Heldenhaft ins Blaue

Ein Buch in die Hand nehmen, es sich bequem machen und die Reise beginnt: Es geht ab nach Italien mit zwei Büchern, die sofort Lust auf das Land machen und den Zauber spürbar werden lassen: Tim Parks’ „Der Weg des Helden – Auf den Spuren Garibaldis von Rom nach Ravenna“ und Stefan Ulrich’s „Und wieder Azzurro – Die geheimnisvolle Leichtigkeit Italiens“.

Und obwohl sich die gewählten Routen und die Art des Reisens bei beiden doch deutlich unterscheiden, vereint beide Autoren die große Faszination und Liebe zu ihrer Wahlheimat (im Fall von Tim Parks) bzw. der ehemaligen Heimat auf Zeit (im Falle des früheren Rom-Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung Stefan Ulrich).

Tim Parks machte sich im August 2019 gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Eleonora Gallitelli auf eine 30-tägige Wandertour, um den Weg, den Giuseppe Garibaldi und seine Frau Anita im Jahr 1849 mit ihren Anhängern auf ihrer Flucht aus Rom zurücklegten, nachzugehen: Zu Fuß – lediglich mit Rucksäcken und Wanderstöcken – eine körperliche und psychische Herausforderung und eine ganz besondere Erfahrung.

Garibaldini lautete der Name, den die Italiener den Männern gaben, die freiwillig mit Garibaldi in den Kampf zogen. Man war sich einig, dass sie alle vom selben Schlag waren. Schon bald wurde der Begriff aus seinem spezifischen historischen Kontext herausgerissen und bezeichnete ganz allgemein Personen, die kühn und idealistisch sind, die Risiken eingehen, die vielleicht auch naiv, ja unüberlegt handeln.“

(aus Tim Parks „Der Weg des Helden“, S.21)

Basierend auf historischen Aufzeichnungen und Notizen von Zeitzeugen – suchen sie den Weg, aber auch die Beweggründe und die Motivation Garibaldi’s und seines Gefolges. Was bedeutete dieser Fußmarsch, bei dem es galt, den Verfolgern immer einen Schritt voraus sein zu müssen? Welche Schwierigkeiten, Widrigkeiten und Herausforderungen galt es zu meistern?

„Wir reden während der vielen Stunden unterwegs über alles Mögliche, aber ein Thema kommt immer wieder auf: Angst. Die banale Angst vor dem Verkehr, vor Hunden, davor, kein Bett für die Nacht zu finden. Die schwerwiegendere Angst, die alle an ihrem Platz im Leben ausharren lässt: die Angst, keinen neuen Job zu finden, wenn ich den jetzigen kündige, die Angst, nicht genug Geld zu haben, (…) Angst ist der größte Feind der Freiheit.“

(aus Tim Parks „Der Weg des Helden“, S.216)

Und so beschreibt Tim Parks nicht nur die geschichtlichen Ereignisse des Jahres 1849, sondern setzt sie in direkten Kontext mit seinen Reiseerfahrungen aus dem August 2019. Die vielen, steinigen Kilometer bei hochsommerlichen Temperaturen hinterlassen ebenso Spuren an Körper und Geist, wie die Begegnungen mit den Menschen (VermieterInnen, WirtInnen oder Baristas), die er auf seinem Weg trifft.

„Klar, wenn es das Wort pittoresk noch nicht gäbe, dann müsste man es für die Toskana erfinden. Sie ist unerbittlich schön, und das auf eine äußerst beruhigende Art. Die Landschaft hat nichts von der wilden Rauheit Latiums oder Umbriens. Jedes Foto taugt zur Postkarte.“

(aus Tim Parks „Der Weg des Helden“, S.223)

Die Route führt ihn von Rom über zahlreiche Stationen in kleinen und größeren Orten bis nach Ravenna – stets im bestmöglichen Gleichklang mit Garibaldi’s Reiseroute und Zeitplan von 1849.

