Der März fühlte sich über weite Strecken schon noch recht winterlich an und doch ließen so manch sonniger Tag und die herausspitzenden Krokusse auch erste Frühlingsgefühle aufkommen. Zudem weckten zwei zauberhafte Ausstellungen für Junge und Junggebliebene schöne Kindheitserinnerungen.
Ein regelrechtes Krokusmeer gab es vor dem Münchner Nationaltheater zu bestaunen, bevor ich dann die Premiere der Neuinszenierung von Verdis „Rigoletto“ genießen durfte. Ein ganz besonderer Abend – musikalisch hervorragend – persönlich begeisterten mich gesanglich vor allem Serena Sáenz als Gilda und Ariunbaatar Ganbaatar als Rigoletto.
Nach dem düsteren Rigoletto bot dann die durch das Theater Regensburg wiederentdeckte Joseph Beer-Operette „Polnische Hochzeit“ einen frischen, farbenfrohen Kontrast mit schwungvoller Musik und einem Regiekonzept, das trotz großem Revue- und Operettenspektakel auch Platz für nachdenkliche Töne ließ. Große Empfehlung!
Und in meinem Landshuter Heimattheater hatte ich viel Freude mit dem Schauspiel „Der Menschenfeind“ – Molières Misanthrop in der Fassung von Botho Strauß. Ein toller Theaterabend, der wieder einmal bewies, wie aktuell, modern und frisch auch ein 1666 uraufgeführtes Stück heute noch sein kann und ein Landshuter Theaterensemble, das glänzen durfte.
Für etwas Leichtigkeit im Alltag und Balsam für die Seele sorgten zwei ganz wunderbare Ausstellungen, die in Kindheitserinnerungen schwelgen lassen:


Die kleine, aber feine Ausstellung „Tove Jansson: Die Welt der Mumins“ im Münchner Literaturhaus, die mittlerweile aufgrund des großen Erfolgs noch bis zum 31.07.2026 verlängert wurde und „Pumuckl – die Ausstellung“ im Landshuter Kasimirmuseum (11.10.2025 – 28.09.2026). In beiden Ausstellungen gab es nicht nur viele glückliche Kinderaugen, sondern auch informative Hintergrundinformationen zu den Lebenswegen der Künstlerinnen Tove Jansson und Ellis Kaut.
Und wann hat man schon mal die Möglichkeit zum Beispiel Pumuckls Bettchen und seine Schiffschaukel aus Meister Eders Werkstatt live zu sehen?
Über meine Leseperlenkette zum Thema George Orwell und Burma hatte ich ja schon in einem ausführlichen Blogbeitrag berichtet: Paul Theroux’s Roman „Burma Sahib“ ergänzte die Lektüre von George Orwells „Tage in Burma“ auf großartige Weise und eröffnete mir eine neue Sicht auf die Jugend und den Werdegang des berühmten Schriftstellers.
Schon seit dem ersten Band verfolge ich die Krimireihe um den Pariser Commissaire Lacroix von Alex Lépic und so ließ ich mir auch vom neuesten Fall „Lacroix und der Flussschiffer von der Seine“ eine glückliche und entspannte Lesezeit schenken – vielleicht einer der Momente, die im Buch wie folgt beschrieben werden:
„Es gab diese Tage, an denen Commissaire Lacroix erwachte und gänzlich grundlos gute Laune hatte. Dieses leise Glück hatte ihn in seinen fast sechzig Lebensjahren schon so oft ereilt – und er musste zugeben: Je älter er wurde, desto häufiger waren ihm diese Augenblicke vergönnt.“
(aus Alex Lépic „Lacroix und der Flussschiffer von der Seine“, S.10)
Sehr genossen habe ich auch meine nächste Lektüre von Rebecca Solnit mit ihrem Band „Umwege – Essays für schwieriges Terrain“, der mich (wie auch schon „Orwells Rosen“) erneut mit klugen Gedanken begeistert und berührt hat.
