Für immer Au-pair

Mit Emeli Bergman durfte ich wieder einmal eine neue, junge Stimme der skandinavischen Literatur entdecken: Ihr Debütroman „Die andere Seite des Tages“, der in einer wunderbaren Übersetzung von Ursel Allenstein auf deutsch erschienen ist, erzählt von Anna – einer jungen Frau, die es aus Dänemark weg ins große Paris treibt, wo sie über viele Jahre hinweg in unterschiedlichen Familien als Au-pair lebt und arbeitet. In vielerlei Hinsicht führt sie ein einsames Leben im Schatten, eine Existenz am Rande der Gesellschaft bzw. der Familien, die sie anstellen.

Anna sucht in Paris auch einen Neuanfang und möchte vergessen, denn sie hat ihren Bruder verloren, der an einer Überdosis starb.

„Sosehr es einen in die Verzweiflung treibt, wenn man sich nicht mehr erinnert, so schön ist es auch, wenn sich eine Erinnerung nähert und zurückkehrt.“

(S.142)

So bewirbt sie sich als Au-pair und wechselt über die Jahre – die Zeit vergeht schnell und eine Anstellung reiht sich an die nächste – mehrmals die Familien. Sie hat ein Händchen für den Umgang mit Kindern und meist kommt sie aufgrund ihrer Unkompliziertheit und Genügsamkeit gut zurecht.

„Ich liebte die Mädchen, so wie ich alle Kinder liebte, auf die ich für längere Zeit aufpasste, ich würde mich immer an sie erinnern, aber wenn ich die Familie wechselte, vermisste ich sie nicht.“

(S.128)

Der Roman führt jedoch eindringlich vor Augen, wie einsam Anna ist – obwohl sie doch immer im Haushalt der Gastgeber lebt. Sie gehört nicht dazu, ist nicht Teil der Familien, sondern Angestellte, schlecht bezahltes Personal – die moderne Version der Dienstmagd. Meist haust sie in ungastlichen, beengten Zimmern mit wenig Licht. Ihr Alltag ist fremdbestimmt, durchgetaktet und vorgegeben durch den Zeitplan der Familie – da bleibt wenig Freiraum für Freizeit, andere Kontakte oder eigene Hobbys.

„Das ist der ehemalige Dienstbotentrakt, hatte Jon mir mit ironischer Stimme erklärt: dass ich dort wohnen würde, wo früher das Gesinde wohnte. Als wäre ich das nicht. Weil ich zu alt bin, um ihr Dienstmädchen zu sein? Weil diese Zeiten zu alt sind? Weil Jon Däne ist und Dienstboten heute anders genannt werden müssen. Babysitter, Au-pair oder Putzhilfe.“

(S.29)

So manches Familienmitglied gibt sich nicht einmal die Mühe, sich ihren Namen zu merken und spricht sie gar mit dem der Vorgängerin an – als Au-pair scheint sie sich gleichsam einzureihen in eine Folge beliebig austauschbarer Mädchen. Die wenigsten Arbeitgeber interessieren sich für sie und ihre Bedürfnisse, wissen nichts von ihr – wohingegen sie bei vielen als Seelsorger und Mülleimer funktionieren soll und immer ein offenes Ohr haben muss, wenn sich zum Beispiel eine Mutter bei ihr ausweinen möchte.

Während sie selbst intimste Details aus dem Leben der Familie erfährt und im wahrsten Sinne des Wortes deren Unterwäsche waschen muss, bleibt sie eine Fremde, eine Randfigur, ein lautloser Schatten, der stets im Hintergrund bleibt, obwohl sie doch eigentlich Liebe und Nähe suchen würde.

„Ich fand es nicht lustig, dass er keine Lust hatte, für mich aufzustehen, und wenn man sein Kind wahlweise als unmöglich oder genial bezeichnete, erschien mir das nur wie ein Vorwand, um es nicht kennenlernen zu müssen.“

(S.11)

Bergmans feine Sprache – und auch die hervorragende Übersetzung durch Ursel Allenstein – liest sich wunderbar und ist stilistisch wirklich schön: Ein sehr moderner, klarer und doch poetischer Klang ohne Schnörkel, der vieles in sorgsam gewählten Formulierungen auf den Punkt bringt.

