An die Urenkelin

Andrea Camilleri schreibt von sich selbst, ein besserer Großvater als Vater gewesen zu sein. Dass er als Urgroßvater mit „Brief an Matilda – Ein italienisches Leben“ seiner Urenkelin und seiner Leserschaft ein wunderbares autobiografisches Vermächtnis hinterlassen hat, betrachte ich als literarisches Geschenk.

„Mit fünf hatte ich unter Anleitung meiner Mutter und meiner Großmutter Elvira lesen gelernt, mit sechs bediente ich mich schon in der Bibliothek meines Vaters, die sehr gut bestückt war. Also las ich anfangs keine Kinder- oder Jugendbücher, sondern Literatur für Erwachsene, richtige Romane.“

(S.13)

Andrea Camilleri blickt als über Neunzigjähriger zurück auf sein Leben und erzählt in Briefform seiner Urenkelin nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch die Geschichte seines Heimatlandes. Er versucht, ihr als Vermächtnis seine Sicht und seine Ratschläge für ein erfülltes und glückliches Leben mit auf den Weg zu geben. Da Matilda zum Zeitpunkt der Entstehung gerade einmal vier Jahre alt ist, soll das Werk zu einem späteren Zeitpunkt das Gespräch mit ihrem Uropa ersetzen.
So wird der sehr persönliche „Brief an Matilda“ zu einem autobiografischen Werk, aber auch zu neunzig Jahren „Italien in einer Nussschale“ – eine lebendige Lehrstunde in italienischer Geschichte.

Als Junge und Jugendlicher erlebte Camilleri das faschistische Italien und wandelte sich später – aufgrund einiger Schlüsselerlebnisse – vom Mitglied der faschistischen Jugendorganisation Balilla zum überzeugten Kommunisten.
Er beschreibt die Stimmung der damaligen Zeit und er beschreibt auch seinen weiteren schulischen und beruflichen Werdegang, den Umzug von Sizilien nach Rom – seine ersten Schritte am Theater, seine Karriere beim Fernsehen (RAI), als Dozent und seine schriftstellerische Entwicklung. Ein arbeitsreiches und kulturell reiches Schaffen, auf das er zurückblicken kann und das er hier auffächert.

Und er erzählt auch über die Liebe, seine Frau und die Familie, der er – wie er im Nachhinein selbstkritisch anmerkt – in manchen Phasen nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt hat.

„Ich erzähle dir diese Geschichten, Matilda, um dir zu zeigen, dass ich nie ein besonders sanftmütiger Charakter gewesen bin. Mich irgendeiner Disziplin zu unterwerfen, still zu bleiben, wenn ich etwas zu sagen hatte, mich nicht gegen einen meiner Meinung nach unsinnigen Befehl aufzulehnen, war mir unmöglich, es passte einfach nicht zu meinem Wesen.“

(S.43/44)

Vielleicht mag bei manchen Themen etwas Altersmilde gewaltet haben – falls ja, verzeiht man dies gerne – aber man hat doch das Gefühl, dass Camilleri auch an einigen Stellen offen und ehrlich seine Schwächen und Fehler anspricht.

Und auch die italienische Geschichte und Politik beleuchtet er scharfsinnig und kritisch. Es ist hochgradig interessant zu lesen, wie er die Geschehnisse und Entwicklungen im Land einordnet und bewertet. So bekommt man auf engem Raum eine sehr persönliche Sicht auf die italienische Zeitgeschichte der letzten 90 Jahre.

Spannend fand ich aber auch, wie spät der Autor mit Commissario Montalbano erst so richtig erfolgreich wurde (1994 als der erste Roman der Reihe „Die Form des Wassers“ erschien, war er immerhin schon fast Siebzig) und dass er dieser Figur doch eher zwiespältig gegenüber stand.

„Doch irgendwann begann dieser Montalbano, mit mir zusammenzuleben, und je größer der Erfolg wurde, desto mehr fühlte ich mich als sein Gefangener. Kurz, zwischen mir und meiner Figur entstand eine Hassliebe, die bis heute andauert.“

(S.85)

Nichtsdestotrotz: Montalbano wurde Kult und Phänomen und ist auch bei prominenten Lesern wie z.B. Axel Hacke beliebt, der Camilleri’s Werke ebenfalls zu seinen Lieblingskrimis zählt.

