Abschied vom anderen Leben

Reinhard Kuhnert’s Roman „Abgang ist allerwärts“ ist seine sehr persönliche, künstlerische und literarisch herausragende Auseinandersetzung mit einer entscheidenden Phase seines Lebens. Der Literat und Theaterautor fällt in den frühen 80er Jahren bei der SED-Parteispitze in Ungnade und verlässt letztlich sein Land. Eine Geschichte, die tief berührt und für den Leser eindrücklich erfahrbar macht, was Diktatur und Zensur für die Kunst und Kultur in einem Land – wie der ehemaligen DDR – bedeutet.

Elias Effert – die Hauptfigur des Romans – ist Künstler. Er schreibt unter anderem für die führenden Bühnen des Landes, ist gerade in Künstlerkreisen hoch angesehen und erfolgreich. Da ihm das Leben in Ostberlin oft zu laut und hektisch ist, sucht er in einem einsamen Mecklenburger Dorf an der Grenze zu Polen einen Rückzugsort und findet in einem alten Fachwerkhaus, das er günstig erwerben kann und anschließend renoviert, sein ganz persönliches Refugium, um in Ruhe arbeiten und schreiben zu können. Schon bald stellt sich heraus, dass dies keine Flucht in die Einsamkeit ist, sondern er bald ein integrierter Teil der kleinen Dorfgemeinschaft wird. Die Bewohner – nachdem er ihr Vertrauen und ihre Zuneigung gewonnen hat – vertrauen ihm bald auf der Straße, im kleinen Konsum und der Dorfkneipe ihre ganz persönlichen Geschichten und Lebensschicksale an und wachsen ihm ans Herz. Schnell ist der Ort nicht mehr Zweitwohnsitz, sondern sein Lebensmittelpunkt, sein Zuhause, sein Herzensort.

Schon bald jedoch verspürt er die volle Wucht und Unnachgiebigkeit des Systems, als er für einige „verfemte“ Künstlerkollegen Stellung bezieht. Ein unachtsamer Moment, eine unbedachte Aussage bzw. auch nur eine Äußerung, die politisch unerwünscht ist, reicht, um dauerhaft in Ungnade zu fallen.

„Dabei hätte ihm klar sein müssen, dass er nach der öffentlichen Aufmerksamkeit im Roten Rathaus nicht nur mit der öffentlichen Aufmerksamkeit, sondern auch mit der versteckten rechnen musste.“

(S.49)

Vorbei die Zeit der Erfolge und plötzlich hagelt es Absagen und Zurückweisungen. Ein Stück wird noch vor der Premiere abgesagt, der Hörfunk weigert sich, seine Texte zu senden. Seine Werke werden ignoriert, boykottiert und zensiert. Funktionäre der Partei versuchen, ihn wieder auf Spur zu bringen, setzen ihn unter Druck.

„Die Charaktere in meinen Texten haben bis gestern gesprochen, inzwischen wird alles daran gesetzt, sie zum Schweigen zu bringen. Ihre Misstöne sind im verordneten Gleichklang nicht länger erwünscht, und nun wird der Autor dafür haftbar gemacht.“

(S.132)

Nach und nach reift in ihm die Überlegung, seiner Heimat – diesem „halben“ Land – den Rücken zu kehren, die geliebten Menschen zurück zu lassen und schweren Herzens fasst er die Entscheidung, einen Ausreiseantrag zu stellen. Eine Zeit des bangen Wartens und der Ohnmacht beginnt.

„Dennoch hatte Effert unentwegt das Gefühl, Teil einer Inszenierung zu sein, bei der nicht er die Regie führte.“

(S. 152)

Kuhnert hat ein intensives, berührendes Buch über Verluste und Abschiede geschrieben, denn wie die Dorfbewohner stets kommentieren: „Abgang ist allerwärts“. Ob es die Möbel aus dem alten Schloss sind, die „verloren“ gehen oder ob die Dorfgemeinschaft geliebte Menschen an den Alkohol, den Tod oder die Nachbarrepublik verliert. Und dennoch bietet auch jeder Verlust und jeder Abschied wieder die Chance eines Neubeginns.

Der Autor hat ein hervorragendes Gespür für die Zeichnung von Figuren und Charakteren, die er mit viel Liebe zum Detail und sehr warmherzig für den Leser zum Leben erweckt. Menschen direkt aus dem Leben gegriffen, mit denen man sich mitfreut und mit denen man leidet. Ein Buch über Menschlichkeit, Zusammenhalt und Freundschaft, denn es sind die Bewohner dieses kleinen Dorfs, die in der Krisensituation zu ihm halten – während sich die Künstlerszene aus Selbstschutz von ihm abwendet.

Der Autor hat ein leises, poetisches und melodiöses Buch verfasst, in welchem er seine ganz persönliche Geschichte erzählt und man merkt in jeder Zeile, auf jeder Seite, wie viel es ihm bedeutet, diese in Worte zu fassen – eine wahre Herzensangelegenheit. Sein Abschied – vor allem von den Dorfbewohnern und seinem „anderen Leben“, wie er es nennt, war ihm damals nicht leicht gefallen und er lässt die Leser an dieser schmerzvollen und prägenden Phase seines Lebens teilhaben. Das ist keine wütende Abrechnung, sondern er hat mit etwas zeitlicher Distanz einen klugen und eindringlichen Roman über die Zensur und das Leben von Künstlern in einer Diktatur geschrieben – ein Buch mit einer starken Aussage und die literarisch kunstvolle Aufarbeitung eines wichtigen Themas.

Reinhard Kuhnert hat – wie sein Romanpendant Elias Effert – Mitte der 80 Jahre die DDR verlassen und schrieb seither erfolgreich für Theater, Funk und Fernsehen. Sein Roman „Abgang ist allerwärts“ erschien ursprünglich 2013 im Leipziger Plöttner Verlag und liegt nun seit kurzem als vollständig überarbeitete Neuauflage im Mirabilis Verlag in einer schönen gebundenen, wertigen Ausgabe mit Lesebändchen und einer stimmungsvollen Umschlaggestaltung von Florian L. Arnold vor.

Ein Buch voller Herzenswärme und Lebensweisheit, eine Hymne auf den hohen Wert von Literatur, Kunst und Meinungsfreiheit und ein Roman, der aufgrund seiner wunderschönen Sprache ein wahrer Lesegenuss ist.

Eine weitere Besprechung zum Buch gibt es bei We read indie.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Mirabilis Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Fr. Böllinger von Sätze&Schätze, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat . Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Reinhard Kuhnert, Abgang ist allerwärts
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-9818484-3-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Abgang ist allerwärts“:

Für den Gaumen:
Die Dorfbewohner verwöhnen Elias an einem kalten Wintertag in schwerer Zeit mit den einfachen und guten Lebensmitteln, die sie mit ihm teilen: Eier, Schinkenspeck, hausgemachte Schweinswurst, ein Suppenhuhn und das dazugehörige Gemüse. Ehrliche Produkte, die von Herzen kommen und die Seele wärmen sollen.

Zum Weiterhören:
Eine weitere Sicht eines Künstlers und Theatermenschen auf die Zeit in der ehemaligen DDR bietet das Hörbuch zur Autobiografie „Soundtrack meiner Kindheit“ , das Jan-Josef Liefers selbst eingesprochen hat. Kurzweilig und amüsant erzählt er über seine Kindheit und das Heranwachsen in der DDR, seine Schauspielausbildung und wie er den Mauerfall hautnah selbst erlebt hat.

Jan-Josef Liefers, Soundtrack meiner Kindheit
Autorenlesung
Argon
Laufzeit (4CDs): 4h 31 Minuten
ISBN: 978-3-8398-9042-4

Zum Weiterlesen (1):
Ebenfalls im Mirabilis Verlag erschienen ist die Fortsetzung der Geschichte Elias Efferts „In fremder Nähe“, welche direkt an „Abgang ist allerwärts“ anknüpft und die Zeit nach der Ausreise des Künstlers in Westberlin und während der Wende erzählt. Die Neugier meinerseits auf den Folgeroman ist auf jeden Fall geweckt:

Reinhard Kuhnert, In fremder Nähe
Mirabilis
ISBN: 978-3-9818484-9-6

Zum Weiterlesen (2):
Elias Effert – die Hauptfigur des Romans – reist nach Westberlin, um dort zu Kurt Eisner zu recherchieren – er möchte ein Stück über den linken, sozialdemokratischen Politiker schreiben, der kurz Bayern regierte. Informationen über ihn waren in der DDR nicht zugänglich und wurden unter Verschluss gehalten. Wer heute jedoch mehr über Kurt Eisner und die turbulente Zeit der Münchner Räterepublik erfahren möchte, der kann – ohne Einschränkungen – gerne zu Volker Weidermanns „Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen“ greifen – eine gelungene literarische Annäherung an diese Zeit.

Volker Weidermann, Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04714-1

Spiegelnde Wirklichkeiten

Deborah Levy hat mit ihrem neuen Roman „Der Mann, der alles sah“ etwas geschafft, das außergewöhnlich ist: Sie wurde für ihr drittes Werk in Folge für den renommierten Booker Prize nominiert. Ein kunstvolles, vielschichtiges und anspruchsvolles Buch, das für aufmerksame und konzentrierte Leser, die sich darauf einlassen, eine besondere Magie entfaltet.

