Zweimal gelingendes Leben

Was ist wirklich wichtig im Leben und wie sieht ein gelingendes Leben aus? Zwei Bücher, die bei der Lektüre auf wunderbare Art und Weise erden und entschleunigen und versuchen, Antworten auf diese Fragen zu geben, haben mich behutsam und wohlig ins neue Lesejahr starten lassen: Der Roman „Tage mit Felice“ des Tessiner Autors Fabio Andina und Karin Kalisas „Bergsalz“, welches in einem kleinen Ort im Allgäu spielt.

Ich durfte die Bekanntschaft mit Felice und Franzi machen, die ihr Leben gelebt, Erfahrungen gesammelt bzw. beide auf ihre Art verstehen und gelernt haben, worauf es ankommt im Leben. Was wirklich zählt und was nicht.

Im italienischen Original lautet der Titel von Fabio Andinas „Tage mit Felice“: „La pozza del Felice“, was so viel bedeutet wie Felices Gumpe. Und dieses Wasserloch in den Bergen spielt im Roman und in Felices Leben eine große Rolle, denn jeden Morgen, egal zu welcher Jahreszeit und bei jedem Wetter steigt Felice den Pfad hinauf und nimmt ein Bad in seiner „pozza“ – seiner Gumpe.

Felice ist neunzig Jahre alt und lebt allein ohne jeden Komfort – ohne Telefon, Fernsehen – in einer einfachen Behausung in einem kleinen Tessiner Bergdorf. Er führt ein einfaches Leben, versorgt sich weitestgehend selbst mit Gemüse, Obst, Nüssen und dem, was sein Garten und die Natur in der nahen Umgebung zu bieten haben.

„Mit so viel Stille und so viel Leere bleibt viel Zeit zum Nachdenken. Wer weiß, was Felice gerade denkt. (…) Ich betrachte ihn und sehe einen Mann von neunzig Jahren, der gerade wieder einen Tag wie schon viele andere verlebt hat, dabei aber so erfüllt und einzigartig. Erfüllt und einzigartig.“

(aus Fabio Andina „Tage mit Felice“, S.44)

Er kennt alle im Dorf und die Nachbarn kümmern sich gegenseitig umeinander. Da werden Lebensmittel getauscht und Besorgungen für andere erledigt.
Felice lebt im Einklang mit den Elementen und der Natur und ist glücklich – dies wird dem Ich-Erzähler des Romans bzw. dem jungen Mann klar, der nebenan wohnt und seinen lebensweisen Nachbarn einige Tage begleitet. Er frühstückt mit ihm, wandert zur Gumpe, um dort mit ihm das tägliche Bad zu nehmen, beobachtet die Schwalben, fährt mit einem abenteuerlichen Auto ins Dorf und besucht gemeinsam mit ihm die Bar, um dort die Zeitung zu lesen.

„Doch Felice bleibt reglos stehen, den Kopf in den Nacken gelegt und die Zunge rausgestreckt, um Schneeflocken aufzufangen. Wie ich es als Kind gemacht habe.“

(aus Fabio Andina „Tage mit Felice“, S.121)

Es sind ruhige, bedächtige und entspannte Tage und der junge Mann ist fasziniert von Felice, der zufrieden in sich zu ruhen scheint, wenn da nicht das Rätsel um das zusätzliche Bett wäre, das er auf einmal in einer Kammer vorbereitet…

„Als es Tag wird, sinken die letzten Reste der Nacht zu Boden und machen dem Licht Platz, das durch die verschneiten Rinnen des Simano talwärts fließt. Die Schatten erwachen, und die Tannen ragen da unten spitz aus dem dunkeln Kiefernwald heraus, ein Eichelhäher stößt einen Schrei aus, dann sehe ich ihn davonfliegen.“

(aus Fabio Andina „Tage mit Felice“, S.174)

Das Buch über den Neunzigjährigen, der die Kunst beherrscht, ein erfülltes Leben zu leben, hat etwas Optimistisches, Elementares und ist mit seiner zauberhaft poetischen Sprache wunderbar zu lesen.

Ähnliches gilt auch für Karin Kalisas „Bergsalz“, in welchem Franzi – eine ebenfalls alleinstehende Rentnerin und Witwe – plötzlich im Mittelpunkt einer wunderbaren Bewegung steht, die ihr Leben noch einmal gehörig umkrempelt.

