Österreichische Zeitzeugen

Heute geht meine literarische Europareise – auch Europabowle genannt – auf die nächste Etappe und ich bereise das schöne Nachbarland Österreich und die Hauptstadt Wien. Martin Horváth’s Roman „Mein Name ist Judith“ erzählt eine melancholische Geschichte über die Judenverfolgung in Wien während des Dritten Reichs und thematisiert Trauer und Verlust.

„Sie saß da an meinem Küchentisch, mit einem grauen Wintermantel bekleidet, einen dicken Schal um den Hals, eine rote Wollmütze auf dem Kopf. Ein kleines, schmales, vielleicht zehnjähriges Mädchen, dessen Namen ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht kannte. Ich hatte keine Ahnung, wer sie war und wie sie in meine Wohnung gekommen war. Und noch weniger ahnte ich, wie sehr sie mein Leben verändern würde.“

(S.18)

Der Schriftsteller León Kortner hat bei einem Terroranschlag auf den Wiener Hauptbahnhof seine Frau und seine kleine Tochter verloren. Sein Leben ist aus den Fugen geraten, er versinkt in Trauer und er versucht, die Geschichte der jüdischen Familie Klein zu Papier zu bringen, die einst eine Buchhandlung in dem Haus betrieben hatte, in welchem er jetzt wohnt, und dann von den Nationalsozialisten aus Wien vertrieben wurde.

Und plötzlich sitzt da ein kleines Mädchen in seiner Küche und behauptet Judith Klein zu sein und dass ihrem Vater dieser Buchladen gehört. Auf einmal verschwimmen Traum und Wirklichkeit, Vergangenheit und Gegenwart und León versucht, der kleinen Judith durch das Erzählen einer Geschichte die Angst und den Schrecken zu nehmen. Diese neue Aufgabe setzt frischen Lebensmut und eine ungeahnte Energie bei ihm frei, die er schon glaubte für immer verloren zu haben.

Horváth behandelt in seinem verspielten und poetischen Roman ein schmerzhaftes Kapitel der Wiener Geschichte: Holocaust, Judenvertreibung und die Arisierung zahlreicher Häuser durch skrupellose Profiteure. Er erzählt Geschichten und lässt seine Figuren Geschichten erzählen, die gleichsam Zeitzeugen und Überlebende des Holocausts zu Wort kommen lassen. Schreckliche, grausame, traumatische Erfahrungen und großes Leid, das viele gerne verdrängen. Gerade deshalb ist es so wichtig, nicht zu vergessen, sondern diese Geschichten durch Weitererzählen wach zu halten.
Horváth weiß wovon er schreibt, denn er hat mehrere Jahre am New Yorker Leo Baeck Institute über die Geschichte der österreichisch-jüdischen Emigration in die USA geforscht.

„Mehr als einmal hatte ich mich gefragt, wie viele Werke – Romane, Theaterstücke, Streichquartette, Opern, Gemälde, Skulpturen – verloren gegangen, nie vollendet oder gar nicht erst erschaffen worden waren, weil man ihre Schöpfer umgebracht oder ihnen auf der Flucht, im Exil oder im Lager die schöpferische Kraft zermürbt und geraubt hatte.“

(S.179)

Man muss sich auf diesen wehmütigen und melancholischen Roman einlassen und darf sich nicht durch die teils ungewöhnliche, literarische Form mit Einschüben von Geschichten und Zeitzeugenberichten, sowie durch die verschwimmenden Realitäten, Zeitsprünge und den Wechsel der Handlungsorte verwirren lassen.

Ein gelungenes, literarisches Experiment und für einen Büchernarren wie mich war schon allein der Schauplatz der Buchhandlung ein attraktiver Grund, zu diesem Roman zu greifen. Dass diese sich dann zudem noch in Wien befindet, ein weiterer – auch wenn sich Teile der Handlung später nach New York verlagern.

Eine eindrucksvolle Reise durch Raum und Zeit, welche Horváth hier seinen Lesern eröffnet und somit für mich auch eine ideale Station meiner literarischen Europareise in Österreich.

Sprachlich schön und flüssig zu lesen ist es ein klangvolles, poetisches und verträumtes Buch, das berührt und wahrhaft große Themen behandelt: Holocaust, Trauer, Verlust, aber auch die Liebe und die Kraft des Geschichtenerzählens. Und letztlich auch ein Roman darüber, wie es gelingen kann, Verlust und Schmerz zu verarbeiten und weiter zu leben.

„Oder: dass ich mehr als ich bin. Ich bin Max. Ich bin aber auch León. Ich bin Judith. Ich bin Eltern und Großeltern, Tanten, Onkel, Freund und Fremder. Ich bin alt. Ich bin jung. Ich bin Vergangenheit. Ich bin Gegenwart. Ich bin tot. Und ich lebe.“

(S.214)
© Penguin Verlag

Buchinformation:
Martin Horváth, Mein Name ist Judith
Penguin
ISBN: 978-3-328-60010-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Mein Name ist Judith“:

Für den Gaumen:
Vor kurzem habe ich auf dem wunderbaren Foodblog „Ein Nudelsieb bloggt“ (herzliche Grüße nach Graz!) ein herrliches Rezept gefunden, das für mich „typisch Österreich“ und untrennbar mit schönen Urlaubserinnerungen verbunden ist: Millirahmstrudel. Alleine das Wort lässt schon das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Zum Weiterhören:
Im Buch ist an einer Stelle von der Zauberin Alcina die Rede, die auf ihrer Insel die strandenden Männer verzaubert, so dass mir sofort die gleichnamige Oper von Georg Friedrich Händel in den Sinn kam. Die bekannteste Arie dieses Werks ist wohl das wunderbare „Verdi prati“, das seinen Zauber bis heute bewahrt hat.

Zum Weiterlesen:
Österreich hat bislang zwei Literaturnobelpreisträger vorzuweisen: Elfriede Jelinek und Peter Handke. Leider konnte ich im Frühjahr 2020 aufgrund des ersten Corona-Lockdowns Elfriede Jelinek’s Stück „Am Königsweg“ nicht mehr im Landestheater Niederbayern sehen, da die meisten Vorstellungen (und auch die von mir geplante) abgesagt werden mussten.

In meinem Bücherregal ist das Nachbarland aber sehr präsent und zahlreich vertreten mit Autoren wie Robert Seethaler, Arno Geiger, Daniel Glattauer, René Freund, Ursula Poznanski, Judith W. Taschler, Irene Diwiak, Gerhard Loibelsberger oder Thomas Raab… um nur einige wenige zu nennen. Österreich ist ein Land, das ich sehr gerne bereise – auch literarisch.

Für alle, die opulente Familienromane mit geschichtlichem Hintergrund lieben und von Wien nicht genug bekommen können, könnte folgender Roman über die Klavierbauerdynastie Alt lesens- und lohnenswert sein:

Ernst Lothar, Der Engel mit der Posaune
btb
ISBN: 978-3-442-71510-7

Italienisches Inselgefängnis

Die nächste Station meiner Europabowle oder „Literarischen Europareise“ ist Italien: Bella Italia. Aber Francesca Melandri präsentiert uns in ihrem zweiten Roman „Über Meereshöhe“ nicht das sonnige Urlaubsland und „la dolce Vita“, sondern sie bringt dem Leser einen völlig anderen geschichtlichen Aspekt ihres Heimatlandes näher.

Der Roman spielt Ende der Siebziger bzw. zu Beginn der 80er Jahre, welche auch in Italien als „bleierne Jahre“ in die Geschichte eingehen, die geprägt sind von Terroranschlägen und der Entführung und Ermordung Aldo Moro’s im Jahr 1978.
Der italienische Staat betreibt ein Hochsicherheitsgefängnis auf einer Insel.
Namentlich erwähnt wird die Insel im Roman nicht – es könnte sich jedoch um die auch noch heute als Gefängnis genutzte Insel Gorgona vor der toskanischen Küste handeln.

„Denn will man jemand wirklich absondern vom Rest der Welt, gibt es keine Mauer, die höher wäre als die See.“

(S.33)

Im Roman sitzen dort Schwerverbrecher, Mörder und Terroristen ihre langjährigen Haftstrafen ab. Besuche sind aufwändig, erfordern viel Zeit und gut geplante Logistik und so treffen Paolo und Luisa zum ersten Mal auf dem Schiff aufeinander, das sie zur Insel bringt. Beide besuchen dort ihre inhaftierten Angehörigen: Paolo seinen Sohn, Luisa ihren Ehemann.

