Im Duett nach Ascona

Lago Maggiore, Ascona – Sehnsuchtsort für Urlauber und während der Dreißiger Jahre auch Zuflucht für Intellektuelle und Künstler, die Deutschland den Rücken kehrten und ihre Heimat verlassen mussten. Zwei Romane, der gleiche Schauplatz: einer veröffentlicht als Erstabdruck in der Neuen Zürcher Zeitung im Jahr 1933 – Victoria Wolff’s „Die Welt ist blau“ und der 2021 neu erschienene Roman „Ascona“ von Edgar Rai, der jedoch die selbe Zeit behandelt und von Erich Maria Remarque’s Flucht an den See im Jahr 1933 erzählt. Victoria Wolff bekommt in seinem Roman sogar einen Gastauftritt.

„Die Welt ist überall blau. Sommerheiße, klirrend klare Luft, leuchtend grüne Wiesen; es ist, als könne man den Sommer mit den Händen greifen.“

(aus Victoria Wolff „Die Welt ist blau“, S.28)

Zwei Reisen, die sich literarisch unbedingt lohnen und auf ihre jeweils eigene und durchaus sehr unterschiedliche Art und Weise den Zeitgeist der Dreißiger und die Besonderheit des Ortes herausarbeiten und zum Leben erwecken.

Victoria Wolff (1903 – 1992) war selbst im April 1933 aus Deutschland mit ihren Kindern nach Ascona emigriert. In „Die Welt ist blau“ erzählt sie über die Urlaubsreise einer jungen Frau, die mit ihrem Liebsten zur Sommerfrische nach Ascona fährt.

Sie beschreibt die fiktive Reise im Sommer 1933 und auch die nicht immer ganz einfache Beziehung aus weiblicher Sicht – offenbart gleichsam einen Blick in die weibliche Seele. Denn die Eifersucht schwebt über der Beziehung wie so manche dunkle Wolke am blauen Himmel über dem See.

„Der Mann müßte seine Fenster weiter öffnen, denkt Ursula und legt das Buch mit Wucht aus der Hand. Er müßte sich schöner freuen können. Es gibt so wenig Menschen, die sich schön freuen können.“

(aus Victoria Wolff „Die Welt ist blau“, S.125)

Doch „Der Sommer ist blau“ ist – trotz der dunklen Schatten des Nationalsozialismus, die sich nur andeutungsweise zwischen den Zeilen erahnen lassen – ein lebensfroher und stimmungsvoller Sommer- und Urlaubsroman, der mit einer verblüffenden Wendung aufwartet.
Und so wie die junge Frau im Roman sich von einem Zauberer faszinieren lässt, so erliegt man als LeserIn dem Charme der schnörkellosen, kristallklaren und doch raffinierten Sprache Victoria Wolff’s.

„Der Mann neben ihr in einem roten Hemd und einer weißen Leinenhose sieht mit brennendem ungesundem Blick im ganzen Saal nur diese eine Frau. Sicherlich weiß er kaum, wo er sich eigentlich befindet; sicherlich verzehrt er hastig das Glück dieser Gegenwart, die ebenso knapp sein wird wie die Bluse seiner Freundin.“

(aus Victoria Wolff „Die Welt ist blau“, S.141)

Ein sehr feminines, leichtes Buch mit Witz, welches Sommergefühl und Urlaubsatmosphäre atmet und sich der Zeit und dem Ort mit einer gewissen künstlerischen Leichtigkeit nähert.

Die männliche, teilweise schwermütigere, doch nicht weniger reizvolle Sicht auf den Ort am Lago Maggiore als Zuflucht und Exil zeichnet Edgar Rai in „Ascona“ aus der Perspektive des Schriftstellers Erich Maria Remarque, der ebenfalls 1933 Deutschland verlässt. Seine jüdische Geliebte drängt ihn, das Land zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen. Er versucht, an seinem Roman „Pat“ weiterzuarbeiten, der später als „Drei Kameraden“ veröffentlicht werden wird, findet jedoch zunächst keine rechte Konzentration.

„Er liebte seine Künstlereinsamkeit, doch sobald er sich in sie hineinbegab, krochen die Dämonen aus den Ecken. Aber nur dann war er gut. Er musste in Gefahr schweben, wenn er verstehen wollte, worum es ihm beim Schreiben wirklich ging. Vielleicht konnte ihm jetzt etwas Großes gelingen. Der See, die Schönheit. Während man in Deutschland den Verstand verlor.“

(aus Edgar Rai „Ascona“, S.16/17)

In seinem luxuriösen Domizil am See – der Villa Casa Monte Tabor – zieht er sich zurück, erhält mäßig erwünschten Besuch von seiner Ex-Frau Jutta, quält sich mit seinem Roman. Das vermeintliche Paradies empfindet der von Depressionen geplagte Schriftsteller teils als goldenen Käfig abgeschnitten von seinem Publikum.

Doch Ascona füllt sich mehr und mehr, das Who is Who der Künstlerszene beginnt sich dort im Exil zu versammeln: Marianne von Werefkin, Tilla Durieux, Else Lasker-Schüler, Emil Ludwig und viele weitere mehr. Man trifft sich und trinkt gemeinsam im Caffè Verbano, während in Deutschland Hitler Reichskanzler wird, der Reichstag brennt, Remarque’s Bücher öffentlich verbrannt werden, Tucholsky Selbstmord begeht oder 1936 die Olympiade in Berlin stattfindet.

„In Zeiten wie diesen sollte jeder die Chance erhalten, sich durch Menschlichkeit auszuzeichnen.“

(aus Edgar Rai „Ascona“, S.61)

Auch seine besondere Beziehung zu Marlene Dietrich wird thematisiert.
Rai schafft auf gerade knapp 250 Seiten eine wichtige Zeit in Remarque’s Leben einzufangen, indem er gerade die zeitgeschichtlichen Aspekte, die Atmosphäre und die Gefühlswelt des sensiblen Autors sehr stimmig schildert und erfahrbar werden lässt.

Ich habe das Buch regelrecht verschlungen und fast in einem Rutsch gelesen, weil ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte. Spannend und packend geht das Buch unter die Haut und findet die richtigen Worte für die schwermütige, bedrohliche und bedrückende Lage Remarque’s und seiner Künstlerfreunde im Schweizer Exil.

