elsass und so ist es nicht verwunderlich, dass der Untertitel „Eine Familie zwischen Frankreich und Deutschland“ lautet. Nach meiner Lektüre von „Mädchenschule“ ist „Marthe und Mathilde“, das ich noch nicht kenne, gleich auf meine gedankliche Leseliste gewandert.

Pascale Hugues, Marthe und Mathilde
Aus dem Französischen von Lis Künzli
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-62415-5

Zum Weiterlesen (II):
Auch im November letzten Jahres war es ein Buch aus Frankreich, das mich mit seiner Herzenswärme im Sturm erobert hat: Jacky Durand’s liebenswürdiger Roman „Die Rezepte meines Vaters“, das ich damals auf der Kulturbowle vorgestellt habe.

Jacky Durand, Die Rezepte meines Vaters
Aus dem Französischen von Ina Kronenberger
Kindler
ISBN: 978-3-463-00008-4

Tanzende Legende

Isadora Duncan – eine rebellische, starke und außergewöhnliche Frau und Künstlerpersönlichkeit mit einer Lebensgeschichte, die wie kaum eine andere von extremen, nahezu unbeschreiblichen Höhe- und Tiefpunkten geprägt ist. Auch bei der Lektüre der Biografie „Lasst uns tanzen und Champagner trinken – trotz alledem!“ nimmt Michaela Karl die Leserschaft mit auf eine Reise durch ein Wechselbad der Gefühle und lässt sie an umjubelten Erfolgen ebenso teilhaben, wie an unfassbaren Schicksalsschlägen und beschreibt das bewegte Leben der berühmtesten Tänzerin ihrer Zeit, die unter anderem auch durch ihren frühen und tragischen Tod endgültig zur Legende wurde.

„Ich wurde am Meeresstrand geboren, und wunderbarerweise haben sich fast alle wichtigen Ereignisse meines Lebens am Meer abgespielt. Dem Rhythmus der Wellen, der Harmonie des Meeres habe ich wohl auch den ersten Impuls zu meinen Tanzbewegungen zu verdanken.“

(S.30; aus Isadora Duncan: Memoiren, Frankfurt a.M. 1988, S.11)

Isadora Duncan wurde 1877 in den USA in San Francisco geboren.
Schon die Kindheit war geprägt von Phasen der Armut und doch liegen auch die kreativen, musikalischen und tänzerischen Wurzeln Isadora’s bereits im Elternhaus begründet.

„Eigentlich aber seien es vor allem das Meer, das Klavierspiel ihrer Mutter, der Wind, Botticellis Primavera und Shelleys Gedicht „Sensitive Plant“ gewesen, die ihre Ideenwelt geprägt hätten.“

(S.57)

Und auch die familiären Schwierigkeiten, die Scheidung der Eltern und der abwesende Vater werden sie ihr Leben lang prägen. Schon früh beschließt sie daher, dass sie sich nicht an einen Mann binden und ein finanziell unabhängiges, freies Leben führen möchte, was ihr rückblickend betrachtet jedoch nicht immer gelingen wird.

Inspiriert durch die Natur, durch die griechische Antike und zahlreiche künstlerische Einflüsse machte Isadora ihre ersten Karriereschritte in den Vereinigten Staaten, bevor sie nach Europa ging und schließlich zu einem der ersten weiblichen Weltstars wurde. Ihre eigene, innovative Art zu tanzen – die auf Fotografien leider heute nur noch zu erahnen ist – legt den Grundstein zum „Modern Dance“ und wird über viele Jahrzehnte andere Künstler, Tänzer und Choreografen inspirieren und beeinflussen.

Ihr Leben gleicht einem wilden Ritt auf der Rasierklinge, den Michaela Karl eindrucksvoll und authentisch beschreibt, indem sie auch viel mit Zitaten Duncan’s selbst und ihrer Zeitgenossen arbeitet. So wird die turbulente und schillernde Lebensgeschichte sehr plastisch und für den Leser erfahrbar.

Es war die Zeit der Jahrhundertwende, des Jugendstils, der Belle Epoque, der Weltausstellungen – eine Zeit des Umbruchs und des Wandels – Isadora tourte und gab Gastspiele auf dem Grünen Hügel in Bayreuth – dort tanzt sie das Bacchanal im Tannhäuser – aber unter anderem auch in St. Petersburg, London und Paris.