Als sich ein gewaltiger Sturm zusammenbraut, der ihre Rückfahrt ans Festland verhindert, bleiben die beiden über Nacht unfreiwillig auf der Insel zurück. In dieser Ausnahmesituation kommen sich die beiden näher und erzählen sich ihre Geschichten, entdecken Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

„Ihm schien es nicht unmöglich, dass alle lebenden Geschöpfe vor dem Sturm geflohen und nur sie drei zurückgeblieben waren: er, die Frau und der Vollzugsbeamte, der sie begleitete.“

(S.128)

Luisa, die zupackende, patente und lebenstüchtige Bäuerin, die gemeinsam mit ihren fünf Kindern nach der Verurteilung ihres Mannes den Hof nun alleine bewirtschaften muss und mit beiden Beinen im Leben steht. Sie führt ein einfaches Leben voll harter Arbeit, die sie ablenkt, fordert und die Schmerzen und Demütigungen zeitweise vergessen lässt, die sie durch ihren Mann erleiden musste. Fürsorglich bereitet sie gefüllte Ravioli zu, die sie mit ins Gefängnis bringt und genießt die erste Überfahrt auf dem Meer, das sie zuvor noch nie gesehen hatte, zumal ihr Mann erst vor kurzem auf die Insel verlegt wurde.

Und da ist Paolo, der leidet, mit seinem Schicksal hadert und es nicht wahrhaben will geschweige denn verstehen kann, wie ausgerechnet sein Sohn zum Terroristen werden konnte, der Menschenleben auf dem Gewissen hat. Seine Frau ist beraubt vom Lebenswillen früh an Krebs gestorben und hat ihn in all seinem Kummer allein gelassen. Der früh pensionierte Lehrer, der Frau und Sohn verloren hat, wird durch die ungewohnte Situation und die Begegnung mit Luisa aus seiner dunklen Routine gerissen.

Nach einem aus der Not geborenen Abendessen bei einem der Vollzugsbeamten und dessen Frau, die von ihrem außergewöhnlichen Leben auf der Gefängnisinsel erzählen, bereiten sich die beiden auf eine improvisierte Nacht an diesem stürmischen Ort vor. Ein Abend und eine Nacht, die das Leben der beiden und ihre jeweilige Sicht darauf für immer verändern wird.

Ein Buch wie ein Kammerspiel: wenige handelnde Personen, eine abgeschlossene Situation mit düsterem, bedrohlichem Wetter und einem außergewöhnlichen Schauplatz. Es handelt sich um ein wahrlich intensives Leseerlebnis, das den Figuren und ihren Lebensschicksalen großen Raum lässt, obwohl der Roman gerade mal 252 Seiten besitzt. Ein zutiefst menschliches und philosophisches Buch, das große Fragen stellt: Wie geht man damit um, einen nahen Verwandten (z.B. Sohn oder Ehemann) zu haben, der schwere Schuld auf sich geladen hat und im Gefängnis sitzt? Kann man verstehen? Vergeben? Wie lebt man weiter? Kann man selbst wieder Frieden und Ruhe finden?

Für mich ein Roman, den ich mir auch sehr gut in einer Adaption für die Bühne vorstellen könnte. Ein packender Stoff, der zum Nachdenken anregt.

Francesca Melandri hat für mich einmal mehr bewiesen, dass sie die ganz große Gabe besitzt, zeitgeschichtliche Stoffe aus der italienischen Geschichte der vergangenen Jahrzehnte in erstklassige Romane umsetzen zu können. Nach „Eva schläft“ und auch dem neuesten Werk „Alle außer mir“, hat mich auch „Über Meereshöhe“ vollständig überzeugt, gepackt und fasziniert. Ihr untrügliches Auge für menschliche Schicksale und die hervorragende Personenzeichnung in einer wunderbaren, stimmigen Sprache (hier sei auch die gelungene Übersetzung von Bruno Genzler explizit erwähnt) machen den Roman zu einem wahren Lesegenuss und Gewinn.

Melandri hat mit diesem Roman meine Neugier geweckt, mich noch mehr in die italienische Geschichte einzulesen und zugleich ein Buch geschrieben, das Herzenswärme und tiefe Menschlichkeit ausstrahlt. Leserherz, was willst Du mehr?

Buchinformation: (in meinem Fall eine ältere Ausgabe)
Francesca Melandri, Über Meereshöhe
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Heyne
ISBN: 978-3-453-41109-8

oder neu bei Wagenbach:
Francesca Melandri, Über Meereshöhe
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-2812-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Über Meereshöhe“:

Für den Gaumen:
Auf der Insel duftet es nach den Feigen an den Bäumen. Eine reife Feige – womöglich sogar frisch vom Baum gepflückt – das hat etwas Paradiesisches und schmeckt für mich immer sofort nach Urlaub.

Zum Weiterhören:
Wenn wir im Rahmen der „Europabowle“ schon in Italien angelangt sind, was würde da besser passen als Paolo Conte’s „Via con me“? Ich würde mich freuen, wenn ihr mit mir kommt und mich auf meiner „literarischen Europareise“ weiter begleitet.

Zum Weiterklicken und Weiterlesen:
Auf ihrem Blog Tuttopaletti lässt uns Anke in stimmungsvollen und unterhaltsamen Beiträgen daran teilhaben, was es bedeutet, als gebürtige Deutsche in Italien zu leben. Ihre Seite begleitet mich stets mit Amüsantem, Nachdenklichem und Lesenswertem, lässt mich gedanklich ins schöne Italien reisen und zaubert mir so oft südliches Flair und Urlaubsstimmung in mein Wohnzimmer.

Zum Weiterlesen:
Italien hat bisher bereits sechs Literaturnobelpreisträger vorzuweisen (Giosuè Carducci, Grazia Deledda, Luigi Pirandello, Salvatore Quasimodo, Eugenio Montale und Dario Fo).
Doch ich möchte heute statt einem Werk der Nobelpreisträger trotzdem noch einmal Francesca Melandri empfehlen, denn bereits ihr erster Roman „Eva schläft“ hat mich unglaublich beeindruckt und sich tief in mein Gedächtnis gegraben. Ein großartiges Buch über Südtirol und die politisch aufgeheizten Zeiten dieser teils hin- und hergerissenen Region, das einem hilft, den geschichtlichen Hintergrund besser zu verstehen. Wunderbare Literatur in einer sehr schönen Sprache.

Francesca Melandri, Eva schläft
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-2805-8

Barnes‘ Gemälde der Zeit

Ein Museumsbesuch kann inspirieren, eine neue Sichtweise auf die Welt eröffnen und im Falle von Julian Barnes sogar der Auslöser für ein ganzes Buch werden. Als er im Jahre 2015 in der Londoner National Portrait Gallery das Gemälde „Dr. Pozzi at home“ des amerikanischen Künstlers John Singer Sargent sieht, wird er neugierig auf die Geschichte des Porträtierten. „Der Mann im roten Rock“ erzählt die Lebensgeschichte des Gynäkologen Dr. Samuel Pozzi (1846-1918), der im Paris der Jahrhundertwende aufgrund seiner innovativen Behandlungsmethoden als Arzt, aber auch als Fein- und Freigeist zum „Who is who“ oder besser zur „Haute volée“ zählte. Sein Leben und die Menschen in seinem Umfeld bieten den Rahmen, der es Barnes ermöglicht, ein opulentes, detailverliebtes und großes, literarisches Zeit- und Sittengemälde der Pariser „Belle Époque“ oder auch des „Fin de siècle“ zu schaffen.

