Abschied vom anderen Leben

Reinhard Kuhnert’s Roman „Abgang ist allerwärts“ ist seine sehr persönliche, künstlerische und literarisch herausragende Auseinandersetzung mit einer entscheidenden Phase seines Lebens. Der Literat und Theaterautor fällt in den frühen 80er Jahren bei der SED-Parteispitze in Ungnade und verlässt letztlich sein Land. Eine Geschichte, die tief berührt und für den Leser eindrücklich erfahrbar macht, was Diktatur und Zensur für die Kunst und Kultur in einem Land – wie der ehemaligen DDR – bedeutet.

Elias Effert – die Hauptfigur des Romans – ist Künstler. Er schreibt unter anderem für die führenden Bühnen des Landes, ist gerade in Künstlerkreisen hoch angesehen und erfolgreich. Da ihm das Leben in Ostberlin oft zu laut und hektisch ist, sucht er in einem einsamen Mecklenburger Dorf an der Grenze zu Polen einen Rückzugsort und findet in einem alten Fachwerkhaus, das er günstig erwerben kann und anschließend renoviert, sein ganz persönliches Refugium, um in Ruhe arbeiten und schreiben zu können. Schon bald stellt sich heraus, dass dies keine Flucht in die Einsamkeit ist, sondern er bald ein integrierter Teil der kleinen Dorfgemeinschaft wird. Die Bewohner – nachdem er ihr Vertrauen und ihre Zuneigung gewonnen hat – vertrauen ihm bald auf der Straße, im kleinen Konsum und der Dorfkneipe ihre ganz persönlichen Geschichten und Lebensschicksale an und wachsen ihm ans Herz. Schnell ist der Ort nicht mehr Zweitwohnsitz, sondern sein Lebensmittelpunkt, sein Zuhause, sein Herzensort.

Schon bald jedoch verspürt er die volle Wucht und Unnachgiebigkeit des Systems, als er für einige „verfemte“ Künstlerkollegen Stellung bezieht. Ein unachtsamer Moment, eine unbedachte Aussage bzw. auch nur eine Äußerung, die politisch unerwünscht ist, reicht, um dauerhaft in Ungnade zu fallen.

„Dabei hätte ihm klar sein müssen, dass er nach der öffentlichen Aufmerksamkeit im Roten Rathaus nicht nur mit der öffentlichen Aufmerksamkeit, sondern auch mit der versteckten rechnen musste.“

(S.49)

Vorbei die Zeit der Erfolge und plötzlich hagelt es Absagen und Zurückweisungen. Ein Stück wird noch vor der Premiere abgesagt, der Hörfunk weigert sich, seine Texte zu senden. Seine Werke werden ignoriert, boykottiert und zensiert. Funktionäre der Partei versuchen, ihn wieder auf Spur zu bringen, setzen ihn unter Druck.

„Die Charaktere in meinen Texten haben bis gestern gesprochen, inzwischen wird alles daran gesetzt, sie zum Schweigen zu bringen. Ihre Misstöne sind im verordneten Gleichklang nicht länger erwünscht, und nun wird der Autor dafür haftbar gemacht.“

(S.132)

Nach und nach reift in ihm die Überlegung, seiner Heimat – diesem „halben“ Land – den Rücken zu kehren, die geliebten Menschen zurück zu lassen und schweren Herzens fasst er die Entscheidung, einen Ausreiseantrag zu stellen. Eine Zeit des bangen Wartens und der Ohnmacht beginnt.

„Dennoch hatte Effert unentwegt das Gefühl, Teil einer Inszenierung zu sein, bei der nicht er die Regie führte.“

(S. 152)

Kuhnert hat ein intensives, berührendes Buch über Verluste und Abschiede geschrieben, denn wie die Dorfbewohner stets kommentieren: „Abgang ist allerwärts“. Ob es die Möbel aus dem alten Schloss sind, die „verloren“ gehen oder ob die Dorfgemeinschaft geliebte Menschen an den Alkohol, den Tod oder die Nachbarrepublik verliert. Und dennoch bietet auch jeder Verlust und jeder Abschied wieder die Chance eines Neubeginns.

