Königlicher Krimiklassiker

Es war Zufall, dass mir dieser Krimi mit royalem Touch genau in der Zeit in die Hände fiel, während Großbritannien und die Welt um die verstorbene Queen Elizabeth II. trauerten. Josephine Teys Kriminalroman „Alibi für einen König“ (Originaltitel: The Daughter of Time) aus dem Jahr 1951, der von der englischen Autorenvereinigung Crime Writers’ Association einst zum besten Kriminalroman aller Zeiten gewählt wurde, beschäftigt sich auf höchst unterhaltsame Weise mit einem anderen Monarchen auf dem englischen Thron: Richard III.

Eine Kriminalermittlung aus dem Krankenbett? Und dann noch in einem Fall, der bereits mehr als 500 Jahre zurückliegt? Kälter kann ein Cold Case ja kaum sein und doch verstand Josephine Tey es, aus dieser ungewöhnlichen Konstellation ein amüsantes Krimivergnügen zu zaubern.

„Aber es vereinfachte die Dinge, wenn man nur ein einfacher Polizist mit einem unbeweglichen Bein und einer Rückgratprellung war, der Nachforschungen über tote und längst zu Staub gewordene Könige anstellte, um nicht vor Langeweile verrückt zu werden.“

(S.42)

Alan Grant, der normalerweise für Scotland Yard in Kriminalfällen ermittelt, liegt aufgrund einer Verletzung, die er sich im Dienst zugezogen hat, im Krankenhaus. Nach tagelangem An-die-Decke-starren, fällt ihm diese zunehmend auf den Kopf. Er braucht dringend eine Beschäftigung – eine geistige versteht sich, denn er ist ans Bett gefesselt. Grant hat eine Gabe, den Menschen an ihren Gesichtern mehr anzusehen als andere dies können. Er hat ein Gespür dafür, ob die Gesichter Verbrechern oder Unschuldigen gehören.

Als ihm eine liebe Freundin und Theaterschauspielerin eine Sammlung kleiner Kopien von historischen Portraits zur Inspiration vorbeibringt, zieht ihn das Porträt Richard’s III. sofort in seinen Bann. War dieser Mann der kaltblütige Mörder, für den ihn alle halten? Seine Neugier ist sofort geweckt. Warum also nicht vom Bett aus ein historisches Rätsel lösen?

„Er wusste auch, dass Richard in der Schlacht von Bosworth gefallen war, während er verzweifelt nach einem Pferd schrie, und dass er der Letzte seiner Linie gewesen war. Der letzte Plantagenet. Jeder Schüler blätterte erleichtert die letzte Seite des Kapitels Richard III. um. Denn nun waren die Rosenkriege endlich vorbei, und man kam zu den Tudors, die zwar langweilig, aber leicht zu verstehen waren.“

(S.36/37)

Viele der Konkurrenten Richards III. um den Thron starben unter mysteriösen Umständen. Zwei junge Prinzen im Tower verschwanden zunächst spurlos und erst viele Jahre später tauchten Kinderskelette auf, die vielleicht von den beiden hätten stammen können. So werden Legenden geboren und zahlreiche Geschichtsschreiber entwickelten ihre eigenen Theorien.

„Gott steh mir bei, dachte Grant, mit mir ist es weit gekommen. Wenn ich mich weiter mit dieser Geschichte befasse, werde ich wirklich noch auf einer Seifenkiste im Hyde Park enden.“

(S.166)

Grant lässt sich Bücher bringen, befragt sein näheres Umfeld – Krankenschwestern, Kollegen, die ihn besuchen kommen, seine Haushälterin – was sehen sie im Gesicht von Richard III.? Einen Mörder oder das Opfer einer Intrige? Was wissen sie über diese Figur und woher stammt dieses Wissen – aus Geschichtsbüchern, mündlicher Überlieferung oder aus der Shakespeare-Lektüre?

„Wie sind Sie mit den Geschichtsbüchern zurechtgekommen?“, hatte ihn Williams gefragt. „Ganz erstklassig. Ich bin ihnen allen auf die Schliche gekommen. Sie stimmen alle nicht.“

(S.237)

Grant wühlt sich durch das Gewirr der Rosenkriege, durch unzuverlässige Quellen und spannt schließlich einen jungen Amerikaner ein, der gerade im British Museum an einem Forschungsprojekt arbeitet und ihn schnell mit Feuereifer unterstützt, um das mysteriöse Rätsel um den Tod der jungen Prinzen im Tower zu lösen.

