Dänische Perspektiven

Zwei Romane, die zusammengehören und doch aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden, hat die dänische Autorin Helle Helle mit ihren Werken „SIE“ (Originaltitel: de, 2018) und „BOB“ (Originaltitel: BOB, 2021) veröffentlicht, die nun auf deutsch in einer Übersetzung von Flora Fink als Doppelroman „SIE und BOB“ bei Dörlemann erschienen sind.

Im ersten Roman lernt man Mutter und Tochter kennen – im Dänemark der 80er Jahre besucht die Tochter das Gymnasium und kümmert sich zugleich um die kranke Mutter.

„Also fährt sie heute nicht zum Krankenhaus, ihre Mutter meint auch, sie solle nicht jeden Tag den langen Weg auf sich nehmen, sie solle lieber an sich denken und sich zum Beispiel ein großes Plunderteilchen kaufen.“

(S.103/104)

Eine Jugend zwischen Schule, Clique, Musik, Freizeitaktivitäten, erster Liebe und dem Meistern des Alltags ohne die Mutter, die eine Lücke reißt, welche von der Tochter gefüllt werden muss.

Und auch Bob – der Freund und spätere Partner der Tochter – taucht bereits im ersten Band auf – als Teil der Clique. Später wird er im zweiten Roman „BOB“ selbst im Zentrum der Erzählung stehen. Denn während seine Freundin bereits zu wissen scheint, was sie will und an konkreten Zukunftsplänen arbeitet, weiß er nur, was er nicht will, lässt sich ohne klare Richtung treiben, stromert durch Kopenhagen und beginnt schließlich als Aushilfe in einem Seemannshotel am Nyhavn zu jobben.
Der Alltag, Geldsorgen, die Enge der kleinen gemeinsamen Wohnung – all das belastet die noch junge Beziehung zunehmend.

Die Romane und die Sprache erinnern an dänisches Design: sehr reduziert, puristisch, minimalistisch und doch sehr natürlich.
Helle Helle arbeitet sehr ausgeprägt mit Sinneswahrnehmungen aller Art: Beobachtungen, Geräusche, Gerüche – die Lektüre wird so gleichsam zum sinnlichen Erlebnis.

„Die Felder rauschten, die altbekannten Lerchen sangen. Es war jedes Wochenende wieder dasselbe. Er wollte dabei sein, und er wollte nicht dabei sein. Fühlte sich höher als high und ganz weit unten. Doch wer wusste, womit andere sich herumschlugen. Einer in der Clique hatte seine Schwester verloren.“

(S.216)

Die Lektüre erfordert Konzentration und man muss schauen, dass der Text nicht einfach so an einem vorbeirauscht. Denn vieles scheint auf den ersten Blick unspektakulär, geradezu alltäglich und doch ist zwischen den Zeilen so manche wichtige Aussage und so manche Perle versteckt.

„Seine Mutter hat Sauerteigbrot gebacken, es liegt unter einem Tuch in der Küche. Sie decken den Tisch mit Tassen und Butter, kochen auch Tee, heben den Wein für später auf. Sie lachen viel und reden über alles Mögliche, auch die Zukunft, bis auf sie schließen alle im Sommer die Schule ab, aber niemand will sofort studieren. Zuerst wollen sie von zu Hause ausziehen, vielleicht gründen sie eine Wohngemeinschaft. Sie sprechen über die Möglichkeit, als Selbstversorger zu leben, die damit verbundene Freiheit, Bob schüttelt den Kopf.“

(S.136)

Es lohnt sich daher, genau hinzuschauen, genau zu lesen, denn die Kunst besteht darin, in all dem Alltäglichen das Schöne und das Besondere zu sehen und es herauszufiltern. Auch das Herz tragen die Figuren nicht auf der Zunge, Gefühle werden nicht laut herausgeschrien, sondern offenbaren sich meist nur in kleinen Gesten und Bemerkungen.

Doch wenn man sich auf den stillen, leisen und melodiösen Tonfall der Autorin einlässt, wird man durch wunderbare Momente belohnt, die immer wieder aufblitzen und tief in die Seelen der Charaktere blicken lassen. Man muss nur wach sein und die Augen offen halten.

