An die Urenkelin

Andrea Camilleri schreibt von sich selbst, ein besserer Großvater als Vater gewesen zu sein. Dass er als Urgroßvater mit „Brief an Matilda – Ein italienisches Leben“ seiner Urenkelin und seiner Leserschaft ein wunderbares autobiografisches Vermächtnis hinterlassen hat, betrachte ich als literarisches Geschenk.

„Mit fünf hatte ich unter Anleitung meiner Mutter und meiner Großmutter Elvira lesen gelernt, mit sechs bediente ich mich schon in der Bibliothek meines Vaters, die sehr gut bestückt war. Also las ich anfangs keine Kinder- oder Jugendbücher, sondern Literatur für Erwachsene, richtige Romane.“

(S.13)

Andrea Camilleri blickt als über Neunzigjähriger zurück auf sein Leben und erzählt in Briefform seiner Urenkelin nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch die Geschichte seines Heimatlandes. Er versucht, ihr als Vermächtnis seine Sicht und seine Ratschläge für ein erfülltes und glückliches Leben mit auf den Weg zu geben. Da Matilda zum Zeitpunkt der Entstehung gerade einmal vier Jahre alt ist, soll das Werk zu einem späteren Zeitpunkt das Gespräch mit ihrem Uropa ersetzen.
So wird der sehr persönliche „Brief an Matilda“ zu einem autobiografischen Werk, aber auch zu neunzig Jahren „Italien in einer Nussschale“ – eine lebendige Lehrstunde in italienischer Geschichte.

Als Junge und Jugendlicher erlebte Camilleri das faschistische Italien und wandelte sich später – aufgrund einiger Schlüsselerlebnisse – vom Mitglied der faschistischen Jugendorganisation Balilla zum überzeugten Kommunisten.
Er beschreibt die Stimmung der damaligen Zeit und er beschreibt auch seinen weiteren schulischen und beruflichen Werdegang, den Umzug von Sizilien nach Rom – seine ersten Schritte am Theater, seine Karriere beim Fernsehen (RAI), als Dozent und seine schriftstellerische Entwicklung. Ein arbeitsreiches und kulturell reiches Schaffen, auf das er zurückblicken kann und das er hier auffächert.

Und er erzählt auch über die Liebe, seine Frau und die Familie, der er – wie er im Nachhinein selbstkritisch anmerkt – in manchen Phasen nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt hat.

„Ich erzähle dir diese Geschichten, Matilda, um dir zu zeigen, dass ich nie ein besonders sanftmütiger Charakter gewesen bin. Mich irgendeiner Disziplin zu unterwerfen, still zu bleiben, wenn ich etwas zu sagen hatte, mich nicht gegen einen meiner Meinung nach unsinnigen Befehl aufzulehnen, war mir unmöglich, es passte einfach nicht zu meinem Wesen.“

(S.43/44)

Vielleicht mag bei manchen Themen etwas Altersmilde gewaltet haben – falls ja, verzeiht man dies gerne – aber man hat doch das Gefühl, dass Camilleri auch an einigen Stellen offen und ehrlich seine Schwächen und Fehler anspricht.

Und auch die italienische Geschichte und Politik beleuchtet er scharfsinnig und kritisch. Es ist hochgradig interessant zu lesen, wie er die Geschehnisse und Entwicklungen im Land einordnet und bewertet. So bekommt man auf engem Raum eine sehr persönliche Sicht auf die italienische Zeitgeschichte der letzten 90 Jahre.

Spannend fand ich aber auch, wie spät der Autor mit Commissario Montalbano erst so richtig erfolgreich wurde (1994 als der erste Roman der Reihe „Die Form des Wassers“ erschien, war er immerhin schon fast Siebzig) und dass er dieser Figur doch eher zwiespältig gegenüber stand.

„Doch irgendwann begann dieser Montalbano, mit mir zusammenzuleben, und je größer der Erfolg wurde, desto mehr fühlte ich mich als sein Gefangener. Kurz, zwischen mir und meiner Figur entstand eine Hassliebe, die bis heute andauert.“

(S.85)

Nichtsdestotrotz: Montalbano wurde Kult und Phänomen und ist auch bei prominenten Lesern wie z.B. Axel Hacke beliebt, der Camilleri’s Werke ebenfalls zu seinen Lieblingskrimis zählt.

