Augustbowle 2022 – Dauersonne und Spätsommermuße

Sommersonne satt, leider viel zu wenig Regen für die dürstende Natur und laue Abende zum draußen sitzen – all das war der August. Zudem noch einmal Muße für ausgedehnte Lektüren und Musikgenuss.

Der August war für mich ein Opernmonat:
So gab es auf 3Sat die diesjährige Neuinszenierung von Giacomo Puccini’s „Madame Butterfly“ auf der Bregenzer Seebühne (noch bis zum 13.09.22 in der 3Sat Mediathek verfügbar), die auf einem großen weißen Blatt Papier eindrucksvolle Bilder entstehen ließ.

Hochinteressant und sehr gelungen fand ich auch die Barrie Kosky-Neuinszenierung von Leos Janáceks Oper „Káta Kabanová“ aus der Salzburger Felsenreitschule (noch bis zum 20.09.22 in der 3Sat Mediathek verfügbar) – eine für mich neue Oper, die ich vorher noch nie gesehen oder gehört hatte. Sowohl die Inszenierung aber vor allem auch die Sopranistin Corinne Winters in der Titelrolle haben mich wirklich fasziniert.

Zudem habe ich im August meinen zweiten Bloggeburtstag gefeiert – mit einer herrlichen Melonenbowle. Über Eure Glückwünsche, Kommentare und Likes habe ich mich sehr gefreut. Dankeschön!

Lektüretechnisch war der August wieder sehr ergiebig und vielseitig:
Mit Ilinca Florian’s gefühlvollem Roman „Bleib, solang du willst“ durfte ich eine für mich neue Autorin kennenlernen, die eine sehr berührende Geschichte über zwei Schwestern und auch darüber geschrieben hat, was es bedeutet alleinerziehend zu sein.

Noch einmal an die Ostsee und zu einem interessanten Kapitel der Geschichte entführte mich Karin Kalisa’s Roman „Fischers Frau“. Bisher hatte ich noch nichts über die Pommerschen Fischerteppiche gehört, welche die Fischer ursprünglich während eines Fischereiverbots in den späten Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vor der Arbeitslosigkeit bewahren sollten und später als Kunsthandwerk fortgeführt wurden. Ein toller Stoff, raffiniert umgesetzt, zudem spannend, aufschlussreich und sehr kurzweilig zu lesen!

Eine große Familiensaga über mehrere Generationen hinweg aus dem österreichischen Mühlviertel erzählt Judith W. Taschler in ihrem Roman „Über Carl reden wir morgen“. Ein richtiger Schmöker, der sich gut liest und ein großes Geschichts- und Familienpanorama auffächert, das vielleicht noch nicht einmal auserzählt ist – für Fans von opulenten Familienromanen eine gute Wahl!

August ist Festspiel- und Krimizeit in Salzburg: Manfred Baumann hat mittlerweile seinen zehnten Band mit Kommissar Merana vorgelegt: „Salzburgrache“ – ein etwas düsterer Jubiläumsfall, der dieses Mal vor allem auf der Festung Hohensalzburg und auf weiteren Burgen in der Umgebung spielt.

Einen weiteren – wenn auch völlig andersartigen – Krimi bekam ich mit Andreas Storm’s Debüt „Das neunte Gemälde“ vor die Lesebrille. Ein temporeicher, vielschichtiger Kunstkrimi nahezu in James Bond-Manier, der den Leser mitnimmt auf einen wilden Ritt zwischen dem besetzten Paris während des zweiten Weltkriegs, dem Bonn der Sechziger Jahre und dem Jahr 2016 auf der Suche nach der wahren Geschichte eines NS-Raubkunst-Gemäldes.

Poetisch, mystisch und rätselhaft – und somit ein unvergessliches und außergewöhnliches Leseerlebnis war für mich Mariette Navarro’s Roman „Über die See. Die Kapitänin eines großen Frachtschiffs gestattet auf offener See ihrer Besatzung von Bord zu gehen, um eine Runde zu schwimmen – ein unerhörter Vorgang, der zur emotionalen Ausnahmesituation wird. Ein Buch fernab des üblichen Mainstreams und daher in meinen Augen besonders interessant.