Duncan hatte ein Faible für Champagner und erstklassige Hotels – unabhängig davon ob es ihre aktuelle finanzielle Lage erlaubte oder nicht. Immer wieder stand sie – trotz großer Erfolge und Einnahmen – wirtschaftlich und finanziell vor dem Nichts.

Privat hatte sie meist ein sehr schlechtes Händchen bei der Auswahl ihrer Partner – ihr Liebesleben war kompliziert und geprägt von häufig wechselnden Beziehungen. Vom schwersten Schicksalsschlag – dem Verlust ihrer beiden Kinder bei einem tragischen Unfall – hat sie sich seelisch nie mehr vollständig erholt.

Ihr Leben war geprägt von stetem sich Wiederaufrappeln, der Suche nach Liebe, Gönnern und Finanziers und dem Wunsch, ihre Träume zu verwirklichen.
Einer davon war die eigene Schule für Mädchen, welche sie zu selbstständigen Persönlichkeiten und ausdrucksstarken Tänzerinnen erziehen wollte. Doch auch hier gab es Licht und Schatten: so erfolgreich sie mit einigen ihrer besten Schülerinnen – den Isadorables – gemeinsam auf der Bühne war, so gab es auch schmerzliche Kapitel und Zeiten, in welchen sie ihre Schützlinge alleine und im Stich ließ.

Sie war zweifelsohne eine der prägendsten Frauen in der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts und ihr Leben bot Stoff für Klatschmagazine und Hollywoodfilme. Doch sie war auch eine Rebellin, eine Vorreiterin und eine Kämpferin, die unbeirrt versuchte, ihren Weg weiter zu gehen.

Michaela Karl’s Biografie liest sich sehr flüssig und lässt einem aufgrund der Dramatik der Ereignisse immer wieder den Atem stocken. Ein Leben, das man sich nicht ausdenken kann – bis hin zu ihrem Tod, als sich ihr Schal im offenen Wagen in den Speichen des Hinterrads verfängt und ihr das Genick bricht. Eine dramatische, aufwühlende und spannende Lektüre, über eine streitbare und interessante Frau, die vermutlich schon ihre Zeitgenossen in zwei Lager spaltete: man liebte oder verachtete sie und ihre Kunst – dazwischen gab es wohl wenig.

„(…) Isadora Duncan war die Königin des Scheiterns, des Aufstehens, des Überlebens größter Katastrophe und Tragödien – und das alles mit einer ungebrochenen Leidenschaft fürs Leben und einem schier unerschütterlichen Humor (…)“

(S.11)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim btb Verlag (Penguin Randomhouse), der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Michaela Karl, Lasst uns tanzen und Champagner trinken – trotz alledem!
btb
ISBN: 978-3-442-75875-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Michaela Karl’s „Lasst uns tanzen und Champagner trinken – trotz alledem“:

Für den Gaumen:
Unabhängig ihrer stark schwankenden und häufig prekären finanziellen Situation, hatte für Isadora der Genuss stets einen hohen Stellenwert. In einer der reicheren Phasen – an der Seite des Nähmaschinen-Erben Paul Singer, schwelgt sie im Luxus:

„Die Tänzerin speist in den vornehmsten Pariser Restaurants, labt sich an Trüffel, Champagner, Wachteln und edlen Weinen.“

(S.225)

Zum Weiterhören:
Isadora Duncan tanzte häufig zu klassischer Musik – Mendelssohn Bartholdy, Chopin oder aber auch Beethoven. Legendär waren auch ihre Auftritte zum „Donauwalzer“ von Johann Strauss.