„Eine unangetastete Tasse Kakao auf dem Schreibtisch, lange helle Nächte hindurch. Sich zurückwünschen in den März oder vorigen Sommer. Erbsenschoten, Kopfhaut voll von Sand. Es vergingen vier Monate, bis er wieder er selbst war, es war wie seine Mutter sagte: – Es dauert doppelt so lange, über Krankheit und Liebe wegzukommen, wie die Krankheit selbst dauert.“

(S.206)

Helle Helle hat zwei Romane über kleine und große Gefühle geschrieben – über die Liebe zwischen Mutter und Tochter ebenso wie über die erste große Liebe in einer noch jungen Beziehung. Familie, Krankheit, Freundschaft, Liebe, Alltagssorgen – es geht um das Zwischenmenschliche, kurz gesagt um das Leben und Zusammenleben.

Wer temporeiche und vor Handlung strotzende Romane liebt, in denen es Schlag auf Schlag geht und sich die Ereignisse überschlagen, der wird vermutlich mit „SIE und BOB“ nicht warm werden. Wer aber Freude an ausdrucksstarken Charakterzeichnungen und sprachlichen Feinheiten, nuancierten Klangfarben, sorgfältig gewählten Formulierungen und einer puristisch-poetischen Sprache hat, der kann in „SIE und BOB“ sehr viel Schönes entdecken.

Das Glück in den kleinen Dingen finden, wach und mit Sinn für Schönes durchs Leben gehen, es sich gemütlich machen: Hygge, das ist fester Bestandteil des dänischen Lebensgefühls und auch dieser Doppelroman kann zu diesem Gefühl beitragen: also ein paar Kerzen angezündet, die Kuscheldecke und das Buch geschnappt und dann gemütlich ins dänische Kopenhagen der 80er Jahre abtauchen – ein leises, feines und gefühlvolles Buch für einen hyggeligen Leseherbst.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Dörlemann Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Helle Helle, SIE und BOB
Aus dem Dänischen von Flora Fink
Dörlemann Verlag
ISBN: 978-3-03820-110-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Helle Helle’s „SIE und BOB“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch geht es bei den Jugendlichen meist ziemlich bodenständig zu:
Zum Abendtee bei der Freundin gibt es Brie mit Honig und Knäckebrot.

Zum Weiterhören (I):
Das bevorstehende Konzert von Pia Raug – einer dänischen Singer-Songwriterin – ist großes Gesprächsthema im Freundeskreis. Ich kannte die Sängerin bisher nicht, auf YouTube kann man allerdings in einige Songs reinhören, z.B. in „Hej Lille Drøm“, das zugleich auch der Name ihres ersten Albums aus dem Jahr 1978 ist.

Zum Weiterhören (II):
Musik ist ein großer Emotionsträger auch in diesem Roman. Ebenfalls aus dem Jahr 1978 ist ein weiterer Song, der im Buch vorkommt: Art Garfunkel’s berühmter Nummer-1-Hit „Bright Eyes“:

„Im Bus nach Hause denkt sie: I see, ganz genau, und genau in dem Augenblick schaltet der Fahrer das Radio an, sie spielen Bright Eyes. Das ist fast zu viel. Die Felder leuchten.“

(S.158/159)

Zum Weiterlesen:
Wer mehr über eine andere dänische Kindheit und Jugend lesen möchte – und zeitlich noch etwas weiter zurückreisen möchte, der ist mit Tove Ditlevsen’s Kopenhagen-Trilogie bzw. den ersten beiden Bänden „Kindheit“ und „Jugend“ gut bedient, die autobiografischen Romane, die ich auch schon auf der Kulturbowle vorgestellt habe, sind ebenso sehr feine und lesenswerte Literatur aus Dänemark:

Tove Ditlevsen, Kindheit
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03868-7

Tove Ditlevsen, Jugend
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03869-4

Salzige Brombeeren

Wieviel kann ein Mensch ertragen? Über eine Grenzerfahrung der besonderen Art hat die Britin Raynor Winn ein außergewöhnliches Buch geschrieben: „Der Salzpfad“. 2018 im Original und 2019 auf deutsch erschienen ist es mittlerweile sicherlich kein Geheimtip mehr, aber es ist ein großartiges Buch, das Mut macht, inspiriert und unbeschreiblich schön zu lesen ist.