In einem kleinen Ort im Allgäu sind viele Junge bereits weggezogen – hinaus in die Welt oder in die nächstgrößere Stadt, um Geld zu verdienen. In Franzis Nachbarschaft leben mittlerweile viele Frauen alleine, verwitwet, geschieden, die Kinder aus dem Haus. Sie alle sind es gewohnt, große Haushalte zu führen, ausgiebig und in großen Mengen zu kochen und zu backen. Doch für wen?

„Reste liebte sie genauso wenig wie Unklarheiten. Was sollte man damit machen, es reichte nicht hinten, es reichte nicht vorn. Aber immer blieben ihr Reste. An kleine Mengen konnte Franzi sich nicht gewöhnen. So klein wie für eine Person konnte man nicht denken und konnte man nicht kochen.“

(aus Karin Kalisa „Bergsalz“, S.14)

Und als auf einmal unerwartet die Nachbarin vor der Tür steht und ihrer Spontaneinladung zum Essen folgt, nimmt plötzlich eine Idee Gestalt an. Warum sollten sich die Damen nicht zusammentun und reihum im Wechsel die anderen bekochen? Die Runde der Teilnehmerinnen wächst und schließlich macht man sich auf die Suche nach einer größeren Küche, um gemeinsam kochen zu können.
Und da war doch noch das ehemalige Wirtshaus im Ort, das vor einiger Zeit für immer geschlossen wurde und das mittlerweile teilweise als Flüchtlingsunterkunft dient. Die geschlossene Restaurantküche wäre ideal für ihre Pläne und vielleicht hätten ja auch die Bewohner Interesse an frischer Hausmacherkost statt der Cateringverpflegung, die bisher von außerhalb geliefert wurde.

Franzi schmiedet Pläne, packt gemeinsam mit ihren Freundinnen an und nimmt den Kampf mit Bürokratie und Bedenkenträgern auf und bekommt plötzlich tatkräftige Unterstützung von unerwarteten Seiten.

„Gerad so viel Erde braucht der Mensch, dass er noch in den Himmel schauen mag, nicht nur auf sein Land, sondern auch in die Wolken. Gehört doch beides zusammen. Himmel und Erde – und die Luft dazwischen, weißt? Das muss halt gerade gut zueinander passen.“

(aus Karin Kalisa „Bergsalz“, S.152/153)

Beide Romane sind getragen von einer ruhigen, unaufgeregten und positiv zupackenden Stimmung. Man möchte sich anstecken lassen von Felices lebensbejahender Einstellung und es ihm mit seinem „Bón, auf“, das soviel bedeutet wie „los geht’s, packen wir’s an“, gleichtun. Es sind Bücher, bei welchen man die Seele baumeln lassen kann, die gut tun, entschleunigen und einen auf den Boden holen. Bodenständig, verwurzelt, geerdet.
Zwei Bücher wie Wärmekissen gegen die Kälte da draußen in der Welt, die klar machen, wie wenig man im Grunde wirklich braucht, um glücklich und zufrieden zu sein.

Eine weitere wunderbare Besprechung zu „Tage mit Felice“, die mir den finalen Anstoß gab, genau dieses Buch endlich zu lesen, findet man auf Annas Blog buchpost.

Mit Karin Kalisas „Bergsalz“ habe ich einen weiteren Punkt meiner „23 für 2023“ erfüllt – Punkt Nummer 15) auf der Liste: Ich möchte ein Buch lesen, in dem Kulinarisches eine Rolle spielt, lesen. Denn sie beschreibt ganz wunderbar, welchen Zauber eine gute zubereitete, gemeinsam gekochte und in angenehmer Gesellschaft genossene Mahlzeit haben kann.