Es wird deutlich, dass trotz des Lebens in Sicherheit und Wohlstand der besorgte Blick ständig auf die Schicksale der Freunde und Kollegen auf der Flucht und die sich stetig verschlechternde Lage in der Heimat gerichtet hat.

„Neuerdings waren alle Gefühle wie unter einem Brennglas vergrößert. Jeder Glücksmoment von überwältigender Schönheit, jede Trauer von schicksalshafter Endgültigkeit. Ein Leben im ununterbrochenen Bewusstsein der Vergänglichkeit, von allem.“

(aus Edgar Rai „Ascona“, S.80)

Gerade der Kontrast der beiden Bücher: die weibliche Sicht und die männliche Perspektive, die sommerliche Leichtigkeit gegen die hadernde Schwermut, das unmittelbare Werk der Zeitzeugin aus dem Jahr 1933 versus dem mit zeitlichem Abstand und der nötigen historischen Distanz einordnenden Autors – das machte für mich den Reiz aus, die Bücher gleich kurz hintereinander im direkten Kontext zu lesen.

Als Gemeinsamkeit lässt sich neben dem Schauplatz sicherlich feststellen, dass ich beide Lektüren als sehr bereichernd empfunden habe und daher uneingeschränkt empfehlen kann. Beide sollten bei einer Reise an den Lago Maggiore nicht im Gepäck fehlen.

Eine weitere, feine Besprechung zu „Die Welt ist blau“ gibt es bei Birgit Böllinger.

Eine weitere, schöne Besprechung zu Egar Rai’s „Ascona“ gibt es bei Sandra von Siebenthal’s Denkzeiten.

Buchinformationen:
Victoria Wolff, Die Welt ist blau
Ein Sommer-Roman aus Ascona
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
AvivA
ISBN: 978-3-932338-89-2

Edgar Rai, Ascona
Piper
ISBN: 978-3-492-07068-3

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Wozu inspirierten bzw. woran erinnerten mich die beiden Ascona-Romane:

Für den Gaumen:
Während die kulinarischen Genüsse in Victoria Wolff’s „Die Welt ist blau“ mit Ravioli à la Bolognese – lediglich der „Nebiolo“ ist schon etwas extravaganter – noch vergleichsweise bodenständig ausfallen, so wird in „Ascona“ geschlemmt:

„Greta, die italienische Köchin, mit dem wiegenden Gang, hatte Ossobuco gekocht. Dazu Safranrisotto. (…) während der Cheval Blanc unangetastet auf dem Sims stand.“

(S.64)

Zum Weiterhören:
In „Ascona“ setzt sich Erich Maria Remarque an den Bechsteinflügel seiner Freunde und spielt Schumann:

„Opus 15, die Kinderszenen, von fremden Ländern und Menschen, G-Dur, so einfach wie wahr. Gebrochene Akkorde füllten die Stille, die Hoffnung auf etwas Schönes.“

(S.65)

Zum Weiterlesen (I):
Bei mir im Regal wartet – aktuell noch ungelesen – Edgar Rai’s Roman aus dem Jahr 2019 „Im Licht der Zeit“ über die Geschichte des Films „Der blaue Engel“, auf den ich mich auch schon freue und den ich ebenso bald lesen möchte. Literarisch wieder einmal abtauchen ins Berlin der späten Zwanziger Jahre und die Welt des Tonfilms. Die Recherchen zu diesem Roman stießen den Autor auch auf die Verbindung von Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque und somit auf den Stoff für „Ascona“.

Edgar Rai, Im Licht der Zeit
Piper
ISBN: 978-3-492-05886-5

Zum Weiterlesen (II):
Und natürlich weckt „Ascona“ auch das Interesse, sich wieder einmal mit dem Werk von Erich Maria Remarque selbst auseinander zu setzen. Vor allem sein Roman „Drei Kameraden“, den ich bisher noch nicht gelesen habe, spielt in Rai’s Roman eine große Rolle.

Erich Maria Remarque, Drei Kameraden
KiWi Taschenbuch
ISBN: 978-3462046311

Zum Weiterlesen (III):
Allen, die sich mehr mit dem Thema Literatur der Dreißiger Jahre und Exilliteratur beschäftigen möchten, kann ich Uwe Wittstock’s großartiges Buch „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ von ganzem Herzen empfehlen, das ich auch schon hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe.

Uwe Wittstock, Februar 33 – Der Winter der Literatur
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-77693-9

Wer hingegen mehr über die Künstlerkolonien (wie z.B. Barbizon, Skagen oder Worpswede) und den Monte Verità erfahren möchte, dem kann Andreas Schwab’s Sachbuch „Zeit der Aussteiger“ eine gute Orientierung geben. Hier geht es zu meiner Rezension.

Andreas Schwab, Zeit der Aussteiger
C.H. Beck Verlag
ISBN: 978-3-406-77524-6

Italienische Sommerglücksgefühle

Vorfreude auf den Sommer und eine große, nie zu stillende Italiensehnsucht – kaum eine Lektüre kann diese beiden Gefühle wohl so intensiv befeuern wie Axel Hacke’s wunderbares neues Buch „Ein Haus für viele Sommer“. Ein lichtdurchflutetes, freundliches und beseelendes Buch, das einen am liebsten sofort die Koffer packen und nach Italien aufbrechen lassen möchte.

Axel Hacke fährt seit über dreißig Jahren mit seiner Familie meist mehrmals im Jahr auf die Insel Elba in ein Ferienhaus, das er liebevoll den „Torre“ nennt und das sich im Familienbesitz befindet. Statt weite Fernreisen zu unternehmen und die entlegensten Winkel der Welt zu entdecken, zieht es ihn jeden Sommer immer wieder dorthin – an den immer gleichen Ort „in das immer gleiche Dorf und das immer gleiche Haus“ (S.33). Warum?

