Im Duett nach Ascona

Lago Maggiore, Ascona – Sehnsuchtsort für Urlauber und während der Dreißiger Jahre auch Zuflucht für Intellektuelle und Künstler, die Deutschland den Rücken kehrten und ihre Heimat verlassen mussten. Zwei Romane, der gleiche Schauplatz: einer veröffentlicht als Erstabdruck in der Neuen Zürcher Zeitung im Jahr 1933 – Victoria Wolff’s „Die Welt ist blau“ und der 2021 neu erschienene Roman „Ascona“ von Edgar Rai, der jedoch die selbe Zeit behandelt und von Erich Maria Remarque’s Flucht an den See im Jahr 1933 erzählt. Victoria Wolff bekommt in seinem Roman sogar einen Gastauftritt.

„Die Welt ist überall blau. Sommerheiße, klirrend klare Luft, leuchtend grüne Wiesen; es ist, als könne man den Sommer mit den Händen greifen.“

(aus Victoria Wolff „Die Welt ist blau“, S.28)

Zwei Reisen, die sich literarisch unbedingt lohnen und auf ihre jeweils eigene und durchaus sehr unterschiedliche Art und Weise den Zeitgeist der Dreißiger und die Besonderheit des Ortes herausarbeiten und zum Leben erwecken.

Victoria Wolff (1903 – 1992) war selbst im April 1933 aus Deutschland mit ihren Kindern nach Ascona emigriert. In „Die Welt ist blau“ erzählt sie über die Urlaubsreise einer jungen Frau, die mit ihrem Liebsten zur Sommerfrische nach Ascona fährt.

Sie beschreibt die fiktive Reise im Sommer 1933 und auch die nicht immer ganz einfache Beziehung aus weiblicher Sicht – offenbart gleichsam einen Blick in die weibliche Seele. Denn die Eifersucht schwebt über der Beziehung wie so manche dunkle Wolke am blauen Himmel über dem See.

„Der Mann müßte seine Fenster weiter öffnen, denkt Ursula und legt das Buch mit Wucht aus der Hand. Er müßte sich schöner freuen können. Es gibt so wenig Menschen, die sich schön freuen können.“

(aus Victoria Wolff „Die Welt ist blau“, S.125)

Doch „Der Sommer ist blau“ ist – trotz der dunklen Schatten des Nationalsozialismus, die sich nur andeutungsweise zwischen den Zeilen erahnen lassen – ein lebensfroher und stimmungsvoller Sommer- und Urlaubsroman, der mit einer verblüffenden Wendung aufwartet.
Und so wie die junge Frau im Roman sich von einem Zauberer faszinieren lässt, so erliegt man als LeserIn dem Charme der schnörkellosen, kristallklaren und doch raffinierten Sprache Victoria Wolff’s.

„Der Mann neben ihr in einem roten Hemd und einer weißen Leinenhose sieht mit brennendem ungesundem Blick im ganzen Saal nur diese eine Frau. Sicherlich weiß er kaum, wo er sich eigentlich befindet; sicherlich verzehrt er hastig das Glück dieser Gegenwart, die ebenso knapp sein wird wie die Bluse seiner Freundin.“

(aus Victoria Wolff „Die Welt ist blau“, S.141)

Ein sehr feminines, leichtes Buch mit Witz, welches Sommergefühl und Urlaubsatmosphäre atmet und sich der Zeit und dem Ort mit einer gewissen künstlerischen Leichtigkeit nähert.

Die männliche, teilweise schwermütigere, doch nicht weniger reizvolle Sicht auf den Ort am Lago Maggiore als Zuflucht und Exil zeichnet Edgar Rai in „Ascona“ aus der Perspektive des Schriftstellers Erich Maria Remarque, der ebenfalls 1933 Deutschland verlässt. Seine jüdische Geliebte drängt ihn, das Land zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen. Er versucht, an seinem Roman „Pat“ weiterzuarbeiten, der später als „Drei Kameraden“ veröffentlicht werden wird, findet jedoch zunächst keine rechte Konzentration.

„Er liebte seine Künstlereinsamkeit, doch sobald er sich in sie hineinbegab, krochen die Dämonen aus den Ecken. Aber nur dann war er gut. Er musste in Gefahr schweben, wenn er verstehen wollte, worum es ihm beim Schreiben wirklich ging. Vielleicht konnte ihm jetzt etwas Großes gelingen. Der See, die Schönheit. Während man in Deutschland den Verstand verlor.“

(aus Edgar Rai „Ascona“, S.16/17)

In seinem luxuriösen Domizil am See – der Villa Casa Monte Tabor – zieht er sich zurück, erhält mäßig erwünschten Besuch von seiner Ex-Frau Jutta, quält sich mit seinem Roman. Das vermeintliche Paradies empfindet der von Depressionen geplagte Schriftsteller teils als goldenen Käfig abgeschnitten von seinem Publikum.