Der Ecco Verlag hat ein Umschlagbild gewählt, das mich während und auch nach der Lektüre noch beschäftigt hat: ein leeres Goldfischglas auf der Kante eines alten, abgewetzten Tisches. Ein schlichtes und doch ausdrucksstarkes Bild und je länger ich darüber grübelte, was es mir sagen möchte oder wie ich es in Verbindung mit Annas Geschichte bringen kann, um so mehr fiel mir dazu ein: Es strahlt etwas Trostloses, Einsames, Wackliges aus – eine Existenz auf der Kante, eine kleine Bewegung und das Ganze könnte ins Kippen geraten. Aber da ist auch die Leere und die Enge, die ein Fisch im Glas vielleicht empfinden würde – ein fremdbestimmtes Leben in einer Umgebung, die man vermutlich nicht selbst gewählt hat. Vielleicht sollte das Au-pair-Dasein von Anna mit dem Leben eines Goldfischs im Glas verglichen werden – das war zumindest meine Assoziation zum Bild – wohlgemerkt nach der Lektüre.

Die Lektüre berührt und stimmt traurig, denn Bergman gewährt der Leserschaft einen sehr tiefen Blick in die Seele ihrer Hauptfigur, die schutzlos und verletzlich ist und immer wieder äußerst unangenehme, entwürdigende und teils gefährliche Situationen aushalten und meistern muss, die man ihr gerne ersparen würde.

Anna gibt und gibt und gibt – ihre Selbstlosigkeit wird unter anderem auch in einer Szene besonders deutlich, in der sie Blut spendet und auch dabei großes Glück empfindet, etwas geben zu können – ohne etwas zurückzubekommen.

„Wie viele Stunden hatte ich schon mit den Mädchen verbracht? Mehr als ihre Mutter, viel mehr als ihr Vater.“

(S.117)

Ein Buch wie ein Au-pair-Aufenthalt: kurz und heftig, der für manche den Blick aufs Leben verändern und eine neue Perspektive geben kann.

Ein Roman, der beschreibt wie einsam und mutterseelenallein man selbst unter Menschen oder in einer Familie sein kann. Distanz, Ignoranz, fehlende Empathie, Ausgrenzung und Klassenunterschiede – Emeli Bergman hat in ihrem Debüt auf nicht einmal ganz 200 Seiten ihren Finger in viele Wunden der heutigen Zeit gelegt und ein ausdrucksstarkes, intensives Portrait einer jungen Frau gezeichnet, die sich ihren eigenen Weg und ihren persönlichen Platz im Leben erst noch suchen und erkämpfen muss.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Ecco Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Emeli Bergman, Die andere Seite des Tages
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Ecco Verlag
ISBN: 978-3-7530-0068-8

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Emeli Bergmans „Die andere Seite des Tages“:

Für den Gaumen:
Anna ist oft nicht nur für die Kinderbetreuung, sondern auch fürs Kochen zuständig. Häufig kocht sie Gerichte, von denen sie selbst gar nichts essen darf oder abbekommt. Um so mehr genießt sie es, während eines Besuchs bei ihrer Mutter ausnahmsweise wieder selbst bekocht zu werden – und zwar mit einem richtigen Wohlfühlessen:

„Er reicht mir die Salatschüssel, die Lasagne schmeckt himmlisch, und es ist himmlisch, etwas zu essen, das für mich zubereitet wurde.“

(S.64)

Zum Weiterlesen (I):
Anna begegnet in den unterschiedlichen Haushalten auch verschiedenen Büchern – so fällt ihr in einer Familie zum Beispiel Emily Brontës Klassiker „Wuthering Heights“ oder auf deutsch „Sturmhöhe“ in die Hände. Diese Lektüre ist bei mir schon ziemlich lange her:

Emily Brontë, Sturmhöhe
Aus dem Englischen von Grete Rambach
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-35718-6

Zum Weiterlesen (II):
Schon seit einiger Zeit steht die schöne Manesse-Ausgabe des Klassikers „Walden“ von Henry D. Thoreau in meinem Regal und wartet geduldig darauf, dass ich es endlich, endlich lese. Auch „Walden“ ist so ein Buch, das in einem der Haushalte, in dem Anna arbeitet, ihren Weg kreuzt:

Henry D. Thoreau, Walden oder Vom Leben im Wald
Aus dem Amerikanischen Fritz Güttinger
Manesse
ISBN: 978-3-7175-2508-0

Dänische Perspektiven

Zwei Romane, die zusammengehören und doch aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden, hat die dänische Autorin Helle Helle mit ihren Werken „SIE“ (Originaltitel: de, 2018) und „BOB“ (Originaltitel: BOB, 2021) veröffentlicht, die nun auf deutsch in einer Übersetzung von Flora Fink als Doppelroman „SIE und BOB“ bei Dörlemann erschienen sind.

Im ersten Roman lernt man Mutter und Tochter kennen – im Dänemark der 80er Jahre besucht die Tochter das Gymnasium und kümmert sich zugleich um die kranke Mutter.

„Also fährt sie heute nicht zum Krankenhaus, ihre Mutter meint auch, sie solle nicht jeden Tag den langen Weg auf sich nehmen, sie solle lieber an sich denken und sich zum Beispiel ein großes Plunderteilchen kaufen.“

(S.103/104)

Eine Jugend zwischen Schule, Clique, Musik, Freizeitaktivitäten, erster Liebe und dem Meistern des Alltags ohne die Mutter, die eine Lücke reißt, welche von der Tochter gefüllt werden muss.

Und auch Bob – der Freund und spätere Partner der Tochter – taucht bereits im ersten Band auf – als Teil der Clique. Später wird er im zweiten Roman „BOB“ selbst im Zentrum der Erzählung stehen. Denn während seine Freundin bereits zu wissen scheint, was sie will und an konkreten Zukunftsplänen arbeitet, weiß er nur, was er nicht will, lässt sich ohne klare Richtung treiben, stromert durch Kopenhagen und beginnt schließlich als Aushilfe in einem Seemannshotel am Nyhavn zu jobben.
Der Alltag, Geldsorgen, die Enge der kleinen gemeinsamen Wohnung – all das belastet die noch junge Beziehung zunehmend.

Die Romane und die Sprache erinnern an dänisches Design: sehr reduziert, puristisch, minimalistisch und doch sehr natürlich.
Helle Helle arbeitet sehr ausgeprägt mit Sinneswahrnehmungen aller Art: Beobachtungen, Geräusche, Gerüche – die Lektüre wird so gleichsam zum sinnlichen Erlebnis.

„Die Felder rauschten, die altbekannten Lerchen sangen. Es war jedes Wochenende wieder dasselbe. Er wollte dabei sein, und er wollte nicht dabei sein. Fühlte sich höher als high und ganz weit unten. Doch wer wusste, womit andere sich herumschlugen. Einer in der Clique hatte seine Schwester verloren.“

(S.216)

Die Lektüre erfordert Konzentration und man muss schauen, dass der Text nicht einfach so an einem vorbeirauscht. Denn vieles scheint auf den ersten Blick unspektakulär, geradezu alltäglich und doch ist zwischen den Zeilen so manche wichtige Aussage und so manche Perle versteckt.

„Seine Mutter hat Sauerteigbrot gebacken, es liegt unter einem Tuch in der Küche. Sie decken den Tisch mit Tassen und Butter, kochen auch Tee, heben den Wein für später auf. Sie lachen viel und reden über alles Mögliche, auch die Zukunft, bis auf sie schließen alle im Sommer die Schule ab, aber niemand will sofort studieren. Zuerst wollen sie von zu Hause ausziehen, vielleicht gründen sie eine Wohngemeinschaft. Sie sprechen über die Möglichkeit, als Selbstversorger zu leben, die damit verbundene Freiheit, Bob schüttelt den Kopf.“

(S.136)

Es lohnt sich daher, genau hinzuschauen, genau zu lesen, denn die Kunst besteht darin, in all dem Alltäglichen das Schöne und das Besondere zu sehen und es herauszufiltern. Auch das Herz tragen die Figuren nicht auf der Zunge, Gefühle werden nicht laut herausgeschrien, sondern offenbaren sich meist nur in kleinen Gesten und Bemerkungen.