Und es ging sehr stark weiter mit – wie ich mich schon jetzt beurteilen traue – einem meiner absoluten Leseglanzlichter in diesem Jahr 2022: Annabel Wahba’s Debütroman „Chamäleon“, in welchem die Autorin basierend auf Autobiografischem die Geschichte ihrer ägyptisch-deutschen Familie erzählt. Ein Buch, das mich zutiefst berührt hat, das von der ersten Seite weg bewegt und fasziniert und das man gar nicht mehr weglegen möchte. Die Schwester erzählt am Sterbebett ihres krebskranken Bruders gegen den Tod an – gleich einer modernen Version von Tausendundeine Nacht – und setzt somit ihren Vorfahren, d.h. vor allem den Großeltern und Eltern ein bleibendes Denkmal, schafft eine literarische Erinnerung der Familiengeschichte, die bleiben wird und thematisiert zugleich, was Herkunft, Migration und ein Leben fernab des Geburtslandes bedeutet. Ganz große Leseempfehlung!

Der August war für mich auf jeden Fall ein Monat mit sehr starken Autorinnen, die ich entdecken durfte: So auch die dänische Schriftstellerin Helle Helle mit ihrem Doppelroman „SIE und BOB“, über den ich bald noch näher berichten werde (und zwar hier). Sprachlich hochinteressant und stilistisch außergewöhnlich, erlebt man vermeintlich Alltägliches aus der dänischen Hauptstadt Kopenhagen, das zwischen den Zeilen doch große Gefühle transportiert. Raffiniert!

Nach „Liebe in Zeiten des Hasses“ oder „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ hat mich auch Unda Hörner’s neues Sachbuch „1939 – Exil der Frauen“ sehr fasziniert und in den Bann gezogen. Ein fesselndes, vielschichtiges Kaleidoskop – das in zwölf Kapiteln, die jeweils den Monaten des Jahres 1939 gewidmet sind – vor allem die Lebensschicksale weiblicher Künstlerinnen in den Mittelpunkt stellt. So erfährt man als Leser, wie das dunkle Jahr 1939 die Lebenswege von Frida Kahlo, Else Lasker-Schüler, Simone de Beauvoir oder Helene Weigel – um nur einige wenige Beispiele zu nennen – nachhaltig veränderte. Auch hierzu folgt in Kürze eine ausführliche Besprechung.

Ende August habe ich mich wieder einmal ein wenig in Bayreuth- und Wagner-Lektüre vertieft. So habe ich nach einigen Jahren die beiden Bücher von Herbert Rosendorfer „Bayreuth für Anfänger“ und „Richard Wagner für Fortgeschrittene“ erneut gelesen – eine unterhaltsame Art sich dem Festspielbetrieb und den Werken zu nähern (wohlgemerkt von einem Verfasser, der sich selbst nicht als Wagnerianer bezeichnete).
Thea Dorn’s Krimi „Ringkampf“, der schon länger bei mir im Regal stand und der die Ränke und Intrigen hinter den Kulissen während einer Ring-Inszenierung in der Frankfurter Oper in den Mittelpunkt stellt, war schnell gelesen, wird aber bei mir wohl eher nicht lange nachklingen.

Was bringt der September?

Der reguläre Kulturbetrieb läuft nach den Festspielzeiten und sommerlichen Theaterpausen schön langsam wieder an. Ich freue mich vor allem auf eine besondere Lesung, die pandemiebedingt vom Frühjahr in den Herbst verlegt wurde und jetzt wieder in meinem Kalender steht – ich hoffe, ich kann dieses Mal berichten. Daumen halten!

Zudem habe ich auch wieder zwei musikalische Kulturtips fürs Fernsehen:
Am 10. September um 20.15 Uhr gibt es auf 3Sat die diesjährige „Nabucco“-Inszenierung aus dem Steinbruch St. Margarethen zu sehen.

Und am 17. September um 20.15 Uhr freue ich mich auf einen absoluten Pflichttermin in meinem Kulturjahr – ebenfalls auf 3Sat – mit der traditionellen „Last night of the Proms“ aus der Londoner Royal Albert Hall. Dieses Jahr gibt es für mich auch ein Wiedersehen mit der wunderbaren norwegischen Sopranistin Lise Davidsen, die ich schon live erleben durfte und natürlich mit den üblichen Klassikern (inklusive Publikumschoreografie) zum Ende des Konzerts, die nicht fehlen dürfen.

Dazu freue ich mich auf einen prächtigen Altweibersommer oder Frühherbst – mal sehen, was es werden wird – mit schönen Spaziergängen und tollen Büchern, um stimmungsvoll in einen gemütlichen Leseherbst zu starten.