Doch Ascona füllt sich mehr und mehr, das Who is Who der Künstlerszene beginnt sich dort im Exil zu versammeln: Marianne von Werefkin, Tilla Durieux, Else Lasker-Schüler, Emil Ludwig und viele weitere mehr. Man trifft sich und trinkt gemeinsam im Caffè Verbano, während in Deutschland Hitler Reichskanzler wird, der Reichstag brennt, Remarque’s Bücher öffentlich verbrannt werden, Tucholsky Selbstmord begeht oder 1936 die Olympiade in Berlin stattfindet.

„In Zeiten wie diesen sollte jeder die Chance erhalten, sich durch Menschlichkeit auszuzeichnen.“

(aus Edgar Rai „Ascona“, S.61)

Auch seine besondere Beziehung zu Marlene Dietrich wird thematisiert.
Rai schafft auf gerade knapp 250 Seiten eine wichtige Zeit in Remarque’s Leben einzufangen, indem er gerade die zeitgeschichtlichen Aspekte, die Atmosphäre und die Gefühlswelt des sensiblen Autors sehr stimmig schildert und erfahrbar werden lässt.

Ich habe das Buch regelrecht verschlungen und fast in einem Rutsch gelesen, weil ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte. Spannend und packend geht das Buch unter die Haut und findet die richtigen Worte für die schwermütige, bedrohliche und bedrückende Lage Remarque’s und seiner Künstlerfreunde im Schweizer Exil.

Es wird deutlich, dass trotz des Lebens in Sicherheit und Wohlstand der besorgte Blick ständig auf die Schicksale der Freunde und Kollegen auf der Flucht und die sich stetig verschlechternde Lage in der Heimat gerichtet hat.

„Neuerdings waren alle Gefühle wie unter einem Brennglas vergrößert. Jeder Glücksmoment von überwältigender Schönheit, jede Trauer von schicksalshafter Endgültigkeit. Ein Leben im ununterbrochenen Bewusstsein der Vergänglichkeit, von allem.“

(aus Edgar Rai „Ascona“, S.80)

Gerade der Kontrast der beiden Bücher: die weibliche Sicht und die männliche Perspektive, die sommerliche Leichtigkeit gegen die hadernde Schwermut, das unmittelbare Werk der Zeitzeugin aus dem Jahr 1933 versus dem mit zeitlichem Abstand und der nötigen historischen Distanz einordnenden Autors – das machte für mich den Reiz aus, die Bücher gleich kurz hintereinander im direkten Kontext zu lesen.

Als Gemeinsamkeit lässt sich neben dem Schauplatz sicherlich feststellen, dass ich beide Lektüren als sehr bereichernd empfunden habe und daher uneingeschränkt empfehlen kann. Beide sollten bei einer Reise an den Lago Maggiore nicht im Gepäck fehlen.

Eine weitere, feine Besprechung zu „Die Welt ist blau“ gibt es bei Birgit Böllinger.

Eine weitere, schöne Besprechung zu Egar Rai’s „Ascona“ gibt es bei Sandra von Siebenthal’s Denkzeiten.

Buchinformationen:
Victoria Wolff, Die Welt ist blau
Ein Sommer-Roman aus Ascona
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
AvivA
ISBN: 978-3-932338-89-2

Edgar Rai, Ascona
Piper
ISBN: 978-3-492-07068-3

***

Wozu inspirierten bzw. woran erinnerten mich die beiden Ascona-Romane:

Für den Gaumen:
Während die kulinarischen Genüsse in Victoria Wolff’s „Die Welt ist blau“ mit Ravioli à la Bolognese – lediglich der „Nebiolo“ ist schon etwas extravaganter – noch vergleichsweise bodenständig ausfallen, so wird in „Ascona“ geschlemmt:

„Greta, die italienische Köchin, mit dem wiegenden Gang, hatte Ossobuco gekocht. Dazu Safranrisotto. (…) während der Cheval Blanc unangetastet auf dem Sims stand.“

(S.64)

