Bei Hannah Arendt (1906 – 1975) denken viele sicherlich zunächst an ihre philosophischen Werke und ihre Schriften, die im Rahmen ihrer Lehrtätigkeit und Professur entstanden. Dass sich die große Denkerin, Philosophin und Publizistin jedoch schriftstellerisch auch von einer ganz anderen Seite zeigen konnte, beweist jetzt das von Hildegard E. Keller liebevoll illustrierte und herausgegebene Märchen „Die weisen Tiere“.
Ein echter literarischer Schatz, der jetzt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und von dem vermutet bzw. behauptet wird, Arendt habe ihn ca. 1929 verfasst.
Arendt hat mit „Die weisen Tiere“ eine verspielte und märchenhafte Fabel geschaffen, in welcher sich ein kleines Mädchen auf den Weg macht, einer besonderen wilden Gans mit einem schwarzen Fleck zu folgen. Beim Versuch, dem Tier näher zu kommen, trifft sie auf dem Weg ins Land der wilden Gänse viele andere Tiere, nutzt unkonventionelle Transportmittel, erhält Unterstützung von unerwarteter Seite, knüpft Kontakte und lernt viel Neues.
Arendts Märchen richtet sich an Menschen aller Altersklassen und doch ist an einigen Stellen anzunehmen, dass sich angesichts der zahlreichen Anklänge an andere literarische Werke oder bei biblischen bzw. religiösen Querbezügen vor allem bei Erwachsenen erst der volle Genuss entfaltet bzw. sich diese erst mit etwas kultureller Vorbildung besser erschließen.
„Da erinnerte sich das kleine Mädchen, dass es einmal von solch einem sanften Löwen gehört hatte; allerdings hatte man ihm gesagt, dass erst in der messianischen Zeit der Löwe friedlich neben dem Lamm liegen würde, und soweit das kleine Mädchen es verstanden hatte, sollte diese messianische Zeit noch ganz weit entfernt sein. Aber da hatte es sich wohl geirrt.“
(aus Hannah Arendt/Hildegard E. Keller „Die weisen Tiere“)
Denn da begegnet man neben zahlreichen Vertretern der klassischen Tierwelt, zum Beispiel auch dem hungernden Kamel, das durch das Nadelöhr passen möchte, um einem Reichen in den Himmel zu verhelfen, oder der zischelnden Schlange aus dem Paradies ebenso wie dem Leviathan, Pegasus oder dem weißen Elefanten aus dem Karussell im Jardin du Luxembourg. Rilke lässt grüßen.
„Da schüttelte der Uhu verwundert seine Federn und sagte, dass er das auch nicht wisse, und dabei sei er schon sehr alt und wisse eigentlich alles. Da meinte das kleine Mädchen, wenn er es nicht wisse, möge er doch, bitte schön, etwas nachdenken. Wenn er so alt und erfahren sei, würde es ihm schon einfallen.“
(aus Hannah Arendt/Hildegard E. Keller „Die weisen Tiere“)
Arendt formuliert in einem teils kindlich naivenTonfall doch sehr erwachsene Gedanken. Und beim Lesen musste ich oft darüber nachdenken, wie viel Hannah Arendt wohl in diesem neugierigen, weltoffenen und hartnäckigen kleinen Mädchen steckt, das unerschrocken seinen Weg geht und das gewohnte Terrain bzw. die Heimat verlässt.
Ich mochte die verschmitzte Intelligenz, die hinter dem zauberhaften, leichtfüßigen Text immer wieder aufblitzt und gerade die literarischen Anspielungen, wie das Rilke-Gedicht oder den Hauch Nils Holgersson, der durch die Zeilen weht, sehr.
Arendt hat der Nachwelt ein helles, optimistisches und fröhliches Märchen mit Tiefgang hinterlassen, das die Herzen der LeserInnen öffnet und zum Nachdenken anregt.
„Und dann, an einem schönen warmen Frühlingsmorgen, kamen sie endlich ins Land der wilden Gänse. Das war ein schönes grünes Land mit vielen kleinen freundlichen Hügeln, und wie sie kamen, standen gerade die Obstbäume in voller Blüte, und es duftete im ganzen Land ganz herrlich.“
(aus Hannah Arendt/Hildegard E. Keller „Die weisen Tiere“)
Die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Hildegard E. Keller hat das wunderschön aufgemachte Buch mit schwungvollem Strich und starken Farben illustriert und präsentiert sich als Künstlerin bzw. Illustratorin ebenfalls von einer neuen Seite. In ihrem Nachwort, das sie ans Ende des Buchs gestellt hat, erläutert sie die Hintergründe des Werks und die Geschichte, wie es von der Entdeckung im Nachlass bis zur Veröffentlichung kam.