Und so wünsche ich allen einen gelungenen Start in einen bunten, wunderbaren Kultur- und Bücherherbst! Bleibt gesund und passt auf Euch auf!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight August:

Eine Scheibe gutes Brot mit einem schmackhaften Aufstrich, das ist etwas Wunderbares. Diesen Monat gab es selbst zubereiteten Liptauer Aufstrich (das Rezept findet man hier) auf Sauerteigbrot – würzig, einfach und gut – herrlich zur Brotzeit.

Musikalisches im August:
Meine musikalische Entdeckung diesen Monat war sicherlich „Ethiopia’s Shadow in America“ von der amerikanischen Komponistin Florence Price (1887 – 1953) aus dem Jahr 1932. Schön, dass auf den Klassiksendern im Radio jetzt auch ab und an die Werke weiblicher Komponistinnen ihren Platz bekommen.

„Weisst du, wie das wird?“

(Richard Wagner, Libretto „Götterdämmerung“)

Augustbowle 2021 – Waschküche und Draußenzeit

Statt dem erhofften stabilen Sommerwetter hatte der August viel Waschküche im Programm: viel Regen, hohe Luftfeuchtigkeit und doch bot sich ein wenig mehr „Draußenzeit“ an. So konnte auch die Außengastronomie sich zumindest ab und zu wieder über mehr Gäste freuen, auch wenn die Zahl der richtig lauen Sommerabende dieses Jahr wohl zumindest gefühlt eher einstellig geblieben ist.

Ein wunderschöner Abend, der eigentlich auch für „draußen“ geplant war und dann doch „drinnen“ stattgefunden hat, war der Liederabend von Christian Gerhaher und Gerold Huber im Landshuter Rathausprunksaal – ein besonderer Abend, über den ich schon ausführlich berichtet habe.

Die Salzburger Festspiele standen dieses Jahr unter anderem im Zeichen von Mozart’s Oper „Don Giovanni“, die noch bis zum 05. November 2021 auf ARTE Concert zu sehen ist. Achtung, da kommt so einiges von oben auf die Bühne gekracht… die Neuinszenierung von Romeo Castellucci sorgte durchaus für Diskussionen.

Einen Grund zu Feiern gab es diesen Monat ebenfalls: am 14. August durfte meine Kulturbowle ihren ersten Jahrestag feiern – stilecht mit einer Himbeer-Heidelbeer-Geburtstags-Bowle. Und ich freute mich über die zahlreichen, schönen Rückmeldungen in den Kommentaren. Danke!

Im Haus der bayerischen Geschichte in Regensburg läuft aktuell (vom 23. Juni 2021 bis zum 16. Januar 2022) die bayerische Landesausstellung „Götterdämmerung II – Die letzten Monarchen“. Eine für meinen Geschmack sehr gut gemachte, kurzweilige, informative und interessante Ausstellung, die sich lohnt. Der Museums- und Ausstellungsbesuch hat mir viel Freude gemacht (vielleicht finde ich demnächst noch die Zeit, ausführlicher zu berichten) und die Stadt Regensburg ist sowieso immer einen Ausflug wert.

Der August entpuppte sich dieses Mal als etwas schwächerer Lesemonat für mich. Gerade einmal fünf Bücher habe ich gelesen. Auch hier merkt man, dass es diesen Monat möglich war, mehr Zeit draußen und mit anderen Aktivitäten zu verbringen.
Die fünf Bücher, welche es in meinen August geschafft haben, waren aber allesamt lesenswert:
Einen herrlich britischen Krimischmöker, der mir das regnerische Wetter auf der Couch mit Tee erträglich machte, war Susan Hill’s „Schattenrisse“. Der erste Fall von Inspektor Serrailler im Kathedralenstädtchen Lafferton überzeugte mich mit stimmigen Figuren, einer durchdacht erzählten Geschichte und konnte mich zugleich mit einer unerwarteten Wendung überraschen.

Für eine Theaterbegeisterte wie mich war Klaus Pohl’s Roman „Sein oder Nichtsein“, der jetzt endlich auch einen Verlag gefunden hat und als Buch erschienen ist, ein ganz besonderes Leseerlebnis. Der Blick hinter die Kulissen der „Hamlet“-Inszenierung von Peter Zadek aus dem Jahr 1999, der zugleich tief in die Seelen der beteiligten Schauspieler blicken lässt, ist ein Fest für alle, die Literatur und Theater lieben. Dass das „literarische Quartett“ den Roman ebenso positiv besprochen hat, wie ich in meiner Rezension (bereits ein paar Tage zuvor), freut mich daher sehr.

