Februarbowle 2026 – Überwintern und Lichtzuwachs

Der Februar erforderte schon nochmal echte Überwinterungsqualitäten, um dem vielen Grau, den wirbelnden Schneeflocken, dem Matsch auf den Straßen und der immer noch rollenden Erkältungswelle trotzig die Stirn zu bieten. Hilfreich sind da literweise Tee, gute Bücher und ruhige Mußestunden auf der Couch, aber auch der eine oder andere kulturelle Lichtblick an diesen Tagen, die zumindest schon wieder spürbar länger werden.

Wie zum Beispiel die gelungene, unterhaltsame Lesung „Valentinaden“ mit Lisa Gusel und Ludwig Bichlmaier im Landshuter Salzstadl oder auch ein wunderbares Konzert in der Dingolfinger Herzogsburg „Lieben und Leiden, Leben und Sterben“ mit den Sängerinnen Katharina Diegritz und Heidelinde Schmid sowie Mario El Fakih am Flügel.

Als Fernsehtipp für Literaturinteressierte (und alle, welche die Geschichte hinter „Jenseits von Afrika“ besser verstehen wollen) kann ich die 6-teilige Serie „The Dreamer – Becoming Karen Blixen“ (noch bis zum 30.11.2026 in der ARTE Mediathek) empfehlen, die sich mit der Zeit nach der Rückkehr der Autorin aus Afrika befasst und zu weiten Teilen auf dem Familienanwesen im dänischen Rungstedlund spielt. Und zum Lesen wurde ich natürlich auch gleich inspiriert, denn da schlummerte noch etwas von ihr bei mir im Regal.

Denn schon längst wollte ich Tania Blixens Erzählung „Babettes Gastmahl“ lesen, was ich jetzt endlich in die Tat umgesetzt habe. Wie in einem abgelegenen norwegischen Fjord die Köchin Babette ein einziges Mal ihre ganze Kunst bei einem opulenten Festmahl ausleben und ihre Gäste fürstlich bewirten kann, ist fein beschrieben und wunderbar zu lesen. Ein zeitloser Klassiker!

Um Kunst bzw. vielmehr um eine kränkelnde Künstlerehe, ging es auch im Roman „Schmales Land“ von Christine Dwyer Hickey. Denn als ein Junge, der im Zweiten Weltkrieg zum Waisen geworden ist und aus Europa in eine amerikanische Pflegefamilie gebracht wurde, seine Sommerferien in Cape Cod verbringt, lernt er dort den berühmten Edward Hopper und seine Gattin Josephine kennen. Ein stellenweise trauriges, melancholisches Buch, das aufgrund der geschilderten Stimmung durchaus an die Bilder des Malers erinnert.
Eine ausführliche Besprechung findet man bei Zeichen&Zeiten.

Eine große Empfehlung kann ich für Mirjam Zadoffs Buch „Wie wir überwintern – Den Lebensmut durch die harten Zeiten retten“ aussprechen, das vollkommen zurecht auch auf der Sachbuchbestenliste des Deutschlandfunks stand. Die Autorin, die Geschichte und Judaistik studiert hat leitet seit 2018 das NS-Dokumentationszentrum in München und hat ein zugleich sehr persönliches, aber vor allem auch sehr wertvolles und wichtiges Buch geschrieben.

Das unter anderem auch das folgende, wunderbare Plädoyer für das Lesen von Büchern enthält:

„Bücher sind nur ein Medium, aber ihre gebundenen Papierseiten und Umschlagillustrationen, ihre variierende Größe, ihr Gewicht und Geruch bilden ein einzigartiges Gerüst, um das sich ein Erzählfaden spannt. Dieser Faden trägt – wenn es das richtige Buch ist – seine Leser:innen über alltägliche Anstrengungen, Sprachlosigkeit und Ohnmacht hinweg und schafft Bilder, die einzigartig bleiben, weil sie im Innersten entstehen. Während digitale Texte kürzer und kürzer werden, 140 Zeichen sind kaum ein ganzer Satz, schöpft das Buch aus einer Fülle von Bildern und Geschichten, öffnet Welten und Zeiten. Lesen fördert sprachliche und nichtsprachliche Kompetenzen wie Empathie und Konzentration und sichert damit unsere psychische Gesundheit bis ins hohe Alter.“

(aus Mirjam Zadoff „Wie wir überwintern“, S.28)

Etwas für Bibliophile ist aufgrund der schönen Aufmachung der Diogenes-Ausgabe Irene Vallejos Buch „Wein und Küsse“, in welchem sie sich in Essays und kurzen Texten zahlreichen Ideen und philosophischen Gedanken aus der Antike widmet. Ein Buch, das man sowohl am Stück, aber sehr gut auch häppchenweise zwischendurch genießen kann.