„Die Belle Époque: der Inbegriff von Friede und Freude, von Glamour mit mehr als einem Hauch von Dekadenz, eine letzte Blüte der Künste und letzte Blüte einer etablierten High Society, bevor dieses kuschelige Fantasiegebilde – mit einiger Verspätung – vom metallischen zwanzigsten Jahrhundert hinweggefegt wurde, dem man nichts vormachen konnte und das die eleganten, launigen Toulouse-Lautrec-Poster von leprösen Wänden und stinkenden vespasiennes riss.“

(S.34/35)

Auf Du und Du mit den Größten seiner Zeit verkehrte Dr. Pozzi in den Salons der besten Pariser Gesellschaft, kannte Reiche, Schöne und auch die Künstler der damaligen Zeit persönlich: Sarah Bernhardt – schillernde Schauspielerin und Weltstar – ebenso wie John Singer Sargent, Colette, André Gide, die Brüder de Goncourt – um stellvertretend nur wenige Beispiele für die führenden Maler, Schriftsteller und Komponisten im Paris der Jahrhundertwende zu nennen. Gemeinsam mit den Aristokraten Prinz Edmond de Polignac und Graf Robert de Montesquiou-Fezensac bereiste er im Jahre 1885 auch London für eine illustre und „intellektuelle Einkaufstour“ – und so lässt Barnes auch immer wieder süffisante Bemerkungen über das Verhältnis zwischen Engländern und Franzosen einfließen.

Es ist die Zeit der Dandies und Duelle, der Weltausstellungen, des großen technischen und medizinischen Fortschritts. Barnes zeichnet ein detailliertes Bild einer Welt im Umbruch und einer Zeit, in welcher sich für die gehobenen, reichen Kreise große Freiheiten und Möglichkeiten eröffneten.

„Die Belle Époque war eine Zeit unermesslichen Wohlstands für die Wohlhabenden, der gesellschaftlichen Macht für die Aristokratie, des hemmungslosen und ausgefeilten Snobismus, des ungezügelten Strebens nach Kolonialbesitz, des künstlerischen Mäzenatentums und des Duells, dessen Brutalität oft eher ein Gradmesser der persönlichen Erregung als der verletzten Ehre war.“

(S.152)

Barnes zeichnet aber auch das Bild eines weit gereisten, weltmännischen, charismatischen Mannes, sowie eines erfolgreichen und einfühlsamen Arztes. Er zeigt Pozzi als Vater einer Tochter, deren Beziehung zu ihm Licht und Schatten aufweist und als Ehemann in einer weitestgehend lieb- und glücklosen Ehe, aus welcher er sich in Affären mit anderen Frauen und in eine länger währende, leidenschaftliche Beziehung zu einer ebenfalls verheirateten Frau flüchtet, mit welcher er regelmäßig Europa bereist. Theater- und Opernbesuche in Bayreuth, München, Venedig stehen auf ihrem Programm – gemeinsam verstehen sie es, die Kunst und das Leben zu genießen.

„Ein Maler schafft ein Abbild, eine Version oder eine Interpretation, die die porträtierte Person zu Lebzeiten feiert, nach dem Tod in Erinnerung bewahrt und beim Betrachter vielleicht noch Jahrhunderte später Neugier weckt.“

(S.229)

Ich habe einiges aus der Lektüre mitgenommen, wenn auch die Vielzahl der erwähnten Personen, Namen und Anekdoten stellenweise einiges an Konzentration erfordern. Doch dank der gelungenen Illustration durch die Sammelbildchen der „Célébrités Contemporaines“, welche den Schokoladentafeln des Chocolatiers Félix Potin beigegeben waren – offenbar hatte man es damals geschafft, wenn man auf diesen „Schokoladenbildern“ verewigt wurde – bekommt man ein stimmiges Bild und einen guten Eindruck der damaligen Persönlichkeiten.

Für Kunstsinnige, Liebhaber von Malerei, Kunstgeschichte, Literatur und historischen Hintergründen ist dieses Buch genau das Richtige. Wer aber einen Roman im Stile von Barnes’ „Der Lärm der Zeit“ erwartet, der irrt und wird gegebenenfalls auch wenig Gefallen an „Der Mann im roten Rock“ finden. Denn Barnes hat dieses Mal ein Sachbuch verfasst, wenn auch ein sehr lebendiges und kunstvolles, das sich für Kultur- und Geschichtsinteressierte sehr kurzweilig lesen lässt. Die hochwertige Aufmachung und die zahlreichen, teils farbigen Abbildungen der Gemälde, Kunstwerke und Portraits der Akteure machen es zu einem Buch, das man gerne zur Hand nimmt: man liest, schaut, genießt und freut sich im Stillen vielleicht auch schon auf einen zukünftigen Museumsbesuch, sobald dies wieder möglich sein wird.

Weitere Besprechungen des Werks finden sich bei Bücheratlas oder Deutschlandfunk Kultur.

Buchinformation:
Julian Barnes, Der Mann im roten Rock
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05476-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Mann im roten Rock“:

Zum Weiterschauen:
Für alle die das Buch nicht vor sich liegen haben und selbst darin blättern können, ist hier der Link zu dem Gemälde, das der Auslöser für Julian Barnes’ neuestes Werk war und das dem Buch seinen Namen gibt: John Singer Sargent’s „Dr. Pozzi at home“, das aktuell im Hammer Museum in Los Angeles zu Hause ist.

Zum Weiterhören und Weiterschauen:
Eine weltberühmte Oper dieser Zeit – uraufgeführt in Paris 1902 – ist Claude Debussy’s „Pelléas et Mélisande“. Vom 19.02.21 bis zum 19.08.21 wird auf Operavision die Möglichkeit bestehen, sich kostenlos einen Stream der Oper aus dem Grand Théâtre de Genève anzusehen. Die musikalische Leitung hat Jonathan Nott und die berühmte Performancekünstlerin Marina Abramović zeichnet für das Bühnenkonzept verantwortlich. Angekündigt wird die Inszenierung als „kosmischer Traum“, d.h. man darf gespannt sein.

Zum Weiterlesen:
Wer auf unterhaltsame und spannende Weise etwas mehr über die Dreyfus-Affäre erfahren möchte, welche politisch prägend war für die Zeit der Belle Époque, der ist bei Robert Harris und seinem Roman „Intrige“ an der richtigen Adresse. Er versteht es wie kaum ein Zweiter, geschichtliche Stoffe in packende Spannungsliteratur zu verwandeln.

Robert Harris, Intrige
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Heyne
ISBN: 978-3-453-43800-2

Januarbowle 2021 – Schneetage und Winterstimmung

Der erste Monat in 2021 ist bereits wieder Geschichte und was in Erinnerung bleiben wird, sind zahlreiche Spaziergänge durch eine oft verschneite Landschaft – das Knirschen des Schnees unter den Stiefeln, das friedliche Weiß, das alles zudeckt, freundlich lächelnde Schneemänner und zu Beginn des Jahres eine gewisse Stille und Ruhe. Zudem blieb einiges an Lesezeit für eine bunte Mischung an Büchern unterschiedlichster Art.

Der Auftakt war musikalisch und huldigte noch einmal dem Jubilar des vergangenen Jahres: Ludwig van Beethoven. Christian Thielemann’s „Meine Reise zu Beethoven“ brachte mir vor allem die unterschiedliche Symphonien in ihrer Vielfalt wieder näher und offenbarte einen Blick hinter die Kulissen und in die spannende Gedankenwelt eines Dirigenten mit musikalisch-künstlerischen Fragestellungen zu Tempi, Sitzordnungen des Orchesters, Raumakkustik, Plattenaufnahmen und vielen weiteren Aspekten, mit welchen man sich als Hörer in der Regel nicht befasst.

Düster und ungemütlich wurde es dann mit dem Sturmflut-Thriller „Dammbruch“ von Robert Brack, der im Hamburg des Jahres 1962 die Erlebnisse und den Überlebenskampf einiger Krimineller schildert, deren dunkle Machenschaften und Verbrechenspläne von der gewaltigen Sturmflut und Orkan Vincinette regelrecht weggespült werden.

Der Januar war für mich auch der richtige Moment, ein neues Leseprojekt auf meinem Blog einzuläuten: meine „Literarische Europareise“ oder „Europabowle“. Nach und nach möchte ich ein Werk aus jedem europäischen Land lesen und vorstellen (beginnend mit den 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union – und später offen für eine Erweiterung auf die Nicht-Mitgliedsstaaten). Die Autorin oder der Autor sollte aus dem jeweiligen Land stammen und die Romanhandlung sollte in diesem Land angesiedelt sein. Demnächst ist eine eigene Übersichtsseite zur „Europabowle“ geplant – die Gesamtübersicht aller Rezensionen nach Schauplätzen findet man aber auch ohnehin bereits jetzt unter „Die Welt erlesen“.

