Südfranzösische Sommersonne

Das Motto der Indiebookchallenge im Juli hat es mir leicht gemacht, denn mir ist gerade ohnehin nach Sommerlektüre und so war es einfach, ein passendes Buch „das nach Sommer schmeckt“ (#Sommerbuch) auszuwählen.
Bei Helen Wolff’s posthum erschienenen Roman „Hintergrund für Liebe“ lautet sogar der Untertitel „Das Buch eines Sommers“ – passender könnte es also kaum sein und auch die Atmosphäre dieses literarischen Schmuckstücks ist lichtdurchflutet und Sonne pur.

Darf man sich über ein Vermächtnis oder einen letzten Wunsch hinwegsetzen?
Eine schwierige Frage. Helen Wolff hinterließ in ihrem privaten Nachlass das Manuskript zu „Hintergrund für Liebe“ – allerdings mit dem Vermerk „At my death, burn or throw away unread!“. Das wäre sehr schade und ein großer Verlust gewesen. Und so sind die Leser, die seit dem Erscheinen des Romans 2020 nun in den Genuss dieses Werks, das auf die Jahre 1931/32 zurückgeht, kommen können, sicherlich dankbar, dass sich die Nachkommen doch zu einer Veröffentlichung entschlossen haben.

„Wir haben einen langen Winter hinter uns, Arbeit und Sorgen, Regen, Nebel, Hagel und Schnee. Es ist fünf Uhr früh. Wir haben das Gefühl durchzubrennen, in das leichte Leben, in die besonnte Welt.“

(S.5)

Schon dieser Satz auf der ersten Seite sprach mir unterbewusst nach dem langen Pandemiewinter aus der Seele. Das konnte die Autorin sicherlich nicht ahnen, als sie diese Zeilen schrieb, jedoch kennt diese Aufbruchstimmung wohl auch jeder, der sich auf den Weg in den Urlaub macht.

Im Roman bricht ein Liebespaar – eine junge Frau mit einem etliche Jahre älteren und erfahrenen Mann – mit dem Auto in Richtung Südfrankreich auf. Eine lange Fahrt und ein ausgedehnter Urlaub im Süden liegt vor ihnen.

„(…) – und dann Abstieg, Hinuntergleiten in die selige Ebene, in den ersten Sonnentag, in ein makelloses Kirchenfensterblau, in fruchtbare Weite, in Olivenwälder – Provence heißt dies -, alt, schwer und reich von Geschichte, im Keller vieler Jahrhunderte abgelagert und geklärt und immer wieder neu an die Sonne geboren.“

(S.13/14)

Die Ankunft gleicht einem Sommermärchen – die junge Frau saugt die Eindrücke der traumhaften Landschaft – die sie als „Hintergrund für Liebe“ bezeichnet – in sich auf, genießt die Sonne, die unbekannten Speisen, den Zauber der Küste und das Funkeln des Meeres. Sie wünscht sich ein einfaches, kleines Häuschen, einen Rückzugsort für ihre junge Liebe, um ihre Zweisamkeit auskosten zu können. Doch zunächst landen sie in einem Luxushotel – im Trubel der gehobenen Gesellschaft – und im Spielcasino, das für sie zu einem Schlüsselerlebnis wird.

Es ist der erste gemeinsame Urlaub in der noch jungen Beziehung – es sind bei Weitem noch nicht alle Fronten geklärt. Schnell wird klar, dass neben dem Zauber, der allem Anfang innewohnt, Meinungsunterschiede und unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungen an die Beziehung auftauchen, die nicht so leicht in Einklang zu bringen sind.

Es kommt zum Bruch, sie geht und erfüllt sich ihren Wunsch vom kleinen Häuschen alleine. Sie genießt die Einsamkeit und die Zeit, über sich und ihr Leben nachzudenken.

„Das Leben ist großartig, sobald man damit einverstanden ist.“

(S.65)

Wie es weitergeht, sei an dieser Stelle nicht verraten. Das darf jeder, der möchte, bei der Lektüre selbst entdecken.