Doch wenn man sich auf den stillen, leisen und melodiösen Tonfall der Autorin einlässt, wird man durch wunderbare Momente belohnt, die immer wieder aufblitzen und tief in die Seelen der Charaktere blicken lassen. Man muss nur wach sein und die Augen offen halten.

„Eine unangetastete Tasse Kakao auf dem Schreibtisch, lange helle Nächte hindurch. Sich zurückwünschen in den März oder vorigen Sommer. Erbsenschoten, Kopfhaut voll von Sand. Es vergingen vier Monate, bis er wieder er selbst war, es war wie seine Mutter sagte: – Es dauert doppelt so lange, über Krankheit und Liebe wegzukommen, wie die Krankheit selbst dauert.“

(S.206)

Helle Helle hat zwei Romane über kleine und große Gefühle geschrieben – über die Liebe zwischen Mutter und Tochter ebenso wie über die erste große Liebe in einer noch jungen Beziehung. Familie, Krankheit, Freundschaft, Liebe, Alltagssorgen – es geht um das Zwischenmenschliche, kurz gesagt um das Leben und Zusammenleben.

Wer temporeiche und vor Handlung strotzende Romane liebt, in denen es Schlag auf Schlag geht und sich die Ereignisse überschlagen, der wird vermutlich mit „SIE und BOB“ nicht warm werden. Wer aber Freude an ausdrucksstarken Charakterzeichnungen und sprachlichen Feinheiten, nuancierten Klangfarben, sorgfältig gewählten Formulierungen und einer puristisch-poetischen Sprache hat, der kann in „SIE und BOB“ sehr viel Schönes entdecken.

Das Glück in den kleinen Dingen finden, wach und mit Sinn für Schönes durchs Leben gehen, es sich gemütlich machen: Hygge, das ist fester Bestandteil des dänischen Lebensgefühls und auch dieser Doppelroman kann zu diesem Gefühl beitragen: also ein paar Kerzen angezündet, die Kuscheldecke und das Buch geschnappt und dann gemütlich ins dänische Kopenhagen der 80er Jahre abtauchen – ein leises, feines und gefühlvolles Buch für einen hyggeligen Leseherbst.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Dörlemann Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Helle Helle, SIE und BOB
Aus dem Dänischen von Flora Fink
Dörlemann Verlag
ISBN: 978-3-03820-110-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Helle Helle’s „SIE und BOB“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch geht es bei den Jugendlichen meist ziemlich bodenständig zu:
Zum Abendtee bei der Freundin gibt es Brie mit Honig und Knäckebrot.

Zum Weiterhören (I):
Das bevorstehende Konzert von Pia Raug – einer dänischen Singer-Songwriterin – ist großes Gesprächsthema im Freundeskreis. Ich kannte die Sängerin bisher nicht, auf YouTube kann man allerdings in einige Songs reinhören, z.B. in „Hej Lille Drøm“, das zugleich auch der Name ihres ersten Albums aus dem Jahr 1978 ist.

