Januarbowle 2026 – Frostnächte und Wolkentänzer

Der Anfang ist gemacht und der erste Monat im Jahr 2026 ist vorbei. Ein echter Wintermonat – dieses Mal auch was die Witterung anbelangt. Kalt war es und so manche Frostnacht liegt hinter uns. Auch so manche Schneeflocke kam vorbeigewirbelt und ich musste schmunzeln, als ich Florian Illies’ Kolumne in der ZEIT über die Pantone Farbe des Jahres 2026 mit Namen Wolkentänzer (bzw. „Cloud Dancer“) gelesen habe.

Thematisch habe ich mich wieder einmal der Serenissima genähert und zwar zum einen in der launig-spritzigen Operetteninszenierung von Johann Strauss’ „Eine Nacht in Venedig“ im Landestheater Niederbayern, aber auch mit der Agatha Christie-Verfilmung „A Haunting in Venice“ mit Kenneth Branagh als Hercule Poirot. Beides auf seine Art reizvoll: gleichsam knallig-lustig-bunt versus neblig-düster-schaurig.

Und um noch ein wenig in Italien zu bleiben:
Zwei tolle Dokumentationen kann ich auch empfehlen, die ich auf ARTE gesehen habe: „Renaissance – Glanz und Gewalt einer Epoche“ (noch bis 02.05.26 in der Mediathek), in der Michelangelo, Leonardo und Raffael sowie ihre Werke und ihre Zeit näher gebracht werden und „Das Kolosseum, Arena der Macht“ (bis zum 16.03.26 in der ARTE-Mediathek verfügbar) mit neuesten Erkenntnissen der archäologischen Forschung rund um das markante Gebäude im Herzen Roms.

Gerade die ersten Tage des Jahres brachten aber vor allem auch Ruhe und Muße sowie viel Zeit zum Lesen, was sich auch in der reichen Januar-Leseliste niedergeschlagen hat.
Ruhig, geerdet und sehr inspirierend bin ich ins Jahr gestartet mit einer wunderbaren Empfehlung aus meiner Lieblingsbuchhandlung: Angelika Overath „Alle Farben des Schnees“ ist ein literarisches Tagebuch, in dem die Autorin schildert, wie es ist, dauerhaft an den Sehnsuchtsurlaubsort zu ziehen. In ihrem Fall ins Schweizer Engadin. Ein leises und nachdenkliches Buch über das Fremdsein, Eingewöhnen und Ankommen einer Familie an einem neuen Ort und in einer neuen Sprache.

Wenn es Neues von Daniel Schreiber gibt, dann bin ich natürlich gespannt: Dieses Mal hat er einen eindringlichen Appell verfasst: „Liebe! Ein Aufruf“. Und weil er mir aus der Seele spricht, gebe ich ihm nur zu gerne kurz selbst das Wort:

„Es gibt eine unverrückbare von uns allen geteilte Menschlichkeit, die hinter dem großen Rauschen von Verstehen und Missverstehen liegt, von Auseinandersetzung und Einsicht. Für mich gab es keinen besseren Weg, einen Zugang zu dieser Menschlichkeit zu finden, als den Geschichten anderer Menschen zuzuhören, ihren echten Geschichten, dem, was sie und wirklich nur sie zu sagen haben. Keinen besseren Weg, als ihnen so tatsächlich zu begegnen.“

(aus Daniel Schreiber „Liebe! Ein Aufruf“, S.92)

Gerne gelesen habe ich auch „Else“ von Katharina Zorn und Jasna Fritzi Bauer, das eine spannende Frauenfigur in den Mittelpunkt stellt: Oma Else, die in den Sechziger Jahren heimlich als erste Taxifahrerin Frankfurts ihre ganz eigene Emanzipationsgeschichte schreibt. Eine Geschichte über eine starke Frau, aber auch über die deutsche Gesellschaft der Nachkriegszeit.