1988 – London, Abbey Road – es kracht. Ein junger Mann, der sich auf dem berühmtesten Zebrastreifen der Welt in Beatles-Manier von seiner Freundin fotografisch verewigen lassen möchte, wird von einem unachtsamen Autofahrer angefahren. Und als ob dies noch nicht genug wäre, eröffnet ihm die Fotografin Jennifer kurz danach, dass sie nicht auf ihn warten wird, wenn er demnächst nach Ostberlin gehen wird, um dort den Kommunismus – sein wissenschaftliches Fachgebiet an der Universität – weiter zu erforschen. Sie macht mit ihm Schluss.

Der Ich-Erzähler Saul macht sich verwirrt und verunsichert auf in die DDR und wird dort von seinem Gastgeber Walter in Empfang genommen. Dieser zeigt ihm Land und Leute und bringt ihn bei seiner Familie unter, erklärt ihm seine Sicht auf den Sozialismus. Saul Adler, der aus einer jüdischen Familie stammt und bereits früh seine Mutter verloren hat, verliebt sich in ihn.

„ „Was Sie auch tun“, sagte er, „wenn Sie Ihren Bericht über unsere Republik verfassen, schreiben Sie nicht, dass alles grau und bröckelig war, mit Ausnahme der farbenfrohen Unterbrechung durch an Gebäuden angebrachte rote Fahnen.“ “

(S.57)

Walter’s jüngere Schwester Luna, für die es bereits an eine Katastrophe grenzt, dass Saul das heiß ersehnte Gastgeschenk in Form einer Dose Ananas für ihren Geburtstagskuchen vergessen hat, ist eine ängstliche, junge Frau, die sich am liebsten aus dem System davonstehlen würde. Sie hat Sehnsüchte und Träume, die sie in der DDR nicht ausleben kann. Und auch mit ihr beginnt Saul eine Affäre, so dass er sich bald in völligem Gefühlschaos und einer komplizierten Dreiecksbeziehung wiederfindet, die keine Zukunft hat, zumal er wieder nach London zurückkehren muss.

Und wie ist er dann auf einmal wieder auf die Abbey Road und ins Krankenbett gekommen? Und was macht seine Ex-Freundin Jennifer an seinem Bett?

Nichts ist, wie es scheint und mehr als einmal hat man bei der Lektüre das Gefühl eines Déjà-vue. Traum, Wahn und Wirklichkeit zerfließen ineinander und es wird zunehmend schwer, Ordnung in die Gedankenwelt des Erzählers zu bringen. Ist all das nur eine Fieber- oder Komafantasie? Delirium oder doch Realität? Zeit und Raum lösen sich auf, verschwimmen und offenbaren unterschiedliche Schichten in der Wahrnehmung. Ein kunstvolles, literarisches Gewebe, das den Leser fordert, aber auch durch Raffinesse beeindruckt – ein kluges, intelligentes und verblüffendes Buch, das immer wieder mit einer Wendung oder Überraschung aufwartet.

Ich mochte, wie Levy atmosphärisch Sauls Zeit in Ostberlin schildert, die Beschreibung der Datsche und das Bild, das die Autorin vom Leben in der DDR vor den Augen des Lesers zum Leben erweckt. Einer Welt, die kurz vor dem Zusammenbruch steht – 1988, die Wende war nicht mehr weit und auch Saul hat Visionen, dass das Ende bereits nah ist.

Beeindruckt hat mich der sehr frisch und nahezu jugendlich anmutende Sound des Romans, mit dem die 1959 geborene Autorin sich sehr direkt und unmittelbar an ihr Lesepublikum wendet. Somit kommt man sofort in einen wunderbaren Lesefluss und fühlt mit den Figuren, die auf der Suche nach sich selbst und ihrer Identität sind. Zudem versteht Levy es gekonnt, mit sprachlichen Bildern zu arbeiten – immer wieder spielen z.B. Fotografien oder Spiegel eine zentrale Rolle, die den vielschichtigen Charakter und die verschiedenen Ebenen der Wahrnehmung auch sprachlich intensivieren.

Das ist große Literatur über die Macht der Bilder, über das Aufeinandertreffen von Systemen, die Vielfalt und Diversität von zwischenmenschlichen Beziehungen, aber auch über unerfüllte Sehnsüchte und Wünsche. Verwirrend und schön zugleich. Ein Roman wie ein Rausch über die Liebe, die Endphase der DDR, sowie über die Sehnsucht nach Freiheit und einem selbstbestimmten Leben.

Es bleibt abzuwarten, ob Deborah Levy mit dem nächsten Werk erneut für den Booker Prize nominiert wird und ihn dann auch einmal zugesprochen bekommt. Eine interessante, spannende und außergewöhnliche Autorin ist die in Südafrika geborene Britin, die jetzt in London lebt, auf jeden Fall und ich werde ihr Schaffen sicherlich weiter verfolgen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Deborah Levy, Der Mann, der alles sah
Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke
Kampa
ISBN: 978 3 311 10028 7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Mann, der alles sah“:

Für den Gaumen:
Dosenananas sind jetzt wahrlich nicht der kulinarische Hochgenuss, den ich unbedingt empfehlen will, aber sie spielen im Roman eine zentrale Rolle und stehen unter anderem symbolisch für das Unerreichbare, Exotische und Begehrte aus dem Westen, das in der DDR nicht oder nur schwer zu bekommen war.

Zum Weiterhören:
Luna ist verrückt nach den Beatles, dem Album „Abbey Road“ und vor allem dem Song „Penny Lane“ – sie wünscht sich nichts sehnlicher, als die wahre Penny Lane in Liverpool besuchen zu können. Die Sehnsucht nach Freiheit und der Möglichkeit, reisen zu können, all das und noch viel mehr steckt für Luna in diesem Lied.

Zum Weiterlesen:
Einen Roman, den ich vor kurzem bereits ausführlicher hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe, der sich ebenfalls eindrucksvoll, aber auf ganz andere Art und Weise mit der Thematik des Zerfalls der DDR auseinandersetzt und mich sehr bewegt hat, ist „Machandel“ von Regina Scheer. Als gebürtige Ost-Berlinerin berichtet sie aus eigener Erfahrung und hat somit einen noch direkteren Zugang und Bezug zum Leben in der ehemaligen DDR als Deborah Levy.

Regina Scheer, Machandel
Penguin
ISBN: 978-3-328-10024-9

Morden mit der Schreibmaschine

Eine Verfilmung des Klassikers „Mord im Orientexpress“, die ich Anfang November im Fernsehen sah, rückte Agatha Christie wieder in mein Bewusstsein und auf einmal wollte ich mehr über die weltberühmte „Queen of Crime“ erfahren. Die im Frühjahr diesen Jahres im Osburg Verlag erschienene Biografie „Agatha Christie – eine Biografie“ von Barbara Sichtermann stellte sich hier als eine hervorragende Wahl heraus.

Wer war diese Agatha Christie, welcher der Rummel um ihre Person und die öffentliche Aufmerksamkeit stets unangenehm und unheimlich blieb? Wie wurde sie zur beliebtesten Krimiautorin aller Zeiten, die doch auch viel zu lange als trivial abgetan und unterschätzt wurde? Antworten auf diese Fragen konnte mir Barbara Sichtermann in ihrer sprachlich gelungenen und wunderbar lesbaren Biografie definitiv geben.

Das Buch begleitet Christie auf ihrem Weg zur erfolgreichen Berufsschriftstellerin, aber beleuchtet auch die private Seite der Autorin und ihre Rolle als Ehefrau und Mutter. So heiratet sie früh Archie Christie, doch die Ehe zerbricht. Mit ihrem mysteriösen Verschwinden in der Endphase der Ehe, das eine tagelange Suche durch Polizei und Medien nach sich zog, ging sie in die Annalen ein und sorgte für einen Medienrummel sondergleichen. Glücklich wurde sie jedoch an der Seite ihres zweiten Ehemannes Max Mallowan, der viele gemeinsame Reisen mit ihr unternahm und auch ihr Interesse für Archäologie und den nahen Osten weckte.

Sichtermann lässt den Leser der Geburtsstunde von Hercule Poirot und Miss Marple beiwohnen und gibt interessante Einblicke in die Arbeitsweise und das künstlerische Schaffen Christies. Sie verdeutlicht auch, wie hart Christie immer für den Erfolg ihrer Theaterstücke gearbeitet hat, die ihr so wichtig und stets Herzensangelegenheit waren. Bis heute ist „Die Mausefalle“ das Stück, das weltweit am längsten ununterbrochen im Londoner Westend zu sehen ist bzw. war (bis zum Corona-Lockdown im März 2020).

„Sich selbst gestand Agatha ein, dass sie, seit sie als Sechzehnjährige die Tosca studiert hatte, ihren Traum von der Bühne nie ganz beerdigen konnte. Wenn es denn wegen ihrer schwachen Mittellage zur Sängerin nicht gereicht hatte, dann sollte ihre Stimme wenigstens durch den Mund ihres listigen Detektivs oder eines infamen Killers auf den Brettern erschallen.“

(S.217)

Spannend fand ich vor allem auch die Charakterisierung der Krimiautorin, die zeigt, wie ambivalent sie in vielen Dingen doch war.
Ich durfte Christie, die eigentlich lieber Opernsängerin geworden wäre, als zupackende, reise- und abenteuerlustige Frau kennenlernen, die sich – wenn sie es für erforderlich hielt – über die Konventionen der damaligen Zeit hinwegsetzte und doch auch immer in der Tradition der britischen Klassengesellschaft verwurzelt blieb. So investierte sie bevorzugt in hochherrschaftliche Immobilien und führte gerne ein Leben in schönen Häusern mit entsprechendem Hauspersonal – da lebte die „gute, alte Zeit“ noch ein wenig fort. Und doch entschied sie sich auch gegen jede Konvention für eine Scheidung und in ihrer zweiten Ehe für einen 14 Jahre jüngeren Mann, was damals nahezu einem gesellschaftlichen Tabubruch gleichkam.

