Im Kabarett

1933 veröffentlicht die junge, aufstrebende Schauspielerin und Schriftstellerin Lili Grün ihr Romandebüt, das damals den Titel „Herz über Bord“ trug. Der Roman, der unter anderem auf ihren eigenen Erfahrungen im Berliner Kabarett-Ensemble „Die Brücke“ basiert, wird zunächst gefeiert, gerät dann aber – auch nach der Ermordung der jüdischen Autorin 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez – für lange Zeit in Vergessenheit. 2009 erschien er im AvivA Verlag erneut unter dem neuen Titel „Alles ist Jazz“.

Es sind die frühen Dreißiger Jahre in Berlin. Die Leute leiden unter der Wirtschaftskrise, der Arbeitslosigkeit und häufig auch an Hunger. Gerade für junge Künstler gibt es kaum Verdienstmöglichkeiten und meist halten sie sich mit kleinen Aushilfsjobs mehr schlecht als recht über Wasser.

„In der Zeitung steht Arbeitslosigkeit in Amerika, Arbeitslosigkeit in der ganzen Welt. Es steht wenig Trost in den Zeitungen für solche Ellis, nichts steht da von Jugend, Anmut, Talent und Karrieremachen.“

(S.28)

Auch die Wiener Nachwuchsschauspielerin Elli möchte ihr Glück in Berlin suchen und dort Karriere machen, doch die Realität ist ernüchternd. Kein Engagement, keine Auftritte und bei der Vermieterin ihres Zimmers ist sie ständig mit der Miete im Rückstand. Doch den Traum von einer Bühnenkarriere möchte sie nicht aufgeben, auch wenn ihr Freund Robert ständig versucht, ihr die Flausen auszutreiben. Für ihn sind dies unrealistische, brotlose Hirngespinste, die ihr niemals einen ausreichenden Lebensunterhalt sichern werden.

„Robert fragt sie nicht nach den Proben, fragt nicht, wie die Arbeit vorwärts geht. Diese Arbeit, diese Proben, die jetzt Ellis ganzes Glück, ihr ganzes Leben sind. (…) Und so sitzt Elli, mit übervollem Herzen, überwachen Nerven bei Robert, der jetzt der Mensch in ihrem Leben ist, und mit dem sie nicht über das sprechen kann, was jetzt ihr Leben ausmacht.“

(S.67)

Elli leidet darunter, dass Robert sie nicht ernst nimmt, sich nicht für ihren Beruf interessiert. Er behandelt sie wie ein Kind und dennoch kann Elli irgendwie auch nicht ohne ihn.
Doch auch als sie ihr Schicksal schließlich gemeinsam mit ein paar Freundinnen und Freunden selbst in die Hand nimmt und ein eigenes Kabarett mit dem Namen „JAZZ“ gründet, stößt sie bei ihm nur auf Unverständnis.

„Gott sei Dank, jetzt ist es da, das Lampenfieber. Es kribbelt am ganzen Körper, zwickt im Magen, saust in den Ohren, brennt in den Händen, rattert im Herzen. Jetzt ist sie wieder am Leben.“

(S.136)

Sie stürzt sich mit ihren KollegInnen mit Haut und Haar in die kreative Arbeit: Stücke schreiben, ein Programm entwerfen, Requisiten und Kostüme organisieren, proben, die Werbetrommel rühren… sie geht im künstlerischen Schaffensprozess völlig auf. Für kurze Zeit lebt sie ihren Traum.

„Am 10. Januar stehen die Notizen in den Berliner Tagesblättern, die Namen aller Mitwirkenden sind säuberlich aufgezählt… das wirkt wie Brom auf die erregten Gemüter. Bis 13. Januar herrscht Eintracht und Ruhe. Am 14. ist Generalprobe und Krach! Die Frauen weinen, die Männer toben, der Gastwirt ist grob, das Ensemble will sich auflösen. Am 15. ist endlich Premiere.“

(S.68/69)

Die Premiere wird ein Erfolg, doch die Umstände, Sorgen und Nöte der Ensemblemitglieder lassen sich nicht so einfach wegzaubern. Denn weiterhin bestimmen Geldsorgen, Mangel und Krankheit den Alltag.

„Alles ist Jazz“ ist ein erfrischender, lebendiger Künstler- und Berlinroman, der auch knapp 90 Jahre nach seinem Erscheinen geradezu modern und zeitlos anmutet. Da ist die flirrende Magie der Künstlerszene auf der einen und da sind die gesellschaftlichen Probleme und Missstände auf der anderen Seite. Denn es werden nicht nur die grenzenlose Faszination des schon fast rauschhaften künstlerischen Schaffensprozesses, sondern auch die Schattenseiten der oft prekären Existenz gleichermaßen thematisiert.