Die Lektüre ähnelt stellenweise einem Crashkurs in englischer Geschichte, da wimmelt es von Grafen, Herzögen und Lords und man kann vielleicht nicht allen dynastischen Verästelungen folgen. Vielleicht wäre das Lesevergnügen sogar noch größer, wenn man selbst ein etwas profunderes Wissen über die englische Geschichte vorzuweisen hätte, jedoch habe ich auch so – mit gesundem Halbwissen – die Lektüre sehr genossen.

Fragt man sich am Anfang noch, ob diese ungewöhnliche Idee des Ermittlers im Krankenbett mit historischem Fall wirklich funktionieren kann, so liest man dieses literarische Krimiexperiment schon allein aufgrund der humorvoll-spritzigen Dialoge und der sympathischen Ermittlerfiguren mit zunehmendem Spaß und leisem Schmunzeln.

Den Gedanken, auf welche Weise Geschichtsschreibung erfolgt, entsteht und wie sich diese auch auf gewisse Weise verselbständigen kann, fand ich sehr interessant. Denn gerade während wilder Zeiten und unter verwirrenden Umständen, ist die Quellenlage nicht immer eindeutig.

Josephine Tey hat hier einen feinen, süffisanten und sehr amüsanten Krimi geschrieben, der nicht vom atemlosen Tempo, sondern durch die lebhaften und schlagfertigen Charaktere und die raffinierte Konstellation des Kriminalfalls bzw. die ungewöhnliche Ermittlungssituation lebt. Für Leser, die überwiegend zeitgenössische, aktuelle Krimis lesen, vielleicht etwas ungewohnt, aber vielleicht auch gerade deshalb mit einem ganz besonderen Charme: Very british – ironisch, witzig und ein wahrlich königliches Krimivergnügen!

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner 22 für 2022erfüllt – Punkt Nummer 11) auf der Liste: Ich möchte ein Buch mit London als Schauplatz lesen. Auch wenn sich die Handlung im Grunde überwiegend bis ausschließlich im Krankenzimmer abspielt, so gibt es doch sehr viele Bezüge zum Tower of London, Greenwich und anderen Orten in und um London, so dass ich guten Gewissens diesen Punkt auf meiner Liste abhaken kann.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Andreas Kueck’s Leselust.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus/Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Josephine Tey, Alibi für einen König
Aus dem Englischen von Maria Wolff
Oktopus bei Kampa
ISBN: 978-3-311-30035-9

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Josephine Teys „Alibi für einen König“:

Für den Gaumen (I):
Mrs Tinker – die rührige Haushälterin von Alan Grant – bäckt gute Kuchen und Kekse, so zum Beispiel gibt es Bachelor Buttons zum Tee. Junggesellenknöpfe? Die kenne ich bisher nicht, aber bei Jacquie und ihrem Blog Bunny Mummy gibt es ein Rezept.

Für den Gaumen (II):
Selbst bei der Krankenhauskost, habe ich etwas Neues entdeckt: Cheese Pudding und gedünsteter Rhabarber. Cheese Pudding? Klingt interessant und auch hier habe ich im Internet ein schönes Rezept gefunden bei Kate und ihrem Blog Nibble and Dine. Klingt für Käsefans sicherlich verlockend – ein Brotpudding mit Cheddarkäse.

Zum Weiterschauen oder für einen Museumsbesuch:
Das Porträt Richard III., das alles ins Rollen bringt, hängt in der National Portrait Gallery in London und stammt von einem unbekannten Künstler. Das Gemälde ist nahezu die heimliche Hauptfigur des Romans und ich war gespannt, was ich in dem Gesicht entdecken würde: hier auf der Seite des Museums kann man sich selbst ein Bild machen.

Zum Weiterschauen oder für einen Theaterbesuch:
Bei Richard III. fällt einem natürlich sofort William Shakespeare ein. Sein Drama stammt wohl aus dem Jahr 1593 und darin hat er Richard III. eindeutig die Rolle des Bösewichts zugewiesen. Live gesehen habe ich das Stück bisher noch nicht.