Als Camilleri diesen Brief an Matilda im Jahr 2017 schrieb, war die Flüchtlingskrise gerade in Italien immer noch ein zentrales Thema mit großer Bedeutung, so dass er die Gelegenheit auch nutzte, sich diesbezüglich zu äußern. Camilleri war ein politischer Mensch und bezog Stellung – die wechselvolle Geschichte Italiens hat sein Leben geprägt.

Die Ausdrucksweise und die Melodie des Buches ist auf eine junge Leserschaft bzw. die Urenkelin angelegt und er beherrscht die große Kunst, schwierige Themen und Sachverhalte in eine verständliche, klare und emotionale Sprache zu packen – sehr schön ins Deutsche übersetzt von Annette Kopetzki.

„Tatsächlich griffen wir zum Italienischen, wenn wir eine Situation förmlicher gestalten, jedes Gefühl aus ihr heraushalten wollten. Wann immer es aber um Gefühlsbekundungen ging, um den Wunsch nach Nähe, Vertrautheit, oder wenn wir unseren Worten mehr Nachdruck verleihen wollten, dann sprachen wir im Dialekt.“

(S.79)

Andrea Camilleri schrieb in seinen Werken teilweise eine Mischung aus Hochitalienisch und sizilianischem Dialekt und was zunächst für Ablehnung seines ersten Romans durch die Verlage sorgte, wurde später sehr wohlwollend besprochen. Persönlich kann ich es gut nachvollziehen, dass man gewisse Dinge im Dialekt einfach treffender ausdrücken kann und einem so eine andere Ausdrucksmöglichkeit zur Verfügung steht, die über das übliche Maß der Hochsprache hinausgeht.

Andrea Camilleri wurde 1925 in Porto Empedocle auf Sizilien geboren.
„Brief an Matilda“ erschien 2018 in Italien – der Autor hatte das Werk aufgrund seiner Erblindung diktiert – und er verstarb am 17. Juli 2019 im Alter von 93 Jahren in Rom.

„Wie man sein Leben führen soll, lernt man nur, indem man es lebt.“

(S.122)

In diesem kleinen Büchlein mit gerade mal 126 Seiten steckt unglaublich viel drin: über 90 Jahre Italienisches Leben, viel Weisheit, viel Liebe, viel Leidenschaft für Theater und Literatur, viel kritischer und politischer Geist. Ein langes und erfülltes Leben und ein paar gute Ratschläge für die Urenkelin, ihren eigenen Weg zu gehen und sich selbst treu zu bleiben. Man würde sich wünschen, der eigene Urgroßvater oder Großvater hätte einen solchen Brief hinterlassen.

Mich hat dieser Blick hinter die Kulissen und hinein in die persönliche Lebensgeschichte des Schriftstellers sehr bewegt. Schön, dass Matilda dieses Vermächtnis mit den Leserinnen und Lesern ihres Urgroßvaters teilt, denn es ist zweifelsohne bereichernd – ein kluges, warmherziges, besonderes, berührendes und lange nachklingendes Buch!

Buchinformation:
Andrea Camilleri, Brief an Matilda – Ein italienisches Leben
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Kindler Verlag
ISBN: 978-3-463-00002-2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Andrea Camilleri’s „Brief an Matilda“:

Für den Gaumen:
Auch in Andrea Camilleri’s Leben gab es schwierige und ärmliche Zeiten, in welchen das Geld manchmal nicht einmal für ordentliche Mahlzeiten reichte:

„Ich ernährte mich von Cappuccino und Brioche; schon von Natur aus schmal, war ich inzwischen abgemagert.“

(S.45)

Da hilft dann nur noch, in kulinarischen Erinnerungen zu schwelgen:

„Trotzdem kam es vor, dass ich von den Reiskroketten träumte, die Nonna Elvira so meisterhaft kochte, oder von der Ofenpasta meiner Mutter.“

(S.47)

Zum Weiterlesen oder für einen Theaterbesuch:
Andrea Camilleri war ein Theatermensch und Theatermacher. Er studierte und lehrte Regie, arbeitete über viele Jahre fürs Theater und fürs Fernsehen.
Seine Doktorarbeit verfasste er über das ideale Regiekonzept für das Drama „So ist es (wenn es euch so scheint)“ des Literaturnobelpreisträgers Luigi Pirandello, der als einer der bedeutendsten Dramatiker Italiens gilt. In Deutschland findet man ihn kaum auf den Theaterspielplänen, so dass ich bisher noch keines seiner Stücke sehen konnte.

