Preußlers Geschichte hinter den Büchern

Die Werke Otfried Preußler’s begleiten mich bereits seit frühester Kindheit und sind fester Bestandteil meines Leselebens. Daher war für mich sofort klar, dass ich die gerade erschienene Biographie „Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre“ des Literaturprofessors Carsten Gansel unbedingt bald lesen möchte. Eine hochinteressante, brilliant recherchierte und tiefgründige Lektüre, die mir eine völlig neue Perspektive auf die geliebten Bücher meiner Kindheit eröffnet und mir den Menschen Otfried Preußler näher gebracht hat.

Gansel beschreibt die Kindheit und Jugend Preußlers im böhmischen, sudetenländischen Reichenberg (dem heutigen tschechischen Liberec) und auch die Geschichte der Eltern: die des Vaters, der als Lehrer zugleich auch als Sammler ein umfangreiches Archiv an Sagen und Erzählungen des Isergebirges zusammengetragen hatte, das er jedoch durch die Vertreibung 1945 vollständig verlor und auch die der Mutter – ebenfalls Lehrerin, die ihren Sohn schon früh dazu ermutigte, mit der Sprache zu spielen.

„Meine Mutter hat mich auf spielerische Weise begreifen gelehrt, welche herrlichen und überraschenden Möglichkeiten die deutsche Sprache für denjenigen bereithält, der sie zu handhaben versteht – und zwar richtig zu handhaben.“

(S.109, Zitat aus Otfried Preußler: Ich bin gern in die Schule gegangen)

Die Liebe zu Sprache und Literatur, zur Tradition des Geschichtenerzählens und zum Theater haben die Eltern an ihren Sohn weitergegeben – ein Geschenk, das ihm zeit seines Lebens wertvolle Dienste erweisen wird.

Die Zeit als Soldat im zweiten Weltkrieg und die fünfjährige, russische Kriegsgefangenschaft haben Preußler nachhaltig geprägt. Stütze und Halt während der Gefangenschaft gaben ihm die Gedanken an seine Familie und seine Verlobte Annelies, sowie seine Erinnerungen an Sagen, Bücher und Literatur im Allgemeinen, die er aus Jugendzeiten kannte sowie an Theaterstücke und Theateraufführungen, die er früher in seiner Heimatstadt Reichenberg gesehen hatte.

Schnell wurde er im Lager für das Erstellen von Wandzeitungen und später auch für das Verfassen und Einstudieren von Theaterstücken eingesetzt. Das Schreiben war seine Rettung.

„Dass das Schreiben mit ein Weg ist, um mit der existenziellen Situation der Gefangenschaft zurechtzukommen, trifft ganz besonders für Otfried Preußler zu, der Ende August 1945 vom Kriegsgefangenenlager Jelabuga auf einen Transport geht. Was das Ziel der Verbringung ist, das weiß er zu diesem Zeitpunkt nicht.“

(S.252)

Erst 1949 konnte er nach fünfjähriger Gefangenschaft zwar nicht in seine Heimatstadt Reichenberg, aber zu seiner Familie und seiner Verlobten, die all die Jahre auf ihn gewartet hatte, zurückkehren. Diese hatte sich mittlerweile im bayerischen Rosenheim angesiedelt.
Um Frau und später auch Kinder versorgen zu können, absolvierte Preußler eine Ausbildung zum Volksschullehrer und begann zu unterrichten. Nebenbei arbeitete er jedoch stets als Schriftsteller und Journalist.

Otfried Preußler schrieb später gegen die Traumata des Krieges und der russischen Kriegsgefangenschaft an – zunächst durch heilsame Bücher wie „Der kleine Wassermann“ oder „Die kleine Hexe“, die ihm halfen auszublenden.
Erst bei seinem „Krabat“ begann er mit der tatsächlichen literarischen Auf- und Verarbeitung der Kriegsvergangenheit. Das Schreiben dieses Werkes kostete ihn viel Kraft, beeinträchtigte sogar seine Gesundheit und zog sich wohl auch aufgrund der nervenaufreibenden und psychologisch schwierigen Auseinandersetzung mit der Thematik über viele Jahre hin.

