Bayerisches Mutterherz

Wer meine Kulturbowle schon etwas länger verfolgt weiß vielleicht, dass ich auf meiner Liste „22 für 2022“ tatsächlich so kurz vor Jahresende noch einen allerletzten Punkt offen habe: das Buch einer bayerischen Autorin oder eines bayerischen Autors zu lesen und hier vorzustellen. Mit Oskar Maria Grafs (1894 – 1964) „Das Leben meiner Mutter“ kann ich diese Lücke jetzt auch noch rechtzeitig und – wie ich finde – sehr würdig schließen.

Denn das Buch des in Berg am Starnberger See geborenen Autors, erzählt viel über die oberbayerische Mentalität, die Lebensart und vor allem auch über die bayerische Geschichte. So steht die Lebensgeschichte der Mutter Theresia Graf stellvertretend für viele Frauenschicksale der damaligen Zeit.

Schon das Vorwort, welches Graf 1940 im New Yorker Exil seinem Werk voranstellt, trifft mitten ins Herz:

„In einer Zeit, da allenthalben versucht wird, durch alte und neue Schlagworte den gesunden Menschenverstand gleichsam epidemisch zu verwirren, spricht dieses Buch nur von jenen unbeachteten, natürlichen Dingen, die – mögen auch noch so scheinbar entscheidende historische Veränderungen dagegen wirken – einzig und allein das menschliche Leben auf der Welt erhalten und fortzeugend befruchten: von der stillen, unentwegten Arbeit, von der standhaften Geduld und der friedfertigen, gelassenen Liebe. Mag sein, daß damit das Leben der Mütter in allen Ländern erzählt worden ist.“

(S.7)

Ein Sohn erzählt die Lebensgeschichte seiner Mutter – getragen von der Liebe und Zuneigung, die er stets durch sie empfangen hat – gibt ihr der Schriftsteller diese auf über 650 Seiten auf seine ganz persönliche Art und Weise zurück.

„Unsere Mutter wußte es tiefer als alle, daß kein Mensch „was Rechtes wird“, wenn er in der Kindheit nicht geliebt wird.“

(S.555)

Die Geschichte beginnt lange vor der Geburt Oskar Marias und erzählt bereits die Kindheit und Jugend seiner Eltern, das Kennenlernen und die eher aus pragmatischen Gründen eingegangene Verbindung der beiden.

Denn die Ehe zwischen dem ehrgeizigen, umtriebigen Max, der den Kopf stets voller neuer Projekte, Bauvorhaben oder Expansionsplänen für die selbst aufgebaute Bäckerei hat und der stillen, genügsamen und bescheidenen Frau ist nicht frei von Konflikten. Zu unterschiedlich sind oft die Ansichten darüber, worauf es ankommt im Leben.

Resl Heimrath (Verheiratete Graf), war eine einfache Frau, die selbst vom Kleid, das sie vom Mann geschenkt bekam, die Rüschen, Borten und den Zierrat abtrennte, weil sie nichts übrig hatte für übertriebenen Putz, Mode oder dafür, sich zur Schau zu stellen. Tief gläubig und fleißig war sie unermüdlich und von früh bis spät am Arbeiten.

„Die aber konnte nicht leben ohne Glauben und Liebe. Deswegen litt sie wahrscheinlich so geduldig. Denn leiden um einer Sache willen erträgt sich leichter, als leiden um seiner selbst willen.“

(S.440/441)

Sie schenkt elf Kindern das Leben, von welchen acht überleben.
Zeit ihres Lebens versucht sie, die Familie, die es schon bald in viele Himmelsrichtungen verstreut – einige Kinder wandern nach Amerika aus und suchen ihr Glück fernab der bayerischen Heimat – zusammenzuhalten, und doch wird auch viel gestritten unter den Nachkommen.

Als Max Graf früh stirbt, betreiben einige Kinder gemeinsam mit der Mutter Bäckerei und Konditorei am Starnberger See, der mehr und mehr zum beliebten Tourismusort und gesellschaftlichen Hotspot wird, weiter.
Sohn Oskar, der ebenfalls zu Hause das Bäckerhandwerk erlernt, entdeckt durch seinen Bruder Maurus die Liebe zu Büchern und zum Lesen.

„Aber der Mensch, der zum erstenmal ganz hingegeben liest, dem scheint alles Gelesene Leben zu werden, Leben der nächsten Menschen, die er kennt!“

(S.446)

Auch ihn treibt es schließlich weg aus der Heimat, er gerät in die Münchner Bohème, die politischen Wirren der damaligen Zeit, möchte Schriftsteller werden, ist chronisch pleite und führt streckenweise ein unstetes Leben. Im ersten Weltkrieg verweigert er den Befehl. Es ist somit auch seine eigene Geschichte, die er erzählt.

