Sunshine in Stuttgart

Es geschieht vermutlich eher selten, dass man eine Biografie über jemanden liest, den man nicht kennt, von dem man bisher nichts wusste. Doch wie viel Freude eine solche Lektüre machen kann und wie sehr einem der Mensch im Mittelpunkt des Buchs ans Herz wachsen kann, durfte ich bei Susanne Wiedmann’s „Cranko, Haydée – und ich, George Bailey“ erfahren. Ein herzerwärmendes, lichtdurchflutetes und hoffnungsfrohes, gewinnendes Buch, das in leuchtenden Farben das Leben eines besonderen Menschen erzählt.

1944 geboren und aufgewachsen ist George Bailey als Kind einer PoC-Familie in Denver in den Vereinigten Staaten von Amerika. Sein Großvater George Morrison war ein berühmter Musiker und Komponist (sein Flügel steht heute als Erbstück in Bailey’s Wohnung) – die Liebe zur Musik wurde ihm gleichsam in die Wiege gelegt.

Schon früh zieht es den kleinen George ans Klavier, doch auch für Mode kann er sich begeistern. Nach der High School beginnt er in New York am Fashion Institute of Technology zu studieren, verlässt dieses jedoch ohne Abschluss und geht zur Army. Durch Glück und die Beziehungen seines Großvaters entkommt er dem Einsatz im Vietnamkrieg. Stattdessen tourte George Bailey mit dem 7th Army Soldiers Choir als Pianist durch Europa – er kam als Soldat nach Deutschland und blieb.

Nach der Zeit bei der Army und kurzen Zwischenstopps in London und Paris, schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch und arbeitete in einer Heidelberger Jeans-Boutique. Ein Zettel mit einer Telefonnummer sollte 1972 sein Leben verändern: es war die Telefonnummer für ein Klaviervorspiel beim Stuttgarter Ballett. Manchmal sind es die kleinen Momente, die über ein ganzes Leben entscheiden.

John Cranko – der damalige Ballettdirektor entdeckte und engagierte ihn. Er erkannte das Potenzial in ihm und gab ihm den Spitznamen Sunshine, der all das zu beinhalten scheint, was Freunde und Weggefährten an George Bailey schätzen: seine Wärme, seine Ausstrahlung, seinen Optimismus, seine Energie und seine positive Lebenseinstellung.

Zunächst arbeitete er als Korrepetitor des jungen Stuttgarter Ballettensembles – der Noverre-Kompanie – und musste in der ersten Zeit hart arbeiten. Üben, üben, üben und viel lernen, hatte er doch keine klassische Klavierausbildung vorzuweisen wie die meisten seiner Kollegen.

„Ich habe so getan, als ob ich Ahnung hätte, aber ich hatte keine Ahnung. Das Leben ist eine Show. Wir sind alle Spieler auf einer großen Bühne. Da habe ich Korrepetitor gespielt. Zum Glück ist es gut gegangen, und irgendwann bin ich wirklich einer geworden.“

(S.86)

Doch schnell wurde er zum Liebling des Balletts, stieg auf zum Korrepetitor der Haupttruppe. Viele renommierte Künstlerpersönlichkeiten wie John Cranko, John Neumeier und Marcia Haydée arbeiteten am liebsten mit ihm. War er im Probensaal anwesend, herrschte gute Laune, eine herzliche Atmosphäre und die Künstlerinnen und Künstler liebten seine Musik, sein Gespür für das richtige Stück zur richtigen Zeit. Denn schnell entwickelte er das Verständnis für die Bedürfnisse einer Ballettkompanie und wie er die Tänzerinnen und Tänzer musikalisch tragen und am besten unterstützen konnte. So erklang auch immer mal wieder Bobby McFerrin’s „Don’t worry, be happy“ im Training und versüßte den anstrengenden und fordernden Probenalltag des Balletts.

Doch auch sein eigenes Bühnentalent wurde entdeckt und schon bald durfte er auch selbst kleine Nebenrollen in Inszenierungen übernehmen, später sogar selbst choreografieren. Ein reiches, buntes und erfülltes Künstlerleben, das Bailey stets mit seiner positiven Haltung und viel Freude an Kunst und Musik geliebt und genossen hat. Noch heute steht er gerne auf der Bühne – wenn es die Pandemie zulässt. Seine Weihnachtskonzerte waren legendär.