„Nirgendwo anders habe ich so ein deutliches Gefühl für das Verstreichen der Zeit gehabt wie hier im Dorf oder oben auf dem Ripidello, dem Hügel einige Kilometer außerhalb des Dorfes, wo du auf einer uralten Mauer sitzen kannst und zusiehst, wie ein Wind die Olivenblätter leise bewegt und wie die Zeit zusammen mit dem Wind durch die Bäume streicht und dabei langsam verstreicht.“

(S.8/9)

In zahlreichen Kapiteln, Geschichten und Anekdoten erzählt Hacke, was die Magie für ihre ausmacht: die Landschaft, das Meer, das Essen, das Wetter, die Ruhe … aber vor allem und am allermeisten die Menschen.
Sie sind das Herzstück seiner Episoden: und so dürfen wir seine italienischen Freunde, ob Barbesitzer, Handwerker, Automechaniker, Rettungsschwimmer, Maler, Dichter, Lebenskünstler und Philosophen kennenlernen.
Aber wir treffen auch auf Dante’s Ziegen, die einen unersättlichen Appetit haben, auf wasserdurchlässiges Mauerwerk im Torre, das schwer abzudichten ist, erfahren einiges über die Mysterien bzw. die höhere Wissenschaft der italienischen Müllentsorgung und einen alten Cinquecento, der sich als wahre Diva entpuppt.

Zudem hat wohl noch kaum jemand die Magie der Olivenernte und das Pressen des Öls mit solcher Begeisterung und Faszination beschrieben, wie Axel Hacke das in diesem Buch getan hat. Der Stolz auf das erste Öl aus Oliven – von den eigenen Bäumen und von Hand geerntet – sprüht aus jeder Zeile und leuchtet einem entgegen wie das „grüngelbgoldene“ Lebenselixier aus den sorgfältig abgefüllten Flaschen, die als wertvoller Schatz mit nach Deutschland gebracht werden.

Es ist ein Buch über ein Lebensgefühl und über eine lebenslange Liebe, aber zwischen den Zeilen auch über Werte, Haltung und darüber was wirklich wichtig ist im Leben. Themen, die den Autor auch schon in anderen Werken wie „Wozu wir da sind“ oder gemeinsam mit Giovanni di Lorenzo in „Wofür stehst Du? Was in unserem Leben wichtig ist“ beschäftigt haben.

Axel Hacke ist ein grandioser Geschichtenerzähler, der mit unverwechselbarem Charme, warmherzigem Humor und einer ganz großen Liebe zu den Menschen und zum Leben, Momente und Anekdoten zu Papier bringt, die mitten aus dem Leben gegriffen sind. Er verbindet tiefgründige, philosophische Gedanken mit einem selbstironischen, pointierten und intelligenten Witz, der große Freude macht und zum Schmunzeln, Lächeln und Lachen bringt.

Die Lektüre ist gleichsam eine Liebe auf den ersten Blick. Die ersten Sätze, die ersten Absätze, die ersten Seiten – und schon ist man der Erzählkunst Hacke’s und dem italienischen Zauber verfallen. Man möchte sich sofort ins Auto setzen, genau wie er in dieses Dorf auf dieser Insel fahren und die Menschen kennenlernen. Mit ihnen in der Bar sitzen, einen Espresso oder ein Glas Wein trinken, sich die Sonne auf die Nase scheinen lassen und das Leben genießen.

„Heute ist ein Tag, an dem ich nichts tun will. Gar nichts. Ich stelle mir einen Stuhl vor den Torre, direkt neben den Eingang, wo es heute früh noch schattig ist. Und tue nichts.“

(S.145)

Und frei nach Albert Camus denke ich: Wir können uns Axel Hacke als glücklichen Menschen vorstellen. Mögen ihm daher also noch viele Sommer auf Elba in seinem Refugium beschieden sein und er uns weiterhin mit solch wunderbaren Büchern beglücken.

„Wir sitzen da und haben uns ausgelegt und lassen das Leben anbeißen.“

(S.153)

Wer sich nach Italien träumen möchte, eine Prise Glück im Leben gebrauchen kann und sich selbst etwas Gutes tun möchte, der sollte genau dieses Buch zur Hand nehmen, es lesen, genießen und die Zeit verstreichen lassen. Ein Buch das Licht, Helligkeit und Leichtigkeit schenkt, die italophile Seele zum Singen und Tanzen bringt und das man mehrfach und immer wieder lesen kann. Die wunderbare, hochwertige Aufmachung in strahlend azurblauem Leinen tut ein Übriges und bringt die Augen bibliophiler Menschen zum Leuchten.

Für mich sicherlich eines der absoluten Leseglanzlichter in diesem schicksalsschweren Jahr 2022, das mich wirklich restlos begeistert und glücklich gemacht hat.

Auch Elke Heidenreich hat das Buch von ganzem Herzen empfohlen, wie man in diesem knapp 5-minütigen WDR-Podcast nachhören kann.

Buchinformation:
Axel Hacke, Ein Haus für viele Sommer
Verlag Antje Kunstmann
ISBN: 978-3-95614-483-7

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Axel Hacke’s „Ein Haus für viele Sommer“:

Für den Gaumen:
Was wären die Urlaube in Italien ohne kulinarische Köstlichkeiten? So schlägt ein italienischer Freund des Autors als Abendessen zum Beispiel „Spaghetti alla bottarga“ vor – Pasta mit Meeräschenrogen – ein Gericht, das ich persönlich noch nicht probiert habe. Oder doch lieber einen Branzino (Wolfsbarsch) vom Grill?

Zum Weiterhören (I):
Seit ich blogge und mir bewusst die musikalischen Querbezüge und Inspirationen meiner Lektüren notiere, bemerke ich, wie häufig in Italien-Büchern der Sänger Fabrizio De André auftaucht. Erst vor kurzem bei Gesuino Némus’ Sardinien-Krimi „Süße Versuchung“ war er mir wieder untergekommen und jetzt also auch bei Axel Hacke: Er erwähnt und zitiert ein berühmtes Stück von ihm namens „Le nuvole“ – die Wolken.

Zum Weiterhören (II):
Wer gerne aus dem Munde des Autors selbst mehr über seine Beziehung zum Sommerhaus auf Elba, zu Italien und darüber hinaus erfahren möchte, was für Axel Hacke ein gelungenes Wochenende ausmacht, dem kann ich die Folge des ZEIT-Podcast „Was machst du am Wochenende“ sehr empfehlen, bei der er zu Gast war – eine kurzweilige, gutgelaunte Stunde gepflegte Unterhaltung, die auch Lust auf dieses Buch macht.

