Blick hinter den Vorhang

Ein Theaterroman – das ist für mich die perfekte Verbindung zweier Leidenschaften, die mich magisch anziehen: Theater und Literatur. Kein Wunder also, dass ich Klaus Pohl’s „Sein oder Nichtsein“ unbedingt sofort lesen und hier auf der Kulturbowle vorstellen wollte.

1999 versammelte der große Theaterregisseur Peter Zadek das damalige „Who is who“ des deutschen Theaters um sich und studierte in Straßburg Shakespeare’s „Hamlet“ mit ihnen ein, der später auch auf den Wiener Festwochen aufgeführt werden sollte. Die Hauptrolle besetzte er mit einer Frau: Angela Winkler. Der Autor des Romans Klaus Pohl spielte den Horatio, Ulrich Wildgruber war Polonius, Eva Mattes Gertrud, Otto Sander König Claudius und Uwe Bohm gab den Laertes, um nur einige zu nennen. Eine wahrhaft hochkarätige Schauspielerriege, welche während der intensiven Probenzeit mehr als einmal an ihre Grenzen und darüber hinaus geführt wurde. Die Inszenierung wurde damals ein überwältigender Erfolg und zog auch aufgrund der skandalumwitterten Probenzeit und des Staraufgebots große Aufmerksamkeit auf sich.

Klaus Pohl führte damals ein ausführliches Tagebuch, das er nun in einen interessanten und kunstvollen Roman überführt hat. So kann man 22 Jahre später noch einmal hautnah am Probengeschehen teilhaben, ein wenig (Theater)mäuschen spielen und ist dabei, wenn geliebt, gehasst, gestritten und gehadert wird.
Seinen zum Teil mittlerweile verstorbenen Kollegen wie Ulrich Wildgruber oder Otto Sander setzt der Autor somit ein literarisches Denkmal.

„Ich kann alles sein, dachte er. Ich habe ein solches Gesicht, auf dem jeder Gedanke sichtbar wird.“

(S.18)

Pohl erzählt über die Zeitspanne vom Eintreffen der Darsteller in Straßburg über die gesamte Probenzeit hinweg bis zur Generalprobe und der Premiere.
Schonungslos und mit entwaffnender Offenheit erzählt er aus dem Probenalltag und der intensiven Zeit, welche die Theatertruppe gemeinsam er- und durchlebte.
Er berichtet von Angela Winkler’s großen Zweifeln, ob sie als Frau dieser Mammutaufgabe des Hamlet gewachsen sein kann. Mehr als einmal flieht sie vor der übermächtigen Bürde der Rolle und bleibt den Proben fern, bis Peter Zadek sie wieder zurückholt, zur Räson bringt und zu einer schauspielerischen Höchstleistung anspornt.

„Wir alle haben Angst. Theaterkinder werden unter Angst geboren. Gegen Textangst hilft nur eines: Text lernen!“

(S.81)

Er legt gleichsam die Schauspielerseele bloß, all die Zweifel an eigenem Können, Angst vor langen Textpassagen, das Hadern mit der Rolle oder dem Alter. Da geht es um Rosenkavaliere, Zahnprobleme, Textschwierigkeiten, Neid auf die Rollen anderer, Wodka-Abstürze und Zechgelage.

„Es ist ein merkwürdiges Leben, das wir Schauspieler haben“, sagte er schließlich. „Es geht ja in unserer Arbeit immer um die menschliche Seele. Sie ist kein dressierbares Tierchen.“

(S.114)

Das Buch zieht einen in den Bann und man bekommt einen Eindruck, wie nahe tiefes Leid, Selbstzweifel und berauschende Hochgefühle und Erfolgserlebnisse bei sensiblen Künstlern beieinander liegen. Es sind große Emotionen, welche diesen kreativen und künstlerischen Schaffensprozess begleiten.

