Im Duett nach Ascona

Lago Maggiore, Ascona – Sehnsuchtsort für Urlauber und während der Dreißiger Jahre auch Zuflucht für Intellektuelle und Künstler, die Deutschland den Rücken kehrten und ihre Heimat verlassen mussten. Zwei Romane, der gleiche Schauplatz: einer veröffentlicht als Erstabdruck in der Neuen Zürcher Zeitung im Jahr 1933 – Victoria Wolff’s „Die Welt ist blau“ und der 2021 neu erschienene Roman „Ascona“ von Edgar Rai, der jedoch die selbe Zeit behandelt und von Erich Maria Remarque’s Flucht an den See im Jahr 1933 erzählt. Victoria Wolff bekommt in seinem Roman sogar einen Gastauftritt.

„Die Welt ist überall blau. Sommerheiße, klirrend klare Luft, leuchtend grüne Wiesen; es ist, als könne man den Sommer mit den Händen greifen.“

(aus Victoria Wolff „Die Welt ist blau“, S.28)

Zwei Reisen, die sich literarisch unbedingt lohnen und auf ihre jeweils eigene und durchaus sehr unterschiedliche Art und Weise den Zeitgeist der Dreißiger und die Besonderheit des Ortes herausarbeiten und zum Leben erwecken.

Victoria Wolff (1903 – 1992) war selbst im April 1933 aus Deutschland mit ihren Kindern nach Ascona emigriert. In „Die Welt ist blau“ erzählt sie über die Urlaubsreise einer jungen Frau, die mit ihrem Liebsten zur Sommerfrische nach Ascona fährt.

Sie beschreibt die fiktive Reise im Sommer 1933 und auch die nicht immer ganz einfache Beziehung aus weiblicher Sicht – offenbart gleichsam einen Blick in die weibliche Seele. Denn die Eifersucht schwebt über der Beziehung wie so manche dunkle Wolke am blauen Himmel über dem See.

„Der Mann müßte seine Fenster weiter öffnen, denkt Ursula und legt das Buch mit Wucht aus der Hand. Er müßte sich schöner freuen können. Es gibt so wenig Menschen, die sich schön freuen können.“

(aus Victoria Wolff „Die Welt ist blau“, S.125)

Doch „Der Sommer ist blau“ ist – trotz der dunklen Schatten des Nationalsozialismus, die sich nur andeutungsweise zwischen den Zeilen erahnen lassen – ein lebensfroher und stimmungsvoller Sommer- und Urlaubsroman, der mit einer verblüffenden Wendung aufwartet.
Und so wie die junge Frau im Roman sich von einem Zauberer faszinieren lässt, so erliegt man als LeserIn dem Charme der schnörkellosen, kristallklaren und doch raffinierten Sprache Victoria Wolff’s.

„Der Mann neben ihr in einem roten Hemd und einer weißen Leinenhose sieht mit brennendem ungesundem Blick im ganzen Saal nur diese eine Frau. Sicherlich weiß er kaum, wo er sich eigentlich befindet; sicherlich verzehrt er hastig das Glück dieser Gegenwart, die ebenso knapp sein wird wie die Bluse seiner Freundin.“

(aus Victoria Wolff „Die Welt ist blau“, S.141)

Ein sehr feminines, leichtes Buch mit Witz, welches Sommergefühl und Urlaubsatmosphäre atmet und sich der Zeit und dem Ort mit einer gewissen künstlerischen Leichtigkeit nähert.

Die männliche, teilweise schwermütigere, doch nicht weniger reizvolle Sicht auf den Ort am Lago Maggiore als Zuflucht und Exil zeichnet Edgar Rai in „Ascona“ aus der Perspektive des Schriftstellers Erich Maria Remarque, der ebenfalls 1933 Deutschland verlässt. Seine jüdische Geliebte drängt ihn, das Land zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen. Er versucht, an seinem Roman „Pat“ weiterzuarbeiten, der später als „Drei Kameraden“ veröffentlicht werden wird, findet jedoch zunächst keine rechte Konzentration.

