Finnische Schwermut

Der Finne Tommi Kinnunen hat mit „Das Licht in deinen Augen“ einen einfühlsamen, tiefgründigen und melancholischen Familienroman geschrieben, der schildert, was es bedeutet, Außenseiter zu sein und einer Minderheit anzugehören.

2021 – ein neues Jahr – ein neues Projekt: Heute beginne ich mit meiner „Literarischen Europareise“ oder meiner „Europabowle“. Schritt für Schritt möchte ich exemplarisch aus jedem Mitgliedsland der Europäischen Union (ich beginne einfach mal mit diesen 27 Ländern, die dann später sicherlich auch noch mit den Nicht-EU-Ländern erweitert werden können) ein literarisches Werk lesen. Die Autorin oder der Autor sollte aus dem jeweiligen Land stammen und die Romanhandlung sollte im jeweiligen Land angesiedelt sein.

Keine Angst! Ich werde mich jetzt nicht in den nächsten Monaten non-stop durch diese Länder-Liste arbeiten, sondern von Zeit zu Zeit das eine oder andere Land literarisch bereisen – ohne festen Zeitplan, ohne Zeitdruck. Der Weg ist das Ziel und wir werden sehen, wie lange diese Reise dauern wird. Der Anreiz für mich besteht darin, dass ich mich neben meinen literarischen Komfortzonen so auch einmal mit der Literatur und Autor*innen aus Ländern beschäftige, die bisher vielleicht noch nicht oder zumindest noch nicht häufig auf meiner Leseliste standen. Europa ist reich an Vielfalt und Kultur, das soll durch diese „Literarische Europareise“ zum Ausdruck kommen.

Doch jetzt zu meiner ersten Station: Finnland – und zurück zum Buch:
Ein einsames Dorf im Norden Finnlands in den Fünfzigerjahren: Kälte, Armut und harte, körperliche Arbeit prägen den Alltag. Die junge Helena hat bereits früh das Augenlicht verloren und findet sich mit Hilfe ihrer Familie und der vertrauten Umgebung im Wesentlichen zurecht. Durch ihr ausgeprägtes Gehör hat sie auch eine außergewöhnliche Begabung für die Musik und Klänge haben für sie eine besondere Bedeutung. Als die Eltern entscheiden, sie auf eine Blindenschule im fernen Helsinki zu schicken, um ihr eine bessere Ausbildung zu ermöglichen, beginnt für sie ein neues Leben.

„Es gibt zweierlei Menschen, solche, die gehen, und solche, die bleiben. Diejenigen, die gegangen sind, sehnen sich immer nach dem Ort zurück, von dem sie sich losgerissen haben. Sie kommen zu Besuch, erzählen von den Wunderlichkeiten des Lebens und hoffen zugleich, dass die Daheimgebliebenen sich nie verändern.“

(S.95)

Fernab von der Familie, auf sich allein gestellt, ertastet und erarbeitet sich die blinde junge Frau ihren eigenen Weg ins Leben, der alles andere als einfach ist. Sie studiert Klavier und Musik am Sibelius-Institut, verliebt sich, heiratet. Um Geld zu verdienen, gibt sie die künstlerische Seite ihrer musikalischen Begabung auf und arbeitet letztlich als Klavierstimmerin. Ihre Ehe bleibt kinderlos und scheitert. Ein Lebensweg voller Schicksalsschläge und Desillusion.
Kinnunen schildert in vielen Szenen die Diskriminierung und die Benachteiligung, die Helena durch ihre Sehbehinderung erfahren muss, worauf sie verzichten muss und wie unbedacht und rücksichtslos manche Menschen mit ihr umgehen. Es schmerzt stellenweise regelrecht, das zu lesen.

Gleiches gilt für ihren Neffen Tuomas, der erst nach und nach zu seiner Homosexualität stehen kann und lange braucht bis er auch seiner Familie davon erzählen kann. Tuomas ist die zweite große Hauptfigur des Romans – der Autor wechselt zwischen Szenen aus seinem und Helenas Leben ab. Tuomas, der in den 90er Jahren ebenfalls seiner nordfinnischen Heimat den Rücken kehren muss, um in der Anonymität der Großstadt und fernab der Beobachtung durch die Familie eine Chance zu bekommen, seine Sexualität leben zu können. Ebenfalls ein steiniger Weg und auch hier entwirft Kinnunen das Bild eines Suchenden, der lange braucht, mit seiner Situation und seinem „Anders“-Sein zurecht zu kommen und seinen Platz in der Gesellschaft zu finden.