Zum Weiterschauen:
Doch auch Künstler anderer Kunstrichtungen inspirierten Isadora Duncan zu ihren Tänzen, wie zum Beispiel der Dichter Walt Whitman, der Bildhauer Auguste Rodin oder der Maler Sandro Botticelli – dessen „Primavera“ zu ihren Lieblingsgemälden zählte:

„Ich blieb so lange dort sitzen, bis ich die Blumen tatsächlich wachsen sah. (…) In mir erwachte die freudige Gewissheit, dass ich dieses Bild tanzen und meinem Publikum die Botschaft der Liebe, des Frühlings und der Erschaffung des Lebens mitteilen wollte.“

(S.124; aus Isadora Duncan: I’ve only danced, S.106)

Zum Weiterlesen:
Dieses Jahr entführte mich auch schon Julian Barnes in die Zeit der Belle Époque – in seiner Kulturgeschichte „Der Mann im roten Rock“ , die ich hier auf der Kulturbowle besprochen habe, trifft man so manchen Zeitgenossen aus Isadora Duncan’s Biografie wieder.

Julian Barnes, Der Mann im roten Rock
Aus dem Englischen von Gertrude Krueger
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05476-7

Von der ersten, großen und anderen Liebe

Daniela Engist hat mit „Lichte Horizonte“ einen wunderbaren Roman über Frauen und die Liebe in ihren unterschiedlichsten Facetten geschrieben. Bewegend, intelligent, erfahren und lebensweise weiß die Autorin genau, wovon sie schreibt und trifft mitten ins Herz.

„Vor allem das eine Chanson, in dem er erzählt, wie jemand aufsteht und geht und wortlos das ganze bisherige Leben zurücklässt, hat es ihm angetan.“

(S.8)

Schriftstellerin Anne ist seit mehr als zwanzig Jahren mit Alexander verheiratet, Mutter zweier Kinder und hat bereits viel erlebt, als sie plötzlich dem Künstler und Chansonnier Stéphane begegnet und von einem Moment auf den anderen aus der Bahn geworfen wird. Was ist das? Was macht die Attraktivität aus? Ist es richtig, diesen Gefühlen nachzugeben? Was ist eine Affäre? Wo und ab wann beginnt Untreue und Betrug? In Gedanken? Oder bereits bei erotischen Emails und Nachrichten? Einem Kuss? Wo verläuft die Grenze? Wieso verläuft ein Leben, so wie es verläuft? Warum erfüllen sich manche Lieben und manche nicht?

„Ich denke zurück an diesen Morgen und sehe, wie wir Seite an Seite in unsere Kaffeetassen schauen und übers Geschichtenerzählen in der Musik und in der Literatur sprechen, woher sie kommen, die Geschichten, was sie hervortreibt und herbeilockt, warum manche unausweichlich sind und manche nie erzählt werden.“

(S.13)

Viele Fragen, die sich Anne stellt und viele Erinnerungen, die über sie hereinbrechen. Sie blättert in Tagebüchern und Aufzeichnungen aus Jugendtagen, lässt gedanklich ihr Liebesleben Revue passieren: von den ersten Schwärmereien im Teenageralter, über die erste Liebe, die großen und kleine Gefühle, studentische Eskapaden, verpasste Gelegenheiten und erfüllende Momente. Sie erzählt ihr Leben als Frau und Liebende mit allen Höhen, Tiefen und Schattierungen – eine Entwicklung, die der Leser gespannt mit verfolgt und sich sicherlich in der einen oder anderen Szene selbst wieder erkennt und diese nachvollziehen kann.

Die Handlung spielt im Freiburg der Gegenwart, aber erzählt auch von der Studentenzeit in den 90er Jahren und einem Studienaufenthalt in England.
Stilsicher und treffend beschreibt die Autorin eine Zeit, in der man nicht ständig aufs Handy starrte und noch analoge Fotoapparate verwendete – als man noch überlegte, bevor man ein Bild schoss, die Aufnahme quasi plante, komponierte und erst im richtigen Moment und mit vollem Bewusstsein abdrückte. Eine Zeit, in welcher man Postkarten statt SMS oder Mails schrieb, ein Tagebuch führte und sich ein Herz aus Glas schenkte, das dann als Erinnerungsstück auf dem Dachboden landete.

Sie erzählt über die Ehe, Familie, Mutterschaft und Kompromisse, die man eingeht. Darüber sich in einer Beziehung anzunähern, gemeinsame Interessen zu entwickeln und über so manches hinwegzusehen.

