Sagenhafte Zauberkräfte

Neuer Monat, neue Indiebookchallenge, die dazu einlädt, jeden Monat ein Buch aus einem unabhängigen Verlag zu entdecken und im Juni 2021 unter dem Motto „lies ein Buch ohne den Buchstaben A im Titel“ steht.
Da passte für mich Madeline Miller’s Titel „Ich bin Circe“ aus dem Eisele Verlag wunderbar, den ich ohnehin schon lange lesen wollte. Und ich war erstaunt, dass mein Bücherregal durchaus auch noch viele andere Optionen mit „Titel ohne A“ geboten hätte – mehr als ich zunächst angenommen hätte.
Die ersten richtig sommerlichen Lesestunden im Freien konnte ich daher dieses Jahr im Liegestuhl mit „Ich bin Circe“ verbringen, das sich diesbezüglich als hervorragende Wahl entpuppte.

Madeline Miller – 1978 in Boston geboren – verarbeitet in ihrem Roman einen großen Stoff aus der griechischen Sagenwelt zu einem sehr lesenswerten, modernen und heutigen Roman. Als studierte Altphilologin, die in Cambridge Latein und Griechisch unterrichtete, weiß sie, wovon sie schreibt und sie tut dies auf sehr gelungene und kurzweilige Art und Weise.
Sie erzählt die Geschichte der Zauberin Circe, die als unsterbliche Tochter des Sonnengottes Helios mit magischen Kräften ausgestattet ist und doch nicht verhindern kann, in Ungnade zu fallen und alleine auf die Insel Aiaia verbannt zu werden.

„Ich werde mich nicht wie ein Vogel verhalten, der in einem Käfig groß geworden ist, dachte ich. Ein Vogel, der aus lauter Stumpfsinn nicht losfliegt, obwohl die Tür offen steht. Also ging ich in diesen Wald hinein, und mein Leben begann.“

(S.107)

Es wird gut beschrieben, wie sich Circe bereits in der Kindheit im Kreise ihrer Geschwister stets als Außenseiterin fühlte. Ihre Haare, ihre Stimme, die aus dem Rahmen fallen und vor allem ihre Fähigkeiten als Hexe machen sie einsam. Als sie sich dann in einen Sterblichen verliebt, nimmt das Unglück seinen Lauf.
Denn im Reich der Götter und Halbgötter, der Titanen und Olympier menschelt es gewaltig.

„Rache. Wollust. Hochmut. Habgier. Macht. Habe ich noch was vergessen? Ach ja, Eitelkeit und Kränkungen.“ „Klingt nach einem ganz normalen Tag unter Göttern.“

(S.260)

In Miller’s Roman begegnet man so zahlreichen Figuren der griechischen Mythologie und bekommt Antwort auf Fragen wie zum Beispiel: Wie wurde Scylla zu dem gefürchteten Seeungeheuer, das Angst und Schrecken verbreitet? Kann man gegen göttliche Vorsehung wirklich etwas ausrichten? Wer waren Jason und Medea? Was hat es mit dem gefürchteten Minotaurus auf sich?

Man bekommt Einblick in die Odyssee, erfährt die Hintergründe und Entstehungsgeschichte und durchlebt literarisch die Zeit, die Odysseus mit Circe auf ihrer Insel verbrachte. Eine Liebesgeschichte, die nicht währen kann.

„Ich strich mit der Hand über seine geriffelten Narben und spendete Linderung, so gut ich konnte. Ich bot ihm an, die Narben wegzuzaubern. Er schüttelte den Kopf. „Wie wüsste ich dann noch, wer ich bin?“

(S.278)

Circe offenbart im Roman unzählige Facetten und ist so vielseitig wie die Rollen, die auch moderne Frauen ausfüllen: Sie ist Tochter, Liebende, Mutter. Sie erfährt im Roman eine enorme Entwicklung und löst sich von Konventionen und Familienbanden – findet in der Verbannung und Einsamkeit zu sich selbst und entscheidet für sich, was ihr wichtig ist und wofür sie bereit ist zu kämpfen. Interessant fand ich auch das Hadern mit der Unsterblichkeit, die am Ende auch nicht glücklich macht, wenn man die Menschen die man liebt, nach und nach altern sehen und verlieren muss.