Graf hat nicht nur seiner Mutter ein liebevolles und zärtliches literarisches Denkmal gesetzt, sondern zugleich auch ein politisches und zeitgeschichtliches Buch geschrieben über die turbulenten Zeiten voller Umbrüche zwischen 1857 (dem Geburtsjahr der Mutter) und 1940, als er sein Buch über die 1934 verstorbene Mutter, beendet und veröffentlicht.

Man erfährt viel über die Aufenthalte von König Ludwig II. in seinem Schloss Berg am Starnberger See und über seinen bis heute von Mythen umrankten Tod. Man durchlebt mit Theresia Graf die Zeit des Krieges 1870/71, des ersten Weltkriegs, die Zeit von Ludwig II., Bismarck, der Weimarer Republik bis hin zu Hitler und seiner Machtergreifung.

Graf hat mit „Das Leben meiner Mutter“ ein großes, zeitloses Buch geschaffen, das so viel mehr ist als die reine Lebensgeschichte seiner Mutter und von dem er bereits selbst ahnte, dass es zu seinen wichtigsten Werken zählen wird: „Wenn all meine Bücher vergehn – des Buch bleibt“ sagte er selbst.

Mit diesem Buch habe ich den letzten Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 19) auf der Liste: Ich möchte ein Buch einer bayerischen Autorin oder eines bayerischen Autors lesen. Oskar Maria Graf wurde in Berg am Starnberger See geboren – selbst in New York bleibt er der Lederhose und seinen bayerischen Wurzeln treu.

Buchinformation:
Oskar Maria Graf, Das Leben meiner Mutter
List Taschenbuch
ISBN: 978-3-548-60912-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Oskar Maria Grafs „Das Leben meiner Mutter“:

Für den Gaumen:
In Zeiten der Not reichte es teilweise nur zu einer Brennsuppe (S.62), doch stets drückte sich die Zuneigung der Mutter zu den Kindern auch darin aus, ihnen etwas Gutes zu essen vorsetzen zu können: so bekommt Oskar bei einem Besuch zu Hause Kaffee und Schmalznudeln, sowie „Frühkartoffeln, Topfen und gestöckelte Milch“ (S.488).

Zum Weiterhören:
Gehört wird unter anderem Schuberts „Forellenquintett“ im Radio:

„ ‚Hör doch, wie schön das ist!‘ Er beschrieb ein paar anmutige Takte mit der Hand.“

(S.636)

Zum Weiterlesen:
Mit Bruder Maurus entdeckt Oskar Maria die Liebe zur Literatur, die ihn Zeit seines Lebens nicht mehr loslassen wird. Da wird auch schwerer Stoff gelesen wie die Dramen August Strindbergs und in „Der Vater“ scheinen die Brüder zunächst sogar Parallelen zum Ehedrama der Eltern zu erkennen, um schließlich festzustellen: „da war doch alles, alles ganz, ganz anders gewesen.“ (S.446)

August Strindberg, Der Vater
Aus dem Schwedischen von Hans Egon Gerlach
Reclam
ISBN: 3150024897

20 Kommentare zu „Bayerisches Mutterherz

    1. Dankeschön! Ja, obwohl es jetzt am Ende doch noch fast spannend geworden ist, ob ich meine Liste komplett füllen kann, haben mir die „22 für 2022“ dieses Jahr doch viel Freude gemacht. Daher denke ich schon an eine Fortsetzung in ähnlicher Form – mit einer bunten Mischung aus Neuem und Altbewährtem, die dann doch hoffentlich auch wieder genug Spielraum lässt, um meinen Lesestoff entsprechend einordnen und doch auch die Spontanität in der Lektüreauswahl bewahren zu können. Näheres dazu gibt es dann im neuen Jahr! Herzliche Grüße!

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    1. Mille grazie, Anke! Mir hat die Liste Spaß gemacht, auch wenn ich anfangs dachte, dass ich sie früher vollständig gefüllt hätte. Aber – immerhin gerade noch rechtzeitig geschafft. 🙂 Herzliche Grüße nach bella Italia! Buona serata und einen schönen Jahresausklang! Barbara

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      1. Grazie! 22 Bücher (plus die anderen) waren sehr ambitiös! Ich würde ja tricksen, und fürs nächste Jahr ein Füllwort dazwischensetzen: „2 oder 3“. 😉

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  1. Das hört sich wie ein lebensvolles, übersprudelndes Buch an. Ich erinnere mich an irgendein Buch von Oskar Maria Graf über den bayrischen Dekameron, oder so. Ich musste, glaube ich schmunzeln, an mehr erinnere ich mich nicht. Umso besser wieder an diesen Autor erinnert zu werden, und an ein Buch, das für die Mutter geschrieben ist. Das finde ich schön, und das Forellenquintett ebenso! Hab vielen Dank. Dein Blog ist einfach wunderbar! Eine fröhliche Woche wünsche ich!!

