Tanzende Legende

Isadora Duncan – eine rebellische, starke und außergewöhnliche Frau und Künstlerpersönlichkeit mit einer Lebensgeschichte, die wie kaum eine andere von extremen, nahezu unbeschreiblichen Höhe- und Tiefpunkten geprägt ist. Auch bei der Lektüre der Biografie „Lasst uns tanzen und Champagner trinken – trotz alledem!“ nimmt Michaela Karl die Leserschaft mit auf eine Reise durch ein Wechselbad der Gefühle und lässt sie an umjubelten Erfolgen ebenso teilhaben, wie an unfassbaren Schicksalsschlägen und beschreibt das bewegte Leben der berühmtesten Tänzerin ihrer Zeit, die unter anderem auch durch ihren frühen und tragischen Tod endgültig zur Legende wurde.

„Ich wurde am Meeresstrand geboren, und wunderbarerweise haben sich fast alle wichtigen Ereignisse meines Lebens am Meer abgespielt. Dem Rhythmus der Wellen, der Harmonie des Meeres habe ich wohl auch den ersten Impuls zu meinen Tanzbewegungen zu verdanken.“

(S.30; aus Isadora Duncan: Memoiren, Frankfurt a.M. 1988, S.11)

Isadora Duncan wurde 1877 in den USA in San Francisco geboren.
Schon die Kindheit war geprägt von Phasen der Armut und doch liegen auch die kreativen, musikalischen und tänzerischen Wurzeln Isadora’s bereits im Elternhaus begründet.

„Eigentlich aber seien es vor allem das Meer, das Klavierspiel ihrer Mutter, der Wind, Botticellis Primavera und Shelleys Gedicht „Sensitive Plant“ gewesen, die ihre Ideenwelt geprägt hätten.“

(S.57)

Und auch die familiären Schwierigkeiten, die Scheidung der Eltern und der abwesende Vater werden sie ihr Leben lang prägen. Schon früh beschließt sie daher, dass sie sich nicht an einen Mann binden und ein finanziell unabhängiges, freies Leben führen möchte, was ihr rückblickend betrachtet jedoch nicht immer gelingen wird.

Inspiriert durch die Natur, durch die griechische Antike und zahlreiche künstlerische Einflüsse machte Isadora ihre ersten Karriereschritte in den Vereinigten Staaten, bevor sie nach Europa ging und schließlich zu einem der ersten weiblichen Weltstars wurde. Ihre eigene, innovative Art zu tanzen – die auf Fotografien leider heute nur noch zu erahnen ist – legt den Grundstein zum „Modern Dance“ und wird über viele Jahrzehnte andere Künstler, Tänzer und Choreografen inspirieren und beeinflussen.

Ihr Leben gleicht einem wilden Ritt auf der Rasierklinge, den Michaela Karl eindrucksvoll und authentisch beschreibt, indem sie auch viel mit Zitaten Duncan’s selbst und ihrer Zeitgenossen arbeitet. So wird die turbulente und schillernde Lebensgeschichte sehr plastisch und für den Leser erfahrbar.

Es war die Zeit der Jahrhundertwende, des Jugendstils, der Belle Epoque, der Weltausstellungen – eine Zeit des Umbruchs und des Wandels – Isadora tourte und gab Gastspiele auf dem Grünen Hügel in Bayreuth – dort tanzt sie das Bacchanal im Tannhäuser – aber unter anderem auch in St. Petersburg, London und Paris.

Duncan hatte ein Faible für Champagner und erstklassige Hotels – unabhängig davon ob es ihre aktuelle finanzielle Lage erlaubte oder nicht. Immer wieder stand sie – trotz großer Erfolge und Einnahmen – wirtschaftlich und finanziell vor dem Nichts.

Privat hatte sie meist ein sehr schlechtes Händchen bei der Auswahl ihrer Partner – ihr Liebesleben war kompliziert und geprägt von häufig wechselnden Beziehungen. Vom schwersten Schicksalsschlag – dem Verlust ihrer beiden Kinder bei einem tragischen Unfall – hat sie sich seelisch nie mehr vollständig erholt.

Ihr Leben war geprägt von stetem sich Wiederaufrappeln, der Suche nach Liebe, Gönnern und Finanziers und dem Wunsch, ihre Träume zu verwirklichen.
Einer davon war die eigene Schule für Mädchen, welche sie zu selbstständigen Persönlichkeiten und ausdrucksstarken Tänzerinnen erziehen wollte. Doch auch hier gab es Licht und Schatten: so erfolgreich sie mit einigen ihrer besten Schülerinnen – den Isadorables – gemeinsam auf der Bühne war, so gab es auch schmerzliche Kapitel und Zeiten, in welchen sie ihre Schützlinge alleine und im Stich ließ.

Sie war zweifelsohne eine der prägendsten Frauen in der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts und ihr Leben bot Stoff für Klatschmagazine und Hollywoodfilme. Doch sie war auch eine Rebellin, eine Vorreiterin und eine Kämpferin, die unbeirrt versuchte, ihren Weg weiter zu gehen.

Michaela Karl’s Biografie liest sich sehr flüssig und lässt einem aufgrund der Dramatik der Ereignisse immer wieder den Atem stocken. Ein Leben, das man sich nicht ausdenken kann – bis hin zu ihrem Tod, als sich ihr Schal im offenen Wagen in den Speichen des Hinterrads verfängt und ihr das Genick bricht. Eine dramatische, aufwühlende und spannende Lektüre, über eine streitbare und interessante Frau, die vermutlich schon ihre Zeitgenossen in zwei Lager spaltete: man liebte oder verachtete sie und ihre Kunst – dazwischen gab es wohl wenig.

„(…) Isadora Duncan war die Königin des Scheiterns, des Aufstehens, des Überlebens größter Katastrophe und Tragödien – und das alles mit einer ungebrochenen Leidenschaft fürs Leben und einem schier unerschütterlichen Humor (…)“

(S.11)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim btb Verlag (Penguin Randomhouse), der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Michaela Karl, Lasst uns tanzen und Champagner trinken – trotz alledem!
btb
ISBN: 978-3-442-75875-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Michaela Karl’s „Lasst uns tanzen und Champagner trinken – trotz alledem“:

Für den Gaumen:
Unabhängig ihrer stark schwankenden und häufig prekären finanziellen Situation, hatte für Isadora der Genuss stets einen hohen Stellenwert. In einer der reicheren Phasen – an der Seite des Nähmaschinen-Erben Paul Singer, schwelgt sie im Luxus:

„Die Tänzerin speist in den vornehmsten Pariser Restaurants, labt sich an Trüffel, Champagner, Wachteln und edlen Weinen.“

(S.225)

Zum Weiterhören:
Isadora Duncan tanzte häufig zu klassischer Musik – Mendelssohn Bartholdy, Chopin oder aber auch Beethoven. Legendär waren auch ihre Auftritte zum „Donauwalzer“ von Johann Strauss.

Zum Weiterschauen:
Doch auch Künstler anderer Kunstrichtungen inspirierten Isadora Duncan zu ihren Tänzen, wie zum Beispiel der Dichter Walt Whitman, der Bildhauer Auguste Rodin oder der Maler Sandro Botticelli – dessen „Primavera“ zu ihren Lieblingsgemälden zählte:

„Ich blieb so lange dort sitzen, bis ich die Blumen tatsächlich wachsen sah. (…) In mir erwachte die freudige Gewissheit, dass ich dieses Bild tanzen und meinem Publikum die Botschaft der Liebe, des Frühlings und der Erschaffung des Lebens mitteilen wollte.“

(S.124; aus Isadora Duncan: I’ve only danced, S.106)

Zum Weiterlesen:
Dieses Jahr entführte mich auch schon Julian Barnes in die Zeit der Belle Époque – in seiner Kulturgeschichte „Der Mann im roten Rock“ , die ich hier auf der Kulturbowle besprochen habe, trifft man so manchen Zeitgenossen aus Isadora Duncan’s Biografie wieder.

Julian Barnes, Der Mann im roten Rock
Aus dem Englischen von Gertrude Krueger
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05476-7

Erinnerungswurlitzer

Es gibt Bücher, die gehen unter die Haut und berühren tief im Inneren: Sibylle Schleicher hat mit „Die Puppenspielerin“ ein solches geschrieben – ein Herzensbuch, ein tieftrauriger und doch hoffnungsvoller Roman über Familienbande und das Abschiednehmen von einem geliebten Menschen. Ein ernstes, schwieriges Thema, das die in Österreich geborene Autorin, die heute in Ulm lebt, ihren Lesern auf sehr behutsame und gefühlvolle Art näher bringt. Ein mutiges Unterfangen, zumal es für die meisten in der Regel bequemer ist, sich nicht freiwillig mit dem Themengebiet des Sterbens und des Todes auseinanderzusetzen.

Sarah und Sophie sind Zwillinge und Zeit ihres Lebens verbindet die Schwestern ein ganz besonderes und inniges Band.

