Mit Orwell nach Burma

Es gibt diese Lektüren, bei der eine zur nächsten führt bzw. sich die Anschlusslektüre sofort als logische Folge ganz natürlich ergibt. So hat die Lektüre von Rebecca Solnits „Orwells Rosen“ bei mir sofort die Lust darauf geweckt, mich wieder einmal mit George Orwell zu beschäftigen und endlich seinen stark autobiografisch geprägten, frühen Roman „Tage in Burma“ zu lesen. Um mich dann gleich im Anschluss auf Paul Theroux’s Roman „Burma Sahib“ zu stürzen, der sich mit Eric Blairs (alias George Orwells) Zeit als Polizist in Burma befasst und der eine große Nähe bzw. zahlreiche Parallelen zu „Tage in Burma“ aufweist.

„Ich hatte über diese Rosen, auf die ich mehr als dreißig Jahre zuvor in meiner Lektüre gestoßen war, nicht gut genug nachgedacht. Sie waren Rosen, aber sie waren auch Saboteure meiner lang anhaltenden konventionellen Sicht auf Orwell und damit die Aufforderung, tiefer zu schürfen. Sie verkörperten die Frage, wer er gewesen war und wer wir waren und wie Freude, Schönheit und Stunden ohne messbares praktisches Resultat zum Leben eines Menschen – vielleicht jedes Menschen – passten, dem gleichzeitig Gerechtigkeit, Wahrheit, die Menschenrechte und der Versuch, die Welt zu verändern, am Herzen lagen.“

(aus Rebecca Solnit „Orwells Rosen“, S.26/27)

Doch der Reihe nach: Auslöser dieser Leseperlenkette war das großartige Buch „Orwells Rosen“ von Rebecca Solnit, die als eine der wichtigsten Essayistinnen der USA gilt. Die Autorin beschäftigt sich, nachdem sie darüber gelesen hatte, dass Orwell 1936 Rosen in seinem Garten gepflanzt hatte, mit dieser Geste, aber schon bald verästeln sich ihre Gedankengänge und Ausführungen und sie gibt sich der Lust hin, sich auf Abwege vom Thema bzw. auf gedankliche Wanderschaft zu begeben. Das Buch ist keine Biografie. Es geht um George Orwell, aber eben auch um Schönheit, um Kunst, um die kleinen Dinge des Lebens und um Macht. So nimmt Solnit die Leserschaft mit auf verzweigte und intelligente Gedankengänge, die klug und erhellend sind und erzählt letztlich nicht nur viel über Orwells Welt, sondern auch über unsere heutige. Faszinierend zu lesen, so dass ich es wirklich wärmstens empfehlen kann.

Euphorisiert und glücklich, dass ich „Tage in Burma“ (Originaltitel: Burmese Days), den ersten Roman George Orwells aus dem Jahr 1934 ohnehin im Regal stehen hatte und schon längst lesen wollte, habe ich mich sofort nahtlos in das nächste Leseabenteuer gestürzt. Und das Buch hat mich von Anfang an in seinen Bann gezogen und einen Sog entwickelt, dem ich mich nicht mehr entziehen konnte und wollte.

„Es gilt in Indien gewissermaßen als Vergehen, einen ganzen Tag zuzubringen, ohne dass man einmal ordentlich ins Schwitzen geraten ist. Man kommt sich dann sündhafter als nach tausend Ausschweifungen vor. Im Dunkel des Abends, nach einem gänzlich müßig zugebrachten Tag, erreicht der Überdruss fieberhafte, selbstmörderische Ausmaße. Arbeit, Gebet, Bücher, Alkohol, Gespräche – alle sind machtlos dagegen; nur durch die Poren der Haut lässt dieses Gefühl sich ausschwitzen.“

(aus George Orwell „Tage in Burma“, S.88)

Orwell erzählt darin die Geschichte des britischen Kolonialbeamten Flory, der bereits seit vielen Jahren in Burma seinen Dienst versieht und mit seinem Dasein zunehmend hadert. Die rassistischen Gespräche seiner britischen Kollegen abends im Club, das Klima, die Einsamkeit, aber vor allem auch der herabwürdigende Umgang mit der einheimischen Bevölkerung setzen ihm zunehmend zu.

„Flory widmete sich der Lektüre, verschlang ein Buch nach dem anderen, er lernte, in den Büchern zu leben, wenn die Welt um ihn herum unerträglich war. Er wurde erwachsen, die Vergnügungen der Jugendzeit bedeuteten ihm nichts mehr, und fast ohne es zu merken lernte er, sich seine eigenen Gedanken zu machen.“

(aus George Orwell „Tage in Burma“, S.106)

Er vertreibt sich die Zeit mit Lektüre und einer geheimen Affäre mit seinem einheimischen Hausmädchen, als er sich plötzlich in eine junge Britin verliebt, die zu Besuch bei Bekannten eingetroffen ist.

