Lebenskunst und Künstlerinnenleben

„Eine europäische Frau“ – allein der Titel machte mich neugierig auf diese Autobiografie der Künstlerin Gunilla Palmstierna-Weiss, die mir vorher noch gar nicht so recht ein Begriff war. Doch da war dieser Titel und da war eine Frau mit einem offenen, freundlichen Lächeln auf dem Umschlag, die sofort sympathisch wirkt und als ich dann im Klappentext las, dass sie über ihre deutschen und schwedischen Wurzeln ebenso erzählt, wie über die schwedische Bohème der 50er und 60er Jahre, ihre Zusammenarbeit als Kostüm- und Bühnenbildnerin mit Ingmar Bergman und ihre Ehe mit dem Schriftsteller Peter Weiss, dachte ich mir: Was für ein Leben! Darüber möchte ich mehr erfahren. Und so viel vorneweg: es hat sich in jeder Hinsicht gelohnt.

Auf 570 Seiten durfte ich – ohne je Langeweile zu verspüren – in die Lebensgeschichte einer außergewöhnlichen Frau und Künstlerin eintauchen: geboren 1928 in der Schweiz als Tochter schwedischer Eltern mit teils jüdischen Wurzeln, Enkelin des ehemaligen schwedischen Außenministers Erik Palmstierna, wächst sie in nicht ganz einfachen Verhältnissen in Österreich, Frankreich und nach der Scheidung der Eltern während des zweiten Weltkriegs in Holland auf. Sie erlebt in Rotterdam die Bombardierung und die verheerenden Folgen des Kriegs hautnah.

„Hans brachte mir Lesen und Schreiben bei, damit ich dem Unterricht folgen konnte. Somit wurde ich eigentlich schon mit fünf eingeschult. Lesen zu können, war für mich als Kind eines der größten Erlebnisse. An dem Tag, an dem ich das Rätsel der Buchstaben gelöst hatte, eröffnete sich mir eine neue Welt, was dazu führte, dass ich mich von der Erwachsenenwelt abschirmen konnte.“

(S.41)

Schon früh entdeckt sie ihre Liebe zur Literatur, zur bildenden Kunst, zur Malerei und zum Theater. Nach einigen europäischen Zwischenstationen und nachdem sie verschlungene Wege wieder zurück nach Schweden geführt haben, studiert sie in Stockholm an der Konstfack bzw. Kunsthochschule Bildhauerei und Keramik.

„Eine Frau durfte sich gern auf künstlerischem Gebiet auskennen, aber dass sie selbst künstlerisch tätig ist, dadurch mit ihnen konkurriert und ihren Lebensunterhalt selbst bestreitet, passt nicht in ihr Weltbild.“

(S.162)

1948 heiratet sie den schwedischen Grafiker Mark Sylwan, mit dem sie einen Sohn bekommt. Doch die Ehe scheitert.
Nach ihrem Studienabschluss übernimmt sie gemeinsam mit zwei Kolleginnen die Keramikwerkstatt im berühmten Stockholmer Freiluftmuseum Skansen. Lebhaft beschreibt sie nicht nur die Künstlerszene in der Stockholmer Altstadt Gamla Stan, sondern auch die anstrengende Zeit als selbstständige, freischaffende Künstlerin und junge Mutter in ihrem Kampf um Lebensunterhalt und Anerkennung.

„Kein Künstler, ob nun Maler, Schriftsteller, Musiker, Tänzer oder Kunsthandwerker, schafft nur für sich allein oder für die Schublade. Man strebt nach einem Dialog und dafür braucht es eine Begegnung.“

(S.226)

Es sind auch politisch aufgeheizte Zeiten, sie engagiert sich für Frauenrechte, das Recht auf Abtreibung, Gleichberechtigung und später auch gegen den Vietnamkrieg. Ihre Beziehung zu Peter Weiss, den sie bereits 1949 kennenlernte, beginnt 1952 nach dem Ende ihrer ersten Ehe – die Heirat folgt erst 1964.
Die beiden verbinden gemeinsame Freunde, gemeinsame Interessen und schon bald arbeiten sie auch künstlerisch zusammen. Gunilla beginnt als Kostüm- und Bühnenbildnerin zu arbeiten und entwirft zahlreiche Ausstattungen für die Stücke ihres Mannes.

„Wesentlich für uns waren unsere Diskussionen, das gegenseitige Interesse für die Arbeit und unsere gemeinsamen Freunde. Ich habe fast jeden Tag gelesen, was Peter geschrieben hat und er kam in mein Atelier und äußerte sich zu meiner Arbeit. Wir führten seit Jahren laufende Gespräche über Arbeit, Politik, entweder allein oder mit Freunden, die um uns herum waren, oft mit viel Humor.“

(S.446/447)

So arbeitet sie mit ihrem Ehemann gemeinsam an den Aufführungen seiner Werke „Marat/Sade“, ebenso wie an „Hölderlin“ oder „Der neue Prozeß“.
1966 erhielt sie den Tony-Award für ihre Kostümentwürfe einer „Marat/Sade“-Inszenierung von Peter Brook.

