All deine Farben

Wenn es einem Buch gelingt, mir von der ersten Seite an Gänsehaut laufen zu lassen, dann gehört es zweifellos zu den wichtigsten und wunderbarsten Büchern des Lesejahres: So passiert ist mir das mit Annabel Wahba’s Debütroman „Chamäleon“, in welchem sie autobiografisch eine Chronik ihrer ägyptisch-deutschen Familiengeschichte erzählt.

Am Totenbett ihres krebskranken Bruders André beginnt Annabel wie Scheherazade in „Tausendundeine Nacht“ gegen den Tod anzuerzählen. Sie reist zurück zu ihren Wurzeln, zurück zu den Generationen ihrer Großeltern und Eltern. Behutsam, liebevoll und mit einer magischen, melodiösen Sprache setzt sie ihrer Familie ein Denkmal, das überdauern wird.

„Viel Zeit bleibt uns nicht mehr. Wenn ich nun an deinem Bett sitze und dir die Geschichte unserer Familie erzähle, erzähle ich nicht um mein Leben, sondern gegen deinen Tod. Bald wirst du nicht mehr da sein. Ich kann dich nicht festhalten, aber ich will festhalten, was wir beide erlebt haben. Auch du sollst weiterleben, und mit dir das ägyptisch-deutsche Chamäleon.“

(S.16)

Sie beginnt ihre Erzählung mit der Großmutter Elisabeth, einer patenten, zupackenden Frau, die im München der Kriegs- und Nachkriegszeit und nachdem sie im Krieg 1941 ihren Mann verloren hat, ihre vier Kinder alleine ernähren und großziehen musste. Da half es, die Kinder in der schweren Zeit zu drei ledigen Großcousinen auf einen Pfarrhof aufs bayerische Land schicken zu können, so dass zumindest die Lebensmittelversorgung für den Nachwuchs etwas besser war.

Und da ist die ägyptische Großmutter Faktoria, die für Annabel und ihre Geschwister viel weiter weg und eine weitgehend unbekannte Frau war und die sich – wie die Autorin später erfuhr – doch im fernen Ägypten ähnliche Sorgen um die Versorgung und Gesundheit ihrer Kinder machen musste. So sorgte sie zum Beispiel mit einem versetzten Schmuckstück für die rettende Medizin, die Annabel’s Vater dem sicheren Tod entreißen konnte.

Und so erzählt sie über die Kindheit und Jugend ihrer Eltern: über Amir, der in Ägypten aufwächst und schließlich studieren kann – das Studium wird ihn später nach Deutschland bringen. Und über Maria, die in Bayern schon die Sehnsucht nach der Ferne entwickelt und bereits in jungen Jahren als Au Pair nach New York geht.
Für Annabel sind die Geschichten der Mutter aus der New Yorker Zeit etwas ganz Besonderes:

„Nicht nur unser ägyptischer Vater machte unsere kleine bayerische Welt größer, sondern auch Mama mit ihren Geschichten aus New York. Ich glaube, keiner unserer Erdinger Freunde hatte damals eine Mutter, die schon am Broadway gewesen war.“

(S.82)

Bei einer Floßfahrt auf der Isar lernen sich die Eltern schließlich kennen und lieben und sie stehen aufregende und schwere Zeiten gemeinsam durch. So kehrt Amir mit seiner Frau und dem ersten Nachwuchs wieder nach Ägypten zurück. Doch über die Zeit hinweg wird klar, dass Ägypten ihnen langfristig keine Sicherheit und Perspektive bietet, so dass sie Ende der Sechziger Jahre aus dem Land fliehen und nach Deutschland zurückkehren.

Nach langen Kämpfen, vielen schlaflosen Nächten wird die Familie schließlich mit ihren mittlerweile vier Kindern Adam, Anouk, André und Annabel – Autorin Annabel ist das Nesthäkchen – im bayerischen Erding heimisch. Doch auch Annabel und ihre Geschwister haben es aufgrund ihrer Herkunft nicht immer leicht.