Der Autor hat ein hervorragendes Gespür für die Zeichnung von Figuren und Charakteren, die er mit viel Liebe zum Detail und sehr warmherzig für den Leser zum Leben erweckt. Menschen direkt aus dem Leben gegriffen, mit denen man sich mitfreut und mit denen man leidet. Ein Buch über Menschlichkeit, Zusammenhalt und Freundschaft, denn es sind die Bewohner dieses kleinen Dorfs, die in der Krisensituation zu ihm halten – während sich die Künstlerszene aus Selbstschutz von ihm abwendet.

Der Autor hat ein leises, poetisches und melodiöses Buch verfasst, in welchem er seine ganz persönliche Geschichte erzählt und man merkt in jeder Zeile, auf jeder Seite, wie viel es ihm bedeutet, diese in Worte zu fassen – eine wahre Herzensangelegenheit. Sein Abschied – vor allem von den Dorfbewohnern und seinem „anderen Leben“, wie er es nennt, war ihm damals nicht leicht gefallen und er lässt die Leser an dieser schmerzvollen und prägenden Phase seines Lebens teilhaben. Das ist keine wütende Abrechnung, sondern er hat mit etwas zeitlicher Distanz einen klugen und eindringlichen Roman über die Zensur und das Leben von Künstlern in einer Diktatur geschrieben – ein Buch mit einer starken Aussage und die literarisch kunstvolle Aufarbeitung eines wichtigen Themas.

Reinhard Kuhnert hat – wie sein Romanpendant Elias Effert – Mitte der 80 Jahre die DDR verlassen und schrieb seither erfolgreich für Theater, Funk und Fernsehen. Sein Roman „Abgang ist allerwärts“ erschien ursprünglich 2013 im Leipziger Plöttner Verlag und liegt nun seit kurzem als vollständig überarbeitete Neuauflage im Mirabilis Verlag in einer schönen gebundenen, wertigen Ausgabe mit Lesebändchen und einer stimmungsvollen Umschlaggestaltung von Florian L. Arnold vor.

Ein Buch voller Herzenswärme und Lebensweisheit, eine Hymne auf den hohen Wert von Literatur, Kunst und Meinungsfreiheit und ein Roman, der aufgrund seiner wunderschönen Sprache ein wahrer Lesegenuss ist.

Eine weitere Besprechung zum Buch gibt es bei We read indie.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Mirabilis Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Fr. Böllinger von Sätze&Schätze, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat . Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Reinhard Kuhnert, Abgang ist allerwärts
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-9818484-3-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Abgang ist allerwärts“:

Für den Gaumen:
Die Dorfbewohner verwöhnen Elias an einem kalten Wintertag in schwerer Zeit mit den einfachen und guten Lebensmitteln, die sie mit ihm teilen: Eier, Schinkenspeck, hausgemachte Schweinswurst, ein Suppenhuhn und das dazugehörige Gemüse. Ehrliche Produkte, die von Herzen kommen und die Seele wärmen sollen.

Zum Weiterhören:
Eine weitere Sicht eines Künstlers und Theatermenschen auf die Zeit in der ehemaligen DDR bietet das Hörbuch zur Autobiografie „Soundtrack meiner Kindheit“ , das Jan-Josef Liefers selbst eingesprochen hat. Kurzweilig und amüsant erzählt er über seine Kindheit und das Heranwachsen in der DDR, seine Schauspielausbildung und wie er den Mauerfall hautnah selbst erlebt hat.