Als Camilleri diesen Brief an Matilda im Jahr 2017 schrieb, war die Flüchtlingskrise gerade in Italien immer noch ein zentrales Thema mit großer Bedeutung, so dass er die Gelegenheit auch nutzte, sich diesbezüglich zu äußern. Camilleri war ein politischer Mensch und bezog Stellung – die wechselvolle Geschichte Italiens hat sein Leben geprägt.

Die Ausdrucksweise und die Melodie des Buches ist auf eine junge Leserschaft bzw. die Urenkelin angelegt und er beherrscht die große Kunst, schwierige Themen und Sachverhalte in eine verständliche, klare und emotionale Sprache zu packen – sehr schön ins Deutsche übersetzt von Annette Kopetzki.

„Tatsächlich griffen wir zum Italienischen, wenn wir eine Situation förmlicher gestalten, jedes Gefühl aus ihr heraushalten wollten. Wann immer es aber um Gefühlsbekundungen ging, um den Wunsch nach Nähe, Vertrautheit, oder wenn wir unseren Worten mehr Nachdruck verleihen wollten, dann sprachen wir im Dialekt.“

(S.79)

Andrea Camilleri schrieb in seinen Werken teilweise eine Mischung aus Hochitalienisch und sizilianischem Dialekt und was zunächst für Ablehnung seines ersten Romans durch die Verlage sorgte, wurde später sehr wohlwollend besprochen. Persönlich kann ich es gut nachvollziehen, dass man gewisse Dinge im Dialekt einfach treffender ausdrücken kann und einem so eine andere Ausdrucksmöglichkeit zur Verfügung steht, die über das übliche Maß der Hochsprache hinausgeht.

Andrea Camilleri wurde 1925 in Porto Empedocle auf Sizilien geboren.
„Brief an Matilda“ erschien 2018 in Italien – der Autor hatte das Werk aufgrund seiner Erblindung diktiert – und er verstarb am 17. Juli 2019 im Alter von 93 Jahren in Rom.

„Wie man sein Leben führen soll, lernt man nur, indem man es lebt.“

(S.122)

In diesem kleinen Büchlein mit gerade mal 126 Seiten steckt unglaublich viel drin: über 90 Jahre Italienisches Leben, viel Weisheit, viel Liebe, viel Leidenschaft für Theater und Literatur, viel kritischer und politischer Geist. Ein langes und erfülltes Leben und ein paar gute Ratschläge für die Urenkelin, ihren eigenen Weg zu gehen und sich selbst treu zu bleiben. Man würde sich wünschen, der eigene Urgroßvater oder Großvater hätte einen solchen Brief hinterlassen.

Mich hat dieser Blick hinter die Kulissen und hinein in die persönliche Lebensgeschichte des Schriftstellers sehr bewegt. Schön, dass Matilda dieses Vermächtnis mit den Leserinnen und Lesern ihres Urgroßvaters teilt, denn es ist zweifelsohne bereichernd – ein kluges, warmherziges, besonderes, berührendes und lange nachklingendes Buch!

Buchinformation:
Andrea Camilleri, Brief an Matilda – Ein italienisches Leben
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Kindler Verlag
ISBN: 978-3-463-00002-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Andrea Camilleri’s „Brief an Matilda“:

Für den Gaumen:
Auch in Andrea Camilleri’s Leben gab es schwierige und ärmliche Zeiten, in welchen das Geld manchmal nicht einmal für ordentliche Mahlzeiten reichte:

„Ich ernährte mich von Cappuccino und Brioche; schon von Natur aus schmal, war ich inzwischen abgemagert.“

(S.45)

Da hilft dann nur noch, in kulinarischen Erinnerungen zu schwelgen:

„Trotzdem kam es vor, dass ich von den Reiskroketten träumte, die Nonna Elvira so meisterhaft kochte, oder von der Ofenpasta meiner Mutter.“

(S.47)

Zum Weiterlesen oder für einen Theaterbesuch:
Andrea Camilleri war ein Theatermensch und Theatermacher. Er studierte und lehrte Regie, arbeitete über viele Jahre fürs Theater und fürs Fernsehen.
Seine Doktorarbeit verfasste er über das ideale Regiekonzept für das Drama „So ist es (wenn es euch so scheint)“ des Literaturnobelpreisträgers Luigi Pirandello, der als einer der bedeutendsten Dramatiker Italiens gilt. In Deutschland findet man ihn kaum auf den Theaterspielplänen, so dass ich bisher noch keines seiner Stücke sehen konnte.