Helen Wolff trifft in diesem Roman einen wunderbaren Ton und entfacht ein wahres Feuerwerk an Wortzauber und sprachlicher Finesse. Beim Lesen stößt man auf herrliche Formulierungen und Bilder, die direkt ins Herz gehen. Vieles möchte man immer wieder lesen und sich sofort notieren. Selten ist mir eine Auswahl der Zitate für meine Rezension so schwer gefallen wie bei diesem Buch. Die gerade einmal 116 Seiten des Romans bergen einen solchen Reichtum an sprachlicher Schönheit, klugen Gedanken und sommerlicher Lebensfreude, dass es eine wahre Lust ist.

Ein schmaler, aber wunderschöner und intensiver Band über die Liebe, den Sommer, die Gleichberechtigung in einer Beziehung, heilsames Alleinsein und zur Ruhe kommen. All dies in der traumhaften, mediterranen Kulisse Südfrankreichs gepaart mit viel Flair, Savoir-Vivre und einer unbändigen Lust am Leben.

„Wir beißen in das Leben. Wir saugen uns mit Sonne voll wie die Früchte. Wir taumeln den Sommer entlang, und es wird immer schöner, bewußtloser.“

(S.112)

Wer also etwas Sonne tanken möchte und Lust auf einen sommerlich-hellen Roman und eine schöne, authentische Liebesgeschichte hat, der wird an Helen Wolff’s literarischem Vermächtnis sicherlich Freude haben.

Der Essay von Marion Detjen – der Herausgeberin und Großnichte Helen Wolffs – ergänzt den Roman aufs Beste und erzählt den „Hintergrund des Hintergrunds“, d.h. die Geschichte und die Entstehung des Werks. So erfährt man vieles über die Biographie des Verlegerpaars Helen und Kurt Wolff und auch über die zeitliche Einordnung des Romans sowie die politischen Verhältnisse der damaligen Zeit. Ebenso lässt Detjen den Leser an ihren Überlegungen und dem Entscheidungsprozess teilhaben, der letztlich doch zur Veröffentlichung dieses literarischen Kleinods führte.

Weitere Besprechungen des Romans gibt es bei Leseschatz, Nacht und Tag und Literaturleuchtet.

Buchinformation:
Helen Wolff, Hintergrund für Liebe
Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen
Weidle
ISBN: 9783938803967

© Weidle Verlag

Im August 2021 lautet die Indiebookchallenge übrigens:
„Lies ein Buch aus einem unabhängigen Verlag mit einem oder mehreren Essays“ (#essay) – da ich in der Regel kein großer Essay-Leser bin, werde ich noch sehen, ob ich eine Sommerpause einlege oder mir doch noch das passende Buch für den August in die Hände fällt.
Hier geht es zur Seite des Indiebookday’s und dort findet man auch die zukünftigen Themen der Challenge – vielleicht spricht Euch auch etwas an.

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Helen Wolff’s „Hintergrund für Liebe“:

Für den Gaumen (I):
Südfrankreich – das Meer in Reichweite – was liegt da näher, als die berühmte Bouillabaisse und dazu gibt es einen vin rosé du pays. Gleich auf den ersten Seiten des Buchs, lernt die Hauptfigur das Traditionsgericht kennen:

„Die Bouillabaisse kommt, mit Safran und Knoblauch gewürzt, Brotstücke schwimmen dick und vollgesogen in ihr wie in einem Teich, dazwischen treiben sich Langusten, Fische mit komplizierten Namen, Muscheln und Zwiebelscheiben herum. Es ist ein buntes, üppiges Gericht, ein Gericht der Lebensfreude.“

(S.15)

Für den Gaumen (II):
Da die Lektüre kulinarisch wirklich ergiebig war, hier noch ein zweites Highlight aus dem Roman – dieses Mal steht das Frühstück im Mittelpunkt:

„Wir frühstücken Obst und Tee und Butterbrot und Gebirgshonig, Miel de l’Esterel, der nach Thymian und Lavendel duftet.“

(S.99)

Bei mir weckt das sofort die Lust auf ein mediterranes Morgenmahl im Freien.