„Die heiße Sonne, die diesige Luft und ein allgemeines Gefühl großer Weite führen unterwegs zu einer trägen Benommenheit. Man ist zugleich glücklich und erschöpft. Man möchte, dass die Wanderung ewig weitergeht, und man möchte, dass sie sofort vorbei ist.“

(aus Tim Parks „Der Weg des Helden“, S.373)

Die Lektüre ist nicht nur geschichtlich interessant, sondern auch in hohem Maße unterhaltsam und liest sich herrlich süffig und flüssig: Man lernt die Lasagne-Theorie kennen, bekommt ein aktuelles politisches Stimmungsbild des Landes, leidet mit bei Wespenstichen und Blasen an den Füßen oder der Panik über ein verlorenes Handy. Und man wird Zeuge von vielen interessanten Begegnungen mit Menschen in abgelegenen Agriturismi, beim stärkenden Espresso in der Bar oder dem wohlverdienten Abendessen nach langen Wandertagen.
Ein reiches, bereicherndes und vielseitiges Buch, das viel zu bieten hat und mir sehr gut gefallen hat.

Eine vollkommen andere Reise durch Italien – von Nord nach Süd mit einigen Schleifen und Abstechern – macht der ehemalige Rom-SZ-Korrespondent Stefan Ulrich in „Und wieder Azzurro“. Er möchte für sich die Frage beantworten, warum Italien für ihn – und für viele deutschsprachige Urlauber – bereits von Kindheit an Sehnsuchtsort Nummer eins ist.

„Ein Zauber Italiens geht von seinem Sinn für Farben aus. Vielleicht lautet die Formel für Italien überhaupt so: Farben und Licht.“

(aus Stefan Ulrich „Und wieder Azzurro“, S.93)

Ulrich geht den Faktoren und Ursachen seiner Italienliebe auf den Grund, versucht, diese zu enträtseln und auszuformulieren: Kunst, Kultur, Lebensart, Essen und Trinken, Farben und Licht, die Wärme und die Sprache… und … und … und…

„Ich weiß nicht mehr, wann mich das Italienische gepackt hat, diese vokalreiche, klangvolle Sprache, die so großzügig und sinnenfreudig ist wie das ganze Land.“

(aus Stefan Ulrich „Und wieder Azzurro“, S.108)

Es gibt viele Gründe, Italien zu lieben und so sucht er diese – zunächst gemeinsam mit seiner Tochter, dann mit seiner Frau und später alleine mit dem Auto reisend – an zahlreichen Orten: ob am Brenner, in der Bergwelt Südtirols, in Malcesine am Gardasee, in seiner geliebten Maremma oder in Städten wie Florenz oder Rom, aber auch an traumhaften Stränden, in abgelegenen Dörfern des Südens bis hin nach Sizilien und Trapani als letztem Ziel seiner Reise. Er erfreut sich am Wiedersehen mit Freunden und Bekannten, mit geliebten, altbekannten Orten und entdeckt doch auch neue, unbekannte Seiten des facettenreichen Landes.

Und wieder Mal habe auch ich bei der Lektüre viel gelernt und Neues erfahren: So zum Beispiel, dass Molise das italienische Bielefeld zu sein scheint, dass man Häuser in Italien für einen Euro kaufen kann – jedoch nur, wenn man sie dann auch entsprechend renoviert – oder dass es Mode aus Orangenschalen gibt.

Was mir jedoch bereits vor der Lektüre klar war, dass ich die Faszination für Italien mit Stefan Ulrich teile und er mir mit vielem aus der Seele spricht. Seine Begeisterung und Liebe zu diesem Land und seine reichen, fundierten und intelligenten – jedoch nie abgehobenen – Beobachtungen und Schilderungen fangen den Zauber auf unwiderstehliche Art ein.