Für den vollkommen unrealistischen und utopischen Fall, dass ich dieses Jahr nur fünf Bücher lesen oder empfehlen könnte: Annabel Wahba’s „Chamäleon“ wäre auf jeden Fall eines davon. Es hat mich zutiefst berührt und gerade in den bayerischen Momenten und Aspekten erkenne ich vieles aus meiner Kindheit und Umgebung wieder. Es fällt leicht, mir vorzustellen, wie die ägyptische und die bayerische Kultur zunächst aufeinanderprallten und sich über die Jahre und Jahrzehnte hinweg doch auch mischten und vereinen ließen – gleichsam ein buntes Ganzes ergeben, wie das farbenfrohe, unglaublich schöne Umschlagbild, das sonnenbeschienene, ägyptische Palmen vor die schneebedeckten, bayerischen Berge blendet und – gleichsam dem Leben der ägyptisch-deutschen Geschwister – zu einem farblich-fröhlichem, freundlichen Gesamtkunstwerk werden lässt.
Allein dieses traumhafte Cover hätte für mich schon einen Preis für die gelungene, graphische Gestaltung verdient – ein richtiger Hingucker, den ich im Buchladen sofort in die Hand nehmen würde.

„Chamäleon“ lässt mich ins Schwärmen geraten, weil die Autorin, die seit 2007 Redakteurin im ZEITmagazin ist, mit solcher Liebe, einem solch wachen, aufmerksamen Blick für Details und einer so treffenden Stilistik und Sprache ihre Familie so lebendig beschreibt, dass sie einem unweigerlich schon nach wenigen Sätzen ans Herz wächst. Man liebt, lacht und leidet mit und kann – wie der Sultan in Tausendundeiner Nacht – einfach nicht genug davon bekommen.
Und so trauert man am Ende nicht nur mit Annabel um ihren viel zu früh verstorbenen Bruder, sondern ist auch traurig darüber, dass das zauberhafte Buch und die wunderbare Reise schon zu Ende ist.

„Für mich war Ägypten lange nur eine romantische Vorstellung, das Land der Pharaonen, mit dem ich irgendetwas zu tun habe, aber nicht so recht wusste, was – außer dass ich Muluchiya mag. Als Kind suchte ich in meinem Spiegelbild manchmal nach Ähnlichkeiten mit Nofretete und bildete mir ein, dass unsere Nasen sich glichen. Aber viel mehr war da nicht.“

(S.89/90)

Wer keine Angst vor großen Gefühlen, dafür aber einen Sinn für schöne Sprache und unfassbar gut erzählte Familiengeschichten hat, wer mehr darüber erfahren möchte, was Herkunft oder Migration bedeutet und wer einfach ein wunderbares, emotionales Buch lesen möchte, dem kann ich „Chamäleon“ wärmstens empfehlen.
Es ist eines der besten Bücher des Jahres und für mich definitiv eines meiner absoluten Leseglanzlichter 2022!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eichborn Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Annabel Wahba, Chamäleon
Eichborn Verlag
ISBN: 978-3-8479-0097-9

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Annabel Wahba’s „Chamäleon“:

Für den Gaumen (I):
Die bayerische Seite der kulinarischen Anklänge im Buch sind mir sehr vertraut und fühlen sich für mich nach zu Hause an – zwei Großmutter-Gerichte im besten Sinn:

„Ich weiß nicht, was dir von Oma noch in Erinnerung ist, aber wenn ich an sie denke, dann sehe ich sie in der Küche stehen und Grießnockerlsuppe und Apfelstrudel zubereiten.“

(S.19)

Für den Gaumen (II):
Das ägyptische Nationalgericht Muluchiya kannte ich hingegen bisher nicht, da musste ich erst einmal recherchieren:

„Ich liebe es, wie du die fein gehackten grünen Blätter in einer Hühnersuppe kochst und dazu in Butter gebratenen Reis servierst.“

(S.89)

Zum Weiterhören oder für einen Theaterbesuch:
Annabel’s Mutter hatte in ihrer New Yorker Zeit die Gelegenheit, am Broadway Musicals zu sehen, unter anderem „My Fair Lady“ mit Julie Andrews in der Hauptrolle. Ein zeitloser Klassiker, der auch heute noch gerne auf den Spielplänen steht.

Zum Weiterlesen:
Vielleicht sollte man diese moderne, literarische Inspiration als Anlass nehmen, auch in den Klassiker selbst wieder einmal hineinzulesen und die Geschichten aus „Tausendundeine Nacht“ neu für sich zu entdecken:

Tausendundeine Nacht
Aus dem Arabischen von Claudia Ott
C.H.Beck
ISBN: 978-3-406-72290-5

Narretei und Alchemie

„Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles“ – selten hat ein Faustzitat so gut zu einem Roman gepasst, wie zu Richard Rötzer’s neuem historischen Roman „Narrenträume“. Denn auch im Bayern des 16. Jahrhunderts versuchten viele dubiose Geschäftemacher sich als Goldmacher und Alchemisten – ein gefährliches Spiel, denn so mancher landete dadurch in der Folterkammer und im Gefängnis.