Zum Weiterhören:
In „Ascona“ setzt sich Erich Maria Remarque an den Bechsteinflügel seiner Freunde und spielt Schumann:

„Opus 15, die Kinderszenen, von fremden Ländern und Menschen, G-Dur, so einfach wie wahr. Gebrochene Akkorde füllten die Stille, die Hoffnung auf etwas Schönes.“

(S.65)

Zum Weiterlesen (I):
Bei mir im Regal wartet – aktuell noch ungelesen – Edgar Rai’s Roman aus dem Jahr 2019 „Im Licht der Zeit“ über die Geschichte des Films „Der blaue Engel“, auf den ich mich auch schon freue und den ich ebenso bald lesen möchte. Literarisch wieder einmal abtauchen ins Berlin der späten Zwanziger Jahre und die Welt des Tonfilms. Die Recherchen zu diesem Roman stießen den Autor auch auf die Verbindung von Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque und somit auf den Stoff für „Ascona“.

Edgar Rai, Im Licht der Zeit
Piper
ISBN: 978-3-492-05886-5

Zum Weiterlesen (II):
Und natürlich weckt „Ascona“ auch das Interesse, sich wieder einmal mit dem Werk von Erich Maria Remarque selbst auseinander zu setzen. Vor allem sein Roman „Drei Kameraden“, den ich bisher noch nicht gelesen habe, spielt in Rai’s Roman eine große Rolle.

Erich Maria Remarque, Drei Kameraden
KiWi Taschenbuch
ISBN: 978-3462046311

Zum Weiterlesen (III):
Allen, die sich mehr mit dem Thema Literatur der Dreißiger Jahre und Exilliteratur beschäftigen möchten, kann ich Uwe Wittstock’s großartiges Buch „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ von ganzem Herzen empfehlen, das ich auch schon hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe.

Uwe Wittstock, Februar 33 – Der Winter der Literatur
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-77693-9

Wer hingegen mehr über die Künstlerkolonien (wie z.B. Barbizon, Skagen oder Worpswede) und den Monte Verità erfahren möchte, dem kann Andreas Schwab’s Sachbuch „Zeit der Aussteiger“ eine gute Orientierung geben. Hier geht es zu meiner Rezension.

Andreas Schwab, Zeit der Aussteiger
C.H. Beck Verlag
ISBN: 978-3-406-77524-6

Abschied vom anderen Leben

Reinhard Kuhnert’s Roman „Abgang ist allerwärts“ ist seine sehr persönliche, künstlerische und literarisch herausragende Auseinandersetzung mit einer entscheidenden Phase seines Lebens. Der Literat und Theaterautor fällt in den frühen 80er Jahren bei der SED-Parteispitze in Ungnade und verlässt letztlich sein Land. Eine Geschichte, die tief berührt und für den Leser eindrücklich erfahrbar macht, was Diktatur und Zensur für die Kunst und Kultur in einem Land – wie der ehemaligen DDR – bedeutet.

Elias Effert – die Hauptfigur des Romans – ist Künstler. Er schreibt unter anderem für die führenden Bühnen des Landes, ist gerade in Künstlerkreisen hoch angesehen und erfolgreich. Da ihm das Leben in Ostberlin oft zu laut und hektisch ist, sucht er in einem einsamen Mecklenburger Dorf an der Grenze zu Polen einen Rückzugsort und findet in einem alten Fachwerkhaus, das er günstig erwerben kann und anschließend renoviert, sein ganz persönliches Refugium, um in Ruhe arbeiten und schreiben zu können. Schon bald stellt sich heraus, dass dies keine Flucht in die Einsamkeit ist, sondern er bald ein integrierter Teil der kleinen Dorfgemeinschaft wird. Die Bewohner – nachdem er ihr Vertrauen und ihre Zuneigung gewonnen hat – vertrauen ihm bald auf der Straße, im kleinen Konsum und der Dorfkneipe ihre ganz persönlichen Geschichten und Lebensschicksale an und wachsen ihm ans Herz. Schnell ist der Ort nicht mehr Zweitwohnsitz, sondern sein Lebensmittelpunkt, sein Zuhause, sein Herzensort.

Schon bald jedoch verspürt er die volle Wucht und Unnachgiebigkeit des Systems, als er für einige „verfemte“ Künstlerkollegen Stellung bezieht. Ein unachtsamer Moment, eine unbedachte Aussage bzw. auch nur eine Äußerung, die politisch unerwünscht ist, reicht, um dauerhaft in Ungnade zu fallen.