Zum Weiterlesen:
Schon seit einiger Zeit wartet ein weiterer Camilleri bei mir auf seine Lektüre – ein schmaler Roman mit dem Titel „Die sizilianische Oper“. Interessanterweise schreibt Camilleri in „Brief an Matilda“, dass ihm persönlich die „Nicht-Montalbano-Bücher“ teilweise mehr bedeuteten:

„Trotzdem glaube ich auch weiterhin, dass meine besten Bücher die sogenannten „historischen und bürgerlichen Romane“ sind, wie zum Beispiel König Cosimo, Die sizilianische Oper und Der unschickliche Antrag (…)“

(S.86)

Ich denke, das sollte ich als Wink mit dem Zaunpfahl verstehen, dass die Zeit für „Die sizilianische Oper“ jetzt demnächst wirklich gekommen ist:

Andrea Camilleri, Die sizilianische Oper
Aus dem Italienischen von Monika Lustig
Piper Original
ISBN: 3-492-27002-6

Preußlers Geschichte hinter den Büchern

Die Werke Otfried Preußler’s begleiten mich bereits seit frühester Kindheit und sind fester Bestandteil meines Leselebens. Daher war für mich sofort klar, dass ich die gerade erschienene Biographie „Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre“ des Literaturprofessors Carsten Gansel unbedingt bald lesen möchte. Eine hochinteressante, brilliant recherchierte und tiefgründige Lektüre, die mir eine völlig neue Perspektive auf die geliebten Bücher meiner Kindheit eröffnet und mir den Menschen Otfried Preußler näher gebracht hat.

Gansel beschreibt die Kindheit und Jugend Preußlers im böhmischen, sudetenländischen Reichenberg (dem heutigen tschechischen Liberec) und auch die Geschichte der Eltern: die des Vaters, der als Lehrer zugleich auch als Sammler ein umfangreiches Archiv an Sagen und Erzählungen des Isergebirges zusammengetragen hatte, das er jedoch durch die Vertreibung 1945 vollständig verlor und auch die der Mutter – ebenfalls Lehrerin, die ihren Sohn schon früh dazu ermutigte, mit der Sprache zu spielen.

„Meine Mutter hat mich auf spielerische Weise begreifen gelehrt, welche herrlichen und überraschenden Möglichkeiten die deutsche Sprache für denjenigen bereithält, der sie zu handhaben versteht – und zwar richtig zu handhaben.“

(S.109, Zitat aus Otfried Preußler: Ich bin gern in die Schule gegangen)

Die Liebe zu Sprache und Literatur, zur Tradition des Geschichtenerzählens und zum Theater haben die Eltern an ihren Sohn weitergegeben – ein Geschenk, das ihm zeit seines Lebens wertvolle Dienste erweisen wird.

Die Zeit als Soldat im zweiten Weltkrieg und die fünfjährige, russische Kriegsgefangenschaft haben Preußler nachhaltig geprägt. Stütze und Halt während der Gefangenschaft gaben ihm die Gedanken an seine Familie und seine Verlobte Annelies, sowie seine Erinnerungen an Sagen, Bücher und Literatur im Allgemeinen, die er aus Jugendzeiten kannte sowie an Theaterstücke und Theateraufführungen, die er früher in seiner Heimatstadt Reichenberg gesehen hatte.

Schnell wurde er im Lager für das Erstellen von Wandzeitungen und später auch für das Verfassen und Einstudieren von Theaterstücken eingesetzt. Das Schreiben war seine Rettung.

„Dass das Schreiben mit ein Weg ist, um mit der existenziellen Situation der Gefangenschaft zurechtzukommen, trifft ganz besonders für Otfried Preußler zu, der Ende August 1945 vom Kriegsgefangenenlager Jelabuga auf einen Transport geht. Was das Ziel der Verbringung ist, das weiß er zu diesem Zeitpunkt nicht.“

(S.252)

Erst 1949 konnte er nach fünfjähriger Gefangenschaft zwar nicht in seine Heimatstadt Reichenberg, aber zu seiner Familie und seiner Verlobten, die all die Jahre auf ihn gewartet hatte, zurückkehren. Diese hatte sich mittlerweile im bayerischen Rosenheim angesiedelt.
Um Frau und später auch Kinder versorgen zu können, absolvierte Preußler eine Ausbildung zum Volksschullehrer und begann zu unterrichten. Nebenbei arbeitete er jedoch stets als Schriftsteller und Journalist.