„Der ‚Krabat ist ein so großartiger Stoff, das merke ich mit jeder neuen Seite deutlicher, daß ich ihn auf keinen Fall hinschludern, sondern ihn mit Liebe und Sorgfalt in Ruhe zu Ende bringen möchte.‘ “

(S.469, Zitat Otfried Preußler)

Hatte er bereits 1959 mit dem Krabat-Stoff begonnen, konnte er diesen doch letztlich erst für ein Erscheinen im Jahr 1971 fertigstellen.

Ich habe viel über die Lebensgeschichte des von mir sehr verehrten Autors gelernt, verstehe nun die Antriebskraft, die Motivation und die Hintergründe seiner Werke, die mich schon nahezu mein ganzes Leben begleiten, besser und sehe seine zeitlosen Kinder- und Jugendbuchklassiker noch einmal in völlig neuem Licht.
Otfried Preußler liebte Kinder und wollte ihnen ein positives, lebensbejahendes Weltbild mit moralischen Werten und Tugenden vermitteln – gleichsam ein Fundament für ein glückliches, erfülltes und friedliches Leben schaffen.

Die Biographie enthält neben frühen Gedichten Otfried Preußlers auch zahlreiche bisher unveröffentlichte Texte, die nun zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Carsten Gansel ist Professor für Neuere Deutsche Literatur und Mediendidaktik in Gießen und somit ist klar, dass sein Werk über Otfried Preußler nicht nur der Unterhaltung und Information der Leserschaft dient, sondern auch jeglichen literaturwissenschaftlichen Ansprüchen (mit umfangreichen Querbezügen, Kommentierungen und Quellenangaben etc.) genügt.
Er hatte während seiner Recherchen Zugang zu russischen Geheimdienst- und Militärarchiven, was vermutlich aktuell in der jetzigen Zeit nicht mehr möglich wäre, und konnte so völlig neue Erkenntnisse über die Jahre gewinnen, die Otfried Preußler in russischer Kriegsgefangenschaft und in Lagern wie Jelabuga und Kasan verbrachte.

Gansel beschreibt, dass Preußler nach diesen Erfahrungen Zeit seines Lebens keine Waffe mehr berührt hat – nicht einmal auf dem Rosenheimer Herbstfest, um für seine Töchter die von diesen heiß begehrten Rosen zu schießen.

Ich denke, viele deutsche Leserinnen und Leser meiner Generation haben bereits in frühester Kindheit einen ersten und prägenden Zugang zur Literatur unter anderem durch die Bücher Otfried Preußler’s erhalten: Ich habe lebhafte Erinnerungen daran, „Die kleine Hexe“ oder „Das kleine Gespenst“ im Kindergarten vorgelesen bekommen zu haben und auch die Theateraufführung im Landshuter Stadttheater von „Räuber Hotzenplotz“ als eines meiner ersten und unvergesslichen Theatererlebnisse trage ich tief in meinem Herzen.
Noch heute habe ich Freude an seinem Werk und so habe ich mit kindlicher Begeisterung auch den Livestream der Aufführung der „kleinen Hexe“ des Landestheater Niederbayern im vergangenen Winter angeschaut und genossen.

Wer also mehr über Otfried Preußlers Leben und die Geschichte hinter den geliebten Geschichten erfahren möchte, dem kann ich Carsten Gansel’s Buch wärmstens empfehlen, das zudem leider aktueller kaum sein könnte und auch als flammender Appell gegen Krieg und Gewalt und für den Frieden verstanden werden kann.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Galiani Berlin Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Carsten Gansel, Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre
Galiani Berlin Verlag
ISBN: 978-3-86971-250-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Carsten Gansel’s „Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre“:

Zum Weiterlesen (I):
Kenne ich tatsächlich den „Räuber Hotzenplotz“, „Die kleine Hexe“ und „Das kleine Gespenst“ sehr gut, ist mir bisher wohl „Der kleine Wassermann“ am wenigsten begegnet. Vielleicht eine schöne Gelegenheit, wieder ein Mal in Preußler’s Welt abzutauchen – für gute Bücher ist man schließlich nie zu alt.