Die Autorin beschreibt ihre Wanderung auf dem South West Coast Path an der Küste Englands, welche sie gemeinsam mit ihrem Ehemann unternahm, als sie buchstäblich alles verloren hatten. Finanziell standen sie vor dem Nichts, alle Rücklagen waren aufgebraucht, sie verloren einen Gerichtsprozess sowie ihre Farm und somit ihren Beruf und ihr Einkommen. Zudem bekam ihr Gatte Moth nahezu zeitgleich die niederschmetternde Diagnose an einer tödlichen, degenerativen Gehirnerkrankung (CBD) zu leiden.
Wie viel kann ein Mensch ertragen?

„Ein ewiges Auf und Ab zwischen Ginster und Stein, stets begleitet vom Brausen des Meeres. Ein Rhythmus aus Qual und Hunger, Schmerz und Durst, bis irgendwann nur noch der Rhythmus des brausenden Meeres zu spüren war. Während der Wind das Wasser aufwühlte und die Möwen uns den Weg wiesen, schwanden unsere Bedürfnisse.“

(S.185)

Obdachlos und mit einem Budget von lediglich 48 Pfund pro Woche machen sich die beiden mit nichts als einem Zelt, leichten Ruck- und Schlafsäcken sowie der Kleidung, die sie am Leib tragen, auf den Weg entlang des berühmten Küstenpfads an der englischen Südwestküste – den 1014 Kilometer langen Fernwanderweg South West Coast Path. Ein langer Weg – weg von Problemen, Sorgen – hin zu sich selbst.

Tage voller körperlicher Anstrengung, physischer und psychischer Grenzerfahrungen und der Erkenntnis, dass es kein Zurück in das alte Leben geben wird. Hunger, Durst, Hitze, Kälte, Schmerzen und Angst vor der Zukunft sind die anfänglichen Begleiter und doch merkt man, dass beide Sorgen und Ängste immer mehr hinter sich lassen, dass dieser Weg auf sie eine heilsame Wirkung zu entfalten scheint.

„Der Küstenpfad hatte uns gelehrt, dass die zu Fuß zurückgelegten Kilometer anders waren; wir kannten die Entfernung, den räumlichen Abstand von einem Punkt zum anderen, von einem Schluck Wasser zum nächsten, wir kannten sie mit unseren Knochen, kannten sie wie der Turmfalke im Wind und die Maus, die er im Blick hatte. Bei gefahrenen Kilometern ging es nicht um Entfernung; da ging es nur um Zeit.“

(S.221)

Winn schreibt schonungslos offen über ihre Existenzsorgen, die Angst davor, ihre große Liebe an den Tod zu verlieren, aber auch was es bedeutet, obdachlos zu sein und kein Zuhause, keinen Schutz- und Rückzugsort mehr zu haben.
Gleichzeitig flicht sie Hintergrundinformationen über die Situation der Obdachlosen in England, das britische Sozial- und Rechtssystem ein, ebenso wie großartige Naturbeschreibungen und weiterführende Details zu den Orten und Stationen ihrer Wanderung.

Aber sie berichtet auch über die Menschen, welche ihnen auf dem Weg begegnen und die anfängliche Scham, sich und den anderen die eigene Situation einzugestehen. Sie stoßen auf Unverständnis, Verachtung und Ablehnung, aber dennoch überwiegen letzten Endes vor allem die überraschend positiven und respektvollen Begegnungen mit Menschen, die ihnen Bewunderung und teils auch uneigennützige Großzügigkeit entgegenbringen, sowie neue Perspektiven aufzeigen.
Raynor und Moth wachsen auf diesem langen, strapaziösen Weg über sich hinaus und sie gehen am Ende gestärkt und selbstbewusst einer neuen, anderen Zukunft entgegen.