„Er liebte seine Künstlereinsamkeit, doch sobald er sich in sie hineinbegab, krochen die Dämonen aus den Ecken. Aber nur dann war er gut. Er musste in Gefahr schweben, wenn er verstehen wollte, worum es ihm beim Schreiben wirklich ging. Vielleicht konnte ihm jetzt etwas Großes gelingen. Der See, die Schönheit. Während man in Deutschland den Verstand verlor.“

(aus Edgar Rai „Ascona“, S.16/17)

In seinem luxuriösen Domizil am See – der Villa Casa Monte Tabor – zieht er sich zurück, erhält mäßig erwünschten Besuch von seiner Ex-Frau Jutta, quält sich mit seinem Roman. Das vermeintliche Paradies empfindet der von Depressionen geplagte Schriftsteller teils als goldenen Käfig abgeschnitten von seinem Publikum.

Doch Ascona füllt sich mehr und mehr, das Who is Who der Künstlerszene beginnt sich dort im Exil zu versammeln: Marianne von Werefkin, Tilla Durieux, Else Lasker-Schüler, Emil Ludwig und viele weitere mehr. Man trifft sich und trinkt gemeinsam im Caffè Verbano, während in Deutschland Hitler Reichskanzler wird, der Reichstag brennt, Remarque’s Bücher öffentlich verbrannt werden, Tucholsky Selbstmord begeht oder 1936 die Olympiade in Berlin stattfindet.

„In Zeiten wie diesen sollte jeder die Chance erhalten, sich durch Menschlichkeit auszuzeichnen.“

(aus Edgar Rai „Ascona“, S.61)

Auch seine besondere Beziehung zu Marlene Dietrich wird thematisiert.
Rai schafft auf gerade knapp 250 Seiten eine wichtige Zeit in Remarque’s Leben einzufangen, indem er gerade die zeitgeschichtlichen Aspekte, die Atmosphäre und die Gefühlswelt des sensiblen Autors sehr stimmig schildert und erfahrbar werden lässt.

Ich habe das Buch regelrecht verschlungen und fast in einem Rutsch gelesen, weil ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte. Spannend und packend geht das Buch unter die Haut und findet die richtigen Worte für die schwermütige, bedrohliche und bedrückende Lage Remarque’s und seiner Künstlerfreunde im Schweizer Exil.

Es wird deutlich, dass trotz des Lebens in Sicherheit und Wohlstand der besorgte Blick ständig auf die Schicksale der Freunde und Kollegen auf der Flucht und die sich stetig verschlechternde Lage in der Heimat gerichtet hat.

„Neuerdings waren alle Gefühle wie unter einem Brennglas vergrößert. Jeder Glücksmoment von überwältigender Schönheit, jede Trauer von schicksalshafter Endgültigkeit. Ein Leben im ununterbrochenen Bewusstsein der Vergänglichkeit, von allem.“

(aus Edgar Rai „Ascona“, S.80)

Gerade der Kontrast der beiden Bücher: die weibliche Sicht und die männliche Perspektive, die sommerliche Leichtigkeit gegen die hadernde Schwermut, das unmittelbare Werk der Zeitzeugin aus dem Jahr 1933 versus dem mit zeitlichem Abstand und der nötigen historischen Distanz einordnenden Autors – das machte für mich den Reiz aus, die Bücher gleich kurz hintereinander im direkten Kontext zu lesen.

Als Gemeinsamkeit lässt sich neben dem Schauplatz sicherlich feststellen, dass ich beide Lektüren als sehr bereichernd empfunden habe und daher uneingeschränkt empfehlen kann. Beide sollten bei einer Reise an den Lago Maggiore nicht im Gepäck fehlen.

Eine weitere, feine Besprechung zu „Die Welt ist blau“ gibt es bei Birgit Böllinger.

Eine weitere, schöne Besprechung zu Egar Rai’s „Ascona“ gibt es bei Sandra von Siebenthal’s Denkzeiten.

Buchinformationen:
Victoria Wolff, Die Welt ist blau
Ein Sommer-Roman aus Ascona
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
AvivA
ISBN: 978-3-932338-89-2

Edgar Rai, Ascona
Piper
ISBN: 978-3-492-07068-3

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Wozu inspirierten bzw. woran erinnerten mich die beiden Ascona-Romane:

Für den Gaumen:
Während die kulinarischen Genüsse in Victoria Wolff’s „Die Welt ist blau“ mit Ravioli à la Bolognese – lediglich der „Nebiolo“ ist schon etwas extravaganter – noch vergleichsweise bodenständig ausfallen, so wird in „Ascona“ geschlemmt:

„Greta, die italienische Köchin, mit dem wiegenden Gang, hatte Ossobuco gekocht. Dazu Safranrisotto. (…) während der Cheval Blanc unangetastet auf dem Sims stand.“

(S.64)