„Wenn man sich für einen Partner entscheidet, bekommt man seine ganze Geschichte dazu. Und auf einmal spielt man eine Rolle in einem Theaterstück, für das man gar nicht vorgesprochen hat.“

(S.84)

Die Hauptfigur ist Literaturstudentin, später Schriftstellerin (wie Engist selbst) und man spürt die unbändige Liebe zur Literatur, zum Theater und zu Shakespeare – als Leser bewegt man sich daher als Literaturliebhaber und Buchmensch auf gewohntem und geschätztem Terrain.

Eine weitere große Stärke der Autorin ist ihr scharfes Auge für Details und kleine, alltägliche Szenen, die doch so viel davon offenbaren, was sich hinter den Kulissen einer Beziehung abspielt oder in einer Person vorgeht. Bei einigen Situationen meint man, sie genau so auch schon selbst erlebt zu haben und das macht den Roman ungemein stimmig, authentisch und glaubwürdig.

Auch die Entwicklung Annes vom unsicheren, schwärmerischen und ins Verliebtsein verliebten Teenager, über die Studentin, die noch nach ihrem Platz im Leben und dem Partner fürs Leben sucht, bis zur reifen Ehefrau und Mutter, die das Verlangen verspürt, als einzigartige Persönlichkeit und Frau gesehen und geliebt zu werden, ist großartig beschrieben.

Die Sprache Engist’s ist angenehm klar, unmittelbar, nie ausschweifend und lässt oft auf raffinierte und intelligente Weise auch viel zwischen den Zeilen anklingen. Sie lässt dem Leser Raum, Gedanken weiter zu spinnen und mit eigenen Erfahrungen zu vergleichen.

Daniela Engist hat einen intensiven, gefühlvollen, emotionalen und klugen Roman geschrieben, der eine schöne Art von Nostalgie weckt: nicht die angestaubte Variante, sondern eine auf Hochglanz polierte Nostalgie, die Lust macht, in eigenen Erinnerungen zu graben, das eine oder andere Erinnerungsstück hervorzuholen und sich selbst zurück zu erinnern, wie das früher war.

Vermutlich hätte ich den Roman mit Anfang Zwanzig noch nicht so sehr zu schätzen gewusst und genossen, wie das jetzt der Fall war, denn für mich hat man mit einer gewissen Reife und Lebenserfahrung mehr von der Lektüre und findet sich auch in den zeitlichen Beschreibungen und Anklängen der 90er Jahre eher wieder.

Die hochwertige, herrliche Aufmachung des Buches mit Halbleinen, Lesebändchen und einem stimmungsvollen Titelbild, welche der Kroener Verlag für diesen Band aus der Edition Klöpfer gestaltet hat, lässt zudem das Herz jedes bibliophilen Menschen höher schlagen.

Ein wunderbarer Roman über die Sehnsucht, sich selbst und das Leben zu spüren und es intensiv zu genießen. Darüber, dass manchmal kurze Augenblicke und Kleinigkeiten darüber entscheiden, ob das Leben eine entscheidende Wendung nimmt oder nicht. Aber auch darüber, was eine gute Partnerschaft ausmachen sollte und dass es sich trotz Annäherung lohnt, sich selbst treu und authentisch zu bleiben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kroener Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Daniela Engist, Lichte Horizonte
Kroener
ISBN: 978-3-520-75001-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Lichte Horizonte“:

Für den Gaumen:
Bei der Verpflegung bin ich bei etwas typisch Englischem hängen geblieben: Am Strand gibt es Sandwiches:

„Brotdreiecke gefüllt mit Krabben in Mayonnaise, Schinken, Cheddarkäse, Gurken und Tomatenscheiben, und überall quillt geschnittener Salat heraus.“

(S.77)

Zum Weiterschauen (I):
Im Roman bereist die Studentin Anne England und unter anderem auch den Landstrich, in welchem die Jane Austen-Verfilmung von „Sense and Sensibility“ mit Hugh Grant gedreht wurde. Das war tatsächlich schon im Jahr 1995 – das ist sage und schreibe 26 Jahre her – das Filmplakat zeigt neben einem jugendlichen Hugh Grant auch eine sehr junge Kate Winslet und Emma Thompson, die für ihre Drehbuchadaption den Oscar bekam.