„Im Grunde hatte wir alle, die wir auf dem Küstenpfad unterwegs waren, etwas gemeinsam; wir waren wohl alle auf der Suche. Suchten nach der Vergangenheit oder der Zukunft, oder nach etwas, was uns fehlte. Es zog uns an den Rand der Zivilisation, auf einen Streifen Wildnis, wo wir frei waren und einfach darauf warten konnten, dass die Antworten kamen – oder eben auch nicht -, wo wir lernen konnten, das Leben, unser Leben zu akzeptieren, wie immer es auch aussehen mochte.“

(S.271)

Die salzigen Brombeeren, die kostenlos am Wegesrand gepflückt werden können, anfangs zu herb schmecken und erst am Ende der Reifezeit ihr volles und unvergleichliches Aroma entfalten, wurden für mich zum Symbol für diese Reise der beiden: Oft sind es die einfachen, kleinen Dinge, welche am Ende zählen, derer man sich aber erst bewusst werden muss. Auch aus Krisensituationen kann man am Ende etwas Positives herausziehen. Und auch das Herbe kann am Ende süß werden.

„Der Salzpfad“ ist ein existenzielles Buch, das erdet und demütig macht, indem es dem Leser vor Augen führt, was wesentlich ist im Leben. Man wird dankbar für vermeintlich Alltägliches, die kleinen, einfachen und so oft für selbstverständlich gehaltenen Dinge des Lebens. Und so kann die Lektüre dieses Reiseberichts auch eine wohltuende und heilsame Wirkung auf den Leser entfalten. Großartige Literatur, die tiefere Saiten zum Klingen bringt und gerade jetzt in der stillen Zeit wunderbar bereichernd sein kann. Und vielleicht möchte so mancher nach der Lektüre am liebsten selbst die Stiefel schnüren und einfach losgehen…

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Zeichen & Zeiten und Deutschlandfunk Kultur.

Buchinformation:
Raynor Winn, Der Salzpfad
Aus dem Englischen von Heide Horn und Christa Prummer-Lehmair
Goldmann
ISBN: 978-3-442-14268-2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Raynor Winn’s „Der Salzpfad“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch herrschen für Raynor und Moth oft karge Zeiten – nicht selten hungern sie regelrecht, ernähren sich von Nudeln und Fudge. Ein Höhepunkt sind neben gelegentlichen Ausreißern von Pasteten bzw. Cornish pasties (laut Wikipedia „eine gefüllte Teigware, deren Füllung typischerweise aus Rindfleisch, Kartoffeln, Steckrüben, Zwiebeln, Salz und Pfeffer besteht“), welche sie sich jedoch nur selten leisten können, die salzigen Brombeeren, die erst im perfekten Erntemoment ihren ganz besonderen Geschmack entfalten:

„Als ich sie jedoch in den Mund steckte, schmeckte sie besser als alle Brombeeren, die ich je probiert hatte. Weich, süß, ein vollendetes herbstliches Aroma wie ein fruchtiger Rotwein, und im Abgang ein Hauch, wirklich nur ein Hauch von Salz.“

(S.246)

Zum Weiterhören oder für einen Theaterbesuch:
Raynor und Moth stoßen während ihrer Wanderung zufällig auf ein Open Air Theater und haben das Glück, dass ein netter Herr sie dazu einlädt, die Aufführung zu besuchen und ihnen die Tickets schenkt, die sie sich selbst niemals hätten leisten können: auf dem Programm steht die komische Oper „Iolanthe“ von Gilbert und Sullivan. Sie ist eine von vierzehn Opern dieses Duos, welche im 19. Jahrhundert entstanden und auch als „Savoy Operas“ bezeichnet werden. Einfach mal reinhören: Vielleicht verzaubert Euch die Musik und der Feenstaub ja ebenso wie die beiden Wanderer, die einen magischen Theaterabend erleben durften?

