Der Fragilität begegnen

Es gibt diese Figuren und Bücher, in die man sich schon auf den ersten Seiten verliebt. Weil sie einen berühren, genau den richtigen Ton anschlagen und sofort etwas in einem zum Schwingen und Klingen bringen. Für mich war „Dünnes Eis“ von Theres Essmann und die Hauptfigur Marietta genau ein solcher Fall – Liebe auf den ersten Blick bzw. die ersten Seiten.

Marietta ist 99 Jahre alt und lebt in einer Seniorenresidenz – liebevoll auch kurz „Resi“ genannt. Im von ihr ausgeklügelten Klassensystem der Altersheimbewohner zählt sie nicht mehr zu den Vitalen oder den Angeschossenen, aber auch nicht zu den Siechen, sondern steht bereits auf der Schwelle zum Club der „Zentenare“, den Hundertjährigen, die gleichsam das Geheimnis eines langen Lebens zu kennen scheinen und sich aus Sicht der Heimleitung in jedem Werbeprospekt gut machen.

„Aber wenn sie erst einmal steht, dann geht’s. Auch ohne Stock. Wie jetzt am Kleiderschrank vorbei durch die Tür und dann die Bücherwand entlang. Von oben links Aurel über mittig Musil bis unten rechts Zweig. Ihr ganzes Leben entlang und das all der anderen dazu, die ihr durch die Abertausenden Seiten die Hand gereicht haben.“

(S.5)

Ihr geliebter Ehemann Elias – Psychotherapeut und „Arzt für die Seele“ (S.80) – ist bereits seit längerem verstorben. Und auch ihre Zimmernachbarin im Heim – Gisela, die zur engen Freundin und Vertrauensperson wurde, lebt nicht mehr. Marietta hat bereits viele schmerzhafte Abschiede hinter sich.

Als junge Frau – lange bevor sie später ihre zweite Liebe Elias kennenlernte – musste sie aus Ostpreußen fliehen und zusehen, wie ihr kleiner Sohn getötet wurde.
Und als sie nun im Garten der Seniorenresidenz auf dem Nebengrundstück der angrenzenden Flüchtlingsunterkunft auf einen kleinen Jungen aufmerksam wird, kommen alte, verdrängte Traumata wieder hoch.

„Und der Junge? Sie wünscht ihm eine Mutter an die Seite, die ihn zudeckt, auf dem Bettrand sitzt, singt. Eine Melodie und Verse. Ihre Hand auf seinem Haar. Sprache. Musik. Die Habe des Herzens, man lässt sie nie zurück. Auch wenn alles andere in einen Koffer passen muss.“

(S.82)

Flucht, Vertreibung, Trauer, Verlust… auch Gisela hatte mit ihr so manch schmerzhafte Erinnerung geteilt. Denn Marietta ist eine gute Zuhörerin. Ehrenamtlich hatte sie früher selbst Kranken- und Heimbesuche gemacht, stets ein offenes Ohr für Sorgen und Nöte ihrer Mitmenschen gehabt. Auch für die Patienten ihres Mannes, welchen sie oft mit Textstellen aus ihrem reichen literarischen Fundus – sie liebt Bücher und war ihr Leben lang eine begeisterte Leserin – bzw. ihrer literarischen Hausapotheke helfende Worte mit auf den Weg geben konnte.

„Oft wirkte genau das, eine homöopathische Dosis Literatur, die das beschreibt, worunter man leidet. Worte, die enthalten, was das eigene Leben beschwert. Verdichtet, also in hoher Konzentration (…) Manchmal war es nur ein Satz, der die Verbindung schuf. Ein Einverständnis. Triffst du nur das Zauberwort.“

(S.50)

Als sie nun gebeten wird, sich etwas um den Heimmitbewohner Herrn Tacke zu kümmern, muss sie all ihre Fähigkeiten und Lebenserfahrung auffahren, um den mürrischen Mann mit dem verräterischen Bart, der an dunkle Zeiten erinnert, und der jeden Lebensmut verloren hat, aus der Reserve zu locken.

Sie selbst hat ihren Trost oft in der Lektüre und im Schreiben gefunden. Worte, Sprache und Poesie sind und waren ihr Zuhause, ihre Medizin und ihre Art, den Untiefen des Lebens zu begegnen.

„Ihr Schreibtisch ist ein Ungetüm. Ein uraltes Wesen, das sich den Bauch vollgeschlagen hat mit ihrem Leben, mit jedem einzelnen Tag. Ein Hüter ist er. Sein leises Knurren, das sie zu hören meinte, sooft sie ihm die Kladde überließ, war freundlich. Sie wollte sie ja nicht zurück, las später nie mehr, was sie geschrieben hatte. Sie will nur, dass es in ihm aufgehoben bleibt.“

(S.32)

Marietta weiß, wie zerbrechlich Glück sein kann und Elias bewunderte ihre „trotzige Poesie“ (S.81). Doch jetzt im hohen Alter wird klar, dass auch sie sehr lange Vieles verdrängt hatte.