Zum Weiterlesen:
Axel Hacke gibt auch Anregungen auf weiterführende italienische Lektüre, so ist er ein bekennender Fan der Montalbano-Krimis des großen Andrea Camilleri, nimmt Bezug auf Giovannino Guareschi und seine berühmten Geschichten um „Don Camillo und Peppone“ und er weckte meine Neugier auf einen weiteren Roman, der sich mit dem Schicksal eines sardischen Jungen beschäftigt: Gavino Ledda’s Roman „Padre Padrone“.

„Und ich, der ich solche Armut nur aus Büchern kenne, erzähle, dass ich gerade Padre Padrone von Gavino Ledda gelesen habe. Auch die Verfilmung durch die Gebrüder Taviani habe ich gesehen. Die Geschichte eines Jungen, der kaum dass er ein paar Tage in der Schule gewesen ist – vom Vater dort abgeholt wird, weil der ihn als Ziegenhirte braucht, und weil der Alte das, was der Junge in dieser Schule lernt, als nutzloses Zeug verachtet.“

(S.263)

Gavino Ledda, Padre Padrone
Aus dem Italienischen von Heinz Riedt
dtv
ISBN: 978-3-423-13121-6

Zu weit weg vom Meer

Dank Gesuino Némus’ zweitem Sardinien-Krimi „Süße Versuchung“, der nun auf deutsch erschienen ist, konnte ich wieder in das Dörfchen Telévras zurückkehren, das ich im letzten Jahr in „Die Theologie des Wildschweins“ schon ins Herz geschlossen hatte. Der zweite Fall wartet mit einem Zeitsprung auf, denn wir befinden uns nicht mehr im Sommer 1969, sondern in der Gegenwart.

Und auch die Hauptakteure sind jetzt andere:
In der Bar hat ein Generationenwechsel stattgefunden und so steht jetzt Barista Samuele Baccanti – Tore’s Sohn – hinter dem Tresen und bewirtet seine meist ausschließlich einheimischen Gäste.

Womit wir beim Problem wären: Wie kann es gelingen, dass Telévras mehr Touristen anzieht? Dieses sardische Dörfchen, das einfach „zu weit weg vom Meer“, etwas abgeschieden in den Bergen liegt und doch so dringend auf das Geld der Urlauber angewiesen wäre. Der vielleicht kleinste Heimatverein Italiens soll sich darum kümmern, Ideen zu entwickeln. Doch als dieser plötzlich ohne Vorstand völlig führungslos zu sein scheint, gleichsam ein Machtvakuum im Dorf entsteht und dann auch noch zwei rätselhafte Todesfälle im Ort für Aufsehen sorgen, bekommt Telévras plötzlich mehr mediale Aufmerksamkeit und Publicity als man sich hätte erträumen können.

Die Dorfbewohner und Charaktere sind weiterhin kauzig, kantig und eigenwillig. So stehen dieses Mal unter anderem ein Renn-Jockey im Ruhestand mit ausgeprägten Minderwertigkeitskomplexen, ein Dorfdichter und ein suspendierter Polizist im Zentrum des Geschehens.

„Ach, Lyrik kann lustig sein?“, erkundigte sich Marzio leidenschaftslos.
„Alles kann lustig sein, es kommt nur auf den Standpunkt an.“

(S.115)

Und was um Himmels willen hat das alles mit Elvis, Kurt Cobain oder Prince zu tun? Das wird nicht verraten, lasst Euch überraschen, denn Gesuino Némus, der im richtigen Leben Matteo Loci heißt und auf Sardinien geboren ist – sorgt dieses Mal für einige aberwitzige Wendungen und Wirrungen.

Ich mag die Erzählmelodie von Némus und den Humor, der so trocken ist, wie die sardische Erde nach acht Monaten ohne Regen und so schwarz wie der Espresso aus Samuele’s Kaffeemaschine in der Dorfbar.

„Der Tod ist die Art und Weise, mit der das Leben dir deine Entlassung erklärt. Ich erinnere mich nicht mehr, von wem diese Worte stammen, aber es muss ein kluger Kopf gewesen sein, (…)“

(S.118)

Der sardische Lokalkolorit kommt natürlich auch nicht zu kurz – so bewegt man sich zwischen Nuraghe – den prähistorischen Turmbauten auf der Insel – Kloster und Dorfbar, speist „Fritto Misto“ und trinkt ein Gläschen rubinroten Cannonau.
Und während der Schirokko bläst, zwielichtige Investoren ihr Unwesen treiben und der Heimatverein sich Gedanken über den Inhalt des nächsten Werbeflyers macht, gibt es für den Dorfdichter viel zu erzählen…

„Er hielt sich gut an dem Geländer fest und ging zu dem kleinen Platz, und kurz vor seinem Haus blieb er verzaubert stehen – die Sonne schien auf das Meer, vor ihm lag das verschneite Tal und am Horizont tiefblaues Wasser. Bei dem Anblick beruhigte er sich. Die Natur half ihm, wie so oft.“

(S.259/260)

Allzu gerne würde man sich selbst vor die Dorfbar in die Sonne setzen, eine schöne Tasse Espresso und ein Cornetto genießen und den schrulligen Bewohnern und ihrem wilden Treiben in Telévras zusehen.

Auch wenn die Lektüre etwas Konzentration erfordert und man sich nicht verwirren lassen darf: Dieser Krimi ist bittersüß, humorvoll, schräg und witzig und auf seine ureigene Art wieder etwas Besonderes. Allen Leserinnen und Leser, die also gerne mal die ausgetretenen Regionalkrimi-Pfade verlassen wollen und sich auf ein etwas spezielleres, sardisches Krimierlebnis einlassen möchten, kann ich nur empfehlen, sich von Némus nach Telévras entführen zu lassen – auch wenn es für Pauschaltouristen vielleicht „zu weit weg vom Meer“ liegt. Für sonnenhungrige, italienaffine Lesetouristen lohnt es sich auf jeden Fall.

