Toskanischer Traum

Ein Tagebuch einer Schriftstellerin, die in ihrem 170-Seelen-Heimatort in den toskanischen Bergen eine Buchhandlung mit Garten eröffnet hat und ihren Traum lebt. Als ich zum ersten Mal von Alba Donatis „Ein Garten voller Bücher – Mein toskanisches Märchen“ gehört habe, war sofort klar, dass ich dieses Buch einfach lesen muss.

Selbstverständlich wurde Alba Donati mit ihrem mutigen Plan anfangs für vollkommen verrückt erklärt. Wie sollte das funktionieren? Wer sollte die handverlesenen und mit Liebe ausgewählten Bücher in dieser zauberhaft eingerichteten kleinen Buchhandlung mit idyllischem Garten im abgelegenen Bergdorf kaufen?

„Wie sieht der typische Leser, vielmehr die typische Leserin der Libreria sopra la Penna aus? Vor allem liest sie viel. Sie ist zwischen vierzehn und fünfundsiebzig Jahre alt, wobei die stärkste Altersgruppe die der Dreißig- bis Fünfzigjährigen ist.“

(S.58)

Die Autorin hat sechs Monate lang Tagebuch geführt und erzählt von ihrem gelebten Traum, von allen Höhen und Tiefen, Bedenken, Rückschlägen, aber auch vom Rückhalt und der Unterstützung, die sie immer wieder – auch von unerwarteten Seiten – erhalten hat. Die Finanzierung erfolgte über eine erfolgreiche Crowdfunding-Aktion und sie ist nicht allein mit ihrem Projekt, denn der Großteil der Dorfbewohner sowie eine schlag- und tatkräftige Truppe guter Freundinnen steht hinter ihr und unterstützt sie.

„Adriana hat uns Eier gebracht, Francesca eingelegte Sardellen und Kartoffeln, Tiziana aufgewärmte Schnitzel, Krapfen, Gebäck von De Servi, Donatella Minestrone, während ich Feuerholz vom Friedhof der ermordeten Bäume hole. Zum Überleben reicht das dicke. Gestern hat Donatella mir außerdem zwei Sträuße leuchtend rubinrote Tulpen geschenkt. So ist Lucignana mit seiner Kultur des Teilens. Seiner Art, ein Zuhause zu sein. Die Straßen sind Flure, die Häuser Zimmer. Vielleicht habe ich meine Kindheit auch überlebt, weil ich dieses Zuhause hatte.“

(S.148)

Und als 2020 dann auch noch die Corona-Pandemie zuschlägt und bereits kurz nach der Eröffnung ein Feuer im Laden ausbricht, hat sie diese Unterstützung auch bitter nötig, denn zu diesem Zeitpunkt steht ihr großer Traum kurz vor dem Scheitern.

Doch Internetbestellungen und begeisterte LeserInnen, die weite Wege auf sich nehmen, um nach dem Lockdown die ganz besondere Atmosphäre des Buchladens zu erleben und zu genießen, lassen den Plan letztlich doch aufgehen.

Man spürt in jeder Zeile die große Leidenschaft der lebenslangen Leserin und jetzt Buchhändlerin Donati: sie ist Buchmensch durch und durch, wodurch sie jedem, der selbst den Büchern verfallen ist, sofort ans Herz wächst.

Sie empfiehlt ihren KundInnen Bücher, schreibt am Ende jedes Tages und ihres Tagebucheintrags, was gekauft oder bestellt wurde. Anregungen über Anregungen: Bekanntes, Unbekanntes, Altes, Neues… eine wahre Schatzkiste an Tipps, die meine Lesewunschliste um viele, viele Titel verlängert haben.

Sie schreibt von sich selbst:

„Mir gefallen Bücher, die einen dazu anregen, wieder andere Bücher zu lesen, eine Kette, die nie unterbrochen werden sollte.“

(S.104)

Mit „Ein Garten voller Bücher“ ist ihr nun selbst genau ein solches Buch geglückt. Und meine Anregungen zum Weiterlesen am Ende dieses Blogbeitrags sind wirklich nur ein sehr kleiner Bruchteil der Inspirationen, die ich aus der Lektüre mitgenommen habe.

Bevor Alba Donati 2020 aus Florenz in ihr Heimatdorf zurückzog war sie bereits erfolgreiche Journalistin, Lektorin, Übersetzerin und vor allem Lyrikerin. Und dieses Sprachgefühl, die Freude am Spiel mit Worten und eine ausdrucksstarke, poetische Stilistik spürt man bei der Lektüre des Buches. Sie erschafft fantastische Bilder und wunderschöne Formulierungen, in die man sich als sprachverliebte Person geradezu hineinlegen möchte.

„Doch während Fabios Schönheit beruhigend und vertrauenserweckend wirkt, ist Davids gefährlich. Es geht eine wasserartige, geheimnisvolle Faszination von ihm aus. Seine Augen sind zwei schmale Schlitze, aus denen es ozeanisch schimmert. Wer in dieses Meer fällt, muss schwimmen können.“

(S.91)

So ist das Buch nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich ein Genuss, den Karin Diemerling mit viel Gefühl ins Deutsche übertragen hat.

Es ist herzerwärmend zu lesen, wie viel Zusammenhalt und Leben in der Gemeinschaft dieses Bergdorfs steckt, dem mit gerade 170 Einwohnern schon der nahende Tod prophezeit wurde. Der kleine Buchladen scheint den Niedergang, der so viele kleine Orte in Italien ereilt, abgewendet oder zumindest aufgeschoben zu haben.