Eine kurze Anmerkung vorweg sei erlaubt: Für mich war sowohl die Lektüre als auch das Schreiben dieser Rezension dieses Mal etwas Besonderes. Denn der Roman spielt über weite Strecken in meiner Heimatstadt Landshut und so kann ich heute auch ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern, über meine Heimatstadt erzählen und zeigen, wo sich der Narr Michel Witz vielleicht so herumgetrieben hat.

Und ich gestehe, auch ich habe durch den Roman einiges Neues aus der Landshuter Stadtgeschichte erfahren und meine Kenntnisse aufgefrischt: Denn während das 15. Jahrhundert und die Blütezeit der Stadt unter den reichen Herzögen Heinrich XIV., Ludwig IX. und Georg durch die regelmäßigen Aufführungen der Landshuter Fürstenhochzeit 1475 vielen Landshutern gut bekannt und sehr präsent sind, so sieht es vermutlich mit dem Wissen um das 16. Jahrhundert und die späteren Wittelsbacher auf der Burg Trausnitz schon nicht mehr so rosig aus.

Doch erst einmal: Worum geht es in „Narrenträume“?
Michel Witz – seines Zeichens Hofnarr des Herzog Wilhelm V. von Bayern – sinniert – als er im Kerker sitzt – über sein Leben und fasst es mit folgenden Worten bereits sehr treffend zusammen:

„Mein Leben zog in Gedanken an mir vorbei in teils prachtvollen, teils düsteren Bildern. Ich hatte als Narr am Hof des bayerischen Herzogs viele Freiheiten gehabt, nahm Teil an rauschenden Festen, hatte zu jeder Zeit Münzen in der Tasche und fand ein gewisses Ansehen und Beachtung. Aber ich war auch beteiligt an Ränkespielen und Intrigen und jagte in eitler Selbstgefälligkeit vielen Dingen vergeblich nach. Auf der verblendeten Suche nach trügerischem Narrengold war ich augenblicklich dem Henker näher als erhofftem Ruhm und Erfolg.“

(S.10)

In Rückblenden erzählt er aus seinem aufregenden und außergewöhnlichen Leben, über seine Karriere als Hofnarr und versucht nun mit allen Mitteln und seinem Wissen um so manches dunkle Geheimnis, gemeinsam mit einem ihm wohlgesinnten Verwandten, der gute Beziehungen zur Obrigkeit hat, seinen Kopf noch einmal aus der Schlinge zu ziehen und sein Leben zu retten.

„Würde mich mein freches Mundwerk auch aus meinem jetzigen Unglück retten, grübelte ich verdüstert vor mich hin. Ich genoss nicht mehr den Schutz der Narrenkappe, unter dem ich selbst dem Herzog Frechheiten und ungeliebte Wahrheiten an den Kopf werfen konnte, ohne um meinen eigenen Kopf fürchten zu müssen.“

(S.39)

Links: Burg Trausnitz; Rechts: Am Landschaftshaus in der Landshuter Altstadt ist Herzog Wilhelm V. dargestellt und in der untersten Reihe als dritter von rechts zu finden – Fotos: Kulturbowle

Herzog Wilhelm V. (1548 – 1626), der den Beinamen der Fromme trägt, ist den Landshutern vermutlich nicht mehr so ein Begriff, aber er führte mit seiner Frau Renata von Lothringen als Prinzenpaar über viele Jahre eine aufwändige Hofhaltung auf der Burg Trausnitz, bevor er nach dem Tod seines Vaters später zum Regieren nach München übersiedelte. Die Landshuter Burg verdankt ihm neben dem Tierpark vor allem eine Erweiterung mit den Malereien von Friedrich Sustris und Alessandro Padano auf der bekannten Narrentreppe, die Figuren der Commedia dell’Arte zeigt. München verdankt ihm die Michaelskirche und – als Erinnerung an seine Hochzeit und das Ritterturnier – das berühmte Glockenspiel am Münchner Rathaus.

Fasziniert hat mich vor allem die Figur des Narren und die Freiheiten und verschiedenen Facetten dieser Rolle, die Rötzer in meinen Augen schön herausgearbeitet hat. Bei Michel Witz – und seinem Vater Mertl Witz, dessen Porträt gemalt durch den berühmten Maler Hans Mielich heute noch im Bayerischen Nationalmuseum zu sehen ist und das im Buch abgebildet ist – handelt es sich um den Typus des intelligenten Narren, der nicht aufgrund körperlicher Gebrechen oder Auffälligkeiten diese Rolle ausübt, sondern es verstand, durch kulturelle Darbietungen, sowie durch Geist und Witz zu unterhalten. Und so streift Rötzer in seinem Buch auch die Geschichte des „Berufsbildes Hofnarr“ und die unterschiedlichen Typen, was ich sehr interessant finde.