„Mit einem Zwilling an der Seite kann einem nichts passieren, sagt Sarah. Zu zweit war alles halb so schlimm und doppelt so schön.“

(S.16)

Mittlerweile sind beide Anfang Vierzig, haben eigene Familien gegründet und dennoch verbindet sie weiterhin die Leidenschaft des Puppenspiels: Sophie schreibt die Stücke, Sarah baut die passenden Puppen dazu – ein Gemeinschaftsprojekt der Zwillingsschwestern. Sie scheinen unzertrennlich, doch plötzlich schlägt das Schicksal zu und Sarah erkrankt schwer.

Die Familie begleitet sie durch die schwierige Zeit der Unsicherheit, der Untersuchungen, der Suche nach einer Diagnose und der richtigen Therapie – ein Leidensweg beginnt. Sophie versucht, für die Schwester und deren Familie da zu sein, den Neffen und Schwager zu versorgen und Halt zu geben. Die Familie rückt zusammen.

Sibylle Schleicher hat eine sehr intime, ehrliche und eindringliche Geschichte verfasst, die erzählt, was eine lebensbedrohliche Erkrankung eines engen Familienmitglieds auslöst, welche Mechanismen und Verhaltensweisen an den Tag gelegt werden, mit der Situation umzugehen und welche Wucht der Veränderung ein solcher Schicksalsschlag besitzt.

Natürlich sind da Angst, Verzweiflung, Hilflosigkeit und Wut, aber die Autorin zeigt auch, dass eine Familie sich in einer solchen Ausnahmesituation bedingungslos gegenseitig stärken, unterstützen und tragen kann.

Doch erst einmal steht die Welt in der betroffenen Familie still – das Weltgeschehen, die Nachrichten all das hat plötzlich keine Bedeutung mehr. Der Alltag tritt außer Kraft und doch sind es teils auch die alltäglichen Verrichtungen, Handgriffe und Routinen, an die man sich klammert und die ein Gerüst geben sollen.

„Aber manche Momente sind stark genug, dass sie ohne jede Erinnerungsstütze überdauern und für alle Zeit abrufbar sind.“

(S.50)

Besonders berührend finde ich die Szenen, in welchen Schleicher beschreibt, welche Kraft eine gemeinsame Kindheit und schöne Erinnerungen haben können. Wie wichtig und natürlich es ist, sich in Krisensituationen wieder an glückliche Zeiten zu erinnern: Familienfeste, unbeschwerte Sommertage, gelebte Traditionen und Bräuche – all das kann Trost spenden.

„Die alten Geschichten aufwärmen, denke ich. Eigentlich wärmen nicht wir sie auf, sondern sie uns. Sie haben noch so eine Kraft. Lebendige Erinnerungen, egal, wie nah sie an der Wahrheit liegen. Die Kindheit ein Brunnen, der nicht versiegt.“

(S.57)

Die Schönheit der Natur sehen, ein gutes Essen genießen, Musik, kleine Glücksmomente, ein gemeinsames Lachen, beherztes Ansingen gegen Schmerzen und Angst, ein Rückbesinnen auf Traditionen und Glauben – die Autorin hat meisterhaft zusammengestellt, wie Menschen sich einer schwierigen Situation stellen. Das Auf und Ab zwischen Hoffen und Bangen ist so authentisch geschildert, dass man bei der Lektüre Seite für Seite und Zeile für Zeile mitleidet – ein zutiefst empathisches Buch.

„Dann greifen Bilder aus der Vergangenheit nach mir, wie der Greifarm vom Wurlitzer nach einer Platte fasst und sie auflegt.“

(S.209)

Die Autorin findet wunderbare und einfühlsame Worte in einer Sprache, welche dem ernsten Thema stets gerecht wird. Schön auch, dass an der einen oder anderen Stelle die österreichischen Wurzeln der Autorin sprachlich anklingen – das machte die Lektüre für mich noch authentischer. Und auch das gelungene Umschlagbild spielt sowohl auf die steirische Bergwelt als auch durch die gespiegelte, gedoppelte Darstellung auf die Zwillinge als Besonderheit an.

„In der Erinnerung war alles schön, und wenn wir unsere Geschichten weitererzählen, müssen sie immer irgendwann lustig werden. Man erinnert sich das so hin, wie man es am liebsten gehabt hätte, aber es war oft ganz anders.“

(S.210)

„Die Puppenspielerin“ ist sicherlich ein Buch, das für manche außerhalb der Komfortzone liegen mag, aber es ist auch ein Roman, der bewusst wieder einmal vor Augen führt, wie kostbar und schön das Leben ist. Ein mutiges, gefühlvolles und zärtliches Buch über die Macht der Familie und der Erinnerung – aber auch über Abschied, Trauer und Weiterleben. Eine emotionale und lohnende Lektüre, die den Blick aufs Wesentliche schärft.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kroener Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Sibylle Schleicher, Die Puppenspielerin
Kroener
ISBN: 978-3-520-75601-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Sibylle Schleicher’s „Die Puppenspielerin“:

Für den Gaumen:
Es gibt Gerichte, welche in schweren Zeiten gut tun, Trost spenden und sprichwörtlich Leib und Seele zusammenhalten: Im Roman sind dies zum Beispiel Lasagne oder ein Süßkartoffelauflauf.

Zum Weiterhören:
Die Zwillingsschwestern tauschen musikalische Empfehlungen aus und geben sich gegenseitig Höraufgaben, was sich die andere Schwester jeweils anhören sollte – eine schöne Idee, wie ich finde.

„Die Reformations-Sinfonie von Mendelssohn. Eine Empfehlung von Sarah. Sie hört im Gegenzug die Walzer von Schostakowitsch.“

(S.28)

Zum Weiterschauen:
Ein Gemälde, das im Buch Erwähnung findet und auch einen wesentlichen Aspekt des Romans widerspiegelt ist „Der Tod im Krankenzimmer“ des norwegischen Malers Edvard Munch, das sich im Besitz des Munch Museums in Oslo befindet.

Zum Weiterlesen:
Im vergangenen Jahr habe ich Thomas Hettche’s Roman „Herzfaden“ hier auf der Kulturbowle vorgestellt – im Zentrum steht die Augsburger Puppenkiste, die wohl zu den bekanntesten Puppentheatern im deutschsprachigen Raum zählt. Ebenso ein eindrucksvolles Buch über die Kraft des Theaters, die Kreativität und eine Familie, die in schweren Zeiten zusammenhält.

Thomas Hettche, Herzfaden
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05256-5

Septemberbowle 2021 – Sonnenstrahlen und Lebensgeister

Der September verwöhnte uns mit Wärme, hellen, freundlichen und sehr sonnigen Tagen und so kamen tatsächlich noch einmal Sommergefühle auf. Noch einmal Sonnenstrahlen auf die Nase scheinen lassen und die Zeit im Freien genießen – all das weckte die Lebensgeister ebenso wie der Beginn der neuen Theaterspielzeit und die zunehmenden kulturellen Möglichkeiten.

Die neue Spielzeit des Landestheater Niederbayern startete mit einem Vorgeschmack auf das Programm 2021/2022 im Rahmen einer Spielplanshow, die in einer Art „Best of“ in kurzen Szenen von einigen Minuten jeweils einen Eindruck in die Schauspiele, Opern und Musicals gab, auf die man sich in dieser Saison freuen darf. Da ist sehr viel Spannendes und Schönes dabei und schon die erste Premiere „The King’s Speech“ konnte mich gleich hellauf begeistern.
Zudem werde ich wohl mit einiger Sicherheit auch bald vom neuen Italo-Pop-Musical „Azzurrodue“ berichten, das ebenfalls im September in Landshut Premiere feiern durfte – ein Abend mit grandioser Musik und guter Laune pur!

Auch im Filmbereich habe ich für mich Neues entdeckt: „Yesterday“ – ein liebenswerter, feiner Film mit einer witzigen Idee: Stell Dir vor, Du erwachst und bist der einzige Mensch auf der Welt, der noch weiß, wer die „Beatles“ sind und ihre Lieder kennt. Eine schöne Erinnerung an tolle Musik und kurzweilige Unterhaltung.

Überhaupt war der September ein sehr musikalischer Monat: Mit einem besuchten Livekonzert von „Evi Keglmaier und Johannes Öllinger“ im Rahmen des Landshuter Kulturfestivals, der Oper „Turandot“ aus St. Margarethen im Fernsehen und dank des 3Sat-Mitschnitts der „Last Night of the Proms“ aus der Londoner Royal Albert Hall.

Zudem war der September auch ein Monat des Gedenkens:
Am 11. September jährte sich 9/11 zum zwanzigsten Mal. Die berühmte Kugelkaryatide des Landshuter Künstlers Fritz Koenig, die vor dem World Trade Center stand, überstand den Anschlag – zwar verletzt und beschädigt – und wurde zum Mahnmal: Ein Anlass für das Landshuter Koenigmuseum vom 11.09.2021 – 11.02.2022 die Ausstellung „9/11 und die Koenig Kugel“ zu zeigen.
Sehenswert ist in diesem Zusammenhang auch der Dokumentarfilm vom Percy Adlon „Koenigs Kugel“ und auch der Bayerische Rundfunk widmete der Kugel eine neue Sendung „Koenigs New Yorker Kugel – Eine Skulptur wird zu Symbol“, die noch bis zum 09.09.2022 in der BR Mediathek zu sehen ist.