„Wir erzählen einander Geschichten, wie man Samen in die Erde legt – ohne zu wissen, was keimen, was nähren und was eingehen wird, und eben auch ohne zu wissen, was gehört werden, wer uns lauschen und was vom Erzählten beim Lauschenden ankommen wird. Ich formuliere das wie ein Grundprinzip, aber man erzählt mir etwas, oder ich lese etwas, und manches davon ist ein wahres Geschenk, eine Kerze, die Licht in eine Zimmerecke bringt, ein Blitz oder die Wärme des Sonnenscheins. Manches davon ist wie ein Samenkorn, das in der Dunkelheit langsam heranwächst und eines Tages die Oberfläche durchbricht.“
(aus Rebecca Solnit „Umwege“, S.239)
Wie meist bei den Büchern des italienischen Autors Roberto Saviano handelt es sich auch bei „Treue – Liebe, Begehren und Verrat – Die Frauen in der Mafia“ um starken Tobak. In diesem Buch hat er sich auf die Rollen der Frauen in der Mafia konzentriert und schildert in seinem Sachbuch reale Personen und Begebenheiten. Schonungslos und nichts für schwache Nerven.
Als ich Jana Hensels neues Buch „Es war einmal ein Land – Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet“ auf der Sachbuchbestenliste des Deutschlandfunks entdeckt habe, war schnell klar, dass ich es unbedingt lesen möchte. Die Mitarbeiterin der ZEIT, die in Leipzig aufgewachsen ist und als 13-Jährige gemeinsam mit ihrer Mutter an den Montagsdemonstrationen teilgenommen hat, hat ein wichtiges und für mein Dafürhalten erhellendes Buch über die politische Entwicklung der letzten Jahre und Jahrzehnte geschrieben.
Lange hatte ich mich dem Hype um Nelio Biedermanns „Lázár“ entzogen, doch jetzt hat mir mein Lesekreis die Entscheidung „Lesen oder nicht Lesen“ abgenommen. Bereut habe ich die Lektüre nicht. Doch obwohl es sich sehr soghaft-flüssig lesen ließ, konnte es mich letztlich nicht so nachhaltig begeistern wie manche Mitlesenden oder das deutschsprachige Feuilleton.
„Der Schriftsteller fürchtet sich vor nichts mehr als vor dem Glück, was nur verständlich ist, denn Schreiben ist Konservieren, Festhalten, Ordnen, das Glück aber meidet die Sprache, entzieht sich den Wörtern, versteckt sich in der Vergänglichkeit und zerfällt, wenn man es zu erklären versucht.“
(aus Nelio Biedermann „Lázár“, S.108)
Um so mehr genossen habe ich jedoch die Lektüre von Ferdinand von Schirachs erstem Jugendbuch „Alexander“, in dem er nicht nur auf verständliche Weise die Grundlagen der Demokratie und die Basis eines friedlichen Miteinanders ergründet, sondern das er auch noch selbst illustriert hat.
„Ja, es ist nicht immer leicht, das Richtige zu tun. Oft genug wirst du damit scheitern. Aber das ist nicht schlimm. Schlimm ist nur, das Richtige erst gar nicht zu versuchen“, sagte der Leuchtturmwächter.
(aus Ferdinand von Schirach „Alexander“, S.38)
Anspruchsvoll und lohnenswert habe ich auch die Lektüre von Federica Manzons Roman „Alma“ empfunden, in welchem eine Frau nach dem Tod des Vaters in die Heimatstadt Triest zurückkehrt und sich auf die Spuren der Vergangenheit begibt. Eine ausführliche Rezension gibt es auf Zeichen&Zeiten zu lesen.
„Alle Geschichten enden auf einer Insel, pflegte ihr Vater zu sagen. Doch Alma hat den Verdacht, dass die Insel für sie erst der Anfang ist.“
(aus Federica Manzon „Alma“, S.34)
Und auch im März konnte ich wieder ein Buch im englischen Original lesen. Dieses Mal war es der schillernde Zwanziger Jahre-Krimi „The Shrines of Gaiety“ von Kate Atkinson, der mich in die Nachtclubs und das Rotlichtmilieu Londons bzw. Sohos abtauchen ließ.
