Von Glück und Vergissmeinnicht

Vergissmeinnichtblau mit gelben Sprengseln und Akzenten – unverwechselbar ist bei der Gestaltung des Umschlagbildes sofort der Stil der von mir so geschätzten Illustratorin Kat Menschik zu erkennen. Lottokugeln vor Bergkulisse, ein heimelig beleuchtetes Haus umwuchert von Glücksklee und Vergissmeinnicht – eine wilde Mischung: In „6 aus 49“ erzählt Jacqueline Kornmüller die Lebensgeschichte einer großartigen, starken Frau – ihrer Großmutter Lina.

„Blau wäre ihre Lieblingsfarbe. Sie geht an den blauen Seidenstoffen vorbei. Lavendelblau, Kornblumenblau, Vergissmeinnichtblau. Das Vergissmeinnicht sticht ihr ins Auge, es liegt zwischen dem Lavendel und der Kornblume und schillert so schön. Würde zu ihr passen. Vergissmeinnichtblau der Schurz. Dazu ein schwarzer Brokat. Ein Leben muss schon drin sein in dem Stoff.“

(S.32)

Schauplatz des Romans ist Garmisch-Partenkirchen: diese zwei Orte, die von den Nationalsozialisten gegen den Willen weiter Teile der Bevölkerung durch einen Bindestrich verbunden wurden und den die Autorin im Buch flapsig meist nur „Bindestrich“ nennt. Eine politische Zwangsheirat zweier Nachbargemeinden, die sich ursprünglich so gar nicht grün waren und die während der Olympiade 1936 als winterliche Propaganda-Kulisse des Dritten Reiches instrumentalisiert wurden.

Lina, die aus einfachsten Verhältnissen stammt, kommt bereits Ende der Zwanziger Jahre nach Garmisch und erlebt all die Veränderungen im Ort hautnah mit. Sie selbst lernt die Gastronomie von der Pike auf, arbeitet sich hoch von der ersten einfachen Anstellung im Gastgewerbe, bei der sie Kupferkessel wäscht, bis hin zu lehrreichen, noblen Zeiten im Luxushotel Clausings, in welchem die großen Ufa-Stars ein- und ausgehen.

„Ihr Lachen klingt wie eine Glocke. Ihr Lachen stößt alles Dunkle ab. Obwohl sie ihre große Liebe verlor, nicht an den Tod, sondern an eine wirre Zeit, eine Kriegszeit, die alles auf den Kopf stellte und alle Existenzen vernachlässigte.“

(S.49)

Und auch wenn ihr die große Liebe nicht vergönnt war, scheint sie eine Gabe für das Glück zu haben und versteht es, Chancen zu nutzen, die sich ihr bieten. So zieht sie nicht nur allein die Tochter und später ihre Enkelin groß, sondern nennt bald ein eigenes erfolgreiches Hotel ihr eigen.

Gemeinsam mit ihrer Freundin Maria, die ebenso wie Lina ein Händchen fürs Geschäft hat, geht sie durch dick und dünn und sucht sich ihren ganz eigenen Weg durch die Wirren der Zeit. Unabhängig, stark und selbstbewusst steht sie ihre Frau.
Sie wird Zeugin, wie schnell der Ort von den Nationalsozialisten vereinnahmt, wie die jüdische Bevölkerung verfolgt und Eigentum und Betriebe arisiert werden. Und sie erlebt das Kriegsende, die Besatzungszeit und das Wirtschaftswunder.

Großartig finde ich, wie Kornmüller in liebevollen Miniaturen, mit feinen Bildern und atmosphärischen Szenen die Zeitgeschichte des Orts erlebbar werden lässt. Da schreibt sie zum Beispiel vom PX, dem amerikanisches Warenhaus, in dem nach dem Krieg Whisky und Leckereien zu kaufen waren, dem Spielkasino und den Gasthöfen.
Sie beschreibt die Entwicklung vom Kurort zum Tourismusort – mit Höhen und Tiefen, Vor- und Nachteilen und wie sich die Besucher über die Jahrzehnte verändert haben.
Lina war lebenslang eine passionierte Lottospielerin und – wie sollte es auch anders sein – auch da hatte sie – wie bei der Auswahl ihres Dirndlschürzenstoffes – offenbar das richtige Händchen.

„6 aus 49“ ist ein Buch aus einem Guss, das einen sofort für sich einnimmt, sich ganz herrlich flüssig wegschmökert und doch hat Kornmüller immer wieder explosive Stellen mit gehörig Sprengstoff im Text eingebaut. Gerade wenn es um die Zeit des Nationalsozialismus und um den Umgang mit dem dunklen Erbe in der Nachkriegszeit bis hinein ins Heute geht, nutzt Kornmüller durchaus auch die Gelegenheit, Vergehen, Versäumnisse und Missstände klar zu benennen.

Doch im Vordergrund steht eindeutig Lina, die Großmutter, der die Autorin mit diesem Erinnerungsroman ein ganz und gar wundervolles und bezauberndes literarisches Denkmal gesetzt hat. Ein Buch, das funkelt und glüht, wie die Berge im warmen Abendlicht leuchten – voll poetischer Bilder und feiner Formulierungen – eine einzigartige, große Liebeserklärung.