Später wird sie nicht nur am Stockholmer Dramaten, sondern auch in USA und ganz Europa an großen Häusern Kostüme und Bühnenbilder entwerfen und unter anderem auch mit dem Regisseur Ingmar Bergman zusammenarbeiten, z.B. auch am Münchner Residenztheater für Stücke wie Strindbergs „Fräulein Julie“ oder Ibsens „Nora oder Ein Puppenheim“.

Stets packte sie durch ihre kunsthandwerkliche Ausbildung auch selbst mit an und gibt in ihrem Buch auch interessante Einblicke in theatertheoretische Überlegungen und Gedanken zu Bühnenbau und Farb- sowie Kostümgestaltung.

Gunilla Palmstierna-Weiss fächert eine schwedische Kulturgeschichte der vergangenen Jahrzehnte auf, die sich dank ihrer lebendigen Art zu erzählen, der interessanten Anekdoten und der Schilderung ihrer zahlreichen und wichtigen Weggefährtinnen und -gefährten sehr kurzweilig und flüssig liest. Selbst wenn man nicht alle schwedischen Kulturschaffenden der 50er, 60er bis hinein in die 80er Jahre und die heutige Zeit kennen wird, vermittelt die Autobiografie doch ein sehr eindrucksvolles Bild einer bewegten Zeit und einer langen, erfüllten Künstlerinnenkarriere. Und es ist das Netzwerk, es sind die Beziehungen, der Austausch mit anderen Menschen und die Inspiration aus Begegnungen, welche Palmstierna-Weiss geprägt haben und wohl auch der Grund, dass sie diesen Persönlichkeiten einen großen Raum in ihren Memoiren einräumt.

Die Autorin reflektiert durchaus selbstkritisch, räumt Fehler und Versäumnisse ein und erzählt nicht nur ihre eigene Lebensgeschichte, sondern auch in Grundzügen die ihres Ehemanns. Gleichzeitig spiegelt sie die politischen Strömungen und die zeitgeschichtlichen Hintergründe von der Zeit des Nationalsozialismus’ und des Zweiten Weltkriegs bis in die heutige Zeit auf ihre Art wider.

„Kultur wurde zum Synonym für Widerstand.“

(S.97)

Auch die Licht- und Schattenseiten ihrer Ehe mit Peter Weiss, der 1982 an einem Herzinfarkt starb, beschreibt sie in entwaffnender Offenheit.

Es ist eines dieser Bücher, das so reich ist an Inspirationen und Anregungen zum Weiterlesen und Weiterrecherchieren, dass man vermutlich mehrere Leben bräuchte, um all diesen Spuren zu folgen.
Ich durfte eine interessante, politische, kritische, kreative und starke europäische Frau kennenlernen, die auf ein bewegtes und künstlerisch erfülltes Leben zurückblicken kann.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verbrecher Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Gunilla Palmstierna-Weiss, Eine europäische Frau
Aus dem Schwedischen von Jana Hallberg
Verbrecher Verlag
ISBN: 978-3-95732-517-4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Gunilla Palmstierna-Weiss’ „Eine europäische Frau“:

Für den Gaumen:
Palmstierna-Weiss schildert ihr Leben mit Höhe- und Tiefpunkten, Freud und Leid. Doch sie hat Freundinnen, die ihr zur Seite stehen und einmal auch großen Kummer mit ihr gemeinsam in einem besonderen Getränk ertränken:

„Sie hatte zwei große Gläser Black Velvet bestellt, eins für mich und eins für sich. Dieser Drink besteht zur Hälfte aus Champagner und zur Hälfte aus englischem dunklen Porter.“

(S.445)

Zum Weiterlesen (I):
Peter Weiss’ „Die Ermittlung“ war vor vielen Jahren bei mir Schullektüre, die mich – wenn ich mich zurückerinnere – sehr forderte. Vermutlich wäre es interessant, das Werk jetzt – mit mehr Lebenserfahrung und mit den neuen Hintergrundinformationen aus der Lektüre der Autobiografie seiner Frau – nochmal zur Hand zu nehmen.

