Unbefleckte Empfängnis

Ein Roman, in welchem eine britische Journalistin in den Fünfziger Jahren in einem Fall von unbefleckter Empfängnis recherchiert? Das nenne ich mal eine ausgefallene Idee und ich fragte mich: Worauf läuft das hinaus?
Clare Chambers hat mit „Kleine Freuden“ einen Überraschungserfolg in ihrer Heimat Großbritannien erzielt, der für den Women’s Prize for Fiction 2021 nominiert wurde. Aus meiner Sicht zu Recht, denn sie erzählt eine zu Herzen gehende Geschichte über liebenswerte Figuren, die den Leser in ihren Bann ziehen.

„Routinen können sehr hilfreich sein“, sagte Gretchen. „Vor allem, wenn man einen Haushalt führen muss. Aber sie müssen“ – sie breitete die Hände aus – „elastisch sein.“

(S.104)

Jean Swinney ist Lokalreporterin im Großbritannien der Fünfziger, d.h. in aller Regel berichtet sie über unspektakuläre Veranstaltungen, schreibt eine Kolumne über Haushaltstips und auch sonst ist ihr Leben alles andere als aufregend. Im Gegensatz zu ihrer Schwester, die mit Mann und Kindern in Afrika lebt und per Luftpost regelmäßig Bericht erstattet, lebt Jean immer noch zu Hause bei ihrer Mutter, die sie stets vollkommen mit Beschlag belegt und sich voll und ganz auf sie verlässt. So vergehen die Tage ohne große Höhen und Tiefen bis sie plötzlich mit einer unglaublichen Nachricht konfrontiert wird: da behauptet tatsächlich eine Frau als Reaktion auf eine Studie zur Parthenogese (der Entstehung von Nachkommen aus unbefruchteten Eiern), ihre zehnjährige Tochter Margaret wäre das Ergebnis einer unbefleckten Empfängnis. Sie nimmt Kontakt zu der Dame auf und beginnt zu recherchieren. Die Journalistin wittert die Chance auf eine sensationelle Schlagzeile. Sie lernt die Mutter Gretchen und das Mädchen Margaret kennen und schon bald merkt sie, dass sie das Ganze nicht als Spinnerei abtun kann und freundet sich immer mehr mit den beiden an.

„Aber Romantik sollte nicht das Vorrecht junger Menschen sein, nicht wahr?“

(S.216)

Die Begegnung mit den Tilburys bringt das eingefahrene Leben Jeans aus der Spur, bewegt sie dazu, sich Auszeiten vom Alltag zu nehmen und lässt sie verstärkt auch über sich und ihr Leben reflektieren.
Doch je mehr Nähe sie zulässt, desto mehr gefährdet die wachsende Freundschaft und die gemeinsame Zeit mit den neuen Bekannten auch ihre Unbefangenheit als Reporterin. Kann und will sie weiterhin über den Fall berichten und in Kauf nehmen, die Familie der medialen Öffentlichkeit und der Sensationslust der Menschen auszusetzen?

„Sie hatte entdeckt, dass man unmöglich denken, grübeln oder sich quälen konnte, während man laut vorlas. Der Haushalt, das Hören von Musik, Lesen oder irgendeine der anderen üblichen Ablenkungen konnten das Getöse in ihrem Kopf nicht zum Schweigen bringen.“

(S.398)

Für mich gab es große Parallelen zwischen Jean und dem Roman selbst. So vermeintlich unscheinbar beide anfangs daherkommen: Jean mit ihren praktischen und unauffälligen Wollröcken und dem von Routinen und Wiederholungen geprägten kleinbürgerlichen Leben zu Hause bei ihrer Mutter ist zunächst ebenso unspektakulär wie die Geschichte an sich. Bis auf die Sensationsnachricht des Verdachtsfalls auf unbefleckte Empfängnis kommt das zu Beginn alles sehr unaufgeregt daher: britisches Understatement, Häkeldeckchen, Urlaub in einem verschlafenen Seebad, Einkaufslisten, Nachbarschaftsgeplauder, all das in einem eher konservativen, britischen Milieu der Fünfziger – hier hätte sich auch die liebenswert verschrobene Miss Marple aus Agatha Christie’s Romanen wohlgefühlt.

Doch dann liest man weiter und bemerkt Seite für Seite, dass da noch viel mehr dahinter steckt. Dass auch in dieser Hauptfigur Jean Swinney so viel mehr schlummert: Wünsche, Sehnsüchte, Träume und die Suche nach einem erfüllten Leben. Und auch der Roman entfaltet sich plötzlich mehr und mehr und behandelt schließlich wirklich große Themen: Freundschaft, Liebe, Familie – der Spagat zwischen Verantwortung, Pflichtbewusstsein und individuellen, persönlichen Bedürfnissen. Was bedeutet Glück und was braucht es, um ein Leben als erfüllt betrachten zu können?

Vor dieser Rezension machte ich mir dieses Mal bewusst besonders viele Gedanken, wie viel ich von der Handlung preisgeben kann, damit der Zauber, der bei mir einsetzte, auch für potenzielle, zukünftige Leser noch vollumfänglich erhalten bleibt. So viel sei aber verraten: Das Buch entfacht einen Sog, der mich über die gut 420 Seiten getragen hat, bezaubert und auch das eine oder andere Mal überrascht hat.