Zum Weiterhören (II):
Musik ist ein großer Emotionsträger auch in diesem Roman. Ebenfalls aus dem Jahr 1978 ist ein weiterer Song, der im Buch vorkommt: Art Garfunkel’s berühmter Nummer-1-Hit „Bright Eyes“:

„Im Bus nach Hause denkt sie: I see, ganz genau, und genau in dem Augenblick schaltet der Fahrer das Radio an, sie spielen Bright Eyes. Das ist fast zu viel. Die Felder leuchten.“

(S.158/159)

Zum Weiterlesen:
Wer mehr über eine andere dänische Kindheit und Jugend lesen möchte – und zeitlich noch etwas weiter zurückreisen möchte, der ist mit Tove Ditlevsen’s Kopenhagen-Trilogie bzw. den ersten beiden Bänden „Kindheit“ und „Jugend“ gut bedient, die autobiografischen Romane, die ich auch schon auf der Kulturbowle vorgestellt habe, sind ebenso sehr feine und lesenswerte Literatur aus Dänemark:

Tove Ditlevsen, Kindheit
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03868-7

Tove Ditlevsen, Jugend
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03869-4

Dänisches Frauenleben

Heute führt mich meine literarische Europareise oder Europabowle nach Dänemark – in die wunderschöne Hauptstadt Kopenhagen. Doch der Star in Tove Ditlevsen’s Kopenhagen-Trilogie ist nicht die Stadt, sondern vielmehr die Autorin selbst. In den drei Bänden „Kindheit“, „Jugend“ und „Abhängigkeit“, die zwischen 1967 und 1971 entstanden sind und jetzt in einer großartigen Übersetzung von Ursel Allenstein neu erschienen sind, schreibt Ditlevsen autobiographisch über ihr Leben als Mädchen, Frau, Mutter, Autorin und Suchtkranke.

Tove wächst im Kopenhagen der 1920er Jahre in einem ärmlichen Arbeiterviertel auf und schon bald ist es ihr sehnlichster Wunsch, Dichterin zu werden. Doch ihr Vater macht ihr unmissverständlich klar, sich diese Flausen aus dem Kopf zu schlagen: „Ein Mädchen kann nicht Dichter werden.“ (S.24)

„Ich schwor mir, nie wieder jemand anderem meine Träume zu verraten und hielt mich meine ganze Kindheit über daran.“


(aus Tove Ditlevsen „Kindheit“, S.25)

Ihre Kindheit ist geprägt von einem Umfeld der Armut, der Arbeitslosigkeit des Vaters, Alkoholismus in der Familie und Krankheit. Selbst erkrankt sie an Diphtherie und muss monatelang im Krankenhaus liegen. Früh kommt sie auch mit dem Tod in Berührung, als sie ihre geliebte Großmutter verliert.

„Oh, Großmama, nie mehr wirst du mich singen hören. Nie mehr wirst du mir echte Butter aufs Brot schmieren, und alles, was du mir nicht über dein Leben erzählt hast, wird jetzt nie mehr verraten werden.“


(aus Tove Ditlevsen „Kindheit“, S.84)

Freundschaften kommen und gehen, die Eltern streiten viel und so sucht das Mädchen häufig Trost in der Literatur, liest gerne und beginnt selbst zu schreiben. Worte können Trost spenden, ihre Gedichte sind ihre Kraftquelle und geben ihr Selbstbewusstsein – der Traum Schriftstellerin zu werden ist ungebrochen.

„Von Leben und Erinnerungen überschwemmt, blickte ich zur Mauer des Vorderhauses auf, dieser Klagemauer meiner Kindheit, hinter der Menschen speisten und schliefen und sich stritten und schlugen.“


(aus Tove Ditlevsen „Jugend“, S.16)

Im zweiten Band „Jugend“ beschreibt Tove Ditlevsen ihren Aufbruch in ein selbstständiges Leben. Sie beendet die Schule, beginnt zu arbeiten, geht aus, lernt Männer kennen. Bald auch einen deutlich älteren Mann, der sich für ihre Gedichte interessiert und sie fördert. Aus den Zeilen der Autorin sprüht ihre Kraft, ihre Eigensinnigkeit und das Ungestüme, Unangepasste. Immer wieder bringt sie sich selbst in Schwierigkeiten und nicht immer nimmt sie den direkten, einfachen Weg.
Der rote Faden in ihrem Leben ist und bleibt jedoch die ungezügelte Liebe zur Literatur, der Drang zu schreiben und eines Tages auch zu veröffentlichen.