Otfried Preußler schrieb später gegen die Traumata des Krieges und der russischen Kriegsgefangenschaft an – zunächst durch heilsame Bücher wie „Der kleine Wassermann“ oder „Die kleine Hexe“, die ihm halfen auszublenden.
Erst bei seinem „Krabat“ begann er mit der tatsächlichen literarischen Auf- und Verarbeitung der Kriegsvergangenheit. Das Schreiben dieses Werkes kostete ihn viel Kraft, beeinträchtigte sogar seine Gesundheit und zog sich wohl auch aufgrund der nervenaufreibenden und psychologisch schwierigen Auseinandersetzung mit der Thematik über viele Jahre hin.

„Der ‚Krabat ist ein so großartiger Stoff, das merke ich mit jeder neuen Seite deutlicher, daß ich ihn auf keinen Fall hinschludern, sondern ihn mit Liebe und Sorgfalt in Ruhe zu Ende bringen möchte.‘ “

(S.469, Zitat Otfried Preußler)

Hatte er bereits 1959 mit dem Krabat-Stoff begonnen, konnte er diesen doch letztlich erst für ein Erscheinen im Jahr 1971 fertigstellen.

Ich habe viel über die Lebensgeschichte des von mir sehr verehrten Autors gelernt, verstehe nun die Antriebskraft, die Motivation und die Hintergründe seiner Werke, die mich schon nahezu mein ganzes Leben begleiten, besser und sehe seine zeitlosen Kinder- und Jugendbuchklassiker noch einmal in völlig neuem Licht.
Otfried Preußler liebte Kinder und wollte ihnen ein positives, lebensbejahendes Weltbild mit moralischen Werten und Tugenden vermitteln – gleichsam ein Fundament für ein glückliches, erfülltes und friedliches Leben schaffen.

Die Biographie enthält neben frühen Gedichten Otfried Preußlers auch zahlreiche bisher unveröffentlichte Texte, die nun zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Carsten Gansel ist Professor für Neuere Deutsche Literatur und Mediendidaktik in Gießen und somit ist klar, dass sein Werk über Otfried Preußler nicht nur der Unterhaltung und Information der Leserschaft dient, sondern auch jeglichen literaturwissenschaftlichen Ansprüchen (mit umfangreichen Querbezügen, Kommentierungen und Quellenangaben etc.) genügt.
Er hatte während seiner Recherchen Zugang zu russischen Geheimdienst- und Militärarchiven, was vermutlich aktuell in der jetzigen Zeit nicht mehr möglich wäre, und konnte so völlig neue Erkenntnisse über die Jahre gewinnen, die Otfried Preußler in russischer Kriegsgefangenschaft und in Lagern wie Jelabuga und Kasan verbrachte.

Gansel beschreibt, dass Preußler nach diesen Erfahrungen Zeit seines Lebens keine Waffe mehr berührt hat – nicht einmal auf dem Rosenheimer Herbstfest, um für seine Töchter die von diesen heiß begehrten Rosen zu schießen.

Ich denke, viele deutsche Leserinnen und Leser meiner Generation haben bereits in frühester Kindheit einen ersten und prägenden Zugang zur Literatur unter anderem durch die Bücher Otfried Preußler’s erhalten: Ich habe lebhafte Erinnerungen daran, „Die kleine Hexe“ oder „Das kleine Gespenst“ im Kindergarten vorgelesen bekommen zu haben und auch die Theateraufführung im Landshuter Stadttheater von „Räuber Hotzenplotz“ als eines meiner ersten und unvergesslichen Theatererlebnisse trage ich tief in meinem Herzen.
Noch heute habe ich Freude an seinem Werk und so habe ich mit kindlicher Begeisterung auch den Livestream der Aufführung der „kleinen Hexe“ des Landestheater Niederbayern im vergangenen Winter angeschaut und genossen.

Wer also mehr über Otfried Preußlers Leben und die Geschichte hinter den geliebten Geschichten erfahren möchte, dem kann ich Carsten Gansel’s Buch wärmstens empfehlen, das zudem leider aktueller kaum sein könnte und auch als flammender Appell gegen Krieg und Gewalt und für den Frieden verstanden werden kann.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Galiani Berlin Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Carsten Gansel, Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre
Galiani Berlin Verlag
ISBN: 978-3-86971-250-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Carsten Gansel’s „Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre“:

Zum Weiterlesen (I):
Kenne ich tatsächlich den „Räuber Hotzenplotz“, „Die kleine Hexe“ und „Das kleine Gespenst“ sehr gut, ist mir bisher wohl „Der kleine Wassermann“ am wenigsten begegnet. Vielleicht eine schöne Gelegenheit, wieder ein Mal in Preußler’s Welt abzutauchen – für gute Bücher ist man schließlich nie zu alt.