Bereits ausführlich vorgeschwärmt habe ich vom Prix Goncourt-Gewinner des Jahres 2023: Jean-Baptiste Andreas opulentem, historischen Schmöker Was ich von ihr weiß, den ich wirklich verschlungen habe. Italien, Kunst, Geschichte und großartige Figuren… alles drin, was ein großer Roman braucht, um sich für einige erfüllende Lesestunden darin verlieren zu können.

Von eindringlicher und poetischer Schönheit ist Audrey Magees Roman „Die Kolonie“, der mich auf eine einsame irische Insel entführt hat. Ein Buch, in dem sich ein Maler und ein Sprachforscher als Gäste auf der Insel begegnen und ihren ganz eigenen Kampf um die Gunst der Inselbewohner austragen. Intensiv, vielschichtig, tiefgründig und zum Nachdenken anregend – in der hervorragenden Übersetzung von Nicole Seifert. Eine schöne ausführliche Besprechung gibt es bei Zeichen&Zeiten.

„Dieses Einfache ist für die meisten Menschen nichts. Die sagen, es wäre langweilig, aber ich habe sie beobachtet. Das ist keine Langeweile, JP. Das ist Angst. Dieses Karge, Rohe macht ihnen Angst. Da gehen sie lieber und verstecken sich hinter Terminkalendern, Rechnungen, Urlauben und Häusern, hinter Sofas, Küchentheken und Vorhängen, ein Leben aus Kaufen und Besitzen, nur um zu verschleiern, wie nackt das Leben ist. Um seine Härte zu verbergen. Es erträglicher zu machen. Angenehmer. Ich frage mich nur, ob das klappt.“

(aus Audrey Magee „Die Kolonie“, S.126/127)

Eine Pflichtlektüre für Mascha Kaléko-Fans ist sicherlich Volker Weidermanns neues Buch „Wenn ich eine Wolke wäre“. Im Zentrum des Textes steht die Rückkehr der Dichterin nach Deutschland im Jahr 1956: ein Wechselbad der Gefühle und ein großes Wagnis nach 17 Jahren im Exil an den Ort des ehemaligen Erfolgs und in das einst so geliebte Berlin zurückzukehren.

Kristine Bilkaus mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2025 ausgezeichnete Roman „Halbinsel“ hat mich sprachlich begeistert und thematisch berührt. Denn die Geschichte von Mutter und Tochter, die sich, nachdem die Tochter nach einer belastenden Erfahrung wieder zu Hause einzieht, noch einmal vollkommen neu kennenlernen und ihre Beziehung neu ausloten, ist intensiv und berührend. Thematisch stehen neben der familiären Beziehung, die Rolle der Frau im Wandel der Generationen, aber vor allem auch die Klimakrise im Vordergrund.

„Ich hatte Linn die Zukunft als großes Versprechen verkauft. Das war es, was Eltern taten, um ihren Kindern Schwung zu geben. Ich hatte ihr die Welt angepriesen, mit allen Vorzügen und Möglichkeiten, aber dabei hatte ich die horrenden Mängel verharmlost oder ganz verschwiegen. Lauter Halbwahrheiten.“

(aus Kristine Bilkau „Halbinsel“, S.147)

Da ich bereits Gabriel Zuchtriegels erstes Buch („Vom Zauber des Untergangs“) über Pompeji sehr mochte, wollte ich natürlich auch sein neues „Pompejis letzter Sommer“ lesen. Wie der Direktor des archäologischen Parks Pompeji über diesen ganz besonderen Ort, die Grabungen und neuen Funde dort schreibt und diese nicht nur erklärt und einordnet, sondern zugleich auch in ein Verhältnis zu unserer heutigen Gesellschaft setzt, ist faszinierend und höchst spannend zu lesen.