Sichtermann hat viel mit Originalzitaten aus Christie’s Autobiografie und ihren Briefen gearbeitet, welche dann stets kursiv hervorgehoben und kenntlich gemacht sind. Das gibt dem Buch einen stimmigen und authentischen Klang, weil man das Gefühl hat, Agatha Christie selbst zuzuhören.
Als sehr angenehm habe ich auch die flüssige Sprache der Autorin empfunden, welche in der Biografie nicht so sehr den Fokus auf die wissenschaftliche Vermittlung von Zahlen, Daten und Fakten gelegt hat, sondern vielmehr darauf, eine literarisch ansprechende Lebensgeschichte zu erzählen, die sich mit Genuss lesen lässt.

Und doch habe ich nach der Lektüre auch das Gefühl, viel erfahren und gelernt zu haben und jetzt ein wenig mehr über diese Grand Dame des Kriminalromans zu wissen. Eine interessante Frau im Spannungsfeld zwischen Tradition und Unkonventionalität, die stets ihren eigenen Weg ging und eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen aller Zeiten wurde.

Am Ende fand ich es noch spannend, dass ich – bei aller Unterschiedlichkeit und trotz des großen zeitlichen Abstands – einige Parallelen und Gemeinsamkeiten zwischen Christie und mir selbst entdecken konnte: Christie war von Kindheit an selbst eine passionierte Leserin. Sie liebte – wie ich – Shakespeare und benannte sogar eines ihrer Bücher, die sie unter dem Pseudonym Mary Westmacott verfasste, nach einem Shakespeare-Sonett „Absent in the spring“ (deutsch: „Ein Frühling ohne dich“). Zudem war sie zeit ihres Lebens eine große Liebhaberin des Theaters, das sie dem damals neu entstehenden und aufstrebenden Medium Film stets vorzog – auch das haben wir gemeinsam.

Wer sich also ebenfalls auf die Suche nach Gemeinsamkeiten mit Agatha Christie begeben möchte oder einfach nur mehr über den Menschen hinter den Büchern und die Schöpferin von so unsterblichen Figuren wie Hercule Poirot und Miss Marple erfahren möchte, dem kann ich Barbara Sichtermann’s Biografie wärmstens empfehlen.

Buchinformation:
Barbara Sichtermann, Agatha Christie – Eine Biografie
Osburg Verlag
ISBN: 978-3-95510-215-9

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Agatha Christie – Eine Biografie“:

Für den Gaumen:
Agatha Christie liebte Tee, d.h. in dieser Beziehung entsprach sie dem typischen Klischee der Britin, so wie wir uns dies gerne vorstellen. Sie zog den Tee stets dem Alkohol vor. D.h. die Lektüre verlangt geradezu nach einer gepflegten Tasse schwarzem Tee.

Zum Weiterschauen:
Hier möchte ich sehr frei nach Goethe zitieren: „Von Zeit zu Zeit seh’ ich die Alte gern“, denn ab und an kann ich mich wirklich immer wieder erneut für die Schwarz-Weiß-Verfilmungen der Miss Marple-Romane mit Margaret Rutherford aus den 60er Jahren begeistern – auch wenn Agatha Christie selbst diese nicht so sehr schätzte. Und dann schaue ich – gerne in der Winterzeit – in eine der x-ten Wiederholungen rein. Klar kann man das nicht immer sehen, aber ab und zu habe ich da wirklich Freude daran. Ein bisschen Nostalgie darf sein und wenn das Miss Marple Thema von Ron Goodwin mit dem typischen Spinett-Sound ertönt, bekomme ich gleich gute Laune.

Zum Weiterhören:
Agatha Christies letzter Fall für Miss Marple „Ruhe unsanft“ war ihr Vermächtnis, das posthum im Jahre 1976 veröffentlicht wurde und den sie bereits im Jahre 1940 in einem Tresor deponiert hatte. Der Hörverlag hat 2013 eine gekürzte Lesung dieses Werks herausgebracht, die mir gut gefällt – zumal diese von der grandiosen und unvergleichlichen Katharina Thalbach gelesen wird.

Agatha Christie, Ruhe unsanft
übersetzt von: Eva Schönfeld
Gekürzte Lesung gelesen von Katharina Thalbach
der Hörverlag
Hörbuch (CD) gekürzt, 3 CDs, Laufzeit: 3h 44 min
ISBN: 978-3-8445-1013-3

Zum Weiterlesen:
Meine letzte Agatha Christie-Lektüre liegt schon eine ganze Weile zurück, aber dennoch stehen einige Bände bei mir im Regal. So zum Beispiel der Band „Die Tote in der Bibliothek“, der mich als Büchermensch natürlich sofort angesprochen hatte: ein schmaler Band und ebenfalls ein Fall mit der unübertroffenen Miss Marple.

Agatha Christie, Die Tote in der Bibliothek
übersetzt von Barbara Heller
Atlantik
ISBN: 978-3-455-65005-1

Olympische Ermittlungen

Volker Kutscher’s neuesten Fall für Gereon Rath „Olympia“ habe ich dieses Mal tatsächlich sofort am Erscheinungstag in meiner örtlichen Buchhandlung erstanden. Nein, ich habe nicht vor der Buchhandlung campiert (so schlimm ist es dann doch nicht), sondern ganz entspannt den Buchkauf am Feierabend mit einem Spaziergang verbunden. Aber dieser neue Band stand definitiv ganz oben auf meiner Wunschliste und wollte dann auch schnellstmöglich gelesen werden. Und es hat sich – wie immer – auch beim achten Fall gelohnt und dann ist man stets ein wenig traurig, wenn die Lektüre vorbei ist und man wieder sehnsüchtig auf einen potenziellen nächsten Band warten muss.

„Man konnte ihnen einfach nicht entgehen, überall sah man sie, die fünf Ringe, blau, schwarz, rot, gelb, grün, nicht nur an Flaggenmasten und Fassaden, auch in Schaufenstern, an Autos und Kinderwagen, an jedem verdammten Fahrrad flatterten sie.“

(S. 46)

August 1936, Berlin ist im Ausnahmezustand – die Olympiade und die damit verbundene Propagandamaschinerie der Nationalsozialisten hat die Stadt fest im Griff – die ganze Stadt ein einziges Flaggenmeer. Im Hause Rath hängt der Haussegen schief, da Gereon ohne Rücksprache mit Charly eingewilligt hat, amerikanische Olympiatouristen zu beherbergen. Charly, der das Nazi-Regime aus tiefstem Herzen verhasst ist, will mit den olympischen Spielen und dem damit verbundenen Brimborium bzw. der Selbstinszenierung der Partei nichts zu tun haben und hätte diesem Vorhaben ihres Ehemanns niemals zugestimmt.
So zieht sie kurzerhand für einige Tage zurück zu ihrer Freundin Greta, lässt Gereon mit den Touristen allein und die beiden gehen eine Weile getrennte Wege.

Und auch Fritze – der ehemalige Pflegesohn der Raths – der mittlerweile einer politisch zuverlässigeren Pflegefamilie zugewiesen wurde – geht seine eigenen Wege. Eine aufregende Zeit für den Jungen, der – dank seiner Mitgliedschaft in der Hitlerjugend – spannende Aufgaben im Jugendehrendienst der Olympiade übernehmen darf. Im olympischen Dorf und an den Wettkampfstätten übernehmen die Jungen einfache Tätigkeiten und Botendienste und haben so die Chance, die olympischen Spiele und ihre großen Idole hautnah zu erleben. So erlebt Fritze auch den Zwiespalt, dass er als Hitlerjunge doch eigentlich gar nicht so begeistert sein dürfte vom großen Ausnahmesprinter Jesse Owens oder dem US-Hochspringer Dave Albritton, der ihn kurzerhand zum persönlichen Maskottchen und Glücksbringer erklärt. Doch er erlebt die Stars als sehr unkompliziert und umgänglich und muss fortan seine Sympathie zu den dunkelhäutigen Sportlern andauernd vor seinen linientreuen Kameraden verteidigen – sein glorifiziertes Bild des Nationalsozialismus gerät zunehmend ins Wanken.

Bei einem seiner Botengänge wird Fritze in der Kantine des olympischen Dorfs Zeuge, als ein amerikanischer Funktionär während des Essens plötzlich tot zusammenbricht. Die Organisatoren und die Politik versuchen alles, den Vorgang herunterzuspielen und unter den Teppich zu kehren. Ein Mord bei Olympia? Das passt nicht ins Konzept und so erhält Gereon den Auftrag verdeckt im Olympischen Dorf zu ermitteln und den Fall möglichst diskret zu lösen. Denn für die Nationalsozialisten ist die Lösung sofort naheliegend: es kann sich nur um einen Anschlag der Kommunisten handeln, um die festlichen Spiele zu sabotieren und zu entweihen.
Binnen kürzester Zeit überschlagen sich die Ereignisse, Gereon trifft alte Bekannte aus Polizei- und Verbrecherkreisen wieder und sowohl er selbst als auch Fritze geraten in höchste Gefahr.

