Schwimmende Veränderungen

Die Schwimmerin“, welche den Untertitel „Roman aus der Gegenwart“ trägt, erschien im Jahr 1937 in Zürich. Über viele Jahrzehnte geriet dieses Werk in Vergessenheit. Schön, dass der Weidle Verlag dieses literarische Zeitdokument Theodor Wolff’s, der bisher vor allem für seine journalistische Tätigkeit als Chefredakteur des Berliner Tageblatts bis 1933 und als Namensgeber für einen der renommiertesten deutschen Journalistenpreise bekannt ist, jetzt wieder der interessierten Öffentlichkeit zugänglich macht.

Das Buch ist nicht nur optisch ein Genuss – in wunderbarem Retro-Design mit dem Originalschriftzug und einer neuen Illustration von Kat Menschik für das Titelbild – sondern offenbart sich auch als literarisch und zeitgeschichtlich hochinteressante Lektüre.

Der Bankier und Lebemann Ulrich Faber begegnet als Gast auf einem sommerlichen Gartenfest einem jungen Mädchen, das sich kämpferisch und rabiat gegen die Übergriffe zweier älterer Jungen wehrt. Es ist Gerda Rohr, die Tochter eines Dienstangestellten des Hauses und die Szene brennt sich in sein Gedächtnis. Doch Faber ahnt noch nicht, dass sich ihre Wege einige Jahre später erneut kreuzen werden.

„Nur ein Erlebnis haftete länger im Gedächtnis: das ungeheure und groteske Schneetreiben der Inflation, in dem Flocken des ersparten Vermögens bacchantisch in der Luft herumwirbelten und dann, in die Gosse niederfallend, gar nichts mehr waren, zu einem Nichts zerrannen.“

(S.43/44)

Weimarer Republik – Berlin in den Zwanziger Jahren – Gerda Rohr mittlerweile zu einer ehrgeizigen, jungen Dame von 17 Jahren herangewachsen, trifft erneut auf den deutlich älteren Faber. Sie bittet ihn um Hilfe. Er besorgt ihr eine Anstellung und sie beginnt in der Bank zu arbeiten, die er vor kurzem verlassen hat. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Beziehung. Sie treffen sich regelmäßig, Faber fördert und beschenkt sie mit dem steten, aber unerfüllten Wunsch nach einem Liebesverhältnis. Obgleich sie in der Bank schnell als Protegé gilt, steigt sie aufgrund ihrer Strebsamkeit und schnellen Auffassungsgabe zügig auf.

Politisch und wirtschaftlich sind die Zeiten turbulent und so treibt es das ungleiche Paar auseinander. Vergessen kann Faber sie auch im französischen Exil, in welches er sich verabschiedet, nicht. Doch die allzu großen Unterschiede und die dunkler werdenden Zeiten halten für die beiden kaum Chancen für ein Happy End bereit.

„Für Menschen seiner Art konnte es vielleicht eine einheitliche Weltanschauung gar nicht mehr geben – das war früher möglich gewesen, bevor es sich zeigte, daß Sterne, an deren Ewigkeit man schon geglaubt hatte, ausgelöscht werden können, als wären sie nur Nachtlämpchen gewesen, und bevor neue Probleme zu dem Mittelpunkt wurden, um den nun alles kreist.“

(S.297)

Der Roman bietet ein Füllhorn an Themen und Aspekten, welche nennenswert sind. So ist es eine Liebesgeschichte und ein Werk über eine Beziehung mit großem Altersunterschied ebenso wie eine politische Analyse der Entwicklungen zum Ende der Weimarer Republik und über das Leben im Exil. Es kann als Zeitzeugenbericht und als Berlin-Roman gelesen werden – all das gepackt auf ca. 320 Seiten – ein vielschichtiges und tiefgründiges Stück Literatur.

Vor allem die bildhafte und ausdrucksstarke Sprache Wolff’s mochte ich sehr, auch wenn sie beim Lesen etwas Konzentration erfordert. Das verwendete Vokabular ist sicher nicht mehr das der heutigen Gegenwart und doch machte gerade das für mich auch einen nicht unerheblichen Teil des Charmes dieses Romans aus: da findet Faber so manches „drollig“ oder Männer besitzen eine „gutgemeißelte Stirn“ und „ein Kinn ohne weichliche Fleischlichkeit“ (S.6). Der Wortschatz des Autors scheint in vielen Aspekten reicher als heute zu sein und ermöglicht es ihm, sehr präzise und genau zu beschreiben. So gelingen ihm mit spitzer Feder und wachem Auge sehr treffende Personenbeschreibungen und Charakterisierungen, die ich in solcher Detailliertheit und Pointiertheit selten gelesen habe.