„Dabei hätte ihm klar sein müssen, dass er nach der öffentlichen Aufmerksamkeit im Roten Rathaus nicht nur mit der öffentlichen Aufmerksamkeit, sondern auch mit der versteckten rechnen musste.“

(S.49)

Vorbei die Zeit der Erfolge und plötzlich hagelt es Absagen und Zurückweisungen. Ein Stück wird noch vor der Premiere abgesagt, der Hörfunk weigert sich, seine Texte zu senden. Seine Werke werden ignoriert, boykottiert und zensiert. Funktionäre der Partei versuchen, ihn wieder auf Spur zu bringen, setzen ihn unter Druck.

„Die Charaktere in meinen Texten haben bis gestern gesprochen, inzwischen wird alles daran gesetzt, sie zum Schweigen zu bringen. Ihre Misstöne sind im verordneten Gleichklang nicht länger erwünscht, und nun wird der Autor dafür haftbar gemacht.“

(S.132)

Nach und nach reift in ihm die Überlegung, seiner Heimat – diesem „halben“ Land – den Rücken zu kehren, die geliebten Menschen zurück zu lassen und schweren Herzens fasst er die Entscheidung, einen Ausreiseantrag zu stellen. Eine Zeit des bangen Wartens und der Ohnmacht beginnt.

„Dennoch hatte Effert unentwegt das Gefühl, Teil einer Inszenierung zu sein, bei der nicht er die Regie führte.“

(S. 152)

Kuhnert hat ein intensives, berührendes Buch über Verluste und Abschiede geschrieben, denn wie die Dorfbewohner stets kommentieren: „Abgang ist allerwärts“. Ob es die Möbel aus dem alten Schloss sind, die „verloren“ gehen oder ob die Dorfgemeinschaft geliebte Menschen an den Alkohol, den Tod oder die Nachbarrepublik verliert. Und dennoch bietet auch jeder Verlust und jeder Abschied wieder die Chance eines Neubeginns.

Der Autor hat ein hervorragendes Gespür für die Zeichnung von Figuren und Charakteren, die er mit viel Liebe zum Detail und sehr warmherzig für den Leser zum Leben erweckt. Menschen direkt aus dem Leben gegriffen, mit denen man sich mitfreut und mit denen man leidet. Ein Buch über Menschlichkeit, Zusammenhalt und Freundschaft, denn es sind die Bewohner dieses kleinen Dorfs, die in der Krisensituation zu ihm halten – während sich die Künstlerszene aus Selbstschutz von ihm abwendet.

Der Autor hat ein leises, poetisches und melodiöses Buch verfasst, in welchem er seine ganz persönliche Geschichte erzählt und man merkt in jeder Zeile, auf jeder Seite, wie viel es ihm bedeutet, diese in Worte zu fassen – eine wahre Herzensangelegenheit. Sein Abschied – vor allem von den Dorfbewohnern und seinem „anderen Leben“, wie er es nennt, war ihm damals nicht leicht gefallen und er lässt die Leser an dieser schmerzvollen und prägenden Phase seines Lebens teilhaben. Das ist keine wütende Abrechnung, sondern er hat mit etwas zeitlicher Distanz einen klugen und eindringlichen Roman über die Zensur und das Leben von Künstlern in einer Diktatur geschrieben – ein Buch mit einer starken Aussage und die literarisch kunstvolle Aufarbeitung eines wichtigen Themas.

Reinhard Kuhnert hat – wie sein Romanpendant Elias Effert – Mitte der 80 Jahre die DDR verlassen und schrieb seither erfolgreich für Theater, Funk und Fernsehen. Sein Roman „Abgang ist allerwärts“ erschien ursprünglich 2013 im Leipziger Plöttner Verlag und liegt nun seit kurzem als vollständig überarbeitete Neuauflage im Mirabilis Verlag in einer schönen gebundenen, wertigen Ausgabe mit Lesebändchen und einer stimmungsvollen Umschlaggestaltung von Florian L. Arnold vor.

Ein Buch voller Herzenswärme und Lebensweisheit, eine Hymne auf den hohen Wert von Literatur, Kunst und Meinungsfreiheit und ein Roman, der aufgrund seiner wunderschönen Sprache ein wahrer Lesegenuss ist.