Ein wunderbarer, einfühlsamer und bereichernder Roman über die Gedankenwelt und inneren Stürme einer Frau im Zwiespalt zwischen Konvention und dem steten Bedachtsein, welche Außenwirkung die eigenen Handlungen in der Gesellschaft und dem sozialen Umfeld haben, und der Selbstentfaltung verbunden mit großen Gefühlen auf der anderen Seite.

Ein Buch über unbefleckte Empfängnis in den Fünfziger Jahren erschienen im Jahre 2020 bzw. 2021 – wie löst sich das auf und kann das funktionieren? Ja, definitiv, diesen Beweis hat Clare Chambers mit „Kleine Freuden“ erbracht. Hier kann ich mich den Lesern in Großbritannien und der Jury des Women’s Prize for Fiction nur anschließen und wünsche mir, dass der Roman auch in der feinen, deutschen Übersetzung von Karen Gerwig begeisterte Leser finden wird.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eisele Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Clare Chambers, Kleine Freuden
Aus dem Englischen von Karen Gerwig
Eisele
ISBN: 978-3-96161-116-4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Clare Chamber’s „Kleine Freuden“:

Für den Gaumen:
Herrlich britisch fand ich das Sandwich mit Cheddar und Grünem Tomaten-Chutney, das mit Blick auf den Strand verspeist wird. Darüber hinaus werden im Roman Äpfel und „Cobnuts“, d.h. Haselnüsse geerntet.

Zum Weiterspielen:
Jean verbringt mit ihrer Mutter einen teilweise verregneten Urlaub in Lymington – dort frönen sie zum Zeitvertreib einem Spiel, das auch ich amüsanterweise mit Urlaubserinnerungen verbinde:

„Sie standen so spät auf, wie es statthaft war, und zogen nach einem warmen Frühstück in den Hotelsalon um, wo sie Rummy spielten (…)“

(S.249)

Zum Weiterlesen:
Der Charakter der alleinstehenden Frau oder „ledigen Tante“ in den Fünfziger oder Sechziger Jahren wurde auf großartige, amüsante und liebenswerte Weise auch von Ursula März in einem meiner Lieblingsbücher des letzten Jahres „Tante Martl“ thematisiert.

Ursula März, Tante Martl
Piper
ISBN: 978-3-492-31682-8

Sagenhafte Zauberkräfte

Neuer Monat, neue Indiebookchallenge, die dazu einlädt, jeden Monat ein Buch aus einem unabhängigen Verlag zu entdecken und im Juni 2021 unter dem Motto „lies ein Buch ohne den Buchstaben A im Titel“ steht.
Da passte für mich Madeline Miller’s Titel „Ich bin Circe“ aus dem Eisele Verlag wunderbar, den ich ohnehin schon lange lesen wollte. Und ich war erstaunt, dass mein Bücherregal durchaus auch noch viele andere Optionen mit „Titel ohne A“ geboten hätte – mehr als ich zunächst angenommen hätte.
Die ersten richtig sommerlichen Lesestunden im Freien konnte ich daher dieses Jahr im Liegestuhl mit „Ich bin Circe“ verbringen, das sich diesbezüglich als hervorragende Wahl entpuppte.

Madeline Miller – 1978 in Boston geboren – verarbeitet in ihrem Roman einen großen Stoff aus der griechischen Sagenwelt zu einem sehr lesenswerten, modernen und heutigen Roman. Als studierte Altphilologin, die in Cambridge Latein und Griechisch unterrichtete, weiß sie, wovon sie schreibt und sie tut dies auf sehr gelungene und kurzweilige Art und Weise.
Sie erzählt die Geschichte der Zauberin Circe, die als unsterbliche Tochter des Sonnengottes Helios mit magischen Kräften ausgestattet ist und doch nicht verhindern kann, in Ungnade zu fallen und alleine auf die Insel Aiaia verbannt zu werden.

„Ich werde mich nicht wie ein Vogel verhalten, der in einem Käfig groß geworden ist, dachte ich. Ein Vogel, der aus lauter Stumpfsinn nicht losfliegt, obwohl die Tür offen steht. Also ging ich in diesen Wald hinein, und mein Leben begann.“

(S.107)

Es wird gut beschrieben, wie sich Circe bereits in der Kindheit im Kreise ihrer Geschwister stets als Außenseiterin fühlte. Ihre Haare, ihre Stimme, die aus dem Rahmen fallen und vor allem ihre Fähigkeiten als Hexe machen sie einsam. Als sie sich dann in einen Sterblichen verliebt, nimmt das Unglück seinen Lauf.
Denn im Reich der Götter und Halbgötter, der Titanen und Olympier menschelt es gewaltig.