Liest man das Buch zudem wachsam im Kontext zur heutigen Zeit, ist es bemerkenswert, mit welchem Scharfsinn, welcher Weitsicht und Allgemeingültigkeit Theodor Wolff politische Strömungen und menschliche Verhaltensweisen festgehalten hat, welche auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

„Der alte Gedankenplunder kommt nun auf den Müllhaufen, aber ein paar von den schönen Worten kann man vielleicht noch als Etikette benutzen, die werden dann auf Flaschen mit ganz anderem Inhalt geklebt.“

(S.194)

Als sehr wertvoll und erhellend empfand ich auch das Nachwort von Ute Kröger, welche den Roman in die Biografie Theodor Wolff’s und das Zeitgeschehen einordnet. So erfährt man mehr über die realen Vorbilder, die hinter den Romanfiguren standen, und das Leben und Werk des jüdischen Publizisten und Autors, welcher 1943 nach Verhaftung, verschiedenen Lagern und politischer Gefangenschaft schwer krank im Berliner Jüdischen Krankenhaus verstorben ist.

Der letzte von Wolff verfasste Leitartikel zur bevorstehenden Reichstagswahl im März 1933 endete mit den Worten: „geht hin und wählt!“
Passender könnte es wohl an einem solchen Wahlwochenende kaum sein.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Weidle Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Theodor Wolff, Die Schwimmerin
Weidle
ISBN: 978-3-949441-00-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Theodor Wolff’s „Die Schwimmerin“:

Für den Gaumen:
Das vornehme Essen, zu welchem Herr Faber seine Angebetete einlädt, kann diese nur mäßig beeindrucken und genießen – es gibt Horsd’œuvre, d.h. kleine Vorspeisen oder Appetithäppchen, doch sie „nahm von der Platte (…) nur eine Sardine und ein bißchen Tomatensalat“ (S.124). Dazu gibt es Chablis.

Zum Weiterhören:
Die Entwicklung des Romans und das Verdüstern der Atmosphäre und politischen Zeit, spiegelt sich auch in den musikalischen Anspielungen Wolff’s wider. Ertönen beim frohgemuten Sommerempfang zu Beginn des Romans, als Faber der kleinen Gerda Rohr zum ersten Mal begegnet, noch gefällige Wagner-Arien (die Gralserzählung aus dem „Lohengrin“ oder das Preislied Walter Stolzings aus den „Meistersingern“), so denkt Faber in seinem späteren Exil vermehrt an düstere Klänge:

„Immer stieg zwischen allen herumschweifenden Gedanken die Erinnerung auf, wie in der „Unvollendeten“ Schuberts die eine Melodie, sich wellenlinig aus der Flut der Töne heraushebend, immer wiederkehrt.“

(S.261)

Zum Weiterlesen:
Vor ein paar Monaten habe ich hier auf der Kulturbowle „Hintergrund für Liebe“ von Helen Wolff vorgestellt – der gleiche Nachname, ebenfalls aus dem Weidle Verlag, ähnliche Zeit, ebenso eine Liebesgeschichte – da gibt es Parallelen und doch hat diese aus weiblicher Sicht erzählte Geschichte einen völlig anderen, sommerlich-luftigeren Charakter als „Die Schwimmerin“.

Helen Wolff, Hintergrund für Liebe
Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen
Weidle
ISBN: 9783938803967

Spurlos verschwunden am Sacrower See

Oliver Hilmes stößt mit „Das Verschwinden des Dr. Mühe“ auf neues Terrain vor und doch bleibt er sich als Historiker und seiner akribischen Art zu recherchieren treu. Der Untertitel lautet „eine Kriminalgeschichte aus dem Berlin der 30er Jahre“ und der Autor, der bislang vor allem durch erstklassige und sehr gut lesbare Biographien wie „Herrin des Hügels“, „Witwe im Wahn“ und „Ludwig II.“ auf sich aufmerksam machte, verpackt hier eine mysteriöse, wahre Begebenheit, auf welche er im Rahmen seiner Recherchen zu „Berlin 1936“ gestoßen war, in eine spannende Erzählung.

Im Juni 1932 verschwindet der Berliner Arzt Dr. Erich Mühe eines nachts spurlos. Sein heiß geliebtes Auto wird einsam am Ufer des Sacrower Sees (in der Nähe von Potsdam) gefunden und zunächst deutet alles darauf hin, dass er bei einem nächtlichen Badeunfall ums Leben gekommen ist. Eine Leiche wird jedoch nie gefunden. Die Polizei – in Gestalt von Kommissar Keller und seinem Assistenten Schneider – beginnt zu ermitteln und es häufen sich die Anzeichen, dass der Mediziner wohl nicht einfach nur beim Schwimmen ertrunken ist. In zahlreichen Befragungen – und Oliver Hilmes stützte sich hier auf die Protokolle der realen Ermittlungsakte – der Ehefrau, deren Gesangslehrers, des Hauspersonals und zahlreicher Personen aus dem Umfeld des Arztes ergeben sich bestürzende Erkenntnisse und der Fall nimmt mehr als nur eine überraschende Wendung.

„Das fängt ja gut an, denkt Keller. Der Gatte ist verschwunden und die Ehefrau spricht von Scherereien.“

(S.45)

Denn die Ehefrau scheint nicht all zu sehr zu trauern und kann es kaum erwarten, in den Besitz der hoch abgeschlossenen Lebensversicherung zu gelangen, um dann – wenn man den Gerüchten in der Nachbarschaft glauben schenken kann – ein neues Leben mit ihrem Gesangslehrer zu beginnen, der wohl auch ihr Liebhaber zu sein scheint. Doch der wohlsituierte Arzt, der finanziell auf ungewöhnlich großem Fuß lebte, hatte offenbar auch unstandesgemäßen Umgang mit kriminellen Kreisen. Die Ermittlungen, die sich über viele Jahre erstrecken, werden immer mysteriöser, so manche Spur läuft ins Leere und es eröffnen sich menschliche Abgründe, welche weder der Ermittler noch der Leser erwartet hätte.

