Bonner Intrigen

Dieses Jahr am 27. April jährt sich das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt von 1972 zum 50. Mal. Der langjährige politische Korrespondent Hartmut Palmer, der unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, den SPIEGEL und das Magazin Cicero arbeitete, hat mit „Verrat am Rhein“ einen spannenden Roman über die damaligen Geschehnisse geschrieben. Ein interessantes und fesselndes Spiel mit Fakten, Fiktion und einer möglichen Version dieses Kapitels der deutschen Geschichte.

„Es geht nicht um Verjährung“, antwortete Zink, „es geht darum, wie es damals war, was wirklich passiert ist. Um die historische Wahrheit geht’s, wenn du verstehst, was ich meine.“ Aber er spürte, dass Krull natürlich genau den wunden Punkt getroffen hatte: Wen sollte das heute überhaupt noch interessieren, was vor mehr als vierzig Jahren hinter den Bonner Kulissen gelaufen ist?“

(S.83)

Das Bonner Politgeschehen und die Zeit der Siebziger Jahre ist in meiner Wahrnehmung literarisch weniger häufig im Fokus als andere Perioden der deutschen Geschichte. Um so neugieriger war ich auf diesen Roman – der packender ist als so mancher Krimi, auch wenn er nicht als solcher bezeichnet wird.

Kurt Zink – ein langgedienter politischer Journalist und gut vernetzter Kenner der deutschen Politikszene – soll viele Jahre nach der Wende für einen mittlerweile erfolgreichen Unternehmer eine Biografie schreiben, die das Geburtsgeschenk seiner Frau an ihn werden soll. Sie behauptet tatsächlich, ihr Mann hätte als ehemaliger Stasi-Offizier im Dienst des DDR-Spionagechefs Markus Wolf eine entscheidende Rolle am Scheitern des Misstrauensvotums gegen Willy Brandt 1972 gespielt.

Der Journalist beginnt zu recherchieren und gerät immer mehr in den Strudel der damaligen Ereignisse. Er taucht ein in eine Geschichte voll politischer Intrigen, mit gekauften Stimmen, Spionen und Geheimdiensten und sensationellen Enthüllungen. Seine Recherchen führen ihn weit zurück in die Vergangenheit und er kommt zugleich einer tragischen Familiengeschichte auf die Spur.

Palmer beschreibt die Siebziger Jahre atmosphärisch als eine vorwiegend von Männern geprägte Welt zwischen verrauchten Kneipen in Bonn und der ständigen Vertretung in Ost-Berlin. Er versteht es, interessante Charaktere zu erschaffen, welche in nahezu bester James Bond-Manier ihre Strippen ziehen und die Handlung immer mehr an Fahrt aufnehmen lassen.

Mich hat Palmer’s Roman sofort in seinen Bann gezogen und immer wieder dazu gebracht, nachzulesen, zu recherchieren und mich mit den damaligen geschichtlichen Ereignissen zu beschäftigen. Einmal begonnen entfacht „Verrat am Rhein“ einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Das wahre Leben schreibt oft die aufregendsten Geschichten und man liest – auch dank Palmer’s flüssigem Stil – mit zunehmender, atemloser Spannung. Man will wissen: was ist Dichtung, was ist Wahrheit? Das Buch ist ein faszinierendes, literarisches Spiel zwischen Fakten und Fiktion.

Man spürt bei der Lektüre, dass Palmer als Journalist sein Handwerkszeug versteht und er gewährt anhand der Romanfigur Kurt Zink auch einen Einblick in die Arbeitsweise eines politischen Journalisten, in die Recherche, das Aufspüren und den Umgang mit Quellen und Nachrichten.

Der Autor selbst war von 1968 bis 2015 als politischer Korrespondent in Bonn und Berlin hautnah am politischen Geschehen und den Politikerinnen und Politikern dran – all seine Erfahrungen stecken jetzt auch in diesem Roman und er erzählt auf fiktive Art und Weise eine für ihn mögliche, denkbare Version dieser Episode der deutschen Geschichte.