Zum Weiterschauen (II):
Mich hat das Bild auf dem Titel sofort fasziniert: eine Strandszene – ein Paar, die Dame hat den Sonnenhut tief ins Gesicht gezogen, der Mann kniet daneben – das Meer und der (lichte) Horizont im Hintergrund. Ich wollte sofort wissen, wer der Künstler des Gemäldes ist: Alex Colville (1920-2013) – ein kanadischer Maler, dessen Werk „Couple on the beach“ aus dem Jahr 1957 in der National Gallery of Canada in Ottawa zu sehen ist.

Zum Weiterlesen:
Anne studiert Literatur und liebt Shakespeare – ein Stück, das im Roman mehrfach eine Rolle spielt ist William Shakespeare’s „A Midsummer Night’s Dream“. Ein absoluter Klassiker und ein Lieblingsstück, an dem ich persönlich auch immer wieder große Freude habe und nie die Lust verliere:

William Shakespeare, Ein Sommernachtstraum – Zweisprachige Ausgabe
Deutsch von Frank Günther
dtv Literatur
ISBN: 978-3-423-12480-5

Dänisches Frauenleben

Heute führt mich meine literarische Europareise oder Europabowle nach Dänemark – in die wunderschöne Hauptstadt Kopenhagen. Doch der Star in Tove Ditlevsen’s Kopenhagen-Trilogie ist nicht die Stadt, sondern vielmehr die Autorin selbst. In den drei Bänden „Kindheit“, „Jugend“ und „Abhängigkeit“, die zwischen 1967 und 1971 entstanden sind und jetzt in einer großartigen Übersetzung von Ursel Allenstein neu erschienen sind, schreibt Ditlevsen autobiographisch über ihr Leben als Mädchen, Frau, Mutter, Autorin und Suchtkranke.

Tove wächst im Kopenhagen der 1920er Jahre in einem ärmlichen Arbeiterviertel auf und schon bald ist es ihr sehnlichster Wunsch, Dichterin zu werden. Doch ihr Vater macht ihr unmissverständlich klar, sich diese Flausen aus dem Kopf zu schlagen: „Ein Mädchen kann nicht Dichter werden.“ (S.24)

„Ich schwor mir, nie wieder jemand anderem meine Träume zu verraten und hielt mich meine ganze Kindheit über daran.“


(aus Tove Ditlevsen „Kindheit“, S.25)

Ihre Kindheit ist geprägt von einem Umfeld der Armut, der Arbeitslosigkeit des Vaters, Alkoholismus in der Familie und Krankheit. Selbst erkrankt sie an Diphtherie und muss monatelang im Krankenhaus liegen. Früh kommt sie auch mit dem Tod in Berührung, als sie ihre geliebte Großmutter verliert.

„Oh, Großmama, nie mehr wirst du mich singen hören. Nie mehr wirst du mir echte Butter aufs Brot schmieren, und alles, was du mir nicht über dein Leben erzählt hast, wird jetzt nie mehr verraten werden.“


(aus Tove Ditlevsen „Kindheit“, S.84)

Freundschaften kommen und gehen, die Eltern streiten viel und so sucht das Mädchen häufig Trost in der Literatur, liest gerne und beginnt selbst zu schreiben. Worte können Trost spenden, ihre Gedichte sind ihre Kraftquelle und geben ihr Selbstbewusstsein – der Traum Schriftstellerin zu werden ist ungebrochen.

„Von Leben und Erinnerungen überschwemmt, blickte ich zur Mauer des Vorderhauses auf, dieser Klagemauer meiner Kindheit, hinter der Menschen speisten und schliefen und sich stritten und schlugen.“


(aus Tove Ditlevsen „Jugend“, S.16)

Im zweiten Band „Jugend“ beschreibt Tove Ditlevsen ihren Aufbruch in ein selbstständiges Leben. Sie beendet die Schule, beginnt zu arbeiten, geht aus, lernt Männer kennen. Bald auch einen deutlich älteren Mann, der sich für ihre Gedichte interessiert und sie fördert. Aus den Zeilen der Autorin sprüht ihre Kraft, ihre Eigensinnigkeit und das Ungestüme, Unangepasste. Immer wieder bringt sie sich selbst in Schwierigkeiten und nicht immer nimmt sie den direkten, einfachen Weg.
Der rote Faden in ihrem Leben ist und bleibt jedoch die ungezügelte Liebe zur Literatur, der Drang zu schreiben und eines Tages auch zu veröffentlichen.