Denn auch bei der Landshuter Fürstenhochzeit 1475, die in der Regel alle vier Jahre in Landshut im Rahmen eines großen, historischen Festes nachgespielt wird, gibt es die Rolle des Hofnarren, der im Festspiel, während des Umzugs und auch auf der Festwiese beim Turnier seine Herrschaft, den Herzog begleitet. Eine Figur, der auch heute noch viel Sympathie entgegenschlägt – genau wie den Gauklern und Komödianten:

„Den größten Nutzen aber verschafften mir Begegnungen mit Leuten auf der Straße, vor allem mit Gauklern und Komödianten. Ich sah, wie sie die Mengen in Bann schlugen mit großem Getöse oder einfachsten kleinen Verzauberungen. Sie nutzten den Augenblick, verblüfften durch Unerwartetes, grimassierten und verrenkten sich, äfften pantomimisch nach, sangen und rezitierten, spielten dabei die Laute oder jonglierten mit Bällen und Keulen. All dies musste ich schließlich lernen, wollte ich ein guter Narr werden (…)“

(S.119)

In den Tonfall des Buchs, der sich so mancher für heutige Ohren ungewohnter, leicht gedrechselt-antiquierter Formulierung bedient, muss man sich erst ein wenig einlesen, aber es passt gut zum Genre des historischen Romans und sorgt stellenweise auch immer wieder für ein gewisses Schmunzeln.

Es steckt unglaublich viel drin in diesem Wälzer und auch wenn man vielleicht für einen 600-Seiten-Roman etwas Geduld und manchmal einen langen Atem braucht, hat mich diese Opulenz begeistert und die Lesezeit verging wie im Flug. Gerade die Hofhaltung auf der Burg Trausnitz, die Beschreibung der unterschiedlichen Figuren und die Begegnungen mit historischen Persönlichkeiten der Zeit, wie dem Augsburger Hans Jakob Fugger, Philippine Welser auf Schloss Ambras in Innsbruck oder den Medici in Florenz eröffneten nochmal ein reiches, großes Gemälde des Beziehungsgeflechts der damaligen Zeit. Da fällt dann so manches bisher gesammelte, geschichtliche Puzzleteil auf einmal an den richtigen Platz.

Mit „Narrenträume“ hat Richard Rötzer zwar leider – wie sein Held Michel – letztlich auch nicht die Methode der Goldmacherei gefunden, aber doch eine gut gefüllte Wunderkammer und reiche Schatztruhe an historischen Anekdoten, üppiger, überbordender Handlung und interessanten Figuren geschaffen. Ein richtiger Schmöker, der nicht nur LandshuterInnen Freude macht, sondern auch Fans von historischen Romanen gut gefallen wird, weil er Lust darauf macht, weiter zu recherchieren, geschichtliche Details nachzulesen und die Suchmaschinen glühen zu lassen.

„Ich verstand eigentlich von nichts wirklich viel, pflegte aber einen Hang zu geistiger Landstreicherei und war daher leicht zu begeisternder Dilettant in allen Dingen.“

(S.589)

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 3) auf der Liste: Ich möchte einen historischen Roman lesen. Abtauchen in eine andere Zeit – in diesem Fall das 16. Jahrhundert in meiner Heimatstadt – eine gewisse Opulenz, viel historischer Hintergrund, eine Prise Krimi und eine stattliche Seitenzahl von 600 – „Narrenträume“ ist absolut perfekt dafür, diesen Punkt auf meiner Liste abzuhaken.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Richard Rötzer, Narrenträume
Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-8392-0291-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Richard Rötzer’s „Narrenträume“:

Für den Gaumen:
Bei folgendem Hochzeitsmahl lasse ich einfach mal die Speisenfolge für sich sprechen:

„Die Tafel war überhäuft mit gefüllten Kapaunen, Fasanen, Hasel- und Rebhühnern, mit geschmorten Lamm- und Ferkelbraten auf Granatapfelgelee, glasierten Wildschweinköpfen in Burgunder- und Pfeffersauce, gespickten Hirschkeulen und Hasenpasteten, dazu geräucherte Renke, Aalsülze und Hecht aus bayerischen Seen, unzählige Schüsseln mit erlesenen Salaten, Früchte aus Italien, Schmalzkrapfen nach Tiroler Art, Konfekt aus Mailand und Paris…“