Im Nachwort, das die Handlung des Romans noch einmal auf reale und fiktive Elemente, Beweisbares und Unbeweisbares durchleuchtet, zieht Palmer folgendes Fazit:

„So entstand zwar kein Enthüllungsroman. Wohl aber der Roman einer Enthüllung.“

(S.404)

Wer sich für Politik, deutsche Geschichte und die Zeit der Siebziger bzw. für Willy Brandt’s Kanzlerschaft interessiert, bekommt hier einen unterhaltsamen, fesselnden Roman über politische Machtspiele, Geheimdienste und Spionage geboten, der zweifelsohne lesenswert und lehrreich zugleich ist.

Auf der Website des Deutschen Bundestags gibt es eine offizielle Version und ebenso lesenswerte Zusammenfassung des Misstrauensvotums von 1972.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Hartmut Palmer, Verrat am Rhein
Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-8392-0205-0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Hartmut Palmer’s „Verrat am Rhein“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch ist für reichlich Kontrast gesorgt:
In der Schumannklause – einer Bonner Szenenkneipe, vom Autor auch als „fröhliche Kaschemme“ bezeichnet – geht es bodenständig zu und das Angebot ist übersichtlich:

„Es gab drei Flipper, zwei verschiedene Sorten Suppe, Schmalzbrote und jede Menge Bier, Wein und Sense, ein Gemisch aus Apfelsaft und Korn, das nicht nach Gläsern bestellt, bemessen und konsumiert wurde, sondern zentimeterweise nach der Länge der auf der Theke aufgereihten Gläser.“

(S.132)

Im Ost-Berliner Café Moskau hingegen – einem „exklusiven Treffpunkt für Diplomaten und hochrangige Genossen“ (S.147) geht es um einiges exquisiter zu:

„Der Kellner brachte zuerst ein Tablett mit kleinen kalten Vorspeisen: eingelegter Hering und Sprotten, gefüllte Teigtaschen, Eiersalat mit viel Mayonnaise, verschiedene Sülzen, auch Wurst und belegte Brötchen oder dunkles Brot. Dazu gleich am Anfang Kaviar, abwechselnd Wodka und Wasser aus großen Gläsern. Als Hauptgericht hatte sie sich, (…) für Bœuf Stroganoff entschieden, auf den Punkt gegart, mit grünen Bohnen und Piroggen. Dazu (…) einen samtweichen georgischen Rotwein (…)“

(S.148/149)

Zum Weiterhören:
Der sagenumwobene Stoff um Castor und Pollux – die berühmten Zwillingsbrüder, von welchen lediglich einer unsterblich ist – spielt im Roman eine nicht unwesentliche Rolle. Vertont wurde diese Sage bereits durch Jean-Philippe Rameau in seiner Oper „Castor et Pollux“ aus dem Jahr 1737.

Zum Weiterlesen:

„Sie hatte bisher nur den Text auf der Hülle gelesen und nicht so richtig verstanden, warum Isolde ihrer alten Freundin Annemarie ausgerechnet dieses Hörbuch geschenkt hatte, das von Dresden handelte, von der Zerstörung der Stadt und von den seelischen Verwüstungen, die diese Katastrophe bei den überlebenden Opfern und Tätern ausgelöst hatte.“

(S.56)

Harry Mulisch ist mir bisher vor allem – vor langer Zeit – als Schullektüre begegnet. Damals war es sein Roman „Das Attentat“, der uns im Unterricht beschäftigte. Aber die obige Beschreibung von „Das steinerne Brautbett“ reichte für mich, den Titel sofort auf meine gedankliche Merkliste zu setzen.

Harry Mulisch, Das steinerne Brautbett
Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-22192-1

Schweizer Schiffsausflug

Heute gibt es eine Sommer-Spezialausgabe meiner literarischen Europareise (alias Europabowle), denn ich reise ausnahmsweise in ein Nicht-EU-Land, das aber dennoch auf der Tour nicht fehlen sollte: in das Nachbarland – die Schweiz.
Rolf Käppeli – geboren in Luzern – hat mit seinem Roman „Vom Ende einer Rütlifahrt“ ein Stimmungsbild der Schweizer Gesellschaft im Juli 1944 literarisch eingefangen. Kriegszeiten in der neutralen Schweiz – was bewegt die Menschen, wie stehen sie zur neutralen Haltung ihres Heimatlandes, welche Sorgen, Nöte oder Ängste treiben die Bevölkerung um?

