Österreichische Zeitzeugen

Heute geht meine literarische Europareise – auch Europabowle genannt – auf die nächste Etappe und ich bereise das schöne Nachbarland Österreich und die Hauptstadt Wien. Martin Horváth’s Roman „Mein Name ist Judith“ erzählt eine melancholische Geschichte über die Judenverfolgung in Wien während des Dritten Reichs und thematisiert Trauer und Verlust.

„Sie saß da an meinem Küchentisch, mit einem grauen Wintermantel bekleidet, einen dicken Schal um den Hals, eine rote Wollmütze auf dem Kopf. Ein kleines, schmales, vielleicht zehnjähriges Mädchen, dessen Namen ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht kannte. Ich hatte keine Ahnung, wer sie war und wie sie in meine Wohnung gekommen war. Und noch weniger ahnte ich, wie sehr sie mein Leben verändern würde.“

(S.18)

Der Schriftsteller León Kortner hat bei einem Terroranschlag auf den Wiener Hauptbahnhof seine Frau und seine kleine Tochter verloren. Sein Leben ist aus den Fugen geraten, er versinkt in Trauer und er versucht, die Geschichte der jüdischen Familie Klein zu Papier zu bringen, die einst eine Buchhandlung in dem Haus betrieben hatte, in welchem er jetzt wohnt, und dann von den Nationalsozialisten aus Wien vertrieben wurde.

Und plötzlich sitzt da ein kleines Mädchen in seiner Küche und behauptet Judith Klein zu sein und dass ihrem Vater dieser Buchladen gehört. Auf einmal verschwimmen Traum und Wirklichkeit, Vergangenheit und Gegenwart und León versucht, der kleinen Judith durch das Erzählen einer Geschichte die Angst und den Schrecken zu nehmen. Diese neue Aufgabe setzt frischen Lebensmut und eine ungeahnte Energie bei ihm frei, die er schon glaubte für immer verloren zu haben.

Horváth behandelt in seinem verspielten und poetischen Roman ein schmerzhaftes Kapitel der Wiener Geschichte: Holocaust, Judenvertreibung und die Arisierung zahlreicher Häuser durch skrupellose Profiteure. Er erzählt Geschichten und lässt seine Figuren Geschichten erzählen, die gleichsam Zeitzeugen und Überlebende des Holocausts zu Wort kommen lassen. Schreckliche, grausame, traumatische Erfahrungen und großes Leid, das viele gerne verdrängen. Gerade deshalb ist es so wichtig, nicht zu vergessen, sondern diese Geschichten durch Weitererzählen wach zu halten.
Horváth weiß wovon er schreibt, denn er hat mehrere Jahre am New Yorker Leo Baeck Institute über die Geschichte der österreichisch-jüdischen Emigration in die USA geforscht.

„Mehr als einmal hatte ich mich gefragt, wie viele Werke – Romane, Theaterstücke, Streichquartette, Opern, Gemälde, Skulpturen – verloren gegangen, nie vollendet oder gar nicht erst erschaffen worden waren, weil man ihre Schöpfer umgebracht oder ihnen auf der Flucht, im Exil oder im Lager die schöpferische Kraft zermürbt und geraubt hatte.“

(S.179)

Man muss sich auf diesen wehmütigen und melancholischen Roman einlassen und darf sich nicht durch die teils ungewöhnliche, literarische Form mit Einschüben von Geschichten und Zeitzeugenberichten, sowie durch die verschwimmenden Realitäten, Zeitsprünge und den Wechsel der Handlungsorte verwirren lassen.

Ein gelungenes, literarisches Experiment und für einen Büchernarren wie mich war schon allein der Schauplatz der Buchhandlung ein attraktiver Grund, zu diesem Roman zu greifen. Dass diese sich dann zudem noch in Wien befindet, ein weiterer – auch wenn sich Teile der Handlung später nach New York verlagern.

Eine eindrucksvolle Reise durch Raum und Zeit, welche Horváth hier seinen Lesern eröffnet und somit für mich auch eine ideale Station meiner literarischen Europareise in Österreich.

Sprachlich schön und flüssig zu lesen ist es ein klangvolles, poetisches und verträumtes Buch, das berührt und wahrhaft große Themen behandelt: Holocaust, Trauer, Verlust, aber auch die Liebe und die Kraft des Geschichtenerzählens. Und letztlich auch ein Roman darüber, wie es gelingen kann, Verlust und Schmerz zu verarbeiten und weiter zu leben.

