Im Duett: Lazare und Lacroix

Sommerzeit ist Krimizeit und wer zumindest durch die Lektüre ganz ohne Infektionsrisiko nach Frankreich verreisen möchte, der hat mit den zwei Kriminalromanen, die ich heute vorstellen möchte, eine sehr gute Gelegenheit.

Bei Robert Hültner’s „Lazare und die Spuren des Todes“ handelt es sich um den zweiten Band seiner Reihe um den in Südfrankreich ermittelnden Kommissar Lazare. Alex Lépic hat mit „Lacroix und das Sommerhaus in Giverny“ mittlerweile den vierten Band der Commissaire Lacroix-Reihe vorgelegt.

Beide Krimis spielen in Frankreich, beide wurden von deutschen Autoren verfasst, die jedoch auch seit längerem Teile ihres Lebens in Frankreich verbringen oder verbracht haben und somit wissen, worüber sie schreiben. Und dennoch könnten sie auch kaum unterschiedlicher sein, denn während Hültner einen eher düsteren, sozialkritischen und hochbrisanten, aktuellen Krimi verfasst hat, so ist der neue Lacroix von Alex Lépic (dem Pseudonym, hinter welchem sich Alexander Oetker verbirgt) eine sommerlich-leichte Krimiunterhaltung, die auf sympathische Weise fast aus der Zeit gefallen wirkt.
Und auch die Schauplätze zeigen Frankreich in seiner Diversität: Lazare ermittelt im südfranzösischen Ort Sète, der auch als Venedig Südfrankreichs gilt und Lacroix verschlägt es dieses Mal ausgehend von seiner Heimatstadt Paris ins malerische Giverny in der Normandie.

Robert Hültner’s „Lazare und die Spuren des Todes“ beginnt mit einem verschwundenen Mädchen. Eine junge Muslimin wird als vermisst gemeldet und während man zunächst von einer Radikalisierung und einem freiwilligen Verschwinden ausgeht, vermutet Lazare schon bald andere Gründe dahinter.
Als sich Lazare dazu entscheidet, dem Bauernhof La Farette in den Bergen einen Besuch abzustatten, den er geerbt hat und auf dem sein zunehmend kauziger Onkel immer noch lebt, überschlagen sich schon bald die Ereignisse.

„Der Schlüssel zu diesem Rätsel sei der Hofname, hatte er erklärt, La Farette deutete auf die Existenz eines mittelalterlichen Signalturms, in der Volkssprache Phare oder Fare genannt. Dieser war Teil eines an der Küste beginnenden Warnsystems mit Leuchtfeuern und Rauchsignalen, mit dem die Ankunft kriegerischer Sarazenen oder anderer feindlicher Truppen binnen kurzer Zeit bis tief ins Landesinnere übermittelt werden konnte.“

(aus Robert Hültner „Lazare und die Spuren des Todes“; S.164/165)

Denn in der näheren Umgebung scheint es zu einer mysteriösen, radioaktiven Verunreinigung von Böden gekommen zu sein – ein Bauer fühlt sich betrogen und steht vor dem Ruin. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig und Spuren führen unter anderem auch in den katalanischen Untergrund.

Hültner hat vieles an Themen in seinen Krimi hineingepackt und ein intensives, düsteres Szenario entworfen, das stellenweise geradezu kammerspielartig anmutet und spannend zu lesen ist, jedoch auch eine gewisse Konzentration erfordert.
Geschichtliche Hintergründe, eindrucksvolle Beschreibungen des Landstrichs und seiner Bewohner bereichern und machen diesen Krimi zu einer intelligenten Lektüre, die nicht nur unterhält, sondern auch bildet.
Nicht umsonst wurde Robert Hültner bereits mehrfach mit dem Deutschen Krimipreis und auch dem Glauser-Preis ausgezeichnet.

Szenenwechsel in die sommerliche, sonnige und lichtdurchflutete Normandie und zu Alex Lépic’s „Lacroix und das Sommerhaus in Giverny“:
Es ist August: Paris liegt nahezu ausgestorben in der Sommerhitze, weil die Bewohner alle in den Urlaub gefahren sind und der Stadt den Rücken gekehrt haben. Für Lacroix würde dies eine ruhige Zeit bedeuten, wäre da nicht die mondäne, gut betuchte Society-Lady Madame de Touquet, die ihn in einer sehr persönlichen Gelegenheit um seine Hilfe bittet.

Sie hegt den unfassbaren Verdacht, dass jemand aus ihrer Familie sie mit geringen, aber regelmäßigen Dosen von Arsen vergiften möchte. Den finalen Showdown bzw. Giftanschlag erwartet sie beim großen, jährlichen Familien-Sommerfest im prachtvollen Sommerhaus in Giverny und lädt daher kurzentschlossen Lacroix mitsamt Gattin dazu ein. Er soll sie schützen und herausfinden, ob ihr Verdacht begründet ist und welches Familienmitglied ihr nach dem Leben trachtet.

Das idyllische Giverny, welches vor allem für das Haus und den Garten Claude Monet’s bekannt ist, in welchem der Seerosenteich ihn zu den weltbekannten Gemälden inspirierte, wird so zum Schauplatz einer Tragödie, denn schon bald gibt es ein Mordopfer und die Anzeichen deuten klar auf eine Arsenvergiftung hin…
Mord und Totschlag kommt offenbar auch in den besten Familien vor.

„Das Hupen der Taxis, das Klingeln der Busse, das Geplauder auf dem Trottoir um ihn herum – das alles gab ihm Kraft und hegte ihn ein wie ein vertrauter Kokon. Ja, Paris war Balsam für seine Seele. Wenn er Ruhe hatte, wenn die Tage lang waren, wenn er lesen und nachdenken konnte, war Giverny ideal, weil ihn dort der Ort belebte, befreite, erfrischte. Doch in Zeiten, in denen er in einem Fall ermittelte, wenn es in seinem Kopf raste, wenn er dringend Antworten finden musste, dann tauchte er lieber in Paris unter und fand dadurch genau die Inspiration, die am Ende den Ausschlag gab.“

(aus Alex Lépic „Lacroix und das Sommerhaus in Giverny“; S.137)

Dieser Krimi kann als eine Hommage an die traditionellen Krimis von Agatha Christie und Georges Simenon gelesen werden. Mit dem gewählten Setting (einer Familienfeierlichkeit in einem prunkvollen Sommerhaus), den auftretenden Figuren, die im engeren Familienkreis eine abgeschlossene und übersichtliche Gruppe von Verdächtigen bilden und der Wahl von Arsen als Mordwerkzeug, hat Lépic hier einen herrlich und auf liebenswürdige Art altmodischen Kriminalroman geschrieben, der Fans dieses Genres an gute alte Zeiten erinnert.
Eine leichte, vergnügliche und kurze Krimi-Lektüre für einen lauen Sommerabend auf dem Balkon oder der Terrasse.

Zwei Frankreich-Krimis, welche jedoch jeweils eine völlig andere Art des Kriminalromans verkörpern und so die Vielfalt und die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten dieses Genres aufscheinen lassen. Dass diese auch polarisieren können, nicht die selbe Klientel bedienen und daher unter Umständen nicht beide jedermanns Geschmack treffen werden, versteht sich von selbst. Mich haben beide jedoch blendend unterhalten.

Buchinformationen:
Rober Hültner, Lazare und die Spuren des Todes
btb
ISBN: 978-3-442-75659-9

Alex Lépic, Lacroix und das Sommerhaus in Giverny
Kampa
ISBN: 978 3 311 12540 2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich die beiden Frankreich-Krimis:

Für den Gaumen:
Während Hültner’s Lazare auf bodenständige Küche und sehr regionaltypische Produkte, die auf dem Wochenmarkt gehandelt werden, wie zum Beispiel „auf die in Vergessenheit geratenen Crochu-Bohnen, auf gelbe und schwarze Tomaten, auf Erdbeerspinat und alte Rüben- und Kohlsorten“ (S.45/46) Bezug nimmt, so erfährt man bei Alex Lépic’s Lacroix, dass es sich bei einer „Piscine“ um den Frevel eines geeisten Champagners handelt und speist „Paris-Brest-Törtchen“ (ein Rezept und die Geschichte dazu findet man auf dem Blog Typisch Französisch! von Véronique).

Zum Weiterschauen (I):
Kommissar Lacroix und seine Gattin weilen gerne im Örtchen Giverny, das weltbekannt ist durch das Haus und den Garten von Claude Monet. Das berühmteste daran? Vermutlich der Seerosenteich und die dadurch inspirierten Gemälde des großen Impressionisten. Eins der Seerosen-Gemälde Monets ist auf der Website der Münchner Pinakotheken zu sehen.

Zum Weiterschauen (II):
Alex Lépic’ Lacroix-Krimi und das im Roman verwendete Arsen starteten bei mir sofort ein regelrechtes Kopfkino. In der Spielzeit 2018/2019 spielte mein Heimattheater – das Landestheater Niederbayern – eine großartige Inszenierung der Boulevardkomödie „Arsen und Spitzenhäubchen“ – ich sehe daher sofort die beiden tollen Darstellerinnen der mordlustigen, alten Damen Abby und Martha vor meinem inneren Auge. Herrlich! Aber da das Stück leider nicht mehr gespielt wird, kann man natürlich auch auf die Konserve bzw. den Filmklassiker aus den Vierziger Jahren mit Cary Grant zurückgreifen.

Für einen Lesungsbesuch:
Robert Hültner wurde vor allem auch durch seine Inspektor Kajetan-Krimis bekannt. Seit Jahren tourt der bekannte Schauspieler und Tatort-Kommissar Udo Wachtveitl immer mal wieder mit der Lesung „Mörderisches Bayern“ (hier geht es zur Website der Reihe – die aktuellsten Termine sind leider Corona zum Opfer gefallen). Sollte aber die Gelegenheit bestehen, sich das anzusehen und anzuhören – unbedingt zuschlagen: ich durfte es vor vielen Jahren live erleben und es lohnt sich sehr!