Zum Weiterlesen:
Ein weiteres Werk, das den Sommer bereits im Titel trägt und von der Entstehung in die selbe Zeit fällt, ist Kurt Tucholsky’s „Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte“ aus dem Jahr 1931. Ein Klassiker, den es sich zu lesen lohnt und der zwar nicht nach Südfrankreich, dafür aber ins mindestens genau so schöne sommerliche Schweden entführt.

Kurt Tucholsky, Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-33179-4

In die Welt hinaus

„Würzburg liest ein Buch“ – diese Aktion steht aktuell ganz im Zeichen von Max Mohr’s (1891 – 1937) Roman „Frau ohne Reue“. Zahlreiche Veranstaltungen und Lesungen sollen den in Würzburg geborenen Autor, den sein Weg später nach Berlin, an den Tegernsee und die letzten Jahre seines Lebens ins Exil nach Shanghai geführt hat, wo er in seinem ursprünglichen Beruf als Arzt praktizierte, wieder ins Bewusstsein der Menschen bringen. Für mich war dies auch als Nicht-Würzburgerin ein schöner Anreiz, einen Autor zu entdecken, den ich bisher nicht kannte.

Viele Jahre waren seine Werke – in den Zwanziger Jahren verfasste er vor allem sehr erfolgreiche Theaterstücke und später Romane – in Vergessenheit geraten. „Frau ohne Reue“, das 1933 erschien, thematisiert – wie häufig in seinem Schaffen – das Unbehaustsein, die innere Unruhe, das Umherirren auf der Suche nach einem Ort, an dem man sich aufgehoben, geschützt, zu Hause und geborgen fühlen kann. Ein Gefühl, das auch Max Mohr’s eigenes Leben stark prägte und bestimmte. Obwohl er seinen jüdischen Glauben kaum lebte, konnte er nicht in Deutschland bleiben und seinen Beruf als Schriftsteller weiter ausüben – er starb 1937 im Exil in Shanghai – seine Bücher wurden im selben Jahr in Deutschland verboten.

Alles beginnt in Berlin, der pulsierenden Stadt mit verqualmten Kneipen, verruchten Bars und einem regen Nachtleben, aber auch mit Lebenskünstlern, die sich mit Gelegenheitsjobs und kleinen Aufträgen mehr schlecht als recht über Wasser halten. Fenn hat eine tolle Anstellung in Aussicht, doch als er bei seinem potenziellen neuen Arbeitgeber vorstellig wird, verliebt er sich Hals über Kopf in dessen Ehefrau und brennt mit ihr und ihrem Kind durch. Treibende Kraft dahinter ist Lina, die aus ihrem bisherigen Leben und ihrer Ehe ausbrechen möchte und ein alternatives, freieres Lebenskonzept sucht.

„Einer Frau muß man sagen: Laß die Männer für dich handeln, wie sie wollen, und bereue nichts, laß die Männer es bereuen.“

(S.47)

Mit Fenn und ihrer Tochter Jane sucht sie Zuflucht auf einem abgelegenen Hof in den Tiroler Bergen. Sie verstecken sich vor den Detektiven und Spähern, welche der Vater des Kindes beauftragt hat, um die Kleine zu finden und zurück zu holen.
Sie führen ein einfaches, hartes Leben in Abgeschiedenheit ohne Komfort und Luxus.

„Zum erstenmal in ihrem Leben war sie von Grund auf froh, eine Frau zu sein, stolz vor allen Männern. Tun lassen. Die Männer tun lassen, was sie tun wollten, sie reden lassen, was sie reden wollten, es ihnen glücken oder mißglücken lassen, wie’s kam.“

(S.48)

Doch auch dort suchen Lina weitere Schicksalsschläge heim und es gelingt ihr nicht, so richtig heimisch und auf Dauer glücklich zu werden. Erneut krempelt sie ihr Leben um und bleibt die Suchende, Rastlose, die trotz alledem nichts bereut.