Zum Weiterhören:
In „Ascona“ setzt sich Erich Maria Remarque an den Bechsteinflügel seiner Freunde und spielt Schumann:

„Opus 15, die Kinderszenen, von fremden Ländern und Menschen, G-Dur, so einfach wie wahr. Gebrochene Akkorde füllten die Stille, die Hoffnung auf etwas Schönes.“

(S.65)

Zum Weiterlesen (I):
Bei mir im Regal wartet – aktuell noch ungelesen – Edgar Rai’s Roman aus dem Jahr 2019 „Im Licht der Zeit“ über die Geschichte des Films „Der blaue Engel“, auf den ich mich auch schon freue und den ich ebenso bald lesen möchte. Literarisch wieder einmal abtauchen ins Berlin der späten Zwanziger Jahre und die Welt des Tonfilms. Die Recherchen zu diesem Roman stießen den Autor auch auf die Verbindung von Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque und somit auf den Stoff für „Ascona“.

Edgar Rai, Im Licht der Zeit
Piper
ISBN: 978-3-492-05886-5

Zum Weiterlesen (II):
Und natürlich weckt „Ascona“ auch das Interesse, sich wieder einmal mit dem Werk von Erich Maria Remarque selbst auseinander zu setzen. Vor allem sein Roman „Drei Kameraden“, den ich bisher noch nicht gelesen habe, spielt in Rai’s Roman eine große Rolle.

Erich Maria Remarque, Drei Kameraden
KiWi Taschenbuch
ISBN: 978-3462046311

Zum Weiterlesen (III):
Allen, die sich mehr mit dem Thema Literatur der Dreißiger Jahre und Exilliteratur beschäftigen möchten, kann ich Uwe Wittstock’s großartiges Buch „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ von ganzem Herzen empfehlen, das ich auch schon hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe.

Uwe Wittstock, Februar 33 – Der Winter der Literatur
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-77693-9

Wer hingegen mehr über die Künstlerkolonien (wie z.B. Barbizon, Skagen oder Worpswede) und den Monte Verità erfahren möchte, dem kann Andreas Schwab’s Sachbuch „Zeit der Aussteiger“ eine gute Orientierung geben. Hier geht es zu meiner Rezension.

Andreas Schwab, Zeit der Aussteiger
C.H. Beck Verlag
ISBN: 978-3-406-77524-6

Liebeswirren in dunkler Zeit

Mein Lesejahr hat im Januar sehr stark begonnen: Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“ hat mich absolut begeistert und ist bereits die erste große Leseempfehlung in diesem noch so jungen 2022! Was für ein Auftakt!
Seine „Chronik eines Gefühls 1929-1939“ – so der Untertitel des Sachbuchs – ist ein schillerndes, überbordendes und farbenfrohes Kaleidoskop an Anekdoten, Szenen und Liebesgeschichten dieses Jahrzehnts. Pulsierendes Leben, die tatsächlich oft gar nicht so goldenen Zwanziger, komplizierte Dreiecksgeschichten, große Gefühle, heimliche Affären, Ehekrisen – Liebe und Gefühle allerorten. Und das alles vor der Kulisse des zunehmenden Antisemitismus und des heraufziehenden Nationalsozialismus. Verschlungene Lebenswege, Flucht und Vertreibung, für viele der Weg ins Exil – Florian Illies hat ein wirklich reiches Buch verfasst.

„Niemand hofft 1929 noch auf die Zukunft. Und niemand will an die Vergangenheit erinnert werden. Darum sind alle so hemmungslos der Gegenwart verfallen.“

(S.11)

Man darf die ersten Begegnungen von Simone de Beauvoir mit Sartre erleben, der Familie Mann quer durch Europa folgen, Erich Kästner als den Mann kennenlernen, der letztlich keine Frau seiner Mutter vorzieht, Mäuschen spielen in den Ateliers von Picasso und Dalí – man lacht, weint, leidet und liebt mit den Literaten und Autorinnen, Malern und Künstlerinnen, Schauspielern und Schauspielerinnen – all den kulturellen Berühmtheiten und künstlerischen Stars und Sternchen der damaligen Zeit. Man schüttelt zunehmend den Kopf darüber, wie Helene Weigel die zahlreichen Eskapaden des Gatten Bertolt Brecht erträgt und toleriert, schaut in Südfrankreich in lauen Sommernächten gemeinsam mit den Exilanten hinauf zum Sternenhimmel.