Zum Weiterlesen:
Wer das Bayern der Räterepublik dem Frankreich von heute vorzieht und in die Welt von Inspektor Kajetan zunächst einmal lesend abtauchen möchte, der sollte mit dem ersten Band der Reihe „Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski“ beginnen. Die Krimis spielen im München und Oberbayern der 1920er Jahre, sind intelligent, sehr atmosphärisch und großartig zu lesen.

Robert Hültner, Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski
btb
ISBN: 978-3-442-72144-3

Auszeit im Künstlerrefugium

Wer kennt das nicht? Den Wunsch, einmal alles hinter sich zu lassen, sich einen Tapetenwechsel zu gönnen und eine kreative Auszeit zu nehmen – bevorzugt an einem schönen, inspirierenden Ort und gerne auch in angenehmer Gesellschaft. Gerade im 19. und 20. Jahrhundert erfüllten sich viele Künstler unterschiedlichster Disziplinen diesen Traum – Andreas Schwab nimmt in seinem neuen Sachbuch „Zeit der Aussteiger – Eine Reise zu den Künstlerkolonien von Barbizon bis Monte Verità“ die Leser mit zu zehn solchen Schauplätzen und beschreibt das Phänomen Künstlerkolonie.

Was machte die magische Anziehungskraft dieser Orte aus, gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede und welche Künstler prägten die jeweiligen Refugien? Schwab hat eine interessante und aufschlussreiche Kulturgeschichte verfasst, welche die besondere Faszination dieser außergewöhnlichen Zentren der Kreativität ergründet und erfahrbar macht.
Der Autor stellt in seinem Buch folgende Künstlerkolonien vor – manche sehr bekannt, manche vielleicht etwas weniger: Barbizon, Pont Aven, Skagen, Capri, Altaussee, Taormina, Tanger, Korfu, Worpswede und Monte Verità. So führt die abwechslungsreiche Reise quer durch Europa sogar bis nach Marokko.
Gelungen finde ich auch die Idee, dass die Kapitel zu den jeweiligen Orten immer durch Abschnitte verbunden sind, die einer Künstlerin oder einem Künstler gewidmet sind, welche bzw. welcher an beiden Orten gelebt und gewirkt hat und so als Brückenbauer fungieren. So reist er gleichsam mit einer Künstlerpersönlichkeit, welche beide Orte besuchte, von einem Schauplatz zum nächsten.
Er beschreibt die Atmosphäre, die Geschichte und die Entwicklung der jeweiligen Orte und selbstverständlich jeweils auch die wichtigsten, prägendsten Künstler der verschiedenen Disziplinen.
So trägt jede Kolonie auch eine leicht andere Färbung: waren Barbizon und Skagen stark von der Malerei dominiert, so zog Capri verstärkt auch Schriftsteller und Literaten an und in Altaussee trafen sich auch Musiker und Komponisten.

Die beschriebenen Künstler und ihre Werke aufzuzählen, die im Buch Erwähnung finden, würde zu weit führen, daher möchte ich beispielhaft nur einige wenige nennen, die ich besonders spannend finde: der dänische Maler P.S. Krøyer und seine unverwechselbaren Skagen-Bilder, John Singer Sargent, der mir bereits in Julian Barnes „Der Mann im roten Rock“ begegnete, Alma Mahler-Werfel und Arthur Schnitzler, Kaiserin Elisabeth und ihr Achilleion auf Korfu bis zu Truman Capote in Taormina und Paula Modersohn-Becker in Worpswede.

„Doch die Künstlerfeste entwerfen geradezu ein programmatisches Idealbild des eigenen Lebens – eines befreiten Lebens, das sich von den bürgerlichen Zwängen gelöst hat. Als Laboratorium der kreativen Geselligkeit stehen die Feste für das Streben nach kultureller Erneuerung.“

(S.84)

Während der Lektüre versuchte ich immer wieder Parallelen und Gemeinsamkeiten zwischen den Orten zu finden. Was zog die Künstler genau dorthin? Ein paar Punkte konnte ich ausmachen:
Naturnähe und Naturverbundenheit – in der Regel siedelten sich die Künstler an abgeschiedenen Orten abseits der Großstädte an und suchten vor allem Ruhe und unberührte Natur. Auch wenn die großen Metropolen häufig der Mittelpunkt und auch der Handelsplatz für ihre Werke waren, so suchten sie doch die Ruhe und die besonderen, ländlichen oder maritimen Motive abseits des städtischen Trubels.
Gesellschaft Gleichgesinnter – die Künstlerrefugien übten eine große Anziehungskraft auf andere kreative Köpfe aus und wurden so oft zu einem Ort des lebhaften Austauschs und der gegenseitigen Inspiration. So schaute man sich von den Kollegen das eine oder andere ab und bei Gesprächen oder gemeinsamen Festen entwickelten sich neue Gedanken und Ideen. Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären:
Feste und Feiern – wie Andreas Schwab beschreibt, wurden in den Künstlerkolonien gerne auch opulente und ausschweifende Feste gefeiert. Sie waren Orte der Lebensfreude und die Künstler verstanden sich darauf, das Leben zu genießen und zu zelebrieren.
Besonderes Licht – gerade für die Malerei spielt das Licht eine entscheidende Rolle und so wird oft die Magie und der Zauber des Lichts an den Orten explizit erwähnt – sei es in Skagen, wo Nord- und Ostsee aufeinander treffen oder in Capri mit seiner weltberühmten blauen Grotte.
Liebeswirren – bei vielen kreativen Menschen, die an schönen Orten aufeinandertreffen, entwickelt sich zwangsläufig die eine oder andere Liebesbeziehung. Dass es hier auch zu komplizierten Konstellationen kam, war daher wohl ebenfalls unvermeidlich.
Einfaches Leben – finanziell war es um die Künstler in den Kolonien nicht immer bzw. häufig nicht zum besten bestellt. Oft konnte man sogar von geradezu prekären, ärmlichen Verhältnissen und einem sehr einfachen, minimalistischen Lebensstil mit der Besinnung aufs Wesentliche sprechen.
Fortschrittliche Ideen und neue Lebensstile – in den Künstlerrefugien, die fernab sozialer Kontrolle viele Freiheiten zuließen, wurden auch neue Lebensstile entwickelt und möglich: was damals noch als neu und unerhört galt, hat mittlerweile längst Einzug in die Gesellschaft gefunden: Emanzipation der Frau, offen gelebte Homosexualität, vegetarische Ernährung – um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

„Der eigenartige Doppelcharakter der Künstlerkolonien besteht darin, dass sie einerseits eindeutig auf einer Landkarte lokalisierbar sind. Doch andererseits sind sie genauso starke Projektionsflächen: Sie rühren an die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Ihre Intensitäten ergeben sich besonders daraus, dass sie Tummelplätze für wilde Ideen sind. Die Weltverbesserer, Anarchisten und Künstlerinnen, die diese ersonnen, ausgestaltet und ausgelebt haben, verdienen es, dass man sich ihrer erinnert, an ihre Visionen wie auch an ihr Scheitern.“

(S.293)

Mir gefiel diese fundierte, literarische Reise zu den lichtdurchfluteten Orten voll überbordender Kreativität und ich habe bei der Lektüre viel Neues erfahren und zahlreiche Anregungen zur weiteren Lektüre bekommen. Wer sich für Kunstgeschichte, Malerei, Literatur im Allgemeinen und Künstlerkolonien im Besonderen interessiert, der hat hier ein schönes Werk, das einen guten Einstieg in die Thematik bietet ohne zu sehr ins Detail zu gehen, schöne Abbildungen und Bildbeispiele enthält und sich sehr flüssig lesen lässt, ohne trocken zu sein.

Für mich war die Lektüre ein erfrischender Kurzurlaub der anderen Art und somit ebenfalls eine schöne Auszeit mit kreativen Ideen und bereichernden Querbezügen zu Kunst und Kultur. So mancher Ort wäre sicher auch interessant und lohnend für einen Besuch – zumal an einigen auch Museen entstanden sind, welche die bewegte Geschichte erzählen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H. Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Andreas Schwab, Zeit der Aussteiger
C.H. Beck Verlag
ISBN: 978-3-406-77524-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Andreas Schwab’s „Zeit der Aussteiger“:

Für den Gaumen:
Die vorwiegend vegetarische Küche am Monte Verità stieß nicht bei allen Besuchern auf Begeisterung, so beschwerte sich unter anderem Erich Mühsam, es gäbe ständig nur Salat.

„Der Tessiner Journalist Angelo Nessi schlägt mit seinem hochironischen Bericht über den Monte Verità in die gleiche Kerbe wie Mühsam. Amüsiert beschreibt er, dass sein Abendessen einzig aus zwei Orangen, zwanzig Kirschen, acht Nüssen und sechs Datteln bestanden habe.“

(S.263)

Zum Weiterschauen (I):
Eine zentrale Figur in der Künstlerkolonie Worpswede war Paula Modersohn-Becker. In diesem Zusammenhang sei der Film „Paula“ von Christian Schwochow aus dem Jahr 2016 sehr empfohlen. Er erzählt das Leben und Schaffen der Malerin in ihrer Worpsweder und Pariser Zeit bis zu ihrem frühen Tod.

Zum Weiterschauen (II):
Sollte man die Gelegenheit haben, nach Kopenhagen zu reisen, kann ich einen Besuch in der dänischen Nationalgalerie SMK (Statens Museum for Kunst) sehr empfehlen. Hier ist unter anderem ein Hauptwerk Peder Severin Krøyer’s zu sehen, das auf die Zeit in Skagen zurückgeht: Badende drenge en sommeraften ved Skagens strand“ (1899), das auch auf der Website des Museums zu finden ist.

