Der Ruf des Kiwitts

60 Jahre nach dem Eichmann-Prozess ist Hannah Arendt wieder in aller Munde. Die „ZEIT“ widmete ihr vor kurzem einen eigenen Titel („Die Prophetin der Freiheit“) und Hildegard E. Keller’s Roman „Was wir scheinen“ ist in diesem Bücher-Frühjahr einer der Titel, die mit Spannung erwartet auch große Aufmerksamkeit in Bloggerkreisen erhalten. Und diese hat der Roman aus meiner Sicht auch voll und ganz verdient. Eine lohnenswerte Lektüre für all jene, die sich näher mit Hannah Arendt beschäftigen wollen und dies auf eine literarisch-poetische und künstlerische Weise und nicht mit einer klassischen Biographie tun möchten. Mehr davon hat man sicherlich, wenn man schon gewisse Vorkenntnisse über die Biographie Arendt’s mitbringt und diesen Roman zur Vertiefung und zum Genuss liest, den er zweifelsohne bereithält.

„Noch immer goss es in Strömen, als wollte der Regen ihre Gedanken und Wörter wegspülen, ihre Erinnerungen an Menschen, die noch da, aber nicht mehr am Leben waren, all das Erlittene und Durchlebte, den Strom des Außerordentlichen und Wunderbaren, an dem sie entlanggestrichen war.“

(S.32)

Sommer 1975 – Hannah Arendt reist für einen Urlaub ins Tessin, in den beschaulichen Ort namens Tegna, den sie in den letzten Jahren immer mehr liebgewonnen hat, der sie zur Ruhe kommen lässt und wo sie sich wohlfühlt. Sie weiß nicht, dass es ihr letzter Besuch dort sein wird. Doch in ihren Träumen ruft der Kiwitt bereits sein „Komm mit!“.
Die Kapitel wechseln ab zwischen dem Urlaub 1975 in Tegna und Rückblenden an entscheidende Orte und Jahre in Arendt’s Leben: Jerusalem, New York, Wiesbaden, Zürich, Rom. Man begegnet wichtigen Menschen und Weggefährten der politischen Theoretikerin und Publizistin: Martin Heidegger, Professor und Geliebter, ihrem Mann und großen Liebe Heinrich Blücher, ihr enger Vertrauter und väterlicher Freund Kurt Blumenfeld, Karl Jaspers und Walter Benjamin – aber auch Ingeborg Bachmann oder Mary McCarthy.

Es sind Szenen der Flucht und des Ankommens, des Schreibens, Diskutierens und Haderns. Keller lässt Arendt’s Werk, die Gedankenwelt und Denkprozesse in Gesprächen und Dialogen mit Studenten und Freunden, in Interviewsituationen oder in Briefkorrespondenzen zum Ausdruck kommen.
Und immer wieder lässt sie auch ins Private, Innere blicken, zeigt die sinnliche, weiche und poetische Seite Arendt’s, die Gedichte liebte und selbst Gedichte schrieb, die auch im Roman zitiert werden.

„Ihre eigenen Gedichte kannte sie par cœur, wie ganz viele andere, die sie mochte. Gedichte geben Halt, und Verse haben uns durch die finstersten Momente getragen, als wir uns alle nur noch an Wörtern festhalten konnten.“

(S.134)

Arendt war ihr Leben lang eine fleißige Briefeschreiberin – eine Kunst, die mittlerweile mehr und mehr verloren geht. Für sie waren diese Briefe die Verbindungsfäden zu anderen Menschen, Kommunikations- und Ausdrucksmittel – die Sprache und das Wort waren ihr Handwerkszeug.

„Was wäre das Denken ohne die Briefe an Freunde?“

(S.221)

Dem Buch in einer kurzen Rezension gerecht zu werden, ist schwierig, denn es erzählt auf über 550 Seiten viel über Arendt’s Leben, ihre Flucht nach Amerika, aber auch über ihr Wesen, ihre Veröffentlichungen und über ihre Beziehung zu anderen Menschen. Unmöglich, diese Fülle an Themen und Facetten in einer kurzen Buchbesprechung zufriedenstellend zu behandeln.