Man lässt sich durch sinnliche Beschreibungen in die Atmosphäre der damaligen Zeit versetzen und besucht so legendäre Institutionen wie das Romanische Café in Berlin oder reist mit Tucholsky zum Schloss Gripsholm in Schweden.

„Das romanische Café in Berlin vibriert jeden Nachmittag und jeden Abend, hier ist der Weltgeist zu Hause in jenen leuchtenden Jahren vor der Verdunkelung, hier wird jeden Abend die Welt zerstört, gerettet und neu zusammengesetzt, hier kann man Kurt Tucholsky sehen und Joseph Roth, Erich Kästner und Max Beckmann, Gottfried Benn und Alfred Döblin, Ruth Langhoff und Claire Waldoff, Vicki Baum und Marlene Dietrich, Lotte Laserstein und Marianne Breslauer, Gustaf Gründgens und Brigitte Helm.“

(S.175)

Illies reiht Schicksalsmomente, Anekdoten und Momentaufnahmen aus den Lebensläufen großer Künstlerinnen und Künstler und der Berühmtheiten der damaligen Zeit wie kleine Schätze aneinander – gleich einer glänzenden Perlenkette.
Unmöglich sich da für eine Lieblingsszene oder einen bestimmten Handlungsstrang zu entscheiden, der einen am meisten berührt. Es ist ein Schwelgen in Opulenz und Vielfalt und es wird klar, dass dieses Jahrzehnt an niemandem spurlos vorübergegangen ist.

Florian Illies, der Kunstgeschichte studiert hat, Feuilleton-Chef der ZEIT war und jetzt deren Mitherausgeber ist, lässt einen die Literatur und auch die Kunstwerke dieser Epoche besser verstehen. So manches Werk sieht man durch den zeitgeschichtlichen Hintergrund nach der Lektüre intensiver und mit anderen Augen.

„Otto Dix malt nun keinen Krieg mehr. Keine Todsünden. Keine Menschen. Er malt verwunschene Täler und sanfte Berge, im Herbst, im Winter und im Frühling. Otto Dix emigriert in die Landschaft.“

(S.276/277)

Die vielen kleinen Szenen, die Illies den Leser entdecken lässt, erinnerten mich an die 360°-Panoramen von Yadegar Asisi. So viele berührende, kleine Szenen, die sich am Ende zu einem großen Ganzen – einem Stimmungsbild dieses entscheidenden und schicksalsträchtigen Jahrzehnts von 1929 bis 1939 – zusammensetzen. Vermutlich wird jedem Leser eine andere Anekdote oder ein anderes Bild besonders im Kopf bleiben – aber man darf versichert sein, dass der Autor jeden erreicht.

Er beschreibt Momente, die sich einbrennen, unter die Haut gehen und gerade aufgrund ihrer Menschlichkeit und Authentizität das Zeitgefühl besonders gut vermitteln und somit nachhaltiger im Gedächtnis bleiben als jede Jahreszahl in den herkömmlichen Geschichtsbüchern.

Illies ist ein Wortzauberer und Poet – sein Sachbuch ist sprachlich ein Genuss und strotzt vor klugen, raffinierten Formulierungen, die man sich gerne mehrfach und immer wieder auf der Zunge zergehen lassen möchte. Das ist ein ästhetischer Genuss und einfach wunderschön zu lesen.

„Liebe in Zeiten des Hasses“ ist Inspiration pur, weckt die Lust, weiterzulesen, ins Museum zu gehen, Bilder anzusehen, Theatervorstellungen zu besuchen und natürlich zu lesen, zu lesen und zu lesen. Am Ende hat sich meine Lesewunschliste enorm verlängert und würde wohl für dieses und die nächsten Jahre reichen. Wenn ein Sachbuch das schafft, finde ich das einfach nur grandios und großartig.

„Doch man kann kein Licht entdecken, solange man die Dunkelheit analysiert.“

(S.270)

Mit Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“ eröffne ich den Reigen meiner „22 für 2022“ – Punkt Nummer 4) auf der Liste: Ich möchte ein Sachbuch lesen – ist hiermit erfüllt. Und was für ein Sachbuch – aktuell Platz 1 der SPIEGEL Sachbuch Hardcover Bestsellerliste – und in diesem Fall auch absolut verdient.