Zum Weiterlesen:
Ein Buch, das eine andere Art der Künstlerzusammenkunft, aber unter anderen, traurigen Vorzeichen, beschreibt, ist Volker Weidermann’s „Ostende 1936, Sommer der Freundschaft“: 1936 trafen im belgischen Badeort viele Schriftsteller aufeinander, die sich im Deutschland des Nationalsozialismus nicht mehr zu Hause fühlten: Irmgard Keun, Stefan Zweig, Joseph Roth etc.

Volker Weidermann, Ostende 1936, Sommer der Freundschaft
btb
ISBN:  978-3442748914

Spannung, Spiele und Salzburg

Am 17. Juli haben die Salzburger Festspiele klassisch und traditionell mit einem „Jedermann“ begonnen. Bis zum 31. August ist die Stadt an der Salzach jetzt wieder Bühne für Oper, Theater, Musik und Kultur. Festspielzeit in Salzburg ist auch in Manfred Baumann’s neuestem Krimi „Salzburgsünde“, dem mittlerweile bereits neunten Band aus der Reihe um Kommissar Merana – in diesem Fall handelt es sich jedoch um die Osterfestspiele.
Salzburg ist immer eine Reise wert und so war dieser Krimi für mich eine willkommene Gelegenheit, das zumindest literarisch von zu Hause aus – ohne touristisches Gewusel und Gedränge in der Getreidegasse – ganz entspannt zu tun.

Auch der neunte Merana hat wieder alles, was zu einem klassischen Regionalkrimi dazugehört:
Eine Leiche – in diesem Fall eine ziemlich alte, denn auf dem Kapuzinerberg wird ein Skelett bzw. ein Totenschädel gefunden, der zu einer Frau gehört, die bereits vor 65 Jahren verschwunden ist. Ob da wohl noch ein Täter ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden kann?
Einen sympathischen Kommissar mit dunklen Flecken in der Vergangenheit – Martin Merana, der bereits auf tragische Art und früh zur Waise wurde und bei seiner Großmutter aufgewachsen ist, die er daher über alles liebt.
Politische und persönliche Verstrickungen, denn schon bald stellt sich heraus, dass Merana die Tochter des Opfers kannte und daher ein ganz besonderes Interesse daran hat, den Fall zu lösen.
Den traditionellen Besuch im Stammlokal „Da Sandro“, wo man sich stets mit bester italienischer Kost, Pasta und Wein um das leibliche Wohl des Kommissars kümmert.
Und natürlich viel Salzburger Lokalkolorit: So erfährt man dieses Mal etwas über die Osterbräuche, wie das Ratschen und taucht ab in das Geschehen rund um die Osterfestspiele. Gemeinsam mit Merana besucht man eine Aufführung des Parsifal von Richard Wagner.

„Er schrieb oft im Kopf sein völlig eigenes Libretto. Oder, besser ausgedrückt, viele Fußnoten, Anmerkungen, Ermittlerfragen zum Libretto. Er konnte einfach nicht anders. Er war und blieb Kriminalpolizist.“

(S.51)

Zudem wandert man mit ihm zum Fundort der Leiche auf den Kapuzinerberg und genießt die Aussicht…

„Wie immer, wenn er heraufkam, wollte er den verschwenderisch pompösen Ausblick genießen. Er trat an die Mauer, atmete tief durch. Der Anblick war schier unbeschreiblich. Er schaute hinüber zum Mönchsberg. Dort dominierte das Prunkstück der gesamten Szenerie: die Festung. Ihr zu Füßen ruhte die Stadt mit Häusern, Kirchen, spektakulären Dachlandschaften. Dazwischen wand sich der Fluss, das Silberband der Salzach. Ein wahres Schmuckstück bot sich seinen Augen, ein Juwel zwischen den Stadtbergen.“

(S.79)

Der Fall der vor langer Zeit verschwundenen Lehrerin, die bei ihren Schülern sehr beliebt war, bekommt bald schon zusätzliche aktuelle und politische Brisanz.
Dass der Kommissar plötzlich auch in höchsten Industriellenkreisen und in einem potenziellen Umweltskandal ermittelt, missfällt zudem seinem Vorgesetzten und so muss er auf dem glatten Parkett der Salzburger High Society sein diplomatisches Geschick beweisen. So wandelt sich der vermeintliche „cold case“ schnell zu einer heißen Angelegenheit, die Merana schließlich selbst in Gefahr bringt…

Ich mag diesen Merana, flaniere gerne mit ihm durch Gassen, genieße Kunst und Kultur und verstehe seine Vorliebe für den Lieblingsitaliener um die Ecke – dass ich bei jedem Fall wieder ein klein wenig mehr über Salzburg erfahre, das zeichnet diese Krimis für mich aus.
Liebhaber blutrünstiger Spannungsliteratur oder Fans vertrackter Psychothriller, die das Blut in den Adern gefrieren lassen, sollten wohl besser die Finger von Manfred Baumann’s Büchern lassen. Wer aber Salzburg liebt, gerne im Café Tomaselli sitzt und seinen Verlängerten, eine Melange oder einen Einspänner trinkt, hin und wieder mit Genuss eine Mozartkugel isst, gerne Konzerte oder Opern besucht und dann noch ein Faible für klassische Regionalkrimis hat, der wird seine Freude haben und Kommissar Merana ins Herz schließen.

Den ersten Fall von Kommissar Merana „Jedermanntod“ kaufte ich vor einigen Jahren im Buchladen am Salzburger Hauptbahnhof vor der Heimfahrt nach einem herrlichen, entspannten Tag in der Stadt als Andenken und gleichsam als willkommene Verlängerung des schönen Aufenthalts. Seitdem bin ich auch mit weiteren Bänden der Reihe durch die Krimilektüre immer wieder gerne ins schöne Salzburg zurückgekehrt – zumal gerade der Lokalkolorit und die kulturellen Ausflüge in die Musik-, Theater- und Opernwelt für mich den Charme dieser Bücher ausmachen.
Gerade neu erschienen war „Salzburgsünde“ daher für mich eine willkommene, entspannte und unterhaltsame Sommerlektüre.

Die Lust auf die Salzburger Festspiele ist auch geweckt, daher noch ein paar Tips bzw. Termine:
Am Samstag, den 7. August 2021 um ca. 22.00 Uhr ist auf ARTE (oder ORF2) Mozart’s „Don Giovanni“ aus dem Großen Festspielhaus zu erleben (Regie: Romeo Castellucci; Musikalische Leitung: Theodor Currentzis).

Samstag, den 21. August 2021 um 22.15 Uhr strahlt 3sat die diesjährige Neuinszenierung von Luigi Nono „Intolleranza 1960“ unter der musikalischen Leitung von Ingo Metzmacher aus.

Alle, die ORF empfangen können, haben am Freitag, den 27. August 2021 um 20.15 Uhr auf ORF2 die Möglichkeit Anna Netrebko als Puccini’s „Tosca“ zu sehen – Ehemann Yusif Eyvazov gibt den Cavaradossi und Ludovic Tézier singt den Baron Scarpia.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Manfred Baumann, Salzburgsünde
Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-8392-0075-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Manfred Baumann’s „Salzburgsünde“:

Für den Gaumen:
Im Rahmen seiner Ermittlungen verschlägt es Merana auch an den nahegelegenen Fuschlsee, wo er die Möglichkeit nutzt, um exquisit zu speisen: auf der Tageskarte steht ein Filet vom Seesaibling mit Paprikapolenta.

Zum Weiterhören:
Baumann stellt gerne Opern oder Theaterstücke ins Zentrum seiner Krimis – während der Festspiele scheint ja ganz Salzburg eine Bühne zu sein. So hieß unter anderem der Auftakt der Reihe „Jedermanntod“, ein späterer Band „Zauberflötenrache“. In „Salzburgsünde“ ist das beherrschende Stück Richard Wagner’s Bühnenweihfestspiel „Parsifal“, das Kommissar Merana während der Osterfestspiele besuchen darf (zum Hineinhören bietet sich der „Karfreitagszauber“ an).

Zum Weiterlesen:
Meine allererste Rezension auf der Kulturbowle war dem Salzburg-Roman von Opernstar Rolando Villazón „Amadeus auf dem Fahrrad“ gewidmet – eine wahre Liebeserklärung an Salzburg, die Musik, Mozart, die Oper und die Kunst – ein Buch ganz nach meinem Geschmack und ein würdiger Auftakt für meinen Blog (vor mittlerweile nicht ganz einem Jahr).

Rolando Villazón, Amadeus auf dem Fahrrad
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
Rowohlt Verlag
ISBN:  978-3-498-07070-0

Südfranzösische Sommersonne

Das Motto der Indiebookchallenge im Juli hat es mir leicht gemacht, denn mir ist gerade ohnehin nach Sommerlektüre und so war es einfach, ein passendes Buch „das nach Sommer schmeckt“ (#Sommerbuch) auszuwählen.
Bei Helen Wolff’s posthum erschienenen Roman „Hintergrund für Liebe“ lautet sogar der Untertitel „Das Buch eines Sommers“ – passender könnte es also kaum sein und auch die Atmosphäre dieses literarischen Schmuckstücks ist lichtdurchflutet und Sonne pur.

Darf man sich über ein Vermächtnis oder einen letzten Wunsch hinwegsetzen?
Eine schwierige Frage. Helen Wolff hinterließ in ihrem privaten Nachlass das Manuskript zu „Hintergrund für Liebe“ – allerdings mit dem Vermerk „At my death, burn or throw away unread!“. Das wäre sehr schade und ein großer Verlust gewesen. Und so sind die Leser, die seit dem Erscheinen des Romans 2020 nun in den Genuss dieses Werks, das auf die Jahre 1931/32 zurückgeht, kommen können, sicherlich dankbar, dass sich die Nachkommen doch zu einer Veröffentlichung entschlossen haben.

