Schwesternklang

Blut ist dicker als Wasser und kaum ein Verhältnis kann so intensiv und doch auch spannungsvoll sein wie das zwischen zwei Schwestern. Ilinca Florian hat mit „Bleib, solang du willst“ einen melodiösen, intensiven und bewegenden Roman über zwei Schwestern geschrieben, bei dem Freude und Schmerz nahe beieinander liegen. Große Gefühle und zwei starke, kristallklare Frauenportraits auf nicht einmal 200 Seiten – ein Buch, das gerade durch die Konzentration auf das Wesentliche besticht.

„Sie nahm mich in den Arm und hörte eine Weile nicht damit auf. Das tat gut, gab mir Zeit. Ich wollte nicht in Tränen ausbrechen. Charlotte löste die Umarmung, sah mich an und sagte: „Bleib, solang du willst.“

(S.24)

Charlotte – oder Lotte – ist die Ältere, Vernünftige, Pragmatische und Zupackende der Beiden. Sie steht mit beiden Beinen fest im Leben, hat einen gut bezahlten, aber fordernden Job in einer Berliner Unternehmensberatung. Zeit für eine ernsthafte Bindung oder Beziehung nimmt sie sich nicht. Sie füllt ihr Leben mit Big Business, Calls, Meetings und Konferenzen – wohl auch, um nicht so viel nachdenken zu müssen.

Als jedoch ihre jüngere Schwester Martha – Sängerin und der Künstlertyp in der Familie – ihre Hilfe braucht und plötzlich mit ihrem kleinen Sohn Emil vor der Tür steht, ist klar, dass Lotte wieder einmal alles daran setzen wird, zu helfen.
Weimar, ein Leben am Theater und ihren unzuverlässigen, alkoholkranken und fremdgehenden Ehemann hat Martha Knall auf Fall verlassen und sucht nun nach Zuflucht und einem Neustart für sich und ihren Sohn.

„Ich genoss Marthas Anwesenheit in meinem Leben, in meiner Wohnung, ich liebte sie wirklich und wir hatten es oft schön zusammen. Es gab Momente, in denen ich vergaß, dass es über ein Jahrzehnt her war, dass wir unter einem Dach gelebt hatten. Mit ihr konnte ich so albern und leicht sein, und zwar anders, als ich es je mit einer Freundin geschafft hätte.“

(S.35)

Das Zusammenleben mit der Schwester und die Betreuung eines Säuglings krempeln auch Lotte’s Leben gehörig um und schnell wird klar, dass nicht nur Lebenskonzepte und Lebenseinstellungen aufeinanderprallen, sondern auch lange verdrängte Gefühle wieder an die Oberfläche gespült werden. Da fliegen dann auch mal die Fetzen und es werden der Anderen schonungslos auch unangenehme Wahrheiten an den Kopf geworfen.

Und doch kommen sich die Schwestern, die bereits den Tod des Vaters und die Depressionen der Mutter gemeinsam durchstehen mussten, durch die Liebe und Sorge für den kleinen Emil wieder näher. Zwischen Windeln, Weinkrämpfen und einigen Gläsern Wein versuchen die beiden, die Situation gemeinsam zu meistern.

Als Martha einen Job in Lotte’s Firma übernimmt, den ihr die Schwester – ebenso wie einen Kita-Platz – besorgt hat und Lotte immer wieder als Babysitterin einspringt, mischen sich die Welten mehr und mehr. Doch Martha kämpft weiterhin für ihren Traum, von der Musik und ihrem Gesang leben zu können.

Die Autorin Ilinca Florian ist 1983 in Bukarest geboren und lebt seit 2007 – wie ihre Romanfigur Charlotte – in Berlin. Sie hat Theater gespielt und Drehbücher verfasst – man merkt, dass sie ein Gespür für Dialoge sowie starke Bilder und Szenen hat, die sich einprägen.