Wie immer entwickelt auch dieser Kriminalfall sofort nach einem mystischen und geheimnisvollen Prolog, der einen unaufhörlich rätseln lässt, was dieser wohl bedeuten mag, einen unheimlichen Sog, dem man sich nicht mehr entziehen kann. Kutscher versteht es jedes Mal aufs Neue, den Leser mit einer intelligenten und hochspannenden Handlung sowie ungemein sympathischen Hauptfiguren – Gereon, Charly und Fritze sind einem ja längst ans Herz gewachsen – in den Bann zu ziehen.

Seine große Stärke ist es auch, die Atmosphäre und die zeitlichen Umstände so packend und stimmig zu beschreiben, dass man regelrecht in die damalige Zeit und die Geschichte abtaucht. Das ist fesselnd, packend, man liest und liest und vergisst alles um sich herum. Für mich bedeutet das, eine solche Lektüre idealerweise auf ein Wochenende zu legen, um möglichst viel Zeit am Stück zu haben und es richtig genießen zu können.
Denn für mich war „Olympia“ definitiv ein großer Genuss und aufgrund der besonderen zeitlichen Rahmenhandlung ein ausnehmend starker Band in einer ohnehin durchgängig außergewöhnlichen Krimireihe. Für mich eines der absoluten Lesehighlights in diesem Herbst.

Volker Kutscher ist jetzt mit seiner Serie in einer sehr dunklen Zeit der deutschen Geschichte angekommen, dem auch das sehr düstere, schwarze Cover des Buches Rechnung trägt und es bleibt mit Spannung zu erwarten, ob und wie er die Reihe fortsetzt – zumal „Olympia“ mit einem wahrhaftig großen Knall zu Ende geht.

Eine weitere begeisterte, ausführliche Besprechung zu „Olympia“ gibt es beim Kaffeehaussitzer.

Gegebenenfalls noch ein Hinweis: „Olympia“ ist der achte Fall von Volker Kutscher’s Gereon-Rath-Reihe und es empfiehlt sich definitiv, die Bände in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Wer also die Bände davor noch nicht kennt darf sich glücklich schätzen, denn dann hat sie oder er noch viel Lesegenuss vor sich und sollte diese wirklich von Anfang an in der chronologischen Reihenfolge lesen, da immer wieder Rückbezüge zu früheren Fällen auftauchen.

Buchinformation:
Volker Kutscher, Olympia
Piper
ISBN: 978-3-492-07059-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Olympia“:

Für den Gaumen:
Gereon und Charly trinken zur Beruhigung der strapazierten Nerven häufig mal einen Cognac. Und nervenaufreibend und hochgradig spannend ist auch die Lektüre von „Olympia“ auf jeden Fall.

Zum Weiterlesen (1):
Ich teile die literarischen Vorlieben für „verbotene Bücher“ mit Greta, Charly und Fritze. So liest Greta in diesem Roman zum Beispiel Kurt Tucholskys „Schloss Gripsholm“ und trauert um den Autor, der kurz zuvor im Winter 1935 im schwedischen Exil verstorben war und auch Fritze will auf seine geliebten Erich Kästner-Bücher nicht verzichten, die ihm sein Pflegevater wegnimmt und verbietet. Mit ihm gemeinsam ist mir die große Liebe zu Erich Kästner und seinem „fliegenden Klassenzimmer“.

Kurt Tucholsky, Schloss Gripsholm
Manesse
ISBN: 978-3-7175-2094-8

Erich Kästner, Das fliegende Klassenzimmer
Atrium Verlag
ISBN: 978-3-85535-607-2

Zum Weiterlesen (2):
Wer mehr über die Olympiade 1936 und den zeitlichen Hintergrund erfahren möchte, dem sei Oliver Hilmes’ „Berlin 1936“ sehr ans Herz gelegt. Ein herausragendes Buch, das diese Zeit hervorragend beschreibt und begreifbar macht und zudem sehr angenehm und flüssig zu lesen ist.

Oliver Hilmes, Berlin 1936
Penguin
ISBN: 978-3-328-10196-3

Tizians Venus

Lea Singer ist eine Autorin, die mich bereits seit längerem begleitet und deren Bücher über Künstler – Musiker, Dichter oder Maler – mich immer begeistern und faszinieren. Auch der neueste Roman „La Fenice“ ist wieder ein literarisches Glanzlicht, das ich mit großem Interesse gelesen und als sehr bereichernd empfunden habe.

Angela del Moro – auch genannt „La Zaffetta“ oder die Tochter des Spitzels – weiß schon früh, dass sie sich nicht in das übliche Schicksal einer venezianischen Frau als Gattin, Mutter und Untergebene des Mannes fügen will. Sie will sich lösen vom Elternhaus und ihr Ziel ist es, frei und unabhängig zu sein. Sie möchte ihr eigenes Geld verdienen, unverheiratet bleiben und als Weg dorthin wählt sie es, eine Kurtisane zu werden. Bereits mit 16 Jahren lässt sie sich von „Mentor“ Aretino ausbilden, denn auch die käufliche Liebe im Venedig des 16. Jahrhunderts ist ein hart umkämpftes Geschäft und nur gebildete, gepflegte und schöne, junge Damen verdienen gutes Geld mit der gehobenen, reichen und oft adeligen Kundschaft. Sie zählt schnell zu den Gefragtesten in ihrem Metier, allerdings begeht sie dann einen verhängnisvollen Fehler: sie lehnt einen sehr einflussreichen und mächtigen Mann ab, stößt ihn vor den Kopf und zieht seine unerbittliche Rache auf sich.

Er lässt sie auf einer abgelegenen Insel vor den Toren Venedigs brutal vergewaltigen – ein sogenannter „Trentuno“, d.h. eine Massenvergewaltigung durch 31 Männer, die sie nur knapp und schwer verletzt überlebt. Diese rohe, überbordende Gewalt und der darauf folgende Rufmord, der ihr jegliche Basis entzieht, bringen sie an den Abgrund ihrer Existenz.

„Der Phönix steigt aus seiner eigenen Asche empor. Und in unserer Sprache, sagte Aretino, ist der Vogel Phönix bekanntlich weiblich.“

(S.183)

Doch wie ein Phönix erarbeitet sie sich Schritt für Schritt ihre eigene Wiederauferstehung und erkämpft sich ihr Leben und ihre Würde zurück.
Mit 23 Jahren wird sie zum Modell des berühmten und erfolgreichen Malers Tizian und wird seine „Venus von Urbino“ – dem bekannten Gemälde, das heute zu den Höhepunkten in den Florenzer Uffizien zählt. Und das Leben voller Höhen und Tiefen hält noch eine wahrhaftige Liebe als Überraschung für sie bereit.

„Dem Sänger, der bei einem Begräbnis singt, dürfen nicht die Tränen kommen, ein Narr, der für seine Späße bezahlt wird, darf nie über sich selber lachen. Eine verliebte Käufliche wurde unverkäuflich.“

(S.226)

Ich schätze die sinnliche und atmosphärische Art zu Schreiben, die Lea Singer auch in „La Fenice“ wieder eindrucksvoll unter Beweis stellt, außerordentlich. Die Düfte, die Geschmäcker, die Geräusche Venedigs sind so lebendig geschildert, dass man sich selbst fröstelnd in der nebligen Lagunenstadt wiederzufinden scheint. Ein pralles Bild der Serenissima in der Zeit der Renaissance, das die Lektüre erleben lässt – auch in aller Brutalität und Dunkelheit, denn gerade für Frauen oder Außenseiter der Gesellschaft war diese Zeit auch geprägt von Unterdrückung, Willkür und unmenschlicher Gewalt. Singer beschreibt das düster, sehr realistisch und drastisch – da muss man schon mehr als einmal schlucken und kann erleichtert sein, als Frau im Heute leben zu dürfen.

Der Kampa Verlag hat für „La Fenice“ eine puristisch-edle und sehr elegante, schlichte Aufmachung in Leinenbindung gewählt, die sehr schön anzusehen ist und das Herz eines bibliophilen Lesers höher schlagen lässt. Auch durch diese sehr gelungene Optik und Haptik ist es eine Freude, das Buch zur Hand zu nehmen.

Singer’s Romane sind stets unterhaltsam und spannend zu lesen, aber vermitteln zugleich auch immer geschichtliche Hintergründe und fundiertes Wissen über Epochen und Lebensläufe von berühmten Künstlern. Für mich ist das eine perfekte Kombination und macht ihre Bücher so attraktiv – lesend unterhalten werden und auch gleichzeitig noch etwas Neues lernen. Leserherz, was willst Du mehr?

Ein informatives, intelligentes, inspirierendes und großartig recherchiertes Buch, das man mit großer Neugier und Wissbegier nur allzu schnell verschlingt und das zugleich emotional bewegt und berührt. Eine klare Leseempfehlung für alle, die sich für Kunst, Geschichte und die italienische Renaissance interessieren.

Buchinformation:
Lea Singer, La Fenice
Kampa
ISBN: 978 3 311 10027 0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „La Fenice“:

Für den Gaumen:
Im Buch neu begegnet sind mir die Castraure, die ich bisher noch nicht selbst probieren konnte, was ich aber gedenke nachzuholen, sobald sich die Gelegenheit einmal bieten sollte. Castraure sind die jungen, ersten, lilafarbenen Knospen der Artischocken, die zurückgeschnitten werden, um den Ertrag der Pflanzen zu optimieren und wohl zart bitter schmecken. Die venezianische Gemüseinsel Sant’ Erasmo ist bekannt dafür.