„Der Narziss des griechischen Mythos saß allein im Wald, heute sitzen Narzissten in vielen Chefetagen, auf Professuren, in Machtpositionen. Unsere Gesellschaft scheint den selbstverliebten „Blümchen“ fruchtbaren Boden zu bieten. Seit wir unseren kleinen Waldsee in Form eines Smartphones mit uns herumtragen, ist das Problem förmlich explodiert.“

(aus Gabriel Zuchtriegel „Pompejis letzter Sommer“, S.140)

Ein echtes Glanzlicht war diesen Monat definitiv das Buch von Judi Dench und Brendan O’Hea über Shakespeare – The Man who Pays the Rent. Dabei sein zu dürfen, wie die große Schauspielerin ihre private Schatzkammer des Wissens über Shakespeare und seine Werke sowie zu persönlichen Anekdoten aus dem reichen Theaterleben öffnet, ist Privileg und höchst unterhaltsamer Genuss.

Für den Lesekreis habe ich Stefanie Gerholds Roman „Das Lächeln der Königin“ über die Entdeckung und Geschichte der Nofretete und über den Mann, der ihren Fund finanzierte, ermöglichte und sie nach Berlin holte, ein zweites Mal gelesen. Und auch wenn der Wow-Effekt naturgemäß natürlich nicht so groß war wie bei der ersten Lektüre, doch auch noch einmal gerne.

In „Die Medici-Morde“ verwebt David Hewson die Geschichte der Medici mit einem fiktiven Kriminalfall in den dunklen Gassen Venedigs zur Zeit des Karnevals. An die „Garten der Engel“, den ich grandios fand, kommt dieser Krimi meinem Dafürhalten zwar nicht heran, aber ein bisschen venezianische Lagunenluft und Serenissima-Flair lässt er die Leserschaft auf jeden Fall schnuppern.

Der Roman „Dienstmädchen für ein Jahr“ der Norwegerin Sigrid Boo, der bereits 1930 erschienen ist, kommt so herzerfrischend keck, frech und modern daher, dass die Lektüre wirklich Laune macht. Wie sich das Mädchen aus reichem Hause aufgrund einer Wette für ein Jahr als Dienstmädchen verdingt und auf diese Weise unbezahlbare Lebenserfahrung sammelt, ist eine frische, zeitlose und humorvolle Geschichte, die durchaus auch selbstbewusst-feministisch daherkommt:

„Waren junge Mädchen jemals so arglos und unschuldsrein von Gemüt, wie sie in Romanen aus alten Tagen dargestellt werden, oder werden sie so dargestellt, weil die Romane in der Regel von Männern geschrieben worden sind? Und was wissen Männer denn über die unglaubliche List, mit der selbst die besten jungen Mädchen ausgerüstet sind? Im Grunde nichts. In diesem Punkt – wie in vielen anderen – haben sie sich immer schon an der Nase herumführen lassen.“

(aus Sigrid Boo „Dienstmädchen für ein Jahr“, S.66)

Schon eine Weile im Regal stand bei mir Franziska Augsteins Biografie von „Winston Churchill“, die mir seinerzeit auf der Sachbuchbestenliste des Deutschlandfunks in Auge gestochen war. Mit mehr als 500 Seiten ein ziemlicher Schmöker, aber ein wirklich lesenswerter und kurzweiliger, der mich bei der Lektüre nicht nur gefesselt, sondern mir auch wirklich neue Aspekte und Perspektiven auf Winston Churchill und die britische Geschichte und eröffnet hat. Daher bin ich froh, mich jetzt endlich doch heran getraut zu haben.

Mit Magdalena Saigers „Am Wasser das Haus“ bin ich literarisch an einen ganz besonderen Ort zurückgekehrt, dem ich bereits hier auf dem Blog einen Beitrag gewidmet hatte: die Liebermann-Villa am Wannsee. In poetischer, schwebender Sprache erzählt die Autorin vom Zauber dieses Ortes und aus der wechselvollen Geschichte des Hauses und seiner Bewohner.

Und endlich habe ich es auch geschafft, das Buch zur großen Hannah Arendt-Ausstellung zu lesen, die ich damals im Deutschen Historischen Museum leider nicht gesehen habe, d.h. von Dorlis Blume, Monika Boll, Raphael Gross (Hg.) „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“. Fotografien, Essays und kurze Abhandlungen zu verschiedenen Themen von renommierten WissenschaftlerInnen und AutorInnen, die sich mit diversen Aspekten aus Hannah Arendts Leben und Werk befasst haben – absolut lesenswert.