Otfried Preußler, Der kleine Wassermann
Thienemann-Esslinger Verlag
ISBN: 978-3-522-18363-5

Zum Weiterlesen (II):
Vor einiger Zeit habe ich „Krabat“ ein zweites Mal gelesen. Eine Lektüre, die sich jedoch immer wieder lohnt. Gerade jetzt – mit dem neuen Wissen aus Gansel’s Buch im Hintergrund – sollte ich das wohl auch nochmal für eine weitere Wiederholung ins Auge fassen, schließlich sind aller guten Dinge ja bekanntlich drei.

Otfried Preußler, Krabat
Thienemann-Esslinger Verlag
ISBN: 978-3-522-20234-3

Blick hinter den Vorhang

Ein Theaterroman – das ist für mich die perfekte Verbindung zweier Leidenschaften, die mich magisch anziehen: Theater und Literatur. Kein Wunder also, dass ich Klaus Pohl’s „Sein oder Nichtsein“ unbedingt sofort lesen und hier auf der Kulturbowle vorstellen wollte.

1999 versammelte der große Theaterregisseur Peter Zadek das damalige „Who is who“ des deutschen Theaters um sich und studierte in Straßburg Shakespeare’s „Hamlet“ mit ihnen ein, der später auch auf den Wiener Festwochen aufgeführt werden sollte. Die Hauptrolle besetzte er mit einer Frau: Angela Winkler. Der Autor des Romans Klaus Pohl spielte den Horatio, Ulrich Wildgruber war Polonius, Eva Mattes Gertrud, Otto Sander König Claudius und Uwe Bohm gab den Laertes, um nur einige zu nennen. Eine wahrhaft hochkarätige Schauspielerriege, welche während der intensiven Probenzeit mehr als einmal an ihre Grenzen und darüber hinaus geführt wurde. Die Inszenierung wurde damals ein überwältigender Erfolg und zog auch aufgrund der skandalumwitterten Probenzeit und des Staraufgebots große Aufmerksamkeit auf sich.

Klaus Pohl führte damals ein ausführliches Tagebuch, das er nun in einen interessanten und kunstvollen Roman überführt hat. So kann man 22 Jahre später noch einmal hautnah am Probengeschehen teilhaben, ein wenig (Theater)mäuschen spielen und ist dabei, wenn geliebt, gehasst, gestritten und gehadert wird.
Seinen zum Teil mittlerweile verstorbenen Kollegen wie Ulrich Wildgruber oder Otto Sander setzt der Autor somit ein literarisches Denkmal.

„Ich kann alles sein, dachte er. Ich habe ein solches Gesicht, auf dem jeder Gedanke sichtbar wird.“

(S.18)

Pohl erzählt über die Zeitspanne vom Eintreffen der Darsteller in Straßburg über die gesamte Probenzeit hinweg bis zur Generalprobe und der Premiere.
Schonungslos und mit entwaffnender Offenheit erzählt er aus dem Probenalltag und der intensiven Zeit, welche die Theatertruppe gemeinsam er- und durchlebte.
Er berichtet von Angela Winkler’s großen Zweifeln, ob sie als Frau dieser Mammutaufgabe des Hamlet gewachsen sein kann. Mehr als einmal flieht sie vor der übermächtigen Bürde der Rolle und bleibt den Proben fern, bis Peter Zadek sie wieder zurückholt, zur Räson bringt und zu einer schauspielerischen Höchstleistung anspornt.

„Wir alle haben Angst. Theaterkinder werden unter Angst geboren. Gegen Textangst hilft nur eines: Text lernen!“

(S.81)

Er legt gleichsam die Schauspielerseele bloß, all die Zweifel an eigenem Können, Angst vor langen Textpassagen, das Hadern mit der Rolle oder dem Alter. Da geht es um Rosenkavaliere, Zahnprobleme, Textschwierigkeiten, Neid auf die Rollen anderer, Wodka-Abstürze und Zechgelage.