Buchinformation:
Florian Illies, Liebe in Zeiten des Hasses – Chronik eines Gefühls 1929-1939
S. Fischer
ISBN: 978-3-406-77693-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“:

Für den Gaumen (I):
Die jüdische Ärztin Charlotte Wolff – eine Freundin Walter Benjamin’s – flieht 1933 nach Frankreich. Während der quälenden Zugfahrt fürchtet sie ständig, verhaftet zu werden. In Paris angekommen, kann sie ihr Glück kaum fassen und feiert es mit einem Frühstück:

„Noch leicht benommen geht sie in ein kleines Café auf dem Boulevard Saint-Michel und bestellt voll Glück ihr erstes französisches Frühstück: ‚Café au lait et une tartine‘.“

(S.239)

Für den Gaumen (II):
Wenn in einem Buch etwas von Bowle vorkommt, werde ich natürlich hellhörig bzw. schaue ich da als Gastgeberin der Kulturbowle ganz genau hin.
Als die ganze Exilgemeinde sich in Sanary versammelt, wird mit Bowle gefeiert – in manchen Fällen auch ein wenig zu exzessiv:

„Als sich Nelly Kröger zum fünften Mal von der Bowle nimmt und zu torkeln beginnt, schlägt Heinrich Mann vor, doch langsam nach Hause zu gehen.“

(S.249)

Zum Weiterhören:
Der Liederdichter Bruno Balz schrieb mit am Soundtrack dieser Zeit und den berühmtesten Stars schneiderte er die großen Hits auf den Leib: für Heinz Rühmann „Ich brech die Herzen der stolzesten Frau’n“ und für Zarah Leander „Kann denn Liebe Sünde sein?“

Zum Weiterlesen (I):
Florian Illies bezeichnet „Hintergrund für Liebe“ von Helen Wolff, den ich letzten Sommer hier auf der Kulturbowle rezensiert habe, als einen „der bezauberndsten Romane, der je über Südfrankreich geschrieben wurde.“ Eine Meinung, die ich uneingeschränkt mit ihm teile:

Helen Wolff, Hintergrund für Liebe
Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen
Weidle
ISBN: 9783938803967

Zum Weiterlesen (II):
Letztes Jahr habe ich ein ähnlich faszinierendes Buch von Uwe Wittstock hier auf der Kulturbowle vorgestellt. Es behandelt einen kürzeren Zeitraum, ist aber eine nicht minder intensive Leseerfahrung. Wer Freude und Interesse an zeit- und literaturgeschichtlichen Sachbüchern und einem stimmig zusammengestellten Zeitenpanorama, sowie dem Schicksal der Literaten im schicksalsträchtigen Winter 1933 hat, dem sei „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ ebenfalls sehr ans Herz gelegt.

Uwe Wittstock, Februar 33 – Der Winter der Literatur
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-77693-9

Schwimmende Veränderungen

Die Schwimmerin“, welche den Untertitel „Roman aus der Gegenwart“ trägt, erschien im Jahr 1937 in Zürich. Über viele Jahrzehnte geriet dieses Werk in Vergessenheit. Schön, dass der Weidle Verlag dieses literarische Zeitdokument Theodor Wolff’s, der bisher vor allem für seine journalistische Tätigkeit als Chefredakteur des Berliner Tageblatts bis 1933 und als Namensgeber für einen der renommiertesten deutschen Journalistenpreise bekannt ist, jetzt wieder der interessierten Öffentlichkeit zugänglich macht.

Das Buch ist nicht nur optisch ein Genuss – in wunderbarem Retro-Design mit dem Originalschriftzug und einer neuen Illustration von Kat Menschik für das Titelbild – sondern offenbart sich auch als literarisch und zeitgeschichtlich hochinteressante Lektüre.

Der Bankier und Lebemann Ulrich Faber begegnet als Gast auf einem sommerlichen Gartenfest einem jungen Mädchen, das sich kämpferisch und rabiat gegen die Übergriffe zweier älterer Jungen wehrt. Es ist Gerda Rohr, die Tochter eines Dienstangestellten des Hauses und die Szene brennt sich in sein Gedächtnis. Doch Faber ahnt noch nicht, dass sich ihre Wege einige Jahre später erneut kreuzen werden.