Die Biografie beleuchtet seine Familiengeschichte, seinen Werdegang, seine Lebensumstände und gibt trotz aller Sonne auch den Schattenseiten einen gewissen Raum: Szenen, in welchen er aufgrund seiner Hautfarbe oder sexuellen Orientierung Diskriminierung und Rassismus erleben musste.

Ein großer Fokus liegt aber auch auf dem künstlerischen Schaffen, erfolgreichen Inszenierungen, in welchen er entweder in der Vorbereitung oder teils sogar selbst als Darsteller auf der Bühne mitwirkte. Man bekommt Einblicke in den Probenalltag, blickt hinter die Kulissen des Ballettbetriebs und liest interessiert, wie über so manche Ballettlegende aus dem Nähkästchen geplaudert wird.

So wie George Bailey einen großen Anspruch auf ein gepflegtes Äußeres und gute Kleidung legt, so viel Liebe legt der Kröner Verlag auch stets in die Aufmachung seiner Bücher: die gebundene Halbleinenausgabe mit Lesebändchen ist edel gestaltet und ein Blickfang im Bücherregal.

Susanne Wiedmann, die als Kulturjournalistin für den Südwestfunk arbeitete und nun Redakteurin beim Schwäbischen Tagblatt in Tübingen ist, lässt in ihrer Biografie neben George Bailey selbst, der zudem auf seine persönlichen Tagebücher zurückgreifen konnte, auch viele WeggefährtInnen und KünstlerfreundInnen zu Wort kommen, die deutlich machen, wie beliebt er bei seinen Kolleginnen und Kollegen war. Die Tänzerinnen und Tänzer waren seine Kinder und seine Familie. Die glückliche Beziehung zu seinem Partner und heutigen Ehemann musste Bailey lange Zeit geheim halten und im Verborgenen leben, da sie unter anderem negative Konsequenzen für die berufliche Karriere seines Gatten fürchteten. Selbst vor seiner geliebten Mutter hat er seine Liebe bis zu ihrem 80. Geburtstag geheim gehalten.

Der Blick hinter die Kulissen des Ballettbetriebs, das Berufsbild des Korrepetitors mit seinen vielfältigen Aufgaben – das ist faszinierend zu lesen und ich habe viel Neues erfahren. Ich bin keine Ballettexpertin, viele der Namen sagten mir ehrlich gesagt vor der Lektüre nichts und dennoch hat mich diese Biografie wirklich berührt und sehr für sich eingenommen.
Ballettfans werden an dieser Biografie natürlich ebenso ihre Freude haben, wie Menschen, die sich für inspirierende und bewegende Lebensgeschichten begeistern.

Ein lebensbejahendes Buch voller Sonne und Herzenswärme – das liebenswerte Lebensportrait einer wunderbaren Künstlerpersönlichkeit und eines außergewöhnlichen Menschen. So hat man am Ende der Lektüre Sonne im Herzen – auch wenn es draußen grau und verregnet ist – und das Gefühl, einen besonderen Menschen kennengelernt zu haben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Susanne Wiedmann, Cranko, Haydée – und ich, George Bailey
Kröner
ISBN: 978-3-520-75801-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Susanne Wiedmann’s „Cranko, Haydée – und ich, George Bailey“:

Für den Gaumen:
George Bailey sorgte sich auch stets um das leibliche Wohl der ChoreographInnen, Tänzer und Tänzerinnen und verwöhnte sie mit Nervennahrung und Stärkung in Form von Süßigkeiten oder Petits fours.

Zum Weiterhören (I) oder Weiterschauen:
George Bailey erhielt als Botschafter von Neapel eine aktive Rolle in der Stuttgarter Inszenierung von Tschaikowski’s Ballett „Schwanensee“ – ein Part auf der Bühne, den er 25 Jahre lang verkörperte und mit seiner besonderen Aura ausfüllte.

Zum Weiterhören (II):
Bei seinen legendären Stuttgarter „George’s Christmas Parties“ – leider konnte ich keine Aufnahme von George Bailey im Netz finden – spielte er gemeinsam mit Musikerfreunden auch Negro Spirituals und Gospels, zum Beispiel „This Little Light of Mine“, „Wade in the water“ oder den Evergreen „Ol’Man River“ aus dem Musical Show Boat.