Zum Weiterlesen:
Schon seit einiger Zeit wartet ein weiterer Camilleri bei mir auf seine Lektüre – ein schmaler Roman mit dem Titel „Die sizilianische Oper“. Interessanterweise schreibt Camilleri in „Brief an Matilda“, dass ihm persönlich die „Nicht-Montalbano-Bücher“ teilweise mehr bedeuteten:

„Trotzdem glaube ich auch weiterhin, dass meine besten Bücher die sogenannten „historischen und bürgerlichen Romane“ sind, wie zum Beispiel König Cosimo, Die sizilianische Oper und Der unschickliche Antrag (…)“

(S.86)

Ich denke, das sollte ich als Wink mit dem Zaunpfahl verstehen, dass die Zeit für „Die sizilianische Oper“ jetzt demnächst wirklich gekommen ist:

Andrea Camilleri, Die sizilianische Oper
Aus dem Italienischen von Monika Lustig
Piper Original
ISBN: 3-492-27002-6

Römisches Duett

Heute steht ganz klar ein unangefochtener Star im Mittelpunkt meines Beitrags: Rom – die ewige Stadt. Eine Reise nach Rom lohnt sich immer, auch wenn es aktuell in meinem Fall nur eine literarische ist. Doch Gianfranco Calligarich’s Roman „Der letzte Sommer in der Stadt“ aus dem Jahr 1973, der gerade wieder eine Renaissance erlebt und Sándor Lénárd’s autobiografisches Werk „Am Ende der Via Condotti“ aus dem Jahr 1969 sind zwei grandiose Liebeserklärungen an diese so besondere Stadt, die selbst beim reinen Lesen den Zauber Roms auf außergewöhnliche Art und Weise lebendig werden lassen.

„Und doch kann ich, wenn ich an jene Jahre zurückdenke, nur wenige Gesichter, wenige Ereignisse scharfstellen, denn Rom birgt einen besonderen Rausch in sich, der die Erinnerungen verbrennt. Mehr noch als eine Stadt ist Rom ein geheimer Teil von euch, ein verstecktes Raubtier. Mit ihm gibt es keine halben Sachen, entweder die große Liebe, oder ihr müsst da weg (…)“

(aus Gianfranco Calligarich „Der letzte Sommer in der Stadt“, S.16)

Leo Gazzarra – ein junger Mann – kommt aus Mailand nach Rom. Wir schreiben die Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Er schlägt sich so durch, genießt die Großstadt, streift durch das Nachtleben und schließt Bekanntschaften. Einen Job findet er schließlich beim Corriere dello Sport und er begegnet der schönen Arianna, in die er sich unsterblich verliebt.

Nach dem ersten Kapitel von Gianfranco Calligarich’s „Der letzte Sommer in der Stadt“ war ich verliebt in dieses Buch und auch wenn die folgenden Abschnitte vielleicht nicht mehr ganz die Intensität des ersten halten können, hätte sich die Lektüre allein schon für dieses erste Kapitel gelohnt.
Ich mag diese Atmosphäre, in der Gazzara durch Rom stromert, ins Kino geht, sich treiben lässt, in der Bar etwas trinkt, wie er über Bücher denkt und spricht – wieviel sie ihm bedeuten. Selten habe ich in einem vermeintlich kurzen Roman mit knapp 200 Seiten so viele kluge Gedanken über das Lesen gelesen, die mir aus der Seele sprechen.

Die Übersetzerin Karin Krieger hat genau den richtigen, schwebenden Tonfall für diese melancholische Liebesgeschichte gefunden.
Ein Buch wie ein Rausch mit einer hochinteressanten Veröffentlichungsgeschichte: Im Erscheinungsjahr 1973 wurde das Buch mit dem Premio Inedito ausgezeichnet und verkaufte sich gut, bis es dann plötzlich aus den Buchläden verschwand und ein Geheimtipp auf Flohmärkten und in Antiquariaten wurde. 2010 brachte Aragno mit großem Presseecho eine Neuauflage auf den italienischen Markt, die bald wieder vergriffen war, bis sich 43 Jahre nach der Erstveröffentlichung ein dritter Verlag daran machte, den Roman neu aufzulegen. Jetzt erlebt der Roman eine weitere Renaissance – erschien im Januar 2022 bei Zsolnay in der deutschen Übersetzung von Karin Krieger – und wird derzeit laut Klappentext in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

Eine völlig andere Zeit und ein anderes Schicksal beschreibt in seinem autobiografischen Buch „Am Ende der Via Condotti“ aus dem Jahr 1969 der in Ungarn geborene, jüdische Autor Sándor Lénárd, der 1938 vor den Nationalsozialisten aus Wien nach Rom floh und dort im Alter von 28 Jahren ein völlig neues Leben begann.