„Nur ein Erlebnis haftete länger im Gedächtnis: das ungeheure und groteske Schneetreiben der Inflation, in dem Flocken des ersparten Vermögens bacchantisch in der Luft herumwirbelten und dann, in die Gosse niederfallend, gar nichts mehr waren, zu einem Nichts zerrannen.“

(S.43/44)

Weimarer Republik – Berlin in den Zwanziger Jahren – Gerda Rohr mittlerweile zu einer ehrgeizigen, jungen Dame von 17 Jahren herangewachsen, trifft erneut auf den deutlich älteren Faber. Sie bittet ihn um Hilfe. Er besorgt ihr eine Anstellung und sie beginnt in der Bank zu arbeiten, die er vor kurzem verlassen hat. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Beziehung. Sie treffen sich regelmäßig, Faber fördert und beschenkt sie mit dem steten, aber unerfüllten Wunsch nach einem Liebesverhältnis. Obgleich sie in der Bank schnell als Protegé gilt, steigt sie aufgrund ihrer Strebsamkeit und schnellen Auffassungsgabe zügig auf.

Politisch und wirtschaftlich sind die Zeiten turbulent und so treibt es das ungleiche Paar auseinander. Vergessen kann Faber sie auch im französischen Exil, in welches er sich verabschiedet, nicht. Doch die allzu großen Unterschiede und die dunkler werdenden Zeiten halten für die beiden kaum Chancen für ein Happy End bereit.

„Für Menschen seiner Art konnte es vielleicht eine einheitliche Weltanschauung gar nicht mehr geben – das war früher möglich gewesen, bevor es sich zeigte, daß Sterne, an deren Ewigkeit man schon geglaubt hatte, ausgelöscht werden können, als wären sie nur Nachtlämpchen gewesen, und bevor neue Probleme zu dem Mittelpunkt wurden, um den nun alles kreist.“

(S.297)

Der Roman bietet ein Füllhorn an Themen und Aspekten, welche nennenswert sind. So ist es eine Liebesgeschichte und ein Werk über eine Beziehung mit großem Altersunterschied ebenso wie eine politische Analyse der Entwicklungen zum Ende der Weimarer Republik und über das Leben im Exil. Es kann als Zeitzeugenbericht und als Berlin-Roman gelesen werden – all das gepackt auf ca. 320 Seiten – ein vielschichtiges und tiefgründiges Stück Literatur.

Vor allem die bildhafte und ausdrucksstarke Sprache Wolff’s mochte ich sehr, auch wenn sie beim Lesen etwas Konzentration erfordert. Das verwendete Vokabular ist sicher nicht mehr das der heutigen Gegenwart und doch machte gerade das für mich auch einen nicht unerheblichen Teil des Charmes dieses Romans aus: da findet Faber so manches „drollig“ oder Männer besitzen eine „gutgemeißelte Stirn“ und „ein Kinn ohne weichliche Fleischlichkeit“ (S.6). Der Wortschatz des Autors scheint in vielen Aspekten reicher als heute zu sein und ermöglicht es ihm, sehr präzise und genau zu beschreiben. So gelingen ihm mit spitzer Feder und wachem Auge sehr treffende Personenbeschreibungen und Charakterisierungen, die ich in solcher Detailliertheit und Pointiertheit selten gelesen habe.

Liest man das Buch zudem wachsam im Kontext zur heutigen Zeit, ist es bemerkenswert, mit welchem Scharfsinn, welcher Weitsicht und Allgemeingültigkeit Theodor Wolff politische Strömungen und menschliche Verhaltensweisen festgehalten hat, welche auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

„Der alte Gedankenplunder kommt nun auf den Müllhaufen, aber ein paar von den schönen Worten kann man vielleicht noch als Etikette benutzen, die werden dann auf Flaschen mit ganz anderem Inhalt geklebt.“

(S.194)

Als sehr wertvoll und erhellend empfand ich auch das Nachwort von Ute Kröger, welche den Roman in die Biografie Theodor Wolff’s und das Zeitgeschehen einordnet. So erfährt man mehr über die realen Vorbilder, die hinter den Romanfiguren standen, und das Leben und Werk des jüdischen Publizisten und Autors, welcher 1943 nach Verhaftung, verschiedenen Lagern und politischer Gefangenschaft schwer krank im Berliner Jüdischen Krankenhaus verstorben ist.

Der letzte von Wolff verfasste Leitartikel zur bevorstehenden Reichstagswahl im März 1933 endete mit den Worten: „geht hin und wählt!“
Passender könnte es wohl an einem solchen Wahlwochenende kaum sein.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Weidle Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Theodor Wolff, Die Schwimmerin
Weidle
ISBN: 978-3-949441-00-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Theodor Wolff’s „Die Schwimmerin“:

Für den Gaumen:
Das vornehme Essen, zu welchem Herr Faber seine Angebetete einlädt, kann diese nur mäßig beeindrucken und genießen – es gibt Horsd’œuvre, d.h. kleine Vorspeisen oder Appetithäppchen, doch sie „nahm von der Platte (…) nur eine Sardine und ein bißchen Tomatensalat“ (S.124). Dazu gibt es Chablis.