Miller hat ein reiches und sprachlich sehr dichtes Buch geschrieben, das unzählige Lesarten und Aspekte bietet, so dass es vermutlich jeder Leser mit einem anderen Schwerpunkt lesen wird und etwas für sich aus der Lektüre ziehen kann.
Ein Roman über Selbstfindung und Mutterliebe, über große Gefühle, die Liebe, Eifersucht, mythische Rituale, das Loslassen und das Reisen mit leichtem Gepäck.

So spannend und zeitlos können mythologische Stoffe sein. Madeline Miller hat Homer’s Odyssee vom Staub befreit und führt so auch Leserinnen und Leser an die Welt der Sagen heran, die bisher vielleicht nicht allzu viel damit anfangen konnten. Ein opulentes, bildreiches Werk mit überbordender Fabulierlust einer Autorin, die es sich lohnt, weiter im Auge zu behalten.
2012 wurde Miller für ihren Debütroman „Das Lied des Achill“ mit dem renommierten Orange Prize for Fiction ausgezeichnet.

Wer für den Sommerurlaub noch einen richtigen Schmöker sucht und Abtauchen möchte in die Welt der griechischen Götter und Helden, der ist hier an der richtigen Adresse. Eine kurzweilige, unterhaltsame Lektüre mit einigen Lerneffekten, Aha-Erlebnissen und das Wiedersehen und Auffrischen von Namen und Figuren, die man in Schulzeiten zwar schon gehört hatte, aber vielleicht doch nicht mehr alle so recht einordnen konnte.

Eine weitere Besprechung des Romans gibt es bei Literaturreich.

Buchinformation:
Madeline Miller, Ich bin Circe
Aus dem Amerikanischen Englisch von Frauke Brodd
Eisele
ISBN: 978-3-96161-095-2

Im Juli 2021 lautet die Indiebookchallenge übrigens:
„Lies ein Buch aus einem unabhängigen Verlag das nach Sommer schmeckt“ (#sommerbuch) – wer ist dabei?
Hier geht es zur Seite des Indiebookday’s und dort findet man auch die zukünftigen Themen der Challenge – vielleicht spricht Euch auch etwas an.

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Madeline Miller’s „Ich bin Circe“:

Für den Gaumen:
Circe serviert ihrem Sohn Telegonos sein Lieblingsessen: „mit gerösteten Kräutern gefüllter Fisch und Käse“ (S.360). Das könnte ich mir jetzt im Sommer auch als sehr gelungene Mahlzeit vorstellen.

Zum Weiterhören:
Wikipedia listet derzeit 13 Opern auf, die auf dem Circe-Stoff basieren, darunter finden sich so namhafte Komponisten wie Christoph Willibald Gluck oder Alexander von Zemlinsky. Ich hatte bisher noch keine Gelegenheit, irgendeine dieser Vertonungen zu hören oder auf der Bühne zu erleben.

Zum Weiterlesen:
Streckenweise erinnerte mich „Ich bin Circe“ sehr an Marlen Haushofer’s Klassiker „Die Wand“ aus dem Jahr 1963. Die Szenen, in welchen Circe verbannt auf der Insel sich komplett alleine durch die Tage bringt, für sich selbst sorgt und sich mit sich selbst beschäftigt, hatten für mich große Ähnlichkeit mit „Die Wand“, der mir sehr nachhaltig in Erinnerung geblieben ist:

Marlen Haushofer, Die Wand
List Taschenbuch
ISBN: 9783548605715

Griechische Strohhüte

Heute geht es mit meiner Europabowle oder Literarischen Europareise weiter und ich reise nach Griechenland – auf ein Landgut in der Nähe von Athen. Margarita Liberaki schrieb ihren Roman „Drei Sommer“ im Jahr 1946 – jetzt liegt 75 Jahre später zum ersten Mal eine deutsche Übersetzung von Michaela Prinzinger vor. In Griechenland war und ist dieses zeitlose literarische Werk sehr erfolgreich und gilt bereits als Klassiker.