(S.139)

Für eine Städtereise oder einen Ausflug:
Bei diesem Beitrag bietet es sich natürlich an, dass ich auch ein paar Bilder und Impressionen aus meiner Heimatstadt teile: So gibt es in Landshut nicht nur die Legende des Narrensteigs, die im Buch ebenso Erwähnung findet wie die Narrentreppe im italienischen Anbau der Burg Trausnitz, sondern auch den Narrenbrunnen in der Altstadt, der jedoch erst 1974 vom Landshuter Künstler Karl Reidel errichtet wurde.

Zum Weiterhören:
Und auch der berühmte Komponist und Hofkapellmeister Orlando di Lasso (1532 – 1594) darf natürlich nicht fehlen: seine Madrigale, Motetten und Messen gehören heute noch zu den wichtigsten musikalischen Werken der Renaissance.

Zum Weiterlesen (I):
Im Moment begegne ich – wie auch auf einer Toskanareise vor einigen Jahren – beim Lesen immer wieder Giorgio Vasari (so auch wieder in „Narrenträume“) und werde daran erinnert, dass schon einige Zeit ein Buch von ihm noch ungelesen in meinem Regal schlummert:

Giorgio Vasari, Lebensläufe der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten
Aus dem Italienischen von Trude Fein
Manesse
ISBN: 978-3-7175-2510-3

Zum Weiterlesen (II):
Vor vielen Jahren habe ich bereits Richard Rötzer’s historischen Roman „Der Wachsmann“ gelesen und habe ihn – auch nach langer Zeit – noch als packend und spannend in Erinnerung. Die Handlung, die im München des 14. Jahrhunderts und im Milieu der Isarflößer spielt, war auch hier durch Krimielemente geprägt:

Richard Rötzer, Der Wachsmann
Ullstein Taschenbuch
ISBN: 9783548287775

Stachlige Alltagsblüten

Auf Katharina Adler’s zweiten Roman „Iglhaut“ war ich sehr gespannt, denn schon die Vorschauen hatten mich neugierig auf diese besondere Frau mit dem ungewöhnlichen Namen im Zentrum des Romans gemacht. Während der Lektüre hat mich die Schreinerin in der Münchner Hinterhofwerkstatt – gemeinsam mit den Menschen um sie herum – endgültig für sich eingenommen. Eine großartige, literarische Figur mit Ecken, Kanten und verborgenen Seiten, die Schritt für Schritt – wie beim Hobeln und Schleifen eines Stücks Holz – zum Vorschein kommen und nach dem Polieren zu glänzen beginnen.

„Leicht waren die Ferientage nicht für sie gewesen, alleinstehend unter Familien, Mittvierzigerin unter Pensionisten, Schattenfreundin unter Sonnenbränden, eine, die ein Buch las zwischen lauter Telefonen.“

(S.10)

Das ist Iglhaut – eine Frau in den Vierzigern, alleinstehend mit einem Hund, der Kanzlerin heißt und die im Hinterhof eines Münchner Mietshauses eine kleine Schreinerwerkstatt betreibt. Dort hat sie auch an den Lebensschicksalen ihrer Nachbarschaft – mal mehr, mal weniger freiwillig, aber immer unmittelbar – Anteil. Das Leben hat nicht nur ihren Nachbarn, sondern auch ihr selbst bereits ein paar Narben zugefügt. Als Scheidungskind bewegt sie sich ständig im psychologischen Minenfeld zwischen den getrennten Eltern und auch selbst konnte sie ihre bisherigen Liebesbeziehungen nicht aufrecht erhalten.

„Sie hatte sich noch nicht gesetzt, noch kein Getränk, noch kein Stück von der Käseplatte auf dem Esstisch genommen, da war sie nicht mehr Tochter, sondern Botschafterin in einem autokratischen Land, zur Rechtfertigung einbestellt. Ihre diplomatische Seite war gefordert. Umsichtig gewählte Worte, vielsagendes Schweigen und abwägendes Nicken zur rechten Zeit.“

(S.69)

Und so lernen wir nicht nur Iglhaut, sondern auch ihre Eltern – den überfürsorglichen Vater und eine esoterische Mutter – und ihre Nachbarschaft kennen.