Otfried Preußler, Der kleine Wassermann
Thienemann-Esslinger Verlag
ISBN: 978-3-522-18363-5

Zum Weiterlesen (II):
Vor einiger Zeit habe ich „Krabat“ ein zweites Mal gelesen. Eine Lektüre, die sich jedoch immer wieder lohnt. Gerade jetzt – mit dem neuen Wissen aus Gansel’s Buch im Hintergrund – sollte ich das wohl auch nochmal für eine weitere Wiederholung ins Auge fassen, schließlich sind aller guten Dinge ja bekanntlich drei.

Otfried Preußler, Krabat
Thienemann-Esslinger Verlag
ISBN: 978-3-522-20234-3

Tanzende Legende

Isadora Duncan – eine rebellische, starke und außergewöhnliche Frau und Künstlerpersönlichkeit mit einer Lebensgeschichte, die wie kaum eine andere von extremen, nahezu unbeschreiblichen Höhe- und Tiefpunkten geprägt ist. Auch bei der Lektüre der Biografie „Lasst uns tanzen und Champagner trinken – trotz alledem!“ nimmt Michaela Karl die Leserschaft mit auf eine Reise durch ein Wechselbad der Gefühle und lässt sie an umjubelten Erfolgen ebenso teilhaben, wie an unfassbaren Schicksalsschlägen und beschreibt das bewegte Leben der berühmtesten Tänzerin ihrer Zeit, die unter anderem auch durch ihren frühen und tragischen Tod endgültig zur Legende wurde.

„Ich wurde am Meeresstrand geboren, und wunderbarerweise haben sich fast alle wichtigen Ereignisse meines Lebens am Meer abgespielt. Dem Rhythmus der Wellen, der Harmonie des Meeres habe ich wohl auch den ersten Impuls zu meinen Tanzbewegungen zu verdanken.“

(S.30; aus Isadora Duncan: Memoiren, Frankfurt a.M. 1988, S.11)

Isadora Duncan wurde 1877 in den USA in San Francisco geboren.
Schon die Kindheit war geprägt von Phasen der Armut und doch liegen auch die kreativen, musikalischen und tänzerischen Wurzeln Isadora’s bereits im Elternhaus begründet.

„Eigentlich aber seien es vor allem das Meer, das Klavierspiel ihrer Mutter, der Wind, Botticellis Primavera und Shelleys Gedicht „Sensitive Plant“ gewesen, die ihre Ideenwelt geprägt hätten.“

(S.57)

Und auch die familiären Schwierigkeiten, die Scheidung der Eltern und der abwesende Vater werden sie ihr Leben lang prägen. Schon früh beschließt sie daher, dass sie sich nicht an einen Mann binden und ein finanziell unabhängiges, freies Leben führen möchte, was ihr rückblickend betrachtet jedoch nicht immer gelingen wird.

Inspiriert durch die Natur, durch die griechische Antike und zahlreiche künstlerische Einflüsse machte Isadora ihre ersten Karriereschritte in den Vereinigten Staaten, bevor sie nach Europa ging und schließlich zu einem der ersten weiblichen Weltstars wurde. Ihre eigene, innovative Art zu tanzen – die auf Fotografien leider heute nur noch zu erahnen ist – legt den Grundstein zum „Modern Dance“ und wird über viele Jahrzehnte andere Künstler, Tänzer und Choreografen inspirieren und beeinflussen.

Ihr Leben gleicht einem wilden Ritt auf der Rasierklinge, den Michaela Karl eindrucksvoll und authentisch beschreibt, indem sie auch viel mit Zitaten Duncan’s selbst und ihrer Zeitgenossen arbeitet. So wird die turbulente und schillernde Lebensgeschichte sehr plastisch und für den Leser erfahrbar.

Es war die Zeit der Jahrhundertwende, des Jugendstils, der Belle Epoque, der Weltausstellungen – eine Zeit des Umbruchs und des Wandels – Isadora tourte und gab Gastspiele auf dem Grünen Hügel in Bayreuth – dort tanzt sie das Bacchanal im Tannhäuser – aber unter anderem auch in St. Petersburg, London und Paris.