„Das Lesen war etwas Persönliches, man gab mit seiner Lektüre preis, wer man war. Und meine Lektüre, dachte er, gibt preis, dass ich kein echter Polizist bin.“

(aus Paul Theroux „Burma Sahib“, S.271)

Mit allen Mitteln versucht er, das Herz der jungen Frau zu erobern.
Zugleich muss er jedoch auch seinem Freund beistehen, dem indischen Arzt Dr. Veraswami, der sich nichts sehnlicher wünscht, als als Mitglied im Club aufgenommen zu werden und der sich jedoch mit einer schwerwiegenden Intrige konfrontiert sieht.

„Es ist keine schöne Sache, wenn man seinen besten Freund nicht als gesellschaftlich Ebenbürtigen behandeln kann; aber zum Leben in Indien gehört es so selbstverständlich dazu wie die Luft zum Atmen.“

(aus George Orwell „Tage in Burma“, S.74)

Orwell beschreibt das Leben in Burma und die koloniale Welt mit ungeheurer Intensität. Das Klima, die Natur und Pflanzenwelt, aber auch die Atmosphäre und Stimmung zwischen Briten und Einheimischen. Man spürt die Authentizität und dass Orwell seine persönlichen Eindrücke verarbeitete und einfließen ließ. Der Roman liest sich aufgrund der Sprache und der sich dramatisch zuspitzenden Handlung ungeheuer flüssig und spannend.

„Burmesen waren gesellig, sie lachten zusammen, sie versammelten sich, sie redeten, sie sangen. Sie lasen nicht. Für einen Analphabeten war ein Buch dunkle Magie, etwas Düsteres; es machte einen stumm, unbeweglich, es zog die Menschen in seinen dunklen Bann und trennte sie von anderen Menschen.“

(aus Paul Theroux „Burma Sahib“, S.490)

In Paul Theroux’s Roman „Burma Sahib“ begibt sich ein junger Eton-Absolvent per Schiff auf die große Reise nach Burma. Sein Name ist Eric Blair und er soll dort als Beamter der britischen Kolonialpolizei ausgebildet werden. Erst Jahre später wird er als George Orwell ein berühmter Schriftsteller werden.

Wer wie ich zuvor „Tage in Burma“ gelesen hat, wird unzählig viele Parallelen und Verbindungen in „Burma Sahib“ erkennen und wiederfinden. Und doch erzählt Theroux eben auf fiktionale Weise die wahre Geschichte des jungen Eric Blair und taucht tief ein in die Gefühls- und Gedankenwelt des jungen Mannes, der sich mit einer völlig neuen Welt konfrontiert sieht.

„Was ist das Schlimmste?“ frage Blair.
„Das Schlimmste ist, dass man sich daran gewöhnt.“
„Woran?“
„Daran, wie die Leute hier gedemütigt werden“, sagte Robinson.

(aus Paul Theroux „Burma Sahib“, S.121)

Schon früh entwickelt er eine Abneigung gegen Gewalt und doch fügt er sich zunächst in das System, um seine Aufgabe als Polizist erfüllen zu können, die ihn an verschiedene Stationen und Orte des Landes führt.

„Ich habe seit meinem achten Lebensjahr immer Uniformen getragen, dachte er: den grünen Pullover mit der blauen Mütze und der Cord-Kniebundhose in St. Cyprian’s, den schwarzen Frack, den Talar und den Frackkragen in Eton und jetzt das Khaki, die Stiefel und den Helm der Polizei von Burma. Eine Uniform war ein Kostüm, eine Verkleidung – sie verbarg einen, ließ einen aussehen wie alle anderen; sie war eine Kostümierung, aber auch eine Zwangsjacke.“

(aus Paul Theroux „Burma Sahib“, S.104)

Auch Blair verstrickt sich in Affären und Liebeswirren, verkehrt in exklusiven Clubs und ist zugleich zunehmend fasziniert von der Kultur der Einheimischen. Geschickt flicht Paul Theroux auch die ersten schriftstellerischen Ambitionen, das große Interesse an Literatur und die sich immer mehr verfestigende moralische Haltung der Hauptfigur mit ein, die bereits ein erstes Licht auf spätere Werke wirft und erahnen lässt.