„Oder: dass ich mehr als ich bin. Ich bin Max. Ich bin aber auch León. Ich bin Judith. Ich bin Eltern und Großeltern, Tanten, Onkel, Freund und Fremder. Ich bin alt. Ich bin jung. Ich bin Vergangenheit. Ich bin Gegenwart. Ich bin tot. Und ich lebe.“

(S.214)
© Penguin Verlag

Buchinformation:
Martin Horváth, Mein Name ist Judith
Penguin
ISBN: 978-3-328-60010-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Mein Name ist Judith“:

Für den Gaumen:
Vor kurzem habe ich auf dem wunderbaren Foodblog „Ein Nudelsieb bloggt“ (herzliche Grüße nach Graz!) ein herrliches Rezept gefunden, das für mich „typisch Österreich“ und untrennbar mit schönen Urlaubserinnerungen verbunden ist: Millirahmstrudel. Alleine das Wort lässt schon das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Zum Weiterhören:
Im Buch ist an einer Stelle von der Zauberin Alcina die Rede, die auf ihrer Insel die strandenden Männer verzaubert, so dass mir sofort die gleichnamige Oper von Georg Friedrich Händel in den Sinn kam. Die bekannteste Arie dieses Werks ist wohl das wunderbare „Verdi prati“, das seinen Zauber bis heute bewahrt hat.

Zum Weiterlesen:
Österreich hat bislang zwei Literaturnobelpreisträger vorzuweisen: Elfriede Jelinek und Peter Handke. Leider konnte ich im Frühjahr 2020 aufgrund des ersten Corona-Lockdowns Elfriede Jelinek’s Stück „Am Königsweg“ nicht mehr im Landestheater Niederbayern sehen, da die meisten Vorstellungen (und auch die von mir geplante) abgesagt werden mussten.

In meinem Bücherregal ist das Nachbarland aber sehr präsent und zahlreich vertreten mit Autoren wie Robert Seethaler, Arno Geiger, Daniel Glattauer, René Freund, Ursula Poznanski, Judith W. Taschler, Irene Diwiak, Gerhard Loibelsberger oder Thomas Raab… um nur einige wenige zu nennen. Österreich ist ein Land, das ich sehr gerne bereise – auch literarisch.

Für alle, die opulente Familienromane mit geschichtlichem Hintergrund lieben und von Wien nicht genug bekommen können, könnte folgender Roman über die Klavierbauerdynastie Alt lesens- und lohnenswert sein:

Ernst Lothar, Der Engel mit der Posaune
btb
ISBN: 978-3-442-71510-7

Irischer Weg zurück ins Leben

Die zweite Station meiner „Literarischen Europareise“ oder „Europabowle“ führt mich noch einmal Richtung Norden, dieses Mal aber etwas westlicher nach: Irland. Colm Tóibín hat mit „Nora Webster“ einen leisen, harmonischen Roman verfasst und eine wunderbare Frauenfigur ins Zentrum seiner Geschichte gesetzt.

Als Nora in den späten Sechziger Jahren nach dem frühen Krebstod ihres Mannes plötzlich auf sich allein gestellt ist – mit vier Kindern und einem nur geringen finanziellen Einkommen – zeigt sich, wie schwer es ist, sich in der konservativen, katholischen und teils engstirnigen Gesellschaft einer Kleinstadt im Norden Irlands als Witwe und alleinstehende Frau wieder einen Platz im Leben zu erkämpfen.

Sie versucht, den Kindern Halt zu geben. Die beiden älteren Töchter sind weitestgehend schon flügge und aus dem Haus, doch die jüngeren Söhne brauchen ihre volle Unterstützung, denn einer der beiden stottert und trägt autistische Züge und beide leiden sehr unter dem Verlust des Vaters. Um finanziell über die Runden zu kommen, trennt sie sich vom ehemals so geliebten Ferienhaus an der Küste und sie beginnt nach langen Jahren der Hausfrauenrolle wieder in Teilzeit im Büro einer ortsansässigen Firma zu arbeiten, in welcher sie bereits vor den Kindern berufstätig war. Doch auch dort machen ihre Kollegen es ihr nicht immer leicht und sie ist Anfeindungen und Schikanen ausgesetzt.

„Sie war überrascht, wie fest sich ihr Entschluss anfühlte, wie leicht es schien, allem, was sie geliebt hatte, den Rücken zu kehren, dieses Haus am Weg zur Klippe aufzugeben, damit andere es kennenlernten, andere es im Sommer aufsuchten und mit verschiedenen Geräuschen erfüllten.“

(S.15)

Der Alltag fordert ihre ganze Kraft und Energie, Geldverdienen, die Kinder, der Haushalt, da bleibt nicht viel Zeit für seelisches Verarbeiten, Trauer oder eigene Interessen und doch entdeckt sie Schritt für Schritt, dass sie auch alleine das Leben meistern kann. Sie findet Gefallen daran, eigene Entscheidungen zu treffen, einen eigenen Geschmack zu entwickeln, unabhängig selbst über finanzielle Dinge zu entscheiden und sich selbst zu verwirklichen.
Doch Armut, Geldsorgen, die Sorgen um die Kinder und die politisch aufgeheizte Zeit – die Geschehnisse des Blutsonntags („Bloody Sunday“) im nordirischen Derry 1972 werden ebenfalls thematisiert – sind Nora’s ständige Begleiter.

