Wenn die gnä’ Frau in Wien wieder zur Verbrecherjagd ruft, bin ich sofort dabei. Bereits zum dritten Mal lässt Constanze Scheib ihr Dreamteam aus gnä’ Frau Helene Ehrenstein und ihrem Stubenmädchen Marie nun ermitteln: in „Mord im Dreivierteltakt“ sogar auf dem legendären Opernball und in einem Operettentheater im Spittelbergviertel.
Und da ist sie wieder: Helene Ehrenstein, gelangweilte Gattin eines erfolgreichen Wiener Geschäftsmanns, Whiskytrinkerin, leidenschaftlicher Filmfan und passionierte Musikliebhaberin, die großen Gefallen daran gefunden hat, sich in Kriminalfälle zu mischen und ihre privaten Ermittlungen anzustellen.
Albtraum der Wiener Polizei – in Person von Major Raab – da sie zwar zweifelsohne durch ihre unkonventionellen Methoden die Verbrechensaufklärung vorantreibt, sich jedoch auch häufig und unweigerlich in große Gefahr begibt.
„Ah, Sie schon wieder. Sie san aber a immer da, wo’s ein G’frett gibt. Ja, das will ich damit sagen.“
(S.146)
Es ist Ballsaison in Wien. Auf dem Philharmonikerball 1973 begegnet Frau Ehrenstein nicht nur einem Mann, der Robert Redford heruntergerissen ähnlich sieht, sondern wird Zeugin einer heftigen Auseinandersetzung zwischen einer temperamentvollen Operndiva und dem Geldgeber ihrer aktuellen Produktion, die in einem Theater am Spittelberg auf die Bühne gebracht werden soll. Schnell wird klar, dass Helene nicht nur finanziell als Mäzenin, sondern auch als Hobbydetektivin gebraucht wird. Denn die ehemalige Primadonna wird aufgrund eines dunklen Geheimnisses erpresst und die Übergabe des Schweigegelds soll ausgerechnet während der Mitternachtsquadrille auf der Feststiege des Wiener Opernballs stattfinden.
Und schon ist die gnä’ Frau wieder mitten im Geschehen und ermittelt zwischen Ballsaal und Operettentheater, sprichwörtlich hinter den Kulissen und schleust mit ihrer vertrauten „Partnerin in crime“ Marie, ihr Stubenmädchen als Gehilfin in der Theaterschneiderei bzw. die Kostümabteilung ein.
Bald schon überschlagen sich die Ereignisse, das Theater, in dem eine moderne Fassung der „Fledermaus“ aufgeführt werden soll, bekommt mehr Schlagzeilen und Publicity als ihm lieb sein kann und Frau Ehrensteins detektivische Spürnasenqualitäten sind gefragt.
„Versuchen Sie, mich mit Schokolade zum Reden zu bringen?“
(S.160)
„No, das klappt ganz gut, finden Sie nicht?“
Schön finde ich Scheibs Idee, ihre Krimis immer in anderen Stadtvierteln bzw. Grätzeln anzusiedeln und ihrer Leserschaft so verschiedene Seiten Wiens zu zeigen. Nach Hietzing und Sievering steht nun im dritten Band erneut ein anderer Wiener Bezirk im Mittelpunkt des Geschehens: der Spittelberg.
„Sie werden es nicht kennen, es ist im Spittelbergviertel. Dort ist es ziemlich, wie soll ich sagen, bodenständig. Aber ich denke, die Gegend hat Potenzial. Es herrscht dort so eine Aufbruchstimmung. Sehr viel Energie, wissen Sie? Aber es ist eben noch ein wenig ungeschliffen.“
(S.36)
Heute in direkter Nachbarschaft zum Museumsquartier, lohnt sich ein Spaziergang durch dieses Viertel mit wunderbaren Biedermeierhäusern und romantischen Beisln, das früher nicht nur als Künstler- und Theaterviertel galt, sondern auch als Rotlichtbezirk bzw. „Venusberg“ verrufen war.