Den Rahmen für all diese Fragen bildet eine Schifffahrt auf dem Vierwaldstätter See. Der Eigentümer einer Chemiefabrik lädt – anlässlich seiner Vermählung – seine Frau zur Hochzeitsreise und zugleich seine Belegschaft zu einem Betriebsausflug ein. Der Höhepunkt soll der Besuch der Rütliwiese sein – jenem legendenumrankten Ort, der auch als „Wiege der Schweiz“ bezeichnet wird.

„Auf dem Schiff, im Schillerstübli, bei einem guten Glas Weißen, oder auf dem Oberdeck neben dem Kapitän, umringt von Schweizer Bergen, da entschwebt, was uns bekümmert.“

(S.22)

Das Hochzeitspaar Erika und Karl musste kriegsbedingt auf große Feierlichkeiten und eine Auslandsreise verzichten. Der deutlich ältere Karl konnte Erika mit seiner Liebe zur Natur für sich gewinnen. Dass die Chemiefabrik jedoch häufig auch im Widerspruch zu Natur- und Umweltschutz steht und die Firma Karl’s bestimmender Lebensinhalt ist, den er nicht vollumfänglich oder nur selten mit Erika teilt, könnte bald eine Belastung für die noch junge Beziehung werden. Dass Erika zudem Sympathien für die Frauenrechtsbewegung hegt und sehr dem Fortschritt zugewandt ist, verringert die entstehenden Gräben zwischen den Eheleuten ebenfalls nicht.

Die zusammengewürfelte Reisegruppe auf dem Raddampfer „Schiller“ bildet einen Querschnitt durch die Schweizer Gesellschaft der damaligen Zeit: einfache Arbeiter, Gewerkschafter, eine ambitionierte Frauenrechtlerin und Kindergärtnerin, Parteigenossen, Führungskräfte – der Wunsch nach Veränderung trifft auf konservatives Traditionsbewusstsein.

Was als festliche und unbeschwerte Hochzeitsfeierlichkeit beginnt, kippt bald ins Politische. Schnell entbrennen Gespräche, die Missstände und Diskussionspunkte offenlegen.
Wie verträgt sich die Neutralität mit der Belieferung von Kunden in den Nachbarländern, die sich im Krieg befinden? Wie umgehen mit der Tatsache, dass man auch vom Krieg profitiert?
Nach dem Krieg und durch Rohstoffmangel könnten Arbeitsplätze gefährdet sein. Die Belegschaft befürchtet eine Abwanderung von Firmenteilen an andere Standorte und den Wegfall von Arbeitsplätzen.

Und so wird politisiert, debattiert und diskutiert – da treffen einfache Arbeiter auf die Führungsebene der Firma – Klassen- und Meinungsunterschiede inbegriffen.
Und als die junge Kindergärtnerin – welche schon aufgrund ihrer Sympathie für die pädagogischen Ideen Maria Montessori’s kritisch beäugt wird – die Aufmerksamkeit und die Gelegenheit gar zu einer nahezu politischen Kundgebung nutzen möchte, droht die Lage zu eskalieren.

„Ein Raunen und Reden erfüllt den Raum. Das Ansinnen, dass die Frau des Fabrikchefs, die Tagesbraut, es wagt, sich ungeniert in den Mittelpunkt der gewichtigen Versammlung zu rücken, dieser handstreichartige Eingriff in die kompakte Herrenrunde bewirkt eine Mischung aus Bewunderung und Empörung.“

(S.174)

Das Buch zu lesen, das als wertiges Hardcover mit einer nostalgischen Fotografie der idyllischen Landschaft auf dem Titel erschienen ist, die an eine alte Postkarte denken lässt, ähnelt auch ein wenig dem Gefühl durch ein Fotoalbum mit alten Schwarz-Weiß-Fotografien zu blättern. Vergangene Zeiten und Momentaufnahmen, die erst durch das Erklären und Erzählen der Geschichten zu den Bildern lebendig werden.