Kein Wunder also, dass ich ihn nur zu gerne auf seiner Reise begleitet und mich jeden Abend aufs Weiterlesen gefreut habe. Ein Buch für Genießer. Und schon alleine die Literaturliste gibt wieder so viele Anregungen zum Weiterlesen und Weiterschmökern, dass es eine wahre Freude ist.

„Dieses satte, leuchtende Blau ist nicht nur die Farbe Marias, sondern auch Italiens. Wer an Italien denkt, der denkt an dessen blauen Himmel, das Meer, die Trikots der Fußball-Nationalmannschaft oder eben, wie Antonia, an Madonnen im blauen Mantel. Und ist Blau nicht auch die Farbe der Sehnsucht, der Weite, der Harmonie und der Freiheit, alles Empfindungen, die mit Italien verknüpft sind?“

(aus Stefan Ulrich „Und wieder Azzurro“, S.165)

Wer also wie ich gerne wieder einmal ausgiebig in Italiensehnsucht schwelgen möchte, der kann mit diesen beiden Büchern herrliche Lehn- oder Liegestuhlreisen unternehmen ohne sich Blasen an den Füßen laufen zu müssen oder auf der Autobahn im Stau zu stehen. Einfach eines der Bücher schnappen, abtauchen und einen blauen, italienischen Moment genießen!

Buchinformationen:
Tim Parks, Der Weg des Helden
Aus dem Englischen von Ulrike Becker
Kunstmann
ISBN: 978-3956144851

Stefan Ulrich, Und wieder Azzurro
dtv
ISBN: 978-3-423-35181-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich die beiden Italien-Bücher:

Für den Gaumen (I):
Bei den anstrengenden Tagesmärschen durch teils unwegsames Gelände und durch sengende Hitze, hat vor allem die Flüssigkeitszufuhr bzw. das Wasser, aber auch die „Cedrata“, welche sich Tim und Eleonora immer wieder gönnen, meist höchste Priorität. Und da sie sich vegetarisch ernähren freuen sie sich über „mit Reis gefüllte und mit Knoblauch, Minze und Basilikum gewürzte Tomaten, eine römische Spezialität“ (S.49) oder „pici con broccoli“ (S.253).

Für den Gaumen (II):
Dass die Küche Italiens bzw. die typischen Speisen und Getränke auch ein Grund für die Faszination des Landes sind, wird in „Und wieder Azzurro“ schnell klar:
Es wird stets gut gegessen und getrunken, z.B. „Tagliatelle al Tartufo“ oder Rinderbäckchen, bzw. „Guancalino di manzo, in Amarone geschmort, mit hausgemachter Polenta und Kürbispüree“ (S.73) – dazu gerne auch ein Glas Morellino di Scansano.

Zum Weiterhören:
Stefan Ulrich beginnt seine Italienreise im Norden des Landes und kommt da auch mit dem Ladinischen in Berührung – die Gruppe Ganes bietet mit ihren Songs in ladinischer Sprache eine schöne musikalische Gelegenheit, mal in diesen Klang hineinzuhören.

Zum Weiterlesen (I):
Wer Italien lieber mit dem Zug als zu Fuß erkunden möchte, dem kann ich Tim Parks’ amüsantes Buch „Italien in vollen Zügen“ ans Herz legen. Auch dieser Reisebericht der anderen Art ist wirklich unterhaltsam:

Tim Parks, Italien in vollen Zügen
Aus dem Englischen von Ulrike Becker
Goldmann
ISBN: 978-3-442-15953-6

Zum Weiterlesen (II):
Kennen- und schätzen gelernt habe ich Stefan Ulrich durch seine Bücher, die er über seine Zeit als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Rom und Paris verfasst hat. Zum Beispiel die lebendigen und amüsanten Schilderungen der Turbulenzen und des Kulturschocks, den die vierköpfige Familie u.a. in der Anfangszeit in Rom erlebt, sind sehr unterhaltsam zu lesen:

Stefan Ulrich, Quattro Stagioni – Ein Jahr in Rom
Ullstein Taschenbuch
ISBN: 9783548284026

Er selbst hat hingegen auf seiner Italienreise unter anderem den Klassiker schlechthin im Gepäck:

Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise
dtv
ISBN: 978-3-423-12402-7

Aller guten Dinge sind… an der Côte d’Azur

Heute gibt es zur Abwechslung mal mehrere Buchtipps auf einmal, denn aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei und ich weilte in der letzten Zeit literarisch gleich drei Mal an der sonnigen Côte d’Azur. Ausgehend vom frisch erschienenen Sachbuch Lutz Hachmeister’s „Hôtel Provençal – Eine Geschichte der Côte d’Azur“, über einen Klassiker der Reiseliteratur von Erika und Klaus Mann „Das Buch von der Riviera“ aus dem Jahre 1931 zu einem Klassiker der Kriminalliteratur von Georges Simenon „Maigret in der Liberty Bar“. Bereit für die Reise an die himmelblaue Küste? Los geht’s!

„Mitte der 1920er Jahre waren in Juan-les-Pins die Dämme gebrochen. Die gesamte Pariser und US-amerikanische Künstler- und Literatenbohème kam im Gefolge von Picasso, den Murphy’s und Cole Porter nach „Juan“. Zur Verwunderung der eingesessenen Antiboas wurde das seit drei Jahrzehnten vor sich hin dämmernde Projekt „Juan-les-Pins“ zu einem Welterfolg.“

(aus Lutz Hachmeister „Hôtel Provençal – Eine Geschichte der Côte d’Azur“, S.45)

Ausgehend von der Geschichte des legendären, mondänen „Hôtel Provençal“ – einem großen, weißen Luxushotel in Juan-les-Pins – erzählt Lutz Hachmeister, wie die Côte d’Azur zu dem künstlerischen und touristischen Zentrum wurde, das es gerade in den Dreißiger Jahren war und wie sich der Tourismus über die Jahrzehnte bis heute an einer der berühmtesten Küsten der Welt weiterentwickelte.

Das weltberühmte Hotel, das 1927 vom reichen Amerikaner Frank J. Gould eröffnet wurde, entwickelte sich schnell zum renommierten und glamourösen Luxushotel in Juan-les-Pins. Hachmeister schildert die bewegte Familiengeschichte des Hotelgründers und widmet sich aber auch ausführlich den Künstlern, Malern, Literaten, Filmemachern, den Stars und Sternchen der Zwanziger und Dreißiger Jahre, die als Gäste nach Juan und in die Nachbarorte kamen. Man liest über den sonnengebräunten Picasso am Strand, die kurze und heftige Liebesaffäre Charlie Chaplin’s mit der jungen Tänzerin Mitzi Müller und über Marlene Dietrich, die samt Entourage an der Küste logierte.

Doch Hachmeister schildert auch den zunehmenden Ausverkauf der Küste, die Ära der Betonbauten und die negativen Entwicklungen über die Jahrzehnte. So steht das Provençal als Tourismusruine schon seit Jahrzehnten leer und Immobilienentwickler suchen immer wieder nach lukrativen Lösungen für das Objekt.

Eine interessante, vielseitige und flüssig zu lesende Kulturgeschichte, die mir einen interessanten und stimmungsvollen Einblick in die wechselhafte Geschichte dieser sonnenverwöhnten Region im Süden Frankreichs und seiner illustren Gäste gegeben hat.
Eine ausführliche, lesenswerte Besprechung zum Buch erschien vor kurzem in der ZEIT.