Beeindruckt haben mich die ergreifenden und intensiven Schilderungen Kinnunen’s, die versuchen, einen Einblick zu geben, was es bedeutet, blind zu sein. Helenas Welt ohne Licht, die überall lauernden Gefahren, das vorsichtige Vorantasten und die stets erforderliche Vorsicht sowie die Abhängigkeit von der Unterstützung und Hilfe anderer Menschen.

Der Autor hat ein vielschichtiges, gefühlvolles, aber auch tieftrauriges und schwermütiges Buch geschrieben. Ein großer Familienroman, der die Zeitspanne zwischen den Fünfziger Jahren bis in die Gegenwart abdeckt und viele Facetten und große Emotionen bietet. Leider wird kaum eine Figur wirklich glücklich und jedes Familienmitglied hat sein eigenes persönliches, schweres Schicksal zu tragen.
Selbstmord, Alkoholismus, Depressionen, AIDS, scheiternde Beziehungen – viele ernste und schwerwiegende Themen, die der Finne in dieser Familiengeschichte anpackt und behandelt.

„Aus dieser Familie sollte man kein Kartenspiel machen, denn es gäbe zu viele Schwarze Peter.“

(S.301)

Man darf sich nicht vom Titel „Das Licht in deinen Augen“ in die Irre führen lassen, der eher zu einer Liebesgeschichte passen würde und den ich daher persönlich nicht als perfekt gewählt empfunden habe (der Originaltitel „Lopotti“ bezeichnet in russischem Dialekt ein „abgelegenes Dorf“).

Es ist keine leichte Kost, die uns hier aus Finnland erreicht, sondern ein dunkles und intensives Buch in einer schönen Sprache übersetzt von Gabriele Schrey-Vasara mit viel Stoff zum Nachdenken und Reflektieren – ein Buch über vermeintliche Außenseiter, deren Ausgrenzung durch die Gesellschaft und die Sehnsucht nach einem freien und selbstbestimmten Leben. Ein Buch, das man nicht zu jeder Zeit und nur in einer stabilen Gemütsverfassung lesen sollte. Ein Buch, das es einem Leser nicht einfach macht und das man ertragen können muss – in all seinem Schmerz und all der geschilderten Ungerechtigkeit.

Der Roman ist der zweite Band, den Tommi Kinnunen über die Familiengeschichte der Löytövaara’s geschrieben hat, lässt sich jedoch auch ohne Weiteres gut lesen, wenn man den ersten Teil „Wege, die sich kreuzen“ nicht kennt.

Eine weitere Besprechung des Romans findet sich bei Literaturreich.

Buchinformation:
Tommi Kinnunen, Das Licht in deinen Augen
Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara
Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-60078-7

© Penguin Verlag

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Das Licht in deinen Augen“:

Für den Gaumen:
Wenn ich Finnland höre, denke ich kulinarisch in erster Linie an frischen Fisch.

Zum Weiterhören:
Für die musikalische Finnlandreise empfehle ich Jean Sibelius (1865 – 1957) mit seiner Karelia Suite oder der sinfonischen Dichtung Finlandia. Aber auch sein Andante Festivo für Streichorchester ist wunderschöne Musik zum Schwelgen. In Kinnunen’s Roman studiert Helena am renommierten Sibelius-Institut Musik und arbeitet später als Klavierstimmerin.

Zum Weiterlesen:
Vom einzigen finnischen Literaturnobelpreisträger Frans Eemil Sillanpää – er erhielt die Auszeichung 1939 – habe ich bisher noch nichts gelesen und ich habe offen gestanden erst durch meine Recherche für diesen Beitrag von ihm erfahren. Für mich war die Finnland-Lektüre bisher häufig mit Krimis verbunden, so zum Beispiel die Arto-Ratamo-Reihe von Taavi Soininvaara oder die Maria Kallio-Krimis von Leena Lehtolainen. Anbei jeweils die Auftakt-Bände zu den beiden Serien:

Taavi Soininvaara, Finnisches Blut
Übersetzer: Peter Uhlmann
Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-2282-8

Leena Lehtolainen, Alle singen im Chor
Übersetzerin: Gabriele Schrey-Vasara
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-23090-5