„Wir haben einen langen Winter hinter uns, Arbeit und Sorgen, Regen, Nebel, Hagel und Schnee. Es ist fünf Uhr früh. Wir haben das Gefühl durchzubrennen, in das leichte Leben, in die besonnte Welt.“

(S.5)

Schon dieser Satz auf der ersten Seite sprach mir unterbewusst nach dem langen Pandemiewinter aus der Seele. Das konnte die Autorin sicherlich nicht ahnen, als sie diese Zeilen schrieb, jedoch kennt diese Aufbruchstimmung wohl auch jeder, der sich auf den Weg in den Urlaub macht.

Im Roman bricht ein Liebespaar – eine junge Frau mit einem etliche Jahre älteren und erfahrenen Mann – mit dem Auto in Richtung Südfrankreich auf. Eine lange Fahrt und ein ausgedehnter Urlaub im Süden liegt vor ihnen.

„(…) – und dann Abstieg, Hinuntergleiten in die selige Ebene, in den ersten Sonnentag, in ein makelloses Kirchenfensterblau, in fruchtbare Weite, in Olivenwälder – Provence heißt dies -, alt, schwer und reich von Geschichte, im Keller vieler Jahrhunderte abgelagert und geklärt und immer wieder neu an die Sonne geboren.“

(S.13/14)

Die Ankunft gleicht einem Sommermärchen – die junge Frau saugt die Eindrücke der traumhaften Landschaft – die sie als „Hintergrund für Liebe“ bezeichnet – in sich auf, genießt die Sonne, die unbekannten Speisen, den Zauber der Küste und das Funkeln des Meeres. Sie wünscht sich ein einfaches, kleines Häuschen, einen Rückzugsort für ihre junge Liebe, um ihre Zweisamkeit auskosten zu können. Doch zunächst landen sie in einem Luxushotel – im Trubel der gehobenen Gesellschaft – und im Spielcasino, das für sie zu einem Schlüsselerlebnis wird.

Es ist der erste gemeinsame Urlaub in der noch jungen Beziehung – es sind bei Weitem noch nicht alle Fronten geklärt. Schnell wird klar, dass neben dem Zauber, der allem Anfang innewohnt, Meinungsunterschiede und unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungen an die Beziehung auftauchen, die nicht so leicht in Einklang zu bringen sind.

Es kommt zum Bruch, sie geht und erfüllt sich ihren Wunsch vom kleinen Häuschen alleine. Sie genießt die Einsamkeit und die Zeit, über sich und ihr Leben nachzudenken.

„Das Leben ist großartig, sobald man damit einverstanden ist.“

(S.65)

Wie es weitergeht, sei an dieser Stelle nicht verraten. Das darf jeder, der möchte, bei der Lektüre selbst entdecken.

Helen Wolff trifft in diesem Roman einen wunderbaren Ton und entfacht ein wahres Feuerwerk an Wortzauber und sprachlicher Finesse. Beim Lesen stößt man auf herrliche Formulierungen und Bilder, die direkt ins Herz gehen. Vieles möchte man immer wieder lesen und sich sofort notieren. Selten ist mir eine Auswahl der Zitate für meine Rezension so schwer gefallen wie bei diesem Buch. Die gerade einmal 116 Seiten des Romans bergen einen solchen Reichtum an sprachlicher Schönheit, klugen Gedanken und sommerlicher Lebensfreude, dass es eine wahre Lust ist.

Ein schmaler, aber wunderschöner und intensiver Band über die Liebe, den Sommer, die Gleichberechtigung in einer Beziehung, heilsames Alleinsein und zur Ruhe kommen. All dies in der traumhaften, mediterranen Kulisse Südfrankreichs gepaart mit viel Flair, Savoir-Vivre und einer unbändigen Lust am Leben.

„Wir beißen in das Leben. Wir saugen uns mit Sonne voll wie die Früchte. Wir taumeln den Sommer entlang, und es wird immer schöner, bewußtloser.“

(S.112)

Wer also etwas Sonne tanken möchte und Lust auf einen sommerlich-hellen Roman und eine schöne, authentische Liebesgeschichte hat, der wird an Helen Wolff’s literarischem Vermächtnis sicherlich Freude haben.

Der Essay von Marion Detjen – der Herausgeberin und Großnichte Helen Wolffs – ergänzt den Roman aufs Beste und erzählt den „Hintergrund des Hintergrunds“, d.h. die Geschichte und die Entstehung des Werks. So erfährt man vieles über die Biographie des Verlegerpaars Helen und Kurt Wolff und auch über die zeitliche Einordnung des Romans sowie die politischen Verhältnisse der damaligen Zeit. Ebenso lässt Detjen den Leser an ihren Überlegungen und dem Entscheidungsprozess teilhaben, der letztlich doch zur Veröffentlichung dieses literarischen Kleinods führte.

Weitere Besprechungen des Romans gibt es bei Leseschatz, Nacht und Tag und Literaturleuchtet.

Buchinformation:
Helen Wolff, Hintergrund für Liebe
Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen
Weidle
ISBN: 9783938803967

© Weidle Verlag

Im August 2021 lautet die Indiebookchallenge übrigens:
„Lies ein Buch aus einem unabhängigen Verlag mit einem oder mehreren Essays“ (#essay) – da ich in der Regel kein großer Essay-Leser bin, werde ich noch sehen, ob ich eine Sommerpause einlege oder mir doch noch das passende Buch für den August in die Hände fällt.
Hier geht es zur Seite des Indiebookday’s und dort findet man auch die zukünftigen Themen der Challenge – vielleicht spricht Euch auch etwas an.

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Helen Wolff’s „Hintergrund für Liebe“:

Für den Gaumen (I):
Südfrankreich – das Meer in Reichweite – was liegt da näher, als die berühmte Bouillabaisse und dazu gibt es einen vin rosé du pays. Gleich auf den ersten Seiten des Buchs, lernt die Hauptfigur das Traditionsgericht kennen:

„Die Bouillabaisse kommt, mit Safran und Knoblauch gewürzt, Brotstücke schwimmen dick und vollgesogen in ihr wie in einem Teich, dazwischen treiben sich Langusten, Fische mit komplizierten Namen, Muscheln und Zwiebelscheiben herum. Es ist ein buntes, üppiges Gericht, ein Gericht der Lebensfreude.“

(S.15)

Für den Gaumen (II):
Da die Lektüre kulinarisch wirklich ergiebig war, hier noch ein zweites Highlight aus dem Roman – dieses Mal steht das Frühstück im Mittelpunkt:

„Wir frühstücken Obst und Tee und Butterbrot und Gebirgshonig, Miel de l’Esterel, der nach Thymian und Lavendel duftet.“

(S.99)

Bei mir weckt das sofort die Lust auf ein mediterranes Morgenmahl im Freien.

Zum Weiterlesen:
Ein weiteres Werk, das den Sommer bereits im Titel trägt und von der Entstehung in die selbe Zeit fällt, ist Kurt Tucholsky’s „Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte“ aus dem Jahr 1931. Ein Klassiker, den es sich zu lesen lohnt und der zwar nicht nach Südfrankreich, dafür aber ins mindestens genau so schöne sommerliche Schweden entführt.

Kurt Tucholsky, Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-33179-4

Schweizer Schiffsausflug

Heute gibt es eine Sommer-Spezialausgabe meiner literarischen Europareise (alias Europabowle), denn ich reise ausnahmsweise in ein Nicht-EU-Land, das aber dennoch auf der Tour nicht fehlen sollte: in das Nachbarland – die Schweiz.
Rolf Käppeli – geboren in Luzern – hat mit seinem Roman „Vom Ende einer Rütlifahrt“ ein Stimmungsbild der Schweizer Gesellschaft im Juli 1944 literarisch eingefangen. Kriegszeiten in der neutralen Schweiz – was bewegt die Menschen, wie stehen sie zur neutralen Haltung ihres Heimatlandes, welche Sorgen, Nöte oder Ängste treiben die Bevölkerung um?

Den Rahmen für all diese Fragen bildet eine Schifffahrt auf dem Vierwaldstätter See. Der Eigentümer einer Chemiefabrik lädt – anlässlich seiner Vermählung – seine Frau zur Hochzeitsreise und zugleich seine Belegschaft zu einem Betriebsausflug ein. Der Höhepunkt soll der Besuch der Rütliwiese sein – jenem legendenumrankten Ort, der auch als „Wiege der Schweiz“ bezeichnet wird.

„Auf dem Schiff, im Schillerstübli, bei einem guten Glas Weißen, oder auf dem Oberdeck neben dem Kapitän, umringt von Schweizer Bergen, da entschwebt, was uns bekümmert.“

(S.22)

Das Hochzeitspaar Erika und Karl musste kriegsbedingt auf große Feierlichkeiten und eine Auslandsreise verzichten. Der deutlich ältere Karl konnte Erika mit seiner Liebe zur Natur für sich gewinnen. Dass die Chemiefabrik jedoch häufig auch im Widerspruch zu Natur- und Umweltschutz steht und die Firma Karl’s bestimmender Lebensinhalt ist, den er nicht vollumfänglich oder nur selten mit Erika teilt, könnte bald eine Belastung für die noch junge Beziehung werden. Dass Erika zudem Sympathien für die Frauenrechtsbewegung hegt und sehr dem Fortschritt zugewandt ist, verringert die entstehenden Gräben zwischen den Eheleuten ebenfalls nicht.

Die zusammengewürfelte Reisegruppe auf dem Raddampfer „Schiller“ bildet einen Querschnitt durch die Schweizer Gesellschaft der damaligen Zeit: einfache Arbeiter, Gewerkschafter, eine ambitionierte Frauenrechtlerin und Kindergärtnerin, Parteigenossen, Führungskräfte – der Wunsch nach Veränderung trifft auf konservatives Traditionsbewusstsein.