Die Sprache des Romans hat einen besonderen Klang: sehr heutig, sehr modern, kurze, klare, knackige Sätze. Das macht die Lektüre sehr lebendig und klingt wie direkt aus dem Gedankenstrom der Schwestern gegriffen. Es fühlt sich an, wie das Gespräch mit einer guten Freundin. Man merkt beim Lesen, wie sich die Gedanken der Schwestern oft ohne komplexe Nebensätze gleichsam in knappen, klaren Momenten formen und zum Ausdruck kommen – unmittelbar, direkt. Die Sprache ist schlicht, aber nicht simpel, sondern auf den Punkt und so trifft so mancher Satz direkt ins Herz oder in die Magengrube.

„Martha war mehr als meine Schwester, sie war mein Schatten, mein Echo, ohne sie war mein Ich nur ein halbes Ich.“

(S.16/17)

Ilinca Florian hat in diesem nicht einmal 200 Seiten starken Buch, ein ausdrucksstarkes, präzises Porträt zweier Schwestern und zugleich moderner Frauen geschaffen. Ein Buch über Familienbande, Traumata und Verluste, Bindungsängste, aufgestaute Gefühle und darüber, was es bedeutet, alleinerziehend zu sein. Eine hochaktuelle, gefühlvolle und sehr bewegende Studie der beiden Schwestern, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch – durch ein untrennbares Band verbunden – sich so nahestehen, wie keinem zweiten Menschen im Leben.

„Bleib, solang du willst“ ist ein trauriges, hoch emotionales und sehr berührendes Buch. Ein Buch voller Gewitterwolken, Donner- und Schicksalsschläge, denn wie im richtigen Leben geht leider nicht immer alles gut aus und doch versäumt die Autorin es nicht, der Leserschaft zwischendrin auch kleine Sonnenmomente, Lichtblicke und Hoffnungsschimmer im Dunkel mit auf den Weg zu geben. Ein Buch, das – wie das Leben der beiden Schwestern – eine gewisse Kraft und Stärke erfordert und unter die Haut geht, wenn man sich darauf einlässt.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Karl Rauch Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Ilinca Florian, Bleib, solang du willst
Karl Rauch Verlag
ISBN: 978-3-7920-0275-9

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Ilinca Florian’s „Bleib, solang du willst“:

Für den Gaumen:
Bei einer Party, die Lotte für einige Kollegen organisiert und die letztlich ziemlich eskaliert, spiegelt sich kulinarisch eher ihre Welt:

„Es gab reichlich Rotwein, ich hatte Garnelen besorgt, außerdem Carpaccio mit Pinienkernen und Parmesan zubereitet. Martha hatte das beste Fladenbrot im Kiez gekauft.“

(S.100)

Zum Weiterhören (I):
„Bleib, solang du willst“ ist ein sehr musikalisches, von Musik durchwirktes Buch, mit einem besonderen Sound. Kein Wunder, ist es doch Martha’s größter Traum, ihren Lebensunterhalt mit ihrem Gesang bestreiten zu können. Als Jazzsängerin singt sie bei einem Auftritt bekannte und beliebte Standards wie „Fly me to the moon“ oder „Girl from Ipanema“.

Zum Weiterhören (II):
Martha hat Gesang studiert und schätzt auch die Musik von Martha Argerich:

„Ich musste an die Schallplatte mit ihren Klavierkonzerten denken – Mozart, Beethoven, Chopin -, die ich leider in Weimar gelassen hatte. Die liebte ich.“

(S.47)

Zum Weiterlesen:
Ein ähnlich emotionales und berührendes Buch über Schwestern – in diesem Fall sogar über Zwillinge – und dieses ganz besondere Band zwischen ihnen habe ich letztes Jahr im Herbst gelesen und vorgestellt: Sibylle Schleicher hat in „Die Puppenspielerin“ ebenfalls die richtigen, wunderbaren Worte gefunden, einen schweren Stoff in gefühlvolle Literatur zu verwandeln:

Sibylle Schleicher, Die Puppenspielerin
Kroener
ISBN: 978-3-520-75601-5

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