Tanzende Legende

Isadora Duncan – eine rebellische, starke und außergewöhnliche Frau und Künstlerpersönlichkeit mit einer Lebensgeschichte, die wie kaum eine andere von extremen, nahezu unbeschreiblichen Höhe- und Tiefpunkten geprägt ist. Auch bei der Lektüre der Biografie „Lasst uns tanzen und Champagner trinken – trotz alledem!“ nimmt Michaela Karl die Leserschaft mit auf eine Reise durch ein Wechselbad der Gefühle und lässt sie an umjubelten Erfolgen ebenso teilhaben, wie an unfassbaren Schicksalsschlägen und beschreibt das bewegte Leben der berühmtesten Tänzerin ihrer Zeit, die unter anderem auch durch ihren frühen und tragischen Tod endgültig zur Legende wurde.

„Ich wurde am Meeresstrand geboren, und wunderbarerweise haben sich fast alle wichtigen Ereignisse meines Lebens am Meer abgespielt. Dem Rhythmus der Wellen, der Harmonie des Meeres habe ich wohl auch den ersten Impuls zu meinen Tanzbewegungen zu verdanken.“

(S.30; aus Isadora Duncan: Memoiren, Frankfurt a.M. 1988, S.11)

Isadora Duncan wurde 1877 in den USA in San Francisco geboren.
Schon die Kindheit war geprägt von Phasen der Armut und doch liegen auch die kreativen, musikalischen und tänzerischen Wurzeln Isadora’s bereits im Elternhaus begründet.

„Eigentlich aber seien es vor allem das Meer, das Klavierspiel ihrer Mutter, der Wind, Botticellis Primavera und Shelleys Gedicht „Sensitive Plant“ gewesen, die ihre Ideenwelt geprägt hätten.“

(S.57)

Und auch die familiären Schwierigkeiten, die Scheidung der Eltern und der abwesende Vater werden sie ihr Leben lang prägen. Schon früh beschließt sie daher, dass sie sich nicht an einen Mann binden und ein finanziell unabhängiges, freies Leben führen möchte, was ihr rückblickend betrachtet jedoch nicht immer gelingen wird.

Inspiriert durch die Natur, durch die griechische Antike und zahlreiche künstlerische Einflüsse machte Isadora ihre ersten Karriereschritte in den Vereinigten Staaten, bevor sie nach Europa ging und schließlich zu einem der ersten weiblichen Weltstars wurde. Ihre eigene, innovative Art zu tanzen – die auf Fotografien leider heute nur noch zu erahnen ist – legt den Grundstein zum „Modern Dance“ und wird über viele Jahrzehnte andere Künstler, Tänzer und Choreografen inspirieren und beeinflussen.

Ihr Leben gleicht einem wilden Ritt auf der Rasierklinge, den Michaela Karl eindrucksvoll und authentisch beschreibt, indem sie auch viel mit Zitaten Duncan’s selbst und ihrer Zeitgenossen arbeitet. So wird die turbulente und schillernde Lebensgeschichte sehr plastisch und für den Leser erfahrbar.

Es war die Zeit der Jahrhundertwende, des Jugendstils, der Belle Epoque, der Weltausstellungen – eine Zeit des Umbruchs und des Wandels – Isadora tourte und gab Gastspiele auf dem Grünen Hügel in Bayreuth – dort tanzt sie das Bacchanal im Tannhäuser – aber unter anderem auch in St. Petersburg, London und Paris.

Duncan hatte ein Faible für Champagner und erstklassige Hotels – unabhängig davon ob es ihre aktuelle finanzielle Lage erlaubte oder nicht. Immer wieder stand sie – trotz großer Erfolge und Einnahmen – wirtschaftlich und finanziell vor dem Nichts.

Privat hatte sie meist ein sehr schlechtes Händchen bei der Auswahl ihrer Partner – ihr Liebesleben war kompliziert und geprägt von häufig wechselnden Beziehungen. Vom schwersten Schicksalsschlag – dem Verlust ihrer beiden Kinder bei einem tragischen Unfall – hat sie sich seelisch nie mehr vollständig erholt.