Auf Italienisch sind bereits fünf Bände der Reihe erschienen und daher hoffe ich sehr, dass ich mich auch auf weitere Sardinien-Krimis von Gesuino Némus und Geschichten aus dem Örtchen Telévras in deutscher Übersetzung freuen darf. Denn von Büchern, die sich wie ein kleiner Kurzurlaub anfühlen und entspannte, sonnige Laune verbreiten, kann man bzw. ich nie genug bekommen.

Ein leuchtendes fröhliches Umschlagbild, eine launige Lektüre und eine wahrhaft „Süße Versuchung“, der ich gerne und mit großem Genuss erlegen bin.
Schließlich wusste schon Oscar Wilde: „Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen!“

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eisele Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Gesuino Némus, Süße Versuchung
Aus dem Italienischen von Juliane Nachtigal
Eisele Verlag
ISBN: 978-3-96161-132-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Gesuino Némus’ „Süße Versuchung“:

Für den Gaumen:
Auch dieses Mal enthält das Buch nach dem „fil e ferru“ vom letzten Mal wieder eine hochprozentige kulinarische Empfehlung:

„Sie waren zum Du übergegangen, und der Dichter feierte dieses Ereignis, indem er s’axina asutt’e spiritu servierte, in Schnaps eingelegte weiße Weinbeeren.“

(S.117)

Zum Weiterhören (I):
Schon durch den ersten Fall von Gesuino Némus wurde ich auf den italienischen Sänger Fabrizio de André (1940 – 1999) aufmerksam. Dieses Mal wird explizit das posthum erschienene Album (Compilation) aus dem Jahr 2005 erwähnt: „In direzione ostinate e contraria“. Für eine Extraportion Italiengefühl einfach mal reinhören!

Zum Weiterhören (II) oder für einen Opernbesuch:
Samuele Baccanti, der Barbesitzer ist großer Opernfan und so sind seine Gäste gezwungen, die Saisoneröffnung der Mailänder Scala mit ihm im Fernsehen zu verfolgen, die in der Bar läuft: Giacomo Puccini’s „Madama Butterfly“ und die Arie „Un bel dì vedremo“ wird bald lautstark mitgesungen.
Eine herrliche Szene nach meinem Geschmack – mir würde Samuele da zweifelsohne eine große Freude machen.

Zum Weiterlesen bzw. vorher lesen:
Der erste Band der Reihe war letztes Jahr eines meiner Lesehighlights (hier geht’s zu meiner Rezension). Der Fall, der im Sommer 1969 spielt, hat mich begeistert und wer noch mehr Lust auf Sardinien, Sonne und einen etwas ungewöhnlichen Krimi hat, dem kann ich „Die Theologie des Wildschweins“ wärmstens empfehlen:

Gesuino Némus, Die Theologie des Wildschweins
Aus dem Italienischen von Sylvia Spatz
Eisele
ISBN: 978-3-96161-098-3

Südfranzösische Sommersonne

Das Motto der Indiebookchallenge im Juli hat es mir leicht gemacht, denn mir ist gerade ohnehin nach Sommerlektüre und so war es einfach, ein passendes Buch „das nach Sommer schmeckt“ (#Sommerbuch) auszuwählen.
Bei Helen Wolff’s posthum erschienenen Roman „Hintergrund für Liebe“ lautet sogar der Untertitel „Das Buch eines Sommers“ – passender könnte es also kaum sein und auch die Atmosphäre dieses literarischen Schmuckstücks ist lichtdurchflutet und Sonne pur.

Darf man sich über ein Vermächtnis oder einen letzten Wunsch hinwegsetzen?
Eine schwierige Frage. Helen Wolff hinterließ in ihrem privaten Nachlass das Manuskript zu „Hintergrund für Liebe“ – allerdings mit dem Vermerk „At my death, burn or throw away unread!“. Das wäre sehr schade und ein großer Verlust gewesen. Und so sind die Leser, die seit dem Erscheinen des Romans 2020 nun in den Genuss dieses Werks, das auf die Jahre 1931/32 zurückgeht, kommen können, sicherlich dankbar, dass sich die Nachkommen doch zu einer Veröffentlichung entschlossen haben.

„Wir haben einen langen Winter hinter uns, Arbeit und Sorgen, Regen, Nebel, Hagel und Schnee. Es ist fünf Uhr früh. Wir haben das Gefühl durchzubrennen, in das leichte Leben, in die besonnte Welt.“

(S.5)

Schon dieser Satz auf der ersten Seite sprach mir unterbewusst nach dem langen Pandemiewinter aus der Seele. Das konnte die Autorin sicherlich nicht ahnen, als sie diese Zeilen schrieb, jedoch kennt diese Aufbruchstimmung wohl auch jeder, der sich auf den Weg in den Urlaub macht.

Im Roman bricht ein Liebespaar – eine junge Frau mit einem etliche Jahre älteren und erfahrenen Mann – mit dem Auto in Richtung Südfrankreich auf. Eine lange Fahrt und ein ausgedehnter Urlaub im Süden liegt vor ihnen.

„(…) – und dann Abstieg, Hinuntergleiten in die selige Ebene, in den ersten Sonnentag, in ein makelloses Kirchenfensterblau, in fruchtbare Weite, in Olivenwälder – Provence heißt dies -, alt, schwer und reich von Geschichte, im Keller vieler Jahrhunderte abgelagert und geklärt und immer wieder neu an die Sonne geboren.“

(S.13/14)

Die Ankunft gleicht einem Sommermärchen – die junge Frau saugt die Eindrücke der traumhaften Landschaft – die sie als „Hintergrund für Liebe“ bezeichnet – in sich auf, genießt die Sonne, die unbekannten Speisen, den Zauber der Küste und das Funkeln des Meeres. Sie wünscht sich ein einfaches, kleines Häuschen, einen Rückzugsort für ihre junge Liebe, um ihre Zweisamkeit auskosten zu können. Doch zunächst landen sie in einem Luxushotel – im Trubel der gehobenen Gesellschaft – und im Spielcasino, das für sie zu einem Schlüsselerlebnis wird.

Es ist der erste gemeinsame Urlaub in der noch jungen Beziehung – es sind bei Weitem noch nicht alle Fronten geklärt. Schnell wird klar, dass neben dem Zauber, der allem Anfang innewohnt, Meinungsunterschiede und unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungen an die Beziehung auftauchen, die nicht so leicht in Einklang zu bringen sind.