„Seelenleuchten erschöpft sich nicht in der Zeit. Aber der kalte Atem des Schreckens, des Verlustes, er pustet die Flamme aus. Von einem Tag auf den anderen erlischt der Zauber der Welt. Bis jemand – oder die gnädige Zeit – kommt und dich warm anstrahlt. Dein Licht neu entflammt.“

(S.92)

Theres Essmann schreibt poetisch, bildhaft und mit einer feinen, warmherzigen Stilistik, die es schafft, sowohl die Zerbrechlichkeit des Glücks und die Gebrechen des Alters, aber zugleich auch Leichtigkeit und Lebensmut zu transportieren.

Für mich war es eine Freude, den Roman zu lesen, auch aufgrund dieser Sprache, ihrer guten Beobachtungsgabe bzw. den genauen Blick für Menschen und Menschlichkeit und auch aufgrund der vielen Zitate, Bezüge und Anspielungen auf Bücher, die wie Medizin sein können.

„Himmel, wer schreibt nur all diese Bücher? Ihre stehen hinter ihr im Regal, Schulter an Schulter in geschlossenen Reihen, und in jedem von ihnen öffnet sich eine Welt. Nicht müde wird sie, sich hineinzubegeben, viele von ihnen erfüllen sie mit einer Zärtlichkeit, die nicht zu erklären ist, nur auszudrücken, indem sie sanft über den Einband streicht, sooft sie ein Buch in die Hand nimmt, wie eine tastende Begrüßung ist das.“

(S.185)

Essmann hat für mich genau den richtigen Ton getroffen und sich sofort in mein Herz geschrieben, so dass „Dünnes Eis“ in meinem Bücherregal sicherlich einen Ehrenplatz bekommen wird – auch aufgrund der schönen optischen Aufmachung mit „Sittich Erich“ auf dem Umschlag, der perfekt zu dem leisen, zarten, unaufdringlichen, aber sehr liebenswürdigen Charakter des Buches passt.

Für mich ein klares Lesehighlight in diesem Jahr und ein kluges, wunderbares Buch voller Menschlichkeit und Empathie, das auch dickes Eis nicht mit der Axt bricht, sondern durch pure Herzenswärme schmelzen lässt. Selten habe ich einen so zärtlichen und poetischen Roman gelesen, der sich respektvoll, aber auch selbstironisch mit den Themen Alter, Verlust, Trauer und Einsamkeit auseinandersetzt. Man würde sich wünschen, im Alter selbst genau so eine Marietta im Heimzimmer nebenan zu haben. Einen lebensbejahenden, humorvollen Menschen mit der Weisheit des Alters, der zuhört, mitfühlt, sich kümmert und Verständnis hat – einen wahren Eisbrecher eben, der es versteht, sich Zugang zum Herzen seiner Mitmenschen zu verschaffen.

Eine weitere Besprechung des Romans findet man bei Birgit Böllinger.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Dörlemann Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Theres Essmann, Dünnes Eis
Dörlemann
ISBN: 978-3-03820-132-8

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Theres Essmanns „Dünnes Eis“:

Für den Gaumen:
Marietta trinkt Lavendeltee (S. 41), der entspannend und beruhigend wirken und auch bei Schlafstörungen helfen soll.

Zum Weiterhören:
Musikalisch gibt es gleich zwei Stücke zu erwähnen, die mir im Buch begegnet sind und auch für mich eine besondere Bedeutung haben: „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy, das Gisela wie einen Schutzzauber vor sich hin summt, und die h-moll-Messe von Johann Sebastian Bach, die Mariettas Mann Elias liebte und die sie hingegen nur „schwer ertragen konnte“ (S.185).

Zum Weiterlesen:
Schon viel darüber gehört, viel darüber gelesen, Ausschnitte entdeckt und doch habe ich es bisher versäumt, die viel gerühmten „Briefe an Milena“ von Franz Kafka endlich im Ganzen zu lesen. Sie sind Teil von Mariettas Kanon bzw. Literarischer Hausapotheke – vielleicht sollte ich das als weiteren Wink des Schicksals werten und das Buch wieder weiter oben auf meine Liste setzen.

Franz Kafka, Briefe an Milena
Herausgegeben von Jürgen Born und Michael Müller
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-25307-4

9 Kommentare zu „Der Fragilität begegnen

    1. Gern geschehen, Sandra. Es freut mich, wenn ich Dich neugierig machen konnte. Ich mochte „Dünnes Eis“ wirklich sehr.
      Mit Kafkas Werken bin ich hingegen bisher leider nie wirklich warm geworden, aber vielleicht sollte ich wirklich mit den Briefen nochmal einen Versuch wagen… Herzliche Herbstgrüße!

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    1. Dankeschön, Bernd. Das freut mich. Theres Essmann hat wirklich einen sehr feinen, berührenden und warmherzigen Schreibstil, den ich sehr mochte. Daher gab es sehr viele schöne Textstellen, die ich gerne zitiert habe und hätte.
      Ja, der Gedanke, dass einem die „Habe des Herzens“ nicht genommen werden kann, hat etwas Tröstliches.
      Herzliche Grüße nach Nürnberg! Barbara

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