Zum Weiterlesen:
Neben der Poldark-Roman-Reihe von Graham Winston taucht vor allem der Sagenstoff um König Artus immer wieder auf. Vielleicht wäre das eine Anregung, sich mal mit diesem großen Mythos zu befassen – was ich bisher literarisch noch nicht getan habe. Auch Literaturnobelpreisträger John Steinbeck hat sich mit „König Artus“ beschäftigt und auch wenn er das Werk nicht mehr ganz vollenden konnte, wäre das doch mal eine Möglichkeit:

John Steinbeck, König Artus
Aus dem Englischen von Christian Spiel
Zsolnay
ISBN: 978-3-552-04546-0

Erinnerungswurlitzer

Es gibt Bücher, die gehen unter die Haut und berühren tief im Inneren: Sibylle Schleicher hat mit „Die Puppenspielerin“ ein solches geschrieben – ein Herzensbuch, ein tieftrauriger und doch hoffnungsvoller Roman über Familienbande und das Abschiednehmen von einem geliebten Menschen. Ein ernstes, schwieriges Thema, das die in Österreich geborene Autorin, die heute in Ulm lebt, ihren Lesern auf sehr behutsame und gefühlvolle Art näher bringt. Ein mutiges Unterfangen, zumal es für die meisten in der Regel bequemer ist, sich nicht freiwillig mit dem Themengebiet des Sterbens und des Todes auseinanderzusetzen.

Sarah und Sophie sind Zwillinge und Zeit ihres Lebens verbindet die Schwestern ein ganz besonderes und inniges Band.

„Mit einem Zwilling an der Seite kann einem nichts passieren, sagt Sarah. Zu zweit war alles halb so schlimm und doppelt so schön.“

(S.16)

Mittlerweile sind beide Anfang Vierzig, haben eigene Familien gegründet und dennoch verbindet sie weiterhin die Leidenschaft des Puppenspiels: Sophie schreibt die Stücke, Sarah baut die passenden Puppen dazu – ein Gemeinschaftsprojekt der Zwillingsschwestern. Sie scheinen unzertrennlich, doch plötzlich schlägt das Schicksal zu und Sarah erkrankt schwer.

Die Familie begleitet sie durch die schwierige Zeit der Unsicherheit, der Untersuchungen, der Suche nach einer Diagnose und der richtigen Therapie – ein Leidensweg beginnt. Sophie versucht, für die Schwester und deren Familie da zu sein, den Neffen und Schwager zu versorgen und Halt zu geben. Die Familie rückt zusammen.

Sibylle Schleicher hat eine sehr intime, ehrliche und eindringliche Geschichte verfasst, die erzählt, was eine lebensbedrohliche Erkrankung eines engen Familienmitglieds auslöst, welche Mechanismen und Verhaltensweisen an den Tag gelegt werden, mit der Situation umzugehen und welche Wucht der Veränderung ein solcher Schicksalsschlag besitzt.

Natürlich sind da Angst, Verzweiflung, Hilflosigkeit und Wut, aber die Autorin zeigt auch, dass eine Familie sich in einer solchen Ausnahmesituation bedingungslos gegenseitig stärken, unterstützen und tragen kann.

Doch erst einmal steht die Welt in der betroffenen Familie still – das Weltgeschehen, die Nachrichten all das hat plötzlich keine Bedeutung mehr. Der Alltag tritt außer Kraft und doch sind es teils auch die alltäglichen Verrichtungen, Handgriffe und Routinen, an die man sich klammert und die ein Gerüst geben sollen.

„Aber manche Momente sind stark genug, dass sie ohne jede Erinnerungsstütze überdauern und für alle Zeit abrufbar sind.“

(S.50)

Besonders berührend finde ich die Szenen, in welchen Schleicher beschreibt, welche Kraft eine gemeinsame Kindheit und schöne Erinnerungen haben können. Wie wichtig und natürlich es ist, sich in Krisensituationen wieder an glückliche Zeiten zu erinnern: Familienfeste, unbeschwerte Sommertage, gelebte Traditionen und Bräuche – all das kann Trost spenden.