Duncan hatte ein Faible für Champagner und erstklassige Hotels – unabhängig davon ob es ihre aktuelle finanzielle Lage erlaubte oder nicht. Immer wieder stand sie – trotz großer Erfolge und Einnahmen – wirtschaftlich und finanziell vor dem Nichts.

Privat hatte sie meist ein sehr schlechtes Händchen bei der Auswahl ihrer Partner – ihr Liebesleben war kompliziert und geprägt von häufig wechselnden Beziehungen. Vom schwersten Schicksalsschlag – dem Verlust ihrer beiden Kinder bei einem tragischen Unfall – hat sie sich seelisch nie mehr vollständig erholt.

Ihr Leben war geprägt von stetem sich Wiederaufrappeln, der Suche nach Liebe, Gönnern und Finanziers und dem Wunsch, ihre Träume zu verwirklichen.
Einer davon war die eigene Schule für Mädchen, welche sie zu selbstständigen Persönlichkeiten und ausdrucksstarken Tänzerinnen erziehen wollte. Doch auch hier gab es Licht und Schatten: so erfolgreich sie mit einigen ihrer besten Schülerinnen – den Isadorables – gemeinsam auf der Bühne war, so gab es auch schmerzliche Kapitel und Zeiten, in welchen sie ihre Schützlinge alleine und im Stich ließ.

Sie war zweifelsohne eine der prägendsten Frauen in der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts und ihr Leben bot Stoff für Klatschmagazine und Hollywoodfilme. Doch sie war auch eine Rebellin, eine Vorreiterin und eine Kämpferin, die unbeirrt versuchte, ihren Weg weiter zu gehen.

Michaela Karl’s Biografie liest sich sehr flüssig und lässt einem aufgrund der Dramatik der Ereignisse immer wieder den Atem stocken. Ein Leben, das man sich nicht ausdenken kann – bis hin zu ihrem Tod, als sich ihr Schal im offenen Wagen in den Speichen des Hinterrads verfängt und ihr das Genick bricht. Eine dramatische, aufwühlende und spannende Lektüre, über eine streitbare und interessante Frau, die vermutlich schon ihre Zeitgenossen in zwei Lager spaltete: man liebte oder verachtete sie und ihre Kunst – dazwischen gab es wohl wenig.

„(…) Isadora Duncan war die Königin des Scheiterns, des Aufstehens, des Überlebens größter Katastrophe und Tragödien – und das alles mit einer ungebrochenen Leidenschaft fürs Leben und einem schier unerschütterlichen Humor (…)“

(S.11)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim btb Verlag (Penguin Randomhouse), der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Michaela Karl, Lasst uns tanzen und Champagner trinken – trotz alledem!
btb
ISBN: 978-3-442-75875-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Michaela Karl’s „Lasst uns tanzen und Champagner trinken – trotz alledem“:

Für den Gaumen:
Unabhängig ihrer stark schwankenden und häufig prekären finanziellen Situation, hatte für Isadora der Genuss stets einen hohen Stellenwert. In einer der reicheren Phasen – an der Seite des Nähmaschinen-Erben Paul Singer, schwelgt sie im Luxus:

„Die Tänzerin speist in den vornehmsten Pariser Restaurants, labt sich an Trüffel, Champagner, Wachteln und edlen Weinen.“

(S.225)

Zum Weiterhören:
Isadora Duncan tanzte häufig zu klassischer Musik – Mendelssohn Bartholdy, Chopin oder aber auch Beethoven. Legendär waren auch ihre Auftritte zum „Donauwalzer“ von Johann Strauss.

Zum Weiterschauen:
Doch auch Künstler anderer Kunstrichtungen inspirierten Isadora Duncan zu ihren Tänzen, wie zum Beispiel der Dichter Walt Whitman, der Bildhauer Auguste Rodin oder der Maler Sandro Botticelli – dessen „Primavera“ zu ihren Lieblingsgemälden zählte:

„Ich blieb so lange dort sitzen, bis ich die Blumen tatsächlich wachsen sah. (…) In mir erwachte die freudige Gewissheit, dass ich dieses Bild tanzen und meinem Publikum die Botschaft der Liebe, des Frühlings und der Erschaffung des Lebens mitteilen wollte.“

(S.124; aus Isadora Duncan: I’ve only danced, S.106)

Zum Weiterlesen:
Dieses Jahr entführte mich auch schon Julian Barnes in die Zeit der Belle Époque – in seiner Kulturgeschichte „Der Mann im roten Rock“ , die ich hier auf der Kulturbowle besprochen habe, trifft man so manchen Zeitgenossen aus Isadora Duncan’s Biografie wieder.

