Sacrow – Geschichte erleben

Zauberhaft an der Havel gelegen ist Sacrow und sein Wahrzeichen die Heilandskirche, welche man vom Wasser aus schon von Weitem sehen und bewundern kann. Doch der Ort und die berühmte Kirche nahe Potsdam haben im letzten Jahrhundert eine wechselvolle Geschichte durchlebt und durchlitten.

Die aktuelle Ausstellung (07.08.2021 – 09.11.2021) im Schloss Sacrow „Sacrow – Das verwundete Paradies“ sowie das begleitende Sachbuch von Kurator Jens Arndt geben ein eindrucksvolles, berührendes Zeugnis der Geschichte des Ortes, des Schlosses und der Kirche und lassen Bewohner und Zeitzeugen persönlich zu Wort kommen.

So spiegelt sich exemplarisch an diesem wunderschönen, von vielen als Paradies bezeichnetem und wahrgenommenem Stück Erde die deutsche Geschichte von der preußischen Monarchie, über beide Weltkriege, der Schrecken des NS-Regimes und der Vertreibung der Juden ebenso wider, wie die Zeit der russischen Besatzung, der Teilung Deutschlands und des Mauerbaus bis hin zur Wiedervereinigung und der darauf folgenden Prozesse der Restitution.

So erfährt der Leser und Ausstellungsbesucher, dass Schloss Sacrow zunächst als Anwesen von König Friedrich Wilhelm IV. 1840 erworben wurde und er dieses auch durch die Gartengestaltung von Peter Joseph Lenné sowie den Bau der Heilandskirche im italienischen Stil mit dem markanten freistehenden Campanile zu seinem Herzensort und zu seiner Traumlandschaft umgestalten ließ.

Die Schönheit des Ortes zog schon bald Sommerfrischler, Ausflügler und auch Künstler an. So wird berichtet von legendären Ausflugslokalen und der großen Beliebtheit des Ortes bei den Berlinern, die sich dort nach und nach auch Sommerhäuser errichten ließen. Auch viele jüdische Bewohner ließen sich in Sacrow nieder und wurden später während der Zeit des Nationalsozialismus aus ihren Häusern vertrieben, welche dann arisiert und anderweitig genutzt wurden.

Später wurde die direkt am Wasser liegende Heilandskirche durch die Mauer und den Todesstreifen vom Ort und den Bewohnern getrennt. Nach dem Weihnachtsgottesdienst 1961 war sie nicht mehr zugänglich, wurde Opfer von Vandalismus und verfiel nach und nach immer mehr, bis durch Bemühungen auch durch westdeutsche Politiker zumindest eine Sicherung der Bausubstanz, z.B. eine Sanierung des maroden Daches, erreicht werden konnte. Erst 28 Jahre später sollte wieder ein Weihnachtsgottesdienst in der Kirche gefeiert werden. Man kann vermutlich nur erahnen, wie emotional dieser Moment für viele gewesen ist.

Arndt erzählt anhand einiger Bewohner und Zeitzeugen exemplarisch Lebensschicksale aus den verschiedenen Epochen und politischen Systemen, welche Spuren in Sacrow hinterließen und es prägten. So bietet dieser einmalige Ort die besondere Möglichkeit, deutsche Geschichte der letzten beiden Jahrhunderte auf engstem Raum und in vielen Facetten zu betrachten und zu reflektieren.

Der Autor und Kurator erzählt vom Alltag der Menschen, der viele Jahre geprägt war von Passierscheinen und Kontrollen am Schlagbaum, von Fluchtversuchen, von der Nutzung des Schlosses als Ausbildungsort für die DDR-Zollhunde und der damit einhergehenden Zerstörung der originalen Gartengestaltung ebenso wie über die Zeit nach der Wende, die Restitution, den Zuzug neuer Bewohner und den damit verbundenen strukturellen Veränderungen in der Dorfgemeinschaft.

Das Sachbuch ist reich bebildert und verschafft dem Leser so auch ein eindrucksvolles, optisches Bild von der Zeitgeschichte und der Entwicklung Sacrows. Die Fotos von der am Wasser isolierten Kirche, die durch Mauer und Todesstreifen vom Ort getrennt und unzugänglich war, lassen wohl kaum jemanden kalt und brennen sich tief ins Gedächtnis.

Lebendiger, eindrucksvoller und authentischer kann man deutsche Geschichte wohl kaum erzählen. Wer sich also im 60. Jahr nach dem Mauerbau mit einem intensiven, bewegenden und sorgfältig dokumentierten und recherchierten Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte befassen möchte, hat mit Ausstellung, Buch und Film – weitere Details folgen in den weiterführenden Tips – eine großartige Gelegenheit dazu.

Seit 1992 zählen der Park und die Heilandskirche zum UNESCO Welterbe und sind unbedingt einen Besuch wert, um den besonderen Zauber des Orts – dieses verwundeten Paradieses – und deutsche Geschichte hautnah zu erleben.

