Preußlers Geschichte hinter den Büchern

Die Werke Otfried Preußler’s begleiten mich bereits seit frühester Kindheit und sind fester Bestandteil meines Leselebens. Daher war für mich sofort klar, dass ich die gerade erschienene Biographie „Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre“ des Literaturprofessors Carsten Gansel unbedingt bald lesen möchte. Eine hochinteressante, brilliant recherchierte und tiefgründige Lektüre, die mir eine völlig neue Perspektive auf die geliebten Bücher meiner Kindheit eröffnet und mir den Menschen Otfried Preußler näher gebracht hat.

Gansel beschreibt die Kindheit und Jugend Preußlers im böhmischen, sudetenländischen Reichenberg (dem heutigen tschechischen Liberec) und auch die Geschichte der Eltern: die des Vaters, der als Lehrer zugleich auch als Sammler ein umfangreiches Archiv an Sagen und Erzählungen des Isergebirges zusammengetragen hatte, das er jedoch durch die Vertreibung 1945 vollständig verlor und auch die der Mutter – ebenfalls Lehrerin, die ihren Sohn schon früh dazu ermutigte, mit der Sprache zu spielen.

„Meine Mutter hat mich auf spielerische Weise begreifen gelehrt, welche herrlichen und überraschenden Möglichkeiten die deutsche Sprache für denjenigen bereithält, der sie zu handhaben versteht – und zwar richtig zu handhaben.“

(S.109, Zitat aus Otfried Preußler: Ich bin gern in die Schule gegangen)

Die Liebe zu Sprache und Literatur, zur Tradition des Geschichtenerzählens und zum Theater haben die Eltern an ihren Sohn weitergegeben – ein Geschenk, das ihm zeit seines Lebens wertvolle Dienste erweisen wird.

Die Zeit als Soldat im zweiten Weltkrieg und die fünfjährige, russische Kriegsgefangenschaft haben Preußler nachhaltig geprägt. Stütze und Halt während der Gefangenschaft gaben ihm die Gedanken an seine Familie und seine Verlobte Annelies, sowie seine Erinnerungen an Sagen, Bücher und Literatur im Allgemeinen, die er aus Jugendzeiten kannte sowie an Theaterstücke und Theateraufführungen, die er früher in seiner Heimatstadt Reichenberg gesehen hatte.

Schnell wurde er im Lager für das Erstellen von Wandzeitungen und später auch für das Verfassen und Einstudieren von Theaterstücken eingesetzt. Das Schreiben war seine Rettung.

„Dass das Schreiben mit ein Weg ist, um mit der existenziellen Situation der Gefangenschaft zurechtzukommen, trifft ganz besonders für Otfried Preußler zu, der Ende August 1945 vom Kriegsgefangenenlager Jelabuga auf einen Transport geht. Was das Ziel der Verbringung ist, das weiß er zu diesem Zeitpunkt nicht.“

(S.252)

Erst 1949 konnte er nach fünfjähriger Gefangenschaft zwar nicht in seine Heimatstadt Reichenberg, aber zu seiner Familie und seiner Verlobten, die all die Jahre auf ihn gewartet hatte, zurückkehren. Diese hatte sich mittlerweile im bayerischen Rosenheim angesiedelt.
Um Frau und später auch Kinder versorgen zu können, absolvierte Preußler eine Ausbildung zum Volksschullehrer und begann zu unterrichten. Nebenbei arbeitete er jedoch stets als Schriftsteller und Journalist.

Otfried Preußler schrieb später gegen die Traumata des Krieges und der russischen Kriegsgefangenschaft an – zunächst durch heilsame Bücher wie „Der kleine Wassermann“ oder „Die kleine Hexe“, die ihm halfen auszublenden.
Erst bei seinem „Krabat“ begann er mit der tatsächlichen literarischen Auf- und Verarbeitung der Kriegsvergangenheit. Das Schreiben dieses Werkes kostete ihn viel Kraft, beeinträchtigte sogar seine Gesundheit und zog sich wohl auch aufgrund der nervenaufreibenden und psychologisch schwierigen Auseinandersetzung mit der Thematik über viele Jahre hin.

„Der ‚Krabat ist ein so großartiger Stoff, das merke ich mit jeder neuen Seite deutlicher, daß ich ihn auf keinen Fall hinschludern, sondern ihn mit Liebe und Sorgfalt in Ruhe zu Ende bringen möchte.‘ “

(S.469, Zitat Otfried Preußler)

Hatte er bereits 1959 mit dem Krabat-Stoff begonnen, konnte er diesen doch letztlich erst für ein Erscheinen im Jahr 1971 fertigstellen.