Was bringt der Februar?

Geplant ist ein Lesungsbesuch bzw. der „Valentinaden“ mit Lisa Gusel und Ludwig Bichlmaier im Landshuter Salzstadl und für den Lesekreis werde ich zum ersten Mal ein Buch von Richard Ford lesen:„Kanada“.

Und was der Februar sonst noch bringen wird, wird sich zeigen…

Auf jeden Fall wünsche ich allen einen schönen, kürzesten Monat des Jahres und hoffe, Ihr könnt diesen mit schönen kulturellen Erlebnissen, Ruhe, Muße und inspirierenden Lektüren füllen!

Zudem kann es wohl auch nicht schaden, sich den Ratschlag von Mascha Kaléko aus ihrem Gedicht „Rezept“ immer wieder ins Gedächtnis zu rufen:

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im großen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.“

(Ausschnitt aus Mascha Kalékos Gedicht „Rezept“)

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Januar:
Zum ersten Mal gebacken wurden Korvapuustit – finnische „Ohrfeigen“, die man sich als gelungene Kombination aus Franzbrötchen und Zimtschnecken jedoch wirklich gerne gefallen und munden lässt.

Musikalisches im Januar:
Dank der Strauss’-Operette „Eine Nacht in Venedig“ habe ich den Fasching oder besser Karneval in Venedig bereits im Januar erleben dürfen: „Alle maskiert“ – und ein Stück, in dem ein Makkaroni-Koch namens Pappacoda eine Hauptrolle spielt war natürlich ganz nach meinem Geschmack.

Schneeflocken schauen
wie wilde Wolkentänzer
wuseliges Weiß

© Kulturbowle 2026

In Winterfarben
mit kristallinem Glitzern
sanftblauer Himmel

© Kulturbowle 2026

Für einen Moment
versinken und genießen
die Zeit vergessen

© Kulturbowle 2026

4 Kommentare zu „Januarbowle 2026 – Frostnächte und Wolkentänzer

    1. Dankeschön, Nina! Ja, die ruhige Zeit am Monatsbeginn hat sich in der Bücher-Ausbeute bzw. Lektüreliste klar bemerkbar gemacht. 🙂
      Die Februar-Liste wir wie der Monat selbst sicherlich kürzer ausfallen.
      Und bei der Churchill-Biographie hat sich wieder mal bewahrheitet, dass ich gar nicht so lange hätte warten sollen… die liest sich nämlich wirklich sehr, sehr flüssig.
      Herzliche Sonntagsgrüße! Barbara

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  1. Vielen Dank für die freundliche Erwähnung. Ja, „Die Kolonie“ ist ein wunderbarer Roman, mich hat vor allem der Schluss sehr mitgenommen. Das Weidermann-Buch habe ich kürzlich bei meinem Bibliotheksbesuch mitgenommen, und „Die Halbinsel“ war meine letzte Quartalsbestellung bei der Büchergilde. Freue mich auf beide Bücher. Ich hoffe, dass sich bald der Frühling sehen lässt. Ich bin ein Winter-Freund, aber ich brauche langsam wieder etwas Grün um mich herum. Viele Grüße

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    1. Sehr gerne, liebe Constanze. Da ich es nicht schaffe, alles zu rezensieren, freue ich mich immer, wenn ich bei sehr guten Büchern eine schöne Besprechung verlinken kann. Ich habe „Halbinsel“ auch von der Büchergilde – die Ausgabe finde ich sehr, sehr gelungen bzw. wunderschön – eine Augenweide. Und beim Frühling kann ich mich nur anschließen, ich wäre definitiv so weit und bereit dafür, die Wettervorhersagen sehen das leider aktuell noch anders. Also doch mit Buch auf die Couch… herzliche Sonntagsgrüße aus dem niederbayerischen Wintergrau! Barbara

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