Theater ist etwas Flüchtiges. Im Normalfall kann man den schönen, gerade erlebten Theaterabend nicht festhalten (auch wenn es jetzt natürlich Aufnahmen und Livestreams gibt). Der Zauber einer Aufführung ist dennoch vergänglich und nicht wiederholbar. Gleiches gilt für die Probenzeit und um so spannender ist daher dieser Roman Klaus Pohl’s, der diesem Phänomen – dank der umfassenden Tagebucheinträge – ein Schnippchen schlägt.

„Es sind die letzten 200 Tage dieses Jahrtausends, Peter, das schließlich auch das Jahrtausend Shakespeares gewesen ist. Es ist alles immer vorbei, sobald es passiert ist. Dagegen schreibe ich mein Tagebuch, ich schreibe ein Buch gegen das Vergessen. Ich bleibe bei dem, was vor sich geht. Vieles überspringe ich. Manches erfinde ich. Die Zeit ist zeitlos!“

(S.220)

Pohl schreibt Szenen, die im Kopf bleiben, sich einbrennen und lange nachhallen und er bewahrt somit die Erinnerung an ein außergewöhnliches Stück, eine einzigartige Inszenierung und an geschätzte Künstlerkollegen.

Der Roman, der anfangs keinen Verlag fand und den Pohl daher 2017 zunächst auf Lesungen dem Publikum zugänglich machte, wurde live und später als mitgeschnittenes Hörbuch ein Riesenerfolg. Schön, dass der Roman bei Galiani Berlin jetzt auch endlich als Buch erschienen ist.

Ein faszinierendes Stück Literatur, das den Leser endlich auch einmal den Blick hinter den Vorhang und die Kulissen erhaschen lässt: auf private Dramen, Probentränen und pralles Theaterleben. So wird erfahrbar, wie eine Inszenierung und wie Kunst entsteht. Ein Tor zu einer anderen, schillernden, kreativen, wilden, sensiblen, gefühlsgeladenen und glanzvollen Welt, das Klaus Pohl hier mit „Sein oder Nichtsein“ ganz weit für den Leser aufstößt. Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt – ein grandioses Buch für alle, die Theater lieben.

„Der Rest ist Schweigen“

(aus William Shakespeare, Hamlet, 5. Aufzug 2. Szene)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Galiani Berlin Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Klaus Pohl, Sein oder Nichtsein
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-243-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Klaus Pohl’s „Sein oder Nichtsein“:

Für den Gaumen:
Während der Probenzeit frönt die Theatertruppe in Straßburg auch der elsässischen Küche. Da gibt es Herzhaftes, wie zum Beispiel „Jambon en croûte“ – Krustenschinken.

Zum Weiterlesen (I):
Zur Aufheiterung schenkt Klaus Pohl seiner Kollegin Angela Winkler ein rotes Fahrrad. Der Fahrradverkäufer ist ein großer Verehrer von Honoré de Balzac und als der Schauspieler den Beginn seines Lieblingsromans „Eugénie Grandet“ auswendig zitieren kann, ist dieser restlos begeistert.
Vielleicht sollte ich diese Bildungslücke bei Zeiten schließen, denn diesen Roman habe ich bisher noch nicht gelesen:

Honoré de Balzac, Eugénie Grandet
Aus dem Französischen von Gisela Etzel
Insel
ISBN:  978-3-458-32827-8

Zum Weiterlesen (II) bzw. für einen Theaterbesuch:
Es hilft bei der Lektüre von „Sein oder Nichtsein“ den „Hamlet“ zumindest in den Grundzügen zu kennen. Es lohnt sich also gegebenenfalls wieder einmal nachzulesen oder am besten bei Gelegenheit den Klassiker wieder einmal im Theater zu sehen. Im Münchner Residenztheater zum Beispiel steht er im Herbst wieder auf dem Spielplan.