„Wir besuchten auch Dachau und Buchenwald. Das war Teil der Recherche für ‚Die Ermittlung‘ und wir wollten versuchen, uns eine Vorstellung davon zu machen, wie man dieses Stück visuell auf einer Theaterbühne umsetzen könnte.“

(S.376)

Peter Weiss, Die Ermittlung
Edition Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-10616-7

Zum Weiterlesen (II):
Die Tochter von Gunilla Palmstierna-Weiss und Peter Weiss ist nach der Titelfigur aus André Bretons Roman „Nadja“ benannt. Das surrealistische Werk zählte zu Peter Weiss’ Lieblingsbüchern und Gunilla Palmstierna-Weiss hatte einst den Umschlag für das Buch entworfen.

André Breton, Nadja
Aus dem Französischen von Bernd Schwibs
Bibliothek Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-22351-2

Zum Weiterlesen (III):
Gunilla Palmstierna-Weiss reflektiert auch über die Beziehung zwischen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir:

„Beide waren Vorbilder für meine Generation gewesen. Simone de Beauvoir hatte einen langen Weg zu gehen. Ihre ‚Les mandarins‘ sind einmal wichtige Wegweiser für mich gewesen. Als ich über ihre Beziehung las, fragte ich mich, wie viele außerhalb ihrer Beziehung dort mit hineingezogen worden sind und dafür bezahlt haben.“

(S.447)

Simone de Beauvoir, Die Mandarins von Paris
Aus dem Französischen von Ruth Ücker-Lutz und Fritz Montfort
rororo Taschenbücher
ISBN: 9783499107610

9 Kommentare zu „Lebenskunst und Künstlerinnenleben

  1. Vielen Dank für die ausführliche und engagierte Rezension, sie macht Lust auf mehr. Ich möchte das Buch auf jeden Fall lesen. Ein wenig war ich mit Gunilla Palmstierna-Weiss‘ Vita schon durch die Lektüre der umfangreichen Notizbücher ihres Mannes Peter Weiss vertraut.

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    1. Ich habe zu danken, für diese schöne Rückmeldung. Ich freue mich sehr, wenn ich hier etwas Neugier auf diese Autobiografie wecken konnte. Ich wünsche viel Freude bei der Lektüre – mich hat diese Lebensgeschichte und Künstlerinnenbiografie sehr beeindruckt und ich fand gerade die vielen Querbezüge zu Kunst, Kultur, Theater, Film und Literatur wirklich sehr interessant und inspirierend.

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    1. Schön, das freut mich. Ich kannte sie vorher auch nicht wirklich, aber die Lektüre war ganz unabhängig davon wirklich interessant – gerade wenn man sich für Kultur, Kunst und Literatur interessiert und wie ich auch noch ein Faible für Skandinavien hat. Ich persönlich fand vor allem die Kapitel, in welchen sie die Künstlerszene in Gamla Stan, ihre Zeit in der Keramikwerkstatt in Skansen oder auch ihre Erlebnisse und Arbeit am Theater beschreibt, ganz besonders spannend. Liebe Grüße in den Norden!

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      1. Ja, gerade die Zeit in Stockholm interessiert mich sehr. Habe mir das Buch sofort in der Bibliothek reserviert. In Schweden ist es schon 2013 herausgekommen und trägt den schönen Titel „Spielplatz der Erinnerungen“. Liebe Grüße in den Süden!

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  2. Ich werde das Buch auch lesen. Solche Biographien zeigen, wie lebendig, bunt und mannigfaltig die Welt der Kulturschaffenden ist, wie stets nur Ausschnitte erscheinen aus diesen riesigen, fröhlich vernetzten Lebenswegen. Gunilla scheint eine Integrationsfigur gewesen zu sein, die wirkte und weitergab und multiplizierte, was ihr entsprach. Ich bin sehr gespannt. Deine Lektüre-Weiterempfehlungen bestätigen mich in meinem Eindruck. Ich mochte alle angeführten Bücher sehr gern. In puncto weiß empfehle ich sehr „Rekonvaleszenz“ – eine sehr schonungslose Selbstbetrachtung. Oder „Abschied von den Eltern“. Viele Grüße!!

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    1. Ja, genau dieses künstlerische Netzwerk, die gegenseitige Inspiration, das Mischen der Kunststile und das übergreifende Verbinden von Literatur, Theater, bildender Kunst usw. fand ich wirklich sehr interessant beschrieben. Ich bin wirklich kein Kenner der schwedischen Kunstszene der 50er bis 90er Jahre , aber auch ohne alle Akteure zu kennen, fand ich ihre lebhaften Schilderungen und auch das Beschreiben ihrer Arbeitsweise und der Gedanken hinter einer Theaterinszenierung bzw. einem Bühnenbild oder der Kostümgestaltung hochinteressant.
      Von Peter Weiss hatte ich jetzt vor allem auch „Abschied von den Eltern“ ins Auge gefasst Schön, dass Du mir diese Einschätzung jetzt bestätigst und mir damit noch einen zusätzlichen Anreiz für diese Lektüre gibst. Herzliche Grüße!

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