„Rom ist ein Mosaik: Die Lorbeerbäume des Forums hauchen reines Italien. Der Geruch des Tiber ist kapriziös wie ein seltenes Parfüm, auf den Petersplatz strömt der Rauch einer eigenartigen Myrrhe, und in den alten Gassen herrschen der Parmesan und geräucherter Schinken…“

(aus Sándor Lénárd „Am Ende der Via Condotti“, S.25)

Lénárd beschreibt, was es bedeutet, in einem fremden Land bei null und ohne die Sprache zu beherrschen völlig neu anzufangen. In Wien hatte er Medizin studiert, jetzt erkämpft er sich in Rom 1938 ein neues Leben. Er leidet Hunger, hat selbst Phasen der Obdachlosigkeit durchzustehen, in denen er aus Verzweiflung unter anderem auch ab und zu in einer der zahlreichen Kirchen Roms in einem Beichtstuhl übernachtet. Er lernt die italienische Sprache und als er zufällig in den wertvollen Besitz eines Blutdruckmessgeräts kommt und dank seiner medizinischen Vorbildung den Menschen wertvolle Ratschläge erteilen kann, bessert sich Schritt für Schritt auch seine wirtschaftliche Situation.

Lénárd erzählt einen Teil seiner bewegten Lebensgeschichte und er macht deutlich, was es bedeutet, heimatlos zu sein und einen Neubeginn wagen zu müssen. Musik, Bücher, Kultur und Bildung sind für ihn ebenso Grundbedürfnisse wie Trinken, Essen und ein Dach über dem Kopf.
Als scharfsichtiger, aufmerksamer Beobachter beschreibt er auch die Zeit des Faschismus und wie Italien zunehmend in die Diktatur abgleitet.
Ein intelligentes, interessantes und tiefgründiges Buch voll kluger Gedanken und philosophischer Denkanstöße, die lange nachhallen und zugleich ein dichtes, ausdrucksstarkes Porträt der Stadt Rom in den Jahren 1938 bis 1943.

Sándor Lénárd (1910 – 1972) wanderte 1952 nach Südamerika aus, wo er als Arzt tätig war, aber später unter anderem auch mit seiner lateinischen Version von „Winnie-the-Pooh“ als Übersetzer Erfolge feierte. Eine eindrucksvolle Lebensgeschichte!

Selbst beim Schreiben dieses Beitrags merke ich erneut, wie reich mich diese beiden Rom-Lektüren beschenkt haben, deshalb fällt heute auch der zweite Teil mit weitergehenden Inspirationen und Querbezügen besonders opulent aus. Denn da ist noch so viel, das entdeckt werden will. Genau so, wie man sicherlich auch bei Besuchen in Rom nie fertig werden wird, immer wieder Neues zu entdecken.

Arrivederci Roma, auf ein baldiges Wiedersehen!

Mit den beiden Büchern von Gianfranco Calligarich und Sándor Lénárd habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ sogar gleich doppelt erfüllt – Punkt Nummer 9) auf der Liste: Ich möchte ein Buch mit Rom als Schauplatz lesen. Die ewige Stadt zieht mich literarisch immer wieder magisch an – es werden daher sicherlich nicht meine letzten Besuche dort gewesen sein.

Buchinformationen:
Gianfranco Calligarich, Der letzte Sommer in der Stadt
Aus dem Italienischen von Karin Krieger
Zsolnay
ISBN: 978-3-552-07275-6

Sándor Lénárd, Am Ende der Via Condotti
Aus dem Ungarischen von Ernő Zeltner
dtv
ISBN: 978-3-423-28112-6

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Wozu inspirierten bzw. woran erinnerten mich diese beiden Rom-Bücher:

Für den Gaumen:
Dank Gianfranco Calligarich weiß ich nun, dass ein gekühlter Soave Hemingway’s Lieblingswein war, während er in Venedig war.