Der dritte Band „Abhängigkeit“ offenbart die große Verletzlichkeit Tove Ditlevsens, ihre Schwächen und beschreibt eine dunkle, schwere Phase ihres Lebens. Denn während in den 40er Jahren der zweite Weltkrieg seinen Schatten auf die Welt und somit auch auf Dänemark wirft, durchlebt Ditlevsen Mutterschaft, Ehekrisen, Verluste und driftet immer mehr in eine schwere Suchterkrankung ab. Mit geradezu schmerzlicher Ehrlichkeit und Direktheit beschreibt sie viele Jahre später diese schwierige Zeit in ihrem Leben. Dramatisch und traurig – eine schmerzhafte Lektüre, die aufrüttelt.

Drei schmale, feine Bände, die vor allem durch ihre unmittelbare und eindringliche Sprache faszinieren und berühren. Tove Ditlevsen schreibt mit einer immensen Intensität, so dass man beim Lesen geradezu den Eindruck bekommt, sie sitze direkt wie eine gute Freundin neben einem und erzählt ihre Geschichte bei einer Tasse Kaffee.

Vor allem der letzte Band ist aufwühlend und schmerzlich, denn es tut weh durch die schonungslos ehrliche Schilderung der Autorin so hautnah miterleben zu müssen, wie sie ihr Abrutschen in die Sucht und Medikamentenabhängigkeit beschreibt. Man fühlt sich hilflos und traurig auch in dem Wissen, dass sich Ditlevsen später im Alter von nur 58 Jahren das Leben nahm.

Hinterlassen hat sie ihren Leserinnen und Lesern ein autobiographisches Werk in einer außergewöhnlichen Sprache, die zu Herzen geht und berührt – wunderbar übersetzt von Ursel Allenstein. Große Literatur aus Dänemark, die auch nach 50 Jahren nichts an Aktualität eingebüßt hat und absolut zeitlos ist.

Buchinformationen:

Tove Ditlevsen, Kindheit
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03868-7

© Aufbau Verlag

Tove Ditlevsen, Jugend
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03869-4

© Aufbau Verlag

Tove Ditlevsen, Abhängigkeit
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03870-0

© Aufbau Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Tove Ditlevsen’s Kopenhagen-Trilogie:

Für den Gaumen:
Typisch für Dänemark ist bekanntlich Smørrebrød, d.h. ein reich belegtes Butterbrot. In einem der Bücher gibt es Schnittchen mit „Ramona“, wohl ein Möhrenaufstrich. Eine kurze Internetrecherche dazu blieb aber ergebnislos.

Zum Weiterschauen oder für einen Museumsbesuch:
In der Münchner Glyptothek findet (so bald wie möglich) und bis zum 25.07.2021 die Ausstellung „Bertel Thorvaldsen und Ludwig I.“ statt, welche die deutsch-dänische Freundschaft der beiden und das Werk des dänischen Bildhauers im Besonderen in den Mittelpunkt stellt. Hoffen wir, dass die Ausstellung noch ausreichend von Besuchern gewürdigt werden kann, sobald die Museen wieder öffnen dürfen.

Zum Weiterlesen:
Dänemark hat bisher drei Literaturnobelpreisträger vorzuweisen: Karl Gjellerup, Henrik Pontoppidan und Johannes Vilhelm Jensen – mit ihrem Werk bin ich bisher noch nicht in Berührung gekommen.
Vielmehr denke ich bei Dänemark neben Hans Christian Andersen, Søren Kierkegaard, Karen Blixen, Bjarne Reuter und Janne Teller unter anderem an Peter Høeg („Fräulein Smillas Gespür für Schnee“) oder in letzter Zeit auch an die gelungenen Kopenhagen-Krimis von Katrine Engberg („Krokodilwächter“ ist der erste Band der Reihe).

Daher für alle, die es spannend mögen:

Peter Høeg, Fräulein Smillas Gespür für Schnee
Übersetzt von: Monika Wesemann
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-23701-0

Katrine Engberg, Krokodilwächter
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg
Diogenes
ISBN: 978-3-257-24480-9