„Schrecklich, was die Menschen im letzten Jahrhundert vergessen hatten vor lauter Geschäftigkeit, alles vergessen vor lauter technischer, wirtschaftlicher, politischer Geschäftigkeit!“

(S.77)

In vielen Aspekten ist „Frau ohne Reue“ ein zeitloses Werk – auch heute suchen viele Menschen nach dem richtigen Partner, der richtigen Art zu leben, der richtigen Balance zwischen Leben und Beruf oder treffen Entscheidungen für ein Leben auf dem Land oder in der Stadt. Lina trifft mutige, radikale Entscheidungen und scheut sich auch nicht, diese erneut zu revidieren. Glücklich wird sie leider dennoch nicht.

Das Buch wühlt auf und macht es dem Leser nicht immer einfach. Es ist kritisch und unbequem. Viele Gedankengänge Mohr’s muten nahezu prophetisch an und sind heute – gerade im Licht der aktuellen Ereignisse – aktueller denn je.

„Noch gab es damals die Weltstadt. Die Menschen brauchten den Betrieb. Viele brauchten ihn nötiger als Brot und wären gestorben, wenn durch eine technische Katastrophe oder eine himmlische Fügung ihr Betrieb von der Erde weggewischt worden wäre.“

(S.131)

„Frau ohne Reue“ handelt vom Suchen und vom Verlieren, überzeugt durch intensive, kammerspielartige Szenen und stimmige Dialoge – hier spiegelt sich der Dramatiker Max Mohr auch in seinem Roman.

Ein Autor, der die Aufmerksamkeit und die Wiederentdeckung verdient, auch wenn oder gerade weil er den Lesern 1933 bereits die Düsternis und Ausweglosigkeit der damaligen Zeit vermittelte. Es ist wünschenswert, dass sein Name von Würzburg aus wieder ins Gedächtnis gerufen und in die Welt hinausgetragen wird.

Auf der Website „Würzburg liest“ erhält man einen Überblick der Veranstaltungen, die vorwiegend in der Zeit vom 15. bis zum 25. Juli 2021 stattfinden, aber teilweise auch noch in den August hineinreichen. Zudem erfährt man mehr über Max Mohr und sein Werk.

Weitere Besprechungen von „Frau ohne Reue“ findet man beim Hotlistblog und Birgit Böllinger.

Buchinformation:
Max Mohr, Frau ohne Reue
Weidle
ISBN: 978-3-938803-95-0

© Weidle Verlag

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Max Mohr’s „Frau ohne Reue“:

Für den Gaumen:
Im Refugium in den Bergen:

„Es gab Bier, Schnittlauch, Ziegenkäse. Das Brot, das sie seit dem Herbst selber buken, geriet immer besser.“

(S.87)

Brot selbst backen – etwas, das fasziniert, sobald man es einmal selbst versucht hat und vor allem auch schmeckt.
Zu der Vielfalt von Brotrezepten, die man auf den schönen Blogs wie „Meggie’s Kochstudio“, „Fische im Teigmantel“ oder auch bei „Ein Nudelsieb bloggt“ (um nur ein paar zu nennen) findet, habe ich es noch nicht geschafft, aber zu einem selbstgebackenen Sauerteigbrot schon.

Zum Weiterhören:
Max Mohr bedient sich unter anderem Vergleichen aus Wagner’s Opern, so sieht sich Else – die Freundin Fenns „wie Brangäne, die den unheilbaren Liebestrank verwaltete“ (S.34). Wer Tristan und Isolde kennt, kann hier bereits erahnen, ob den Liebenden ein glückliches Ende beschieden sein wird.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Monaten habe ich die eindringliche Novelle „Der Zwang“ von Stefan Zweig aus dem Jahr 1920 gelesen. Diese kann man ebenfalls als pazifistischen Aufschrei eines zunehmend Heimatlosen und späteren Exilanten lesen und auch Zweig lässt eine starke Frau in der Erzählung auftreten.

Stefan Zweig, Der Zwang
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 9783763271535