Zum Weiterlesen:
Anfang des Jahres bin ich auf Josephine Tey (1896 – 1952) aufmerksam geworden und zwar durch den Krimi „Nur der Mond war Zeuge“, den ich auch hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe. Eine ebenso raffinierte Krimi-Perle – wenn auch mit vollkommen anderer Figurenkonstellation – die mir sehr gut gefallen hat:

Josephine Tey, Nur der Mond war Zeuge
Aus dem Englischen von Manfred Allié
Kampa
ISBN: 978 3 311 30025 0

Und weil’s so schön passt, gibt es noch ein paar Foto-Impressionen dazu:

„Mr Grant, ich bin Ihnen so dankbar für all den … den …“
„Den Spaß?“
„Wenn Sie wieder auf den Beinen sind, dann … dann führe ich Sie durch den Tower!“
„Lassen Sie uns lieber eine Bootsfahrt nach Greenwich machen. Wir Inselbewohner haben nämlich eine Leidenschaft für die Seefahrt.“

(S.201)

Krimiperle neu entdeckt

Gute Krimis können große Lesefreude bereiten und wenn man einen richtig guten Kriminalroman einer bislang unbekannten Autorin für sich entdecken kann, dann ist das pures Lesevergnügen. So passiert ist mir dies mit Josephine Tey’s „Nur der Mond war Zeuge“ (Originaltitel: The Franchise Affair) aus dem Jahr 1948, der beweist, welche hohe Güte sich Krimiklassiker über viele Jahrzehnte bewahren können ohne etwas von ihrem Reiz einzubüßen.

Milford ist ein ruhiges Provinzstädtchen auf dem englischen Land. Robert Blair führt dort als Anwalt ein friedliches Leben ohne große Aufregungen, bis eines Tages kurz vor Feierabend sein Telefon läutet. Marion Sharpe, die vor kurzem mit ihrer Mutter ein einsam gelegenes Anwesen in der Nähe bezogen hat, bittet aufgeregt um seine Hilfe. Scotland Yard ist im Haus und beschuldigt sie eines unerhörten Verbrechens. Ein 15-jähriges, ihnen völlig unbekanntes Mädchen behauptet, die beiden Damen hätten sie entführt, in einer Dachkammer ihres Hauses gegen ihren Willen einen Monat lang festgehalten und körperlich misshandelt.
Ein Vorwurf, der leicht zu entkräften wäre, könnte das Mädchen nicht jedes Detail im Inneren des Hauses exakt beschreiben. Wie kann das sein?

Schnell steht Aussage gegen Aussage, die Presse bekommt von der Sache Wind, eine Hexenjagd auf die Sharpes beginnt und Robert Blair, der das Mandat zunächst am liebsten abgelehnt hätte, muss plötzlich in einem mysteriösen und undurchsichtigen Fall selbst ermitteln, um die Unschuld seiner Mandantinnen zu beweisen.

„Das ist das erste Mal, dass Sie bitter klingen.“
„Klang es bitter?“
„Der reine Angostura.“

(S.88)

Ich mag die Figurenzeichnung von Josephine Tey: der schnöselige, leicht überspannte Cousin Nevil mit seinem für die britische Provinz ungewohnten Kleidungsgeschmack, die patente, lebenstüchtige und gottesfürchtige Tante Lin, die voller Überzeugung die Probleme ihres Neffen durch Gebete in der Dorfkirche zu lösen versucht. Auch Mutter und Tochter Sharpe sind in ihrem zurückgezogenen, eigenbrötlerischen Frauenhaushalt sehr plastische Charaktere – ausgestattet mit einer ordentlichen Prise Zynismus im Falle der Mutter und einer attraktiven Ausstrahlung der Tochter, welcher die Männer reihenweise zu erliegen scheinen.

Und natürlich – last but not least – die Hauptfigur Robert Blair dessen gleichförmiges, geruhsames und unspektakuläres Anwaltsleben, das bislang geprägt war von unaufgeregten Schreibtischtätigkeiten und regelmäßigen Testamentsänderungen älterer Damen, plötzlich durch einen Anruf und den Hilferuf einer verzweifelten Frau völlig aus den Fugen gerät. Ein sehr menschlicher und sympathischer Held, den man dabei begleiten kann, wie er über sich hinauswächst, auf einmal völlig neue Seiten an sich selbst entdeckt und das Leben intensiver spürt als jemals zuvor.