In den Dreißiger Jahren weilten auch die Geschwister Erika und Klaus Mann an der Côte d’Azur und verfassten einen persönlichen Reiseführer der anderen Art: „Das Buch von der Riviera“. Dieses Büchlein aus dem Jahre 1931 liest sich auch heute noch sehr spritzig, witzig und lebt von seiner amüsanten Ironie, die nichts an Charme eingebüßt hat. Auch wenn so manches Hotel und Restaurant mittlerweile nicht mehr existiert und die Preise für Mahlzeiten und Hotelzimmer noch in Währungen angegeben werden, die ebenfalls schon Geschichte sind, spürt man immer noch die sonnige, unbeschwerte Urlaubsatmosphäre, welche die beiden dort in Künstlerkreisen, in den Bars, Restaurants und am Strand erlebten.

„Was die Läden angeht, in denen wir das Geld ausgeben, das wir nicht mehr haben wollen, so gibt es hübsche Ledersachen zum Beispiel (…)“

(aus Erika und Klaus Mann, „Das Buch von der Riviera“, S.30)

Ein Buch, das auch heute noch die Chance bietet, sich eine Auszeit vom Alltag und einen literarischen Kurzurlaub mit Sonne und französischem Savoir-Vivre zu gönnen. Raus auf den Liegestuhl, ein schönes Getränk und dieses Buch – voilà, fertig ist der zweistündige Urlaub an der azurblauen Küste!
Eine umfassendere, sehr schöne Besprechung findet man auch bei Birgit Böllinger.

1932 – ein Jahr später als das Buch der Mann’s – erschien der Kriminalroman „Maigret in der Liberty Bar“ von Georges Simenon, in welchem er seinen pfeifenrauchenden Kultkommissar ebenfalls an der Côte d’Azur ermitteln lässt.

Maigret, dem die Hitze zu schaffen macht, der zunächst etwas schläfrig nach der langen Zuganreise und unmotiviert ist, kommt erst dann in die Gänge, als er feststellt, dass der Tote ihm verblüffend ähnlich gesehen hat. In Cannes führen ihn seine Ermittlungen in zwielichtige Kneipen und verruchte Etablissements und er stellt fest, dass es auch im luxuriösesten Urlaubsort Licht und Schatten gibt.

„Überall nur Weiß: riesige weiße Hotels, weiße Geschäfte, weiße Hosen, weiße Kleider, weiße Segel auf dem Meer. Als wäre das Leben ein Märchenspiel im Varieté, mit einem Bühnenbild in Weiß und Blau.“

(aus Georges Simenon „Maigret in der Liberty Bar“, S.37)

Diese Krimilektüre rundete meine literarische Stippvisite an der französischen Mittelmeerküste wunderbar ab. Die gerade mal 186 Seiten lasen sich kurzweilig, schnell und zeigten den großen Maigret einmal von einer anderen Seite.

Auch Simenon hatte ein untrügliches Auge für Milieus und Atmosphäre und verstand es, seine Leser in Urlaubsstimmung zu versetzen. Kein Wunder dass auch Maigret dieses Mal lieber Urlaub gemacht hätte, als diesen Fall zu lösen.

„(…) allmählich begriff er die Côte d’Azur: ein einziger, sechzig Kilometer langer Boulevard, der sich von Cannes bis nach Menton erstreckte, von Villen gesäumt, hier und da ein Casino und ein Luxushotel. Das berühmte blaue Meer, das Gebirge und all die Herrlichkeiten, wie die Prospekte sie verhießen: Orangenbäume, Mimosen, Sonne, Palmen, Pinien, Tennis, Golf, Teesalons und amerikanische Bars.“

(aus Georges Simenon „Maigret in der Liberty Bar“, S.130/131)

Buchinformationen:

Lutz Hachmeister, Hôtel Provençal – Eine Geschichte der Côte d’Azur
C. Bertelsmann
ISBN: 978-3-570-10432-3

© C.Bertelsmann

Georges Simenon, Maigret in der Liberty Bar
Deutsch von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Mirjam Madlung
Kampa
ISBN: 978 3 311 13017 8

© Kampa Verlag


in meinem Fall eine Ausgabe der Büchergilde:

Erika und Klaus Mann, Das Buch von der Riviera
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 9783763271962

© Büchergilde Gutenberg

oder:
Erika und Klaus Mann, Das Buch von der Riviera
Kindler Verlag
ISBN: 978-3-463-40715-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerten mich die drei literarischen Reisen an die Côte d’Azur:

Für den Gaumen:
In allen Büchern wird vor allem auch das stilechte Getränk thematisiert: Bei Hachmeister ist es unter anderem ein Vermouth-Cassis, Simenon lässt Maigret an der Côte einen Anis trinken und die Mann’s nahmen gerne einen „after-Dinner-Cognak“.