Es kommt zum Bruch, sie geht und erfüllt sich ihren Wunsch vom kleinen Häuschen alleine. Sie genießt die Einsamkeit und die Zeit, über sich und ihr Leben nachzudenken.

„Das Leben ist großartig, sobald man damit einverstanden ist.“

(S.65)

Wie es weitergeht, sei an dieser Stelle nicht verraten. Das darf jeder, der möchte, bei der Lektüre selbst entdecken.

Helen Wolff trifft in diesem Roman einen wunderbaren Ton und entfacht ein wahres Feuerwerk an Wortzauber und sprachlicher Finesse. Beim Lesen stößt man auf herrliche Formulierungen und Bilder, die direkt ins Herz gehen. Vieles möchte man immer wieder lesen und sich sofort notieren. Selten ist mir eine Auswahl der Zitate für meine Rezension so schwer gefallen wie bei diesem Buch. Die gerade einmal 116 Seiten des Romans bergen einen solchen Reichtum an sprachlicher Schönheit, klugen Gedanken und sommerlicher Lebensfreude, dass es eine wahre Lust ist.

Ein schmaler, aber wunderschöner und intensiver Band über die Liebe, den Sommer, die Gleichberechtigung in einer Beziehung, heilsames Alleinsein und zur Ruhe kommen. All dies in der traumhaften, mediterranen Kulisse Südfrankreichs gepaart mit viel Flair, Savoir-Vivre und einer unbändigen Lust am Leben.

„Wir beißen in das Leben. Wir saugen uns mit Sonne voll wie die Früchte. Wir taumeln den Sommer entlang, und es wird immer schöner, bewußtloser.“

(S.112)

Wer also etwas Sonne tanken möchte und Lust auf einen sommerlich-hellen Roman und eine schöne, authentische Liebesgeschichte hat, der wird an Helen Wolff’s literarischem Vermächtnis sicherlich Freude haben.

Der Essay von Marion Detjen – der Herausgeberin und Großnichte Helen Wolffs – ergänzt den Roman aufs Beste und erzählt den „Hintergrund des Hintergrunds“, d.h. die Geschichte und die Entstehung des Werks. So erfährt man vieles über die Biographie des Verlegerpaars Helen und Kurt Wolff und auch über die zeitliche Einordnung des Romans sowie die politischen Verhältnisse der damaligen Zeit. Ebenso lässt Detjen den Leser an ihren Überlegungen und dem Entscheidungsprozess teilhaben, der letztlich doch zur Veröffentlichung dieses literarischen Kleinods führte.

Weitere Besprechungen des Romans gibt es bei Leseschatz, Nacht und Tag und Literaturleuchtet.

Buchinformation:
Helen Wolff, Hintergrund für Liebe
Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen
Weidle
ISBN: 9783938803967

© Weidle Verlag

Im August 2021 lautet die Indiebookchallenge übrigens:
„Lies ein Buch aus einem unabhängigen Verlag mit einem oder mehreren Essays“ (#essay) – da ich in der Regel kein großer Essay-Leser bin, werde ich noch sehen, ob ich eine Sommerpause einlege oder mir doch noch das passende Buch für den August in die Hände fällt.
Hier geht es zur Seite des Indiebookday’s und dort findet man auch die zukünftigen Themen der Challenge – vielleicht spricht Euch auch etwas an.

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Helen Wolff’s „Hintergrund für Liebe“:

Für den Gaumen (I):
Südfrankreich – das Meer in Reichweite – was liegt da näher, als die berühmte Bouillabaisse und dazu gibt es einen vin rosé du pays. Gleich auf den ersten Seiten des Buchs, lernt die Hauptfigur das Traditionsgericht kennen:

„Die Bouillabaisse kommt, mit Safran und Knoblauch gewürzt, Brotstücke schwimmen dick und vollgesogen in ihr wie in einem Teich, dazwischen treiben sich Langusten, Fische mit komplizierten Namen, Muscheln und Zwiebelscheiben herum. Es ist ein buntes, üppiges Gericht, ein Gericht der Lebensfreude.“

(S.15)

Für den Gaumen (II):
Da die Lektüre kulinarisch wirklich ergiebig war, hier noch ein zweites Highlight aus dem Roman – dieses Mal steht das Frühstück im Mittelpunkt:

„Wir frühstücken Obst und Tee und Butterbrot und Gebirgshonig, Miel de l’Esterel, der nach Thymian und Lavendel duftet.“

(S.99)

Bei mir weckt das sofort die Lust auf ein mediterranes Morgenmahl im Freien.

Zum Weiterlesen:
Ein weiteres Werk, das den Sommer bereits im Titel trägt und von der Entstehung in die selbe Zeit fällt, ist Kurt Tucholsky’s „Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte“ aus dem Jahr 1931. Ein Klassiker, den es sich zu lesen lohnt und der zwar nicht nach Südfrankreich, dafür aber ins mindestens genau so schöne sommerliche Schweden entführt.

Kurt Tucholsky, Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-33179-4

Welche Welt wählst Du?

Mit „Cryptos“ setzt Ursula Poznanski ihre erfolgreiche Jugendthriller-Reihe fulminant fort. Es ist für mich schon zu einer liebgewonnenen Tradition geworden, dass ich in meinem August-Urlaub ein hochspannendes Jugendbuch von Ursula Poznanski in Händen halte und dieses dann genüsslich innerhalb kürzester Zeit verschlinge. Oft schon hat sie mir einen spannenden Tag im Strandkorb oder im Liegestuhl beschert und auch dieses Jahr hat sie mich nicht enttäuscht, auch wenn ich den Roman dieses Mal zu Hause ohne Meerblick gelesen habe.

Sollte die Urlaubsreise dieses Jahr Corona zum Opfer gefallen sein – kein Grund traurig zu sein, denn schon die ersten Seiten von „Cryptos“ genügen, um mitten drin in der Geschichte zu sein und sich mit Jana, der jungen und hochbegabten Weltendesignerin auf eine wilde Reise durch Raum und Zeit zu begeben.