„Die alten Geschichten aufwärmen, denke ich. Eigentlich wärmen nicht wir sie auf, sondern sie uns. Sie haben noch so eine Kraft. Lebendige Erinnerungen, egal, wie nah sie an der Wahrheit liegen. Die Kindheit ein Brunnen, der nicht versiegt.“

(S.57)

Die Schönheit der Natur sehen, ein gutes Essen genießen, Musik, kleine Glücksmomente, ein gemeinsames Lachen, beherztes Ansingen gegen Schmerzen und Angst, ein Rückbesinnen auf Traditionen und Glauben – die Autorin hat meisterhaft zusammengestellt, wie Menschen sich einer schwierigen Situation stellen. Das Auf und Ab zwischen Hoffen und Bangen ist so authentisch geschildert, dass man bei der Lektüre Seite für Seite und Zeile für Zeile mitleidet – ein zutiefst empathisches Buch.

„Dann greifen Bilder aus der Vergangenheit nach mir, wie der Greifarm vom Wurlitzer nach einer Platte fasst und sie auflegt.“

(S.209)

Die Autorin findet wunderbare und einfühlsame Worte in einer Sprache, welche dem ernsten Thema stets gerecht wird. Schön auch, dass an der einen oder anderen Stelle die österreichischen Wurzeln der Autorin sprachlich anklingen – das machte die Lektüre für mich noch authentischer. Und auch das gelungene Umschlagbild spielt sowohl auf die steirische Bergwelt als auch durch die gespiegelte, gedoppelte Darstellung auf die Zwillinge als Besonderheit an.

„In der Erinnerung war alles schön, und wenn wir unsere Geschichten weitererzählen, müssen sie immer irgendwann lustig werden. Man erinnert sich das so hin, wie man es am liebsten gehabt hätte, aber es war oft ganz anders.“

(S.210)

„Die Puppenspielerin“ ist sicherlich ein Buch, das für manche außerhalb der Komfortzone liegen mag, aber es ist auch ein Roman, der bewusst wieder einmal vor Augen führt, wie kostbar und schön das Leben ist. Ein mutiges, gefühlvolles und zärtliches Buch über die Macht der Familie und der Erinnerung – aber auch über Abschied, Trauer und Weiterleben. Eine emotionale und lohnende Lektüre, die den Blick aufs Wesentliche schärft.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kroener Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Sibylle Schleicher, Die Puppenspielerin
Kroener
ISBN: 978-3-520-75601-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Sibylle Schleicher’s „Die Puppenspielerin“:

Für den Gaumen:
Es gibt Gerichte, welche in schweren Zeiten gut tun, Trost spenden und sprichwörtlich Leib und Seele zusammenhalten: Im Roman sind dies zum Beispiel Lasagne oder ein Süßkartoffelauflauf.

Zum Weiterhören:
Die Zwillingsschwestern tauschen musikalische Empfehlungen aus und geben sich gegenseitig Höraufgaben, was sich die andere Schwester jeweils anhören sollte – eine schöne Idee, wie ich finde.

„Die Reformations-Sinfonie von Mendelssohn. Eine Empfehlung von Sarah. Sie hört im Gegenzug die Walzer von Schostakowitsch.“

(S.28)

Zum Weiterschauen:
Ein Gemälde, das im Buch Erwähnung findet und auch einen wesentlichen Aspekt des Romans widerspiegelt ist „Der Tod im Krankenzimmer“ des norwegischen Malers Edvard Munch, das sich im Besitz des Munch Museums in Oslo befindet.

Zum Weiterlesen:
Im vergangenen Jahr habe ich Thomas Hettche’s Roman „Herzfaden“ hier auf der Kulturbowle vorgestellt – im Zentrum steht die Augsburger Puppenkiste, die wohl zu den bekanntesten Puppentheatern im deutschsprachigen Raum zählt. Ebenso ein eindrucksvolles Buch über die Kraft des Theaters, die Kreativität und eine Familie, die in schweren Zeiten zusammenhält.

Thomas Hettche, Herzfaden
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05256-5