Keller’s Roman ist vielschichtig und kann aus vielerlei Perspektiven und mit unterschiedlichen Schwerpunkten gelesen werden. Jede Leserin und jeder Leser wird sich von diesem Werk auf eine andere Art angesprochen fühlen. Für mich waren die Kapitel in Tegna, diese lichtdurchfluteten, sommerlich-leichten, warmherzigen und versöhnlichen Abschnitte des Buches die, welche mich ganz besonders berührt haben. Mich faszinierte die private, urlaubende und lebensweise Hannah Arendt, die entspannt in ihren Büchern liest, Briefe an Freunde schreibt und sich offen und wach in Gespräche mit anderen Menschen stürzt. Das Bild der Frau, die sich ihre Neugier bewahrt hat und stets empfänglich ist für bereichernde Begegnungen und Freundschaften – sei es ein Mitreisender im Zug, der behandelnde Kardiologe oder die junge Hotelangestellte, die sie in ihrem Auto mit auf eine Spritztour nimmt.

„Weißt du, im Alter lebt man immer weniger in der Möglichkeitsform, und wenn sich irgendwo das Zipfelchen einer neuen Freundschaft zeigt, ist’s umso schöner.“

(S.324)

„Was wir scheinen“ ist ein reiches und bereicherndes, intelligentes und inspirierendes Buch – ein tiefgehendes Leseerlebnis in einer schönen, melodiösen Sprache, für das man sich Zeit und Muße nehmen sollte, um sich ganz darauf einzulassen und es genießen zu können.

Hildegard E. Keller hat ein zärtliches, inniges Buch über eine große Persönlichkeit verfasst, welches die private Seite Hannah Arendt’s abseits des Rampenlichts beleuchtet und durchscheinen lässt. Ein Innehalten kurz vor dem Tod – der als Totenvogel bekannte Kiebitz bzw. Kiwitt ruft bereits nach ihr – letzte, unbeschwerte Urlaubstage im Tessin und ein Rückblick auf ein erfülltes Leben, Erinnerungen an Wegbegleiter, geliebte Menschen und Freundschaften. Ein wunderbarer, unvergesslicher Roman über die Macht der Poesie, über die Freiheit des Denkens und die Freundschaft.

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Birgit Böllinger, Bücheratlas, Schiefgelesen, Bingereader und Bookster HRO.

Buchinformation:
Hildegard E. Keller, Was wir scheinen
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0066-5

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Was wir scheinen“:

Für den Gaumen:
Die Lektüre ist reich an kulinarischen Anregungen: angefangen bei Hannah Arendt’s geliebtem Thymianhonig auf dem Frühstücksbrot bietet die Tessiner Küche Polenta mit Steinpilzen, Penne al Gorgonzola oder auch eine traditionelle Kastanientorte. Viele Gerichte, die ich ebenfalls gerne essen würde und die mich in Urlaubsstimmung versetzen.

Zum Weiterschauen:
Ich habe vor kurzem Margarethe von Trotta’s Film „Hannah Arendt“ aus dem Jahr 2012 gesehen und dies hat mir unter anderem bei der Einordnung einiger Personen im Roman durchaus geholfen. Ein sehenswerter Film, den ich zum Einstieg auch Personen empfehlen kann, die sich bisher vielleicht noch nicht näher mit Hannah Arendt beschäftigt haben.

Zum Weiterlesen (I):
In meinem Bücherregal steht Alois Prinz’ „Hannah Arendt oder die Liebe zur Welt“ – eine gut lesbare Biographie, die ich vor einiger Zeit gelesen habe und die mir einen guten ersten Einblick in die Lebensgeschichte von Hannah Arendt gegeben hat.

Alois Prinz, Hannah Arendt oder die Liebe zur Welt
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-35872-5

Zum Weiterlesen (II):

„Mit Maigret ins Bett, mit den Rotkehlchen gefrühstückt, du siehst, ich bin in bester Gesellschaft.“

(S.508)

Im Roman wird Hannah Arendt als begeisterte Leserin von Georges Simenon’s Maigret-Romanen dargestellt. Von Zeit zu Zeit habe auch ich Freude daran, in das Universum des unsterblichen, pfeiferauchenden französischen Commissaire’s abzutauchen. Maigret’s erster Fall ist „Maigret und Pietr der Lette“ – wer also chronologisch in die 75-bändige Krimireihe einsteigen möchte – kann mit diesem Teil beginnen:

Georges Simenon, Maigret und Pietr der Lette
Deutsch von: Susanne Röckel
Kampa
ISBN: 978-3-311-13001-7

10 Gedanken zu “Der Ruf des Kiwitts

    • Du hast den Maigret dann immerhin schon gleich passend mit dabei (ich muss mir aufgrund dieses Buchs jetzt erst mal Maigret-Nachschub besorgen 😉 – allerdings möchte ich mir Bücher holen – hast Du als Maigret-Experte Lieblingsfälle?) Aber um beim Thema zu bleiben: mich hat dieser Roman wirklich sehr berührt. Man braucht nur – wie beschrieben – Zeit und Muße dafür, dann ist es wirklich eine lohnende und bereichernde Lektüre. Schöne Feierabendgrüße!

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      • Lieblingsfälle? Möglich, dass mir da jeden Tag ein anderer einfiele, weil trotz der Konstante des Kommissars die Herangehensweise immer wieder eine andere und immer wieder faszinierend ist – für mich jedenfalls. Den „Treidler der Providence“ mochte ich zum Beispiel sehr, aber auch „Maigret in der Liberty Bar“ ist sehr besonders. Bisher habe ich noch keinen gelesen, von dem ich dachte, den hätte ich mir schenken können.

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      • Danke! Die „Liberty Bar“ war ohnehin schon in der näheren Auswahl… dann hast Du mir jetzt eine Entscheidung abgenommen. 🙂 Mal sehen, wann ich dann mit Maigret an die Côte d’Azur reisen werde. Viele Grüße und morgen viel Spaß in der Buchhandlung (da fällt mir noch Oscar Wilde ein: „Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen!“ 🙂 )!

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  1. Den Film „Hannah Arendt“ mochte ich auch sehr. Die Biografie von Prinz kann ich sehr empfehlen, sie ist grossartig. Spannend finde ich auch Arendts „Denktagebücher“ sowie ihre Briefwechsel – Arendt war eine fleissige Briefschreiberin. Und zum Schluss: Kennst du ihre Gedichte? Auch die kann ich nur ans Herz legen.

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    • Gerade auf die Gedichte hat das Buch sehr große Lust bei mir geweckt, die möchte ich mir demnächst unbedingt besorgen. Denn was gibt es Schöneres als eine Lektüre, die so inspirierend ist, dass sie gleich unweigerlich die nächste Lektüre nach sich zieht. Auch wenn man bei dieser Fülle nicht immer jeder Spur folgen kann. Aber diese poetische, zarte Seite von Hannah Arendt möchte ich sehr gerne noch näher kennenlernen.

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  2. Liebe Barbara,
    sei bedankt für Deine Lektüre und ergänzende Hinweise.
    Ältere weiße und weise Denker schrieben, das Philosophieren hieße sterben lernen. Dies finde ich hinsichtlich von Vergänglichkeit und Tod bedenkenswert. Und dann kommt Hannah Arendt und schreibt zur Geburt und Wiedergeburt, der Gebürtigkeit des Menschen:
    „Und diese geheimnisvolle menschliche Gabe, die Fähigkeit, etwas Neues anzufangen, hat offenkundig etwas damit zu tun, dass jeder von uns durch die Geburt als Neuankömmling in die Welt trat. Mit anderen Worten: Wir können etwas beginnen, weil wir Anfänge und damit Anfänger sind.“
    Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein. Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Wirthensohn. Mit einem Nachwort von Thomas Meyer, dtv, München 2018, S. 37
    Gutes Wochenende und schöne Grüße
    Bernd

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    • Hallo Bernd! Danke für dieses schöne Zitat, das Du hier mit uns teilst. Mich hat an diesem Roman ebenfalls die positive, aber zudem auch die weiche und poetische Seite von Hannah Arendt fasziniert. Die Neugier, der Blick nach vorn und die Offenheit, auf Menschen zu zu gehen und mit ihnen zu diskutieren, das hat Hildegard E. Keller finde ich sehr schön herausgearbeitet. Schön, dass das auch durch das von Dir gewählte Zitat noch einmal unterstrichen wird. Ein schönes Wochenende und morgen einen sonnigen Sonntag wünscht Barbara

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