Der Stil ist reduziert, fast nüchtern und knapp und ähnelt durch die Erzählform in der Gegenwart, fast einem polizeilichen Ermittlungsprotokoll. Und doch blitzt die eine oder andere süffisante Stelle auf und vor allem schmückt Oliver Hilmes seine Erzählung mit vielen, atmosphärischen Details, welche den Leser authentisch in das Berlin der 30er Jahre eintauchen lassen. Es ist ihm wichtig, dass man sich in diese Zeit und das Flair hineinversetzen kann. Da wird beschrieben, was es im Aschinger – einem Berliner Kultlokal – zu essen gab oder wieviel ein U-Bahnticket kostet. Zudem streift man mit den Personen durch die Straßen und die Ladenzeilen mit Tabakläden, Wäschereien oder Trikotagengeschäften. Das ist sehr stimmig und unwiderstehlich gut erzählt – man spürt die Lust des Autors an der Recherche und der Zeitgeschichte in jedem Absatz.

Das Buch ist kein klassischer Kriminalroman, es ist vielmehr eine zeitgeschichtliche Erzählung, die sich an Protokollen von Zeugenbefragungen orientiert. Wer Hilmes’ „Berlin 1936“ mochte, das die Olympiade in Berlin zum Thema hatte, und ein Faible für Geschichte und vor allem auch Berlin und Umgebung oder die Zeit der Dreißiger Jahre hat, der wird es lieben. Wer einen typischen Krimi à la Gereon Rath von Volker Kutscher erwartet, der wird vielleicht verwundert oder eventuell sogar enttäuscht sein – denn „Das Verschwinden des Dr. Mühe“ ist mehr Geschichtsbuch als Krimi.

Meinen Nerv hat der Historiker definitiv wieder einmal getroffen. Ich mag seine Art zu schreiben, die sich herrlich flüssig liest und die einen wirklich die Berliner Luft der Dreißiger atmen lässt. Der wahre Kriminalfall bietet einen spannenden Plot und die Kapitel, die jeweils einem Zeugen oder Betroffenen gewidmet sind, offenbaren auch viel über den Charakter und die jeweilige Persönlichkeit der Figuren. Man kann hier auch vieles zwischen den Zeilen lesen und sich stellenweise selbst wie ein ermittelnder Polizist fühlen.

Eine rätselhafte Begebenheit, die den Leser immer wieder aufs neue überrascht, ein versierter, gut sortierter und detailversessener Autor und eine Ära der deutschen Geschichte, die gerade – spätestens seit dem sensationellen Erfolg von Kutschers Romanen und der Serie „Babylon Berlin“ ohnehin groß in Mode ist – da hat das Buch alles, was es braucht, um zum Bestseller zu werden.

Leider ist das Vergnügen ein kurzes und nach schnell verschlungenen 235 Seiten auch schon wieder vorbei, aber für Geschichtsinteressierte, Freunde Berlins und Fans der Dreißiger Jahre gibt es von mir hier eine klare Leseempfehlung für diesen Bücherherbst.

Buchinformation:
Oliver Hilmes, Das Verschwinden des Dr. Mühe
Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-60138-8

© Penguin Verlag

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Wozu inspirierte mich „Das Verschwinden des Dr. Mühe“:

Für den Gaumen:
Die deftige Hausmannskost, die in den 30er Jahren im Aschinger in Berlin serviert wurde, ist vermutlich nicht jedermanns Sache, aber eine Berliner Bratwurst oder Fisch mit Remouladensauce passen natürlich in jedem Fall zur damaligen Zeit und zur Lektüre dieser Kriminalgeschichte.

Für die Ohren:
Für die Musik dieser Epoche drängt sich natürlich Max Raabe und sein Palastorchester als Empfehlung gerade zu auf und ich bekomme beim Hören immer gute Laune. Seine Texte sind oft witzig, geistreich, herrlich zynisch-ironisch, intelligent und strotzen vor Lebensfreude. Ein klarer Beweis, dass die Stilrichtung der 20er und 30er auch in der heutigen Zeit noch bestens funktioniert und gute Musik zeitlos sein kann.

Zum Weiterlesen:
Wie man meiner Rezension schon angemerkt hat, bin ich seit längerem ein Fan von Oliver Hilmes und seinen Büchern. Neben den Biographien „Herrin des Hügels“ und „Witwe im Wahn“ hat mich vor allem auch sein Werk über die Olympiade 1936 in Berlin begeistert. Da wird deutsche Zeitgeschichte lebendig und so farbenfroh und detailprächtig erzählt, dass man sie mit großem Vergnügen und Spannung liest.

Oliver Hilmes, Berlin 1936
Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-10196-3