Ihr Leben war geprägt von stetem sich Wiederaufrappeln, der Suche nach Liebe, Gönnern und Finanziers und dem Wunsch, ihre Träume zu verwirklichen.
Einer davon war die eigene Schule für Mädchen, welche sie zu selbstständigen Persönlichkeiten und ausdrucksstarken Tänzerinnen erziehen wollte. Doch auch hier gab es Licht und Schatten: so erfolgreich sie mit einigen ihrer besten Schülerinnen – den Isadorables – gemeinsam auf der Bühne war, so gab es auch schmerzliche Kapitel und Zeiten, in welchen sie ihre Schützlinge alleine und im Stich ließ.

Sie war zweifelsohne eine der prägendsten Frauen in der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts und ihr Leben bot Stoff für Klatschmagazine und Hollywoodfilme. Doch sie war auch eine Rebellin, eine Vorreiterin und eine Kämpferin, die unbeirrt versuchte, ihren Weg weiter zu gehen.

Michaela Karl’s Biografie liest sich sehr flüssig und lässt einem aufgrund der Dramatik der Ereignisse immer wieder den Atem stocken. Ein Leben, das man sich nicht ausdenken kann – bis hin zu ihrem Tod, als sich ihr Schal im offenen Wagen in den Speichen des Hinterrads verfängt und ihr das Genick bricht. Eine dramatische, aufwühlende und spannende Lektüre, über eine streitbare und interessante Frau, die vermutlich schon ihre Zeitgenossen in zwei Lager spaltete: man liebte oder verachtete sie und ihre Kunst – dazwischen gab es wohl wenig.

„(…) Isadora Duncan war die Königin des Scheiterns, des Aufstehens, des Überlebens größter Katastrophe und Tragödien – und das alles mit einer ungebrochenen Leidenschaft fürs Leben und einem schier unerschütterlichen Humor (…)“

(S.11)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim btb Verlag (Penguin Randomhouse), der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Michaela Karl, Lasst uns tanzen und Champagner trinken – trotz alledem!
btb
ISBN: 978-3-442-75875-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Michaela Karl’s „Lasst uns tanzen und Champagner trinken – trotz alledem“:

Für den Gaumen:
Unabhängig ihrer stark schwankenden und häufig prekären finanziellen Situation, hatte für Isadora der Genuss stets einen hohen Stellenwert. In einer der reicheren Phasen – an der Seite des Nähmaschinen-Erben Paul Singer, schwelgt sie im Luxus:

„Die Tänzerin speist in den vornehmsten Pariser Restaurants, labt sich an Trüffel, Champagner, Wachteln und edlen Weinen.“

(S.225)

Zum Weiterhören:
Isadora Duncan tanzte häufig zu klassischer Musik – Mendelssohn Bartholdy, Chopin oder aber auch Beethoven. Legendär waren auch ihre Auftritte zum „Donauwalzer“ von Johann Strauss.

Zum Weiterschauen:
Doch auch Künstler anderer Kunstrichtungen inspirierten Isadora Duncan zu ihren Tänzen, wie zum Beispiel der Dichter Walt Whitman, der Bildhauer Auguste Rodin oder der Maler Sandro Botticelli – dessen „Primavera“ zu ihren Lieblingsgemälden zählte:

„Ich blieb so lange dort sitzen, bis ich die Blumen tatsächlich wachsen sah. (…) In mir erwachte die freudige Gewissheit, dass ich dieses Bild tanzen und meinem Publikum die Botschaft der Liebe, des Frühlings und der Erschaffung des Lebens mitteilen wollte.“

(S.124; aus Isadora Duncan: I’ve only danced, S.106)

Zum Weiterlesen:
Dieses Jahr entführte mich auch schon Julian Barnes in die Zeit der Belle Époque – in seiner Kulturgeschichte „Der Mann im roten Rock“ , die ich hier auf der Kulturbowle besprochen habe, trifft man so manchen Zeitgenossen aus Isadora Duncan’s Biografie wieder.