Buchinformation:
Jens Arndt, Sacrow – Das verwundete Paradies
L&H Verlag
ISBN: 978-3939629627

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Jens Arndt’s „Sacrow – Das verwundete Paradies“:

Zum Weiterklicken und für den Ausstellungsbesuch:
Auf der Homepage der Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg und auf der Seite des Vereins „Ars Sacrow e.V.“ findet man weitere Informationen zur Ausstellung „Sacrow – Das verwundete Paradies“ – der Ausstellung im Schloss Sacrow anlässlich des 60. Jahrestages des Mauerbaus, die dort vom 07.08.2021 noch bis zum 09.11.2021 (jeweils Freitag bis Montag) zu sehen ist.

Zum Weiterschauen:
In der ARD Mediathek ist noch bis 03.08.2022 die 45-minütige Dokumentation „Sacrow bei Potsdam – Paradies im Mauerschatten“ aus der Reihe Geheimnisvolle Orte zu sehen, welche ebenfalls die wechselvolle Geschichte des Ortes erzählt.

Zum Weiterlesen (I):
In den Jahren 1953 bis 1961 wurde das Schloss Sacrow durch das Druckerei- und Verlags-Kontor der DDR unter anderem zur Beherbergung von Schriftstellern genutzt. Prominentester Gast in dieser Zeit war wohl die Autorin Brigitte Reimann. Bekannt vor allem durch den Roman „Franziska Linkerhand“, nahm sie 1956 an einem DEFA-Lehrgang für Drehbuchautoren im Schloss teil. Im Romanfragment „Joe und das Mädchen auf der Lotosblume“ ließ sie Erfahrungen aus ihrer Zeit in Sacrow einfließen.

Brigitte Reimann,
Das Mädchen auf der Lotosblume: Zwei unvollendete Romane
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3746621395

Zum Weiterlesen (II):
Eine ähnliche Schilderung der deutsch-deutschen Geschichte anhand eines Ortes unweit von Sacrow erzählt Thomas Harding über ein „Sommerhaus am See“ von Groß Glienicke – dem Alexanderhaus. Ein ebenfalls sehr lesenswertes Buch, das ich bereits auf der Kulturbowle vorgestellt habe.

Thomas Harding, Sommerhaus am See
dtv
ISBN: 978-3-423-34935-2

Spurlos verschwunden am Sacrower See

Oliver Hilmes stößt mit „Das Verschwinden des Dr. Mühe“ auf neues Terrain vor und doch bleibt er sich als Historiker und seiner akribischen Art zu recherchieren treu. Der Untertitel lautet „eine Kriminalgeschichte aus dem Berlin der 30er Jahre“ und der Autor, der bislang vor allem durch erstklassige und sehr gut lesbare Biographien wie „Herrin des Hügels“, „Witwe im Wahn“ und „Ludwig II.“ auf sich aufmerksam machte, verpackt hier eine mysteriöse, wahre Begebenheit, auf welche er im Rahmen seiner Recherchen zu „Berlin 1936“ gestoßen war, in eine spannende Erzählung.

Im Juni 1932 verschwindet der Berliner Arzt Dr. Erich Mühe eines nachts spurlos. Sein heiß geliebtes Auto wird einsam am Ufer des Sacrower Sees (in der Nähe von Potsdam) gefunden und zunächst deutet alles darauf hin, dass er bei einem nächtlichen Badeunfall ums Leben gekommen ist. Eine Leiche wird jedoch nie gefunden. Die Polizei – in Gestalt von Kommissar Keller und seinem Assistenten Schneider – beginnt zu ermitteln und es häufen sich die Anzeichen, dass der Mediziner wohl nicht einfach nur beim Schwimmen ertrunken ist. In zahlreichen Befragungen – und Oliver Hilmes stützte sich hier auf die Protokolle der realen Ermittlungsakte – der Ehefrau, deren Gesangslehrers, des Hauspersonals und zahlreicher Personen aus dem Umfeld des Arztes ergeben sich bestürzende Erkenntnisse und der Fall nimmt mehr als nur eine überraschende Wendung.

„Das fängt ja gut an, denkt Keller. Der Gatte ist verschwunden und die Ehefrau spricht von Scherereien.“

(S.45)

Denn die Ehefrau scheint nicht all zu sehr zu trauern und kann es kaum erwarten, in den Besitz der hoch abgeschlossenen Lebensversicherung zu gelangen, um dann – wenn man den Gerüchten in der Nachbarschaft glauben schenken kann – ein neues Leben mit ihrem Gesangslehrer zu beginnen, der wohl auch ihr Liebhaber zu sein scheint. Doch der wohlsituierte Arzt, der finanziell auf ungewöhnlich großem Fuß lebte, hatte offenbar auch unstandesgemäßen Umgang mit kriminellen Kreisen. Die Ermittlungen, die sich über viele Jahre erstrecken, werden immer mysteriöser, so manche Spur läuft ins Leere und es eröffnen sich menschliche Abgründe, welche weder der Ermittler noch der Leser erwartet hätte.