Gestartet habe ich meine Reise im hohen Norden – in Finnland. Tommi Kinnunen’s wehmütiger, melancholischer Familienroman „Das Licht in deinen Augen“ war ein literarisch würdiger Auftakt, der mich sehr berührt hat. Die Geschichte der blinden, jungen Frau, die sich in den Fünfziger Jahren ihre Selbstständigkeit hart erkämpfen muss und ihres Neffen, der vierzig Jahre später als Homosexueller ebenfalls um seinen Platz in der Gesellschaft ringen muss, macht deutlich, was es bedeutet, einer Minderheit anzugehören, diskriminiert und an den Rand gedrängt zu werden. Ein Buch, das beim Lesen schmerzt.

Ähnlich bewegend und tiefgründig war auch der Roman und die Hauptfigur meiner zweiten Station der Reise: „Nora Webster“ von Colm Tóibín. Eine Witwe, die im Irland der frühen Siebziger Jahre nach dem Krebstod ihres Mannes ihr Leben als Alleinerziehende mit vier Kindern, Geldsorgen und einem Halbtagsjob in einer erzkonservativen Gesellschaft meistern muss. Eine starke, unkonventionelle Frauenfigur, die am Ende lernt loszulassen, sich selbst findet und gestärkt aus der Krise hervorgeht. Ein stilles, eindringliches Buch, das lange nachhallt.
Weitere Stationen der literarischen Europareise werden folgen und ich freue mich bereits jetzt über die positive Resonanz.

Auch ein Krimi durfte im Januar nicht fehlen und mit Bernhard Jaumann’s „Der Turm der blauen Pferde“ konnte ich Krimilust und den kulturellen Aspekt meiner „Kulturbowle“ wunderbar verbinden. Ein Kriminalfall, in welchem eine Kunstdetektei nach dem Verbleib und der Provenienz eines verschollenen Franz Marc-Gemäldes fahndet – das war hervorragende, spannende Unterhaltung und ganz nach meinem Geschmack. Ich bin bereits jetzt gespannt auf die Fortsetzung, die im Mai erscheinen wird („Caravaggios Schatten“).

Neuland im neuen Jahr habe ich mit meiner ersten Rezension zweier Lyrikbände betreten: Die wunderbaren Haiku-Bände „der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land“, sowie „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“ haben mich sehr begeistert und den Wunsch geweckt, im Leben wie auf dem Blog „mehr Poesie zu wagen“. Die Gedichte der Autorinnen Janette Bürkle und Petra C. Erdmann in der japanisch inspirierten Form des Dreizeilers sind durch ihre schwebende, sinnliche und atmosphärische Sprache ein wahrer Lesegenuss.

Harter Tobak war danach dagegen Thomas Mullen’s „Darktown“. Der Autor thematisiert in seinem Kriminalroman den Rassismus im Atlanta des Jahres 1948. Im Mittelpunkt steht die erste Einheit des Police Departments, welche farbige Polizisten beschäftigt, die ihm Viertel „Darktown“ mit überwiegend farbiger Bevölkerung ihren gefährlichen und schwierigen Dienst versehen.

Mit Francesca Melandri’s „Über Meereshöhe“ habe ich nun auch das Werk der italienischen Autorin gelesen, das mir bisher noch fehlte, und die mich bereits mit „Alle außer mir“, aber vor allem auch mit „Eva schläft“ absolut begeistert hatte. Die Geschichte von Luisa und Paolo, die beide ihre inhaftierten Familienangehörigen auf einer Gefängnisinsel besuchen, entwickelte für mich erneut einen ganz besonderen Sog. Zudem habe ich viel über ein Kapitel der italienischen Geschichte und eine Zeit erfahren, die als „bleierne Zeit“ bezeichnet wird und mir bisher noch weitestgehend unbekannt war.

Mit großer Vorfreude und Neugier habe ich den ersten Band der Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen „Kindheit“ erwartet und dann auch sofort verschlungen. Die dänische Autorin, die aktuell wieder entdeckt und in 16 Sprachen übersetzt wird, beschrieb 1967 im ersten Teil ihre Kindheit im Kopenhagen der Zwanziger Jahre. Hier werde ich sicher bald ausführlicher berichten.

Den Abschluss meiner Januar-Lektüre bildete dann der neue Julian Barnes: „Der Mann im roten Rock“ – ein opulentes und pralles, literarisches Zeitgemälde der Belle Époque – Kunst, Literatur, Lebensart und die Geschichte eines der erfolgreichsten Gynäkologen seiner Zeit, des Dr. Pozzi. Ein wahres Füllhorn an kunst- und literaturgeschichtlichen Bezügen, sowie ein vielschichtiges Kaleidoskop der Pariser Gesellschaft und der Bohème des Fin de Siècle, das der Brite hier für seine Leser auffächert.

Ein Lesemonat, der mir viel Abwechslung bescherte und eine bunte Mischung aus Poesie, Kunst, Musik, tiefgründigen Familiengeschichten, aber auch packender Krimiunterhaltung geboten hat – eine Bowle mit unterschiedlichsten Zutaten.

Und es blieb sogar noch Zeit für ein paar digitale, kulturelle Erlebnisse in Form von Livestreams, u.a. aus dem Münchner Gärtnerplatztheater („Viktoria und ihr Husar“) oder meinem Heimattheater – dem Landestheater Niederbayern („Geliebte Aphrodite“).

Die Tage werden bereits wieder spürbar länger und neben den liebgewonnenen Spaziergängen werde ich auch im Februar versuchen, die Zeit mit guten Büchern, schöner Musik und ein paar digitalen Theater- und Opernbesuchen zu bereichern.
So freue ich mich zum Beispiel auf einen gestreamten „Freischütz“ aus der Bayerischen Staatsoper am 13.02.21 (19.00 Uhr) und lektüretechnisch unter anderem auf den zweiten und dritten Band der Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen.

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Januar:
Nach den süßen Naschereien der Weihnachtszeit, gab es im Januar mal ein Gebäck der herzhaften Art: Käsefüße.


Musikalisches im Januar:
Eine musikalische Neuentdeckung war für mich diesen Monat Christoph Willibald Glucks Ballettmusik „Don Juan“ aus dem Jahr 1761, die ich in einem Livestream des Münchner Gärtnerplatztheaters erleben durfte – ergänzt durch Texte von Lorenzo Da Ponte, Tirso de Molina, Christian Dietrich Grabbe, E. T. A. Hoffmann und Molière, welche von Jutta Speidel vorgetragen wurden, war dies ein rundes und kurzweiliges Konzerterlebnis.

Der Abend
Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
wunderbar mit allen Bäumen,
was dem Herzen kaum bewußt,
alte Zeiten, linde Trauer,
und es schweifen leise Schauer
wetterleuchtend durch die Brust.

(Joseph von Eichendorff)

Irischer Weg zurück ins Leben

Die zweite Station meiner „Literarischen Europareise“ oder „Europabowle“ führt mich noch einmal Richtung Norden, dieses Mal aber etwas westlicher nach: Irland. Colm Tóibín hat mit „Nora Webster“ einen leisen, harmonischen Roman verfasst und eine wunderbare Frauenfigur ins Zentrum seiner Geschichte gesetzt.

Als Nora in den späten Sechziger Jahren nach dem frühen Krebstod ihres Mannes plötzlich auf sich allein gestellt ist – mit vier Kindern und einem nur geringen finanziellen Einkommen – zeigt sich, wie schwer es ist, sich in der konservativen, katholischen und teils engstirnigen Gesellschaft einer Kleinstadt im Norden Irlands als Witwe und alleinstehende Frau wieder einen Platz im Leben zu erkämpfen.

Sie versucht, den Kindern Halt zu geben. Die beiden älteren Töchter sind weitestgehend schon flügge und aus dem Haus, doch die jüngeren Söhne brauchen ihre volle Unterstützung, denn einer der beiden stottert und trägt autistische Züge und beide leiden sehr unter dem Verlust des Vaters. Um finanziell über die Runden zu kommen, trennt sie sich vom ehemals so geliebten Ferienhaus an der Küste und sie beginnt nach langen Jahren der Hausfrauenrolle wieder in Teilzeit im Büro einer ortsansässigen Firma zu arbeiten, in welcher sie bereits vor den Kindern berufstätig war. Doch auch dort machen ihre Kollegen es ihr nicht immer leicht und sie ist Anfeindungen und Schikanen ausgesetzt.