Der dritte Band „Abhängigkeit“ offenbart die große Verletzlichkeit Tove Ditlevsens, ihre Schwächen und beschreibt eine dunkle, schwere Phase ihres Lebens. Denn während in den 40er Jahren der zweite Weltkrieg seinen Schatten auf die Welt und somit auch auf Dänemark wirft, durchlebt Ditlevsen Mutterschaft, Ehekrisen, Verluste und driftet immer mehr in eine schwere Suchterkrankung ab. Mit geradezu schmerzlicher Ehrlichkeit und Direktheit beschreibt sie viele Jahre später diese schwierige Zeit in ihrem Leben. Dramatisch und traurig – eine schmerzhafte Lektüre, die aufrüttelt.

Drei schmale, feine Bände, die vor allem durch ihre unmittelbare und eindringliche Sprache faszinieren und berühren. Tove Ditlevsen schreibt mit einer immensen Intensität, so dass man beim Lesen geradezu den Eindruck bekommt, sie sitze direkt wie eine gute Freundin neben einem und erzählt ihre Geschichte bei einer Tasse Kaffee.

Vor allem der letzte Band ist aufwühlend und schmerzlich, denn es tut weh durch die schonungslos ehrliche Schilderung der Autorin so hautnah miterleben zu müssen, wie sie ihr Abrutschen in die Sucht und Medikamentenabhängigkeit beschreibt. Man fühlt sich hilflos und traurig auch in dem Wissen, dass sich Ditlevsen später im Alter von nur 58 Jahren das Leben nahm.

Hinterlassen hat sie ihren Leserinnen und Lesern ein autobiographisches Werk in einer außergewöhnlichen Sprache, die zu Herzen geht und berührt – wunderbar übersetzt von Ursel Allenstein. Große Literatur aus Dänemark, die auch nach 50 Jahren nichts an Aktualität eingebüßt hat und absolut zeitlos ist.

Buchinformationen:

Tove Ditlevsen, Kindheit
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03868-7

© Aufbau Verlag

Tove Ditlevsen, Jugend
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03869-4

© Aufbau Verlag

Tove Ditlevsen, Abhängigkeit
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03870-0

© Aufbau Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Tove Ditlevsen’s Kopenhagen-Trilogie:

Für den Gaumen:
Typisch für Dänemark ist bekanntlich Smørrebrød, d.h. ein reich belegtes Butterbrot. In einem der Bücher gibt es Schnittchen mit „Ramona“, wohl ein Möhrenaufstrich. Eine kurze Internetrecherche dazu blieb aber ergebnislos.

Zum Weiterschauen oder für einen Museumsbesuch:
In der Münchner Glyptothek findet (so bald wie möglich) und bis zum 25.07.2021 die Ausstellung „Bertel Thorvaldsen und Ludwig I.“ statt, welche die deutsch-dänische Freundschaft der beiden und das Werk des dänischen Bildhauers im Besonderen in den Mittelpunkt stellt. Hoffen wir, dass die Ausstellung noch ausreichend von Besuchern gewürdigt werden kann, sobald die Museen wieder öffnen dürfen.

Zum Weiterlesen:
Dänemark hat bisher drei Literaturnobelpreisträger vorzuweisen: Karl Gjellerup, Henrik Pontoppidan und Johannes Vilhelm Jensen – mit ihrem Werk bin ich bisher noch nicht in Berührung gekommen.
Vielmehr denke ich bei Dänemark neben Hans Christian Andersen, Søren Kierkegaard, Karen Blixen, Bjarne Reuter und Janne Teller unter anderem an Peter Høeg („Fräulein Smillas Gespür für Schnee“) oder in letzter Zeit auch an die gelungenen Kopenhagen-Krimis von Katrine Engberg („Krokodilwächter“ ist der erste Band der Reihe).

Daher für alle, die es spannend mögen:

Peter Høeg, Fräulein Smillas Gespür für Schnee
Übersetzt von: Monika Wesemann
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-23701-0

Katrine Engberg, Krokodilwächter
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg
Diogenes
ISBN: 978-3-257-24480-9