Jana ist das vielversprechende Nachwuchstalent bei Mastermind und kreiert für das Unternehmen virtuelle Welten, in die sich die Menschen aus der realen Welt, die mittlerweile aufgrund der Klimakatastrophe, der unerträglichen Hitze, des Wassermangels und der knapp werdenden Nahrung immer unwirtlicher geworden ist, zurückziehen können. Mit Kerrybrook – einer irisch anmutenden saftig-grünen, sanft-hügeligen und gemütlichen Fischerinsel ist ihr ein Hort des Friedens gelungen, der sich mit hohen Besucherzahlen immer größerer Beliebtheit erfreut. Doch plötzlich kommt es in Kerrybrook zu Vorfällen, die sich niemand erklären kann und Jana muss zusehen, wie das Verbrechen in ihre friedliche Welt eindringt. Geschockt macht sie sich auf den Weg, herauszufinden, wie das geschehen konnte und versucht, die Täter zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen. Eine spannende und dramatische Reise durch die unterschiedlichsten Zeiten und Welten beginnt und die Lage spitzt sich immer mehr zu…

Es ist gar nicht so leicht, eine ausführliche Rezension über „Cryptos“ zu schreiben, weil man ja auch nicht zu viel verraten möchte. Denn das Buch lebt vom sehr gekonnt aufgebauten Spannungsbogen, dem man sich als Leser nicht mehr entziehen kann und will. Poznanski ist aus meiner Sicht wiederum ein großer Wurf gelungen und mich fasziniert, mit welcher Regelmäßigkeit sie es schafft, jährlich einen qualitativ hochwertigen, gelungenen und hoch spannenden Jugendthriller zu schreiben, der immer ein brandaktuelles Thema behandelt, das nicht nur Jugendlichen unter den Nägeln brennt. Dazu hat sie ein Händchen für tolle, einprägsame Figuren und beherrscht es, den Leser durch stimmige Atmosphäre und durchdachte Dramaturgie in den Bann zu ziehen.

An alle Erwachsenen, die sich (immer noch) nicht trauen, zu einem Jugendbuch zu greifen: Für gute Bücher ist man nie zu alt! Ursula Poznanski ist sicherlich eine gute Adresse, um über seinen (falls vorhandenen) Schatten zu springen.

Ist „Cryptos“ eine Dystopie? Befragen wir hierzu mal kurz die Definition laut welcher eine Dystopie „ein zukunftspessimistisches Szenario von einer Gesellschaft, die sich zum Negativen entwickelt“ (Zitat; Quelle: Wikipedia) darstellt. „Häufig wollen die Autoren dystopischer Geschichten mit Hilfe eines pessimistischen Zukunftsbildes auf bedenkliche gesellschaftliche Entwicklungen der Gegenwart aufmerksam machen und vor deren Folgen warnen.“ (Zitat; Quelle: Wikipedia).
Und ja – „Cryptos“ ist eine Dystopie und aus meiner Sicht eine sehr gelungene noch dazu. Denn Ursula Poznanski gibt in diesem Buch der Klimakatastrophe Raum und versucht, den Lesern vor Augen zu führen, wie unsere Welt aussehen könnte, wenn wir nichts unternehmen und ändern. In Form dieser hochspannenden Geschichte, verpackt sie geschickt viele Aspekte des Klimawandels und dessen Folgen und erreicht somit in Form eines Spannungsromans eine große Zielgruppe an jungen aber auch erwachsenen Lesern. Das ist wirklich sehr gut gemacht, ideenreich und fantasievoll und gerade deshalb stockt einem der Atem und man schluckt… denn von vielen der geschilderten negativen Auswirkungen der Klimakatastrophe sind wir nicht mehr weit entfernt, vergeht doch kaum ein Tag, an welchen wir nicht von Buschbränden, Überschwemmungen und Dürresommern in den Nachrichten hören und sehen. Zudem drängt sich leider manchmal auch der Eindruck auf, dass auch in unserer Realität viele Menschen den Tatsachen lieber aus dem Weg gehen und sich in ihre eigenen Welten und „alternative Wahrheiten“ flüchten. Lieber lässt man sich bespaßen, als die Probleme wirklich anzupacken.

Und so stellt Ursula Poznanski die beklemmende Frage, in welcher Welt wir leben wollen, wenn unsere eigene unbewohnbar geworden ist oder wie es der Loewe Verlag auf dem Umschlag formuliert: „Wohin gehen wir, wenn wir nirgendwo mehr hinkönnen?“ (Zitat). Welche Welt wählst Du?

Buchinformation:
Ursula Poznanski, Cryptos
Loewe
ISBN 978-3-7432-0050-0

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Zu welchen weiteren Genüssen hat „Cryptos“ mich inspiriert:

Für den Gaumen:
Zum Kühlen der Gemüter und für ein bisschen Sommerurlaubs-Feeling ein erfrischendes Eis.

Für die Augen bzw. zum Weiterschauen:
Beim Thema Weltendesign fühlte ich mich sofort an den Film „Die Truman Show“ aus dem Jahre 1998 erinnert. Die Jüngeren unter Euch dürften ihn vielleicht noch nicht kennen, aber was das Thema virtuelle Welten anbelangt, ist er wohl immer noch ein Klassiker.

Für weiteren literarischen Genuss:
Solltet Ihr tatsächlich zu den glücklichen Menschen gehören, die noch nicht alle Bücher von Ursula Poznanski gelesen haben und Spaß an Cryptos hatten, dann kann ich ausnahmslos auch die bereits erschienenen Jugendbücher der österreichischen Autorin wärmstens empfehlen. Ich werde hier nicht alle auflisten, aber als kleine Auswahl (aller guten Dinge sind drei):

Ursula Poznanski, Layers
Loewe
ISBN 978-3-7855-8230-5

Ursula Poznanski, Elanus
Loewe
ISBN 978-3-7855-8231-2

Ursula Poznanski, Aquila
Loewe
ISBN 978-3-7855-8613-6

Ein großartiges Buch zum Thema Klimawandel, das sich ermutigend, positiv und unterhaltsam mit unseren Möglichkeiten befasst, unseren Beitrag zur CO2-Reduktion zu leisten und auf das ich sicherlich noch ausführlicher im Blog zurückkommen werde:

Petra Pinzler, Günther Wessel,
Vier fürs Klima – Wie unsere Familie versucht CO2-neutral zu leben
Droemer
ISBN 978-3-426-30273-6

New York, New York

Elizabeth Gilberts Roman „City of Girls“ entführt den Leser in das pulsierende, funkelnde und schillernde Nachtleben der Vierziger Jahre in der Stadt, die niemals schläft: New York.

