Felchenskandal am Bodensee

Der Food-Journalist und Krimiautor Erich Schütz hat mit „Das Geheimnis der Fischerin vom Bodensee“ beide Leidenschaften in einem kulinarischen Krimi vereint und sensibilisiert seine Leser auf kurzweilige und spannende Art und Weise dafür, sich zukünftig auch einmal Gedanken zu machen, woher der Fisch auf dem Teller eigentlich kommt.

„Jeder Seeanwohner weiß: Ein Drittel der Felchen, die am Bodensee verkauft werden, mögen aus dem Bodensee sein, aber zwei Drittel kommen garantiert sonst woher, nur nicht aus dem See, der vor den Nasen der Gäste unschuldig in der Sonne glitzert.“

(S.8)

Die Fischerfamilie Ellegast gehört zu den traditionellen und alt eingesessenen Fischereibetrieben am Bodensee. Doch nun droht die Ehe von Gerdi und Martin am Thema „Felchen“ zu zerbrechen. Während Gerdi naturverträglich und nachhaltig noch auf traditionelle Weise fischt und trotz rückläufigen Fangmengen Wert auf qualitativ hochwertige Fische legt, ist Ehemann Martin dabei, höchst umstrittene Zuchtgehege im See aufzubauen, in welchen die Fische mit dubiosen Methoden und Medikamenteneinsatz in rauen Mengen „produziert“ und „gemästet“ werden, um den schier unersättlichen Bedarf an „echten Bodenseefelchen“ in der Gastronomie am See abzudecken.

Dass ein solcher Betrieb auch den Umweltschützern in der Region ein Dorn im Auge ist, versteht sich von selbst, und schon bald kommt es zu Protestaktionen. Als plötzlich auch mit illegalen Methoden agiert wird und es zu Sabotageakten und Brandanschlägen kommt, brennt die Luft im Urlaubsparadies.
Hat gar Tochter Lena – Biologiestudentin und selbst überzeugte Umweltaktivistin – ihre Finger mit im Spiel gehabt? Und wo verläuft die Grenze zwischen Umweltschutz und Ökoterrorismus?

Erich Schütz hat einen Krimi verfasst, der neben dem Lokalkolorit vor allem auch viele Hintergründe zur Fischzucht und heutigen Methoden erläutert und einfließen lässt. So mancher Leser wird hier Neues erfahren. Er macht klar, dass nicht alles Gold ist, was auf den Tellern glänzt und verpackt diese Aussagen in einen kritischen Regiokrimi, der sich sehr flüssig lesen lässt. Dass er sich als Food-Journalist und Krimiautor schon lange mit kulinarischen Themen und der Küche am Bodensee beschäftigt, merkt man bei der Lektüre und trotz aller Kritik blitzt auch die Liebe zur heimischen Küche und zur Schönheit der Landschaft immer wieder auf, die es zu erhalten gilt.

Interessant ist auch, wie er die Streitthemen und unterschiedlichen Ansichten konzentriert aus der Sicht einer Familie schildert, denn so fließen auch noch Beziehungsprobleme und Generationskonflikte kammerspielartig in die Kriminalhandlung ein. So beleuchtet er auch, wo Schwierigkeiten liegen, wenn die nachfolgende Generation mit der Weiterführung des Familienunternehmens hadert und der Wunsch der Eltern auf die Fortführung der Tradition und die Lebensplanung der Kinder aufeinanderprallen. So hat Schütz auf engen Raum thematisch einigen Zündstoff hineingepackt und einen Kriminalroman geschrieben, der aus vielerlei Aspekten heraus zum Nachdenken anregt.

Mit seinen gerade mal 188 Seiten ist dieses Krimihäppchen schnell verspeist und ist bestens geeignet für das Reisegepäck des nächsten Bodenseeurlaubs – auch wenn man dann wohl im Restaurant nicht unbedingt den Drang verspüren wird, Felchen zu bestellen. Doch die Bodensee-Küche hat ja auch noch jede Menge anderer Köstlichkeiten zu bieten.

Hinter dem Krimi mit einem Titel, der satirisch auch dem Genre Heimatfilm entlehnt sein könnte, verbirgt sich ein kritischer und brisanter Roman, der den Leser auf unterhaltsame Art dazu bringt, sich über Konsum- und Essgewohnheiten Gedanken zu machen. Am Ende der Lektüre ist man froh, wenn man noch einmal zum Beginn zurückblättert und sich an das Vorwort des Autors erinnert:

„Das ist kein Sachbuch, das ist ein Roman! Es gibt im Bodensee noch keine Felchengehege und auch noch keine genmanipulierten Fische – noch nicht…“

Trotz aller Kritik, macht der Roman auf jeden Fall auch große Lust auf den Bodensee und die einmalige Landschaft, die so viel zu bieten hat, so dass man sich wünscht, bald wieder einmal dorthin zu reisen und dann mit geschärftem Sinn, die Natur und die kulinarischen Genüsse dort genießen zu können.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Erich Schütz, Das Geheimnis der Fischerin vom Bodensee
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2801-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Das Geheimnis der Fischerin vom Bodensee“:

Für den Gaumen:
Ich muss gestehen, dass mir die Lektüre nicht unbedingt Appetit auf Fisch gemacht hat, sondern ich dann eher frischem Gemüse den Vorzug geben würde. Bald ist Spargelsaison, daher denke ich eher an frischen Spargel mit Kartoffeln und einem schönen Glas Weißwein (z.B. ein Müller-Thurgau) vom Bodensee.

Zum Weiterdenken:
Am 19. März 2021 war für Deutschland bereits der „End of Fish Day 2021“, was bedeutet, dass rein rechnerisch ab diesem Zeitpunkt jeder Fisch, der in Deutschland verzehrt wird, importiert wird. Denn die heimischen Fische aus Nord- und Ostsee, Flüssen und Aquakulturen reichen nicht mehr aus, den Bedarf zu decken. Das ist zwei Wochen früher als 2020 (5. April) und auf Überfischung, Erwärmung der Meere und den Klimawandel zurückzuführen.

Zum Weiterlesen und für einen Museumsbesuch:
Künstlerisch und literarisch verbindet man mit dem Bodensee natürlich Hermann Hesse, der dort auf der Halbinsel Höri in Gaienhofen einige Jahre (1904-1912) gelebt hat. Dort gibt es ein Hesse Museum in einem ehemaligen Bauernhaus aus dem 17. Jahrhundert, das sich dem Leben und Werk des Literaturnobelpreisträgers widmet. Der Roman „Unterm Rad“ aus dem Jahr 1906 fällt in seine Zeit am Bodensee – bei mir war dieser Schullektüre:

Hermann Hesse, Unterm Rad
Suhrkamp BasisBibliothek 34
ISBN: 978-3-518-18834-7