Der Stil ist reduziert, fast nüchtern und knapp und ähnelt durch die Erzählform in der Gegenwart, fast einem polizeilichen Ermittlungsprotokoll. Und doch blitzt die eine oder andere süffisante Stelle auf und vor allem schmückt Oliver Hilmes seine Erzählung mit vielen, atmosphärischen Details, welche den Leser authentisch in das Berlin der 30er Jahre eintauchen lassen. Es ist ihm wichtig, dass man sich in diese Zeit und das Flair hineinversetzen kann. Da wird beschrieben, was es im Aschinger – einem Berliner Kultlokal – zu essen gab oder wieviel ein U-Bahnticket kostet. Zudem streift man mit den Personen durch die Straßen und die Ladenzeilen mit Tabakläden, Wäschereien oder Trikotagengeschäften. Das ist sehr stimmig und unwiderstehlich gut erzählt – man spürt die Lust des Autors an der Recherche und der Zeitgeschichte in jedem Absatz.

Das Buch ist kein klassischer Kriminalroman, es ist vielmehr eine zeitgeschichtliche Erzählung, die sich an Protokollen von Zeugenbefragungen orientiert. Wer Hilmes’ „Berlin 1936“ mochte, das die Olympiade in Berlin zum Thema hatte, und ein Faible für Geschichte und vor allem auch Berlin und Umgebung oder die Zeit der Dreißiger Jahre hat, der wird es lieben. Wer einen typischen Krimi à la Gereon Rath von Volker Kutscher erwartet, der wird vielleicht verwundert oder eventuell sogar enttäuscht sein – denn „Das Verschwinden des Dr. Mühe“ ist mehr Geschichtsbuch als Krimi.

Meinen Nerv hat der Historiker definitiv wieder einmal getroffen. Ich mag seine Art zu schreiben, die sich herrlich flüssig liest und die einen wirklich die Berliner Luft der Dreißiger atmen lässt. Der wahre Kriminalfall bietet einen spannenden Plot und die Kapitel, die jeweils einem Zeugen oder Betroffenen gewidmet sind, offenbaren auch viel über den Charakter und die jeweilige Persönlichkeit der Figuren. Man kann hier auch vieles zwischen den Zeilen lesen und sich stellenweise selbst wie ein ermittelnder Polizist fühlen.

Eine rätselhafte Begebenheit, die den Leser immer wieder aufs neue überrascht, ein versierter, gut sortierter und detailversessener Autor und eine Ära der deutschen Geschichte, die gerade – spätestens seit dem sensationellen Erfolg von Kutschers Romanen und der Serie „Babylon Berlin“ ohnehin groß in Mode ist – da hat das Buch alles, was es braucht, um zum Bestseller zu werden.

Leider ist das Vergnügen ein kurzes und nach schnell verschlungenen 235 Seiten auch schon wieder vorbei, aber für Geschichtsinteressierte, Freunde Berlins und Fans der Dreißiger Jahre gibt es von mir hier eine klare Leseempfehlung für diesen Bücherherbst.

Buchinformation:
Oliver Hilmes, Das Verschwinden des Dr. Mühe
Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-60138-8

© Penguin Verlag

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Wozu inspirierte mich „Das Verschwinden des Dr. Mühe“:

Für den Gaumen:
Die deftige Hausmannskost, die in den 30er Jahren im Aschinger in Berlin serviert wurde, ist vermutlich nicht jedermanns Sache, aber eine Berliner Bratwurst oder Fisch mit Remouladensauce passen natürlich in jedem Fall zur damaligen Zeit und zur Lektüre dieser Kriminalgeschichte.

Für die Ohren:
Für die Musik dieser Epoche drängt sich natürlich Max Raabe und sein Palastorchester als Empfehlung gerade zu auf und ich bekomme beim Hören immer gute Laune. Seine Texte sind oft witzig, geistreich, herrlich zynisch-ironisch, intelligent und strotzen vor Lebensfreude. Ein klarer Beweis, dass die Stilrichtung der 20er und 30er auch in der heutigen Zeit noch bestens funktioniert und gute Musik zeitlos sein kann.

Zum Weiterlesen:
Wie man meiner Rezension schon angemerkt hat, bin ich seit längerem ein Fan von Oliver Hilmes und seinen Büchern. Neben den Biographien „Herrin des Hügels“ und „Witwe im Wahn“ hat mich vor allem auch sein Werk über die Olympiade 1936 in Berlin begeistert. Da wird deutsche Zeitgeschichte lebendig und so farbenfroh und detailprächtig erzählt, dass man sie mit großem Vergnügen und Spannung liest.

Oliver Hilmes, Berlin 1936
Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-10196-3