Zum Weiterhören:
Die Entwicklung des Romans und das Verdüstern der Atmosphäre und politischen Zeit, spiegelt sich auch in den musikalischen Anspielungen Wolff’s wider. Ertönen beim frohgemuten Sommerempfang zu Beginn des Romans, als Faber der kleinen Gerda Rohr zum ersten Mal begegnet, noch gefällige Wagner-Arien (die Gralserzählung aus dem „Lohengrin“ oder das Preislied Walter Stolzings aus den „Meistersingern“), so denkt Faber in seinem späteren Exil vermehrt an düstere Klänge:

„Immer stieg zwischen allen herumschweifenden Gedanken die Erinnerung auf, wie in der „Unvollendeten“ Schuberts die eine Melodie, sich wellenlinig aus der Flut der Töne heraushebend, immer wiederkehrt.“

(S.261)

Zum Weiterlesen:
Vor ein paar Monaten habe ich hier auf der Kulturbowle „Hintergrund für Liebe“ von Helen Wolff vorgestellt – der gleiche Nachname, ebenfalls aus dem Weidle Verlag, ähnliche Zeit, ebenso eine Liebesgeschichte – da gibt es Parallelen und doch hat diese aus weiblicher Sicht erzählte Geschichte einen völlig anderen, sommerlich-luftigeren Charakter als „Die Schwimmerin“.

Helen Wolff, Hintergrund für Liebe
Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen
Weidle
ISBN: 9783938803967

Abschiede in Eiseskälte

Uwe Wittstock hat mit „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ den Beweis angetreten, dass Sachbücher den Leser fesseln können und die Geschichte eines der dunkelsten Monate in der deutschen Geschichte auf packende und intensive Weise auf nicht ganz 300 Seiten konzentriert. Wenige Wochen, die für viele Intellektuelle und Schriftsteller*innen im Land alles veränderten – die Abkehr von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit hin zu einer Diktatur, welcher viele Literaten und Literatinnen binnen weniger Wochen den Rücken kehrten. Die neuen Machthaber zwangen sie ins Exil. Das Zeitfenster für eine mögliche Flucht war meist nicht groß.

Wittstock zeichnet diese entscheidenden Tage des Februar 1933 nach, skizziert die wichtigsten politischen Ereignisse und Veränderungen – Machtergreifung, Reichstagsbrand, Straßenkämpfe. Er erzählt Anekdoten und Szenen aus dem Leben zahlreicher Autoren und Autorinnen, wie z.B. den Manns, Bertolt Brechts, Else Lasker-Schülers, Alfred Kerrs, Ricarda Huchs, Carl Zuckmayers und vieler anderer mehr nach und lässt ein atmosphärisches Bild der damaligen Zeit entstehen. Ein kalter Winter, in dem eine schwere Grippewelle in Berlin und dem ganzen Land wütet – Schulen werden geschlossen.

Schritt für Schritt und Kapitel für Kapitel beschreibt er, wie vielen nach und nach klar wird, dass sie in diesem Land keine Zukunft mehr haben werden und daher beginnen, ihre Flucht zu planen und in die Tat umzusetzen.
Protokollarisch in Form von kurzen Notizen am Ende der Kapitel, die jeweils einem Tag gewidmet sind, macht er zudem klar, wie viele Menschen damals tagtäglich ihr Leben bei politischen Auseinandersetzungen verloren.
Wie ein Teppich weben sich die unterschiedlichen Fäden und Szenen ineinander und machen dem Leser die Dramatik und das Überschlagen der Ereignisse klar.

Die schriftstellerische Elite verlässt ihre Heimat und flieht ins Ausland.
Heinrich Mann macht sich lediglich mit einem Handkoffer und einem Schirm auf den Weg in eine neue Zukunft:

„Er legt seinen Pass vor, die Männer studieren ihn gründlich, dann winken sie ihn durch. Gleich darauf dasselbe noch einmal bei den französischen Grenzern. Als er das andere, das linksseitige Rheinufer betritt, kann er aufatmen, er ist in Sicherheit. Deutschen Boden wird er bis zu seinem Tod nie wieder betreten.“

(S.164)

Manche wissen nicht, dass es ein Abschied für immer sein wird. Denn einige werden Deutschland nicht wiedersehen. So mancher glaubt, der böse Spuk wäre bald wieder vorbei und täuscht sich leider gewaltig.