Was als festliche und unbeschwerte Hochzeitsfeierlichkeit beginnt, kippt bald ins Politische. Schnell entbrennen Gespräche, die Missstände und Diskussionspunkte offenlegen.
Wie verträgt sich die Neutralität mit der Belieferung von Kunden in den Nachbarländern, die sich im Krieg befinden? Wie umgehen mit der Tatsache, dass man auch vom Krieg profitiert?
Nach dem Krieg und durch Rohstoffmangel könnten Arbeitsplätze gefährdet sein. Die Belegschaft befürchtet eine Abwanderung von Firmenteilen an andere Standorte und den Wegfall von Arbeitsplätzen.

Und so wird politisiert, debattiert und diskutiert – da treffen einfache Arbeiter auf die Führungsebene der Firma – Klassen- und Meinungsunterschiede inbegriffen.
Und als die junge Kindergärtnerin – welche schon aufgrund ihrer Sympathie für die pädagogischen Ideen Maria Montessori’s kritisch beäugt wird – die Aufmerksamkeit und die Gelegenheit gar zu einer nahezu politischen Kundgebung nutzen möchte, droht die Lage zu eskalieren.

„Ein Raunen und Reden erfüllt den Raum. Das Ansinnen, dass die Frau des Fabrikchefs, die Tagesbraut, es wagt, sich ungeniert in den Mittelpunkt der gewichtigen Versammlung zu rücken, dieser handstreichartige Eingriff in die kompakte Herrenrunde bewirkt eine Mischung aus Bewunderung und Empörung.“

(S.174)

Das Buch zu lesen, das als wertiges Hardcover mit einer nostalgischen Fotografie der idyllischen Landschaft auf dem Titel erschienen ist, die an eine alte Postkarte denken lässt, ähnelt auch ein wenig dem Gefühl durch ein Fotoalbum mit alten Schwarz-Weiß-Fotografien zu blättern. Vergangene Zeiten und Momentaufnahmen, die erst durch das Erklären und Erzählen der Geschichten zu den Bildern lebendig werden.

Käppeli greift einen ganz kurzen Zeitraum der Schweizer Geschichte im Jahr 1944 heraus und anhand eines Schiffsausflugs fängt er in Dialogen und Gesprächen zwischen den unterschiedlichen Ausflüglern an Bord des Raddampfers die damaligen Stimmungen und politischen Einstellungen der Menschen ein.

Das Fokussieren auf diesen kurzen Moment – die wenigen Stunden auf dem Schiff, welche die Reisenden zu einer Schicksalsgemeinschaft werden lassen – dienen ihm als Brennglas, um unter anderem wirtschaftliche Abhängigkeiten, die Schweizer Neutralität oder die zunehmende Forderung nach mehr Frauenrechten näher zu beleuchten.

So bleibt der Roman, der lediglich knapp 200 Seiten umfasst und mehr vom Meinungsaustausch und den Dialogen als von Handlung lebt, eine Momentaufnahme, ein Schnappschuss der Geschichte, der viele Gedanken nur kurz anreißen und nicht weiter ausführen kann. Und doch war es interessant, das Jahr 1944 auch einmal – wenn auch nur kurz – aus einer Schweizer Perspektive präsentiert zu bekommen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Rolf Käppeli, Vom Ende einer Rütlifahrt
Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-8392-0091-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Rolf Käppeli’s „Vom Ende einer Rütlifahrt“:

Für den Gaumen:
Auf dem Schiff wird neben Weißwein auch Süßmost serviert – in der Schweiz ist der Süßmost ein alkoholfreier Saft, der aus Äpfeln und oft auch aus Birnen gepresst wird und durch Erhitzen nicht zu gären beginnt.

Zum Weiterhören:
Die frisch vermählte Ehefrau wünscht sich statt einer traditionellen Älplermusik lieber eine Jazzband im Stile Teddy Stauffer’s an Bord: Mit „Goody Goody“ und „You can’t take it with you“ gibt es also progressivere Klänge auf dem Schiff.

Zum Weiterlesen:
Friedrich Schiller hat – obwohl er selbst nie in der Schweiz war – auf Anregung Goethes mit seinem „Wilhelm Tell“ ganz wesentlich zur Bekanntheit des Mythos und des Rütlischwurs beigetragen – dies wird auch in Käppeli’s Roman thematisiert.

Friedrich Schiller, Wilhelm Tell
Reclam
ISBN: 978-3-15-000012-0

In die Welt hinaus

„Würzburg liest ein Buch“ – diese Aktion steht aktuell ganz im Zeichen von Max Mohr’s (1891 – 1937) Roman „Frau ohne Reue“. Zahlreiche Veranstaltungen und Lesungen sollen den in Würzburg geborenen Autor, den sein Weg später nach Berlin, an den Tegernsee und die letzten Jahre seines Lebens ins Exil nach Shanghai geführt hat, wo er in seinem ursprünglichen Beruf als Arzt praktizierte, wieder ins Bewusstsein der Menschen bringen. Für mich war dies auch als Nicht-Würzburgerin ein schöner Anreiz, einen Autor zu entdecken, den ich bisher nicht kannte.

Viele Jahre waren seine Werke – in den Zwanziger Jahren verfasste er vor allem sehr erfolgreiche Theaterstücke und später Romane – in Vergessenheit geraten. „Frau ohne Reue“, das 1933 erschien, thematisiert – wie häufig in seinem Schaffen – das Unbehaustsein, die innere Unruhe, das Umherirren auf der Suche nach einem Ort, an dem man sich aufgehoben, geschützt, zu Hause und geborgen fühlen kann. Ein Gefühl, das auch Max Mohr’s eigenes Leben stark prägte und bestimmte. Obwohl er seinen jüdischen Glauben kaum lebte, konnte er nicht in Deutschland bleiben und seinen Beruf als Schriftsteller weiter ausüben – er starb 1937 im Exil in Shanghai – seine Bücher wurden im selben Jahr in Deutschland verboten.

Alles beginnt in Berlin, der pulsierenden Stadt mit verqualmten Kneipen, verruchten Bars und einem regen Nachtleben, aber auch mit Lebenskünstlern, die sich mit Gelegenheitsjobs und kleinen Aufträgen mehr schlecht als recht über Wasser halten. Fenn hat eine tolle Anstellung in Aussicht, doch als er bei seinem potenziellen neuen Arbeitgeber vorstellig wird, verliebt er sich Hals über Kopf in dessen Ehefrau und brennt mit ihr und ihrem Kind durch. Treibende Kraft dahinter ist Lina, die aus ihrem bisherigen Leben und ihrer Ehe ausbrechen möchte und ein alternatives, freieres Lebenskonzept sucht.

„Einer Frau muß man sagen: Laß die Männer für dich handeln, wie sie wollen, und bereue nichts, laß die Männer es bereuen.“

(S.47)

Mit Fenn und ihrer Tochter Jane sucht sie Zuflucht auf einem abgelegenen Hof in den Tiroler Bergen. Sie verstecken sich vor den Detektiven und Spähern, welche der Vater des Kindes beauftragt hat, um die Kleine zu finden und zurück zu holen.
Sie führen ein einfaches, hartes Leben in Abgeschiedenheit ohne Komfort und Luxus.

„Zum erstenmal in ihrem Leben war sie von Grund auf froh, eine Frau zu sein, stolz vor allen Männern. Tun lassen. Die Männer tun lassen, was sie tun wollten, sie reden lassen, was sie reden wollten, es ihnen glücken oder mißglücken lassen, wie’s kam.“

(S.48)

Doch auch dort suchen Lina weitere Schicksalsschläge heim und es gelingt ihr nicht, so richtig heimisch und auf Dauer glücklich zu werden. Erneut krempelt sie ihr Leben um und bleibt die Suchende, Rastlose, die trotz alledem nichts bereut.

„Schrecklich, was die Menschen im letzten Jahrhundert vergessen hatten vor lauter Geschäftigkeit, alles vergessen vor lauter technischer, wirtschaftlicher, politischer Geschäftigkeit!“

(S.77)

In vielen Aspekten ist „Frau ohne Reue“ ein zeitloses Werk – auch heute suchen viele Menschen nach dem richtigen Partner, der richtigen Art zu leben, der richtigen Balance zwischen Leben und Beruf oder treffen Entscheidungen für ein Leben auf dem Land oder in der Stadt. Lina trifft mutige, radikale Entscheidungen und scheut sich auch nicht, diese erneut zu revidieren. Glücklich wird sie leider dennoch nicht.

Das Buch wühlt auf und macht es dem Leser nicht immer einfach. Es ist kritisch und unbequem. Viele Gedankengänge Mohr’s muten nahezu prophetisch an und sind heute – gerade im Licht der aktuellen Ereignisse – aktueller denn je.

„Noch gab es damals die Weltstadt. Die Menschen brauchten den Betrieb. Viele brauchten ihn nötiger als Brot und wären gestorben, wenn durch eine technische Katastrophe oder eine himmlische Fügung ihr Betrieb von der Erde weggewischt worden wäre.“

(S.131)

„Frau ohne Reue“ handelt vom Suchen und vom Verlieren, überzeugt durch intensive, kammerspielartige Szenen und stimmige Dialoge – hier spiegelt sich der Dramatiker Max Mohr auch in seinem Roman.

Ein Autor, der die Aufmerksamkeit und die Wiederentdeckung verdient, auch wenn oder gerade weil er den Lesern 1933 bereits die Düsternis und Ausweglosigkeit der damaligen Zeit vermittelte. Es ist wünschenswert, dass sein Name von Würzburg aus wieder ins Gedächtnis gerufen und in die Welt hinausgetragen wird.

Auf der Website „Würzburg liest“ erhält man einen Überblick der Veranstaltungen, die vorwiegend in der Zeit vom 15. bis zum 25. Juli 2021 stattfinden, aber teilweise auch noch in den August hineinreichen. Zudem erfährt man mehr über Max Mohr und sein Werk.

Weitere Besprechungen von „Frau ohne Reue“ findet man beim Hotlistblog und Birgit Böllinger.