Sándor Lénárd’s Buch ist reich an kulinarischen Bezügen, erklärt die Besonderheiten der römischen Küche und doch gibt es auch viele Phasen, in welchen ihn die Armut zwingt, zu hungern. Da wird selbst die Pasta asciutta, welche er für ein bis zwei Lire kaufen konnte, zu einem Luxus.

„Es kann nicht schaden, die Wasser-und-Brot-Diät einmal zu unterbrechen. Fasan muss es ja nicht sein – eine anständige Pasta asciutta mit Butter und Parmesan, ein dickes Beefsteak für richtige Männer, ein großer Pfirsich, wie sie jetzt auf den Frascati-Hügeln reifen, und ich versichere, dass das für zwei Wochen als Erinnerung und Ermutigung reicht.“

(aus Sándor Lénárd „Am Ende der Via Condotti“, S.95)

Zum Weiterhören:
Der Sound in Calligarich’s Roman aus den Siebzigern ist ein wenig nostalgisch angehaucht:

„In einem alten Morgenmantel aus Seide holte er sein Repertoire hervor, alte Songs, die ich bei meiner Mutter gehört hatte, Stücke von Gershwin und Cole Porter, vor allem aber den amerikanischen Song Roberta. Manchmal sangen wir zusammen.“

(aus Gianfranco Calligarich „Der letzte Sommer in der Stadt“, S.15)

Bei Lénárd wird hingegen der Komponist erwähnt, der wie kein Zweiter für den Klang Roms steht: Ottorino Respighi. Seine sinfonische Dichtung aus dem Jahr 1924 „Pini di Roma“ lässt die Geräusche der Stadt hörbar werden.

„Lebt noch ein Respighi, der über die römischen Pinien, die darin zirpenden Grillen, über römische Brunnen und die um sie tollenden Kinder moderne Akkorde erklingen lassen könnte?“

(aus Sándor Lénárd „Am Ende der Via Condotti“, S.320)

Für den nächsten Theaterbesuch:
In Calligarich’s Roman besucht die Hauptfigur eine Aufführung von Anton Tschechow’s „Drei Schwestern“ – leider scheint ihm die Inszenierung nicht besonders gut zu gefallen. Das Drama selbst zählt jedoch sicher zu den wichtigsten Werken Tschechow’s – verfasst hat er dieses Werk, das 1901 in Moskau uraufgeführt wurde, auf der Halbinsel Krim.

Zum Weiterlesen:
Bücher spielen sowohl im Leben von Leo Gazzara – der Hauptfigur in Calligarich’s Roman – als auch bei Sándor Lénárd eine sehr wichtige Rolle.

Als Gazzara seine Koffer packt, sagt er, es gibt:

„zwei für die Bücher von denen ich mich niemals trennte (…). Da war die alte Medusa-Ausgabe von Ulysses, Paveses Moby-Dick-Übersetzung, Conrad und die Taschenbuchausgabe des Gatsby, vergilbt, aber noch nicht auseinandergefallen, dann Martin Eden, Nabokov, der alte Hem und die Gedichte von Eliot und von Thomas, Bovary, Die Welt von Gestern, Chandler und das Alexandria-Quartett von Durrell, Shakespeare und Tschechow. Alles in zwei Koffern.“

(aus Gianfranco Calligarich „Der letzte Sommer in der Stadt“, S.201)

Bei Lénárd haben sich mir zwei literarische Werke besonders eingebrannt:
Zum einen Carlo Collodi’s Klassiker Pinocchio, dessen Geburtsstunde bereits im Jahr 1881 schlug:

„Ach, natürlich, Pinocchio! Habe ich gelesen! Ist das ein italienisches Buch?“
„Ja, natürlich. Das italienischste Buch überhaupt.“

(aus Sándor Lénárd „Am Ende der Via Condotti“, S.181)

Und ein mir bisher unbekanntes Werk von Edmondo de Amicis namens „Cuore“ – ein fiktives Tagebuch eines Schülers, das 1886 erschien und in Italien ein großer Erfolg wurde. Es wird in Lénárd’s Buch als „Tor zu Italien“ bezeichnet.

„Lies „Cuore“! Du wirst die italienische Familie kennenlernen. Niemand sonst schreibt seinen Geschwistern, seinem Vater solche Liebesbriefe wie der Italiener, und natürlich auch seiner Mutter!“

(aus Sándor Lénárd „Am Ende der Via Condotti“, S.183)