Zwischen Münchner Mietshaus, ägyptischem Luxushotel und der Notfallambulanz entwickelt Katharina Adler Menschen, Lebensschicksale und Episoden, wie mitten aus dem Leben gegriffen. Der ganz normale Wahnsinn des täglichen Lebens in all seiner Buntheit, mit all seinen Facetten, Formen und Farben: Alltagsblüten.

Da ist die Klosterschwester Amalburga, die als Kundin eine Statue zur überzeugten Atheistin Iglhaut zur Restaurierung bringt und die so gerne einen Caffè Doppio im Café Alighieri um die Ecke trinkt oder der Pfleger Ronnie, der auf die medizinische Wirkung von Marihuana schwört. Oder die Mutter des Griechen um die Ecke, die so gerne auf ein Metallica-Konzert gehen würde und im Mietshaus das häufig lautstark streitende Ehepaar, die Schriftstellerin mit Schreibblockade, die mit ihrem zweiten Roman kämpft.

Da gibt es All Inclusive-Urlaub, Hochzeiten von Ex-Freunden, Rassismus, Flüchtlingsschicksale, Hausgeburten, Zahnarztbesuche, häusliche Gewalt und Geburtstagsfeiern – das Leben mit Höhen und Tiefen, Freude und Schmerz, Liebe und Leid.

Adler ist eine aufmerksame Beobachterin und trifft mit schlafwandlerischer Sicherheit und scheinbar mühelos den richtigen Tonfall. Viele Sätze treffen punktgenau ins Schwarze und sprechen einem geradezu aus der Seele. Sie hält der Gesellschaft und den Menschen den Spiegel vor und oft denkt man: Ja, genau so ist es. Genau so.

Sowohl von der Sprache der Autorin, die in München geboren wurde und jetzt nach Stationen in Leipzig und Berlin auch wieder dort lebt, als auch von den liebevoll gezeichneten Figuren war ich wirklich begeistert. Sarkastisch-zynisch schreibt sich Katharina Adler, deren Debütroman „Ida“ ich bisher noch nicht gelesen habe, was ich vermutlich aber bald ändern sollte, Seite um Seite mehr in mein Leserherz und überzeugt mich durch Stil, Wahrhaftigkeit und Authentizität.

„War sie, die Iglhaut, authentisch, weil sie nur zweimal in ihrem Leben umgezogen war?“

(S.91)

Iglhaut ist mir von Seite zu Seite mehr ans Herz gewachsen und für mich hätte das Buch gerne noch etwas länger als die 280 Seiten sein dürfen – so manche Figur oder Geschichte hätte sich noch gelohnt, näher beleuchtet und ausführlicher erzählt zu werden.

Ein tiefgründiger und zugleich witziger Roman mit ganz eigenem Charme und einem Zauber, der sich schwer in Worte fassen lässt: so stachlig, unkonventionell und direkt wie seine Hauptfigur – ein Buch so bunt wie das Leben!

„Ach, dachte die Iglhaut, nur ein paar Nächte in Frieden, mehr Wohlwollen und weniger Zahnschmerz und Zorn. Das wäre ein Leben. Und wenn sich dann noch vormalige Erlöser selber zur Wurmkur chauffierten. Mehr Paradies brauchte sie eigentlich nicht.“

(S.113)

Buchinformation:
Katharina Adler, Iglhaut
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00256-5

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Katharina Adler’s „Iglhaut“:

Für den Gaumen (I):
Schon der Klappentext verrät, dass Iglhaut eine Schwäche für Whiskey-Cocktails hat und zwar genaugenommen vor allem für den sogenannten „Old Fashioned“. Die Zutaten hierfür sind Whiskey, Zuckersirup, Bitter, Orangenzeste und natürlich Eis – ob Wasser reingehört oder nicht, da scheiden sich wohl die Geister.

Für den Gaumen (II):
Iglhaut’s Vater lebt seine Fürsorge gerne durch Bekochen und umfangreiche Verpflegungspakete aus:

„Der Vater konnte sich jetzt doch an seiner Tochter freuen. Das erste Stück Lasagne hatte sie fast verzehrt, nahm sich schon das zweite. Ob die Kinder fünf, fünfzehn oder fünfundvierzig waren, ein gesunder Appetit beruhigte die Elternseele. Solange der Nachwuchs aß, war noch nicht alles verloren.“

(S.40/41)