Buchinformation:
Max Mohr, Frau ohne Reue
Weidle
ISBN: 978-3-938803-95-0

© Weidle Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Max Mohr’s „Frau ohne Reue“:

Für den Gaumen:
Im Refugium in den Bergen:

„Es gab Bier, Schnittlauch, Ziegenkäse. Das Brot, das sie seit dem Herbst selber buken, geriet immer besser.“

(S.87)

Brot selbst backen – etwas, das fasziniert, sobald man es einmal selbst versucht hat und vor allem auch schmeckt.
Zu der Vielfalt von Brotrezepten, die man auf den schönen Blogs wie „Meggie’s Kochstudio“, „Fische im Teigmantel“ oder auch bei „Ein Nudelsieb bloggt“ (um nur ein paar zu nennen) findet, habe ich es noch nicht geschafft, aber zu einem selbstgebackenen Sauerteigbrot schon.

Zum Weiterhören:
Max Mohr bedient sich unter anderem Vergleichen aus Wagner’s Opern, so sieht sich Else – die Freundin Fenns „wie Brangäne, die den unheilbaren Liebestrank verwaltete“ (S.34). Wer Tristan und Isolde kennt, kann hier bereits erahnen, ob den Liebenden ein glückliches Ende beschieden sein wird.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Monaten habe ich die eindringliche Novelle „Der Zwang“ von Stefan Zweig aus dem Jahr 1920 gelesen. Diese kann man ebenfalls als pazifistischen Aufschrei eines zunehmend Heimatlosen und späteren Exilanten lesen und auch Zweig lässt eine starke Frau in der Erzählung auftreten.

Stefan Zweig, Der Zwang
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 9783763271535

Inspirierendes Siena

Die meisten Menschen haben Sehnsuchtsorte. Orte, die aus ganz bestimmten, individuellen Gründen eine besondere Bedeutung oder Faszination für die- oder denjenigen besitzen. Für den in England lebenden libyschen Autor Hisham Matar ist dies Siena. Er hat sich den Wunsch eines längeren Aufenthalts in dieser Stadt erfüllt und lässt mit „Ein Monat in Siena“ seine Leserinnen und Leser an dieser intensiven Erfahrung teilhaben.

Die meisten Touristen und Toskanaurlauber haben für Siena einen Tag oder gar nur wenige Stunden Zeit, um sich einen Eindruck von dieser geschichtsträchtigen Stadt machen zu können und über den fächerförmig angelegten Campo zu schlendern.

„Die Piazza zu überqueren heißt, an einer jahrhundertealten Choreographie teilzunehmen, die alle einsamen Wesen daran erinnern soll, dass es weder gut noch möglich ist, ganz allein zu existieren.“

(S.22)

Hisham Matar, der sich nach Abschluss eines fordernden Buchprojekts dazu entschlossen hat, eine Auszeit zu nehmen und sich einen langgehegten Traum zu erfüllen, verbringt einen ganzen Monat in Siena, um sich der Stadt mit Haut und Haar widmen zu können.

Bereits seit seiner Jugend üben die Kunstwerke der Sienesischen Schule, d.h. italienischer Künstler des 13. bis 15. Jahrhunderts wie zum Beispiel Duccio die Buoninsegna oder Ambrogio Lorenzetti, eine ganz besondere Faszination auf ihn aus.
Er kann sich stunden- und tagelang in Museen in ein und das selbe Werk vertiefen, sich darin verlieren und jedes Detail in sich aufnehmen. Schlendern viele Museumsbesucher häufig nur uninspiriert an den Gemälden vorbei, so verinnerlicht er diese und macht sie sich ganz zu eigen.

Er teilt mit dem Leser seine Sicht und Begeisterung für die Kunstwerke und erläutert Hintergründe, setzt Akzente und vermittelt, was ihn persönlich besonders bewegt. Man spürt beim Lesen, welch hohen Stellenwert die Malerei und die Auseinandersetzung mit diesen Werken für ihn hat.

„Liegt das wahre Vergnügen nicht darin, das Ziel ins Visier zu nehmen, statt es zu erreichen?“

(S.39)

Die Zeit in Siena wird für ihn auch zu einer Reise zu sich selbst und einer intensiven Erfahrung, die neben dem Kunstgenuss auch von der Begegnung mit Menschen, dem Knüpfen von Freundschaften und anregenden Gesprächen lebt.
Er schreibt, was es bedeutet, allein zu reisen, sich treiben zu lassen und sich vollständig auf einen Ort einzulassen, sich Zeit zu nehmen für das Reiseziel und sich selbst.

Natürlich erfährt man auch einiges über die Geschichte der Stadt, die Künstler, den legendären Palio und die Contraden, die eine so große, auch soziale Bedeutung im Stadtleben spielen, aber dieses Buch ist so viel mehr als ein Reise- oder Kunstführer. Es ist das Erzählen über eine einzigartige Reise, einen außergewöhnlichen Monat und eine Lebenserfahrung, die Matar anreichert mit philosophischen Gedanken. Ein sehr persönliches Werk, das tief in die Gedankenwelt des Autors und seine Lebensgeschichte blicken lässt – verfasst in einer Sprache, die in ihrer Klarheit und Schönheit dazu einlädt, immer wieder innezuhalten und Sätze erneut zu lesen und so auch ein zweites oder drittes Mal zu genießen.

„Wie ungeheuerlich es ist, am Leben zu sein, dachte ich. Es erfüllte mich mit Begeisterung und einem düsteren Stolz auf meine Art, darauf, wie tapfer und heldenhaft wir mit der unleugbaren Tatsache umgehen, dass unser Leben nicht zu erhalten ist und alles, ganz gleich, welche Rüstung wir wählen, vergeht.“

(S.75)

Matar hat ein Buch über Kunst und die Kunst, Bilder zu betrachten und zu beschreiben, geschrieben. Aber auch darüber, was es bedeutet, Mensch zu sein und zu leben: über Trauer, Einsamkeit und Freundschaft. Ein zutiefst menschliches, philosophisches und intelligentes Buch, das mich vollkommen begeistert und inspiriert hat. Das Buch ist auch optisch und haptisch ein Genuss, denn es ist hochwertig gestaltet mit farbigen Abbildungen der Gemälde, auf welche sich Matar bezieht. Selten habe ich ein Buch gelesen, das so von Kunst durchdrungen ist und Lust auf Kulturgenuss und Museumsbesuche weckt.

Wenn die letzte Seite gelesen ist, verspürt man den Wunsch, gleich wieder von vorne zu beginnen. Ein wunderbares Werk voller Weisheit und kluger Gedanken, das bereichert, inspiriert und zum Nachdenken einlädt.
Eine literarische Entdeckung und eine Einladung, die große Lust auf mehr und natürlich auch auf eine Reise nach Siena macht.

Buchinformation:
Hisham Matar, Ein Monat in Siena
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87618-4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Hisham Matar’s „Ein Monat in Siena“:

Für den Gaumen:
Eine Spezialität, die im Buch Erwähnung finden, sind fritelle – „in Zucker getauchte gebackene Reismehlbällchen mit Orangenschale“ (S.79) – das klingt nach Italien, Sommer, Urlaub und lässt einem sofort das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Zum Weiterschauen:
Eines der Schlüsselbilder, auf welche Hisham Matar im Buch explizit eingeht, ist Ambrogio Lorenzetti’s „Allegorie der guten Regierung“ – zu sehen ist das Werk im Palazzo Pubblico von Siena – ein Muss für jeden Siena-Besucher.

Zum Weiterlesen:
Hisham Matar wurde für „Die Rückkehr – Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater“ mit dem Pulitzerpreis und dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Nach dieser inspirierenden und eindrucksvollen Lektüre von „Ein Monat in Siena“ ist jetzt auch sein preisgekröntes Memoir auf meine Wunschliste gewandert, das ich bisher noch nicht gelesen habe:

Hisham Matar, Die Rückkehr
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87422-7

Erfrischende Ostseebrise

Eine kleine Flucht aus dem Alltag, eine charmante Zeitreise und ein wenig Ostseeluft schnuppern: all das bietet Hedwig Dohm’s Freiluftnovelle „Sommerlieben“ aus dem Jahr 1909. Die Büchergilde Gutenberg hat in der Reihe „Büchergilde unterwegs“ nach „Das Buch von der Riviera“ von Erika und Klaus Mann nun auch das unterhaltsame Werk der Urgroßmutter der beiden in einer optisch schönen Aufmachung neu aufgelegt.

Hedwig Dohm war die Großmutter von Katia Mann, Schriftstellerin und überzeugte Frauenrechtlerin – weitere ergänzende Details und biografische Informationen zur Autorin enthält dankenswerterweise auch das Nachwort von Heike Brandt. Als Dohm die „Sommerlieben“ schrieb war sie beinahe 80 Jahre alt und doch atmet dieses Werk neben Lebenserfahrung und Klugheit auch eine jugendliche Frische und Leichtigkeit, die beim Lesen ansteckend wirkt und den Leser sofort in Urlaubsstimmung versetzt.

Allein für solche Sätze wie den folgenden und diese herrliche Sprache lohnte sich für mich schon die Lektüre – (Achtung! Bitte auf der Zunge zergehen lassen):

„Nun weiß ich aus Erfahrung und Seelenkenntnis, daß, wenn der Mensch seinen Ärger zur Papier bringt, sich sofort auch die komisch-amüsanten Seiten der Ärgernisse präsentieren, wahrscheinlich aus einem Instinkt der menschlichen Natur heraus, der sich selbst aus dem Schierling des Missvergnügens noch ein Tröpfchen Honig herausdestilliert.“

(S.13)

Mit spitzer Feder und scharfzüngig formuliert und berichtet „Trautantchen“ Marie Luise in Form von Briefen an den werten Schwager – den die Schwester schmählicherweise treulos verlassen hat – über ihre Sommerfrische im Badeort Salentin auf Usedom, den sie dort mit den ihr anvertrauten Kindern – Nichte Hanna und Neffe Rudi – verbringt.