„Für die Zerstörung der Demokratie brauchten die Antidemokraten nicht länger als die Dauer eines guten Jahresurlaubs. Wer Ende Januar aus einem Rechtsstaat abreiste, kehrte vier Wochen später in eine Diktatur zurück.“

(S.271)

Der Autor zeichnet ein großes Gemälde, beleuchtet viele Lebensläufe von Autorinnen und Autoren und macht unmissverständlich klar, dass es sich nicht um Einzelschicksale handelte. Viele Wege führten und endeten im Exil, auch wenn deutlich wird, dass sich nicht jeder gleich schnell für diesen Weg entschloss.

Wer aufmerksam liest, wird beängstigt auch so manche Parallele zur heutigen Zeit erkennen können. Daher ist dieses Buch auch ein wichtiges Werk mit einer klaren Botschaft: Demokratien können in kürzester Zeit zu Diktaturen werden.

Viele Bücher von Autoren, deren Schicksal Wittstock beschreibt, warten auf meinen Lesestapeln schon einige Zeit darauf gelesen zu werden: u.a. Werke von Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf, Irmgard Keun oder Vicki Baum – um nur einige zu nennen. Vieles habe ich über die Jahre auch schon gelesen, aber die Vielfalt und der Reichtum der deutschen Literatur dieser Schriftstellergeneration, die mit all ihrer Kreativität und Intelligenz damals der Heimat den Rücken kehrte, ist so umfangreich und dicht, dass es faszinierend ist, sich dies durch diese Lektüre wieder einmal bewusst zu machen.

Und einige Werke und Autoren sind zusätzlich auf meine Wunsch- und Leseliste gewandert – ein anregendes und inspirierendes Buch, welches das ohnehin schon vorhandene Interesse an Literatur dieser Zeit noch zusätzlich verstärkt und vergrößert.

Ein hochinteressantes, spannendes und hervorragend geschriebenes Werk, das einen lebhaften und intensiven Eindruck dieser wenigen Wochen gibt, in welchen sich alles veränderte. Lebensplanungen wurden auf den Kopf gestellt, Hab und Gut sowie Familie und Freunde zurückgelassen. All dies so eindrücklich und intensiv vor Augen geführt zu bekommen, macht auch viele Jahrzehnte danach noch fassungslos. Geschichts- und Literaturinteressierte werden dieses Buch sehr zu schätzen wissen – ein großartiges, aufwühlendes Werk, das anhand dramatischer Lebenssituationen, Anekdoten und Szenen ein Stimmungsbild dieses Winters 1933 zeichnet, das sich einbrennt und unter die Haut geht.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H.Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Uwe Wittstock, Februar 33 – Der Winter der Literatur
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-77693-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Uwe Wittstock’s „Februar 33 – Der Winter der Literatur“:

Zum Weiterhören:
Bertolt Brecht’s und Kurt Weill’s „Dreigroschenoper“, die 1928 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführt wurde, ist für mich Musik, die ich sofort mit dieser Zeit verbinde. Mackie Messer war im Februar 33 noch keine fünf Jahre alt. Auch Brecht’s und Helene Weigel’s Flucht, die zunächst sogar die Tochter zurücklassen mussten und erst später wieder zu sich holen konnten, wird von Wittstock beschrieben.

Zum Weiterlesen (I) oder für den nächsten Theaterbesuch:
Wenn wir schon einmal dabei sind, bleiben wir bei Bertolt Brecht:
Eines der letzten Stücke, das ich vor dem Ausbruch der Pandemie im Landestheater Niederbayern noch live sehen konnte, war „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. 1941 im finnischen Exil verfasst, ist es die Parabel und das Theaterstück über die Machtergreifung und den Reichstagsbrand schlechthin.

Bertolt Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui
Edition Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-10144-5

Zum Weiterlesen (II):
Wittstock’s Buch ist so reich an literarischen Anregungen, dass die Leseliste sich durch die Lektüre erneut enorm verlängert hat. Mir bisher unbekannt, aber mein Interesse geweckt hat unter anderem das Theaterstück „Der fröhliche Weinberg“ von Carl Zuckmayer.

Carl Zuckmayer, Der fröhliche Weinberg – Theaterstücke 1917-1925
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3596127030