„Um die Welt kennenzulernen und zu erfahren, muss man sie nicht kreuz und quer durchwandern, man kann an ein und demselben Ort bleiben, wo die Natur die Szenerie mit jeder Sekunde verändert, uns das unendliche Archiv ihrer Schönheiten öffnet.“

(S.227)

Donati ist ein wunderbares Buch über Heimat, Selbstverwirklichung und darüber gelungen, was es bedeutet seinen langgehegten Traum tatsächlich zu leben und in die Tat umzusetzen – auch gegen jede vermeintliche Vernunft und gegen Widerstände – ein positives Buch, das Mut macht, Lebensfreude, Lebensmut und Optimismus ausstrahlt.

Leidenschaftliche LeserInnen, passionierte Buchmenschen und glühende Italienfans werden ihre helle Freude an diesem bezaubernden Buch haben. Sie werden es lieben, hymnisch feiern, weiterempfehlen und vermutlich zu ihren Höhepunkten des Bücherjahres zählen – so wie ich (die ich übrigens haargenau der oben beschriebenen Zielgruppe dieser Buchhandlung entspreche)!

Buchinformation:
Alba Donati, Ein Garten voller Bücher – Mein toskanisches Märchen
Aus dem Italienischen von Karin Diemerling
Berlin Verlag
ISBN: 978-3-8270-1467-2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Alba Donatis „Ein Garten voller Bücher“:

Für den Gaumen:
In der Buchhandlung gibt es immer Tee und im Buch findet sich ein Rezept für „Pfannkuchen aus Esskastanienmehl mit Ricotta“ (S.100), das ich unbedingt mal ausprobieren möchte. Für mich klingt es – obwohl es als vermeintliches „Arme-Leute“-Gericht bezeichnet wird – sehr vielversprechend.

Zum Weiterklicken oder für einen Besuch:
Hier geht es zur Homepage der Buchhandlung – einfach mal reinstöbern und die schönen Bilder auf sich wirken lassen.
Oder wer im Sommer einen Toskanaurlaub geplant hat: das Dörfchen Lucignana liegt ca. 33 Kilometer von Lucca entfernt in den Bergen. Ein Besuch der „Libreria Sopra la Penna“ sollte aber wohl besser im Vorfeld angemeldet werden.

Zum Weiterlesen (I):
Alba Donati beschreibt das besondere Buch von Vita Sackville-West über die Geschichte des Puppenhauses von Queen Mary – „Eine Frau von Geist“ – so zauberhaft, dass es sofort auf meine Wunschliste gewandert ist. Zumal ich zufällig und amüsanterweise kurz vor meiner Lektüre von Donatis Buch „Das Erbe“ von Vita Sackville-West gelesen hatte und hellauf begeistert war.

Vita Sackville-West, Eine Frau von Geist
mit Illustrationen von Kate Baylay
Übersetzt von Isabelle Fuchs
Gerstenberg Verlag
ISBN: 978-3836921503

Zum Weiterlesen (II):
Ich interessiere mich sehr für italienische Literatur und daher war es für mich besonders spannend durch „Ein Garten voller Bücher“ auch auf AutorInnen zu stoßen, von denen ich bisher noch nichts gelesen habe. Daher liegt Fabio Genovesis Roman „Meine zehn Großväter, das Meer und ich“, der ursprünglich unter dem Titel „Wo man im Meer nicht mehr stehen kann“ auf deutsch veröffentlicht wurde, bereits neben mir auf dem Stapel.

Fabio Genovesi, Meine zehn Großväter, das Meer und ich
Aus dem Italienischen von Mirjam Bitter
Penguin
ISBN: 978-3-328-10578-7

Zum Weiterlesen (III):
Buchverrückte wie ich lieben natürlich auch Bücher über Buchhandlungen und von und mit BuchhändlerInnen – sei es Petra Hartlieb, Alba Donati oder jetzt eben Martin Latham und sein Buch „Vom Glück zu lesen: Über Bücher, Schriftsteller und meine Buchhandlung in Canterbury“, das jetzt dank „Ein Garten voller Bücher“ auch auf meiner Leseliste gelandet ist. So kurz ist der Weg aus den toskanischen Bergen auf die englische Insel.

Martin Latham, Vom Glück zu lesen:
Über Bücher, Schriftsteller und meine Buchhandlung in Canterbury
Aus dem Englischen von Silvia Morawetz und Theresia Übelhör
Dumont
ISBN: 978-3-8321-8155-0

6 Kommentare zu „Toskanischer Traum

  1. „Mir gefallen Bücher, die einen dazu anregen, wieder andere Bücher zu lesen, eine Kette, die nie unterbrochen werden sollte.“ — das sind in der Tat die tollsten! Kommunikative Kommunikationen, ich freue mich darauf, das Buch auch zu lesen. Die Vorstellung einer solchen Buchhandlung ist wahrhaft idyllisch. Danke für die Begeisterung und den Enthusiasmus!

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    1. Danke, Alexander. Ich habe mich in so vielen Aspekten wiedergefunden. Und die Lektüren, bei welchen ein Buch zum nächsten führt, gehörten definitiv dazu. „Ein Garten voller Bücher“ und der Idealismus, der darin steckt hat, hat mich berührt und mir in vielem aus der Seele gesprochen. Daher ein Herzens- und Genussbuch für Buchmenschen… Herzliche Grüße!

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    1. Das freut mich, Christoph! Ich bin gespannt, ob es Dir genau so gut gefällt wie mir. Wenn man jedoch Bücher liebt und noch ein Faible für Italien hat, dann kann man damit kaum etwas falsch machen. Herzliche Grüße und Dir ebenfalls einen sonnig-entspannten Feiertag!

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