„Sie war überrascht, wie fest sich ihr Entschluss anfühlte, wie leicht es schien, allem, was sie geliebt hatte, den Rücken zu kehren, dieses Haus am Weg zur Klippe aufzugeben, damit andere es kennenlernten, andere es im Sommer aufsuchten und mit verschiedenen Geräuschen erfüllten.“

(S.15)

Der Alltag fordert ihre ganze Kraft und Energie, Geldverdienen, die Kinder, der Haushalt, da bleibt nicht viel Zeit für seelisches Verarbeiten, Trauer oder eigene Interessen und doch entdeckt sie Schritt für Schritt, dass sie auch alleine das Leben meistern kann. Sie findet Gefallen daran, eigene Entscheidungen zu treffen, einen eigenen Geschmack zu entwickeln, unabhängig selbst über finanzielle Dinge zu entscheiden und sich selbst zu verwirklichen.
Doch Armut, Geldsorgen, die Sorgen um die Kinder und die politisch aufgeheizte Zeit – die Geschehnisse des Blutsonntags („Bloody Sunday“) im nordirischen Derry 1972 werden ebenfalls thematisiert – sind Nora’s ständige Begleiter.

Trost findet sie in der Musik – sie besucht Treffen, bei welchen gemeinsam Schallplatten gehört werden und über die Musikstücke diskutiert wird. Nach und nach nimmt sie auch wieder am gesellschaftlichen Leben teil, besucht ein Pubquiz und entscheidet sich sogar, einer Gewerkschaft beizutreten. Ein mutiger Schritt, den sie sich zunächst selbst kaum zugetraut hatte. Sie beginnt, Gesangsstunden zu nehmen, die ihr Kraft und Selbstbewusstsein geben. So findet sie nach und nach ihre eigene Stimme und ihren Weg zurück ins Leben.

Der Ire Colm Tóibín hat mit Nora Webster einer literarischen Figur das Leben geschenkt, die man bewundert und die mir in Erinnerung bleiben wird. Eine Frau, die für sich und ihre Kinder kämpft und sich in einer Zeit alleine durchsetzen muss, in welcher Frauen in vielen Aspekten noch benachteiligt waren und nicht ernst genommen wurden. Doch Nora wächst mit jeder Herausforderung, geht gestärkt daraus hervor und findet letztlich auch zu ihrem eigenen Geschmack und Lebensstil.

Sprachlich klingt die Übersetzung von Giovanni und Ditte Bandini wunderbar ruhig und harmonisch – wie das Rauschen der Brandung an Nora’s Lieblingsstrand – und so entfaltet der Roman einen wunderbaren Lesefluss.

Ein großartiges Buch über das Loslassen, das Trauern und die Emanzipation einer starken, beharrlichen und unkonventionellen Frau, die allen Widrigkeiten trotzt und so an Selbstbewusstsein und Stärke gewinnt.
Für mich auch ein Roman über die Kraft der Musik und des Gesangs – eine Ode an die wohltuende, positive Wirkung des Chorgesangs. Ein leises, eindringliches und behutsames Buch, das ruhig dahinfließt und das mich dennoch nachhaltig beeindruckt hat.

„Es gibt keinen besseren Weg, sich selbst zu heilen, als in einem Chor zu singen.“

(S.246)

Eine literarische Reise nach Irland, die mich berührt und fasziniert hat und die sich für jeden lohnt, der sich Zeit nimmt und sprachlich schöne, ruhige Literatur mit einer feinen und tiefgründigen Personenzeichnung zu schätzen weiß.

Weitere Besprechungen des Romans finden sich bei Birgit Böllinger (Sätze&Schätze) und Letteratura.

Buchinformation:
Colm Tóibín, Nora Webster
Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini
Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-25063-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Nora Webster“:

Für den Gaumen:
In vielen Kulturen ist es üblich beim Besuch in Trauerhäusern etwas Gekochtes oder Gebackenes mitzubringen. Auch im Buch werden frische Scones und Tee gereicht und sollen als Trostspender fungieren. Auf dem Blog „Tea&Scones“ habe ich ein schönes Rezept für Scones gefunden, das ich bei Gelegenheit wohl mal ausprobieren werde.

Zum Weiterhören:
Musik spielt in „Nora Webster“ eine zentrale Rolle und am Ende des Romans wird sie gemeinsam mit einem Chor Brahm’s „Deutsches Requiem“ einstudieren. Ein Stück, in das ich mich angeregt durch die Lektüre wieder einmal einhören möchte.

Zum Weiterlesen (oder Weiterschauen):
Bisher habe ich einen irischen Roman hier auf meiner Kulturbowle besprochen: „Die Asche des Tages“ von Máirtín Ó Cadhain, der das Thema Trauer aus einem völlig anderen Blickwinkel beleuchtet als Colm Tóibín das in „Nora Webster“ tut, denn der Erzähler irrt in diesem Werk lieber durch Dublin, als sich um die Beisetzung seiner soeben verstorbenen Frau zu kümmern.

Literaturnobelpreisträger hat Irland bisher drei zu verzeichnen: William Butler Yeats (1923), Samuel Beckett (1969) und Seamus Heaney (1995). Bekanntschaft habe ich bisher vor allem mit dem Zweiten aus der Reihe gemacht:
Samuel Beckett’s „Warten auf Godot“ durfte ich in der Spielzeit 17/18 im Landestheater Niederbayern in einer tollen Aufführung im Landshuter KOENIGmuseum an einem besonderen Ort erleben und konnte somit eine Bildungslücke schließen. Hier würde ich dem Theatererlebnis gegenüber dem Lesen zwar immer den Vorzug geben, aber ich führe trotzdem gerne auch die bibliographischen Daten mit auf.

Máirtín Ó Cadhain, Die Asche des Tages
Übersetzt von Gabriele Haefs
Kroener
ISBN: 978-3-520-60301-2

Samuel Beckett, Warten auf Godot. Endspiel. Glückliche Tage – Drei Stücke
Aus dem Englischen von Elmar Tophoven und Erika Tophoven
Suhrkamp Taschenbuch 3751
ISBN: 978-3-518-45751-1

Finnische Schwermut

Der Finne Tommi Kinnunen hat mit „Das Licht in deinen Augen“ einen einfühlsamen, tiefgründigen und melancholischen Familienroman geschrieben, der schildert, was es bedeutet, Außenseiter zu sein und einer Minderheit anzugehören.

2021 – ein neues Jahr – ein neues Projekt: Heute beginne ich mit meiner „Literarischen Europareise“ oder meiner „Europabowle“. Schritt für Schritt möchte ich exemplarisch aus jedem Mitgliedsland der Europäischen Union (ich beginne einfach mal mit diesen 27 Ländern, die dann später sicherlich auch noch mit den Nicht-EU-Ländern erweitert werden können) ein literarisches Werk lesen. Die Autorin oder der Autor sollte aus dem jeweiligen Land stammen und die Romanhandlung sollte im jeweiligen Land angesiedelt sein.

Keine Angst! Ich werde mich jetzt nicht in den nächsten Monaten non-stop durch diese Länder-Liste arbeiten, sondern von Zeit zu Zeit das eine oder andere Land literarisch bereisen – ohne festen Zeitplan, ohne Zeitdruck. Der Weg ist das Ziel und wir werden sehen, wie lange diese Reise dauern wird. Der Anreiz für mich besteht darin, dass ich mich neben meinen literarischen Komfortzonen so auch einmal mit der Literatur und Autor*innen aus Ländern beschäftige, die bisher vielleicht noch nicht oder zumindest noch nicht häufig auf meiner Leseliste standen. Europa ist reich an Vielfalt und Kultur, das soll durch diese „Literarische Europareise“ zum Ausdruck kommen.

Doch jetzt zu meiner ersten Station: Finnland – und zurück zum Buch:
Ein einsames Dorf im Norden Finnlands in den Fünfzigerjahren: Kälte, Armut und harte, körperliche Arbeit prägen den Alltag. Die junge Helena hat bereits früh das Augenlicht verloren und findet sich mit Hilfe ihrer Familie und der vertrauten Umgebung im Wesentlichen zurecht. Durch ihr ausgeprägtes Gehör hat sie auch eine außergewöhnliche Begabung für die Musik und Klänge haben für sie eine besondere Bedeutung. Als die Eltern entscheiden, sie auf eine Blindenschule im fernen Helsinki zu schicken, um ihr eine bessere Ausbildung zu ermöglichen, beginnt für sie ein neues Leben.