Julian Barnes, Der Mann im roten Rock
Aus dem Englischen von Gertrude Krueger
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05476-7

Morden mit der Schreibmaschine

Eine Verfilmung des Klassikers „Mord im Orientexpress“, die ich Anfang November im Fernsehen sah, rückte Agatha Christie wieder in mein Bewusstsein und auf einmal wollte ich mehr über die weltberühmte „Queen of Crime“ erfahren. Die im Frühjahr diesen Jahres im Osburg Verlag erschienene Biografie „Agatha Christie – eine Biografie“ von Barbara Sichtermann stellte sich hier als eine hervorragende Wahl heraus.

Wer war diese Agatha Christie, welcher der Rummel um ihre Person und die öffentliche Aufmerksamkeit stets unangenehm und unheimlich blieb? Wie wurde sie zur beliebtesten Krimiautorin aller Zeiten, die doch auch viel zu lange als trivial abgetan und unterschätzt wurde? Antworten auf diese Fragen konnte mir Barbara Sichtermann in ihrer sprachlich gelungenen und wunderbar lesbaren Biografie definitiv geben.

Das Buch begleitet Christie auf ihrem Weg zur erfolgreichen Berufsschriftstellerin, aber beleuchtet auch die private Seite der Autorin und ihre Rolle als Ehefrau und Mutter. So heiratet sie früh Archie Christie, doch die Ehe zerbricht. Mit ihrem mysteriösen Verschwinden in der Endphase der Ehe, das eine tagelange Suche durch Polizei und Medien nach sich zog, ging sie in die Annalen ein und sorgte für einen Medienrummel sondergleichen. Glücklich wurde sie jedoch an der Seite ihres zweiten Ehemannes Max Mallowan, der viele gemeinsame Reisen mit ihr unternahm und auch ihr Interesse für Archäologie und den nahen Osten weckte.

Sichtermann lässt den Leser der Geburtsstunde von Hercule Poirot und Miss Marple beiwohnen und gibt interessante Einblicke in die Arbeitsweise und das künstlerische Schaffen Christies. Sie verdeutlicht auch, wie hart Christie immer für den Erfolg ihrer Theaterstücke gearbeitet hat, die ihr so wichtig und stets Herzensangelegenheit waren. Bis heute ist „Die Mausefalle“ das Stück, das weltweit am längsten ununterbrochen im Londoner Westend zu sehen ist bzw. war (bis zum Corona-Lockdown im März 2020).

„Sich selbst gestand Agatha ein, dass sie, seit sie als Sechzehnjährige die Tosca studiert hatte, ihren Traum von der Bühne nie ganz beerdigen konnte. Wenn es denn wegen ihrer schwachen Mittellage zur Sängerin nicht gereicht hatte, dann sollte ihre Stimme wenigstens durch den Mund ihres listigen Detektivs oder eines infamen Killers auf den Brettern erschallen.“

(S.217)

Spannend fand ich vor allem auch die Charakterisierung der Krimiautorin, die zeigt, wie ambivalent sie in vielen Dingen doch war.
Ich durfte Christie, die eigentlich lieber Opernsängerin geworden wäre, als zupackende, reise- und abenteuerlustige Frau kennenlernen, die sich – wenn sie es für erforderlich hielt – über die Konventionen der damaligen Zeit hinwegsetzte und doch auch immer in der Tradition der britischen Klassengesellschaft verwurzelt blieb. So investierte sie bevorzugt in hochherrschaftliche Immobilien und führte gerne ein Leben in schönen Häusern mit entsprechendem Hauspersonal – da lebte die „gute, alte Zeit“ noch ein wenig fort. Und doch entschied sie sich auch gegen jede Konvention für eine Scheidung und in ihrer zweiten Ehe für einen 14 Jahre jüngeren Mann, was damals nahezu einem gesellschaftlichen Tabubruch gleichkam.

Sichtermann hat viel mit Originalzitaten aus Christie’s Autobiografie und ihren Briefen gearbeitet, welche dann stets kursiv hervorgehoben und kenntlich gemacht sind. Das gibt dem Buch einen stimmigen und authentischen Klang, weil man das Gefühl hat, Agatha Christie selbst zuzuhören.
Als sehr angenehm habe ich auch die flüssige Sprache der Autorin empfunden, welche in der Biografie nicht so sehr den Fokus auf die wissenschaftliche Vermittlung von Zahlen, Daten und Fakten gelegt hat, sondern vielmehr darauf, eine literarisch ansprechende Lebensgeschichte zu erzählen, die sich mit Genuss lesen lässt.