Aufgrund des behutsam wieder zurückkehrenden Alltags, der zunehmenden Möglichkeiten, des Auskostens des fantastischen Wetters und der schönen Liveerlebnisse im Theater, blieb dann auch etwas weniger Zeit für die Buchlektüre übrig.

Doch der September hat dennoch eine schöne, literarische Mischung für mich bereitgehalten:
Ein Krimi so richtig nach meinem Kulturbowle-Geschmack war Leif Karpe’s „Die Göttin, die von Blüten träumte“, der ein wahres Feuerwerk an Querbezügen zu Kunst, Malerei, Musik, Film und Literatur zündete. Der zweite Fall um Peter Falcon wurde so für mich zur inspirierenden und äußerst unterhaltsamen Krimilektüre, die bei mir die Lust weckte, auch den ersten Fall auf meine Leseliste zu setzen. Ein kreativer und künstlerischer Krimi, den ich einmal angefangen kaum noch weglegen konnte.

Ein weiterer Krimi, der sich ebenso wohltuend von den üblichen Mainstream-Krimis von der Stange unterscheidet, ist Constanze Scheib’s „Der Würger von Hietzing“, in dem sie zum ersten Mal die „gnä’ Frau“ Ehrenstein ermitteln lässt. Wien in den wilden Siebziger Jahren und die feine Dame aus noblem Hause ermittelt aus Langeweile auf eigene Faust in einem Mordfall. Wer Wien liebt, gerne komödiantisch-witzige und unblutige Krimis mit leicht verschroben-schrägen Figuren und der gehörigen Portion „Schmäh“ mag, der kann mit diesem Buch – wie ich – amüsante Krimistunden verbringen.

Ein leuchtend gelber Umschlag und ein Titel, der mich aus verständlichen Gründen, regelrecht anspringt: An Alina Bronsky’s „Barbara stirbt nicht“ konnte ich also quasi gar nicht vorbei und habe es auch keine Sekunde bereut. Ich mochte schon „Baba Dunjas letzte Liebe“ sehr und auch der neue Roman der Autorin ist ein besonderes Leseerlebnis. Große Gefühle, feine Beobachtungen, eine unverwechselbare Hauptfigur und eine famose Mischung aus Tragik und Komik, wie man sie nur selten zu lesen bekommt. Witz und Tiefgang gepaart mit großer Menschlichkeit – herzerwärmend!

Eine intensive und lange nachklingende Lektüre war ein Roman aus dem Jahr 1937, der jetzt wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde: Theodor Wolff „Die Schwimmerin“. Ein vielschichtiges Werk, das vor allem aufgrund seiner Klugheit und Weitsicht, sowie der feinen, präzisen Beschreibungen der Personen und zeitlichen Umstände eine ganz besondere Faszination ausübt. Ein Buch, das im Kontext zur heutigen Zeit gelesen kaum aktueller und zeitloser sein könnte.

Kindheitserinnerungen an Wilhelm Busch und die Streiche der ewigen Lausbuben weckte Johannes Wilkes mit seinem Krimi „Max und Moritz – Was wirklich geschah“. Phantasievoll erzählt er die spannende, neue Geschichte hinter den Ereignissen um Witwe Bolte, Schneider Böck, Lehrer Lämpel, Onkel Fritz und den beiden Jungen. Denn als letztere spurlos verschwinden, müssen Kommissar Mütze und sein Partner Karl-Dieter sich auf die Suche nach ihnen und der Wahrheit begeben.

Was bringt der Oktober?
Für mich geht es sicher wieder ins Theater und auch an die frische Luft: Durchschnaufen, Atem holen und buntes, raschelndes Laub und herbstliche Farben genießen. Ich hoffe auf einen goldenen Oktober, schöne Herbsttage, Zeit in der Natur und für gute Lektüre, denn auf meinem Stapel wartet so einiges, das endlich entdeckt werden will.

Genießt die Zeit! Geht ins Kino, Theater oder ins Konzert und unterstützt die Kulturszene, die sich so sehr über die Wiederbegegnung mit dem Publikum und über Besucher freut! In diesem Sinne wünsche ich allen einen schönen, farbenfrohen, freundlichen und gesunden Herbst!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight September:
Wenn der Sommer geht und der Herbst kommt, dann ist auch wieder Suppenzeit: ein Klassiker, durch den und für den ich mich immer wieder erwärmen kann, ist eine schöne Grießnockerlsuppe – wärmt, sättigt, macht glücklich.

Musikalisches im September:
Die größte musikalische Überraschung diesen Monat war für mich das Comeback von ABBA mit zwei neuen Singles „I still have faith in you“ und „Don’t shut me down“ – der unverwechselbare, einzigartig ABBA-Klang ist wieder da! Nach fast 40 Jahren – ABBA hatte sich 1982 getrennt – gibt es jetzt tatsächlich wieder neue Musik der schwedischen Band und ab November soll dann das Album „Voyage“ erhältlich sein. Falls noch nicht geschehen, kann ich nur empfehlen in die zwei neuen Songs mal reinzuhören.

Ach!“ spricht er, „die größte Freud’
ist doch die Zufriedenheit!“


(Wilhelm Busch, aus „Max und Moritz“)

Vermisste Übeltäter

Wie lange ist es her, dass ich zuletzt „Max und Moritz“ gelesen habe? Lange – viele, viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte – und doch sind einzelne Absätze und Verse immer noch sehr präsent. Johannes Wilkes hat nun mit „Max und Moritz – Was wirklich geschah“ einen Kriminalroman geschrieben, der nicht nur ein willkommener Anlass ist, sich wieder einmal mit dem Klassiker von Wilhelm Busch zu beschäftigen, sondern ein völlig neues, satirisches Licht auf die altbekannte Geschichte der beiden Lausbuben wirft.

„Wo nur mochten Max und Moritz stecken? Waren sie hier in Finsterfelde? Hielt man sie irgendwo versteckt, in einem Verlies als Kellerkinder, so wie einst Kaspar Hauser?“

(S.26)

Wenn Tante Dörte, diese fürsorgliche und mütterliche Frau, um Hilfe bittet, dann können Karl-Dieter und Mütze ihr diesen Wunsch nicht verweigern. Sie sorgt sich um Max und Moritz, ihre Lieblingsneffen, denn diese scheinen spurlos verschwunden zu sein und auch der Stiefmutter der beiden – Witwe Bolte – traut sie nicht so recht über den Weg. Und so reisen der Kommissar und sein Partner nach Finsterfelde, ein verschlafenes Örtchen in der Mark Brandenburg, um die Jugendlichen zu suchen.

Schon bald merken sie, dass in diesem Ort so einiges im Argen liegt und so mancher Bewohner etwas zu verbergen hat. Und was sollen diese Zettel mit den abstrusen Bildergeschichten, die irgendjemand stets am Friedhof aushängt, um Max und Moritz aufs Übelste zu verleumden?

Auch die Tierwelt scheint im Aufruhr zu sein: sie treffen auf wildgewordene Maikäfer und einen aufgescheuchten Spitz, der sich die Seele aus dem Leib bellt.
Auch Witwe Bolte scheint ihre dunklen Geheimnisse zu haben und offenbart sich nach und nach als aufreizender Vamp in Nahtstrumpfhose, Stöckelschuhen und Spitzenwäsche – von Trauer über ihr Witwendasein ist da wenig zu spüren.

Doch was ist mit den Zwillingen passiert und wer steckt dahinter? Der Schneider, der Lehrer, der Bäcker, der Müller, der Onkel, der Bauer oder die Witwe? Oder sind die beiden Jungs einfach nur ausgerissen und haben sich versteckt?
Immer wieder werden Mütze und Karl-Dieter mit überraschenden und unangenehmen Wahrheiten konfrontiert.

Wilkes holt die Geschichte um „Max und Moritz“ in die Gegenwart: zwei Jungs in Schlabberjeans, mit Baseballkappen und teuren Designerturnschuhen.
Schnell verschwimmen vermeintliche Fakten und Fiktion: tun die Verse den beiden vielleicht Unrecht und verbirgt sich hinter all den Streichen und Übeltaten eine ganz andere Wahrheit?
Es ist eine witzige Idee, Wilhelm Busch’s Geschichte neu zu schreiben und dem bekannten Personal neues Leben einzuhauchen und andere Facetten und Eigenschaften anzudichten. So entsteht ein phantasievoller, satirischer Klamauk, bei welchem es vielleicht an der einen oder anderen Stelle auch gereicht hätte, etwas weniger dick aufzutragen.

Der Krimi liest sich trotz so mancher Übertreibung jedoch sehr kurzweilig – als Hommage auf Wilhelm Busch’s wohl bekanntestes Werk, das auch vollständig im Krimi eingearbeitet und abgedruckt ist – und auch als Liebeserklärung des Autors an die Mark Brandenburg: diese außergewöhnliche Landschaft, die schon Theodor Fontane liebte und in seinem Werk verewigte. Wilkes legt eine literarische Krimispielerei vor, die von Literatur inspiriert und durchdrungen ist und eine amüsante Unterhaltung für Zwischendurch und zur Entspannung sein kann.