Käppeli greift einen ganz kurzen Zeitraum der Schweizer Geschichte im Jahr 1944 heraus und anhand eines Schiffsausflugs fängt er in Dialogen und Gesprächen zwischen den unterschiedlichen Ausflüglern an Bord des Raddampfers die damaligen Stimmungen und politischen Einstellungen der Menschen ein.

Das Fokussieren auf diesen kurzen Moment – die wenigen Stunden auf dem Schiff, welche die Reisenden zu einer Schicksalsgemeinschaft werden lassen – dienen ihm als Brennglas, um unter anderem wirtschaftliche Abhängigkeiten, die Schweizer Neutralität oder die zunehmende Forderung nach mehr Frauenrechten näher zu beleuchten.

So bleibt der Roman, der lediglich knapp 200 Seiten umfasst und mehr vom Meinungsaustausch und den Dialogen als von Handlung lebt, eine Momentaufnahme, ein Schnappschuss der Geschichte, der viele Gedanken nur kurz anreißen und nicht weiter ausführen kann. Und doch war es interessant, das Jahr 1944 auch einmal – wenn auch nur kurz – aus einer Schweizer Perspektive präsentiert zu bekommen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Rolf Käppeli, Vom Ende einer Rütlifahrt
Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-8392-0091-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Rolf Käppeli’s „Vom Ende einer Rütlifahrt“:

Für den Gaumen:
Auf dem Schiff wird neben Weißwein auch Süßmost serviert – in der Schweiz ist der Süßmost ein alkoholfreier Saft, der aus Äpfeln und oft auch aus Birnen gepresst wird und durch Erhitzen nicht zu gären beginnt.

Zum Weiterhören:
Die frisch vermählte Ehefrau wünscht sich statt einer traditionellen Älplermusik lieber eine Jazzband im Stile Teddy Stauffer’s an Bord: Mit „Goody Goody“ und „You can’t take it with you“ gibt es also progressivere Klänge auf dem Schiff.

Zum Weiterlesen:
Friedrich Schiller hat – obwohl er selbst nie in der Schweiz war – auf Anregung Goethes mit seinem „Wilhelm Tell“ ganz wesentlich zur Bekanntheit des Mythos und des Rütlischwurs beigetragen – dies wird auch in Käppeli’s Roman thematisiert.

Friedrich Schiller, Wilhelm Tell
Reclam
ISBN: 978-3-15-000012-0

Die starke Frau an Churchill’s Seite

„Männer sind nur so stark, wie die Frauen an ihrer Seite“ – eine Weisheit, die nicht neu ist und die sich dennoch immer wieder bewahrheitet. Auch Clementine Churchill war ein solches Paradebeispiel und Marie Benedict hat sie in ihrem neu erschienenen Roman „Lady Churchill“ aus dem Schatten des großen Winston Churchill ins Licht geholt. Ein eindrucksvolles Buch über eine bemerkenswerte Frau, die als emanzipierte Frau und ebenbürtige Partnerin an der Seite ihres Ehemanns Geschichte geschrieben hat.

„Mein Mann, der von Kaisern und Königen eingeladen und um Rat gebeten wird, bittet wiederum mich um Rat und verlässt sich in seinem Wahlkampf und der Politik, die er macht, auf mich.“

(S.65)

Benedict erzählt in ihrem Roman die Lebensgeschichte Clementine Churchill’s von ihrer Jugend an, sie berichtet vom Zeitpunkt als sie Winston Churchill kennen und lieben lernte und sie ihn – den 10 Jahre älteren Mann und bereits aufstrebenden Politiker – im Alter von 23 Jahren heiratete. Beide litten in ihrer Kindheit daran, dass sie sich von ihren Müttern – die einen teils unkonventionellen und unsteten Lebenswandel pflegten – vernachlässigt fühlten. Eine Gemeinsamkeit, welche die beiden lebenslang verband und um so mehr zusammenschmiedete. Churchill wusste die Intelligenz, Aufgeschlossenheit und Meinungsstärke seiner Frau stets zu schätzen. Während all seiner Karriereschritte, die ihn in so wichtige Ämter wie das des Innenministers, Marineministers, Schatzkanzlers und später zweimal das Amt des Premierministers führten, war sie stets Beraterin, politische Diskussionspartnerin und gleichberechtigte Vertrauensperson an seiner Seite.