Die unverheiratete, „ältere Jungfer“ erzählt offen, direkt und schonungslos von der Ankunft im Quartier, das noch ihrer Nachbesserung und Aufmöbelung bedarf und karikiert gnadenlos und pointiert jeden in ihrem Umfeld: Gastgeber, Urlaubsgäste, Dienstpersonal und auch die Kinder – keiner entkommt ihrem Adlerauge und ihrer spitzen Zunge.

„Welch eine Temperamentsfülle! Ihre jubelnde Hingabe an alles, was Genuß verspricht, könnte ein halbes Dutzend Mysanthropen mit Optimismus versorgen.“

(S.48)

So erlebt man anhand ihrer plastischen und intensiven Beschreibungen auch hautnah mit, wie sie bei einer vergnügten Ruderparte plötzlich in ein Unwetter kommt, wie wenig Talent und Ehrgeiz ihr Dienstmädchen Alma für das Kochen und die Haushaltsführung im Allgemeinen aufbringt oder mit welchen Tricks sie das allzu strenge Kindermädchen Miß Jones abzulenken versucht, so dass der kleine Neffe Rudi ein wenig mehr Freiheiten bekommt. Kleine, stimmungsvolle Urlaubs- und Strandszenen, welche die Badekultur (inklusive der Bademode) der damaligen Zeit – gerade die Kaiserbäder an der Ostsee waren sehr en vogue – vor den Augen des Lesers wieder aufleben lassen.

Aber auch ein Gesellschaftsportrait der damaligen Zeit und eine bemerkenswerte Studie über eine unverheiratete Frau, die sich trotz aller Selbstständigkeit und Unabhängigkeit doch auch hin und wieder nach einer erfüllenden Beziehung sehnt.
Die Anklänge und kritischen Untertöne der Frauenrechtlerin sind zwischen den Zeilen ebenso zu finden, wie die dunklen Wolken des aufziehenden Antisemitismus, welche sich bereits vor die Sonne schieben.

Doch der unterhaltsame, amüsante und stellenweise herrlich-bissige Tonfall der Autorin macht die „Sommerlieben“ dennoch zu einer in weiten Teilen locker-luftigen und im Grundton unbeschwerten Lektüre. Man spürt den Wind, sieht die Strandkörbe und die gestreiften Badeanzüge kurz nach der Jahrhundertwende, blickt auf die Wellen und genießt. Manches scheint sich in den letzten hundert Jahren nicht oder kaum verändert zu haben. Wer selbst schon einen Ostseeurlaub verbracht hat, weiß was unbefugte Strandkorbbesetzer, schnelle Wetterwechsel oder geschwätzige Miturlauber anrichten können – so findet sich auch der heutige Leser in vielen Szenen, Episoden, Anekdoten und Gedankengängen wieder oder vielleicht sogar ertappt.

Ein kleines, feines Buch, das so erfrischend ist, wie ein Bad in der Ostsee.
Wunderbar geeignet für einen Nachmittag im Strandkorb oder um vom heimischen Liegestuhl aus für eine Weile an diese herrliche Küste zu reisen. Wer also die Möglichkeit dazu hat, sollte es halten wie Tantchen Marie Luise:

„Täglich in der Morgenfrühe gehe ich ans Meer, um in meinem Strandkorb zu lesen, irgendein Buch, das Stille und Sammlung will.“

(S.55)

Doch nicht „irgendein Buch“: Die „Sommerlieben“ wären hierzu definitiv eine erstklassige Wahl.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei der Büchergilde Gutenberg, die mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite derBüchergilde.

Buchinformation:
Hedwig Dohm, Sommerlieben – Freiluftnovelle
Herausgegeben und mit einem Vorwort von Julia Finkernagel
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 978-3-7632-7285-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Hedwig Dohm’s „Sommerlieben – Freiluftnovelle“:

Für den Gaumen (I):
Die Urlaubskost muss gesund sein und darf nicht so schwer im Magen liegen, deshalb wäre Obst eine hervorragende Wahl, allerdings beklagt Marie Luise, die stolzen Preise für Erdbeeren und ist froh, mit Trockenobst vorgesorgt zu haben:

„Ein Trost in der Not der Öbste ist die Kiste mit den getrockneten Aprikosen, Prünellen und Pflaumen“

(S.23)

Für den Gaumen (II):
Doch auch einem Gläschen Wermut scheint die Tante nicht abgeneigt zu sein:

„Also merke es Dir: Ich bin ein vergnügtes, jüngeres altes Mädchen. Die Vergnügtheit zuweilen gemischt mit etwas Wehmut. Ein Tröpfchen Wermut nicht ausgeschlossen. Das gehört sich für eine ältere Jungfer.“

(S.26)

Zum Weiterschauen:
Ein Zeitgenosse Hedwig Dohm’s, der ab 1909 ebenfalls regelmäßig nach Usedom reiste und das „Dorf Alt-Sallenthin“ (um 1912) auf seine ihm typische Art als Gemälde verewigte, ist der Künstler Lyonel Feininger. Auf der Website des Museum Folkwang kann man sich dieses Gemälde und eine kurze Erläuterung dazu ansehen.

Zum Weiterlesen:
Literarisch fällt mir zur Ostsee sofort auch Eduard von Keyserling’s Roman „Wellen“ aus dem Jahr 1911 – also nur zwei Jahre nach Hedwig Dohm’s „Sommerlieben“ erschienen – ein, den ich vor vielen Jahren gelesen habe:

Eduard von Keyerling, Wellen
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-34682-1

Meeresrauschen und dunkle Geheimnisse

Das Meer, der Ozean, die Wellen, die Brandung – man hat sofort ein Bild vor Augen und bei vielen Menschen ruft das Meer große Emotionen hervor. Für mich ist es stets etwas Besonderes, am Meer zu sein, über das Wasser auf den Horizont zu schauen. So hat mich auch der Titel von Roxanne Bouchard’s Roman „Der dunkle Sog des Meeres“ sofort angesprochen und entpuppte sich als intensives, maritimes Leseerlebnis, das auf der Gaspésie-Halbinsel in der kanadischen, französischsprachigen Provinz Québec spielt.

„Cyrille sagte, das Meer sei wie eine gesteppte Patchworkdecke. Mit Sonnenfäden aneinandergenähte Wellensplitter. Es verschlinge die Geschichten der Menschen und verdaue sie langsam in seinem kobaltblauen Bauch, bis nur noch verzerrte Spiegelbilder an die Oberfläche stiegen.“

(S.14)

Catherine ist dreiunddreißig Jahre alt und ausgebrannt. Ihre Adoptiveltern sind verstorben, sie leidet unter Depressionen und einer Leere in ihrem Leben. Ihr Arzt rät ihr zu einem Urlaub, einer Auszeit, einem Tapetenwechsel und sie entscheidet sich dazu, einer ungewöhnlichen Einladung nachzugehen, welche sie vor kurzem erreicht hat und in den kleinen Fischerort namens Caplan in der Gaspésie führt.

Dort angekommen trifft sie die mysteriöse Absenderin des Briefes Marie Garant – ihre leibliche Mutter – jedoch nicht an. Vielmehr trifft sie auf kauzige Fischer, die versuchen, den widrigen Umständen rückgängiger Fangmengen und der rauen Natur zu trotzen. Schon bald wird die Leiche von Marie Garant im Meer gefunden. Doch der Tod der erfahrenen Seglerin gibt Rätsel auf.

Joaquín Morales ist gerade eben erst ins Dorf gezogen und für den Polizisten wird der ungeklärte Todesfall zu seiner ersten Ermittlung in der neuen Position. Er ist vor kurzem fünfzig geworden und kämpft mit dem Älterwerden, seiner Lebenssituation und um seine Ehe. In seinem Leben ist einiges ins Wanken gekommen und nun lassen ihn auch noch die Einheimischen gehörig auflaufen. Für den Zugezogenen ist es es nicht leicht, die Wahrheit von Seemannsgarn und Schauermärchen zu trennen und die verschlossenen Fischer und Einwohner des Dorfes machen ihm das Leben und die Ermittlungen nicht leichter.

„Die Leinen, die uns wirklich festhalten, Catherine, sind nicht aus Nylon gemacht. Die kann man nicht lösen.“

(S.185)

Roxanne Bouchard hat einen spannenden Roman mit interessanten Charakteren verfasst, der den Leser zudem auf jeder Seite die Gischtkronen auf den Wellen sehen und die frische Meeresbrise atmen lässt. Das kauzige Unikum Cyrille wächst mit seinem sarkastisch-herbem Charme nicht nur Catherine, sondern auch dem Leser ans Herz und ist ebenso liebenswürdig und fein gezeichnet, wie der ermittelnde Joaquín Morales, den es als gebürtigen Mexikaner der Liebe wegen zunächst in die kanadische Großstadt verschlagen hat und der nun in der Provinz – von einer gehörigen Mid-Life-Crisis geplagt – noch einmal einen Neuanfang wagen will oder muss.

Die Autorin wechselt zwischen umgangssprachlicher Lockerheit in den Dialogen und unglaublich intensiven Naturbeschreibungen. Selten habe ich so viele ausdrucksstarke, eindringliche Bilder und atmosphärische Beschreibungen des Meeres in so konzentrierter Form gelesen. Die ungezähmte Gewalt des Ozeans und die zerstörerische Kraft wird ebenso deutlich wie die Schönheit und die Faszination, die niemanden mehr loslässt, der ihr einmal verfallen ist.

„Nur wo das Meer tanzt, fühle ich mich zu Hause.“

(S.228)

Das Buch wird auf dem Umschlag als Roman – nicht als Kriminalroman – bezeichnet und auch für mein Empfinden war es kein reiner, klassischer Krimi. Neben den Ermittlungen und der Kriminalhandlung gibt es noch zahlreiche weitere Aspekte, die ebenfalls eine Rolle spielen. Für Spannung ist aber definitiv gesorgt und der Sog, der bereits im Titel steckt, entfaltet sich auch bei der Lektüre.