„Die Philosophin und Publizistin Hannah Arendt gilt nicht als Autorin für Kinder. Hier aber denkt sie sich eine Fabel aus, ihren einzigen literarischen Prosatext, unveröffentlicht zu Lebzeiten wie ihre Gedichte. Im Nachlass fand ich das Märchen, getippt auf Luftpostpapier, manche Blätter beidseitig beschrieben. Diese andere unbekannte Hannah Arendt entzündete mich.“
(aus dem Nachwort von Hildegard E. Keller zu „Die weisen Tiere“)
Man spürt die Freude, die Arendt beim Schreiben hatte und fühlt, dass diese Geschichte direkt aus dem Herzen in die Feder (oder die Schreibmaschine) geflossen ist. „Die weisen Tiere“ ist ein Märchen für Jung und Alt, Groß und Klein, für alle Arendt-Fans oder solche die es werden wollen, mit einem Happy End, bei dem die Federn fliegen. Lebensbejahend und fröhlich. Schön, dass wir jetzt auch diese weiche, verspielte Seite Arendts kennenlernen und dieses kleine Schmuckstück, das in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes ist, in den Händen halten können.
Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag Edition Maulhelden, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.
Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Hannah Arendt, Die weisen Tiere
Illustrationen von Hildegard E. Keller
Edition Maulhelden
ISBN: 978-3-907248-16-4
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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Hannah Arendts „Die weisen Tiere“:
Zum Weiterlesen (I):
Wer Hannah Arendt nochmals von einer neuen, gefühlvollen und spannenden Seite kennenlernen möchte, dem seien unbedingt ihre Gedichte sehr ans Herz gelegt, die unter dem Titel „Ich selbst, auch ich tanze – Die Gedichte“ erhältlich sind.
Hannah Arendt, Ich selbst, auch ich tanze – Die Gedichte
Piper
ISBN: 978-3-492-05716-5
Zum Weiterlesen (II):
Rainer Maria Rilke würde dieses Jahr am 4. Dezember seinen 150. Geburtstag feiern und sein Todestag jährt sich am 29.Dezember zum 100. Mal – gleichsam ein Doppeljubiläum. Und vielleicht ein schöner Anlass, wieder mal in seine Welt der Gedichte einzutauchen.
Rainer Maria Rilke, Die Gedichte
Insel
ISBN: 978-3-458-17333-5
Zum Weiterlesen (III):
In ihrem Roman „Was wir scheinen“, den ich bereits hier auf dem Blog vorgestellt habe, hat Hildegard E. Keller Hannah Arendt ebenfalls von einer sehr zarten, persönlichen Seite gezeigt. Mich hat das Buch sehr berührt.
Hildegard E. Keller, Was wir scheinen
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0066-5
Eine wunderschöne Buchbesprechung, liebe Barbara! Nachdem ich mir schon, auf Deine Rezension hin, das Gedichtbuch von Hannah Arendt gekauft habe, das mir sehr gefallen hat, kommt dieses Buch direkt auf meine Merkliste! Dankeschön.
Herzliche Grüße, Bettina
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Sehr schön, das freut mich, Bettina.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass es Dir auch gefallen wird.
Wenn auch anders als die Gedichte zeigt es doch auch wieder eine wunderbare neue Facette von Hannah Arendt und ich wünsche Dir ganz viel Freude beim Lesen, Schauen und Genießen.
Herzliche Grüße aus dem wechselhaft-grauen Niederbayern! Barbara
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Liebe Barbara, danke vielmals für Deine reizvolle Vorstellung, Besprechung und Empfehlung. Ich werde gerne nach dem Buch schauen und es mir zu Gemüte führen. Herzlich Grüße sendet Bernd
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Lieber Bernd, sehr gern geschehen. Das Buch ist in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes und auch beim zweiten oder dritten Mal lesen und durchblättern entdecke ich wieder neue Aspekte… Ich wünsche Dir ebenso viel Freude beim Entdecken! Herzliche Grüße nach Nürnberg und einen guten Start in den August! Barbara
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