„Es ist ein merkwürdiges Leben, das wir Schauspieler haben“, sagte er schließlich. „Es geht ja in unserer Arbeit immer um die menschliche Seele. Sie ist kein dressierbares Tierchen.“

(S.114)

Das Buch zieht einen in den Bann und man bekommt einen Eindruck, wie nahe tiefes Leid, Selbstzweifel und berauschende Hochgefühle und Erfolgserlebnisse bei sensiblen Künstlern beieinander liegen. Es sind große Emotionen, welche diesen kreativen und künstlerischen Schaffensprozess begleiten.

Theater ist etwas Flüchtiges. Im Normalfall kann man den schönen, gerade erlebten Theaterabend nicht festhalten (auch wenn es jetzt natürlich Aufnahmen und Livestreams gibt). Der Zauber einer Aufführung ist dennoch vergänglich und nicht wiederholbar. Gleiches gilt für die Probenzeit und um so spannender ist daher dieser Roman Klaus Pohl’s, der diesem Phänomen – dank der umfassenden Tagebucheinträge – ein Schnippchen schlägt.

„Es sind die letzten 200 Tage dieses Jahrtausends, Peter, das schließlich auch das Jahrtausend Shakespeares gewesen ist. Es ist alles immer vorbei, sobald es passiert ist. Dagegen schreibe ich mein Tagebuch, ich schreibe ein Buch gegen das Vergessen. Ich bleibe bei dem, was vor sich geht. Vieles überspringe ich. Manches erfinde ich. Die Zeit ist zeitlos!“

(S.220)

Pohl schreibt Szenen, die im Kopf bleiben, sich einbrennen und lange nachhallen und er bewahrt somit die Erinnerung an ein außergewöhnliches Stück, eine einzigartige Inszenierung und an geschätzte Künstlerkollegen.

Der Roman, der anfangs keinen Verlag fand und den Pohl daher 2017 zunächst auf Lesungen dem Publikum zugänglich machte, wurde live und später als mitgeschnittenes Hörbuch ein Riesenerfolg. Schön, dass der Roman bei Galiani Berlin jetzt auch endlich als Buch erschienen ist.

Ein faszinierendes Stück Literatur, das den Leser endlich auch einmal den Blick hinter den Vorhang und die Kulissen erhaschen lässt: auf private Dramen, Probentränen und pralles Theaterleben. So wird erfahrbar, wie eine Inszenierung und wie Kunst entsteht. Ein Tor zu einer anderen, schillernden, kreativen, wilden, sensiblen, gefühlsgeladenen und glanzvollen Welt, das Klaus Pohl hier mit „Sein oder Nichtsein“ ganz weit für den Leser aufstößt. Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt – ein grandioses Buch für alle, die Theater lieben.

„Der Rest ist Schweigen“

(aus William Shakespeare, Hamlet, 5. Aufzug 2. Szene)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Galiani Berlin Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Klaus Pohl, Sein oder Nichtsein
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-243-7

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Klaus Pohl’s „Sein oder Nichtsein“:

Für den Gaumen:
Während der Probenzeit frönt die Theatertruppe in Straßburg auch der elsässischen Küche. Da gibt es Herzhaftes, wie zum Beispiel „Jambon en croûte“ – Krustenschinken.

Zum Weiterlesen (I):
Zur Aufheiterung schenkt Klaus Pohl seiner Kollegin Angela Winkler ein rotes Fahrrad. Der Fahrradverkäufer ist ein großer Verehrer von Honoré de Balzac und als der Schauspieler den Beginn seines Lieblingsromans „Eugénie Grandet“ auswendig zitieren kann, ist dieser restlos begeistert.
Vielleicht sollte ich diese Bildungslücke bei Zeiten schließen, denn diesen Roman habe ich bisher noch nicht gelesen:

Honoré de Balzac, Eugénie Grandet
Aus dem Französischen von Gisela Etzel
Insel
ISBN:  978-3-458-32827-8

Zum Weiterlesen (II) bzw. für einen Theaterbesuch:
Es hilft bei der Lektüre von „Sein oder Nichtsein“ den „Hamlet“ zumindest in den Grundzügen zu kennen. Es lohnt sich also gegebenenfalls wieder einmal nachzulesen oder am besten bei Gelegenheit den Klassiker wieder einmal im Theater zu sehen. Im Münchner Residenztheater zum Beispiel steht er im Herbst wieder auf dem Spielplan.