Schon bald werde ich auch ausführlich über Clare Chambers „Kleine Freuden“ berichten. Ein charmanter und liebenswürdiger Roman aus Großbritannien, der über eine Journalistin im London der 50er Jahre erzählt, die recherchiert, ob es tatsächlich einen Fall unbefleckter Empfängnis gegeben hat. Was das werden soll? Lasst Euch überraschen.

Die literarische Bewegung der Harlem Renaissance erfährt derzeit ebenfalls wieder eine Renaissance. Mit Wallace Thurman’s „The Blacker the Berry“ habe ich eines der wichtigsten Werke und einen Schlüsselroman dieser Strömung aus dem Jahr 1929 gelesen, der jetzt in einer deutschen Erstausgabe vorliegt. Ein intensives, schmerzhaftes und ungemein wichtiges Buch über Diskriminierung, Rassismus und Ausgrenzung.

Last but not least: Uwe Wittstock „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ – ein großartiges Sachbuch über diesen entscheidenden, einschneidenden und dunklen Monat in der deutschen Geschichte, der so viele Literaten und Schriftsteller gezwungen hat, ihre Heimat zu verlassen und sich ins Exil zu begeben. Wenige Tage voller dramatischer Veränderungen, die der Autor konzentriert und dicht für den Leser auffächert und einordnet.

Was bringt der September?
Die neue Spielzeit am Landestheater Niederbayern geht los und ich freue mich schon riesig auf die erste Premiere des Schauspielensembles: „The King’s Speech“. Ein Stück, das sicherlich mit großen Rollen fantastische Möglichkeiten gibt, zu brillieren und da ich schon den Film sehr mochte, bin ich sehr neugierig und voller Vorfreude auf die Liveversion im Theater.

Ein bereits liebgewordene Tradition im September ist auch die Übertragung der „Last Night of the Proms“ aus der Royal Albert Hall in London: dieses Jahr auf 3Sat zu sehen am Samstag, den 11. September 2021 um 22.15 Uhr oder ab 20.00 Uhr bereits in voller Länge live im Radio zu hören bei NDR Kultur.

Am Freitag, den 17. September 2021 um 19.00 Uhr überträgt die Bayerische Staatsoper kostenfrei per Livestream „Oper für alle: Konzert für Bayern“ vom Karlsplatz in Ansbach mit Jonas Kaufmann und Ekaterina Semenchuk – ein buntes Programm aus Mittelfranken unter der musikalischen Leitung des neuen Generalmusikdirektors Vladimir Jurowski.

Viele Bloggerkollegen haben in den letzten Wochen eine Sommerpause eingelegt oder waren im Urlaub und kehren jetzt schön langsam wieder ins Geschehen zurück. Auch meine Monatsbowle ist im August (vermutlich auch aufgrund der geringeren Lektüre) ein wenig kürzer als sonst ausgefallen – vielleicht ist das meine reduzierte Form der Sommerpause.

Aber einige fotografische Sommerimpressionen aus diesem Monat möchte ich natürlich – wie mittlerweile üblich – noch mit Euch teilen.

In Niederbayern herbstelt es in den letzten Tagen schon deutlich, aber auf einen schönen Altweibersommer darf man ja vielleicht noch hoffen. So wünsche ich allen einen guten Start in den September und falls der Sommer nicht noch einmal zurückkehren will, eben gleich einen schönen Herbst!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight August:
Ein Höhepunkt im August war sicherlich die Himbeer-Heidelbeerbowle zur Feier meines einjährigen Blogjubiläums. Frische Beeren, Wein, prickelnder Sekt, gute Laune und dazu die zahlreichen Gratulationen und freundlichen Kommentare meiner Leser haben mich sehr gefreut. So geht man motiviert ins zweite Bloggerjahr.

Musikalisches im August:
Auch wenn ich den Film dieses Mal nicht in voller Länge gesehen habe: die „Blues Brothers“ liefen im August ebenfalls wieder mal im Fernsehen. Musik, die mich schon lange begleitet und spätestens seit einer genialen Inszenierung der Musicalversion meines Heimattheaters in der Spielzeit 2018/2019 wieder mit unsterblichen Ohrwürmern wie „Everybody needs somebody to love“, „Gimme some lovin“, „Think“ und so weiter und so weiter… stets gut gelaunt werden lässt.

