Schweizer Sprachmelange

Literatur als Sprachexplosion, als vielfarbige Melange, als buntes Stimmengewirr und Gemisch aus deutsch, französisch, schweizerdeutsch, italienisch – Alexandre Lecoultre und seine Übersetzerin Ruth Gantert haben mit „Peter und so weiter“ einen erstaunlichen, einzigartigen und hochinteressanten Text geschaffen.

Nicht jede Sprache hat für alles das richtige Wort bzw. die eine Formulierung, die es auf den Punkt bringt und im innersten Wesenskern trifft. Manches kann man im Dialekt oder in einer Fremdsprache besser oder treffender ausdrücken als in der Amtssprache.

Die Schweiz besitzt vier offizielle Amtssprachen: Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch. Der Erzähler im Buch bedient sich seines individuellen, persönlich gefärbten Sprachduktus’, hat seinen eigenen Stil und mischt – so entsteht ein unverwechselbarer Sound, dem man schnell verfällt.

Und was für ein erster Satz:

„Seit einiger Zeit will man, dass er jemand wird, aber der Peter weiss nicht wer.“

(S.9)

Allein in diesem Satz, da steckt schon so viel drin.
Denn um Peter herum wissen so viele alles besser und sind um gute Ratschläge nicht verlegen. Was er alles soll: sich einen richtigen Job suchen, eine Frau natürlich auch, sein Leben in den Griff bekommen, sich etwas schaffen… wie oft hat Peter das schon gehört. Tu dies, tu das, lass jenes…

„Oft grinst der Bernhard und ruft, wann fängst du das richtige Leben an? Peter versteht nicht, wovon er spricht. Er hat nicht gewusst, dass es ein falsches gibt.“

(S.11)

Dabei scheint Peter gar nicht unglücklich zu sein. Er lebt in den Tag hinein.
Er arbeitet als Spüler im Café du Nord, steigt in den Zug, wenn ihm danach ist, beobachtet die Menschen um ihn herum. Er lauscht, schaut und … ja, er lebt sein Leben – auf seine Weise, unaufgeregt, im Hier und Jetzt, im Dorf, in der Natur.

„Am Ende des Tags singen ein paar Amseln im marineblauen Himmel und öppis, oui quelque chose steigt auf und schwebt über den Haufen aus Sägemehl und grauer Rinde. Was Peter und so weiter mit der Nase am ersten Stern erschnuppert, ob das der Frühling ist?“

(S.10)

Und vielleicht findet er ja doch noch die Eine, „die mit dem Blick der ihn anblickt und dem Lächeln das ihn anlächelt“ (S.136)?
Was ist der Sinn des Lebens? Was macht ein gelingendes Leben aus?
Wie sehr fordert die Gesellschaft ein Leben nach üblichen Normen und gängigen Lebensentwürfen? Was bedeutet es, sich diesen zu entziehen oder gar zu widersetzen?

In seinem poetischen, philosophischen und nachdenklich stimmenden Text lässt Lecoultre all diese Fragen anklingen und mitschwingen.

„Nichts scheint sich zu ändern, Veränderungen sind wohl für die andern da.“

(S.51)

Die Hauptfigur, dieser Peter ist ein zufriedener, ein weitgehend in sich ruhender Mensch, über den man gerne liest und dem man wünscht, dass er weiterhin ungestört seinen Lebensweg weitergehen kann und glücklich wird bzw. bleibt.

Lecoultre hat ein Buch geschrieben, das der Hektik und dem Konkurrenzdenken der heutigen Zeit einen Gegenpol entgegensetzt, ein Loblied auf Zufriedenheit, die Freude am Einfachen und ein Leben im Einklang mit der Natur und den Menschen um einen herum. So ist ein erdender, entschleunigender Text entstanden.

„Von hier aus kann er das Dorf sehen, wie es atmet, und er fühlt sich gut, mit ihm zusammen zu atmen, er gleicht sich zum Spass den Atemzügen an, dem Einatmen und Ausatmen, um synchron zu sein.“

(S.136)

Mir hat dieser Ausflug in die Schweiz und der ungewohnte Sprachmix viel Freude bereitet. Man spürt bei der Lektüre die Lust am Fabulieren, am Worte schöpfen und darf so schöne Wortkreationen wie „Spaziernaden“ (S.135) kennenlernen.

Lecoultre hat für „Peter und so weiter“ den Schweizer Literaturpreis 2021 des Bundesamts für Kultur erhalten. Der Text ist ein Fest der Vielsprachigkeit, eine Sprachmelange, wie sie wohl gerade in der Schweiz entstehen kann und bei welcher die Übersetzerin Ruth Gantert wirklich Großes geleistet hat, als sie den primär französisch-basierten Text in einen deutsch-basierten Text mit bunten, schillernden sprachlichen Einsprengseln aus schwizerdütsch, französisch, italienisch usw. übertragen hat. Chapeau!

Das Buch lebt nicht so sehr von der Handlung, vielmehr spürt Alexandre Lecoultre Stimmungen nach. Verspielt und in sich stimmig ist es ein Leseerlebnis der besonderen Art und eine Entdeckung für Sprachliebende. Es ist Literatur für neugierige LeserInnen, die sich für die kurze Form und sprachliche Fabulier- und Experimentierfreude jenseits der gewohnten, ausgetretenen Pfade begeistern können.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag Der gesunde Menschenversand, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Alexandre Lecoultre, Peter und so weiter
Aus dem Französischen von Ruth Gantert
Der gesunde Menschenversand
ISBN: 978-3-03853-147-0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Alexandre Lecoultres „Peter und so weiter“:

Für den Gaumen (I):
Eine zugegeben für mich ungewohnt anmutende Mischung ist folgende Empfehlung:

„Wart noch ein wenig. Bleib auf ein weiteres Glas, nur noch eines. Der Barmann wird eine Schüssel Popcorn und zwei Biere bringen, nimm auch einen Whisky dazu, wenn dir gerade danach ist.“

(S.43)

Für den Gaumen (II):
Dagegen kann ich folgenden Wunsch (ohne Punkt und Komma – so unmittelbar aus dem Buch zitiert) durchaus nachvollziehen:

„Sie sagt, ich habe kalte Füsse ein Tee wäre gut mit einem Stück Heidelbeerkuchen

(S.128)

Zum Weiterlesen:
Die Suche nach dem gelingenden Leben und auch das Schweizer Setting (wenn auch italienischsprachig) haben mich immer wieder auch an Fabio Andinas „Tage mit Feliceerinnert, das ich sehr, sehr gerne gelesen und das ich bereits hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe.

Fabio Andina, Tage mit Felice
Aus dem Italienischen von Karin Diemerling
Piper
ISBN: 978-3-492-31759-7

5 Kommentare zu „Schweizer Sprachmelange

    1. Dankeschön. Ja, das ist bestimmt noch einmal eine ganz andere Sicht auf das Buch, denn ich habe ja nur den Blick von außen auf diese Sprachmischung, aber ich fand es wirklich reizvoll… herzliche Grüße und viel Freude bei „Peter und so weiter“! Barbara

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