„Kurz im ganzen Ort herum
Ging ein freudiges Gebrumm
„Gott sei Dank! Nun ist’s vorbei
Mit der Übeltäterei!“

(Wilhelm Busch, aus „Max und Moritz“)

Die Ermittlerkonstellation aus Kommissar und Bühnenbildner, die zudem ein Paar sind, ist ungewöhnlich und vom Autor sehr humorvoll mit einem liebevollen Augenzwinkern umgesetzt.
Dieser neue Fall ist bereits der dritte Fall für Kommissar Mütze und Karl-Dieter, lässt sich jedoch auch ohne die beiden ersten Bände zu kennen, die sich wohl um Fontane (Band 1) und die Erfurter Gloriosa (Band 2) drehen, als alleinstehender Band gut lesen.

Wilhelm Busch hat „Max und Moritz“ im Jahr 1865 zum ersten Mal veröffentlicht. Nach einem zähen Auftakt trat das nicht unumstrittene Werk einen ungeheuren Erfolgszug um die ganze Welt an und wurde in über 300 Sprachen übersetzt.
Und wenn ein Kinderbuch nach über 150 Jahren noch einen Autor dazu inspirieren kann, einen lustigen, verschmitzten und unterhaltsamen Krimi zu schreiben, dann spricht das ebenfalls für sich.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Johannes Wilkes, Max und Moritz – Was wirklich geschah
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-0049-0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Johannes Wilkes’ „Max und Moritz – Was wirklich geschah“:

Für den Gaumen:
Aus gegebenem Anlass – wer die Geschichte von Max und Moritz kennt, wird wenig verwundert sein – gibt es in der örtlichen Gastwirtschaft häufig Hühnerfrikassee. Zu Beginn ist Karl-Dieter noch erfreut darüber:

„Hühnerfrikassee, warum nicht? Hatte es früher bei Tante Dörte an manchen Sonntagen gegeben. Mit frischen Champignons, Kapern und gebuttertem Reis ein Gedicht.“

(S.18)

Doch irgendwann hat man bzw. Karl-Dieter auch vom besten Gericht genug. Warum also nicht zum Sauerkraut übergehen?

Zum Weiterhören:
Lehrer Lämpel spielt bekanntlich die Kirchenorgel – wohl mehr oder weniger virtuos: Im Krimi greift er daher auf einen wahren Klassiker zurück: „Großer Gott wir loben dich“ – der Text von Ignaz Franz geht laut Wikipedia zurück auf das Jahr 1771 und die Melodie wurde 1776 zum ersten Mal in einem Katholischen Gesangbuch aus Wien abgedruckt.

Zum Weiterlesen:
Man merkt bei der Lektüre, dass Johannes Wilkes ein großer Theodor Fontane-Fan ist, daher wäre es vielleicht mal wieder an der Zeit, einen Klassiker zu lesen. Zu den Werken, die ich von Fontane bisher noch nicht gelesen habe, zählt unter anderem die Kriminalgeschichte „Unterm Birnbaum“ und auch „Grete Minde“ kenne ich noch nicht.

Theodor Fontane, Grete Minde / Unterm Birnbaum: Erzählungen
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3596901463

Schwimmende Veränderungen

Die Schwimmerin“, welche den Untertitel „Roman aus der Gegenwart“ trägt, erschien im Jahr 1937 in Zürich. Über viele Jahrzehnte geriet dieses Werk in Vergessenheit. Schön, dass der Weidle Verlag dieses literarische Zeitdokument Theodor Wolff’s, der bisher vor allem für seine journalistische Tätigkeit als Chefredakteur des Berliner Tageblatts bis 1933 und als Namensgeber für einen der renommiertesten deutschen Journalistenpreise bekannt ist, jetzt wieder der interessierten Öffentlichkeit zugänglich macht.

Das Buch ist nicht nur optisch ein Genuss – in wunderbarem Retro-Design mit dem Originalschriftzug und einer neuen Illustration von Kat Menschik für das Titelbild – sondern offenbart sich auch als literarisch und zeitgeschichtlich hochinteressante Lektüre.

Der Bankier und Lebemann Ulrich Faber begegnet als Gast auf einem sommerlichen Gartenfest einem jungen Mädchen, das sich kämpferisch und rabiat gegen die Übergriffe zweier älterer Jungen wehrt. Es ist Gerda Rohr, die Tochter eines Dienstangestellten des Hauses und die Szene brennt sich in sein Gedächtnis. Doch Faber ahnt noch nicht, dass sich ihre Wege einige Jahre später erneut kreuzen werden.

„Nur ein Erlebnis haftete länger im Gedächtnis: das ungeheure und groteske Schneetreiben der Inflation, in dem Flocken des ersparten Vermögens bacchantisch in der Luft herumwirbelten und dann, in die Gosse niederfallend, gar nichts mehr waren, zu einem Nichts zerrannen.“

(S.43/44)

Weimarer Republik – Berlin in den Zwanziger Jahren – Gerda Rohr mittlerweile zu einer ehrgeizigen, jungen Dame von 17 Jahren herangewachsen, trifft erneut auf den deutlich älteren Faber. Sie bittet ihn um Hilfe. Er besorgt ihr eine Anstellung und sie beginnt in der Bank zu arbeiten, die er vor kurzem verlassen hat. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Beziehung. Sie treffen sich regelmäßig, Faber fördert und beschenkt sie mit dem steten, aber unerfüllten Wunsch nach einem Liebesverhältnis. Obgleich sie in der Bank schnell als Protegé gilt, steigt sie aufgrund ihrer Strebsamkeit und schnellen Auffassungsgabe zügig auf.

Politisch und wirtschaftlich sind die Zeiten turbulent und so treibt es das ungleiche Paar auseinander. Vergessen kann Faber sie auch im französischen Exil, in welches er sich verabschiedet, nicht. Doch die allzu großen Unterschiede und die dunkler werdenden Zeiten halten für die beiden kaum Chancen für ein Happy End bereit.

„Für Menschen seiner Art konnte es vielleicht eine einheitliche Weltanschauung gar nicht mehr geben – das war früher möglich gewesen, bevor es sich zeigte, daß Sterne, an deren Ewigkeit man schon geglaubt hatte, ausgelöscht werden können, als wären sie nur Nachtlämpchen gewesen, und bevor neue Probleme zu dem Mittelpunkt wurden, um den nun alles kreist.“

(S.297)

Der Roman bietet ein Füllhorn an Themen und Aspekten, welche nennenswert sind. So ist es eine Liebesgeschichte und ein Werk über eine Beziehung mit großem Altersunterschied ebenso wie eine politische Analyse der Entwicklungen zum Ende der Weimarer Republik und über das Leben im Exil. Es kann als Zeitzeugenbericht und als Berlin-Roman gelesen werden – all das gepackt auf ca. 320 Seiten – ein vielschichtiges und tiefgründiges Stück Literatur.

Vor allem die bildhafte und ausdrucksstarke Sprache Wolff’s mochte ich sehr, auch wenn sie beim Lesen etwas Konzentration erfordert. Das verwendete Vokabular ist sicher nicht mehr das der heutigen Gegenwart und doch machte gerade das für mich auch einen nicht unerheblichen Teil des Charmes dieses Romans aus: da findet Faber so manches „drollig“ oder Männer besitzen eine „gutgemeißelte Stirn“ und „ein Kinn ohne weichliche Fleischlichkeit“ (S.6). Der Wortschatz des Autors scheint in vielen Aspekten reicher als heute zu sein und ermöglicht es ihm, sehr präzise und genau zu beschreiben. So gelingen ihm mit spitzer Feder und wachem Auge sehr treffende Personenbeschreibungen und Charakterisierungen, die ich in solcher Detailliertheit und Pointiertheit selten gelesen habe.

Liest man das Buch zudem wachsam im Kontext zur heutigen Zeit, ist es bemerkenswert, mit welchem Scharfsinn, welcher Weitsicht und Allgemeingültigkeit Theodor Wolff politische Strömungen und menschliche Verhaltensweisen festgehalten hat, welche auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

„Der alte Gedankenplunder kommt nun auf den Müllhaufen, aber ein paar von den schönen Worten kann man vielleicht noch als Etikette benutzen, die werden dann auf Flaschen mit ganz anderem Inhalt geklebt.“

(S.194)

Als sehr wertvoll und erhellend empfand ich auch das Nachwort von Ute Kröger, welche den Roman in die Biografie Theodor Wolff’s und das Zeitgeschehen einordnet. So erfährt man mehr über die realen Vorbilder, die hinter den Romanfiguren standen, und das Leben und Werk des jüdischen Publizisten und Autors, welcher 1943 nach Verhaftung, verschiedenen Lagern und politischer Gefangenschaft schwer krank im Berliner Jüdischen Krankenhaus verstorben ist.

Der letzte von Wolff verfasste Leitartikel zur bevorstehenden Reichstagswahl im März 1933 endete mit den Worten: „geht hin und wählt!“
Passender könnte es wohl an einem solchen Wahlwochenende kaum sein.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Weidle Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Theodor Wolff, Die Schwimmerin
Weidle
ISBN: 978-3-949441-00-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Theodor Wolff’s „Die Schwimmerin“:

Für den Gaumen:
Das vornehme Essen, zu welchem Herr Faber seine Angebetete einlädt, kann diese nur mäßig beeindrucken und genießen – es gibt Horsd’œuvre, d.h. kleine Vorspeisen oder Appetithäppchen, doch sie „nahm von der Platte (…) nur eine Sardine und ein bißchen Tomatensalat“ (S.124). Dazu gibt es Chablis.