Zum Weiterschauen:
Bereits im Jahr 2001 war die ARTE-Dokumentation „Hotel Provençal – Aufstieg und Fall der Riviera“ von Lutz Hachmeister für den Grimme-Preis nominiert. Ein Thema, das ihn schon lange begleitet und das er nun auch in seinem Sachbuch verarbeitet hat.

Zum Weiterhören:
Juan-les-Pins ist ebenso berühmt für sein Jazz-Festival und war auch für Musiker stets ein Anziehungspunkt, so erfahren wir, dass Cole Porter („Anything goes“) und Ella Fitzgerald („Cricket Song“) gerne an der Küste weilten.

Zum Weiterlesen:
Gerade Lutz Hachmeister bietet in seinem Buch eine reiche Leseliste im Anhang und verweist immer wieder auf die künstlerischen Querbezüge zu Malerei, Filmen und Literatur. Neben den Mann’s und Georges Simenon stehen unter anderem auch Graham Greene, F. Scott Fitzgerald, Patrick Modiano und Ernest Hemingway auf der Literaturliste. Da gibt es viele Anknüpfungspunkte und Inspirationen zum Weiterlesen. Auf meine Merkliste gewandert ist ein Werk des Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano, das ich bisher noch nicht gelesen habe:

Patrick Modiano, Sonntage im August
Aus dem Französischen von Andrea Spengler
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-46620-9

Mahlers letzte Reise

Ich bin immer noch überwältigt von der Lektüre des neuen Romans von Robert Seethaler „Der letzte Satz“ und suche nach den richtigen Worten, die diesem berührenden, außergewöhnlichen und intensiven Buch gerecht werden.

Seethaler begleitet Gustav Mahler auf dem Deck eines Ozeandampfers auf seiner letzten Überfahrt von Amerika nach Europa – der Komponist fährt nach Hause, um zu sterben. Er weiß um sein nahes Ende und er lässt in Gedanken bezeichnende Szenen und Momentaufnahmen seines Lebens Revue passieren. Einsam an Deck mit Blick auf das Meer, die Gischt und die Wolken, hängt der große Musiker und Dirigent seinen Gedanken nach und nur ein rühriger und aufgeweckter Schiffsjunge schaut von Zeit zu Zeit vorbei, um sich um den berühmten Passagier zu kümmern.

Seethaler zeigt Gustav Mahler in atmosphärischen, liebevoll beschriebenen kleinen Miniaturen von seinen unterschiedlichsten Seiten: den naturverbundenen Künstler, den trauernden Vater, den leidenden Liebenden, den eifersüchtigen Betrogenen, den besessenen Workaholic, den wütenden und schmerzgeplagten Sterbenden. Der österreichische Autor versteht in kurzen, klaren Sätzen mit einer unfassbaren Intensität ausdrucksstarke Facetten und den Charakter Mahlers vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen.

Man leidet mit diesem todkranken Mann, der in seinem Leben so viel erlebt und erreicht hat und doch noch nicht bereit ist, diese Welt zurückzulassen. Der Künstler und Komponist, der am liebsten ungestört und abgeschieden in seinem Komponierhäuschen in der Natur oft wie besessen an seinen Werken arbeitete und die Welt um sich vergaß. Der das Komponieren in stiller Abgeschiedenheit dem Dirigieren im Opernhaus mit allem Glamour und alle Querelen vorzog und des Wiener Klatsches und Tratsches leid war.