„Fast zwanzig Jahrhunderte später sind Mark Aurels Lehren noch immer brandaktuell. Vergessen wir nicht, dass wir uns durch Liebenswürdigkeit als würdig erweisen, geliebt zu werden, dass wir durch Freundlichkeit Freunde gewinnen und Gelassenheit die Kunst ist, andere zu lassen, wie sie sind.“

(aus Irene Vallejo „Wein und Küsse“, S.28)

Bereits ausführlicher vorgestellt habe ich das eindrucksvolle Debüt der norwegischen Schauspielerin und Autorin Kirsti Eline Torhaug „Der schmale Grat der Vernunft, in dem sie die Geschichte ihres Onkels erzählt, der als Widerstandskämpfer und Nacht-und Nebel-Gefangener im Waldkommando des Konzentrationslagers Sachsenhausen inhaftiert war und überlebte. Es sind genau solche Geschichten, bei welchen es so wichtig ist, dass sie erzählt und wach gehalten werden.

Ich lebe in einer Stadt, die 1204 gegründet wurde und somit das beste Beispiel dafür sein könnte, was Gisela Graichen & Matthias Wemhoff in ihrem großartigen Sachbuch „Gründerzeit 1200 – Wie das Mittelalter unsere Städte erfand“ beschreiben. Aus unterschiedlichsten Aspekten – baulich, architektonisch, aber auch gesellschaftlich, sozial, religiös, medizinisch etc. – beleuchten die beiden, wie der Städteboom des Mittelalters unsere Welt verändert und geprägt hat. Spannend auch zu lesen, was archäologische Grabungen und Analysen heute zu leisten im Stande sind und wie die Forscher zu ihren Erkenntnissen gelangen.

Ich bin kein Fan von True Crime, doch was der italienische Premio Strega-Preisträger (für „Eiskalter Süden“) Nicola Lagioia in seinem Buch „Die Stadt der Lebenden“ geschaffen hat, geht für mich literarisch weit über diese Bezeichnung hinaus, auch wenn er einen wahren Kriminalfall schildert, der sich 2016 in Rom ereignet hat. Ein junger Mann wird auf grausamste Weise von zwei anderen gequält und zu Tode gefoltert. Der Autor hat umfassend recherchiert und versucht, die Hintergründe dieses grausamen Verbrechens zu erforschen – entstanden ist ein erschreckendes, düsteres, intensives Werk, das unter anderem auch auf der Deutschland-Krimibestenliste des Jahres 2023 stand, aber definitiv nichts für Zartbesaitete ist.

Und mit Veit Heinichens Krimi „Entfernte Verwandte“ aus der Commissario Laurenti-Reihe ginge es für mich nochmal nach Italien, aber dieses Mal nach Triest. Die Reihe verfolge ich schon lange und wurde auch diesmal nicht enttäuscht, lernt man doch neben der spannenden Krimihandlung auch immer etwas über die Stadt an der Adria, die Region und in diesem Fall auch wieder über den zeitgeschichtlichen Hintergrund im Friaul.

Gefremdelt und leider nicht wirklich warm geworden bin ich diesen Monat hingegen mit der Lesekreislektüre bzw. Richard Fords Roman „Kanada“. Um so angeregter und interessanter war dann jedoch der gemeinsame Austausch darüber.

Gerne gelesen habe ich hingegen Cathleen Schines Roman „Künstlers in Paradise“ (im englischen Original), das die Geschichte von Mamie Künstler erzählt, die als jüdisches Kind mit ihrer Familie aus Wien nach Hollywood flüchtete und viele Jahrzehnte später ihrem Enkelsohn während des Corona-Lockdowns von ihrem bewegten Leben und ihren Begegnungen mit großen Stars – von Charlie Chaplin, über Arnold Schönberg bis zu Greta Garbo und vielen mehr – im Exil erzählt.

Und auch Stewart O’Nans neuer Roman „Abendlied“ (im Originaltitel „Evensong“) führte mich nochmal nach Amerika und zwar nach Pittsburgh. Dort kümmert sich ein Kreis von Frauen, die sich unter anderem aus einem Kirchenchor kennen, rührend und fürsorglich um Bekannte und Freundinnen, die im Alter zunehmend Unterstützung und Pflege benötigen. Ein leiser, rührender Roman über das Älterwerden, über Altern in Würde, aber auch über menschliche Nähe und Zusammenhalt in schwierigen Zeiten.