„Macht war eine Aufgabe, ein Test des Charakters, und wenn es einem nicht gelang respektiert statt gefürchtet zu werden, hatte man versagt. Woran Blair in Burma mittlerweile verzweifelte, war das Verhalten der Einheimischen, die mit hass- oder angsterfülltem Blick vor ihm zurückwichen und ihn mieden – was dazu führte, dass er sich selbst hasste.“

(aus Paul Theroux „Burma Sahib“, S.194)

Entstanden ist so nicht nur ein eindrucksvolles Porträt des jungen George Orwell, aus dem ich – gerade in der Kombination mit seinem eigenen Roman – sehr viel mitnehmen konnte, sondern auch ein Abgesang auf den Kolonialismus und die dunklen Seiten dieser Epoche.

„In dem Land hier wird man nie wieder anständig leben können. Mit dem Empire geht es zu Ende, wenn sie mich fragen. Götterdämmerung und so weiter. Zeit, dass wir hier verschwinden.“

(aus George Orwell „Tage in Burma“, S.46)

Mehr möchte ich gar nicht verraten, kann aber nur jede und jeden animieren und ermutigen, diese Bücher zu lesen. Sie können das Verständnis für ein Kapitel der Zeitgeschichte fördern, eine mittlerweile untergegangene Welt vor Augen führen und zugleich auf äußerst kurzweilige Art, Hintergründe zu George Orwells Leben und späterem literarischen Werk vermitteln – wirklich lesenswert!

***

Ohne einen besonderen Menschen, der leider schon lange nicht mehr unter uns weilt, der aber einige Jahre in Burma verbracht hat, hätte ich diese Bücher sicher nicht gelesen. Daher mache ich heute etwas, das ich noch nie gemacht habe: Ich widme ihm diesen Blogbeitrag, denn ich hätte ihn so gerne noch so vieles gefragt. Zum Beispiel, ob er Orwells „Tage in Burma“ gelesen hat.

Schönheit hat keine Bedeutung, wenn man sie nicht teilen kann.“

(aus George Orwell „Tage in Burma“, S.91)

Und auch wenn ich das Land, das heute Myanmar heißt, selbst wohl nie bereisen werde, bin ich dankbar für diese Leseerfahrung bzw. darüber wie wunderbar sich diese Bücher ergänzt haben und mir so eine unvergessliche literarische Reise nach Burma, aber vor allem auch in die Lebens- und Gedankenwelt George Orwells geschenkt haben.

Buchinformationen:

George Orwell, Tage in Burma
Aus dem Englischen von Manfred Allié
Dörlemann
ISBN: 978-3-03820-980-5

Paul Theroux, Burma Sahib
Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelius Reiber
Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87796-9

Rebecca Solnit, Orwells Rosen
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
Rowohlt Hundert Augen
ISBN: 978-3-498-00313-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich das Orwell-Trio:

Zum Weiterlesen (I):
Kein bisschen an Aktualität verloren hat George Orwells Werk „Farm der Tiere“, das ich in den letzten Jahren wiedergelesen und auch als Theaterstück gesehen habe und das wohl in keinem gut sortierten Bücherregal fehlen darf.

George Orwell, Farm der Tiere
Aus dem Englischen von Michael Walter
Diogenes
ISBN: 978-3-257-20118-5

Zum Weiterlesen (II):
1984“ war mein persönlicher Einstieg in Orwells Werk – vor vielen Jahren – allerdings erst deutlich nach 1984 – habe ich es gelesen und mittlerweile ebenfalls wieder gelesen. In „Burma Sahib“ lässt Paul Theroux die großen Lebensthemen von Eric Blair bzw. George Orwell bereits anklingen…

„Stell dir vor“, hatte er einmal gesagt, als sie in seinen Armen lag, „eine gesamte Gesellschaft wäre wie ein Panopticon, mit einem Tyrannen im Zentrum, im Wachturm. Er würde uns sehen, er würde jeden sehen, und nirgends gäbe es Geheimes und Vertraulichkeiten.“

(aus Paul Theroux „Burma Sahib“, S.370)

George Orwell, 1984
Übersetzt von Michael Walter
Ullstein
ISBN: 978-3-548-23410-6

5 Kommentare zu „Mit Orwell nach Burma

    1. Ja, das war wirklich eine schöne Leseperlenkette, die sich da wunderbar ergeben bzw. ergänzt hat. Und wie gesagt, ein schöner Anlass, den Orwell endlich zu lesen. Herzliche Grüße und schöne Ostertage! Barbara

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    1. Dankeschön, Anna. Gern geschehen. Ja, mich hat diese Kombination wirklich richtig gefesselt und begeistert. Für mich werden diese Bücher wohl jetzt geistig immer gemeinsam abgespeichert bleiben. Herzliche Grüße! Barbara

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