Julian Barnes, Der Mann im roten Rock
Aus dem Englischen von Gertrude Krueger
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05476-7

Morden mit der Schreibmaschine

Eine Verfilmung des Klassikers „Mord im Orientexpress“, die ich Anfang November im Fernsehen sah, rückte Agatha Christie wieder in mein Bewusstsein und auf einmal wollte ich mehr über die weltberühmte „Queen of Crime“ erfahren. Die im Frühjahr diesen Jahres im Osburg Verlag erschienene Biografie „Agatha Christie – eine Biografie“ von Barbara Sichtermann stellte sich hier als eine hervorragende Wahl heraus.

Wer war diese Agatha Christie, welcher der Rummel um ihre Person und die öffentliche Aufmerksamkeit stets unangenehm und unheimlich blieb? Wie wurde sie zur beliebtesten Krimiautorin aller Zeiten, die doch auch viel zu lange als trivial abgetan und unterschätzt wurde? Antworten auf diese Fragen konnte mir Barbara Sichtermann in ihrer sprachlich gelungenen und wunderbar lesbaren Biografie definitiv geben.

Das Buch begleitet Christie auf ihrem Weg zur erfolgreichen Berufsschriftstellerin, aber beleuchtet auch die private Seite der Autorin und ihre Rolle als Ehefrau und Mutter. So heiratet sie früh Archie Christie, doch die Ehe zerbricht. Mit ihrem mysteriösen Verschwinden in der Endphase der Ehe, das eine tagelange Suche durch Polizei und Medien nach sich zog, ging sie in die Annalen ein und sorgte für einen Medienrummel sondergleichen. Glücklich wurde sie jedoch an der Seite ihres zweiten Ehemannes Max Mallowan, der viele gemeinsame Reisen mit ihr unternahm und auch ihr Interesse für Archäologie und den nahen Osten weckte.

Sichtermann lässt den Leser der Geburtsstunde von Hercule Poirot und Miss Marple beiwohnen und gibt interessante Einblicke in die Arbeitsweise und das künstlerische Schaffen Christies. Sie verdeutlicht auch, wie hart Christie immer für den Erfolg ihrer Theaterstücke gearbeitet hat, die ihr so wichtig und stets Herzensangelegenheit waren. Bis heute ist „Die Mausefalle“ das Stück, das weltweit am längsten ununterbrochen im Londoner Westend zu sehen ist bzw. war (bis zum Corona-Lockdown im März 2020).

„Sich selbst gestand Agatha ein, dass sie, seit sie als Sechzehnjährige die Tosca studiert hatte, ihren Traum von der Bühne nie ganz beerdigen konnte. Wenn es denn wegen ihrer schwachen Mittellage zur Sängerin nicht gereicht hatte, dann sollte ihre Stimme wenigstens durch den Mund ihres listigen Detektivs oder eines infamen Killers auf den Brettern erschallen.“

(S.217)

Spannend fand ich vor allem auch die Charakterisierung der Krimiautorin, die zeigt, wie ambivalent sie in vielen Dingen doch war.
Ich durfte Christie, die eigentlich lieber Opernsängerin geworden wäre, als zupackende, reise- und abenteuerlustige Frau kennenlernen, die sich – wenn sie es für erforderlich hielt – über die Konventionen der damaligen Zeit hinwegsetzte und doch auch immer in der Tradition der britischen Klassengesellschaft verwurzelt blieb. So investierte sie bevorzugt in hochherrschaftliche Immobilien und führte gerne ein Leben in schönen Häusern mit entsprechendem Hauspersonal – da lebte die „gute, alte Zeit“ noch ein wenig fort. Und doch entschied sie sich auch gegen jede Konvention für eine Scheidung und in ihrer zweiten Ehe für einen 14 Jahre jüngeren Mann, was damals nahezu einem gesellschaftlichen Tabubruch gleichkam.

Sichtermann hat viel mit Originalzitaten aus Christie’s Autobiografie und ihren Briefen gearbeitet, welche dann stets kursiv hervorgehoben und kenntlich gemacht sind. Das gibt dem Buch einen stimmigen und authentischen Klang, weil man das Gefühl hat, Agatha Christie selbst zuzuhören.
Als sehr angenehm habe ich auch die flüssige Sprache der Autorin empfunden, welche in der Biografie nicht so sehr den Fokus auf die wissenschaftliche Vermittlung von Zahlen, Daten und Fakten gelegt hat, sondern vielmehr darauf, eine literarisch ansprechende Lebensgeschichte zu erzählen, die sich mit Genuss lesen lässt.