Trost findet sie in der Musik – sie besucht Treffen, bei welchen gemeinsam Schallplatten gehört werden und über die Musikstücke diskutiert wird. Nach und nach nimmt sie auch wieder am gesellschaftlichen Leben teil, besucht ein Pubquiz und entscheidet sich sogar, einer Gewerkschaft beizutreten. Ein mutiger Schritt, den sie sich zunächst selbst kaum zugetraut hatte. Sie beginnt, Gesangsstunden zu nehmen, die ihr Kraft und Selbstbewusstsein geben. So findet sie nach und nach ihre eigene Stimme und ihren Weg zurück ins Leben.

Der Ire Colm Tóibín hat mit Nora Webster einer literarischen Figur das Leben geschenkt, die man bewundert und die mir in Erinnerung bleiben wird. Eine Frau, die für sich und ihre Kinder kämpft und sich in einer Zeit alleine durchsetzen muss, in welcher Frauen in vielen Aspekten noch benachteiligt waren und nicht ernst genommen wurden. Doch Nora wächst mit jeder Herausforderung, geht gestärkt daraus hervor und findet letztlich auch zu ihrem eigenen Geschmack und Lebensstil.

Sprachlich klingt die Übersetzung von Giovanni und Ditte Bandini wunderbar ruhig und harmonisch – wie das Rauschen der Brandung an Nora’s Lieblingsstrand – und so entfaltet der Roman einen wunderbaren Lesefluss.

Ein großartiges Buch über das Loslassen, das Trauern und die Emanzipation einer starken, beharrlichen und unkonventionellen Frau, die allen Widrigkeiten trotzt und so an Selbstbewusstsein und Stärke gewinnt.
Für mich auch ein Roman über die Kraft der Musik und des Gesangs – eine Ode an die wohltuende, positive Wirkung des Chorgesangs. Ein leises, eindringliches und behutsames Buch, das ruhig dahinfließt und das mich dennoch nachhaltig beeindruckt hat.

„Es gibt keinen besseren Weg, sich selbst zu heilen, als in einem Chor zu singen.“

(S.246)

Eine literarische Reise nach Irland, die mich berührt und fasziniert hat und die sich für jeden lohnt, der sich Zeit nimmt und sprachlich schöne, ruhige Literatur mit einer feinen und tiefgründigen Personenzeichnung zu schätzen weiß.

Weitere Besprechungen des Romans finden sich bei Birgit Böllinger (Sätze&Schätze) und Letteratura.

Buchinformation:
Colm Tóibín, Nora Webster
Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini
Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-25063-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Nora Webster“:

Für den Gaumen:
In vielen Kulturen ist es üblich beim Besuch in Trauerhäusern etwas Gekochtes oder Gebackenes mitzubringen. Auch im Buch werden frische Scones und Tee gereicht und sollen als Trostspender fungieren. Auf dem Blog „Tea&Scones“ habe ich ein schönes Rezept für Scones gefunden, das ich bei Gelegenheit wohl mal ausprobieren werde.

Zum Weiterhören:
Musik spielt in „Nora Webster“ eine zentrale Rolle und am Ende des Romans wird sie gemeinsam mit einem Chor Brahm’s „Deutsches Requiem“ einstudieren. Ein Stück, in das ich mich angeregt durch die Lektüre wieder einmal einhören möchte.

Zum Weiterlesen (oder Weiterschauen):
Bisher habe ich einen irischen Roman hier auf meiner Kulturbowle besprochen: „Die Asche des Tages“ von Máirtín Ó Cadhain, der das Thema Trauer aus einem völlig anderen Blickwinkel beleuchtet als Colm Tóibín das in „Nora Webster“ tut, denn der Erzähler irrt in diesem Werk lieber durch Dublin, als sich um die Beisetzung seiner soeben verstorbenen Frau zu kümmern.

Literaturnobelpreisträger hat Irland bisher drei zu verzeichnen: William Butler Yeats (1923), Samuel Beckett (1969) und Seamus Heaney (1995). Bekanntschaft habe ich bisher vor allem mit dem Zweiten aus der Reihe gemacht:
Samuel Beckett’s „Warten auf Godot“ durfte ich in der Spielzeit 17/18 im Landestheater Niederbayern in einer tollen Aufführung im Landshuter KOENIGmuseum an einem besonderen Ort erleben und konnte somit eine Bildungslücke schließen. Hier würde ich dem Theatererlebnis gegenüber dem Lesen zwar immer den Vorzug geben, aber ich führe trotzdem gerne auch die bibliographischen Daten mit auf.

Máirtín Ó Cadhain, Die Asche des Tages
Übersetzt von Gabriele Haefs
Kroener
ISBN: 978-3-520-60301-2

Samuel Beckett, Warten auf Godot. Endspiel. Glückliche Tage – Drei Stücke
Aus dem Englischen von Elmar Tophoven und Erika Tophoven
Suhrkamp Taschenbuch 3751
ISBN: 978-3-518-45751-1