Treffpunkt Buchhandlung und ein Wiedersehen mit liebgewonnen Bekannten gab es im neuen Sachbuch von Uwe Neumahr „Die Buchhandlung der Exilanten“, in welchem er sich Adrienne Monnier und Sylvia Beach widmet, die in der Rue de l’Odéon nicht nur zum beliebten Treffpunkt für die Pariser Literatenszene, sondern mit ihren Läden später auch zum Zufluchtsort und einem Ort des Widerstands wurden. Hochinteressant, hervorragend zu lesen und daher gibt es in Kürze auch gerne mehr darüber hier auf dem Blog.

Und dann machte ich mit „Orwells Rosen“ von Rebecca Solnit noch eine absolut grandiose Entdeckung, die mich nicht nur literarisch-stilistisch maßlos begeistert hat (und auch gleich noch Folgeinvestitionen in Form von weiteren Büchern der Autorin ausgelöst hat), sondern mich auch noch in einen ganz eigenen Themenkosmos katapultiert hat. Denn ihre inspirierende Art zu erzählen und sich von ungewöhnlichen Blickwinkeln aus mit den Themen zu beschäftigen, machte mich auch neugierig, endlich ein weiteres Werk von George Orwell zu lesen, das ich schon lange auf meiner Liste hatte: „Tage in Burma“ und auch diese Lektüre – wie es halt manchmal oder auch öfter so ist – zog wieder eine Folgelektüre nach sich… aber ich möchte hier nicht spoilern, denn dann sind wir schon in meinem Lesemärz und diese Bücher hätten als Trio definitiv einen eigenen Beitrag verdient. Schaut also gerne demnächst wieder hier vorbei…

Was bringt der März?

Im März wird mein Kulturfrühling so richtig an Fahrt aufnehmen: es geht zur Münchner Staatsoper mit der Neuinszenierung des „Rigoletto“, nach Regensburg zur wiederentdeckten Beer-Operette „Polnische Hochzeit“ und im Heimattheater gibt es das Schauspiel „Der Menschenfeind“ sowie die Barockoper „Giulio Cesare in Egitto“. Volles Programm also… ich freue mich darauf!

Denn wie es Rebecca Solnit in „Orwells Rosen“ so schön formuliert hat:

Kunst, in der es nicht um aktuelle Politik geht, kann uns in unserem Gefühl für uns selbst und für die Gesellschaft, kann unsere Werte, unser Engagement und sogar unsere Aufmerksamkeit stärken – somit alles, was ein Mensch braucht, um den Krisen der Zeit zu begegnen.“

(aus Rebecca Solnit „Orwells Rosen“, S.118)

Zudem hat mir der Lesekreis die Entscheidung abgenommen, ob ich Nelio Biedermanns „Lázár“ nun lesen soll oder nicht. Das Buch wurde für den März ausgewählt, somit wird es auch von mir gelesen.

Und auch der Frühling lässt hoffentlich bald sein Band wieder flattern durch die Lüfte bzw. verwöhnt uns mit ein paar Sonnenstunden nach dem Wintergrau. Schneeglöckchen und Krokus sprießen schon um die Wette… das macht Lust auf Mehr! In diesem Sinne wünsche ich allen einen schönen Frühlingsbeginn und einen besonnenen und lichtdurchfluteten März!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Februar:
Für einen würzigen Vitaminschub und etwas innere Wärme sorgte unter anderem eine feine burgenländische Krautsuppe.

Musikalisches im Februar:
Im Gedächtnis bleiben wunderbare, gut gelaunte Orgelklänge mit Gordon Youngs „Prélude in Classic Style“.

Sich neu sortieren
innerlich aufgeräumt sein
in Lebensbalance

© Kulturbowle 2026

Der Vorhang hebt sich
zum weißen Flockentaumel
im Schneegestöber

© Kulturbowle 2026

Ein Kommentar zu „Februarbowle 2026 – Überwintern und Lichtzuwachs

  1. Nelio Biedermann beäuge ich auch unentschlossen, das heißt, ich habe einige Rezensionen gelesen und ein paar Interviews mit ihm gehört. Bin gespannt, wie sein so gehypter (das ist mein Problem) Roman bei dir ankommt.
    Liebe Frühfrühlingsgrüße aus Norditalien von Anke.

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