„Es war ein süßer Schlaf, beim Erwachen kehrte ich zurück wie aus einer anderen Welt. Die Wiese strahlte, die reifen Weinbeeren hingen von der Rebe, meine Hand langte nach ihnen, und mein Mund wollte sie kosten. Von allen möglichen Welten, so sagte ich mir, war die Erde gewiss die schönste.“

(S.11)

Margarita Liberaki hat mit „Drei Sommer“ die Geschichte dreier Schwestern erzählt: Maria, Infanta und Katerina. Sie wachsen in einem kleinen ländlichen Ort in der Nähe Athens auf und der Roman beschreibt wie jede der drei auf sehr unterschiedliche Weise zur Frau heranwächst und ihren Platz im Leben sucht.

Die Ich-Erzählerin Katerina ist die Jüngste der Schwestern – in kurzem Abstand folgt sie auf Maria und Infanta.
Maria ist die Zupackende, Pragmatische, die sich nach der Liebe, der Ehe und vor allem der Mutterschaft sehnt. Sie heiratet früh und bringt schon bald einen Sohn zur Welt. Die Autorin beschreibt intensiv Schwangerschaft und Muttergefühle, sowie eine junge Ehe, die mehr Zweckgemeinschaft als leidenschaftliche Liebesheirat darstellt.

„Die größte Kraft liegt in den Dingen des Alltags verborgen.“

(S.81)

Infanta, die Mittlere der Schwestern, steht unter starkem Einfluss der Tante Tereza, die ebenfalls im Haushalt lebt, aufgrund einer prägenden Missbrauchserfahrung nie geheiratet und sich an keinen Mann gebunden hat. So schärft sie auch der Nichte ein, dass sie ohne Mann besser dran ist. Infanta schwankt zwischen Häuslichkeit – sie verbringt viel Zeit mit Handarbeiten und Stickbildern – und Freiheit, die sie vor allem auf dem Rücken ihres Pferdes findet.

Katerina ist die Freiheitsliebendste der drei und fühlt sich im Geiste mit der Großmutter verbunden, die sie nie kennengelernt hat. Denn die aus Polen stammende Großmutter wird in der Familie verteufelt und verurteilt, da sie den Großvater bereits früh mit den Kindern allein gelassen hat, als sie mit einem Musiker durchbrannte. Katerina scheint als Einzige Respekt für diese Entscheidung zu haben, verspürt einen Drang in die Ferne, um ebenfalls alles zurückzulassen. Sie möchte unabhängig bleiben, frei sein und entwickelt den Wunsch, Schriftstellerin zu werden.

„So gern würde ich beschreiben, wie die Welt aufglänzt, wenn das Licht knapp vor Sonnenuntergang auf das Gras der Wiese fällt, ihr intensives Grün und noch andere schöne Dinge, die bedauerlicherweise nicht länger existieren als der Augenblick, da ich sie erblicke.“

(S.318)

Interessant fand ich, dass bereits in den Vornamen der Schwestern ihre Charaktere anklingen: Maria die Mütterliche, Infanta die Kindliche und Unbefleckte und Katerina, bei der ich stets die Widerspenstige bei Shakespeare im Kopf hatte.