Zum Weiterhören:
Die Entwicklung des Romans und das Verdüstern der Atmosphäre und politischen Zeit, spiegelt sich auch in den musikalischen Anspielungen Wolff’s wider. Ertönen beim frohgemuten Sommerempfang zu Beginn des Romans, als Faber der kleinen Gerda Rohr zum ersten Mal begegnet, noch gefällige Wagner-Arien (die Gralserzählung aus dem „Lohengrin“ oder das Preislied Walter Stolzings aus den „Meistersingern“), so denkt Faber in seinem späteren Exil vermehrt an düstere Klänge:

„Immer stieg zwischen allen herumschweifenden Gedanken die Erinnerung auf, wie in der „Unvollendeten“ Schuberts die eine Melodie, sich wellenlinig aus der Flut der Töne heraushebend, immer wiederkehrt.“

(S.261)

Zum Weiterlesen:
Vor ein paar Monaten habe ich hier auf der Kulturbowle „Hintergrund für Liebe“ von Helen Wolff vorgestellt – der gleiche Nachname, ebenfalls aus dem Weidle Verlag, ähnliche Zeit, ebenso eine Liebesgeschichte – da gibt es Parallelen und doch hat diese aus weiblicher Sicht erzählte Geschichte einen völlig anderen, sommerlich-luftigeren Charakter als „Die Schwimmerin“.

Helen Wolff, Hintergrund für Liebe
Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen
Weidle
ISBN: 9783938803967

Königlicher Theaterabend

Einen großartigen, royalen und unvergesslichen Theaterabend durfte ich vor kurzem im Landshuter Theater erleben. Die erste Premiere des Landestheater Niederbayern in der neuen Spielzeit und ein Abend, auf den ich mich sehr gefreut habe: „The King’s Speech“ – ein Schauspiel von David Seidler, das vielen wohl aufgrund der oscarprämierten Verfilmung aus dem Jahre 2010 bekannt sein dürfte.
Dieses tiefgründige, intelligente und berührende Stück jedoch live erleben zu können, hatte für mich noch einmal eine völlig andere Qualität als der ebenfalls schon außergewöhnlich starke Film, den ich auch bereits sehr mochte.

Schließlich kann auf der Bühne keine Szene wiederholt, nichts nachgebessert oder bis zur Perfektion in mehreren Takes verfeinert werden: hier muss jede Szene sofort sitzen – eine ungeheure schauspielerische Leistung des Ensembles – vor allem jedoch von Reinhard Peer, welcher den stotternden Bertie, Herzog von York und späteren König George VI. verkörpert.

Doch der Reihe nach:
Beim Inhalt werde ich mich kurz halten, da vermutlich sehr viele ohnehin den Film kennen, der auf wahren Begebenheiten basiert: Dreißiger Jahre – der Herzog von York, der Sohn des britischen Königs George V., leidet seit seiner Kindheit an einer Sprachstörung – er stottert. Öffentliche Auftritte und Reden sind ihm eine Qual. Seine Frau Elizabeth – die spätere Queen Mum – bringt ihn dazu, einen weiteren Sprachtherapeuten aufzusuchen, welcher für seine unkonventionellen, aber erfolgreichen Methoden bekannt ist: den Australier Lionel Logue.

Schon bald entwickelt sich zwischen den beiden Männern ein besonderes, freundschaftliches Verhältnis und Logue unterstützt ihn in entscheidenden Situationen seines Lebens. Denn als Bertie’s Vater stirbt und der Bruder schon bald aufgrund seines Verhältnisses zur mehrfach geschiedenen Amerikanerin Wallace Simpson abdankt und auf den Thron verzichtet, muss Bertie auf einmal die Rolle übernehmen, die er niemals haben wollte: er wird König.

Lionel Logue steht ihm bei der Vorbereitung der Krönungszeremonie ebenso bei, wie bei einer seiner wichtigsten, wenn nicht der wichtigsten Rede seines Lebens: der Radioansprache an das britische Volk zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Die Inszenierung lebt ganz klar von der grandiosen, schauspielerischen Leistung des Ensembles und vor allem der Hauptakteure Reinhard Peer (als Bertie) und Joachim Vollrath (als Lionel Logue). Die beiden sind ideal besetzt und harmonieren perfekt in den zahlreichen Szenen zu zweit und auch die Chemie mit den Frauen an ihrer Seite stimmt: Paula-Maria Kirschner gibt eine sehr elegante, royale und wunderbare Elizabeth, die ihren Mann liebend unterstützt und Antonia Reidel spielt eine temperamentvolle, starke und emotionale Myrtle Logue, die ihren Mann ebenso liebt und für ihn trotz Wut und Verzweiflung zähneknirschend immer wieder zurücksteckt.

Umrahmt werden die Paare durch die wichtigen Amts- und Würdenträger: Jochen Decker als Zigarre rauchender, brummiger Winston Churchill, Julian Ricker als ambitionierter und politischer Erzbischof von Canterbury Cosmo Lang, sowie Julian Niedermeier als Premierminister Stanley Baldwin.
David, der Bruder, welcher Bertie meist abwertend verhöhnt und letztlich auf den Thron verzichtet, wurde am Premierenabend von Stefan Voglhuber dargestellt.

Schnelle Szenenwechsel unterstützt durch ein puristisches, aber sehr variables Bühnenbild, das geprägt ist von drehbaren Wänden und zahlreichen alten Radiogeräten, sowie einem ausgeklügelten Farb- und Lichtkonzept: die royale Welt meist in kühleren Grau- und Blautönen gehalten und der herzliche, lebensfrohe und lebendige Haushalt des Lionel Logue in warmen Natur- und Brauntönen. Dieses Farbkonzept setzte sich zudem auch konsequent in den Kostümen der beiden Paare entsprechend fort.
Großes Lob verdient meines Erachtens daher auch die Ausstatterin Monika Gora sowie die Kostümabteilung des Landestheaters, welche zauberhafte und sehr stimmige Kostüme kreiert haben. So werden die Dreißiger Jahre wahrlich auf der Bühne lebendig.

Ein fulminanter und zu Herzen gehender Auftakt in diese Spielzeit, in welcher der Saal aktuell mit 3G-Regeln und Maskenpflicht am Platz für die Besucher auch wieder voll besetzt werden darf.

Der emotionale Schluss war für mich ein wahrer Theater-Gänsehaut-Moment und das Publikum belohnte die Leistung des Ensembles, aber auch der Regisseurin Sarah Kohrs ebenfalls tief bewegt mit lange anhaltendem, teils rhythmischem Applaus und wollte die Schauspieler gar nicht mehr von der Bühne lassen.
Man merkte, wie ausgehungert viele Besucher nach der kulturellen Durststrecke auf diesen Moment gewartet und hingefiebert hatten, um so größer war jetzt die Freude gleich zu Beginn wieder einen so grandiosen und berührenden Theaterabend erleben zu dürfen. Auch in den Gesichtern der Darsteller konnte man beim Schlussapplaus die Freude, Erleichterung und Dankbarkeit ablesen, endlich wieder vor Publikum spielen zu dürfen. Bravi!

Gesehen am 17. September 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

The King’s Speech“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „The King’s Speech“:

Für den Gaumen:
Zum Essen bleibt in der Inszenierung keine Zeit bzw. Gelegenheit, aber neben Tee wird vor allem dem Whisky durchaus zugesprochen – kein Wunder steht doch mit Winston Churchill ein ausgewiesener Whiskyliebhaber auf der Bühne und auch Bertie trinkt sich in der einen oder anderen Szene Mut an.

Zum Weiterhören:
Untermalt wurden die Szenenwechsel durch britische Klassiker wie „Rule Britannia“ (die „Last night of the proms“, die noch nicht so lange zurückliegt, ließ grüßen) oder Musik der damaligen Zeit wie dem Klassiker „Tea for two“.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Monaten habe ich hier auf der Kulturbowle den Roman „Lady Churchill“ von Marie Benedict vorgestellt. Auch wenn Clementine Churchill im Stück nicht vorkommt, sondern hier vor allem die Ehefrauen von Bertie, d.h. die spätere „Queen Mum“ Elizabeth und Myrtle Logue den weiblichen Part übernehmen, so erinnerte mich die Bühnenpräsenz von Winston Churchill doch an diese Lektüre – ein anderer, ebenfalls sehr interessanter Blick auf die Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs in Großbritannien:

Marie Benedict, Lady Churchill
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05381-4

Küss die Hand…

Wien in den Siebziger Jahren und der erste Kriminalroman einer österreichischen Autorin mit einer außergewöhnlichen, neuen Ermittlerfigur, da konnte und wollte ich nicht lange daran vorbei: Constanze Scheib, die ausgebildete Schauspielerin ist und bisher Theaterstücke und Erzählungen verfasst hat, ist mit „Der Würger von Hietzing“ ein spritziges und humoreskes Krimidebüt gelungen.
Als Mitglied der „Mörderischen Schwestern“ hat sich die Autorin auch einem Netzwerk zur Förderung deutschsprachiger Kriminalliteratur von Frauen angeschlossen.