„Es gibt zweierlei Menschen, solche, die gehen, und solche, die bleiben. Diejenigen, die gegangen sind, sehnen sich immer nach dem Ort zurück, von dem sie sich losgerissen haben. Sie kommen zu Besuch, erzählen von den Wunderlichkeiten des Lebens und hoffen zugleich, dass die Daheimgebliebenen sich nie verändern.“

(S.95)

Fernab von der Familie, auf sich allein gestellt, ertastet und erarbeitet sich die blinde junge Frau ihren eigenen Weg ins Leben, der alles andere als einfach ist. Sie studiert Klavier und Musik am Sibelius-Institut, verliebt sich, heiratet. Um Geld zu verdienen, gibt sie die künstlerische Seite ihrer musikalischen Begabung auf und arbeitet letztlich als Klavierstimmerin. Ihre Ehe bleibt kinderlos und scheitert. Ein Lebensweg voller Schicksalsschläge und Desillusion.
Kinnunen schildert in vielen Szenen die Diskriminierung und die Benachteiligung, die Helena durch ihre Sehbehinderung erfahren muss, worauf sie verzichten muss und wie unbedacht und rücksichtslos manche Menschen mit ihr umgehen. Es schmerzt stellenweise regelrecht, das zu lesen.

Gleiches gilt für ihren Neffen Tuomas, der erst nach und nach zu seiner Homosexualität stehen kann und lange braucht bis er auch seiner Familie davon erzählen kann. Tuomas ist die zweite große Hauptfigur des Romans – der Autor wechselt zwischen Szenen aus seinem und Helenas Leben ab. Tuomas, der in den 90er Jahren ebenfalls seiner nordfinnischen Heimat den Rücken kehren muss, um in der Anonymität der Großstadt und fernab der Beobachtung durch die Familie eine Chance zu bekommen, seine Sexualität leben zu können. Ebenfalls ein steiniger Weg und auch hier entwirft Kinnunen das Bild eines Suchenden, der lange braucht, mit seiner Situation und seinem „Anders“-Sein zurecht zu kommen und seinen Platz in der Gesellschaft zu finden.

Beeindruckt haben mich die ergreifenden und intensiven Schilderungen Kinnunen’s, die versuchen, einen Einblick zu geben, was es bedeutet, blind zu sein. Helenas Welt ohne Licht, die überall lauernden Gefahren, das vorsichtige Vorantasten und die stets erforderliche Vorsicht sowie die Abhängigkeit von der Unterstützung und Hilfe anderer Menschen.

Der Autor hat ein vielschichtiges, gefühlvolles, aber auch tieftrauriges und schwermütiges Buch geschrieben. Ein großer Familienroman, der die Zeitspanne zwischen den Fünfziger Jahren bis in die Gegenwart abdeckt und viele Facetten und große Emotionen bietet. Leider wird kaum eine Figur wirklich glücklich und jedes Familienmitglied hat sein eigenes persönliches, schweres Schicksal zu tragen.
Selbstmord, Alkoholismus, Depressionen, AIDS, scheiternde Beziehungen – viele ernste und schwerwiegende Themen, die der Finne in dieser Familiengeschichte anpackt und behandelt.

„Aus dieser Familie sollte man kein Kartenspiel machen, denn es gäbe zu viele Schwarze Peter.“

(S.301)

Man darf sich nicht vom Titel „Das Licht in deinen Augen“ in die Irre führen lassen, der eher zu einer Liebesgeschichte passen würde und den ich daher persönlich nicht als perfekt gewählt empfunden habe (der Originaltitel „Lopotti“ bezeichnet in russischem Dialekt ein „abgelegenes Dorf“).

Es ist keine leichte Kost, die uns hier aus Finnland erreicht, sondern ein dunkles und intensives Buch in einer schönen Sprache übersetzt von Gabriele Schrey-Vasara mit viel Stoff zum Nachdenken und Reflektieren – ein Buch über vermeintliche Außenseiter, deren Ausgrenzung durch die Gesellschaft und die Sehnsucht nach einem freien und selbstbestimmten Leben. Ein Buch, das man nicht zu jeder Zeit und nur in einer stabilen Gemütsverfassung lesen sollte. Ein Buch, das es einem Leser nicht einfach macht und das man ertragen können muss – in all seinem Schmerz und all der geschilderten Ungerechtigkeit.

Der Roman ist der zweite Band, den Tommi Kinnunen über die Familiengeschichte der Löytövaara’s geschrieben hat, lässt sich jedoch auch ohne Weiteres gut lesen, wenn man den ersten Teil „Wege, die sich kreuzen“ nicht kennt.

Eine weitere Besprechung des Romans findet sich bei Literaturreich.

Buchinformation:
Tommi Kinnunen, Das Licht in deinen Augen
Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara
Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-60078-7

© Penguin Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Das Licht in deinen Augen“:

Für den Gaumen:
Wenn ich Finnland höre, denke ich kulinarisch in erster Linie an frischen Fisch.

Zum Weiterhören:
Für die musikalische Finnlandreise empfehle ich Jean Sibelius (1865 – 1957) mit seiner Karelia Suite oder der sinfonischen Dichtung Finlandia. Aber auch sein Andante Festivo für Streichorchester ist wunderschöne Musik zum Schwelgen. In Kinnunen’s Roman studiert Helena am renommierten Sibelius-Institut Musik und arbeitet später als Klavierstimmerin.

Zum Weiterlesen:
Vom einzigen finnischen Literaturnobelpreisträger Frans Eemil Sillanpää – er erhielt die Auszeichung 1939 – habe ich bisher noch nichts gelesen und ich habe offen gestanden erst durch meine Recherche für diesen Beitrag von ihm erfahren. Für mich war die Finnland-Lektüre bisher häufig mit Krimis verbunden, so zum Beispiel die Arto-Ratamo-Reihe von Taavi Soininvaara oder die Maria Kallio-Krimis von Leena Lehtolainen. Anbei jeweils die Auftakt-Bände zu den beiden Serien:

Taavi Soininvaara, Finnisches Blut
Übersetzer: Peter Uhlmann
Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-2282-8

Leena Lehtolainen, Alle singen im Chor
Übersetzerin: Gabriele Schrey-Vasara
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-23090-5

Quietschvergnügt

Aktuell können wir alle Aufheiterung, positive Energie und gute Laune vertragen, deshalb möchte ich dieses neue Jahr mit einer ersten Leseempfehlung starten, welche genau das garantiert. P.G. Wodehouse’s „Auf geht’s, Jeeves!“ ist ein quietschvergnügtes, heiteres und witziges Werk, das auch 87 Jahre nach seinem Erscheinen noch zeitlosen Witz versprüht und Heiterkeit verbreitet. Der augenzwinkernde Charme und der Humor des britischen Autors sind Balsam für die Seele.

Für alle, die bisher noch keine Bekanntschaft mit P.G. Wodehouse gemacht haben, vorab ein paar kurze Worte zum Autor:
Sir Pelham Grenville Wodehouse zählt zu den bekanntesten und meistgelesenen Humoristen Englands, war Schriftsteller, Bühnen- und Drehbuchautor und lebte von 1881 bis 1975. Er verfasste unter anderem 40 Theaterstücke und mehr als 90 Romane, unter welchen die beiden Reihen um Bertram Wooster und seinen Butler Jeeves auf der einen und die Blandings Castle-Reihe mit Lord Emsworth auf der anderen Seite zu den bekanntesten gehören. Wodehouse verließ seine Heimat 1934 aus steuerlichen Gründen, zog nach Frankreich und wurde 1940 interniert. Er fiel jedoch in seiner britischen Heimat 1941 durch apolitische Rundfunkbeiträge in Ungnade, die während des Zweiten Weltkriegs zu großer Verärgerung im bombardierten England führten, und er sollte nie mehr dorthin zurückkehren. 1946 reiste er in die USA aus und lebte und arbeitete dort bis zu seinem Tod 1975.