William Shakespeare, Hamlet
Übersetzung: August Wilhelm Schlegel
Reclam
ISBN:  978-3-15-000031-1

Kunstvolle Schattenspiele

Mit „Caravaggios Schatten“ hat Bernhard Jaumann nun seinen zweiten Band der Krimi-Reihe um die Kunstdetektei von Schleewitz vorgelegt und das Warten hat sich auf jeden Fall gelohnt. Auf spannende Art lernt der Leser, was Artnapping bedeutet und begibt sich mit dem Detektiv Rupert von Schleewitz auch auf eine Reise in seine persönliche Vergangenheit.

Nach vielen Jahren ohne jeglichen Kontakt meldet sich bei Rupert von Schleewitz – dem Inhaber einer Detektei für Kunstkriminalität – ein ehemaliger Mitschüler und Zimmergenosse aus Internatszeiten und lädt ihn nach Potsdam ein, um mit ihm gemeinsam die Gemäldegalerie des Schloss Sanssouci zu besuchen. Im Museum wird schnell klar, dass sein Freund es auf ein ganz besonders Gemälde abgesehen hat: „Der ungläubige Thomas“ von Caravaggio.

„Dann drehte er sich um, holte mit der Rechten aus und trieb das Messer in die Leinwand. Genau in das weit aufgerissene Auge des Ungläubigen Thomas.“

(S.13)

Als dieser dann urplötzlich ein Messer zieht, es brutal in die Leinwand stößt und dem Kunstwerk mehrere Stiche und Schnitte zufügt, steht Rupert hilf- und machtlos daneben und gerät zunächst sogar selbst als Mittäter in Verdacht. Doch was trieb seinen Freund zu dieser Wahnsinnstat und warum wollte er ihn offenbar unbedingt dabei haben?

Als dann das Gemälde beim Transport zum Restaurieren auch noch von Unbekannten gestohlen wird, sieht sich von Schleewitz endgültig gezwungen, im Fall zu ermitteln und sich mit seiner Vergangenheit im Internat noch einmal auseinanderzusetzen. Schließlich bittet er auch seine Kollegen aus der Detektei – Max und Klara – um Hilfe.

„Den Finger in die Wunde legen hieß, eine schmerzhafte Wahrheit auszusprechen, jemanden auf unangenehme Weise mit einem Übel zu konfrontieren oder ihn an etwas zu erinnern, was er glücklich vergessen zu haben glaubte.“

(S.32)

Und so ermittelt Klara – die sich auch immer größere Sorgen um ihren parkinsonkranken Vater macht, welcher die polnische Pflegekraft mit seinen merkwürdigen Verhaltensweisen zunehmend nervt – vor allem in künstlerischen Aspekten und versucht den Artnappern auf die Spur zu kommen. Aufgrund ihres Studiums der Kunstgeschichte und der langjährigen Erfahrung im Kunstbereich, ist sie prädestiniert, eine etwaige Echtheit des Gemäldes bei einer Übergabe durch die „Geiselnehmer“ zu prüfen.
Max hingegen – in der Detektei hauptsächlich für Archivrecherchen zuständig – entwickelt gänzlich neue, unkonventionelle Recherchemethoden, als ihm plötzlich Kommissar Zufall in Form des bekannten „Bullen von Tölz“ zu Hilfe eilt.

Jaumann schafft es mit Augenzwinkern und Finesse auch dieses Mal wieder, witzige Szenen mit tiefgründigen Themen in Einklang zu bringen und so einen kurzweiligen, amüsanten und doch niveauvollen Krimi abzuliefern, der intelligent unterhält.

Gemeinsam mit seinen Lesern taucht der Autor ab in die Besonderheiten des Caravaggio-Gemäldes, in Interpretationsmöglichkeiten, geschichtliche Hintergründe und künstlerische Feinheiten, die einen sofort dazu bewegen, sich das Gemälde selbst einmal genauer anzusehen. Die Szene, in welcher der Bekannte Rupert’s auf das Gemälde einsticht, ist derart intensiv und eindringlich beschrieben, dass es einem regelrecht die Haare aufstellt.