Buchinformationen (in meinem Fall das Hardcover):
Fabio Andina, Tage mit Felice
Aus dem Italienischen von Karin Diemerling
Rotpunktverlag
ISBN: 978-3-85869-863-6

oder als Taschenbuch:

Fabio Andina, Tage mit Felice
Aus dem Italienischen von Karin Diemerling
Piper
ISBN: 978-3-492-31759-7

Karin Kalisa, Bergsalz
Droemer
ISBN: 978-3-426-28208-3

***

Wozu inspirierten bzw. woran erinnerten mich die beiden wohltuenden, entschleunigenden Bücher:

Für den Gaumen (I):
Der Tag beginnt bei Felice mit einem ordentlichen Frühstück – auch hier ist er überwiegend Selbstversorger – an dem er seinen Gast teilhaben lässt:

„Im Nu hat er mir Frühstück gemacht. Kräutertee, Nussjoghurt, dunkle Schokolade, Brot und ein paar Marroni, kalt und hart wie Stein. Der Tee ist bitter, wärmt aber immerhin und vertreibt sofort das innere Frösteln (…)“

(aus Fabio Andina „Tage mit Felice“, S.16)

Für den Gaumen (II):
Suppe als Seelennahrung. Wenn nichts mehr geht, geht meistens noch Suppe – eine Erfahrung, die auch Franzi mit Sorgenkind Sabina gemacht hat:

Suppe war ja das Einzige, was sie aß. Offenbar hatte sie so schwer an etwas zu kauen, dass sie daran vorbei nur Suppe hinunterbekam.“

(aus Karin Kalisa „Bergsalz“, S.102)

Zum Weiterhören:
In der Tessiner Bar spielt das Radio Davide Van de Sfroos „La Balera“.
Für mich eine tolle Neuentdeckung, die ich nicht kannte, die mich aber sofort in gute Laune versetzt hat. Wer also auch mal reinhören und sich in positive Schwingungen bringen lassen möchte, kann das hier auf YouTube tun.

Zum Weiterlesen (I) bzw. Weiterkochen:
Weil es aus mehreren Gründen so wunderbar zu dieser Lektüre passt, kann ich dieses Mal ein Kochbuch empfehlen: Für „Suppen für Syrien“ sind zahlreiche berühmte Köche der Bitte der Autorin nachgekommen und haben – als Reaktion auf die Flüchtlingskrise – ihre persönlichen, seelenwärmenden Suppenrezepte beigesteuert. Herausgekommen ist ein buntes, vielseitiges Buch mit schönen Suppenrezepten, bei welchem die Gewinne aus dem Verkauf des Buches der Flüchtlingshilfe-Organisation »Schams e.V.« zu Gute kommen, die vor Ort Projekte zugunsten syrischer Kinder initiiert und langfristig betreut.

Barbara Abdeni Massaad, Suppen für Syrien
Mit einem Vorwort von Rafik Schami
Dumont
ISBN: 978-3832199258

Zum Weiterlesen (II):
Vor kurzem habe ich hier auf der Kulturbowle bereits Karin Kalisas Roman „Fischers Frau“ vorgestellt, der mich auch schon begeistert hatte. Zwar mit der Ostsee und den Pommerschen Fischerteppichen ein völlig anderer Schauplatz und eine ganz andere Stimmung als in „Bergsalz“ und doch findet man in beiden Romanen thematischen Tiefgang und vor allem die intensive, stark ausgeprägte Liebe zu psychologisch fein gezeichneten Figuren, die man nicht mehr so schnell vergisst:

Karin Kalisa, Fischers Frau
Droemer
ISBN: 978-3-426-28209-0

12 Kommentare zu „Zweimal gelingendes Leben

    1. Gern geschehen. Ja, das stimmt. Es sind Bücher, die sehr auf Elementares und Ursprüngliches sowie auf große Menschlichkeit setzen, was sie wirklich zu – in meinen Augen – sehr wohltuenden und beruhigenden Lektüren macht.

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  1. Danke für warmherzige Rezension. Zwei Bücher habe ich daraus notiert. Inzwischen habe ich eine Liste. Sie alle zum Neupreis zu erwerben, geht nicht. Aber sie werden irgendwann irgendwo auftauchen…

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    1. Gern geschehen. Vielleicht gibt es ja eine gut sortierte Bibliothek in der Nähe – oder zumal die Bücher schon eine Weile auf dem Markt sind, auch die Möglichkeit, ggf. bei gebrauchten Ausgaben fündig zu werden oder vielleicht aufs günstigere Taschenbuch auszuweichen. Wann immer die Gelegenheit und er richtige Moment kommt, wünsche ich viel Freude bei der Lektüre!

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    1. Danke, Bernd! Ja, ich fand auch, dass Felice und Franzi mit ihren Geschichten gut zusammenpassen, deshalb habe ich mich für diese Doppelrezension entschieden. Eine gute restliche Woche und herzliche Grüße! Barbara

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