Der Roman liest sich sehr schwungvoll und flott und reißt einen auch durch die teils überspitzten Formulierungen sofort mit. Man spaziert mit Elli durch das pulsierende Berlin, hört das Kaffeegeschirr im ‚Romanischen Café‘ klappern und stärkt sich mit einer einfachen Mahlzeit und anregenden Diskussionen in der ‚Lunte‘. Man schüttelt den Kopf darüber, was Elli nur an dem meist nörgelnden und unsensiblen Robert findet, der in ihr doch nur das süße, kleine Mädel sehen will, und man möchte ihr am liebsten die fehlende nächste Monatsmiete selbst vorstrecken. Arbeitslosigkeit, Armut, Tuberkulose, politische Auseinandersetzungen – das Leben in Berlin zu dieser Zeit wird nicht glorifiziert.

Das umfangreiche Nachwort der Herausgeberin Anke Heimberg gibt wertvolle zusätzliche Informationen zur Autorin und ihrer Vita, aber auch zu den zeitlichen Hintergründen im künstlerischen Berlin der Dreißiger Jahre.
„Alles ist Jazz“ ist knackig, flapsig, kess und amüsant und hat doch auch seine sehr tiefgründigen, traurigen Momente. Schön, dass Lili Grüns Werk durch die Wieder- und Neuauflage im AvivA Verlag wieder und weiterhin verfügbar ist und somit im Gespräch und lebendig bleibt.

Eine weitere Besprechung findet man auf Schiefgelesen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim AvivA Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Lili Grün, Alles ist Jazz
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
AvivA Verlag
ISBN: 978-3-949302-12-1

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Lili Grüns „Alles ist Jazz“:

Für den Gaumen:
Elli und ihre KünstlerkollegInnen sind meistens schlecht bei Kasse, daher ist die Verpflegung meist eher dürftig. Oft wird gehungert oder es gibt einfache Gerichte wie „Linsensuppe“ oder „neue Kartoffeln mit saurer Sahne“ (S.142), die dann aber dennoch wahre Wunder bewirken können:

„Das ganze Leben hat jetzt einen freundlichen und heiteren Beigeschmack bekommen und riecht nach Linsensuppe mit heißen Würstchen und Zuversicht.“

(S.17)

Zum Weiterhören oder für einen Musicalbesuch:
Schon beim Titel „Alles ist Jazz“ schwirrte mir die ganze Zeit der Ohrwurm aus aus dem Musical Chicago (Uraufführung 1975) durch den Kopf – der Song „All that Jazz“ – nicht nur bekannt aus dem Film mit Catherine Zeta-Jones und Renée Zellweger aus dem Jahr 2002 , sondern auch in der Version von Liza Minnelli aus den Siebziger Jahren.

Zum Weiterlesen (I):
Auf meinem Lesestapel schlummert immer noch die illustrierte Büchergilde-Ausgabe des Klassikers „Leb wohl, Berlin“ von Christopher Isherwood, basierend auf dessen Vorlage später das Musical „Cabaret“ entstanden ist. Und ich habe wieder einen Wink bekommen, es jetzt endlich mal zu lesen. Isherwoods Berlin-Roman erschien 1939 – also sechs Jahre nach Lili Grüns Roman „Herz über Bord“ bzw. „Alles ist Jazz“.

Christopher Isherwood, Leb wohl Berlin
Übersetzt von Kathrin Passig und Gerhard Henschel
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 978-3-7632-6918-1

Zum Weiterlesen (II):
Letzten Monat habe ich hier auf der Kulturbowle Lili Grüns Roman „Zum Theater!“ vorgestellt, der mir ein solches Lesevergnügen bereitet hat, dass ich gleich im Werk der Autorin weiterschmökern wollte. Die Geschichte über Loni Holl, die in einer tschechischen Kleinstadt ihr erstes Engagement an einem kleinen Theater bekommt, ist spritzig und amüsant zu lesen:

Lili Grün, Zum Theater!
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
AvivA Verlag
ISBN: 978-3-932338-47-2

4 Kommentare zu „Im Kabarett

  1. Ein Buch kann ja nur toll sein, wenn es einen inspiriert, der Heldin selbst die Miete vorzustrecken 🙂 wie schön, und wie lange schon habe ich das Wort „kess“ nicht mehr gelesen. Es fühlt sich beinahe veraltet und doch so verheißungsvoll und fröhlich an. Bei mir gibt es so viel Rückstau gerade, dass ich neben der Arbeit kaum hinterher komme, aber dieses Buch … ich packe es mal auf die Liste. Mascha Kaleko habe ich ja auch viel zu wenig gelesen. Vielen Dank für den Lesebericht!

    Gefällt 1 Person

    1. 🙂 Ja, ich habe eine Schwäche für die Literatur der Zwanziger und Dreißiger Jahre, eine große Schwäche für Theater und Bühne, finde Berlin als Stadt und geschichtsträchtigen Ort sehr interessant und finde es toll, Bücher weiblicher Autorinnen zu entdecken, die bisher zu sehr im Schatten standen… daher war für mich Lili Grün wirklich eine wunderbare Entdeckung… und Mascha Kaleko mag ich auch sehr.
      Ihr Gedicht „Sozusagen grundlos vergnügt“ gehört zu meinen absoluten Lieblingsgedichten… und das könnte man auch als kess bezeichnen. 😉

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