Und doch habe ich nach der Lektüre auch das Gefühl, viel erfahren und gelernt zu haben und jetzt ein wenig mehr über diese Grand Dame des Kriminalromans zu wissen. Eine interessante Frau im Spannungsfeld zwischen Tradition und Unkonventionalität, die stets ihren eigenen Weg ging und eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen aller Zeiten wurde.

Am Ende fand ich es noch spannend, dass ich – bei aller Unterschiedlichkeit und trotz des großen zeitlichen Abstands – einige Parallelen und Gemeinsamkeiten zwischen Christie und mir selbst entdecken konnte: Christie war von Kindheit an selbst eine passionierte Leserin. Sie liebte – wie ich – Shakespeare und benannte sogar eines ihrer Bücher, die sie unter dem Pseudonym Mary Westmacott verfasste, nach einem Shakespeare-Sonett „Absent in the spring“ (deutsch: „Ein Frühling ohne dich“). Zudem war sie zeit ihres Lebens eine große Liebhaberin des Theaters, das sie dem damals neu entstehenden und aufstrebenden Medium Film stets vorzog – auch das haben wir gemeinsam.

Wer sich also ebenfalls auf die Suche nach Gemeinsamkeiten mit Agatha Christie begeben möchte oder einfach nur mehr über den Menschen hinter den Büchern und die Schöpferin von so unsterblichen Figuren wie Hercule Poirot und Miss Marple erfahren möchte, dem kann ich Barbara Sichtermann’s Biografie wärmstens empfehlen.

Buchinformation:
Barbara Sichtermann, Agatha Christie – Eine Biografie
Osburg Verlag
ISBN: 978-3-95510-215-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Agatha Christie – Eine Biografie“:

Für den Gaumen:
Agatha Christie liebte Tee, d.h. in dieser Beziehung entsprach sie dem typischen Klischee der Britin, so wie wir uns dies gerne vorstellen. Sie zog den Tee stets dem Alkohol vor. D.h. die Lektüre verlangt geradezu nach einer gepflegten Tasse schwarzem Tee.

Zum Weiterschauen:
Hier möchte ich sehr frei nach Goethe zitieren: „Von Zeit zu Zeit seh’ ich die Alte gern“, denn ab und an kann ich mich wirklich immer wieder erneut für die Schwarz-Weiß-Verfilmungen der Miss Marple-Romane mit Margaret Rutherford aus den 60er Jahren begeistern – auch wenn Agatha Christie selbst diese nicht so sehr schätzte. Und dann schaue ich – gerne in der Winterzeit – in eine der x-ten Wiederholungen rein. Klar kann man das nicht immer sehen, aber ab und zu habe ich da wirklich Freude daran. Ein bisschen Nostalgie darf sein und wenn das Miss Marple Thema von Ron Goodwin mit dem typischen Spinett-Sound ertönt, bekomme ich gleich gute Laune.

Zum Weiterhören:
Agatha Christies letzter Fall für Miss Marple „Ruhe unsanft“ war ihr Vermächtnis, das posthum im Jahre 1976 veröffentlicht wurde und den sie bereits im Jahre 1940 in einem Tresor deponiert hatte. Der Hörverlag hat 2013 eine gekürzte Lesung dieses Werks herausgebracht, die mir gut gefällt – zumal diese von der grandiosen und unvergleichlichen Katharina Thalbach gelesen wird.

Agatha Christie, Ruhe unsanft
übersetzt von: Eva Schönfeld
Gekürzte Lesung gelesen von Katharina Thalbach
der Hörverlag
Hörbuch (CD) gekürzt, 3 CDs, Laufzeit: 3h 44 min
ISBN: 978-3-8445-1013-3

Zum Weiterlesen:
Meine letzte Agatha Christie-Lektüre liegt schon eine ganze Weile zurück, aber dennoch stehen einige Bände bei mir im Regal. So zum Beispiel der Band „Die Tote in der Bibliothek“, der mich als Büchermensch natürlich sofort angesprochen hatte: ein schmaler Band und ebenfalls ein Fall mit der unübertroffenen Miss Marple.

Agatha Christie, Die Tote in der Bibliothek
übersetzt von Barbara Heller
Atlantik
ISBN: 978-3-455-65005-1