Und doch habe ich nach der Lektüre auch das Gefühl, viel erfahren und gelernt zu haben und jetzt ein wenig mehr über diese Grand Dame des Kriminalromans zu wissen. Eine interessante Frau im Spannungsfeld zwischen Tradition und Unkonventionalität, die stets ihren eigenen Weg ging und eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen aller Zeiten wurde.

Am Ende fand ich es noch spannend, dass ich – bei aller Unterschiedlichkeit und trotz des großen zeitlichen Abstands – einige Parallelen und Gemeinsamkeiten zwischen Christie und mir selbst entdecken konnte: Christie war von Kindheit an selbst eine passionierte Leserin. Sie liebte – wie ich – Shakespeare und benannte sogar eines ihrer Bücher, die sie unter dem Pseudonym Mary Westmacott verfasste, nach einem Shakespeare-Sonett „Absent in the spring“ (deutsch: „Ein Frühling ohne dich“). Zudem war sie zeit ihres Lebens eine große Liebhaberin des Theaters, das sie dem damals neu entstehenden und aufstrebenden Medium Film stets vorzog – auch das haben wir gemeinsam.

Wer sich also ebenfalls auf die Suche nach Gemeinsamkeiten mit Agatha Christie begeben möchte oder einfach nur mehr über den Menschen hinter den Büchern und die Schöpferin von so unsterblichen Figuren wie Hercule Poirot und Miss Marple erfahren möchte, dem kann ich Barbara Sichtermann’s Biografie wärmstens empfehlen.

Buchinformation:
Barbara Sichtermann, Agatha Christie – Eine Biografie
Osburg Verlag
ISBN: 978-3-95510-215-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Agatha Christie – Eine Biografie“:

Für den Gaumen:
Agatha Christie liebte Tee, d.h. in dieser Beziehung entsprach sie dem typischen Klischee der Britin, so wie wir uns dies gerne vorstellen. Sie zog den Tee stets dem Alkohol vor. D.h. die Lektüre verlangt geradezu nach einer gepflegten Tasse schwarzem Tee.

Zum Weiterschauen:
Hier möchte ich sehr frei nach Goethe zitieren: „Von Zeit zu Zeit seh’ ich die Alte gern“, denn ab und an kann ich mich wirklich immer wieder erneut für die Schwarz-Weiß-Verfilmungen der Miss Marple-Romane mit Margaret Rutherford aus den 60er Jahren begeistern – auch wenn Agatha Christie selbst diese nicht so sehr schätzte. Und dann schaue ich – gerne in der Winterzeit – in eine der x-ten Wiederholungen rein. Klar kann man das nicht immer sehen, aber ab und zu habe ich da wirklich Freude daran. Ein bisschen Nostalgie darf sein und wenn das Miss Marple Thema von Ron Goodwin mit dem typischen Spinett-Sound ertönt, bekomme ich gleich gute Laune.

Zum Weiterhören:
Agatha Christies letzter Fall für Miss Marple „Ruhe unsanft“ war ihr Vermächtnis, das posthum im Jahre 1976 veröffentlicht wurde und den sie bereits im Jahre 1940 in einem Tresor deponiert hatte. Der Hörverlag hat 2013 eine gekürzte Lesung dieses Werks herausgebracht, die mir gut gefällt – zumal diese von der grandiosen und unvergleichlichen Katharina Thalbach gelesen wird.

Agatha Christie, Ruhe unsanft
übersetzt von: Eva Schönfeld
Gekürzte Lesung gelesen von Katharina Thalbach
der Hörverlag
Hörbuch (CD) gekürzt, 3 CDs, Laufzeit: 3h 44 min
ISBN: 978-3-8445-1013-3

Zum Weiterlesen:
Meine letzte Agatha Christie-Lektüre liegt schon eine ganze Weile zurück, aber dennoch stehen einige Bände bei mir im Regal. So zum Beispiel der Band „Die Tote in der Bibliothek“, der mich als Büchermensch natürlich sofort angesprochen hatte: ein schmaler Band und ebenfalls ein Fall mit der unübertroffenen Miss Marple.

Agatha Christie, Die Tote in der Bibliothek
übersetzt von Barbara Heller
Atlantik
ISBN: 978-3-455-65005-1