Auf gewisse Weise very British – so lernt man zum Beispiel, dass Tweed nicht gleich Tweed ist oder welche Spuren die englische Geschichte in den Baustilen der Häuser hinterlassen hat – hat Josephine Tey einen subtilen, spannenden Krimi geschrieben, der vor allem Krimifans gefallen wird, die einen klugen Romanaufbau und eine überraschende Wendung einer blutrünstigen, effekthascherischen Handlung vorziehen.

Beim Lesen vergisst man nicht nur die Zeit um sich herum, denn der Krimi liest sich herrlich flüssig wirklich wie im Flug, sondern auch, dass der Roman aus dem Jahr 1948 schon weit über 70 Jahre auf dem Buckel hat. Ein klassischer, raffinierter Krimi, der auch heute noch begeistern kann. Eine zeitlose Krimiperle und für mich wirklich eine wunderbare Entdeckung, zumal ich die Autorin vorher noch nicht kannte. Mit mir hat sie nun eine weitere begeisterte Leserin mehr und ich freue mich schon auf weitere Krimis aus ihrer Feder.

Ein Krimi ohne Leiche, dafür mit einer großen Portion Charme und Esprit, mit pointiertem Witz und feinem, britischen Humor, der für gepflegte und kurzweilige Unterhaltung sorgt. Da kann man jeden Fernsehkrimi getrost links liegen lassen und lieber zu diesem Buch greifen.

Die in Schottland geborene Josephine Tey (Pseudonym für Elizabeth MacKintosh; 1896 – 1952) verstarb bereits im Alter von nur 55 Jahren. Ihren Fans hat sie acht Kriminalromane hinterlassen. Und obwohl sie – ähnlich wie Agatha Christie – auch fürs Theater schrieb (hier unter dem Namen Gordon Daviot), sind es auch bei ihr die Krimis, für die sie der Nachwelt besonders im Gedächtnis geblieben ist.

Mit Freude habe ich dem Klappentext entnommen, dass der wohl bekannteste Krimi von Josephine Tey „Alibi für einen König“ (Originaltitel: „The Daughter of Time“) beim Kampa Verlag auch in Vorbereitung ist. Dieser wurde von der englischen „Crime Writer’s Association“ zum besten Kriminalroman aller Zeiten gewählt – das ist doch noch ein weiterer guter Grund dafür, diesen bei Erscheinen ebenfalls zu lesen.

Mit Josephine Tey’s „Nur der Mond war Zeuge“ habe ich einen weiteren Punkt meiner 22 für 2022erfüllt – Punkt Nummer 18) auf der Liste: Ich möchte ein Buch, einer für mich neuen Autorin lesen. Eine wunderbare Neuentdeckung für mich und es wird sicherlich nicht das letzte Buch von Josephine Tey gewesen sein, das ich gelesen habe.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Andreas Kueck’s Leselust.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Josephine Tey, Nur der Mond war Zeuge
Aus dem Englischen von Manfred Allié
Kampa
ISBN: 978 3 311 30025 0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Josephine Tey’s „Nur der Mond war Zeuge“:

Für den Gaumen:
Mutter und Tochter Sharpe haben eine besondere Vorliebe für guten Sherry.
Der Amontillado – benannt nach der spanischen Region Montilla in Andalusien, den sie ihren Gästen servieren, scheint wahrlich exquisit zu sein.

„Wir sind zwar sparsam, aber wir sparen nicht am Wein“ (S.62)

(S.62)

Dagegen wirkt der Butterkuchen, für den Robert seinem Hausmädchen „bis ans Ende der Welt folgen“ (S.70) würde, geradezu einfach und bodenständig.

Zum Weiterschauen:
Alfred Hitchcock verfilmte bereits 1937 einen Stoff von Josephine Tey. Sein Film „Jung und unschuldig“ („Young and innocent“) basiert auf Tey’s Kriminalroman „A Shilling for Candles“ (auf deutsch als „Klippen des Todes“ erschienen). Gesehen habe ich diesen Hitchcock noch nicht, aber ich werde mal die Augen danach offen halten.

Zum Weiterlesen:
Wer Gefallen an Krimiwiederentdeckungen aus Großbritannien hat, dem kann ich auch Susan Hill’s „Schattenrisse“ empfehlen, den ich letztes Jahr hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe. Der Auftakt der Serie mit Inspector Serrailler ist ebenso lesenswert und macht einmal mehr klar, wie viele erstklassige Krimiautorinnen die britische Insel zu bieten hat.

Susan Hill, Schattenrisse
Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle
Kampa
ISBN: 978 3 311 12018 6