„Rache. Wollust. Hochmut. Habgier. Macht. Habe ich noch was vergessen? Ach ja, Eitelkeit und Kränkungen.“ „Klingt nach einem ganz normalen Tag unter Göttern.“

(S.260)

In Miller’s Roman begegnet man so zahlreichen Figuren der griechischen Mythologie und bekommt Antwort auf Fragen wie zum Beispiel: Wie wurde Scylla zu dem gefürchteten Seeungeheuer, das Angst und Schrecken verbreitet? Kann man gegen göttliche Vorsehung wirklich etwas ausrichten? Wer waren Jason und Medea? Was hat es mit dem gefürchteten Minotaurus auf sich?

Man bekommt Einblick in die Odyssee, erfährt die Hintergründe und Entstehungsgeschichte und durchlebt literarisch die Zeit, die Odysseus mit Circe auf ihrer Insel verbrachte. Eine Liebesgeschichte, die nicht währen kann.

„Ich strich mit der Hand über seine geriffelten Narben und spendete Linderung, so gut ich konnte. Ich bot ihm an, die Narben wegzuzaubern. Er schüttelte den Kopf. „Wie wüsste ich dann noch, wer ich bin?“

(S.278)

Circe offenbart im Roman unzählige Facetten und ist so vielseitig wie die Rollen, die auch moderne Frauen ausfüllen: Sie ist Tochter, Liebende, Mutter. Sie erfährt im Roman eine enorme Entwicklung und löst sich von Konventionen und Familienbanden – findet in der Verbannung und Einsamkeit zu sich selbst und entscheidet für sich, was ihr wichtig ist und wofür sie bereit ist zu kämpfen. Interessant fand ich auch das Hadern mit der Unsterblichkeit, die am Ende auch nicht glücklich macht, wenn man die Menschen die man liebt, nach und nach altern sehen und verlieren muss.

Miller hat ein reiches und sprachlich sehr dichtes Buch geschrieben, das unzählige Lesarten und Aspekte bietet, so dass es vermutlich jeder Leser mit einem anderen Schwerpunkt lesen wird und etwas für sich aus der Lektüre ziehen kann.
Ein Roman über Selbstfindung und Mutterliebe, über große Gefühle, die Liebe, Eifersucht, mythische Rituale, das Loslassen und das Reisen mit leichtem Gepäck.

So spannend und zeitlos können mythologische Stoffe sein. Madeline Miller hat Homer’s Odyssee vom Staub befreit und führt so auch Leserinnen und Leser an die Welt der Sagen heran, die bisher vielleicht nicht allzu viel damit anfangen konnten. Ein opulentes, bildreiches Werk mit überbordender Fabulierlust einer Autorin, die es sich lohnt, weiter im Auge zu behalten.
2012 wurde Miller für ihren Debütroman „Das Lied des Achill“ mit dem renommierten Orange Prize for Fiction ausgezeichnet.

Wer für den Sommerurlaub noch einen richtigen Schmöker sucht und Abtauchen möchte in die Welt der griechischen Götter und Helden, der ist hier an der richtigen Adresse. Eine kurzweilige, unterhaltsame Lektüre mit einigen Lerneffekten, Aha-Erlebnissen und das Wiedersehen und Auffrischen von Namen und Figuren, die man in Schulzeiten zwar schon gehört hatte, aber vielleicht doch nicht mehr alle so recht einordnen konnte.

Eine weitere Besprechung des Romans gibt es bei Literaturreich.

Buchinformation:
Madeline Miller, Ich bin Circe
Aus dem Amerikanischen Englisch von Frauke Brodd
Eisele
ISBN: 978-3-96161-095-2

Im Juli 2021 lautet die Indiebookchallenge übrigens:
„Lies ein Buch aus einem unabhängigen Verlag das nach Sommer schmeckt“ (#sommerbuch) – wer ist dabei?
Hier geht es zur Seite des Indiebookday’s und dort findet man auch die zukünftigen Themen der Challenge – vielleicht spricht Euch auch etwas an.

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Madeline Miller’s „Ich bin Circe“:

Für den Gaumen:
Circe serviert ihrem Sohn Telegonos sein Lieblingsessen: „mit gerösteten Kräutern gefüllter Fisch und Käse“ (S.360). Das könnte ich mir jetzt im Sommer auch als sehr gelungene Mahlzeit vorstellen.

Zum Weiterhören:
Wikipedia listet derzeit 13 Opern auf, die auf dem Circe-Stoff basieren, darunter finden sich so namhafte Komponisten wie Christoph Willibald Gluck oder Alexander von Zemlinsky. Ich hatte bisher noch keine Gelegenheit, irgendeine dieser Vertonungen zu hören oder auf der Bühne zu erleben.

Zum Weiterlesen:
Streckenweise erinnerte mich „Ich bin Circe“ sehr an Marlen Haushofer’s Klassiker „Die Wand“ aus dem Jahr 1963. Die Szenen, in welchen Circe verbannt auf der Insel sich komplett alleine durch die Tage bringt, für sich selbst sorgt und sich mit sich selbst beschäftigt, hatten für mich große Ähnlichkeit mit „Die Wand“, der mir sehr nachhaltig in Erinnerung geblieben ist:

Marlen Haushofer, Die Wand
List Taschenbuch
ISBN: 9783548605715