Eine unausgelastete – um nicht zu sagen gelangweilte – Ehefrau aus besten Wiener Kreisen mit einem Faible für Fernsehkrimis und teuren Whisky beginnt aus Neugier und Abenteuerlust in einem realen Kriminalfall zu ermitteln.
Schließlich wurde die Tante eines ihrer Dienstmädchen erdrosselt aufgefunden und bei genauerem Hinsehen war dies wohl nicht der erste Mord. Da kann es natürlich nicht angehen, einen Serienmörder frei herumlaufen zu lassen.

Gemeinsam mit ihrem jungen Hausmädchen Marie, welche sie in ihren kriminalistischen Anwandlungen unterstützt, stürzt sie sich voller Elan und dem naiven Herangehen einer „gnä’ Frau“ unbedarft in die Wiener Verbrecherwelt. Klar, dass es da zu Turbulenzen kommen muss und das aus Miss Marple-Filmen erworbene Wissen nicht ausreicht, um gefährliche Situationen zu vermeiden.

„I wü sie ja net schockiern, oba Verbrecher müss’n net unbedingt aus Favoriten kommen. A jeder kann zum Mörder werden. Wurscht, in welche Schul er gangen is oder wie vü Geld er hat!“

(S.138)

Frau Ehrenstein und Marie bilden ein kongeniales Duo und schnüffeln und lavieren sich gemeinsam durch das teils wilde Wien der Siebziger Jahre – ein aufregender Kontrast zu den gediegenen Zoobesuchen mit Sohn Willi oder den Besuchen im Opernhaus.

Wienliebhaber kommen voll auf ihre Kosten, denn dieser Krimi bietet eine schöne Zeitreise in die Stadt der Sachertorte und der Musik, man begleitet Frau Ehrenstein an einige der beliebten und bekannten Sehenswürdigkeiten der Stadt: nach Schönbrunn, in den Tierpark, in die Oper und natürlich auch ins eine oder andere Kaffeehaus. Geschickt flicht Scheib auch immer wieder zeitgeschichtliche Ereignisse ein, welche die Handlung in den Siebziger Jahren verorten lassen.

„Frau Ehrenstein ärgerte sich. Und sie ärgerte sich noch mehr über die Tatsache, dass sie sich ärgerte. Sie hatte sich immer so verhalten, wie es von ihr erwartet wurde, hatte nie etwas Unvorhersehbares getan oder war von der Etikette abgewichen.“

(S.57)

Die Beschreibung des Haushalts und des Dienstpersonals im Ehrenstein’schen Haus wirkt da schon mehr als aus der Zeit und der Mode gekommen und unterstreicht das gediegene, konservative und verstaubte Milieu, aus dem sich die Frau des Hauses befreien möchte, so dass ihr jedes kleine Abenteuer gerade recht kommt.

Wer mit dem Wiener Dialekt bislang nicht so vertraut ist, wird durch diesen Krimi einen kleinen, kurzweiligen Einsteigerkurs erhalten, kann sich mit Hilfe dieses Buchs ein wenig einlesen und zukünftig mit so herrlichen Begriffen wie „fadisieren“, „Kaffeetscherl“, „Narrenkastl“ oder „Blitzgneißer“ zumindest Grundkenntnisse des Wienerischen vorweisen.

Ich mochte die Figuren, das Flair, den Zauber Wiens und den Humor dieses Krimis sehr, zumal es aus meiner Sicht um vieles schwerer ist, einen guten komödiantisch-witzigen Krimi zu schreiben als einen blutrünstigen Thriller.
Meinen Geschmack hat die Autorin daher getroffen, wer aber atemlose Spannung, vertrackte tiefenpsychologische Täterprofile, realistische, ernste Kriminalfälle vorzieht und mit einer ordentlichen Portion Humor und Lokalkolorit in Krimis nichts anfangen kann, der wird vermutlich nicht glücklich werden.

Mit Perlenkette, Stöckelschuhen, Maßkostüm und Handschuhen bringt Frau Ehrenstein als Ermittlerin Glanz und Glamour in die zwielichtigen Viertel Wiens und in die aktuelle Krimilandschaft. Dass sich durch das soziale Gefälle zwischen ihr und den Verdächtigen interessante und witzige Situationen ergeben, versteht sich von selbst und gibt dem Ganzen den richtigen Pfiff.

Dazu die nötige Portion Wiener Schmäh und Ironie – da ist Constanze Scheib, die 1979 in Wien geboren wurde, ein sehr amüsanter und kurzweiliger Auftakt gelungen, der unbedingt nach einer Fortsetzung verlangt.
Für mich war „Der Würger von Hietzing“ ein herrliches, verschmitztes und lustiges Krimivergnügen, das mich ein paar Stunden wunderbar unterhalten hat.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus (bei Kampa) Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Constanze Scheib, Der Würger von Hietzing

Oktopus
ISBN: 978 3 311 30014 4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Constanze Scheib’s „Der Würger von Hietzing“:

Für den Gaumen:
Die gnä’ Frau Ehrenstein hat eine Vorliebe für Whisky, gerne schottischer Single Malt, so trinkt sie gemeinsam mit ihrem Hausmädchen schon einmal ein Gläschen der einschlägigen Destillerien (ohne jetzt Namen zu nennen).
Doch im Laufe der Zeit entdeckt sie auch ihre Schwäche für süßes Gebäck, was beim diesbezüglichen Angebot in Wien natürlich kaum verwunderlich ist: So darf es im Kaffeehaus auch mal ein Briochekipferl oder ein Punschkrapfen (S.106) sein.

Zum Weiterhören oder für den nächsten Theaterbesuch:
Frau Ehrenstein ist als Frau von Welt selbstverständlich auch musikinteressiert und so darf der Leser sie in die Oper begleiten, um dort Richard Strauss’ „Rosenkavalier“ mit zu erleben – und dies in einer Inszenierung von Otto Schenk.
Und wir stoßen auf einen Wiener Taxifahrer, der tatsächlich Joseph Haydn’s „Sinfonie mit dem Paukenschlag“ hört – das hat Stil.

Zum Weiterlesen:
Wer Wien und Krimis liebt, dem kann ich auch die Kriminalinspektor Emmerich-Reihe der österreichischen Autorin Alex Beer empfehlen. Hier kann man abtauchen in das Wien der Zeit kurz nach dem ersten Weltkrieg und bekommt intelligente und spannende Krimiunterhaltung geboten. Ich würde empfehlen, unbedingt mit dem ersten Band der Reihe „Der zweite Reiter“ zu beginnen.

Alex Beer, Der zweite Reiter
Blanvalet
ISBN: 978-3-7341-0599-9

Es ist nie zu spät…

Ein Buch mit einem leuchtend gelben und sonnigen Cover und einem Titel, an dem ich – aus gegebenem Anlass – nicht vorbeikomme: „Barbara stirbt nicht“ – der neue Roman von Alina Bronsky. Erneut ein ungemein gefühlvolles, emotionales Buch der Autorin, die mich schon mit „Baba Dunjas letzte Liebe“ für sich eingenommen hat.
Keine leichte Kost, es geht ums Älterwerden und um Krankheit und doch hat dieses Buch so viele witzige und lustige Momente, dass es einen permanent auf eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle schickt, die von Seite eins bis Seite 256 nicht endet – Zielort und Ausgang ungewiss.

Walter und Barbara sind seit mehr als fünfzig Jahren verheiratet. Er brachte das Geld nach Hause und sie war zuständig für die Kinder und den Haushalt: Klassische Rollenverteilung, alte Schule. Die Küche hatte er bislang kaum betreten: Kochen war Frauensache. Doch plötzlich steht Barbara morgens nicht auf, sondern bleibt krank im Bett liegen: kein Kaffeeduft am Morgen, kein Mittagessen auf dem Tisch. Walter macht sich Sorgen und plötzlich muss er das Ruder übernehmen. Schritt für Schritt stellt er sich den neuen Herausforderungen. Und plötzlich bekommt er sogar Hilfe, die er gar nicht erwartet hatte.

„Er sah damals gut aus, blond, stark. Einige waren in ihn verliebt gewesen. Aber keine war so sanft wie Barbara, die nicht Nein sagen konnte, auch wenn es ihr schadete. Er hatte bis heute nicht verstanden, ob sie besonders verliebt oder besonders schwach gewesen war. Gab es da überhaupt einen Unterschied?“

(S.215)

Bronsky hat eine große Gabe, die filigranen Nuancen zwischenmenschlicher Beziehungen in ungeheuer treffenden, kleinen, feinen Szenen ganz ausdrucksstark herauszuarbeiten. So tragisch die anfängliche Überforderung Walter’s mit der Situation ist und so vehement er sich gegen die Wahrheit und das Annehmen der neuen Situation sträubt, so komisch ist es, ihn bei der Kochrezeptrecherche auf Facebook zu erleben. Die Schilderung der fünfzigjährigen Ehe und der festgefahrenen Routinen, die sich im Laufe der Jahrzehnte eingeschliffen haben, sind sehr fein beobachtet und beschrieben. Auch der Aspekt, dass es schwierig ist, die Schwäche im Alter zu akzeptieren und die Hilfe der Kinder anzunehmen, ist zutiefst menschlich und von Bronsky sehr treffend dargestellt.