Gemeinsam mit ihm durchlebte Clementine jedoch auch familiäre Höhen und Tiefen, sie bekam fünf Kinder und verlor eines davon – ihre Tochter Marigold – im Alter von nur drei Jahren. Ein Schicksalsschlag, der sie ihr Leben lang verfolgte und für den sie sich stets die Schuld gab, da sie ihr Kind in der Obhut eines Kindermädchens gelassen hatte. Benedict beleuchtet immer wieder die Zweifel Clementine’s, ihrer Rolle als Mutter nicht ausreichend gerecht zu werden und sich zu wenig zu kümmern – meist schien sie sich jedoch in den politischen Diskussionen mit ihrem Mann besser aufgehoben und zufriedener zu fühlen.
Auch musste sie sich regelmäßig gegen die Einmischungen der dominanten Schwiegermutter oder gegen die Avancen anderer Damen ihrem Mann gegenüber erwehren, der mit zunehmender Macht auch für andere Frauen immer attraktiver wurde.

„Ich bemühe mich täglich nach Kräften, Winston keinen Grund für einen seiner Tobsuchtsanfälle zu geben, unter anderem, in dem ich Gespräche über politische Themen vermeide, bei denen wir nicht einer Meinung sind.“

(S.224)

Wie Benedict in einigen Szenen beschreibt, fungierte Clementine auch häufig als beruhigendes und ausgleichendes Element im Kontrast zu ihrem oft aufbrausenden und cholerischen Gatten. Sie glättete die Wogen, wenn er das Personal wieder einmal schlecht behandelt oder zu Unrecht beschimpft hatte. Sie wusste, was er brauchte, um seine schwierigen Aufgaben erfüllen zu können und sorgte dafür, dass er es bekam – und war es nur ein Glas seines geliebten Champagners zur rechten Zeit.

Sie hielt in Niederlagen (wie seinem Rücktritt während des ersten Weltkriegs) und Siegen zu ihm und versuchte vor allem während seiner Zeit als Premierminister seinen Blick auch immer wieder auf die Sorgen und Nöte der Bevölkerung zu lenken. So sorgte sie für die nötige Erdung, hielt den Kontakt zu den Bürgern aufrecht, setzte sich für die Frauen ein und fungierte als „sein Sozialbarometer und Gewissen“ (S.284).

Auch wenn sich über die Jahre durchaus auch Meinungsunterschiede bei wichtigen politischen Themen – wie zum Beispiel der Indien-Frage – herausbildeten, hielt sie ihrem Ehemann stets den Rücken frei. So zum Beispiel war sie es, die stets auch prekäre finanzielle Situationen meisterte. Jedoch nahm sie sich über die Jahre auch zunehmend die Freiheiten, ihre Herzensthemen selbst in die Hand zu nehmen und voranzutreiben, wie zum Beispiel Suppenküchen, Entbindungskliniken oder die Verbesserung der hygienischen Zustände in den Luftschutzkellern während des zweiten Weltkriegs.

„Im Leben eines jeden Menschen gibt es offenbar eine richtungsweisende Entscheidung, eine Entscheidung, die von diesem Zeitpunkt an die eigenen Möglichkeiten einschränkt, weil sie gewisse Dinge für immer ausschließt, die aber gleichzeitig viele neue Möglichkeiten eröffnet.“

(S.340)

Marie Benedict deckt in ihrem Roman einen großen zeitlichen Rahmen ab und entführt die Leser in die Zeit der Suffragetten im Kampf um das Frauenwahlrecht, den ersten Weltkrieg bis hin zum zweiten Weltkrieg. Clementine Churchill (1885-1977) lebte in einer bewegten Zeit und der Leser begleitet sie durch wechselhafte und schwere Phasen, die sie mit ihrer zupackenden, klugen und offenen Art stets zu meistern wusste.