William Shakespeare, Hamlet
Übersetzung: August Wilhelm Schlegel
Reclam
ISBN:  978-3-15-000031-1

Kunstvolle Schattenspiele

Mit „Caravaggios Schatten“ hat Bernhard Jaumann nun seinen zweiten Band der Krimi-Reihe um die Kunstdetektei von Schleewitz vorgelegt und das Warten hat sich auf jeden Fall gelohnt. Auf spannende Art lernt der Leser, was Artnapping bedeutet und begibt sich mit dem Detektiv Rupert von Schleewitz auch auf eine Reise in seine persönliche Vergangenheit.

Nach vielen Jahren ohne jeglichen Kontakt meldet sich bei Rupert von Schleewitz – dem Inhaber einer Detektei für Kunstkriminalität – ein ehemaliger Mitschüler und Zimmergenosse aus Internatszeiten und lädt ihn nach Potsdam ein, um mit ihm gemeinsam die Gemäldegalerie des Schloss Sanssouci zu besuchen. Im Museum wird schnell klar, dass sein Freund es auf ein ganz besonders Gemälde abgesehen hat: „Der ungläubige Thomas“ von Caravaggio.

„Dann drehte er sich um, holte mit der Rechten aus und trieb das Messer in die Leinwand. Genau in das weit aufgerissene Auge des Ungläubigen Thomas.“

(S.13)

Als dieser dann urplötzlich ein Messer zieht, es brutal in die Leinwand stößt und dem Kunstwerk mehrere Stiche und Schnitte zufügt, steht Rupert hilf- und machtlos daneben und gerät zunächst sogar selbst als Mittäter in Verdacht. Doch was trieb seinen Freund zu dieser Wahnsinnstat und warum wollte er ihn offenbar unbedingt dabei haben?

Als dann das Gemälde beim Transport zum Restaurieren auch noch von Unbekannten gestohlen wird, sieht sich von Schleewitz endgültig gezwungen, im Fall zu ermitteln und sich mit seiner Vergangenheit im Internat noch einmal auseinanderzusetzen. Schließlich bittet er auch seine Kollegen aus der Detektei – Max und Klara – um Hilfe.

„Den Finger in die Wunde legen hieß, eine schmerzhafte Wahrheit auszusprechen, jemanden auf unangenehme Weise mit einem Übel zu konfrontieren oder ihn an etwas zu erinnern, was er glücklich vergessen zu haben glaubte.“

(S.32)

Und so ermittelt Klara – die sich auch immer größere Sorgen um ihren parkinsonkranken Vater macht, welcher die polnische Pflegekraft mit seinen merkwürdigen Verhaltensweisen zunehmend nervt – vor allem in künstlerischen Aspekten und versucht den Artnappern auf die Spur zu kommen. Aufgrund ihres Studiums der Kunstgeschichte und der langjährigen Erfahrung im Kunstbereich, ist sie prädestiniert, eine etwaige Echtheit des Gemäldes bei einer Übergabe durch die „Geiselnehmer“ zu prüfen.
Max hingegen – in der Detektei hauptsächlich für Archivrecherchen zuständig – entwickelt gänzlich neue, unkonventionelle Recherchemethoden, als ihm plötzlich Kommissar Zufall in Form des bekannten „Bullen von Tölz“ zu Hilfe eilt.

Jaumann schafft es mit Augenzwinkern und Finesse auch dieses Mal wieder, witzige Szenen mit tiefgründigen Themen in Einklang zu bringen und so einen kurzweiligen, amüsanten und doch niveauvollen Krimi abzuliefern, der intelligent unterhält.

Gemeinsam mit seinen Lesern taucht der Autor ab in die Besonderheiten des Caravaggio-Gemäldes, in Interpretationsmöglichkeiten, geschichtliche Hintergründe und künstlerische Feinheiten, die einen sofort dazu bewegen, sich das Gemälde selbst einmal genauer anzusehen. Die Szene, in welcher der Bekannte Rupert’s auf das Gemälde einsticht, ist derart intensiv und eindringlich beschrieben, dass es einem regelrecht die Haare aufstellt.