Sommer 1940 – die 19-jährige Vivian wirft das College hin, entflieht der Enge ihres Elternhauses und bezieht Quartier bei ihrer Tante in New York, die dort ein eigenes, kleines Theater in einem Arbeiterviertel betreibt. Tante Peg – das schwarze Schaf der Familie – ist nicht nur Bühnen-, sondern auch Lebenskünstlerin und hält sich, ihre Mitarbeiter und das heruntergekommene „Lily Playhouse“ mit einfachen und eher handwerklich, denn künstlerisch angelegten Unterhaltungsrevuen mehr schlecht als recht über Wasser.
Für Vivian beginnt ein neues Leben, sie ist fasziniert vom kreativen Chaos der glamourösen, schillernden Theaterszene und aufgrund ihrer außergewöhnlichen Nähkünste und ihrer Nähmaschine, die sie ihrer geliebten Großmutter verdankt, integriert sich Vivian schnell in die bunt zusammengewürfelte und eigenwillige Truppe. Sie wird zur Kostümbildnerin des Theaters und da Kleider bekanntlich Leute machen, werden die Kostüme und die Mode zum Ausdrucksmittel und Türöffner für das junge Mädchen. Mit Showgirl Celia genießt sie ihre ungezügelte Freiheit und die unbegrenzten Möglichkeiten des New Yorker Nachtlebens, die ihr auf einmal offen stehen. Schon bald wirft jedoch der zweite Weltkrieg seine Schatten auch nach Amerika, doch Vivian schwirrt weiter durch die Bars und Clubs der Stadt, wie eine Motte ins Licht – nicht ahnend, dass ihr Verhalten andere und sich selbst bald in großes Unglück stürzen wird. Und als dann nicht nur ihr Privatleben, sondern auch die Welt in Flammen steht, zeigt sich für Vivian, worauf es im Leben wirklich ankommt und wo ihre Stärken liegen.

Elizabeth Gilbert versteht es, Figuren aufs Papier zu zaubern, die einem sofort ans Herz wachsen. Die kunterbunte Theaterkompanie im Lily Playhouse mit der stets optimistischen und positiven Peg, dem ruhenden Pol und wachsamen Hütehund Olive, dem zum Inventar gehörenden Mr. Herbert, der verruchten und vergnügungssüchtigen Celia und der Grand Dame des Theaters Edna – um nur einige wenige zu nennen – sind einfach wunderbar gezeichnet. Man freut sich, lacht, liebt und leidet mit allen von ihnen und taucht ab in diese glitzernde Theaterwelt der Vierziger Jahre. Und so wie die Theaterbesucher im Lily Playhouse gemäß dem Motto „hübsche Beine statt schlechter Shakespeare“ (Zitat, S.56) gut unterhalten werden, um den Alltag und die Sorgen einen Abend lang zu vergessen, so lässt auch dieses Buch den Leser alles um sich herum für eine Weile ausblenden.
Wie gut kann ich als leidenschaftliche Theatergängerin die Euphorie nach einer gelungenen Aufführung nachvollziehen und wie sehr wünsche ich mir, dass auch wir bald wieder im Theater sitzen, Leute aus Fleisch und Blut auf der Bühne erleben und lachen können. Bis dahin ist dieser Roman eine gute Möglichkeit, diese Wartezeit zu überbrücken und die Vorfreude zu verstärken, denn es prickelt, knistert und der Funke der Geschichte ist auf mich definitiv übergesprungen.

Ein herzerwärmendes Buch, das man kaum mehr aus der Hand legen kann. Es ist witzig, charmant und geistreich und ich musste mehrfach herzhaft lachen. So sehr die erste Hälfte geprägt ist von guter Laune, unbeschwerter Ausgelassenheit und schöpferischem Schaffen der Theatertruppe im liebenswürdigen, aber heruntergekommenen Haus, so emotional wird der zweite Teil des Buches und geht zu Herzen. Denn dass hinter der Bühne und den Kulissen nicht immer alles glänzt und leuchtet, sondern dass auch dort Menschen Schwäche zeigen und mit ihren Sorgen, Nöten und Ängsten kämpfen, ist die zweite, sehr menschliche und gefühlvolle Seite des Romans.

Ein großartiges Buch über Lebensfreude, Lebensentwürfe, Freundschaft und Verantwortung, aber auch über die Freiheit, sein Leben nach eigenen Vorstellungen und basierend auf den persönlichen Stärken selbstbestimmt und unabhängig zu gestalten. Eine wunderbare, lebensfrohe Sommerlektüre für alle, die Theater, starke Frauen, New York, die Vierziger Jahre oder einfach nur eine wirklich gut erzählte und warmherzige Geschichte lieben.

Buchinformation:
Elizabeth Gilbert, City of Girls
Übersetzt von: Britt Somann-Jung
S. Fischer
ISBN 978-3-10-002476-3

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Wie lässt sich „City of Girls“ mit allen Sinnen genießen oder der Genuss verlängern:

Für den Gaumen: Gin Fizz und Tapas, um sich auch zu Hause wie in einer New Yorker Bar zu fühlen

Für die Ohren und Theatergänger:
Definitiv Musik von Cole Porter – seine Songs „I’ve got you under my skin“, „Night and day“ oder „Begin the beguine“ sind unsterblich und lassen einen sofort mitswingen.
Und sollte sich die Gelegenheit bieten, sein Musical „Kiss me, Kate“ in einem Theater Eurer Nähe live zu erleben (ich hatte am Stadttheater Landshut bereits vor einigen Jahren das Vergnügen), unbedingt nutzen und reingehen!

Für weiteren literarischen Genuss:
Eine ähnliche Wirkung hatte auch die Lektüre von folgendem Roman auf mich, an den mich „City of Girls“ ein ganz klein wenig erinnert hat:

Isabel Allende, Der japanische Liebhaber
übersetzt von: Svenja Becker
Suhrkamp
ISBN: 978-3518467305