In „Auf geht’s, Jeeves!“ begegnen wir dem typischen Setting eines P.G. Wodehouse-Romans: ein englischer Landsitz – Brinkley Court – mit Salon, Bibliothek, eleganten Räumlichkeiten, einer vorzüglichen Küche, einem weitläufigen Park und dem entsprechenden Personal mit englischem Adel (mit so wunderbaren Namen wie Gussie Fink-Nottle oder Tuppy Glossop) auf Sommerfrische und den Dienstboten, dem französischen, hochsensiblen Spitzenkoch Anatole und natürlich mittendrin Bertram Wooster und sein hochgeschätzter Butler Jeeves.

„Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass meine Verschnupftheit schon fast grippale Züge trug.“

(S.98)

Doch zwischen Jeeves und Bertie hängt der Haussegen schief, scheint doch der Butler mittlerweile seinem Herrn den Rang an Beliebtheit in englischen Adelskreisen abgelaufen zu haben, weil Jeeves als ultimativer und taktisch-gewiefter Problemlöser gleichsam unentbehrlich geworden ist. So dass Bertram Wooster nun eigentlich primär von Freunden und Verwandtschaft deshalb eingeladen wird, weil er dann seinen Butler Jeeves mitbringt, der auch in verqueren Verkupplungsaktionen und Liebeswirren stets kühlen Kopf bewahrt. Das kann und will Bertie natürlich nicht auf sich sitzen lassen, hält er sich selbst doch für den großen Kuppler und Diplomaten, so dass er entscheidet, dieses Mal höchstselbst ins Geschehen einzugreifen – mit durchschlagendem Erfolg, denn das Chaos nimmt seinen Lauf…

„Aus mannigfachen Gründen hatte ich seit Jahren nicht mehr mit einer Gummiente in der Badewanne gespielt, und ich fand die ungewohnte Erfahrung höchst erquickend. Falls es jemanden interessiert, will ich gern erwähnen, dass die mit dem Schwamm unter die Oberfläche gedrückte und dann losgelassene Ente auf eine Weise aus dem Wasser springt, die noch den Mühseligsten und Beladensten zu zerstreuen vermag.“

(S.99)

Inspiriert durch ein Badeenten-Erweckungserlebnis stürzt Bertie Wooster nicht nur zahlreiche Liebende in völliges Gefühlschaos, sondern bringt auch noch den temperamentvollen und höchstempfindlichen Sternekoch Anatole zum Schäumen.

Der Leser taucht ein in muntere Irrungen und Wirrungen, zahlreiche Missverständnisse, skurrile Situationen und erfährt, warum Butler keine Messejäckchen mögen, was bei nächtlichen Nierenpasteten-Orgien in der Speisekammer geschieht und dass Heiratsanträge auf Orangensaftbasis keine gute Idee sind.

Das ist herrlich komisch, lustig, kurzweilig und unterhaltsam: britischer Humor und grandiose Ironie vom Feinsten.

„Beim Gedanken an ein Verlöbnis mit einer Frau, die ganz unverhohlen über Feen schwafelte, die auf die Welt kämen, weil sich irgendwelche Sterne gerade das süße Näschen geputzt hätten – oder was des Humbugs mehr war-, packte mich das nackte Grauen.“

(S.133/134)

Großartig ist vor allem die Übersetzung von Thomas Schlachter, die man gar nicht genug loben kann, da er genau den richtigen Tonfall findet und dem Leser ein Lesevergnügen mit wundervollen Wortspielen und exquisitem Sprachwitz beschert.

Wer also britischen Humor liebt, ein wenig Heiterkeit, spritzig-prickelnde Unterhaltung und gute Laune sucht, dem sei P.G. Wodehouse wärmstens ans Herz gelegt. Mich hat bisher noch jeder seiner Romane großartig unterhalten und königlich amüsiert: die perfekte Lektüre, um ein paar Stunden abzuschalten und sich ein Lächeln aufs Gesicht zaubern zu lassen.

Buchinformation:
P.G. Wodehouse, Auf geht’s, Jeeves!
Aus dem Englischen von Thomas Schlachter
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-36386-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Auf geht’s, Jeeves!“:

Für den Gaumen:
Very british – dazu passt gut und gerne ein gepflegter Gin Tonic und schon fühlt man sich ein bisschen wie auf einer Cocktailparty der englischen Adelsgesellschaft und Butler Jeeves könnte jeden Moment mit dem Tablett um die Ecke biegen.

Zum Weiterhören und Weiterschauen:
Musikalisch zur Zeit und dem Zeitgefühl passt die Musik des walisischen Musical-Komponisten Ivor Novello. Seine Musik hat auch den wunderbaren Soundtrack zum großartigen Julian Fellowes-Film „Gosford Park“ geprägt (zum Reinhören und Schwelgen empfehle ich „I can give you the starlight“, „The Land of Might-Have-Been“ oder „What a Duke Should Be“).

Zum Weiterlesen:
Es gibt noch einige weitere Bände von P.G. Wodehouse, die in den letzten Jahren bei Suhrkamp und Insel erschienen sind. In der gekonnten, geschliffenen und brillanten Übersetzung von Thomas Schlachter sind diese alle ein vergnüglicher Genuss und uneingeschränkt zu empfehlen, wenn man etwas Aufheiterung vertragen kann.

P.G. Wodehouse, Jetzt oder nie!
Aus dem Englischen von Thomas Schlachter
Suhrkamp Taschenbuch
ISBN: 978-3-518-45774-0

Neujahrsbowle 2021 – Nachspüren und Vorfreuen

Viele Jahresrückblicke sind schon geschrieben, das neue Jahr ist bereits einen Tag alt – und doch möchte auch ich nochmal ganz kurz innehalten und diesem Jahr 2020 nachspüren und mit Euch ein paar meiner literarischen Glanzlichter dieses vergangenen, so schwierigen und seltsamen Jahres teilen.

Anbei in der Reihenfolge, in welcher ich sie gelesen habe, meine 10 Lese-Höhepunkte des Jahres 2020 (soweit ich sie auf der Bowle besprochen habe auch entsprechend verlinkt):

  • Katrine Engberg „Glasflügel“: Der dritte Band aus der dänischen Thriller-Reihe hat mir spannende Lesestunden beschert und mich in eine meiner Lieblingsstädte – nach Kopenhagen – entführt. Tolle Figuren, packende Handlung und viel Lokalkolorit!
  • Brigitte Fassbaender „Komm’ aus dem Staunen nicht heraus“: Die Memoiren der großen deutschen Opernsängerin, Theatermacherin und Regisseurin haben mich fasziniert und mir eine neue Sichtweise auf das Leben vor und hinter den Kulissen des Kulturbetriebs eröffnet.
  • Marco Balzano „Ich bleibe hier“: Der italienische Roman, der die Geschichte des Stausees am Reschen erzählt und das Leid spürbar werden lässt, welches diese unerbittliche Entscheidung, die Einwohner zu vertreiben und das Dorf zu fluten, in die Südtiroler Region gebracht hat.
  • Thomas Hettche „Herzfaden“: Der verspielte, poetische Roman über die Augsburger Puppenkiste und die Tochter des Gründers Hatü Oehmichen bescherte mir ein Leseerlebnis, das mich in meine Kindheit zurückversetzte. Zauberhaft!
  • Maggie O’Farrell „Judith und Hamnet“: Die gefühlvolle, wehmütige und traurige Geschichte der Familie Shakespeare. Im Zentrum die starke Frau an William’s Seite und der Schmerz der Mutter über den Verlust ihres Kindes. Herzzerreißend!
  • Ewald Arenz „Alte Sorten“: Ein stilles, intensives und eindringliches Buch, das lange nachhallt und ins rechte Bild rückt, was wirklich wichtig ist im Leben. Lebensweise, klug und ein Roman für alle Sinne! Ein wahrer Lesegenuss!
  • Volker Kutscher „Olympia“: Sehnsüchtig erwartet und die Erwartung mehr als übertroffen hat dieser achte Band der Gereon Rath-Reihe. Spannender Kriminalfall, gut recherchierter geschichtlicher Hintergrund und Figuren, die bereits ans Herz gewachsen sind – eine unwiderstehliche Kombination!
  • Reinhard Kuhnert „Abgang ist allerwärts“: Zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit ein autobiographisch geprägtes, eindringliches Zeitzeugnis über ein Künstlerleben in der Deutschen Demokratischen Republik.
  • Jacky Durand „Die Rezepte meines Vaters“: Ein Roman über Väter und Söhne und die Leidenschaft fürs Kochen und die Gastronomie. Liebenswürdig und mit viel Gefühl! Kulinarisch und literarisch genau mein Geschmack!
  • Ursula März „Tante Martl“: Eine starke, humorvolle und liebenswürdige Frau im Mittelpunkt und eine Nichte, die sprachlich gekonnt und mit viel Herz und Witz dem Leben ihrer Patentante ein literarisches Denkmal setzt. Kleines Buch ganz groß!