Zum Weiterschauen:
Auch wenn die Uffizien derzeit pandemiebedingt geschlossen haben, lohnt sich ein Besuch der Website, um sich Tizians „Venus von Urbino“ anzusehen. Ich hatte vor einiger Zeit das große Vergnügen, das Gemälde in Florenz „live“ zu sehen und von einem hervorragenden Kunsthistoriker erklärt zu bekommen. Ein unvergessliches Erlebnis und für mich auch ein weiterer Grund, Lea Singer’s Buch sofort lesen zu wollen, als ich davon erfahren habe.

Zum Weiterlesen:
Ein Buch, das ich allen, die gerne über Venedig, aber vor allem auch gerne etwas über Künstler, Musiker und Komponisten lesen – so wie ich – empfehlen kann, ist Peter Schneiders „Vivaldi und seine Töchter“. Im barocken Venedig arbeitete der „prete rosso“ an einem Waisenhaus und förderte musikalisch begabte Mädchen. Ein spannendes Kapital aus Vivaldi’s Leben und zugleich sehr gut erzählt.

Peter Schneider, Vivaldi und seine Töchter
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05229-9

Europäische Nostalgie

Ilja Leonard Pfeijffer stand mit seinem Roman „Grand Hotel Europa“ monatelang an der Spitze der niederländischen Bestsellerliste. Ein umfangreiches, gewaltiges und vielschichtiges Buch, das sich mit Witz, Zynismus und Ironie literarisch geschickt mit dem aktuellen Zustand und den Perspektiven unseres Kontinents Europa befasst.

Zu Beginn des Romans bezieht der Autor ein Zimmer im „Grand Hotel Europa“ – ein bereits in die Jahre gekommenes, baufälliges Luxushotel mit einem etwas verblichenen Charme – und lernt dort den jungen Pagen Abdul kennen, der ihn gemeinsam mit dem rührigen Majordomus Montebello in Empfang nimmt. Bei einer gemeinsamen Zigarette kommen Pfeijffer und Abdul ins Gespräch und nach und nach erzählt der junge Flüchtling seine abenteuerliche Geschichte, die ihn an diesen Ort geführt hat.

Der niederländische Autor möchte sich im Hotel in Ruhe der Arbeit an seinem neuesten Romanprojekt widmen. Frisch getrennt von seiner großen Liebe Clio will er jetzt über seinen Liebeskummer hinwegkommen und in Abgeschiedenheit seinen Roman über den Tourismus in Europa und die Geschichte seiner zerbrochenen Beziehung schreiben. So entspinnt sich ein vielschichtiges Geflecht an Schauplätzen, Zeitebenen und Erzählsträngen. Rahmenhandlung bilden die Geschehnisse im Grand Hotel Europa, Abdul erzählt über seine Flucht und Pfeijffer schreibt über die Recherche zu seinem Romanprojekt über den Tourismus und die damit verbundenen Reisen sowie über seine und Clio’s Liebesgeschichte.

Nicht umsonst ist Clio die griechische Muse der Heldendichtung und Geschichtsschreibung, denn einer der großen Grundgedanken in diesem Roman ist, dass Europa sich viel zu sehr auf die Vergangenheit konzentriert und in Nostalgie schwelgt, statt sich auf die Zukunft zu fokussieren. Personifiziert wird dieser Kontrast durch Abdul, den Flüchtling, der seine Vergangenheit am liebsten komplett verdrängen und vergessen und nur noch in eine positive Zukunft nach vorne schauen möchte und dem Autor auf der anderen Seite, der selbst seine persönliche und die europäische Entwicklung des Tourismus rückwärts blickend in einem Roman gleichsam als „Geschichtsschreibung“ verarbeiten will.

„Ich bin froh, dass noch so viel Vergangenheit zu erzählen bleibt, denn ich habe keine Ahnung, welche Zukunft ich für mich erfinden soll, wenn ich meine Aufgabe erfüllt haben werde.“

(S.77)

Europa ist für Pfeijffer zu einem Freilichtmuseum und historischem Themenpark verkommen, dessen einzige Zukunft darin besteht, als Tourismusziel zu dienen. Er beschreibt zynisch und bissig in zahlreichen Episoden und Szenen die dramatischen Folgen und negativen Auswüchse dieser Entwicklung. Der Massentourismus mit all seinen Schattenseiten und Problemen, die er unweigerlich mit sich bringt, ist ein weiteres großes Schlüsselthema in diesem Roman.

Es ist aber auch ein Buch über Kunst und strotzt vor Querbezügen zu Malerei und bildender Kunst – so ist es ein beliebtes Spiel zwischen Clio und Ilja geworden, gemeinsam an unterschiedlichsten Orten in Europa nach einem verschwundenen Bild Caravaggios zu suchen. Er spannt aber beispielsweise auch den Bogen zur Gegenwartskunst von Damien Hirst, der sich unter anderem ebenfalls mit dem Thema der Vergänglichkeit auseinandersetzt.

Pfeijffer hat ein intelligentes und kluges Buch geschrieben, das überzeichnet und satirisch dem europäischen Leser den Spiegel vorhält. Er führt den Irrsinn und die Probleme des Kontinents vor Augen und beleuchtet die Lage Europas und die Zukunftsaussichten kritisch. Gleichzeitig beweist er mit seiner Romanerzählung genau die Stärken des alten Europas – er verwebt umfangreiches Wissen über Kunst und Geschichte in seine Erzählung.

Ein mächtiger Roman, der sehr vielseitig ist und sich trotz der Fülle an Themen sehr flüssig, unterhaltsam und mit Spannung lesen lässt. Auch wenn es Stellen im Buch gibt, die irritieren und vielleicht so manchem Leser auch etwas zu weit gehen, bietet es doch zahlreiche Denkanstöße, die einen im Anschluss länger beschäftigen und viel Stoff zum Nachdenken bieten.

Welche Chance hat dieses Europa, das gleichsam dem Grand Hotel im Buch aufgrund der Vergangenheitsfixierung wohl etwas in die Jahre gekommen ist? Wie kann eine glückliche und lebenswerte Zukunft aussehen?

„Ich will nicht wie das Hotel, in dem ich zu Gast bin, oder wie der Kontinent, nach dem es benannt wurde, zu dem Schluss kommen müssen, dass meine beste Zeit hinter mir liegt und mir in Zukunft nicht viel mehr bleiben wird, als mein Heil in der Vergangenheit zu suchen.“

(S. 52)

Weitere Besprechungen zum Buch gibt es unter anderem bei Letteratura, Buchpost und Buch-Haltung.

Buchinformation:
Ilja Leonard Pfeijffer, Grand Hotel Europa
Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm
Piper
ISBN: 978-3-492-07011-9

© Piper Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Grand Hotel Europa“:

Für den Gaumen:
Vielleicht eine Tasse Kaffee, um im übertragenen Sinne wach und offen zu bleiben für Veränderung, um vor lauter Vergangenheit die Zukunft nicht außer Acht zu lassen.

Zum Weiterschauen:
Die Gemälde Caravaggios spielen im Buch eine zentrale Rolle. Es lohnt sich daher im Zusammenhang mit der Lektüre auch wieder ein paar Gemälde dieses Künstlers der Barockzeit anzusehen, der vor allem für sein „Chiaroscuro“, d.h. die Hell-Dunkel-Malerei bekannt ist.

Zum Weiterlesen:
Für alle die sich auf leichtfüßige, humorvolle und unterhaltsame Art und Weise mit dem Thema „Vergangenheit trifft Gegenwart“ und dem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen beschäftigen möchten, kann ich Herbert Rosendorfers Klassiker aus dem Jahr 1983 „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ empfehlen.

Herbert Rosendorfer, Briefe in die chinesische Vergangenheit
dtv
ISBN: 978-3-423-10541-5

Eine große Stimme

Ein kleiner Mann – nur 1,54 Meter groß – mit einer großen, unvergesslichen Stimme: der jüdische Operntenor Joseph Schmidt. Ihm setzt Stefan Sprang mit seiner Romanbiografie „Ein Lied in allen Dingen – Joseph Schmidt“ ein Denkmal und lässt den Leser die Höhen und Tiefen des viel zu kurzen Lebens gemeinsam mit dem Sänger durchleben. Eine Hommage an einen außergewöhnlichen und großartigen Künstler.

Schmidt wird am 4. März 1904 in Davideny (Bukowina) im damaligen Österreich geboren. Als Sohn jüdischer Eltern wächst er behütet und geliebt auf und schon früh fasziniert ihn die Musik und das Grammophon im nahen Gasthaus. Die Familie lebt und praktiziert den jüdischen Glauben und schon bald darf der musikalische und begabte Junge in der Dorfsynagoge als Solist singen. Sein Glaube bleibt ihm sein Leben lang Zuflucht.

„Wie genau sich dir all das eingeprägt hat. Als hättest du damals schon gewusst, dass einmal Tage kommen werden, an denen du jede Erinnerung brauchst.“

(S.43)

Doch er bereitet den Eltern auch Sorgen, denn sein Wachstum stockt und er wird gerade einmal 1,54 m groß – Besuche bei Ärzten ergeben nichts. Kann man mit dieser Statur ein großer Opernsänger werden? Denn schon bald ist klar, dass dies Joseph’s großer Wunsch ist. Er studiert in Berlin Gesang und verzeichnet erste Erfolge im Rundfunk und bei Schallplattenaufnahmen.