Zum Weiterlesen (I):
Schon bei den Worten „Münchner Schreinerwerkstatt im Hinterhof“ musste ich sofort an Meister Eder und seinen Pumuckl denken und es schossen mir Bilder von Gustl Bayrhammer hinter dem großen Glasfenster in seiner Hinterhofwerkstatt durch den Kopf. Ob die Fernsehserie des bayerischen Rundfunks aus den 80er Jahren, die Schallplatten oder die Bücher selbst: Pumuckl ist Teil meiner Kindheit.
Um so größer war dann die Freude, als ich doch tatsächlich bei der Lektüre von „Iglhaut“ auch noch eine kleine (ob bewusst oder unbewusst, kann ich nicht beurteilen) Hommage an die liebgewonnenen Figuren aus meiner Kindheit entdeckt habe:

„Einsam sitz ich in der Schaukel. Die Welt ist traurig und voll Gaukel. Ganz und gar, mögen andere dick und satt sein, ich will nichts vom Späneschwein.“
Während sie die Sätze aufsagte, sah sie so aufrichtig verwundert aus, da ging der Iglhaut das Herz schon wieder ein bisschen auf. „Kästner?“, tippte sie.
Jasmina schnippte die Späne weg. Sie lese prinzipiell nur Autor*innen, die sich als weiblich bezeichneten. Kaut sei das gewesen.“

(S.141)

Ellis Kaut, Meister Eder und sein Pumuckl
Franckh Kosmos Verlag
ISBN: 978-3440148204

Zum Weiterlesen (II):
Ein weiterer wunderbarer Roman, den ich vor einigen Jahren gelesen habe, ging mir während der Lektüre auch immer wieder durch den Kopf. Wer Gefallen an „Iglhaut“ findet, könnte sicherlich auch an „Die Eleganz des Igels“ der französischen Autorin Muriel Barbery seine Freude haben, denn auch die Pariser Concierge Renée ist eine außergewöhnliche Figur, die man nicht so schnell vergisst.

Muriel Barbery, Die Eleganz des Igels
Aus dem Französischen von Gabriela Zehnder
dtv
ISBN: 978-3-423-13814-7

Alte Sorten und neue Perspektiven

Ewald Arenz’ „Alte Sorten“ war für mich ein Zufallsfund und Spontankauf in der örtlichen Buchhandlung und entpuppte sich als wahrer Glücksgriff. Der Titel, die Umschlaggestaltung, all das hat mich sofort angesprochen und ließ mich nach diesem Roman greifen, der mir aus unerfindlichen Gründen bisher nicht aufgefallen war.

Arenz – geboren 1965 in Nürnberg – arbeitet in seiner Geburtsstadt als Lehrer am Gymnasium. Ohne dass je ein Ortsname fällt oder eine konkrete räumliche Einordnung geschieht, würde ich den Roman ebenfalls in seiner fränkischen Heimat in einem Wein- und Obstanbaugebiet verorten.

Sally, ein junges Mädchen – noch keine 18 Jahre alt – läuft durch die hügelige Landschaft und die Weinberge: Gehetzt, wütend, auf der Flucht. Zufällig begegnet sie einer Frau – altersmäßig könnte sie ihre Mutter sein – die bei der Arbeit im Weinberg mit dem Anhänger ihres Traktors in einem Graben hängengeblieben ist. Sally hilft Liss, sich aus der misslichen Lage zu befreien und bekommt dafür ein Quartier für die Nacht. Beide sprechen nicht viel, sind in sich gekehrt, mit sich selbst beschäftigt und Sally ist froh, einmal nicht mit Fragen bombardiert zu werden.

Liss lässt sie in Ruhe und kann doch auf dem Hof, den sie offenbar alleine bewirtschaftet, hin und wieder Sally’s Hilfe gut gebrauchen. Die junge Frau packt immer häufiger mit an. Die frische Luft, die körperliche Arbeit und das Gebrauchtwerden tun ihr gut. Sie lernt ursprüngliche Lebensmittel, selbstgeerntetes Obst, selbst gebackenes Brot und Liss’ selbst geimkerten Honig kennen und schätzen – die einfachen Dinge des Lebens: Der Geschmack einer saftigen Birne frisch vom Baum, der Hahn, der am morgen das Wecken übernimmt.

Und da ist dieser große Hof und das Anwesen, das Sally mehr und mehr rätseln lässt – warum lebt Liss allein dort? Und wem gehört das Fahrrad, das Liss ihr überlässt, um die Umgebung erkunden zu können? Auch Liss scheint Gespenster der Vergangenheit mit sich herumzutragen, über die sie nicht sprechen will. Sie isoliert sich weitestgehend von der Dorfgemeinschaft, lebt zurückgezogen und werkelt von früh bis spät. Ihr Leben besteht aus harter, körperlicher Arbeit im Obstgarten mit den alten Birnensorten, im Weinberg und im Stall, die sie abends müde und erschöpft in den Schlaf sinken lässt.