Jan-Josef Liefers, Soundtrack meiner Kindheit
Autorenlesung
Argon
Laufzeit (4CDs): 4h 31 Minuten
ISBN: 978-3-8398-9042-4

Zum Weiterlesen (1):
Ebenfalls im Mirabilis Verlag erschienen ist die Fortsetzung der Geschichte Elias Efferts „In fremder Nähe“, welche direkt an „Abgang ist allerwärts“ anknüpft und die Zeit nach der Ausreise des Künstlers in Westberlin und während der Wende erzählt. Die Neugier meinerseits auf den Folgeroman ist auf jeden Fall geweckt:

Reinhard Kuhnert, In fremder Nähe
Mirabilis
ISBN: 978-3-9818484-9-6

Zum Weiterlesen (2):
Elias Effert – die Hauptfigur des Romans – reist nach Westberlin, um dort zu Kurt Eisner zu recherchieren – er möchte ein Stück über den linken, sozialdemokratischen Politiker schreiben, der kurz Bayern regierte. Informationen über ihn waren in der DDR nicht zugänglich und wurden unter Verschluss gehalten. Wer heute jedoch mehr über Kurt Eisner und die turbulente Zeit der Münchner Räterepublik erfahren möchte, der kann – ohne Einschränkungen – gerne zu Volker Weidermanns „Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen“ greifen – eine gelungene literarische Annäherung an diese Zeit.

Volker Weidermann, Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04714-1

Mahlers letzte Reise

Ich bin immer noch überwältigt von der Lektüre des neuen Romans von Robert Seethaler „Der letzte Satz“ und suche nach den richtigen Worten, die diesem berührenden, außergewöhnlichen und intensiven Buch gerecht werden.

Seethaler begleitet Gustav Mahler auf dem Deck eines Ozeandampfers auf seiner letzten Überfahrt von Amerika nach Europa – der Komponist fährt nach Hause, um zu sterben. Er weiß um sein nahes Ende und er lässt in Gedanken bezeichnende Szenen und Momentaufnahmen seines Lebens Revue passieren. Einsam an Deck mit Blick auf das Meer, die Gischt und die Wolken, hängt der große Musiker und Dirigent seinen Gedanken nach und nur ein rühriger und aufgeweckter Schiffsjunge schaut von Zeit zu Zeit vorbei, um sich um den berühmten Passagier zu kümmern.

Seethaler zeigt Gustav Mahler in atmosphärischen, liebevoll beschriebenen kleinen Miniaturen von seinen unterschiedlichsten Seiten: den naturverbundenen Künstler, den trauernden Vater, den leidenden Liebenden, den eifersüchtigen Betrogenen, den besessenen Workaholic, den wütenden und schmerzgeplagten Sterbenden. Der österreichische Autor versteht in kurzen, klaren Sätzen mit einer unfassbaren Intensität ausdrucksstarke Facetten und den Charakter Mahlers vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen.

Man leidet mit diesem todkranken Mann, der in seinem Leben so viel erlebt und erreicht hat und doch noch nicht bereit ist, diese Welt zurückzulassen. Der Künstler und Komponist, der am liebsten ungestört und abgeschieden in seinem Komponierhäuschen in der Natur oft wie besessen an seinen Werken arbeitete und die Welt um sich vergaß. Der das Komponieren in stiller Abgeschiedenheit dem Dirigieren im Opernhaus mit allem Glamour und alle Querelen vorzog und des Wiener Klatsches und Tratsches leid war.

Der liebende Ehemann, dessen Liebe zu seiner schillernden und exzentrischen Frau Alma ungebrochen, am Ende doch aber einseitig und nicht mehr erwidert wurde. Die deutlich jüngere, schöne Frau, die er über alles liebte, die ihn aber durch Affären in rasende Eifersucht und tiefe Verzweiflung stürzte. So schafft Mahler es nicht einmal, den Namen seines Rivalen um Almas Gunst auszusprechen und nennt ihn nur abwertend den „Baumeister“ – gemeint ist kein Geringerer als Walter Gropius, Architekt und Gründer des Bauhauses.