Es ist rührend, Walter und Barbara als Paar zu erleben, das in die Ehe hineingeschlittert ist, sich jedoch auch gegen Kritik von außen behauptet hat und es sich am Ende eingerichtet hat in dieser Beziehung. Sie führen eine Ehe, die trotz oder gerade weil ein paar Probleme konsequent totgeschwiegen werden, funktioniert und auf ihre Art immer noch liebevoll ist.

„Sie sahen sich in die Augen wie sonst selten, wie vielleicht noch nie. Was gab es zu reden, wenn man schon alles gesagt hatte.“

(S.166)

Zugleich ist es auch ein Roman über das „Über sich hinauswachsen“ – darüber, dass es selten zu früh und nie zu spät ist. Aber auch ein Roman über die Ehe und die lebenslange Liebe gegen alle Widerstände – über veraltete Rollenmodelle, Klischees und über das Älterwerden.

Selten habe ich so viel Lustiges im Traurigen gelesen. Bronsky hat auf engsten Raum zwei Menschenleben, eine Ehe und die ganz großen Gefühle in allen Facetten gepackt. Eine lebenslange Beziehung und ein Familienleben mit viel Licht aber auch Schatten, in welches Bronsky geschickt noch weitere große Themen – vor allem auch im Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern – versteckt, die ich nicht alle verraten möchte, die jedoch ein so authentisches und glaubwürdiges Porträt einer Familie ergeben, dass man ihr wirklich jede Zeile und jedes Wort abnimmt. Genau so war und ist das Leben!

Ein Abgesang auf eine Generation, deren eingefahrene, starre Rollenverteilung immer mehr der Vergangenheit angehört und zugleich ein sonniges, lustiges Buch, das dem Leser klar macht, dass jeder Neuanfang auch Chancen birgt.
Selten lagen Lachen und Weinen so nahe beieinander wie bei der Lektüre dieses Romans – ein berührendes, grandioses Buch voller Liebe, Herzenswärme und großer Gefühle!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kiepenheuer&Witsch Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Alina Bronsky, Barbara stirbt nicht
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-00072-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Alina Bronsky’s „Barbara stirbt nicht“:

Für den Gaumen (I):
Herr Schmidt lernt Kochen und entdeckt für sich ungeahnte Fähigkeiten und Möglichkeiten – ein kulinarischer Höhepunkt ist seine selbstgemachte Birnenmarmelade aus Früchten vom eigenen Baum. Eine Leistung, die ihn mit Stolz erfüllt:

„Die Marmelade hatte die perfekte Konsistenz, sie rutschte im richtigen Tempo an den Glaswänden herunter, war nicht zu flüssig, nicht zu fest. Wenn man sie gegen das Licht hielt, schimmerten die Fruchtstücke golden durch.“

(S.234)

Für de Gaumen (II):
Sich bei diesem Buch nur mit einem kulinarischen Tip zu begnügen, würde dem Ganzen nicht gerecht werden: Daher der zweite Streich: Barbara, die russische Wurzeln hat, wünscht sich nichts sehnlicher als Borschtsch. Nach anfänglichem Widerstand kapituliert Herr Schmidt irgendwann und wagt sich an dieses Abenteuer.

Zum Weiterlesen:
Beim Lesen musste ich ständig an den eingängigen und markanten Titel von Joachim Fuchsberger’s Buch denken: „Altwerden ist nichts für Feiglinge“ – das trifft den Inhalt von „Barbara stirbt nicht“ ziemlich gut.
Ich habe Fuchsberger’s Buch über das Älterwerden (noch) nicht gelesen, doch werde ich das zu gegebener Zeit sicher nachholen. Durfte ich ihn als großartigen Schauspieler und feinen Menschen doch sogar selbst noch live auf der Bühne erleben – ein Theater-Erlebnis, das ich nicht vergessen werde.

Joachim Fuchsberger, Altwerden ist nichts für Feiglinge
Goldmann
ISBN: 978-3-442-17419-5

Florale Wundertüte

Leif Karpe’s neuer Kriminalroman „Die Göttin, die von Blüten träumte“ – der zweite Fall für Peter Falcon – ist ein sinnliches, überbordendes und verspieltes Lesevergnügen, das mit unzähligen Querverweisen zu Kunst, Malerei, Literatur, Musik und Kulinarik exakt meinen Geschmack getroffen hat. Die Lektüre war für mich helle Freude und wahrer Genuss.

Peter Falcon betreibt in New York einen kleinen Comic- und Plattenladen. Dort in seinem eigenen Kosmos besucht ihn Giovanna, die Vertreterin eines großen, weltweit agierenden Auktionshauses, denn er ist ihr Mann für besondere Fälle. Er hat eine spezielle, übersinnliche Gabe: Bilder, Kunstwerke und die Künstler sprechen zu ihm.

„Oft hatte er diese merkwürdige, so schwer zu definierende Gabe verflucht und doch hatte sie ihm immer wieder atemberaubende Einblicke in die Kunst gewährt.“

(S.93)

Eine Wissenschaftlerin, die an einem neuen Verfahren zur Datierung von Kunstwerken arbeitet, ist verschwunden, während sie an einer berühmten Wachsbüste – der Flora von Leonardo da Vinci – forschte.

Falcon soll helfen, sie aufzuspüren und die Hintergründe zu verstehen. Als dann auch noch die Büste selbst aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen wird, überschlagen sich die Ereignisse und Falcon begibt sich auf eine turbulente Suche und Reise, die ihn nach Paris, Berlin, die Isle of Wight und letztlich nach Florenz – die Wiege der Renaissance – führt.

„Sie haben sich auf die Straße der Renaissance begeben, das ist ein Weg, auf dem man sich leicht verirren kann.“

(S.107)

Ein Krimi über Kunstraub, die Göttin Flora, Umweltskandale, Glyphosat, die Renaissance und das Lächeln der Mona Lisa – nicht umsonst erinnert die reizvolle Auftraggeberin Giovanna schon namentlich an „La Gioconda“ von Leonardo da Vinci. Das hört sich nach einer gewagten Mischung an? Ist es und doch hat mich diese Vielfalt und Mixtur von Themen gepackt und so flog ich geradezu durch die Seiten.

„Denken Sie daran, es ist von wesentlich größerer Bedeutung, Fragen zu haben, als sich im Besitz aller Antworten zu wähnen.“

(S.124)

Die Kapitel tragen Filmtitel als Überschriften, Sandro Botticelli’s Flora aus seinem Gemälde „La Primavera“ scheint lebendig geworden zu sein, man wird Zeuge von Gesprächen mit längst verstorbenen Künstlern, die Falcon ihre Sicht der Dinge erklären. Und wenn man den Krimi gelesen hat, bekommt das Zitat Michelangelos’s, das Leif Karpe seinem Roman vorangestellt hat, plötzlich noch mehr Sinn und eine weitere Dimension – hat der Autor dieses als Motto nämlich geradezu wörtlich genommen und in spannende Literatur umgesetzt:

„Ich bin nicht tot, ich tausche nur die Räume, ich leb’ in Euch und geh’ durch Eure Träume.“

(Michelangelo)

Es handelt sich um den zweiten Band mit Peter Falcon, den man jedoch – wie in meinem Fall – sehr gut auch unabhängig vom ersten lesen und verstehen kann. Bei mir hat er jedoch unweigerlich die Lust geweckt, auch den ersten Teil noch zu lesen, der sich um Vincent van Gogh und den Impressionismus dreht: „Der Mann, der in die Bilder fiel“ – den Umschlag ziert die „Sternennacht“ des niederländischen Malers.

„Die Göttin, die von Blüten träumte“ ist ein kunstvolles Kabinettstückchen, eine wahre Wundertüte voller Anspielungen, Querbezüge und Inspirationen zu Literatur, Film, Malerei und Kultur in allen Facetten – in dieser Dichte und Intensität habe ich das wohl noch nie gelesen. Das ist verspielt, überbordend, kreativ und strotzt voller Freude am Fabulieren und all das untermauert mit unzähligen kunstgeschichtlichen Details und Anekdoten. Herrlich – ein wilder Ritt durch Raum und Zeit – durch Länder, Museen und Kunstrichtungen. Eine großartige, literarische Spielerei mit flottem Tempo, schnellen Wechseln, so dass keine Sekunde Langeweile aufkommt und man zu tun hat, nicht den Überblick zu verlieren.

Ein gutlauniger – und doch mit kritischen Untertönen und einem brandaktuellen Thema versehener – Roman, der selbst einer Collage gleicht und alten Meistern und Künstlern vergangener Zeiten eine Stimme verleiht – ein Kunstgriff, der funktioniert, amüsiert und bestens unterhält. Ein Fest für die Sinne und alle, die Kunst, Kultur und fantasievolle, kluge Krimis lieben.