Zögerlich und zaghaft kommen sich die beiden näher, beginnen sich zu öffnen. Die Gespräche werden intensiver. Sally, die Narben aufweist, welche auf eine Borderline-Störung hindeuten, und nicht mehr weg will von diesem Ort, an dem sie zur Ruhe kommen kann und der ihr besser zu helfen scheint als jede Therapie, beginnt sich mehr und mehr wohlzufühlen.

Zwei verschlossene Außenseiter und Einzelgängerinnen ohne Vertrauen zu anderen, die sich gefunden haben ohne sich zu suchen. Doch natürlich hat Sally Eltern, die nach ihr suchen und der vermeintliche Frieden kann nicht ewig währen…

„So kann man nicht leben. Es ist, als wäre ich unsichtbar. Ich denke, ich rede mit Leuten, und dabei gefrieren die Wörter in der Luft und werden von niemandem gehört.“

(S.189)

„Alte Sorten“ ist ein ruhiges, behutsames und sehr zärtliches Buch. Ein Roman, der einen runterholt, zur Ruhe kommen lässt und dem Leser wieder einmal verdeutlicht, was wirklich wichtig ist im Leben. Arenz arbeitet mit vielen Bildern aus der Natur und hat ein sehr bodenständiges und geerdetes Buch ohne großes Brimborium geschrieben. Die Schilderungen der Natur und der Arbeit auf dem Hof, die Beschreibungen des Imkerns, des Schnapsbrennens und der Weinlese – das ist wunderbar zu lesen. Die Lektüre ist Balsam für die Seele und entschleunigt. Es ist schön mitzuverfolgen, wie sich Sally und Liss öffnen und gegenseitig helfen können – ein Loblied auf die Mitmenschlichkeit und auf Freundschaft über Altersgrenzen hinweg.

Die Sprache ist poetisch und sehr sinnlich. Ein Genuss, wie der Autor Geschmäcker, Gerüche und Klänge beschreibt – in einer solchen Intensität bekommt man das selten zu lesen und er hat mich mit diesem Stil sofort für sich eingenommen. Ein unaufgeregtes und leises Buch, das mit einem sehr gefühlvollen Finale aufwartet.

Oft sind es die unaufdringlichen, stillen Bücher, die dann sehr lange nachklingen. „Alte Sorten“ hat mich begeistert und ich freue mich sehr über diesen wunderbaren Überraschungsfund, der mir da in der Buchhandlung ins Auge gestochen und in die Hände gefallen ist. Ein Buch, das wie geschaffen ist für den Herbst und das von innen wärmt, wenn es draußen grau und kalt ist.

Buchinformation:
Ewald Arenz, Alte Sorten
Dumont
ISBN: 978-3-8321-6530-7

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Alte Sorten“:

Für den Gaumen:
Jetzt im Herbst ist genau die richtige Zeit für frische, erntereife Birnen. Und wenn man sich informiert und genauer hinschaut, kann man eventuell beim Bio-Bauern oder Bio-Laden in der Nähe auch mal alte und ausgefallenere Sorten ergattern. Sally ist im Roman fasziniert von der Sortenvielfalt und genießt mit allen Sinnen Raritäten wie die „Petersbirne“, „Andenken an den Kongress“, „Herzogin Elsa“, „Madame Verté“ oder die „Schweizer Wasserbirne“.

Zum Weiterhören:
Bei diesem Buch ganz klar Herbie Hancock’s „Cantaloupe Island“, denn es spielt eine Schlüsselrolle im Roman. Der Titel sagt einem erstmal nichts? Wenn man reinhört, weiß man, dass man es doch kennt. Einer der bekanntesten Jazzstandards mit Funk-Elementen aus dem Jahre 1964 – ein weltberühmter Klassiker.

Zum Weiterlesen:
Bereits beim Titel „Alte Sorten“ musste ich unweigerlich an die Slowfood-Initiative „Arche des Geschmacks“ denken, die sich seit vielen Jahren dafür einsetzt, dass traditionelle, alte und regionale Sorten und Lebensmittel nicht in Vergessenheit geraten und weiter kultiviert werden. Wer mehr über die Motivation und die Idee des Gründers von Slowfood erfahren möchte, dem sei folgendes Buch ans Herz gelegt:

Carlo Petrini, Luis Sepúlveda, Eine Idee von Glück
Oekom
ISBN: 978-3-86581-735-8