„Und Duft benutzte Lina wie Wasser. Sie lachte, wenn sie sich damit übergoss, und lachte immer noch, wenn sie sich präsentierte, ein Lachen wie ein Glücksregen, der über einen fiel. Und dann gab es kein Halten mehr. In solchen Nächten ließ sie das Leben glänzen. Und alle mussten mit. In solchen Nächten feierte sie das Leben und manchmal auch sich selbst. Morgen, morgen würde wieder gekämpft, den ganzen normalen Tageskampf gekämpft, für diese eine Nacht ging es ihr nur um Glanz.“

(S.135/136)

Schwer vorzustellen, dass es LeserInnen geben sollte, welchen diese zupackende, resolute Frau mit einem unfassbar großen Herz und der Begabung, das Glück am Schopf zu packen, bei der Lektüre nicht ans Herz wächst.
Wie sie selbst größten Widrigkeiten und dunkelsten Zeiten trotzte ohne zu jammern und sich hingegen ihren Optimismus bewahrte – da könnte sich so manche oder mancher auch in unseren Tagen eine Scheibe abschneiden.

„In meinem Leben war Lina sicherlich mein persönlicher Sechser im Lotto. Vor allem weil sie etwas Liebevolles, etwas Konstantes und zugleich etwas Irrlichterndes hatte. Das Irrlichternde war kostbar, weil sie dadurch einen Raum zur Verfügung hatte, den andere in sich schon verschlossen hatten.“

(S.134)

Für mich war dieser tiefgründige, warmherzige und Lebensmut versprühende Roman ein echtes Glanzlicht in diesem Lesesommer bzw. beginnenden Leseherbst. Es ist eines dieser Bücher, die ich nennen werde, wenn ich gefragt werde, was ich empfehlen kann oder in der letzten Zeit Besonderes gelesen habe und eines, das ich verschenken werde. Weil es ein echter Leseschatz ist, den ich mit möglichst vielen teilen möchte und dem ich viele, viele glückliche LeserInnen wünsche. Ein großer Gewinn, für den man nicht die sechs Richtigen mit Zusatzzahl braucht, sondern einfach nur eine gut sortierte Buchhandlung aufsuchen muss.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag Galiani Berlin, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Jacqueline Kornmüller, 6 aus 49
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-315-1

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Jacqueline Kornmüllers „6 aus 49“:

Für den Gaumen (I):
Auch kulinarisch ist der Roman ein kleines Schatzkästchen – denn was schmeckt besser als die Gerichte der Kindheit?

„Jetzt da es solche Gerichte kaum mehr gibt, nehme ich mir manchmal Zeit für die Zubereitung von Rohrnudeln mit Blaubeerröster, wobei es unbedingt Blaubeeren sein müssen, die hinter der Bockhütte auf bestem Waldboden wachsen.“

(S.69/70)

Für den Gaumen (II):
Und auch Jacqueline Kornmüller darf wohl einen ganz besonderen, süßen Schatz ihr eigen nennen:

„Maria hinterließ mir ein kleines Rezeptbuch, für mich heute ein Schatz. (…) Darunter eine Sammlung ihres Weihnachtsgebäcks, samt Weihnachtsstollen, Butterbrezeln, Vanillekipferl, Ischler Kringel, Elisenlebkuchen, alles was man zum Überleben in der Weihnachtszeit braucht. Salzstangen für Silvester. Dann fürs laufende Jahr Tausendjahreskuchen, Mandelplattenkuchen, Apfelkuchen, Apfelkuchen gedeckt, Zwetschgendatschi und der Marillenfleck.“

(S.170)

Zum Weiterlesen:
„6 aus 49“ ist nicht die erste Zusammenarbeit zwischen Jacqueline Kornmüller und Kat Menschik. Es gibt bereits den illustrierten Band „Das Haus verlassen“ aus Kat Menschiks Reihe Lieblingsbücher – der jetzt natürlich auch sofort auf meine Wunschliste gewandert ist.

Jacqueline Kornmüller/Kat Menschik, Das Haus verlassen
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-286-4

6 Kommentare zu „Von Glück und Vergissmeinnicht

    1. Sehr schön!
      Ja, das ist ein wunderbares Gegenbeispiel zu den KI-Covern, welche Du ja kürzlich auf Deinem Blog thematisiert hattest. 🙂
      Dir auch einen feinen Sonntag – bei uns zeigt er sich freundlich spätsommerlich – und viele Grüße! Barbara

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      1. So kann man es als Verlag eben auch machen: Büchern, die man offensichtlich für lesenswert hält, mit einem passenden, schön gestalteten Cover zusätzliche Wertschätzung entgegenbringen. Ich hoffe, dass sich diese Herangehensweise auf lange Sicht durchsetzen wird.

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      2. Das hoffe ich auch. Ich kann mich für schöne Cover auf jeden Fall begeistern…
        Und die Covergestaltung von Kat Menschik finde ich wirklich sehr, sehr gelungen.
        Ich bin aber ohnehin ein Fan ihrer Arbeiten.

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