Virtuos spielt der erfahrene Krimi-Autor auch mit der Sprache und schafft mit zahlreichen Bildern und Metaphern aus dem Bereich des „Hell und Dunkel“ oder „Nacht und Tag“ ein ebenso kunstvolles Licht- und Schattenspiel wie Caravaggio in seinen Gemälden. Ein sprachlich kluger und raffiniert verfasster Krimi, der mich wirklich begeistert hat.

„Der dramatische Moment wurde immer in grelles Licht gesetzt und effektvoll inszeniert, aber seinen Figuren ließ Caravaggio ihr Geheimnis. Und das Geheimnis brauchte nun mal die Dunkelheit. Die Schatten, in denen Gewissheiten zerflossen.“

(S.54/55)

Gekonnt verknüpft der Autor das Kunstmilieu – die Welt der Museen, der Restauratoren und Kuratoren – mit dem Leben in einem Internat und legt auch hier gleich dem ungläubigen Thomas den Finger in die Wunde.
War im ersten Band Raubkunst das Thema, so erfährt man dieses Mal viel über Museen, Politik und das Verbrechen des „Artnapping“, d.h. die Erpressung von Lösegeld für „entführte“ bzw. gestohlene Gemälde.

Bleibt zu hoffen, dass Jaumann die Kunstdetektei von Schleewitz auch noch in weiteren Fällen ermitteln lassen wird, denn die Verbrechen aus der Kunstwelt sind spannend und die ermittelnden Charaktere sympathisch, so dass man sich auf ein Wiedersehen mit Rupert, Klara und Max definitiv freuen würde.

Ohnehin hat man bei Jaumann’s Krimis am Ende auch immer das Gefühl, etwas Neues erfahren und gelernt zu haben. Eine Qualität, die zweifelsohne nicht jedem Krimi zugeschrieben werden kann und somit für sich spricht. Niveauvolle und kurzweilige Krimiunterhaltung, die ich vor allem kunstsinnigen und kulturell interessierten Freunden weitgehend unblutiger Kriminalromane unbedingt ans Herz legen kann. Ein exquisiter Krimigenuss!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Galiani Berlin Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Bernhard Jaumann, Caravaggios Schatten
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-197-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Caravaggios Schatten“:

Für den Gaumen:
Agnieszka, die polnische Haushälterin von Klara’s Vater kocht für ihren Schützling herzhaften Bigos-Eintopf – ein Gericht aus ihrer Heimat. Laut Wikipedia ist Bigos ein „Krauteintopf aus gedünstetem Sauerkraut mit verschiedenen Fleisch- und Wurstsorten sowie weiteren variierenden Zutaten“.

Für einen nächsten Museumsbesuch:
Das Gemälde „Der ungläubige Thomas“ von Caravaggio, das im Mittelpunkt dieses Krimi’s steht, hängt in der Bildergalerie von Schloss Sanssouci in Potsdam. Der Caravaggio zählt dort sicherlich zu den bekanntesten Werken, darüber hinaus können aber auch weitere Gemälde von van Dyck oder Rubens bestaunt werden. Solange die Museen pandemiebedingt noch geschlossen sind, kann man sich auch auf der Website des Museums das eindrucksvolle Kunstwerk näher ansehen und sich ein eigenes Bild davon machen.

Zum Weiterlesen bzw. zum vorher lesen:
„Caravaggios Schatten“ kann als in sich abgeschlossener Fall sicherlich auch unabhängig ohne Probleme gelesen werden. Im Januar habe ich jedoch bereits den ersten Band der Reihe „Der Turm der blauen Pferde“ hier auf der Kulturbowle vorgestellt (hier geht’s zu meiner Rezension) und es lohnt sich auf jeden Fall, diesen ersten Teil, in welchem man die Kunstdetektei von Schleewitz kennenlernt und in dem es sich um ein verschollenes Gemälde von Franz Marc dreht, vorab zu lesen. Ebenfalls spannend und unterhaltsam.

Bernhard Jaumann, Der Turm der blauen Pferde
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-141-6