Und da ist Mahler der liebevolle und tief trauernde Vater, der den Verlust seiner ersten Tochter nicht überwinden kann und sich nach der Nähe seiner Kinder und einem heilen Familienleben sehnt.

Seethaler zeichnet einen Menschen, der zerrissen ist von Selbstzweifeln und den Anstrengungen seines Lebens als Künstler und als Liebender. Dem der kraftraubende Schaffensprozess und das Leben alles abverlangt – geplagt von Trauer und Schmerz am Ende seines Lebens.

Fasziniert hat mich die große Gabe, mit welcher Seethaler sprachlich meisterhaft Atmosphäre erzeugt: man riecht, schmeckt und hört geradezu das Meer und taucht ein in eine sinnliche, intensive und aufs Wesentliche konzentrierte Sprache, wie man sie nur selten zu lesen bekommt. Es gibt Sätze, die man sich auf der Zunge zergehen lassen und am liebsten gleich mehrfach und immer wieder lesen möchte, um sie auszukosten und ganz zu verinnerlichen.

Ein Buch wie ein Rausch, das einen Sog entwickelt, der nicht mehr loslässt. Am besten hat man einen Nachmittag Zeit, um sich ganz darin versenken zu können und es in einem Rutsch zu lesen. Ein Buch, das man sehr gut im Strandkorb mit Blick aufs Meer bei Wellenrauschen genießen und seinen Gedanken freien Lauf lassen kann. Aber auch jeder andere ruhige, zurückgezogene Ort ist geeignet – der Liegestuhl auf dem Balkon oder der Lesesessel im Wohnzimmer – Hauptsache man hat Zeit und Muße, sich ganz dem Buch widmen und darin vertiefen zu können.

Ein melancholisches, nachdenkliches und leises Buch, das mich tief bewegt hat und lange nachklingen wird – oder wie Seethaler selbst auf Seite 33 schreibt: „Man schlägt einen Ton an, und der schwingt dann weiter im Raum. Und trägt doch schon das Ende in sich.“ (Zitat)

Buchinformation:
Robert Seethaler, Der letzte Satz
Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-26788-6

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Wozu hat mich das Buch inspiriert, woran erinnert und wie lässt sich der Genuss vertiefen:

Für den Gaumen: Eine Tasse weißer Tee und ein Sommerapfel
(wer das Buch liest, weiß warum)

Für die Ohren:
Für mich passen hierzu Gustav Mahlers „Rückert-Lieder“, z.B. in der wundervollen Aufnahme mit dem Bass Günther Groissböck und Gerold Huber am Klavier auf dem Album „Herztod“ (erschienen bei Decca / Universal Music, 2018)

Für die Augen und den Geist:
Das Komponistenquartier in Hamburg hat dem Komponisten ein eigenes Museum mit sehenswerter, kleiner, aber feiner Ausstellung in schönen Räumlichkeiten gewidmet – für Musikliebhaber lohnt sich ein Besuch.

Für weiteren literarischen Genuss:
Von Robert Seethaler stehen bei mir schon im Regal und sind ebenfalls sehr zu empfehlen, wenn man schöne Sprache und tiefgründige Literatur liebt:

  • Robert Seethaler „Der Trafikant“;
    Kein & Aber, ISBN: 978-3-0369-5909-2
    (Dieser Roman war mein Einstieg in Seethalers Werk und hat mein Leserherz im Sturm erobert.)
  • Robert Seethaler „Ein ganzes Leben“;
    Hanser Berlin, ISBN 978-3-446-24645-4
    (Ein herzerwärmendes, literarisches Kleinod über ein einfaches Leben in einem abgeschiedenen Alpendorf.)

Wer mehr über das aufregende Leben und die Lieben der Alma Mahler-Werfel erfahren will, liegt mit folgender, sehr gut lesbarer Biografie goldrichtig:

  • Oliver Hilmes „Witwe im Wahn“;
    btb Verlag, ISBN: 978-3-442-73411-5