Sein „blendend glanzvoller Höhentenor“ zaubert den Menschen – und vor allem auch den Frauen – ein Strahlen auf die Gesichter. Er wird zum gefeierten Star – ohne dass er sich zunächst wirklich in der Öffentlichkeit oder auf der Bühne präsentiert. Doch schon bald zieht es ihn auch zum Film und auf die Bühne, wo Regisseure mit raffinierten Mitteln (u.a. durch Rampen, Podeste, Treppen und z.B. durch Einrahmen in größeren Menschengruppen) versuchen, die geringe Körpergröße geschickt zu kaschieren. Der ganz große Durchbruch auf der Bühne in den wichtigen Opernrollen des Tenorfachs bleibt ihm zwar verwehrt, aber vor allem in den Jahren 1929 bis 1933 erobert der Frauenheld das deutsche Publikum durch seine Plattenaufnahmen und Radioauftritte im Sturm.

Doch dann überschattet die Machtübernahme der Nationalsozialisten seine Karriere und obgleich er zunächst noch von Goebbels und dessen Funktionären hofiert wird, lehnt er das Angebot ab, seinen jüdischen Glauben aufzugeben und sich zum „Ehrenarier“ ernennen zu lassen.
Er übersiedelt nach Wien, um dem Regime ein erstes Mal zu entkommen. Dort wird der Frauenschwarm 1935 Vater eines Sohnes. Mit der Interpretation von Liedern wie „Heut ist der schönste Tag in meinem Leben“ oder „Ein Lied geht um die Welt“ feiert er große Erfolge und wird weltweit bekannt.

Doch – eigentlich Familienmensch und oft geplagt von großer Sehnsucht nach seiner Mamitschka – bleibt er stets ein Getriebener und Heimatloser, denn auch in Österreich holen ihn die Nationalsozialisten ein und er begibt sich wieder auf die Flucht. Leider unterschätzt er häufig die Gefahr und den Ernst der Lage und so irrt er heimat- und staatenlos durch Europa (Brüssel, Frankreich etc.), bemüht sich spät um ein Visum und verpasst die Gelegenheit der Ausreise nach Übersee. Nach illegalem Grenzübertritt wird er 1942 im Lager Girenbad in der Schweiz interniert. Sein Gesundheitszustand ist sehr angegriffen und er leidet an einer Herzschwäche, die nicht behandelt wird. Er verstirbt mit gerade einmal 38 Jahren.

Stefan Sprang erzählt Schmidt’s Leben in zahlreichen Szenen, die für mich stellenweise fast drehbuchartig anmuteten. Er beschreibt sehr intensive, sehr plastische und emotionale Momente mit großer Aussagekraft und bedient sich einer sehr liebevollen Art zu erzählen und zu formulieren. Der Autor wählt die künstlerisch freiere Form des Romans – nicht die einer klassischen Biographie – und springt so zwischen Zeiten und Orten. Manchmal hätte ich mir zwar ein wenig mehr verbindende Elemente und einen etwas stärker ausgeprägten roten Faden gewünscht, um den Überblick besser zu behalten. Doch die Lebensgeschichte kommt auch so im Herzen des Lesers an und man liest das Buch mit großer Sympathie und zunehmender Wehmut.

„Vielleicht weil man im Leben immer glücklich und unglücklich zugleich ist.“

(S.222)

Das Lebensschicksal Schmidts ist geprägt von Höhen und Tiefen und man leidet während der Lektüre stets mit. Im Nachgang und mit dem Wissen um seine Geschichte, möchte man ihn wachrütteln und ihm den Ernst der politischen Situation klarmachen, die er viel zu lange unterschätzt hatte. So ist der viel zu frühe und sinnlose Tod, der bei rechtzeitiger Behandlung der Krankheit vermeidbar gewesen wäre und das einsame Ende in einem Auffanglager, der tiefstmögliche Sturz nach einer großen, glanzvollen und glücklichen Karriere, die nur sehr kurz währte.

Ein trauriges, wehmütiges Buch, das von Stefan Sprang mit großem Respekt, viel Herz und tiefer Bewunderung und Liebe zum Menschen Joseph Schmidt verfasst ist und ihn in der Erinnerung der Leser weiterleben lässt. Ein Schicksal und eine große Persönlichkeit, die mich sehr berührt hat.

Buchinformation:
Stefan Sprang, Ein Lied in allen Dingen – Joseph Schmidt
Größenwahn Verlag
ISBN: 978-3-957712-38-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Ein Lied in allen Dingen – Joseph Schmidt“:

Zum Weiterhören (Teil 1):
Natürlich sollte man sich die unsterbliche Stimme Joseph Schmidts während oder nach der Lektüre des Romans anhören. Auch wenn die alten Aufnahmen natürlich nicht die beste Tonqualität haben, lässt sich der Zauber, der Glanz und die Leichtigkeit in Schmidts Stimme auch heute noch deutlich heraushören. Eine Jahrhundertstimme.

Zum Weiterhören (Teil 2):
Ein wunderschönes Lied, das im Roman vorkommt ist „Marietta’s Lied“ aus der Oper „Die tote Stadt“ des jüdischen Komponisten Erich Wolfgang Korngold. Für mich zählt dieses wehmütige, gefühlvolle Stück zu den emotionalsten und schönsten Arien der Opernmusik – „Glück, das mir verblieb…“.

Zum Weiterlesen:
Wenn man wie ich nicht genug vom Thema Oper bekommen kann und vor allem auch einmal den Blick hinter die Kulissen werfen will, dann kann ich die Memoiren von Brigitte Fassbaender sehr empfehlen. Sie beschreibt, was es bedeutet Opernsängerin und auch Opernregisseurin zu sein. Die Autobiografie einer starken Frau und Künstlerin, die ich mit großer Begeisterung gelesen habe:

Brigitte Fassbaender, Komm’ aus dem Staunen nicht heraus
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-74115-9

Ein Haus erzählt

Gott wohnt im Wedding“ von Regina Scheer ist ein wundervoller Roman, der die Lebensgeschichten verschiedener Bewohner eines Mietshauses im Berliner Stadtteil Wedding erzählt und gleichsam ein großes, vielseitiges Kaleidoskop an Themen deutscher Geschichte auffächert. Eine Ode auf das „Geschichten erzählen“ und das mündliche Weitergeben persönlicher Lebensgeschichten und Zeitzeugnisse an nächste Generationen.

„Ich kann niemanden warnen, kann meinen Bewohnern nicht sagen, dass ein Unglück geschehen wird. Ich weiß es, ich spüre es, ich sehe ja die Zeichen, aber was kann ich tun, als mit den Türen zu schlagen und den Putz rieseln zu lassen, mit den alten Dachbalken zu knarren oder mal einen Ziegelstein aus den Mauern fallen zu lassen.“

(S.8)

Immer wieder lässt die Autorin im Roman das alte Backsteinhaus selbst erzählen über seine Bewohner, die kamen und gingen, lachten, liebten, weinten und litten.
Erbaut im 19. Jahrhundert hat das Mietshaus im „roten Wedding“ vieles erlebt und vielem standgehalten – es bot eine Bühne für zahlreiche menschliche Begegnungen, Glücksmomente und Tragödien.

Da ist Gertrud – mittlerweile alt geworden – die von Geburt an im Haus wohnt und miterlebt hat, wie sich das Viertel und die Bewohner verändert haben. Im Zweiten Weltkrieg hat sie geholfen, zwei „U-Boote“, d.h. zwei jüdische, junge Männer zu verstecken, die versuchten, der Deportation zu entgehen: Manfred – ihre erste und einzige große Liebe – und seinen Freund Leo.

Leo, der gesehen hatte, wie Manfred vor Gertruds Wohnung aufgegriffen und abgeführt wurde, hat durch Glück überlebt und ging später nach Israel in einen Kibbuz. Mit mittlerweile weit über 90 Jahren kommt er zurück nach Berlin, in die Stadt, die er nie mehr sehen wollte. Er hat Erbschaftsdinge zu regeln und seine Enkelin begleitet ihn. Sie will mehr über ihre Familie erfahren und lässt sich von ihrem Großvater seine Geschichte erzählen. Leo hat Gertrud den vermeintlichen Verrat jedoch nie verziehen und scheut die erneute Begegnung mit ihr, zu der ihn die Enkelin ermutigen will, obwohl er dieser Frau doch auch viel zu verdanken hat.

Im Wohnhaus sind über die Jahre auch einige Sinti und Roma eingezogen. Menschen, die ebenfalls verfolgt und vertrieben wurden und auf der Suche nach einer neuen Heimat sind. Laila, die sich liebevoll um Gertrud und die anderen Hausbewohner kümmert, ist eine junge Sintiza – 1975 in Polen geboren – und blickt bereits auf eine bewegte Lebensgeschichte zurück. Ihre Erfahrungen mit Ämtern und Behörden, dem eigenen Kampf um Anerkennung und eine „Bleibeperspektive“ sowie ihre Bildung ermöglichen es ihr, auch anderen Menschen mit ähnlichem Schicksal zu helfen. Auch Laila will ihre Wurzeln verstehen und befragt ihre Großmutter Frana, die aus dem Zwangslager Marzahn nach Auschwitz-Birkenau kam und überlebt hat, nach ihrer Geschichte. Ihr Lebensweg führte über Polen zurück nach Deutschland.