Eine weitere, schöne Besprechung findet man beim Buchbuben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Nagel & Kimche Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Leif Karpe, Die Göttin, die von Blüten träumte
Nagel & Kimche
ISBN: 978-3-312-01238-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Leif Karpe’s „Die Göttin, die von Blüten träumte“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch ist einiges geboten: Neu war für mich die Cocktail-Kreation des „Floralia Gimlet“ – die beschrieben wird als Mix von Wodka und Honigwein. Interessant, aber wohl auch etwas gewöhnungsbedürftig – vermutlich nicht jedermanns Sache.

Zum Weiterschauen:
Schon allein der Umschlag des Buchs hat es mir angetan – zeigt er doch einen Ausschnitt aus Sandro Botticelli’s „La Primavera“, das in den Uffizien in Florenz hängt und auch auf der Website des Museums zu bewundern ist.
Das Gemälde und die Figuren spielen in Karpe’s Roman eine wichtige Rolle, daher lohnt es sich unbedingt, sich dieses wieder einmal genauer anzusehen.

Zu Weiterhören:
Auch musikalisch ist dieser Krimi voller Anregungen und Inspirationen – da werden Songs erwähnt, Texte zitiert – sei es der Bossa Nova-Klassiker „The Girl from Ipanema“ oder aber „The Sounds of Silence“ von Simon and Garfunkel. Da stellt sich die Frage, was der größere Ohrwurm ist.

Zum Weiterlesen:
In den letzten Monaten wurde aufgrund der Pandemie wieder viel über Giovanni Boccaccio’s Klassiker „Das Dekameron“ gesprochen und geschrieben. Dieses Werk über die jungen Menschen, die sich auf der Flucht vor der Pest in Florenz in ein Landhaus außerhalb zurückziehen und sich die Zeit damit vertreiben, sich Geschichten zu erzählen. Der stattliche Umfang von ca. 900 Seiten hat mich bisher die Lektüre noch nicht in Angriff nehmen lassen, aber Leif Karpe hat mir dieses Versäumnis wieder ins Gedächtnis gerufen:

Giovanni Boccaccio, Das Dekameron
Übersetzt von: Karl Witte
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-90006-0

Abschiede in Eiseskälte

Uwe Wittstock hat mit „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ den Beweis angetreten, dass Sachbücher den Leser fesseln können und die Geschichte eines der dunkelsten Monate in der deutschen Geschichte auf packende und intensive Weise auf nicht ganz 300 Seiten konzentriert. Wenige Wochen, die für viele Intellektuelle und Schriftsteller*innen im Land alles veränderten – die Abkehr von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit hin zu einer Diktatur, welcher viele Literaten und Literatinnen binnen weniger Wochen den Rücken kehrten. Die neuen Machthaber zwangen sie ins Exil. Das Zeitfenster für eine mögliche Flucht war meist nicht groß.

Wittstock zeichnet diese entscheidenden Tage des Februar 1933 nach, skizziert die wichtigsten politischen Ereignisse und Veränderungen – Machtergreifung, Reichstagsbrand, Straßenkämpfe. Er erzählt Anekdoten und Szenen aus dem Leben zahlreicher Autoren und Autorinnen, wie z.B. den Manns, Bertolt Brechts, Else Lasker-Schülers, Alfred Kerrs, Ricarda Huchs, Carl Zuckmayers und vieler anderer mehr nach und lässt ein atmosphärisches Bild der damaligen Zeit entstehen. Ein kalter Winter, in dem eine schwere Grippewelle in Berlin und dem ganzen Land wütet – Schulen werden geschlossen.

Schritt für Schritt und Kapitel für Kapitel beschreibt er, wie vielen nach und nach klar wird, dass sie in diesem Land keine Zukunft mehr haben werden und daher beginnen, ihre Flucht zu planen und in die Tat umzusetzen.
Protokollarisch in Form von kurzen Notizen am Ende der Kapitel, die jeweils einem Tag gewidmet sind, macht er zudem klar, wie viele Menschen damals tagtäglich ihr Leben bei politischen Auseinandersetzungen verloren.
Wie ein Teppich weben sich die unterschiedlichen Fäden und Szenen ineinander und machen dem Leser die Dramatik und das Überschlagen der Ereignisse klar.

Die schriftstellerische Elite verlässt ihre Heimat und flieht ins Ausland.
Heinrich Mann macht sich lediglich mit einem Handkoffer und einem Schirm auf den Weg in eine neue Zukunft:

„Er legt seinen Pass vor, die Männer studieren ihn gründlich, dann winken sie ihn durch. Gleich darauf dasselbe noch einmal bei den französischen Grenzern. Als er das andere, das linksseitige Rheinufer betritt, kann er aufatmen, er ist in Sicherheit. Deutschen Boden wird er bis zu seinem Tod nie wieder betreten.“

(S.164)

Manche wissen nicht, dass es ein Abschied für immer sein wird. Denn einige werden Deutschland nicht wiedersehen. So mancher glaubt, der böse Spuk wäre bald wieder vorbei und täuscht sich leider gewaltig.

„Für die Zerstörung der Demokratie brauchten die Antidemokraten nicht länger als die Dauer eines guten Jahresurlaubs. Wer Ende Januar aus einem Rechtsstaat abreiste, kehrte vier Wochen später in eine Diktatur zurück.“

(S.271)

Der Autor zeichnet ein großes Gemälde, beleuchtet viele Lebensläufe von Autorinnen und Autoren und macht unmissverständlich klar, dass es sich nicht um Einzelschicksale handelte. Viele Wege führten und endeten im Exil, auch wenn deutlich wird, dass sich nicht jeder gleich schnell für diesen Weg entschloss.

Wer aufmerksam liest, wird beängstigt auch so manche Parallele zur heutigen Zeit erkennen können. Daher ist dieses Buch auch ein wichtiges Werk mit einer klaren Botschaft: Demokratien können in kürzester Zeit zu Diktaturen werden.

Viele Bücher von Autoren, deren Schicksal Wittstock beschreibt, warten auf meinen Lesestapeln schon einige Zeit darauf gelesen zu werden: u.a. Werke von Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf, Irmgard Keun oder Vicki Baum – um nur einige zu nennen. Vieles habe ich über die Jahre auch schon gelesen, aber die Vielfalt und der Reichtum der deutschen Literatur dieser Schriftstellergeneration, die mit all ihrer Kreativität und Intelligenz damals der Heimat den Rücken kehrte, ist so umfangreich und dicht, dass es faszinierend ist, sich dies durch diese Lektüre wieder einmal bewusst zu machen.

Und einige Werke und Autoren sind zusätzlich auf meine Wunsch- und Leseliste gewandert – ein anregendes und inspirierendes Buch, welches das ohnehin schon vorhandene Interesse an Literatur dieser Zeit noch zusätzlich verstärkt und vergrößert.

Ein hochinteressantes, spannendes und hervorragend geschriebenes Werk, das einen lebhaften und intensiven Eindruck dieser wenigen Wochen gibt, in welchen sich alles veränderte. Lebensplanungen wurden auf den Kopf gestellt, Hab und Gut sowie Familie und Freunde zurückgelassen. All dies so eindrücklich und intensiv vor Augen geführt zu bekommen, macht auch viele Jahrzehnte danach noch fassungslos. Geschichts- und Literaturinteressierte werden dieses Buch sehr zu schätzen wissen – ein großartiges, aufwühlendes Werk, das anhand dramatischer Lebenssituationen, Anekdoten und Szenen ein Stimmungsbild dieses Winters 1933 zeichnet, das sich einbrennt und unter die Haut geht.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H.Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Uwe Wittstock, Februar 33 – Der Winter der Literatur
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-77693-9

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Uwe Wittstock’s „Februar 33 – Der Winter der Literatur“:

Zum Weiterhören:
Bertolt Brecht’s und Kurt Weill’s „Dreigroschenoper“, die 1928 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführt wurde, ist für mich Musik, die ich sofort mit dieser Zeit verbinde. Mackie Messer war im Februar 33 noch keine fünf Jahre alt. Auch Brecht’s und Helene Weigel’s Flucht, die zunächst sogar die Tochter zurücklassen mussten und erst später wieder zu sich holen konnten, wird von Wittstock beschrieben.

Zum Weiterlesen (I) oder für den nächsten Theaterbesuch:
Wenn wir schon einmal dabei sind, bleiben wir bei Bertolt Brecht:
Eines der letzten Stücke, das ich vor dem Ausbruch der Pandemie im Landestheater Niederbayern noch live sehen konnte, war „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. 1941 im finnischen Exil verfasst, ist es die Parabel und das Theaterstück über die Machtergreifung und den Reichstagsbrand schlechthin.

Bertolt Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui
Edition Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-10144-5

Zum Weiterlesen (II):
Wittstock’s Buch ist so reich an literarischen Anregungen, dass die Leseliste sich durch die Lektüre erneut enorm verlängert hat. Mir bisher unbekannt, aber mein Interesse geweckt hat unter anderem das Theaterstück „Der fröhliche Weinberg“ von Carl Zuckmayer.

Carl Zuckmayer, Der fröhliche Weinberg – Theaterstücke 1917-1925
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3596127030