Der liebende Ehemann, dessen Liebe zu seiner schillernden und exzentrischen Frau Alma ungebrochen, am Ende doch aber einseitig und nicht mehr erwidert wurde. Die deutlich jüngere, schöne Frau, die er über alles liebte, die ihn aber durch Affären in rasende Eifersucht und tiefe Verzweiflung stürzte. So schafft Mahler es nicht einmal, den Namen seines Rivalen um Almas Gunst auszusprechen und nennt ihn nur abwertend den „Baumeister“ – gemeint ist kein Geringerer als Walter Gropius, Architekt und Gründer des Bauhauses.

Und da ist Mahler der liebevolle und tief trauernde Vater, der den Verlust seiner ersten Tochter nicht überwinden kann und sich nach der Nähe seiner Kinder und einem heilen Familienleben sehnt.

Seethaler zeichnet einen Menschen, der zerrissen ist von Selbstzweifeln und den Anstrengungen seines Lebens als Künstler und als Liebender. Dem der kraftraubende Schaffensprozess und das Leben alles abverlangt – geplagt von Trauer und Schmerz am Ende seines Lebens.

Fasziniert hat mich die große Gabe, mit welcher Seethaler sprachlich meisterhaft Atmosphäre erzeugt: man riecht, schmeckt und hört geradezu das Meer und taucht ein in eine sinnliche, intensive und aufs Wesentliche konzentrierte Sprache, wie man sie nur selten zu lesen bekommt. Es gibt Sätze, die man sich auf der Zunge zergehen lassen und am liebsten gleich mehrfach und immer wieder lesen möchte, um sie auszukosten und ganz zu verinnerlichen.

Ein Buch wie ein Rausch, das einen Sog entwickelt, der nicht mehr loslässt. Am besten hat man einen Nachmittag Zeit, um sich ganz darin versenken zu können und es in einem Rutsch zu lesen. Ein Buch, das man sehr gut im Strandkorb mit Blick aufs Meer bei Wellenrauschen genießen und seinen Gedanken freien Lauf lassen kann. Aber auch jeder andere ruhige, zurückgezogene Ort ist geeignet – der Liegestuhl auf dem Balkon oder der Lesesessel im Wohnzimmer – Hauptsache man hat Zeit und Muße, sich ganz dem Buch widmen und darin vertiefen zu können.

Ein melancholisches, nachdenkliches und leises Buch, das mich tief bewegt hat und lange nachklingen wird – oder wie Seethaler selbst auf Seite 33 schreibt: „Man schlägt einen Ton an, und der schwingt dann weiter im Raum. Und trägt doch schon das Ende in sich.“ (Zitat)

Buchinformation:
Robert Seethaler, Der letzte Satz
Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-26788-6

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Wozu hat mich das Buch inspiriert, woran erinnert und wie lässt sich der Genuss vertiefen:

Für den Gaumen: Eine Tasse weißer Tee und ein Sommerapfel
(wer das Buch liest, weiß warum)

Für die Ohren:
Für mich passen hierzu Gustav Mahlers „Rückert-Lieder“, z.B. in der wundervollen Aufnahme mit dem Bass Günther Groissböck und Gerold Huber am Klavier auf dem Album „Herztod“ (erschienen bei Decca / Universal Music, 2018)

Für die Augen und den Geist:
Das Komponistenquartier in Hamburg hat dem Komponisten ein eigenes Museum mit sehenswerter, kleiner, aber feiner Ausstellung in schönen Räumlichkeiten gewidmet – für Musikliebhaber lohnt sich ein Besuch.