Eine weitere Besprechung zum Buch gibt es bei We read indie.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Mirabilis Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Fr. Böllinger von Sätze&Schätze, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat . Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Reinhard Kuhnert, Abgang ist allerwärts
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-9818484-3-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Abgang ist allerwärts“:

Für den Gaumen:
Die Dorfbewohner verwöhnen Elias an einem kalten Wintertag in schwerer Zeit mit den einfachen und guten Lebensmitteln, die sie mit ihm teilen: Eier, Schinkenspeck, hausgemachte Schweinswurst, ein Suppenhuhn und das dazugehörige Gemüse. Ehrliche Produkte, die von Herzen kommen und die Seele wärmen sollen.

Zum Weiterhören:
Eine weitere Sicht eines Künstlers und Theatermenschen auf die Zeit in der ehemaligen DDR bietet das Hörbuch zur Autobiografie „Soundtrack meiner Kindheit“ , das Jan-Josef Liefers selbst eingesprochen hat. Kurzweilig und amüsant erzählt er über seine Kindheit und das Heranwachsen in der DDR, seine Schauspielausbildung und wie er den Mauerfall hautnah selbst erlebt hat.

Jan-Josef Liefers, Soundtrack meiner Kindheit
Autorenlesung
Argon
Laufzeit (4CDs): 4h 31 Minuten
ISBN: 978-3-8398-9042-4

Zum Weiterlesen (1):
Ebenfalls im Mirabilis Verlag erschienen ist die Fortsetzung der Geschichte Elias Efferts „In fremder Nähe“, welche direkt an „Abgang ist allerwärts“ anknüpft und die Zeit nach der Ausreise des Künstlers in Westberlin und während der Wende erzählt. Die Neugier meinerseits auf den Folgeroman ist auf jeden Fall geweckt:

Reinhard Kuhnert, In fremder Nähe
Mirabilis
ISBN: 978-3-9818484-9-6

Zum Weiterlesen (2):
Elias Effert – die Hauptfigur des Romans – reist nach Westberlin, um dort zu Kurt Eisner zu recherchieren – er möchte ein Stück über den linken, sozialdemokratischen Politiker schreiben, der kurz Bayern regierte. Informationen über ihn waren in der DDR nicht zugänglich und wurden unter Verschluss gehalten. Wer heute jedoch mehr über Kurt Eisner und die turbulente Zeit der Münchner Räterepublik erfahren möchte, der kann – ohne Einschränkungen – gerne zu Volker Weidermanns „Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen“ greifen – eine gelungene literarische Annäherung an diese Zeit.

Volker Weidermann, Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04714-1

Mahlers letzte Reise

Ich bin immer noch überwältigt von der Lektüre des neuen Romans von Robert Seethaler „Der letzte Satz“ und suche nach den richtigen Worten, die diesem berührenden, außergewöhnlichen und intensiven Buch gerecht werden.

Seethaler begleitet Gustav Mahler auf dem Deck eines Ozeandampfers auf seiner letzten Überfahrt von Amerika nach Europa – der Komponist fährt nach Hause, um zu sterben. Er weiß um sein nahes Ende und er lässt in Gedanken bezeichnende Szenen und Momentaufnahmen seines Lebens Revue passieren. Einsam an Deck mit Blick auf das Meer, die Gischt und die Wolken, hängt der große Musiker und Dirigent seinen Gedanken nach und nur ein rühriger und aufgeweckter Schiffsjunge schaut von Zeit zu Zeit vorbei, um sich um den berühmten Passagier zu kümmern.

Seethaler zeigt Gustav Mahler in atmosphärischen, liebevoll beschriebenen kleinen Miniaturen von seinen unterschiedlichsten Seiten: den naturverbundenen Künstler, den trauernden Vater, den leidenden Liebenden, den eifersüchtigen Betrogenen, den besessenen Workaholic, den wütenden und schmerzgeplagten Sterbenden. Der österreichische Autor versteht in kurzen, klaren Sätzen mit einer unfassbaren Intensität ausdrucksstarke Facetten und den Charakter Mahlers vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen.

Man leidet mit diesem todkranken Mann, der in seinem Leben so viel erlebt und erreicht hat und doch noch nicht bereit ist, diese Welt zurückzulassen. Der Künstler und Komponist, der am liebsten ungestört und abgeschieden in seinem Komponierhäuschen in der Natur oft wie besessen an seinen Werken arbeitete und die Welt um sich vergaß. Der das Komponieren in stiller Abgeschiedenheit dem Dirigieren im Opernhaus mit allem Glamour und alle Querelen vorzog und des Wiener Klatsches und Tratsches leid war.