„All the world’s a stage,
And all the men and women merely players;
They have their exits and their entrances;
And one man in his time plays many parts…“

(William Shakespeare, „As you like it“)

Augustbowle 2020 – Reisen durch Bücher

Ein außergewöhnlicher August geht zu Ende – ein weiterer merkwürdiger Monat in einem Jahr, das aus der Reihe fällt und uns alle vor neue Fragen, Sorgen, Herausforderungen und Entscheidungen gestellt hat. Viele Blogger pflegen das Ritual des monatlichen Rückblicks und des „Revue passieren-Lassens“. Meine Kulturbowle ist noch jung – noch nicht mal einen Monat alt, aber ich versuche mich einfach mal an einem „halben“ Monatsrückblick, da ich am 14. August meinen Blog im Netz gestartet habe. Ob sich dieses monatliche Format bei mir regelmäßig etablieren wird, wird wie so vieles die Zeit zeigen.

Eine der Entscheidungen, welche die Corona-Pandemie uns abverlangt hat, war die Frage nach dem Sommerurlaub: Verreisen – ja oder nein? Ich habe mich für ein Nein zum Reisen und im Gegenzug für ein Ja zu diesem Blog entschieden. Die Idee, die Umsetzung und der Start fallen in meine Urlaubszeit – die Kulturbowle ist mein Sommer- bzw. Urlaubsprojekt 2020.

Und somit habe ich mein ganz persönliches, neues Abenteuer begonnen und ich habe mich vor allem auch in meiner Lektüre auf Reisen begeben. Schon seit meiner Kindheit liebe ich es, mich durch das Lesen von Büchern in andere Länder, Städte, andere Zeiten und andere Milieus entführen zu lassen. Reisen im Kopf, in der Fantasie – das ist die Macht der Bücher, die dies vermag und die mich immer wieder aufs Neue fasziniert, wenn ich abtauche in ein neues Buch, eine andere Welt.

„Wenn ein Kind lesen gelernt hat und gerne liest, entdeckt und erobert es eine zweite Welt, das Reich der Buchstaben. Das Land des Lesens ist ein geheimnisvoller, unendlicher Erdteil.“

(Erich Kästner, aus „Als ich ein kleiner Junge war“)

Wohin führte mich meine Buchauswahl im August bzw. seit Mitte des Monats? Zunächst ins wunderbare Salzburg, die Stadt der Nockerl und der Kugeln und die Stadt Mozarts und der Musik. So habe ich mich inspiriert durch die tolle „Così fan tutte“ der diesjährigen Festspiele, mit Vergnügen in die Lektüre von Rolando Villazóns „Amadeus auf dem Fahrrad“ gestürzt und wurde nicht enttäuscht. Dass der Opernsänger auch einen kurzweiligen und amüsanten Roman schreiben kann, der mit viel Augenzwinkern und südlichem Temperament verfasst ist, hat er für mich klar unter Beweis gestellt. Eine schöne, leichte Sommerlektüre, die vor allem das Warten auf die nächste Theatersaison und Besuche von Live-Veranstaltungen ein wenig verkürzen konnte.

Danach fand ich mich dann mit Robert Seethalers neuem Roman „Der letzte Satz“, der kurz danach auch den Weg auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2020 gefunden hat, auf einem Ozeandampfer wieder und begleitete den todkranken Komponisten Gustav Mahler auf seiner letzten Reise über den Atlantik nach Hause. Wellenrauschen und Seeluft inklusive. Obwohl der Roman in Bloggerkreisen durchaus kontrovers beurteilt wird, ist er für mich ein wunderbares Stück Literatur und hat meinen Nerv definitiv getroffen. Für mich das richtige Buch zur richtigen Zeit und sowohl sprachlich als auch thematisch (Musik, Kunst und Kultur) genau meine Wellenlänge.

Ohne mich danach lange in ein Flugzeug setzen zu müssen, reiste ich danach sofort zurück nach New York und verschlang in relativ kurzer Zeit die 496 Seiten von Elizabeth Gilberts „City of Girls“. Vierziger Jahre im Big Apple, eine bunt gewürfelte Theatertruppe und eine junge Frau, die sich zunächst im schillernden Nachtleben der Stadt austobt, um dann schmerzlich festzustellen, was wirklich wichtig ist im Leben. Ein leichtfüßiger Schmöker, der sich süffig liest und mich aufgrund der Schilderung des Theaterlebens (vor und hinter der Bühne) und der warmherzig gezeichneten Figuren sehr gut unterhalten hat.