Für weiteren literarischen Genuss:
Von Robert Seethaler stehen bei mir schon im Regal und sind ebenfalls sehr zu empfehlen, wenn man schöne Sprache und tiefgründige Literatur liebt:

  • Robert Seethaler „Der Trafikant“;
    Kein & Aber, ISBN: 978-3-0369-5909-2
    (Dieser Roman war mein Einstieg in Seethalers Werk und hat mein Leserherz im Sturm erobert.)
  • Robert Seethaler „Ein ganzes Leben“;
    Hanser Berlin, ISBN 978-3-446-24645-4
    (Ein herzerwärmendes, literarisches Kleinod über ein einfaches Leben in einem abgeschiedenen Alpendorf.)

Wer mehr über das aufregende Leben und die Lieben der Alma Mahler-Werfel erfahren will, liegt mit folgender, sehr gut lesbarer Biografie goldrichtig:

  • Oliver Hilmes „Witwe im Wahn“;
    btb Verlag, ISBN: 978-3-442-73411-5

Auf zu neuen Ufern

Hallo Welt!
Hallo liebe Kulturbegeisterte, Bücherliebhaber und Genussmenschen!

Ich freue mich, dass Ihr da seid und den Weg auf meinen Blog gefunden habt. Mit diesem ersten Beitrag sende ich ein erstes, herzliches „Hallo“ hinaus in die Welt.

Hier schreibt Eine, die sich schon als Kind auf den Weg machte, die ersten großen Lieben ihres Lebens zu entdecken: Bücher, Musik, Theater – Kultur in ihrer Vielfalt und die schönen Dinge des Lebens. Die Vorlieben für gutes Essen und Trinken, Reisen und die Oper gesellten sich dann ein wenig später dazu. (Mehr zu mir könnt Ihr jederzeit gerne unter „Über mich“ lesen).

Das Jahr 2020 ist ein Jahr der Veränderung und des Umbruchs. Der Virus hat uns, unserem Leben und unseren Gewohnheiten eine neue Prägung gegeben. Gerade als jemand, der für sein Leben gerne ins Theater, die Oper oder in Konzerte geht, musste ich dieses Jahr viele schmerzliche Absagen und traurige Verluste hinnehmen und auf Ereignisse verzichten, auf die ich mich sehr gefreut hatte.
Trost suchte und fand ich unter anderem in Büchern und – auch wenn dies ein Live-Erlebnis im Theater nicht ersetzen kann – in einigen Fernsehübertragungen oder Livestreams aus Opernhäusern und Konzertsälen.

Auch meine Urlaubspläne habe ich dieses Jahr den Umständen angepasst und verbringe meine freie Zeit in meiner Heimat und bleibe zu Hause statt zu verreisen. Und da war dann auf einmal dieser Gedanke, eine andere Reise zu beginnen: Meine Liebe zu Kultur und Büchern zu teilen und da ich gerne schreibe (früher auch bereits auf einer Buchplattform Rezensionen verfasst habe), war da die Idee, dem Ganzen Raum und eine Form zu geben und diesen Blog zu starten – mein Sommerprojekt 2020. Sehr frei nach dem Motto, „wenn Dir das Leben Zitronen schenkt, mach’ Limonade draus“ – warum also nicht eine Bowle – meine Kulturbowle – daraus machen?

Auf zu neuen Ufern – ich freue mich auf diese neue Erfahrung, diesen neuen Weg, diese neue Reise. Kultur und Literatur bereichern mich und lassen mich wachsen, machen mich zu dem Menschen, der ich bin und lassen mich zugleich offen und wach in die Welt schauen. Wenn der eine oder andere durch diese Seite verlockt wird und Lust bekommt, zu einem Buch zu greifen, ins Theater oder die Oper zu gehen, Musik zu hören oder ein gutes Essen zu genießen und sich dann darüber zu freuen, habe ich mehr erreicht, als ich mir wünschen kann.

Kultur verbindet und macht das Leben lebenswert – dies möchte ich weitertragen und Menschen dafür begeistern.
Wenn Ihr mich daher auf meiner Reise begleiten wollt, seht Euch gerne in meinem Blog um. Seid offen, zuversichtlich, positiv und genießt es!