Sergeant Morales hat sicherlich das Zeug dazu, zum Serienhelden zu werden – in ihrer Heimat hat Bouchard bereits zwei weitere Bände veröffentlicht. Kanada ist das Gastland der diesjährigen Buchmesse und aufgrund der spektakulären Natur sicherlich Sehnsuchtsort und attraktive Kulisse auch für deutsche Leser, so dass hoffentlich auch die weiteren Bände noch übersetzt werden.

Auf jeden Fall bietet der Roman eine gute Möglichkeit, für einige Stunden die stürmische See zu spüren, die schroffe und schöne Landschaft der kanadischen Küste in Gedanken zu bereisen und sich zumindest literarisch ans Meer entführen zu lassen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Atrium Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Roxanne Bouchard, Der dunkle Sog des Meeres
Aus dem Französischen von Frank Weigand
Atrium Verlag
ISBN: 978-3-85535-113-8

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Roxanne Bouchard’s „Der dunkle Sog des Meeres“:

Für den Gaumen:
Auch im Roman wird das Johannisfest am 23. Juni gefeiert, das gerade erst hinter uns liegt. Und zwar mit „Krustentierpasteten und Erdbeertörtchen“ und „Grillfleisch“ (S.144). Wenn allerdings der gebürtige Mexikaner Joaquín Morales eine Frau beeindrucken möchte, kocht er Paella und weil das Meer vor der Haustür liegt, natürlich auch diese mit Meeresfrüchten.

Zum Weiterschauen und Weiterklicken:
Wunderbare Bilder, welche häufig die Farben des Meeres widerspiegeln und für mich immer ein Fest für die Sinne sind, finden sich auf dem schönen, lesens- und sehenswerten Blog der Künstlerin Manuela Mordhorst. Persönlich gefallen mir gerade die maritim inspirierten Gemälde in Blau- und Türkistönen besonders gut, wie zum Beispiel „Weite Horizonte“. Es lohnt sich, sich selbst einmal ein Bild von diesem Blog zu machen und sich inspirieren zu lassen.

Zum Weiterlesen:
Bei maritimer Literatur kommt mir sofort der dicke Schmöker „Wir Ertrunkenen“ des Dänen Carsten Jensen in den Sinn. Mit über über 800 Seiten wahrlich kein Leichtgewicht, erzählt er eindrucksvoll, was es in vergangenen Zeiten bedeutete, am und vom Meer zu leben.

Carsten Jensen, Wir Ertrunkenen
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg
Penguin
ISBN: 978-3-328-10264-9

Norwegischer Nobel-Klassiker

Klassiker lesen lohnt sich und im Falle von Sigrid Undset’s „Kristin Lavranstochter – Der Kranz“ aus dem Jahr 1920 – dem ersten Teil der nobelpreisgekrönten Trilogie – ganz besonders. Die renommierte Übersetzerin Gabriele Haefs hat das Werk aus dem Norwegischen neu ins Deutsche übertragen – ein wunderbarer Anlass, wieder einmal ein großes Werk der Weltliteratur zur Hand zu nehmen.

14. Jahrhundert – Kristin wächst behütet als Lieblingskind ihres Vaters im norwegischen Gudbrandsdalen auf. Ihre Mutter ist schwermütig und kann die Verluste weiterer Kinder kaum verkraften, so dass sich der Vater verstärkt des Mädchens annimmt. Das Leben ist rau, schroff und arbeitsreich und doch verbringt Kristin eine weitgehend unbeschwerte, naturverbundene und freie Kindheit, bis sich die Schicksalsschläge häufen. Ihre kleine Schwester verletzt sich bei einem Unfall schwer und wird nie mehr vollständig genesen. Auch ihre Jugendliebe – der junge Arne aus der Nachbarschaft – stirbt unter tragischen Umständen.

Schon früh wird sie daher Simon, dem dominanten Sohn einer einflussreichen Familie, versprochen. Doch der Tod Arne’s, für den sie sich selbst die Schuld gibt, lässt sie für eine gewisse Zeit ins Kloster nach Oslo fliehen, um wieder Ruhe und Besinnung zu finden.

Eine völlig andere Welt – sie begegnet dem strengen Glauben der Schwestern im Orden, aber auch bei Besorgungsgängen dem quirligeren, bunten und lauten Stadtleben, das so anders ist als das bodenständige, einfache Leben in der kargen Natur ihrer Heimat. Und sie trifft auf Erlend – einen gutaussehenden, jungen Adeligen, dem ein zweifelhafter Ruf anhaftet, hat er sich doch in seiner Jugend einige Fehltritte geleistet, die ihn immer noch verfolgen. Und trotz alledem verliebt sich Kristin sofort in ihn.

„(…) doch sie hatte auch das Gefühl, dass alle Menschen sie anstarrten, als hätten sie durchschaut, dass sie als Lügnerin hier stand, mit dem goldenen Kranz in ihren offenen Haaren.“

(S.210)

Eine Ehe mit Simon kommt für sie nun nicht mehr in Frage und es kommt zur offenen Konfrontation mit dem Vater, der Erlend nicht als Schwiegersohn akzeptieren möchte. Kristin kämpft für ihre Liebe.

Steht der Kranz im Titel des Romans – der auch an den skandinavischen Mittsommer denken lässt – symbolisch für die Jungfräulichkeit, so stammt auch die Redewendung „unter die Haube kommen“ aus dem Mittelalter, da Frauen ab dem Zeitpunkt ihrer Heirat das Haar nicht mehr offen tragen durften, sondern unter einer Kopfbedeckung verbargen.

„Vielleicht hatte er sich in diesem Jahr gar nicht so sehr verändert, aber in all den Jahren hatte sie ihn als den jungen, kräftigen, schönen Mann gesehen, auf den sie als kleines Kind so stolz gewesen war, weil sie ihn zum Vater hatte.“

(S.240)

Mich berührte vor allem die besondere, innige Beziehung zwischen Vater und Tochter. Undset zeichnet ein ganz besonderes, sehr liebevolles Band zwischen den beiden, das durch Kristin’s Brechen mit Regeln und Traditionen im Laufe des Romans einer starken Zerreißprobe unterzogen wird. Und doch springt selbst der starrköpfige Patriarch aus Liebe zu seiner Tochter in so manchem Punkt über seinen Schatten. Die ausdrucksstark charakterisierte Vaterfigur mutet im Vergleich zum erzkonservativen und herrschsüchtigen Verlobten Simon noch sehr verständnisvoll und weichherzig an und doch bricht ihm die unkonventionelle Entscheidung seiner Tochter nahezu das Herz.

Sigrid Undset hatte ein sehr feines Auge für Stimmungen, zwischenmenschliche Gefühle sowie eindrückliche Naturbeschreibungen und auch die Übersetzerin Gabriele Haefs hat hier einen sehr harmonischen sprachlichen Klang gefunden, der sich wunderbar liest.

In meiner Heimatstadt Landshut hat man aufgrund der „Landshuter Hochzeit 1475“ – einem historischen Fest, das alle vier Jahre (außer in Pandemiezeiten) nachgespielt wird – einen engen Bezug zum Mittelalter – wenn diese auch zeitlich etwas später liegt, als der Roman (14. Jahrhundert). Bei mir ließen die präzisen Beschreibungen der Norwegerin jedoch sofort ein mittelalterliches Kopfkino entstehen, das sich in punkto Kleidung, Schuhwerk oder Waffen bei mir natürlich schnell mit meinen persönlichen Erinnerungen des Landshuter Festes vermischte.

Man sollte keine Berührungsangst oder Scheu vor traditionsreicher, großer Literatur haben. Ganz im Gegenteil: es ist eine Bereicherung, wenn man diese Klassiker – die nicht umsonst zu solchen wurden – in einer derart gelungenen und zeitgemäßen Neuübersetzung für sich entdecken und genießen darf. Da ist nichts Antiquiertes oder Angestaubtes, sondern Undset hat mit Kristin Lavranstochter eine unvergessliche Frauenfigur des norwegischen Mittelalters zum Leben erweckt – eine interessante Frau aus Fleisch und Blut mit Stärken, Schwächen, Eigensinn und einem starken Willen.

Das Nobelpreiskomitee begründete die Vergabe des Preises 1928 an Sigrid Undset wie folgt und zeichnete sie „vornehmlich für ihre kraftvollen Schilderungen des nordischen Lebens im Mittelalter“ (Quelle: Wikipedia) aus. Dem kann ich mich nur anschließen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt und bei Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Der Kranz
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62101-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Sigrid Undset’s „Kristin Lavranstochter – Der Kranz“:

Für den Gaumen:
Das mittelalterliche Festessen ist zumindest in Teilen für heutige Gaumen gewöhnungsbedürftig:

„Es gab Roggenmehlgrütze, gekochte Bohnen, weißes Brot und als Frischgericht Forellen, salzig und frisch, und fetten Weißfisch.“

(S.349)

Zum Weiterlesen (I):
Der zweite Teil von Sigrid Undset’s preisgekrönter Trilogie „Kristin Lavranstochter – Die Frau“ erscheint im Herbst im Kröner Verlag ebenfalls neu übersetzt von Gabriele Haefs. So kann die Klassiker-Lektüre schon sehr bald fortgesetzt werden.

Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Die Frau
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62201-3

Zum Weiterlesen (II):
Einer meiner ersten Beiträge auf der Kulturbowle war Lars Mytting’s „Die Glocke im See“ gewidmet, einem Roman, der ebenfalls im norwegischen Gudbrandsdalen spielt. Auch in Bezug auf das Erzählen einer Familiengeschichte, die Nähe zur schroffen Natur und der Kargheit des einfachen Lebens lassen sich durchaus Parallelen erkennen, auch wenn was die Handlung betrifft 500 Jahre dazwischen liegen, denn Mytting’s Roman spielt im 19. Jahrhundert.

Lars Mytting, Die Glocke im See
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3458364757