Die junge Generation stellt Fragen zu Überleben und Leben – so erzählt Gertrud dem jungen Kunststudenten Stefan ihre Geschichte, Frana der Enkelin Laila und Leo seiner Enkelin Nira. Geschichten voller Trauer und Schmerz, Verlust und Wut, aber für alle drei scheint es auch eine Befreiung zu sein, von der Vergangenheit zu erzählen, sich die Ereignisse und Geschehnisse von der Seele zu reden.
Sie schließen eine Art Frieden mit sich und der Vergangenheit und wissen, dass die Geschichten nicht vergessen sind, sondern weiterleben. So sagt Frana zu Laila treffend:

„Was du weißt, ist nicht verloren.“

(S.311)

Wie schon bei „Machandel“ hat mich Regina Scheer vor allem durch ihre klangvolle, harmonische und wunderschöne Sprache begeistert. Sie hat ein untrügliches Gespür für Stimmungen und Szenen, die sehr subtil und warmherzig ein großes, stimmiges Gesamtbild erzeugen und für sehr menschliche Charaktere, die einem ans Herz wachsen.

Scheer ist eine großartige Geschichtenerzählerin und so schafft sie mit ihrem Buch auch das, was die älteren Figuren im Roman erreichen wollen, die Lebensgeschichten weiterzutragen, gegen das Vergessen anzukämpfen und den ermordeten und verfolgten Juden sowie Sinti und Roma ein Denkmal zu setzen.

Ein herausragender Roman über Verfolgung und Vertreibung, Aussöhnung und Vergebung, über Zeitzeugen und das Erzählen von Lebensschicksalen und -geschichten, der berührt und zu Herzen geht. Bald wird es die Möglichkeit, Berichte und Erfahrungen aus der Zeit des Holocaust aus erster Hand von überlebenden Zeitzeugen zu bekommen, nicht mehr geben. Um so wichtiger ist es, die Geschichten wachzuhalten und an nächste Generationen weiterzugeben.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei Randomhouse und dem Penguin Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Regina Scheer, Gott wohnt im Wedding
Penguin
ISBN: 978-3-328-10580-0

© Penguin Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Gott wohnt im Wedding“:

Für den Gaumen:
Leo genießt in einem Berliner Lokal Piroggen einer polnischen Köchin, die ihm hervorragend schmecken. Die gefüllten Teigtaschen sind vor allem in der osteuropäischen Küche verbreitet und werden auch oft bei Festlichkeiten serviert.

Zum Weiterhören:
Auf Gertruds Grammophon hören Manfred, Leo und Gertrud gemeinsam Gustav Mahlers Dritte Sinfonie. Vor allem der vierte Satz (Sehr langsam, Misterioso) mit dem Altsolo basierend auf einem Gedicht von Friedrich Nietzsche hat es ihnen angetan.

Zum Weiterschauen und Weiterdenken:
Den Gedanken, das Haus immer wieder in Zwischenkapiteln selbst zu Wort kommen zu lassen, fand ich inspirierend. Sicherlich hätten auch alte Häuser in anderen Städten – oder in der Heimatstadt – viele spannende und interessante Geschichten über die ehemaligen Bewohner zu erzählen. In einigen Orten gibt es bereits Führungen, die auf diesem Gedanken aufgebaut sind und auch in meiner Heimatstadt Landshut gibt es eine passionierte Laientheatergruppe, die bereits mehrfach zum „Häuser erzählen“ eingeladen hat.

Zum Weiterschauen bzw. für einen Museumsbesuch:
Eine Anregung, die ich mir auf jeden Fall für einen nächsten Berlin-Besuch mitgenommen habe, ist ein Besuch im Museum der Villa Liebermann am Wannsee. Der Garten, das Haus und die besondere Lage am Wasser wird so wunderbar beschrieben, dass ich das unbedingt einmal selbst sehen möchte. Bis Reisen wieder sinnvoll und möglich sind, bleibt zumindest der Besuch auf der Website: https://www.liebermann-villa.de

Zum Weiterlesen:
Zu Beginn des Monats habe ich anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Deutschen Einheit Regina Scheer’s ersten Roman „Machandel“ gelesen und war begeistert. Da war es nur logisch, sich jetzt auch dem zweiten Roman der Autorin zu zu wenden. Wer tiefgründige, liebevoll erzählte und warmherzige Geschichten mag, kommt bei beiden Romanen voll auf seine Kosten.

Regina Scheer, Machandel
Penguin
ISBN: 978-3-328-10024-9

Nomen est omen – Malvita

Irene Diwiak, die junge österreichische Autorin (Jahrgang 1991), legt mit „Malvita“ ihren zweiten Roman vor und nimmt den Leser nicht nur mit auf eine Reise in die Toskana, sondern auch in die düstere Welt menschlicher Abgründe.

Das farbenfrohe, stimmungsvolle Umschlagbild mit den leuchtend roten Mohnblumen – dem „papavero“, der so typisch ist für die Toskana – mag so manchen Leser auf eine falsche Fährte locken, denn hinter dem Buchdeckel verbirgt sich kein „Wohlfühl-Italien-Urlaubs-Roman“, sondern ein dunkles und abgründiges Familiendrama, das fortschreitend immer mehr die Züge eines Thrillers annimmt.

Aber der Reihe nach: Worum geht es in „Malvita“?
Christina, Anfang Zwanzig, aus einfachen Verhältnissen stammend, die ihren Platz ihm Leben noch nicht gefunden hat und gerade unter Liebeskummer leidet, reist mit dem Zug in die Toskana. Die Schwester ihrer Mutter – Tante Ada – lebt dort mit ihrer Familie, welche Christina jedoch bisher noch nicht kennenlernen konnte, und hat sie kurzfristig als Fotografin für die Hochzeit ihrer Tochter Marietta engagiert. Denn die ursprünglich verpflichtete Fotografin ist verhindert. Eine Reise in die Toskana mit zusätzlichem Honorar fürs Fotografieren und eine Weile dem Liebesleid zu entfliehen, kommt der jungen Frau zunächst nicht ungelegen.

In „Malvita“ angekommen – der Ort heißt übersetzt tatsächlich „schlechtes Leben“ bzw. das italienische Wort „malavita“ bedeutet Unterwelt – staunt Christina anfangs nicht schlecht über den großen Reichtum der Familie und das hochherrschaftliche Anwesen, das einem Schloss gleicht und in dem sie sich ohne fremde Hilfe verlaufen würde. Sie fühlt sich wie ein Eindringling und Außenseiter in dieser Welt der Reichen und Schönen (die Frauen der Familie sehen aus wie Models) und schon ihre Unterbringung im Dienstbotentrakt macht ihr deutlich, dass sie mehr als Bedienstete denn als Familienmitglied angesehen und behandelt wird.

Sie erkundet Haus und Umgebung – stets kritisch beäugt und überwacht von Personal und Verwandtschaft – und lernt unter anderem auch Jordie kennen, den verzärtelten und überbehüteten Sohn der Familie. Als die beiden bei einer gemeinsamen Cabrio-Spritztour plötzlich im Bach eine Leiche finden und diese sich als die verschwundene, ursprünglich vorgesehene Fotografin Blanca entpuppt, überschlagen sich die Ereignisse. Für Christina ist es vorbei mit dem ungetrübten Urlaubsgenuss in der sonnigen Toskana. Der Aufenthalt verwandelt sich mehr und mehr in einen Alptraum und sie stößt auf menschliche Abgründe, eine verkorkste Familie und dunkle Geheimnisse, die sie sich vorher niemals hätte ausmalen können.

„Malvita“ hat mich ebenso überrascht und ein wenig überrumpelt, wie die Hauptfigur im Roman, denn auch ich hatte vor der Lektüre keine genaue Vorstellung, was mich erwartet. Eine Reise ins Ungewisse, aber vor allem auch in die wunderbare Landschaft der Toskana. Sprachlich und atmosphärisch hat mich auch dieser zweite Roman von Irene Diwiak definitiv überzeugt. Das ist flüssig-süffig zu lesen und man taucht schnell in die Geschichte ein.

Lediglich im letzten Drittel wurde mir die Handlung dann stellenweise etwas zu schräg und abgedreht und ich habe festgestellt, dass ich den drastischen und überzeichneten Plot zunehmend eher als bitterböse Satire gelesen und wahrgenommen habe. Fast als ob Diwiak das Genre der psychologischen Thriller, die sich ja einer breiten Leserschaft erfreuen, durch grotesk übertriebene Überspitzung ein wenig auf die Schippe nehmen möchte.

Stark fand ich hingegen die Bezüge zur Unterwelt und auch zur Kunst Artemisia Gentileschi’s, die sich die Hauptfigur des Romans in den Uffizien in Florenz ansieht und von welchen eine dunkle Faszination ausgeht.

„Das ist einfach so“, sagte sie, „Frauen werden vergessen, wenn sie sterben. Manchmal auch davor.“

(S.134)

„Malvita“ ist ein Roman über eine Familie am Abgrund und vor allem über starke und rachsüchtige Frauen. Verglichen mit ihrem Debütroman „Liebwies“ hat sich Diwiak zeitlich und räumlich auf völlig anderes Terrain begeben und – wie ich finde – gut daran getan. Denn so steht „Malvita“ für sich selbst und hat – bis auf den verbindenden ironischen Tonfall und die Stilistik – einen völlig eigenen Charakter bekommen.