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    1. Vielen lieben Dank, Alexander! Im bayerischen Dekameron geht es meines Wissens eher deftig-frivol zu, wohingegen „Das Leben meiner Mutter“ vielmehr berührend und geschichtlich interessant ist, so dass sich Graf hier von einer völlig anderen schriftstellerischen Seite zeigt. Es freut mich sehr, wenn Du Spaß an meiner Bowle hast. Dir auch eine feine restliche Woche und einen guten Jahresausklang! Herzliche Grüße! Barbara

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      1. Ich kann mich auch gar nicht mehr an dieses Dekameron erinnern – das Buch, das du vorgestellt hast, interessiert mich vielmehr und wirft ein neues Bild auf den Schriftsteller, den ich vielleicht zu Unrecht in meinem Bücherregal stauben lasse 🙂 Viele Grüße!

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      2. Ich bin in diesem Jahr auch durch mein Heimattheater wieder an Oskar Maria Graf erinnert worden, denn das Landestheater Niederbayern hat die Zeit während des Lockdowns dazu genutzt, den Roman „Die Ehe des Herrn Bolwieser“ zu verfilmen und hat den Film dieses Jahr dem Publikum präsentiert.
        Und auch wenn man den wahrlich turbulenten Lebenslauf des Autors studiert, lässt dieser schon erahnen, dass es da einige Facetten in seinem Schaffen zu entdecken gibt.
        Wenn ich die Neugier soweit wecken konnte, dass Du ihm noch eine Chance gibst, freut mich das. Herzliche Grüße!

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  2. Hallo, liebe Barbara,

    wie Du Deine Lesevorhaben in den Blog setzt und mit uns teilst. Vielen Dank für Deine Lektüre dieses bayerischen Mutterherzens. Wunderbare Zitate hast Du ausgewählt.

    Vor Jahren las ich Oskar Maria Grafs: „Wir sind Gefangene“ über die Zeiten 1918/19 in München. (1927 Drei-Masken-Verlag, , 1965 Verlag Kurt Desch, 1978 Süddeutscher Verlag)

    Hier Grafs Erinnerung an das Künstler-Café Stephanie:

    „So lernte ich allerhand Literaten, Maler und sonstiges Kaffeehausvolk kennen. Ich saß dumm zwischen ihnen und versuchte ein möglichst bedeutendes Gesicht zu machen. Es wurde philosophiert, gestritten, oder psychoanalysiert. Mit aller Anstrengung hörte ich oft hin, verstand aber nicht das mindeste. Da wurden literarische Größen und ewige Werte mit ein paar Worten abgetan, förmlich vernichtet. Ich staunte wie ein junger Spatz und sagte nichts. Das war eine neue Welt. Hier also, dachte ich, fängt dein Weg an.“ (SV, S. 87)

    Beste Wünsche und Grüße zum neuen Jahr: viel Glück, alles Gute und Gesundheit, friedliche Aussichten und schöne neue Lektüren! Von Nürnberg nach Landshut herzlich

    Bernd

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    1. Lieber Bernd,
      „staunen wie ein junger Spatz“ – was für ein schönes Bild!
      Dankeschön für dieses ebenso wunderbare Zitat, das Du hier mit uns teilst. Die Zeit in der Münchner bzw. Schwabinger Bohème war eine wohl sehr prägende für Oskar Maria Graf. Herrlich, wie er das so gekonnt in nur wenige Worte und Sätze packt.

      Hoffen wir, dass uns das nächste Jahr und das Weltgeschehen mehr positive Anlässe zum Staunen gibt.

      Somit sende ich gerne ebenfalls die besten Grüße zum neuen Jahr nach Nürnberg: ein gesundes, friedvolles, glückliches und gutes neues Jahr!
      Wünscht Barbara

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      1. Da hast Du auch wieder recht. Auch die ca. 650 Seiten von „Das Leben meiner Mutter“ sind wahrlich kein Leichtgewicht, aber auch diese habe ich sehr flüssig gelesen und als sehr interessant und kurzweilig empfunden.

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    1. Schön. Ja, ich habe ohnehin vor, von Zeit zu Zeit auch Klassiker und bayerische AutorInnen hier einzustreuen. Da stehen Lena Christ und Lion Feuchtwanger ebenfalls weit oben auf der Liste. 🙂 Herzliche Grüße, viel Freude bei der Lektüre und einen guten Rutsch!

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  3. Vielen Dank für Deine immer interessanten Beiträge . Oskar Maria Grafs „Das Leben meiner Mutter“ habe ich schon vor vielen, vielen Jahren gelesen und mir ist bis heute in Erinnerung geblieben, dass es dem Schriftsteller sehr gut gelungen ist, die Politik, die Natur, das karge Landleben , den alltäglichen Kampf ums Überleben und die herrliche Landschaft zu beschreiben.
    Schon jetzt freue ich mich auf Deine Beiträge in 2023 und wünsche Dir ein zufriedenes, gesundes, glückliches 2023
    LG M Kuhl

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