Ich habe viel über die Lebensgeschichte des von mir sehr verehrten Autors gelernt, verstehe nun die Antriebskraft, die Motivation und die Hintergründe seiner Werke, die mich schon nahezu mein ganzes Leben begleiten, besser und sehe seine zeitlosen Kinder- und Jugendbuchklassiker noch einmal in völlig neuem Licht.
Otfried Preußler liebte Kinder und wollte ihnen ein positives, lebensbejahendes Weltbild mit moralischen Werten und Tugenden vermitteln – gleichsam ein Fundament für ein glückliches, erfülltes und friedliches Leben schaffen.

Die Biographie enthält neben frühen Gedichten Otfried Preußlers auch zahlreiche bisher unveröffentlichte Texte, die nun zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Carsten Gansel ist Professor für Neuere Deutsche Literatur und Mediendidaktik in Gießen und somit ist klar, dass sein Werk über Otfried Preußler nicht nur der Unterhaltung und Information der Leserschaft dient, sondern auch jeglichen literaturwissenschaftlichen Ansprüchen (mit umfangreichen Querbezügen, Kommentierungen und Quellenangaben etc.) genügt.
Er hatte während seiner Recherchen Zugang zu russischen Geheimdienst- und Militärarchiven, was vermutlich aktuell in der jetzigen Zeit nicht mehr möglich wäre, und konnte so völlig neue Erkenntnisse über die Jahre gewinnen, die Otfried Preußler in russischer Kriegsgefangenschaft und in Lagern wie Jelabuga und Kasan verbrachte.

Gansel beschreibt, dass Preußler nach diesen Erfahrungen Zeit seines Lebens keine Waffe mehr berührt hat – nicht einmal auf dem Rosenheimer Herbstfest, um für seine Töchter die von diesen heiß begehrten Rosen zu schießen.

Ich denke, viele deutsche Leserinnen und Leser meiner Generation haben bereits in frühester Kindheit einen ersten und prägenden Zugang zur Literatur unter anderem durch die Bücher Otfried Preußler’s erhalten: Ich habe lebhafte Erinnerungen daran, „Die kleine Hexe“ oder „Das kleine Gespenst“ im Kindergarten vorgelesen bekommen zu haben und auch die Theateraufführung im Landshuter Stadttheater von „Räuber Hotzenplotz“ als eines meiner ersten und unvergesslichen Theatererlebnisse trage ich tief in meinem Herzen.
Noch heute habe ich Freude an seinem Werk und so habe ich mit kindlicher Begeisterung auch den Livestream der Aufführung der „kleinen Hexe“ des Landestheater Niederbayern im vergangenen Winter angeschaut und genossen.

Wer also mehr über Otfried Preußlers Leben und die Geschichte hinter den geliebten Geschichten erfahren möchte, dem kann ich Carsten Gansel’s Buch wärmstens empfehlen, das zudem leider aktueller kaum sein könnte und auch als flammender Appell gegen Krieg und Gewalt und für den Frieden verstanden werden kann.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Galiani Berlin Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Carsten Gansel, Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre
Galiani Berlin Verlag
ISBN: 978-3-86971-250-5

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Carsten Gansel’s „Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre“:

Zum Weiterlesen (I):
Kenne ich tatsächlich den „Räuber Hotzenplotz“, „Die kleine Hexe“ und „Das kleine Gespenst“ sehr gut, ist mir bisher wohl „Der kleine Wassermann“ am wenigsten begegnet. Vielleicht eine schöne Gelegenheit, wieder ein Mal in Preußler’s Welt abzutauchen – für gute Bücher ist man schließlich nie zu alt.

Otfried Preußler, Der kleine Wassermann
Thienemann-Esslinger Verlag
ISBN: 978-3-522-18363-5

Zum Weiterlesen (II):
Vor einiger Zeit habe ich „Krabat“ ein zweites Mal gelesen. Eine Lektüre, die sich jedoch immer wieder lohnt. Gerade jetzt – mit dem neuen Wissen aus Gansel’s Buch im Hintergrund – sollte ich das wohl auch nochmal für eine weitere Wiederholung ins Auge fassen, schließlich sind aller guten Dinge ja bekanntlich drei.

Otfried Preußler, Krabat
Thienemann-Esslinger Verlag
ISBN: 978-3-522-20234-3

2 Gedanken zu “Preußlers Geschichte hinter den Büchern

    • Das freut mich, wenn ich Deine Neugier geweckt habe. Ich denke schon, dass diese biografischen Hintergründe so manche neue Perspektive auf Preußlers Werk eröffnen, daher möchte ich demnächst auch das eine oder andere wieder einmal zur Hand nehmen. Schönes Wochenende und sonnige Grüße! Barbara

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