Virtuos spielt der erfahrene Krimi-Autor auch mit der Sprache und schafft mit zahlreichen Bildern und Metaphern aus dem Bereich des „Hell und Dunkel“ oder „Nacht und Tag“ ein ebenso kunstvolles Licht- und Schattenspiel wie Caravaggio in seinen Gemälden. Ein sprachlich kluger und raffiniert verfasster Krimi, der mich wirklich begeistert hat.

„Der dramatische Moment wurde immer in grelles Licht gesetzt und effektvoll inszeniert, aber seinen Figuren ließ Caravaggio ihr Geheimnis. Und das Geheimnis brauchte nun mal die Dunkelheit. Die Schatten, in denen Gewissheiten zerflossen.“

(S.54/55)

Gekonnt verknüpft der Autor das Kunstmilieu – die Welt der Museen, der Restauratoren und Kuratoren – mit dem Leben in einem Internat und legt auch hier gleich dem ungläubigen Thomas den Finger in die Wunde.
War im ersten Band Raubkunst das Thema, so erfährt man dieses Mal viel über Museen, Politik und das Verbrechen des „Artnapping“, d.h. die Erpressung von Lösegeld für „entführte“ bzw. gestohlene Gemälde.

Bleibt zu hoffen, dass Jaumann die Kunstdetektei von Schleewitz auch noch in weiteren Fällen ermitteln lassen wird, denn die Verbrechen aus der Kunstwelt sind spannend und die ermittelnden Charaktere sympathisch, so dass man sich auf ein Wiedersehen mit Rupert, Klara und Max definitiv freuen würde.

Ohnehin hat man bei Jaumann’s Krimis am Ende auch immer das Gefühl, etwas Neues erfahren und gelernt zu haben. Eine Qualität, die zweifelsohne nicht jedem Krimi zugeschrieben werden kann und somit für sich spricht. Niveauvolle und kurzweilige Krimiunterhaltung, die ich vor allem kunstsinnigen und kulturell interessierten Freunden weitgehend unblutiger Kriminalromane unbedingt ans Herz legen kann. Ein exquisiter Krimigenuss!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Galiani Berlin Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Bernhard Jaumann, Caravaggios Schatten
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-197-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Caravaggios Schatten“:

Für den Gaumen:
Agnieszka, die polnische Haushälterin von Klara’s Vater kocht für ihren Schützling herzhaften Bigos-Eintopf – ein Gericht aus ihrer Heimat. Laut Wikipedia ist Bigos ein „Krauteintopf aus gedünstetem Sauerkraut mit verschiedenen Fleisch- und Wurstsorten sowie weiteren variierenden Zutaten“.

Für einen nächsten Museumsbesuch:
Das Gemälde „Der ungläubige Thomas“ von Caravaggio, das im Mittelpunkt dieses Krimi’s steht, hängt in der Bildergalerie von Schloss Sanssouci in Potsdam. Der Caravaggio zählt dort sicherlich zu den bekanntesten Werken, darüber hinaus können aber auch weitere Gemälde von van Dyck oder Rubens bestaunt werden. Solange die Museen pandemiebedingt noch geschlossen sind, kann man sich auch auf der Website des Museums das eindrucksvolle Kunstwerk näher ansehen und sich ein eigenes Bild davon machen.

Zum Weiterlesen bzw. zum vorher lesen:
„Caravaggios Schatten“ kann als in sich abgeschlossener Fall sicherlich auch unabhängig ohne Probleme gelesen werden. Im Januar habe ich jedoch bereits den ersten Band der Reihe „Der Turm der blauen Pferde“ hier auf der Kulturbowle vorgestellt (hier geht’s zu meiner Rezension) und es lohnt sich auf jeden Fall, diesen ersten Teil, in welchem man die Kunstdetektei von Schleewitz kennenlernt und in dem es sich um ein verschollenes Gemälde von Franz Marc dreht, vorab zu lesen. Ebenfalls spannend und unterhaltsam.

Bernhard Jaumann, Der Turm der blauen Pferde
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-141-6