Der gefühlvolle Roman über diese starke Frau hat mich absolut gepackt und gefesselt, denn er ließ mich abtauchen in eine andere Zeit: die intensiven Schilderungen London’s während der Bombardierung, die Zustände in den Luftschutzkellern, die Gespräche und Beratungen im War Room – all das ist spannend und interessant zu lesen.
Obwohl man den Lauf der Geschichte kennt, schafft Benedict einen Spannungsbogen, der einen durch den ganzen Roman trägt und nicht mehr loslässt. Einmal begonnen, lässt sich das Buch nur schwer wieder weglegen.

Ein großartiger, lesenswerter Schmöker über eine außergewöhnliche, intelligente, emanzipierte und beachtenswerte Frau, die stets versuchte, Nachhaltiges und Gutes für die Bevölkerung und ihr Land zu bewirken und ihre Rolle als Gattin des Premierministers als gleichberechtigte, politische Sparringspartnerin auf Augenhöhe interpretierte und lebte.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim KiWi-Bloggerportal und dem Verlag Kiepenheuer&Witsch, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:

Marie Benedict, Lady Churchill
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05381-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Lady Churchill“:

Für den Gaumen:
Mit Ihrer Präsidentengattin-Kollegin Eleanor Roosevelt schmaust Clementine Churchill den in England sehr bekannten Battenbergkuchen. Dieser war mir bisher nicht bekannt und scheint wohl typisch britisch zu sein. Marion hat auf ihrem wunderbaren Blog „Schiefgelesen“ ein schönes Rezept des Kuchens in ihrer genialen Kategorie „Essen aus Büchern“ (Schiefgegessen) veröffentlicht (denn auch in Jane Gardam’s Roman „Eine treue Frau“ wird dieser Kuchen serviert). Wer also gerne dieses Kunstwerk aus zwei verschieden farbigen Biskuitteigen in einer Marzipanhülle nachbacken möchte, findet dort das passende Rezept und schöne Bilder.

Zum Weiterschauen:
Wer gerne mal einen guten Film schaut und mehr über Winston Churchill und die Zeit des Zweiten Weltkriegs erfahren möchte, dem sei „Die dunkelste Stunde“ aus dem Jahr 2017 empfohlen, der mich sehr beeindruckt hat und nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Gary Oldman, der Winston Churchill spielt, erhielt für die Hauptrolle den Oscar und Clementine Churchill wird im Film durch die bekannte Schauspielerin Kristin Scott Thomas verkörpert.

Zum Weiterschauen bzw. für einen Theaterbesuch:
Es war unglaublich schade, dass die für Dezember 2020 geplante Premiere des Landestheater Niederbayern von „The King’s Speech“ ausfallen musste, auf die ich mich so gefreut hatte. Ich hoffe sehr, dass das Landshuter Theaterpublikum jedoch noch irgendwann in den Genuss dieses Stückes kommen wird. Die Umsetzung des grandiosen Kinofilms als Theaterstück bietet dem Schauspiel-Ensemble sicherlich große Rollen, um zu brillieren. Und neben den Hauptrollen des Bertie und seines Sprachtherapeuten Lionel Logue, ist auch Winston Churchill mit von der Partie.

Zum Weiterlesen:
Lady Churchill ist bereits der zweite Roman von Marie Benedict, der die Biografie einer intelligenten und starken Frau erzählt. Der Vorgängerroman war der ersten Ehefrau Albert Einstein’s Mileva Marić gewidmet und ist ebenfalls sehr zu empfehlen:

Marie Benedict, Frau Einstein
Übersetzt von: Marieke Heimburger
KiWi-Taschenbuch
ISBN: 978-3-462-05343-2