Der liebende Ehemann, dessen Liebe zu seiner schillernden und exzentrischen Frau Alma ungebrochen, am Ende doch aber einseitig und nicht mehr erwidert wurde. Die deutlich jüngere, schöne Frau, die er über alles liebte, die ihn aber durch Affären in rasende Eifersucht und tiefe Verzweiflung stürzte. So schafft Mahler es nicht einmal, den Namen seines Rivalen um Almas Gunst auszusprechen und nennt ihn nur abwertend den „Baumeister“ – gemeint ist kein Geringerer als Walter Gropius, Architekt und Gründer des Bauhauses.

Und da ist Mahler der liebevolle und tief trauernde Vater, der den Verlust seiner ersten Tochter nicht überwinden kann und sich nach der Nähe seiner Kinder und einem heilen Familienleben sehnt.

Seethaler zeichnet einen Menschen, der zerrissen ist von Selbstzweifeln und den Anstrengungen seines Lebens als Künstler und als Liebender. Dem der kraftraubende Schaffensprozess und das Leben alles abverlangt – geplagt von Trauer und Schmerz am Ende seines Lebens.

Fasziniert hat mich die große Gabe, mit welcher Seethaler sprachlich meisterhaft Atmosphäre erzeugt: man riecht, schmeckt und hört geradezu das Meer und taucht ein in eine sinnliche, intensive und aufs Wesentliche konzentrierte Sprache, wie man sie nur selten zu lesen bekommt. Es gibt Sätze, die man sich auf der Zunge zergehen lassen und am liebsten gleich mehrfach und immer wieder lesen möchte, um sie auszukosten und ganz zu verinnerlichen.

Ein Buch wie ein Rausch, das einen Sog entwickelt, der nicht mehr loslässt. Am besten hat man einen Nachmittag Zeit, um sich ganz darin versenken zu können und es in einem Rutsch zu lesen. Ein Buch, das man sehr gut im Strandkorb mit Blick aufs Meer bei Wellenrauschen genießen und seinen Gedanken freien Lauf lassen kann. Aber auch jeder andere ruhige, zurückgezogene Ort ist geeignet – der Liegestuhl auf dem Balkon oder der Lesesessel im Wohnzimmer – Hauptsache man hat Zeit und Muße, sich ganz dem Buch widmen und darin vertiefen zu können.

Ein melancholisches, nachdenkliches und leises Buch, das mich tief bewegt hat und lange nachklingen wird – oder wie Seethaler selbst auf Seite 33 schreibt: „Man schlägt einen Ton an, und der schwingt dann weiter im Raum. Und trägt doch schon das Ende in sich.“ (Zitat)

Buchinformation:
Robert Seethaler, Der letzte Satz
Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-26788-6

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Wozu hat mich das Buch inspiriert, woran erinnert und wie lässt sich der Genuss vertiefen:

Für den Gaumen: Eine Tasse weißer Tee und ein Sommerapfel
(wer das Buch liest, weiß warum)

Für die Ohren:
Für mich passen hierzu Gustav Mahlers „Rückert-Lieder“, z.B. in der wundervollen Aufnahme mit dem Bass Günther Groissböck und Gerold Huber am Klavier auf dem Album „Herztod“ (erschienen bei Decca / Universal Music, 2018)

Für die Augen und den Geist:
Das Komponistenquartier in Hamburg hat dem Komponisten ein eigenes Museum mit sehenswerter, kleiner, aber feiner Ausstellung in schönen Räumlichkeiten gewidmet – für Musikliebhaber lohnt sich ein Besuch.

Für weiteren literarischen Genuss:
Von Robert Seethaler stehen bei mir schon im Regal und sind ebenfalls sehr zu empfehlen, wenn man schöne Sprache und tiefgründige Literatur liebt:

  • Robert Seethaler „Der Trafikant“;
    Kein & Aber, ISBN: 978-3-0369-5909-2
    (Dieser Roman war mein Einstieg in Seethalers Werk und hat mein Leserherz im Sturm erobert.)
  • Robert Seethaler „Ein ganzes Leben“;
    Hanser Berlin, ISBN 978-3-446-24645-4
    (Ein herzerwärmendes, literarisches Kleinod über ein einfaches Leben in einem abgeschiedenen Alpendorf.)

Wer mehr über das aufregende Leben und die Lieben der Alma Mahler-Werfel erfahren will, liegt mit folgender, sehr gut lesbarer Biografie goldrichtig:

  • Oliver Hilmes „Witwe im Wahn“;
    btb Verlag, ISBN: 978-3-442-73411-5