August ist Poznanski-Jugendbuch-Zeit und im neu erschienenen „Cryptos“ nimmt die österreichische Autorin ihre Leser mit auf einen wilden Ritt durch Raum und Zeit und in eine Vielzahl unterschiedlichster Welten. Wenn man mal zu lesen anfängt, kann man das Buch schwer wieder weglegen, daher ist die Urlaubszeit hierfür ideal. Für mich interessant war vor allem, wie Ursula Poznanski das Thema Klimakatastrophe anpackt, für junge Leser greifbar macht und wie sie hier die sich bereits abzeichnenden Entwicklungen und Probleme gedanklich weiterspinnt.

Bella Italia und in diesem Falle Venedig war das nächste Ziel meiner August-Lesereise. Der Roman „Margherita“ zeichnet die Lebensgeschichte der Großmutter des Ehemanns der Autorin Jana Revedin nach und macht sie somit literarisch unsterblich. Ihre Geschichte liest sich wie ein wahr gewordenes Märchen und so trifft Margherita, die als einfache Zeitungsverkäuferin einen einflussreichen Adeligen heiratet, in Paris und später in Venedig auf alle künstlerischen Größen ihrer Zeit: Pablo Picasso, Coco Chanel, Giacometti, Poulenc. Die schillernde Persönlichkeit Peggy Guggenheim wird zu einer ihrer engsten Freundinnen. Ein atmosphärisches Buch, das einen wirklich in die engen Gassen und Kanäle der Serenissima versetzt.

Da Deutschland als Reiseziel dieses Jahr ja besonders beliebt ist, stand dann auch noch die Insel Sylt auf meinem Leseplan. Susanne Matthiessen hat mit „Ozelot und Friesennerz“ ihrer Heimat und ihren Sylter Mitbürgern ein ganz persönliches Buch gewidmet, das sich witzig, bissig und kritisch mit der Entwicklung und Geschichte der Insel auseinandersetzt. Im Zusammenspiel mit ihrer Familiengeschichte und der Schilderung ihrer eigenen Kindheit als gebürtiger Sylterin im florierenden Pelzgeschäft ihrer Eltern, fächert sie ein buntes Bild der wilden Siebziger Jahre auf der Insel und in der Bundesrepublik auf und erzählt mit gewisser Wehmut von Einheimischen und Gästen und der Insel im Wandel der Zeit.

Die letzte Station meiner Reise führte mich noch in den hohen Norden ins wunderschöne Norwegen – genau genommen ins Gudbrandsdal. Lars Myttings „Die Glocke im See“ hat mich als stimmungsvoller und stiller Roman mit seiner Ruhe und Kraft tief beeindruckt und war ein absolut würdiger Abschluss meiner Reise durch Bücher – meiner Lesereise „im Kopf“. Die ausführliche Rezension folgt hier im Blog in Kürze.

Aufgrund der Urlaubs- und daher verfügbaren Lesezeit ist für einen halben Monat doch einiges zusammengekommen und mit Lesen, Bloggen und Reisen in der Fantasie, hatte ich auch keine Zeit, eine wirkliche Reise zu vermissen.
Wenn für den Einen oder Anderen ein attraktives Reiseziel bzw. eine lohnende und lockende Lektüre dabei ist, freut es mich, denn mir hat dieser Lesemonat August und der Auftakt zur „Kulturbowle“ großen Spaß gemacht.

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight August:
Natürlich die „Kulturbowle“ bzw. Erdbeerbowle, die speziell für das Fotoshooting der Bilder für die Website mit viel Liebe zubereitet wurde und dann in kleiner, gemütlicher Runde genossen wurde.

Musikalisches im August:
Viel Wagner und der „Ring des Nibelungen“ dank der öffentlichen Streaming-Angebote von 3sat und ARD Alpha und als Trost für die entfallenen Bayreuther Festspiele. Und natürlich die schöne „Così fan tutte“ und auch die „Elektra“ von den Salzburger Festspielen im Fernsehen zu Hause auf meiner Couch.

Für weiteren literarischen Genuss:
Passend zum oben verwendeten Zitat, kann ich das folgende, wunderbare Buch von Erich Kästner empfehlen – er berührt mich immer wieder und spricht mir aus der Seele:

Erich Kästner, Als ich ein kleiner Junge war
Atrium
ISBN: 978-3038820031