„Der Spittelberg war eine typische Vorstadt, eine Siedlung, die ursprünglich außerhalb der Wiener Stadtmauern gelegen hatte. Wenn Frau Ehrenstein an die Geschichte vom Piccolo aus der Weinstube dachte, waren das Viertel und die Häuser auch historisch interessant. An manchen Fensterbögen konnte man sogar noch Ornamente erkennen.“
(S.194)
Ein Krimi, der nicht nur in Wien, sondern auch noch in der Theaterszene spielt – kein Wunder, dass ich da natürlich nicht widerstehen konnte und wollte. Scheib trifft mit ihrer Art, Querbezüge zu Filmen, Theaterstücken oder Musiktiteln herzustellen genau meinen Nerv – unschwer zu erkennen an Teil Zwei meines Blogbeitrags, der bei ihren Krimis traditionell immer Überlänge hat und noch viel umfangreicher hätte ausfallen können, wenn ich mich nicht schon auf ein paar wesentliche Inspirationen beschränkt hätte.
Ich mag das Wienerische, Scheibs Schreibstil, den Humor – ich könnte mich reinlegen in diese Krimis, die einen ein paar Stunden den Alltag vergessen lassen und einen mitnehmen ins Wien der Siebziger. Denn die Melange aus filmischen und musikalischen Anspielungen, etwas „Seventies“-Zeitgeist, einem Hauch Nostalgie und viel Wiener Schmäh ist wirklich unwiderstehlich, macht gute Laune und das Leben bunter.
Constanze Scheibs gnä’ Frau ist eine echte Bereicherung der Krimiszene, die hoffentlich gekommen ist, um zu bleiben… denn aller guten Dinge sind eben nicht immer drei, sondern es darf gerne auch mal „ein Wengerl“ mehr sein. Soll heißen: gegen einen vierten (fünften, sechsten…) Fall hätte ich definitiv nichts einzuwenden.
Und ich hoffe sehr, dass gerade dem Paukenschlag nach zu urteilen, den Scheib am Ende ihres Krimiwalzers im Dreivierteltakt noch eingebaut hat, die Chancen für eine Fortsetzung gut stehen und ich diesbezüglich „kalmiert“ sein kann.
Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus (bei Kampa) Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.
Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Constanze Scheib, Mord im Dreivierteltakt
Oktopus
ISBN: 978 3 311 30053 3









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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Constanze Scheibs „Mord im Dreivierteltakt“:
Für den Gaumen:
Kulinarisch wird die gnä’ Frau dieses Mal vor eine Wahl gestellt, die ihr persönlich aufgrund ihres süßen Zahns sehr leicht fällt, aber wie würdet Ihr entscheiden?
„Wir ham noch eine Frittatensuppe vom Mittag über. Oder wenn’s nichts Pikantes sein soll, vielleicht einen Topfenstrudel, der wirklich exquisit ist (…)“
(S.117)
Zum Weiterhören:
Die meisten musikalischen Anklänge sind – neben Walzer- und Operettenklängen – eindeutig dem Lebensgefühl der Siebziger Jahre zuzuordnen, so wird im Ballsaal auch „Let the Sunshine in“ aus dem Musical Hair (1967) gespielt und zu Hause auf dem Ehrenstein’schen Plattenteller dreht sich Elton Johns „Rocket Man“ aus dem Jahr 1972.
Zum Weiterschauen (I):
Bei der Lektüre ist mir aufgefallen, dass ich den Hitchcock-Klassiker „Die 39 Stufen“ bisher nur aus dem Theater und noch nicht in der Filmversion aus dem Jahr 1935 kenne. Die gnä’ Frau wäre wohl der Meinung, dass ich das schleunigst ändern sollte:
„(…) der Film heißt ‚Die 39 Stufen‘ und ist von Alfred Hitchcock. Das ist Allgemeinwissen! Wann fängt er an? Na, egal, wenn er schon begonnen hat, erzähl ich dir, was bisher passiert ist. Hab ich dir etwa noch nichts von Hitchcock gezeigt?“
(S.175)
Zum Weiterschauen (II):
Und auch bei einem weiteren filmischen Bezug muss ich bisher passen, denn auch „Barfuß im Park“ – die Verfilmung einer Broadway-Komödie aus dem Jahr 1967 – habe ich bisher nicht gesehen:
„Das erinnerte Frau Ehrenstein an eine Szene aus ‚Barfuß im Park‘, in der der konservative Robert Redford seiner lebenslustigen Braut Jane Fonda das Leben zu erklären versuchte.“
(S.36)
Für einen Theaterbesuch:
Am Spittelberger Theater – dem Hauptschauplatz des Krimis – wird eine Neuinterpretation von Johann Strauss‘ Operette „Die Fledermaus“ geprobt. Zumindest einige Musikstücke wie „Trinke Liebchen, trinke schnell“ sollten dem Publikum noch bekannt vorkommen, auch wenn die neue Siebziger Jahre-Fassung im Roman wohl stellenweise gewöhnungsbedürftig zu sein scheint.