„You’ve made fame sound very pedestrian, Chief Inspector. It’s a word that seems to demand a sparkle.“
(aus Kate Atkinson „The Shrines of Gaiety“, S. 73)
In großem Kontrast dazu – völlig andere Welt und andere Zeit – stand dann Svenja Leibers Roman „Nelka“, der von einer Zwangsarbeiterin aus Lemberg erzählt, die während des zweiten Weltkriegs auf einem norddeutschen Gutshof arbeiten muss und durch ihr Wissen hilft, eine Apfelplantage aufzubauen. Ein leises, aber eindringliches Buch gegen das Vergessen. Und auch hier möchte ich gerne wieder die ausführliche Besprechung auf Zeichen&Zeiten empfehlen.
„Und wir können, wenn es sein muss, ein Leben lang warten. Und es musste oft sein. Und vielleicht hat Gott uns dafür den Tee geschenkt.“
(aus Svenja Leiber „Nelka“, S.194)
Und auch einen italienischen Coming-of-Age-Roman habe ich diesen Monat noch gelesen, der für mich jedoch vor allem aufgrund der dichten Atmosphäre und fein geschilderten Zeit des ereignisreichen September 1972, spannend zu lesen war: Sandro Veronesi, der bereits zweimal den renommierten Premio Strega erhalten hat, verwebt in „Schwarzer September“ das ligurische Strandleben, die erste Liebe, eine Familientragödie und das Münchner Olympia-Attentat auf fesselnde Art und Weise.
Die nächste Lesekreis-Lektüre für den April in Form von John von Düffels „Goethe ruft an“ konnte mich leider nicht überzeugen. Der Funke bzw. der auf dem Klappentext angepriesene „satirische Witz“ hat bei mir leider nicht gezündet.
Was bringt der April?
Das, was wir daraus machen oder wie es Rebecca Solnit so schön formuliert hat:
„Hoffnung ist in diesem Sinn schlicht die Erkenntnis, dass die Ungewissheit eventuell Raum dafür lässt, sich zu den besten Möglichkeiten hin- und von den schlechtesten wegzubewegen, dass die Zukunft, anders, als ihr oft angedichtet wird, eben kein bereits existierender Ort ist, zu dem wir uns hinschleppen, sondern einer, den wir mit unseren Handlungen – oder unserem Nichtstun – in der Gegenwart erst schaffen. Genauer gesagt besteht Hoffnung aus dieser Erkenntnis sowie der Bereitschaft, auf die besseren Möglichkeiten innerhalb des Spielraums des Ungewissen hinzuarbeiten.“
(aus Rebecca Solnit „Umwege“, S.10)
Für mich bringt der April musikalisch vor allem ein Konzert mit dem wunderbaren „Requiem“ von Gabriel Fauré, sowie ein weiteres großes Wagner-Ereignis im Landestheater Niederbayern: „Parsifal“.
Zudem freue ich mich auf eine Auszeit mit Bergluft, frischem Wind, Inspiration und neuen Perspektiven.
Gerne auch verbunden mit „leisem Glück“ und etwas „Sparkle“.
Du musst das Leben nicht verstehen
Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.(Rainer Maria Rilke, 1875 – 1926)
Mit Rilkes weisen und zeitlosen Worten wünsche ich allen einen blühenden, inspirierenden und frühlingshaften April mit Hoffnung, schönen Momenten, guten Büchern und bereichernden Erlebnissen!
Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight März:
Nachgebacken wurden die feinen Tahinkekse mit Rosmarin, die ich vor kurzem in schönem Rahmen verkosten und schätzen lernen durfte.
Musikalisches im März:
Einen richtigen Ohrwurm habe ich dem Münchner Lukaschor verdanken, der für das Konzert „Hope – Musik der Zuversicht“ (eine feine Zusammenstellung von selten aufgeführten Kompositionen weiblicher Komponierender und Composer of Colour) in der Landshuter Christuskirche zu Gast war – und zwar Reginal Wrights Stück „We are the Music Makers“.











Ein kalter Wind pfeift
um die Ecken in der Stadt
heißt: warm anziehen.
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