„Irgendwann verschwindet die Befangenheit bestimmt wieder, nur der Verrat wird bleiben. Dann denken wir an die Zeit zurück, als wir im Heu lagen und unsere Sehnsüchte so verflochten waren, dass sie keiner von uns allein gehörten.“

(S.192)

Die Autorin, die später auch in Paris lebte und dort Bekanntschaft mit Camus und Sartre machte, behandelt Essentielles und einschneidende Erlebnisse im Leben einer Frau. Es geht um erste Lieben und unterschiedliche Lebenskonzepte, um Freiheit und Selbstbestimmung. Liberaki zeichnet intensive Charakterstudien und beschreibt, wie jede der Schwestern eine völlig andere Erwartungshaltung an das Leben und die Liebe hat.

Die Natur und der ländliche Alltag in einem griechischen Dorf bieten den Rahmen und die flirrende Hitze des Sommers wird für den Leser spürbar. Liberaki singt ein Loblied auf Naturverbundenheit und die Schönheit im Kleinen. „Drei Sommer“ ist ein geerdetes und stilles Buch, das den Blick auf Wesentliches lenkt.

Ein Roman, der mich vor allem durch die ausdrucksstarke Sprache, die bezaubernden Naturschilderungen und die ruhige, fließende Sprachmelodie für sich eingenommen hat. In der Einfachheit liegt die Kraft und Liberaki schreibt sinnlich und ästhetisch über den griechischen Sommer und existenzielle Fragen, die sich Frauen auch heute noch stellen.

Ein Buch wie ein reicher, blühender, naturbelassener Garten – wenn man sich Zeit nimmt und genau hinschaut, gibt es viel Schönes zu entdecken. Ein leises, zartes und doch ungemein intensives Werk über Lebensfreude und die Kunst ein Leben zu leben, dem es sich lohnt zu lauschen und aufmerksam zuzuhören.

Eine weitere schöne Besprechung gibt es beim Leseschatz.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Arche Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Die bisherigen Stationen meiner Europabowle oder Literarischen Europareise haben mich nach Finnland, Irland, Italien, Österreich, Dänemark und Rumänien geführt – wer neu auf die Kulturbowle gelangt ist und noch weiterreisen oder nachlesen möchte, was bisher geschah, kann dies auf den farbig hinterlegten Länderbezeichnungen gerne tun. Weitere Stationen sind in Planung und werden folgen.

Buchinformation:
Margarita Liberaki, Drei Sommer
Aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger
Arche
ISBN: 978-3-7160-2798-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Margarita Liberaki’s „Drei Sommer“:

Für den Gaumen:
Zur Erfrischung bei sommerlichen Temperaturen wird im Roman immer mal wieder Sauerkirschlimonade gereicht. Vielleicht ist dies die passende Idee für das diesjährige Sommergetränk?

Zum Weitergenießen:
Der Roman dessen griechischer Titel sich in einer wörtlichen Übersetzung auf die Strohhüte bezieht, die sich die Schwestern zu Beginn des Sommers kaufen, strahlt eine sommerliche Wärme und Ruhe aus. Warum also nicht den Strohhut aufgesetzt, hinaus in die Sonne und einfach mal den sommerlichen Geräuschen lauschen, die frische Luft genießen oder natürlich ein gutes Buch im Freien lesen.

Zum Weiterlesen:
Aus Griechenland stammten bisher zwei Literaturnobelpreisträger: Giorgos Seferis im Jahr 1963 und Odysseas Elytis im Jahr 1979 – mit beiden bin ich bisher nicht in Berührung gekommen und auch wenn ich den Blick über mein Bücherregal streifen lasse, ist die griechische Literatur im Grunde nicht vertreten. Vielleicht mag das auch daran liegen, dass das Jahr 2001, in dem Griechenland das Gastland der Frankfurter Buchmesse und daher im Fokus der Verlage war, schon 20 Jahre zurück liegt. Somit verbinde ich persönlich Griechenland stets mehr mit der altgriechischen Literatur von Homer – der Ilias und der Odyssee.

Homer, Ilias / Odyssee
Übersetzer: Johann Heinrich Voss, Hans Rupé
Anaconda
ISBN: 978-3-7306-0809-8