Ich habe versucht, mit der Lektüre den Sommer noch ein klein wenig zu verlängern und gedanklich in die Toskana zu reisen, was definitiv gelungen ist. Und so bleibe ich abschließend – trotz der gegen Ende etwas unglaubwürdigen und überzogenen Handlung – insgesamt versöhnt und zufrieden zurück.

Buchinformation:
Irene Diwiak, Malvita
Zsolnay
ISBN: 978-3-552-05977-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Malvita“:

Für den Gaumen:
Zu diesem Buch passt natürlich ein Glas schöner, runder Rotwein aus der Toskana, z.B. ein wunderbarer „Morellino di Scansano“.

Zum Weiterhören:
Toskana – das ist Gianna Nannini, die in Siena geboren ist und das musikalische Aushängeschild der italienischen Urlaubsregion darstellt. Die markante, verrauchte Stimme und vor allem ihr Song „Meravigliosa creatura“ passen für mich mit dem etwas schwebenden und mystischen Sound wunderbar zu diesem Buch.

Zum Weiterschauen:
Artemisia Gentileschi, eine herausragende Persönlichkeit und eine der wenigen Frauen, die in der Barockzeit (17. Jahrhundert) als Malerin gearbeitet haben und heute noch bekannt sind, spielt im Buch eine Rolle. Die düsteren, teils blutrünstigen Bilder der Künstlerin fügen sich sehr stimmig in die dunkle Atmosphäre von Diwiaks Roman ein und mögen der Autorin auch als Inspiration gedient haben. Denn auch die wahre Biographie der Malerin liest sich wie ein Krimi.
Eins der berühmtesten Bilder Gentileschi’s „Judith und Holofernes“ hängt in den Uffizien in Florenz. Aktuell widmet die National Gallery of Art in London Artemisia Gentileschi bis Mitte Januar 2021 eine eigene Ausstellung: „Artemisia“. Da Reisen gerade schwierig ist, lohnt sich zumindest ein Blick auf die Website des Museums: https://www.nationalgallery.org.uk.

Zum Weiterlesen:
Hätte ich nicht bereits Diwiaks Debütroman „Liebwies“ gelesen, wäre ich vermutlich nicht auf „Malvita“ aufmerksam geworden. Auch der Erstling der jungen österreichischen Autorin war bereits bitterböse und zynisch und erzählt von einer Sängerin, die im Wien der Zwanziger Jahre Erfolge feiert ohne singen zu können.

Irene Diwiak, Liebwies
Diogenes
ISBN: 978-3-257-24441-0

Alte Sorten und neue Perspektiven

Ewald Arenz’ „Alte Sorten“ war für mich ein Zufallsfund und Spontankauf in der örtlichen Buchhandlung und entpuppte sich als wahrer Glücksgriff. Der Titel, die Umschlaggestaltung, all das hat mich sofort angesprochen und ließ mich nach diesem Roman greifen, der mir aus unerfindlichen Gründen bisher nicht aufgefallen war.

Arenz – geboren 1965 in Nürnberg – arbeitet in seiner Geburtsstadt als Lehrer am Gymnasium. Ohne dass je ein Ortsname fällt oder eine konkrete räumliche Einordnung geschieht, würde ich den Roman ebenfalls in seiner fränkischen Heimat in einem Wein- und Obstanbaugebiet verorten.

Sally, ein junges Mädchen – noch keine 18 Jahre alt – läuft durch die hügelige Landschaft und die Weinberge: Gehetzt, wütend, auf der Flucht. Zufällig begegnet sie einer Frau – altersmäßig könnte sie ihre Mutter sein – die bei der Arbeit im Weinberg mit dem Anhänger ihres Traktors in einem Graben hängengeblieben ist. Sally hilft Liss, sich aus der misslichen Lage zu befreien und bekommt dafür ein Quartier für die Nacht. Beide sprechen nicht viel, sind in sich gekehrt, mit sich selbst beschäftigt und Sally ist froh, einmal nicht mit Fragen bombardiert zu werden.

Liss lässt sie in Ruhe und kann doch auf dem Hof, den sie offenbar alleine bewirtschaftet, hin und wieder Sally’s Hilfe gut gebrauchen. Die junge Frau packt immer häufiger mit an. Die frische Luft, die körperliche Arbeit und das Gebrauchtwerden tun ihr gut. Sie lernt ursprüngliche Lebensmittel, selbstgeerntetes Obst, selbst gebackenes Brot und Liss’ selbst geimkerten Honig kennen und schätzen – die einfachen Dinge des Lebens: Der Geschmack einer saftigen Birne frisch vom Baum, der Hahn, der am morgen das Wecken übernimmt.

Und da ist dieser große Hof und das Anwesen, das Sally mehr und mehr rätseln lässt – warum lebt Liss allein dort? Und wem gehört das Fahrrad, das Liss ihr überlässt, um die Umgebung erkunden zu können? Auch Liss scheint Gespenster der Vergangenheit mit sich herumzutragen, über die sie nicht sprechen will. Sie isoliert sich weitestgehend von der Dorfgemeinschaft, lebt zurückgezogen und werkelt von früh bis spät. Ihr Leben besteht aus harter, körperlicher Arbeit im Obstgarten mit den alten Birnensorten, im Weinberg und im Stall, die sie abends müde und erschöpft in den Schlaf sinken lässt.

Zögerlich und zaghaft kommen sich die beiden näher, beginnen sich zu öffnen. Die Gespräche werden intensiver. Sally, die Narben aufweist, welche auf eine Borderline-Störung hindeuten, und nicht mehr weg will von diesem Ort, an dem sie zur Ruhe kommen kann und der ihr besser zu helfen scheint als jede Therapie, beginnt sich mehr und mehr wohlzufühlen.

Zwei verschlossene Außenseiter und Einzelgängerinnen ohne Vertrauen zu anderen, die sich gefunden haben ohne sich zu suchen. Doch natürlich hat Sally Eltern, die nach ihr suchen und der vermeintliche Frieden kann nicht ewig währen…

„So kann man nicht leben. Es ist, als wäre ich unsichtbar. Ich denke, ich rede mit Leuten, und dabei gefrieren die Wörter in der Luft und werden von niemandem gehört.“

(S.189)

„Alte Sorten“ ist ein ruhiges, behutsames und sehr zärtliches Buch. Ein Roman, der einen runterholt, zur Ruhe kommen lässt und dem Leser wieder einmal verdeutlicht, was wirklich wichtig ist im Leben. Arenz arbeitet mit vielen Bildern aus der Natur und hat ein sehr bodenständiges und geerdetes Buch ohne großes Brimborium geschrieben. Die Schilderungen der Natur und der Arbeit auf dem Hof, die Beschreibungen des Imkerns, des Schnapsbrennens und der Weinlese – das ist wunderbar zu lesen. Die Lektüre ist Balsam für die Seele und entschleunigt. Es ist schön mitzuverfolgen, wie sich Sally und Liss öffnen und gegenseitig helfen können – ein Loblied auf die Mitmenschlichkeit und auf Freundschaft über Altersgrenzen hinweg.

Die Sprache ist poetisch und sehr sinnlich. Ein Genuss, wie der Autor Geschmäcker, Gerüche und Klänge beschreibt – in einer solchen Intensität bekommt man das selten zu lesen und er hat mich mit diesem Stil sofort für sich eingenommen. Ein unaufgeregtes und leises Buch, das mit einem sehr gefühlvollen Finale aufwartet.

Oft sind es die unaufdringlichen, stillen Bücher, die dann sehr lange nachklingen. „Alte Sorten“ hat mich begeistert und ich freue mich sehr über diesen wunderbaren Überraschungsfund, der mir da in der Buchhandlung ins Auge gestochen und in die Hände gefallen ist. Ein Buch, das wie geschaffen ist für den Herbst und das von innen wärmt, wenn es draußen grau und kalt ist.

Buchinformation:
Ewald Arenz, Alte Sorten
Dumont
ISBN: 978-3-8321-6530-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Alte Sorten“:

Für den Gaumen:
Jetzt im Herbst ist genau die richtige Zeit für frische, erntereife Birnen. Und wenn man sich informiert und genauer hinschaut, kann man eventuell beim Bio-Bauern oder Bio-Laden in der Nähe auch mal alte und ausgefallenere Sorten ergattern. Sally ist im Roman fasziniert von der Sortenvielfalt und genießt mit allen Sinnen Raritäten wie die „Petersbirne“, „Andenken an den Kongress“, „Herzogin Elsa“, „Madame Verté“ oder die „Schweizer Wasserbirne“.

Zum Weiterhören:
Bei diesem Buch ganz klar Herbie Hancock’s „Cantaloupe Island“, denn es spielt eine Schlüsselrolle im Roman. Der Titel sagt einem erstmal nichts? Wenn man reinhört, weiß man, dass man es doch kennt. Einer der bekanntesten Jazzstandards mit Funk-Elementen aus dem Jahre 1964 – ein weltberühmter Klassiker.

Zum Weiterlesen:
Bereits beim Titel „Alte Sorten“ musste ich unweigerlich an die Slowfood-Initiative „Arche des Geschmacks“ denken, die sich seit vielen Jahren dafür einsetzt, dass traditionelle, alte und regionale Sorten und Lebensmittel nicht in Vergessenheit geraten und weiter kultiviert werden. Wer mehr über die Motivation und die Idee des Gründers von Slowfood erfahren möchte, dem sei folgendes Buch ans Herz gelegt:

Carlo Petrini, Luis Sepúlveda, Eine Idee von Glück
Oekom
ISBN: 978-3-86581-735-8