Ach ja, und so lange ist es nicht mehr bis Silvester – noch gute zwei Monate, dann wird Prinz Orlofsky wieder auf zahlreichen Bühnen Gäste zu sich einladen…
Zum Weiterlesen bzw. vorher lesen:
Obwohl die Fälle in sich abgeschlossen sind, steigert es aus meiner Sicht auf jeden Fall das Lesevergnügen, vorher zu den ersten beiden Bänden „Der Würger von Hietzing“ und „Keine schöne Leich“ zu greifen, die ich beide bereits hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe und wärmstens empfehlen kann.
Constanze Scheib, Der Würger von Hietzing
Oktopus
ISBN: 978 3 311 30014 4
Constanze Scheib, Keine schöne Leich
Oktopus
ISBN: 978 3 311 30027 4
Deine Buchbesprechung ist wieder rund um gelungen, Barbara. Wenn das Buch hält, was Deine Besprechung verspricht, und dessen bin ich mir sicher, kannst Du gewiss kalmieren bezüglich eines Wengerls oben drauf 😉
Herzliche Grüße, Bettina
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🙂 Danke, Bettina. Das freut mich sehr! Es ist einfach immer zu verlockend, „ein Wengerl“ Wienerisch in die Besprechungen einzubauen. Lobenswerterweise werden diese im Buch übrigens auch in einem Glossar im Anhang erklärt – für alle, die ihre Sprachkenntnisse noch ein wenig aufpolieren wollen. 😉 Herzliche Sonntagsgrüße, Barbara
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Das Wienerische ist auch zu nett!!!
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Absolut, ich höre und lese es sehr gerne!
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Ich kann meinen Senf nur zur kulinarischen Frage abgeben😉 und da habe ich wohl den gleichen Namen süßen Zahn wie die gnä Frau. Also ganz klar Topfenstrudel.😋
Liebe Grüße aus Graz
Günter
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Da sind wir ganz einer Meinung, Günter. Mir läuft auch das Wasser im Mund zusammen, wenn ich nur an Topfenstrudel denke… mmh, das ist schon was Feines! Herzliche Sonntagsgrüße aus dem Nachbarland nach Graz! Barbara
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Ach, du machst einem aber wirklich Lust auf diesen dritten Krimi. Seufz 🙂 Und dann noch gleich die passenden Fotos dazu. Sehr schön.
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Danke, Anna. Ja, bei der gnä‘ Frau kann und will ich – wie bereits geschrieben – nicht widerstehen. Mal für ein paar Stunden den Alltag vergessen und gedanklich durch den Spittelberg der Siebziger laufen… das war für mich wirklich ein Vergnügen! Herzliche Sonntagsgrüße! Barbara
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Wenn du die Fotos vom Spittelberg selbst gemacht hast und somit in Wien warst, wurdest du doch sicher auch irgendwo als gnä´ Frau angesprochen 😉
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Die Fotos sind selbst gemacht (wie alle Bilder auf meiner Bowle), aber an ein „gnä‘ Frau“ kann ich mich – ehrlich gesagt – nicht erinnern, obwohl ich da sicher hätte schmunzeln müssen. 🙂
Herzliche Grüße und einen guten Start in die Woche!
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Wahnsinnswalzer um diesen Wälzer! Applaus!
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Den Applaus hat er meines Erachtens verdient, wobei er mit gerade mal ca. 300 Seiten nicht soooo ein Wälzer ist. 🙂
Aber liest sich auf jeden Fall flott und schwungvoll … in diesem Sinne: alles Walzer und viel Vergnügen!
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