Mein Leben verändert und bereichert im abgelaufenen Jahr hat die Entscheidung, diesen Blog – meine Kulturbowle – zu starten. Am 14. August 2020 – vor gerade mal viereinhalb Monaten – habe ich meinen ersten Beitrag veröffentlicht „Auf zu neuen Ufern“ und seitdem habe ich viel Freude daran gehabt zu lesen, zu schreiben, zu gestalten, kreativ zu sein und vor allem habe ich mich riesig über die positiven Rückmeldungen meiner Leser gefreut. Diese motivieren und spornen mich an, in meinem ersten vollständigen „Blogger-Jahr“ 2021 meine Bowle weiter zu entwickeln, meine Freude an kulturellen und literarischen Erlebnissen mit Euch zu teilen und mich mit Euch auszutauschen.

Gaumen-Highlight 2020 (Essen):
Kulinarisch war dieses Jahr 2020 geprägt von viel Zeit und Gelegenheit, zu Hause selbst zu kochen. Eines der Lieblingsgerichte in diesem Jahr, das ich neu entdeckt und ins Küchenrepertoire aufgenommen habe, sind die römischen „Pasta cacio e pepe“, weil diese so herrlich einfach, alltagstauglich und doch wohlschmeckend sind. Ein schönes Rezept hierzu gibt es zum Beispiel bei „Ein Nudelsieb bloggt“.
Seit kurzem habe ich aber auch noch die Verfeinerung à la Yotam Ottolenghi (aus dem Kochbuch „Flavour“) getestet und für gut befunden, der zusätzlich zum Pfeffer noch Zatar verwendet.

Gaumen-Highlight 2020 (Trinken):
Mein neu entdeckter Lieblingswein im vergangenen Jahr wurde ein trockener 2019er Muskateller aus dem österreichischen Kamptal. Eine Rebsorte, die mir aufgrund der besonderen Aromatik – vor allem im Sommer – irgendwie besonders zugesagt hat.

Musikalisches in 2020:
Das große Beethoven-Jahr ist – wie so vieles in 2020 – viel kleiner, stiller und ruhiger ausgefallen, als es ursprünglich geplant war. Vielleicht wird es aber auch noch in 2021 ausstrahlen – in Kürze werde ich Euch hier im Blog einen musikalischen Buchtip dazu vorstellen.

***

Aber nach all der Rückschau, will ich vor allem auch Vorfreude spüren und wecken, denn ein frisches, neues Jahr hat begonnen, das gelebt und mit Leben gefüllt werden will. Mit schönen Erlebnissen (hoffentlich auch zu gegebener Zeit wieder in Theatern, Opernhäusern und bei Konzerten), mit Spaziergängen in der Natur, mit Begegnungen, feinen kulinarischen Genüssen und mit guten Büchern.

Dies kann und soll keine umfassende Vorausschau auf das Lesejahr werden, sondern ich habe lediglich exemplarisch ein paar wenige Titel ausgewählt, die derzeit (neben vielen anderen) auf meiner Wunschliste für das neue Jahr stehen und denen ich bereits jetzt mit großer Neugier entgegen sehe (beim Klick auf den Titel gelangt man zur Seite des jeweiligen Verlags). Darüber hinaus ist mein Regal noch gut gefüllt mit bereits Erschienenem und vielen Regalschlummerern, die auf den richtigen Zeitpunkt warten, gelesen zu werden und zudem möchte ich mich auch immer noch spontan inspirieren und verführen lassen.

Zum Weiterlesen – worauf ich mich in 2021 literarisch freue oder
„Sieben auf einen Streich“:

  • Julian Barnes „Der Mann im roten Rock“: „Der Lärm der Zeit“ ist für mich unvergessen und ich freue mich auf den neuen Roman des Briten, der den Leser ins Paris der Belle Époque mitnehmen wird.
  • Tove Ditlevsen „Kindheit“: Als großer Kopenhagen-Fan bin ich sehr gespannt auf den ersten Teil der Trilogie der bereits verstorbenen dänischen Autorin, welche in den 1920er Jahren beginnt und jetzt in deutscher Übersetzung erscheint.
  • Christian Schalke „Die Fälscherin von Venedig“: Bereits sein erster historischer Roman „Römisches Fieber“ konnte mich überzeugen und daher steht auch sein zweiter Roman weit oben auf meiner Wunschliste.
  • Ewald Arenz „Der grosse Sommer“: Mit „Alte Sorten“ hat sich der Franke im vergangenen Jahr in mein Leserherz geschrieben, daher freue ich mich um so mehr, dass es bald einen neuen Roman von ihm geben wird.
  • Steffen Kopetzky „Monschau“: Die Vorschau dieses Romans „im Ausnahmezustand“ liest sich ungemein fesselnd und schillernd – meine Neugier ist geweckt und ich werde mich ins Wirtschaftswunderjahr 1962 und in die Eifel begeben.
  • Sigrid Undset „Kristin Lavranstochter. Der Kranz“: Der Kröner Verlag bringt 2021 eine Neuübersetzung (durch Gabriele Haefs) des nobelpreisgekrönten Werks der Norwegerin heraus – für mich ein willkommener Anlass, mich wieder einmal mit einem Klassiker der Weltliteratur zu beschäftigen.
  • Robert Hültner „Lazare und die Spuren des Todes“: Da auch ein guter Krimi nicht fehlen darf und ich Hültner bereits seit vielen Jahren und aufgrund der Inspektor Kajetan-Reihe sehr schätze, wandert auch der zweite Band um Kommissar Lazare, der in Südfrankreich ermittelt, auf die Leseliste 2021.

Noch vieles ließe sich ergänzen, die Liste beliebig verlängern, denn die Verlage haben viel Schönes und Spannendes für 2021 in Aussicht gestellt und ich freue mich auf ein vielseitiges, kurzweiliges und schönes Lesejahr mit großartigen Autorinnen und Autoren, faszinierenden Büchern und unvergesslichen Lesemomenten.
Bleiben wir also gesund, positiv und zuversichtlich und freuen uns auf 2021!

„Bedenke, ein Stück des Weges liegt hinter dir, ein anderes Stück hast du noch vor dir. Wenn du verweilst, dann nur, um dich zu stärken, aber nicht um aufzugeben.“

(Augustinus von Hippo – 354-430 n. Chr.)

Dezemberbowle 2020 – Opernstreams und Schlemmereien

Der Dezember und dieses schwierige und merkwürdige Jahr 2020 neigt sich dem Ende entgegen. Wie so vieles war auch die Adventszeit und das Weihnachtsfest anders als die Jahre zuvor – entschleunigter, stiller, sorgenvoller und nachdenklicher. Ich habe in diesem Monat intensiv Opern geschaut – leider nur im Fernsehen und in Livestreams, was die Liveerlebnisse in den Theatern und Opernhäusern natürlich nicht ersetzen kann, die ich sehr vermisse, aber auf jeden Fall besser ist als gar keine Kultur erleben zu können.

Im Gegenzug blieb ein bisschen weniger Zeit fürs Lesen und ich habe mich im Dezember gegen Ende auch einem richtig dicken Schmöker gewidmet, den mir das Christkind gebracht hat. Aber der Reihe nach:
Winterzeit ist Schmökerzeit und daher hatte ich wieder einmal Lust auf einen opulenten, historischen Roman – Michael Römling’s „Pandolfo“ kam da gerade recht und ich bin abgetaucht ins lebhafte, bunte und laute Mailand des 15. Jahrhunderts. Ein stimmungsvoller und geschichtlich gut recherchierter Roman, der gut unterhält und zudem einige interessante Aspekte der italienischen Renaissance aufgezeigt.

Danach stand bereits vor den eigentlichen, kulinarischen Weihnachtsgenüssen literarisch eine Schlemmerreise an: Vincent Klink’s kurzweiliger, schön illustrierter und sehr wertig aufgemachter Band „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“ entführte mich in die schöne Stadt an der Donau und ließ mir mehr als einmal das Wasser im Munde zusammenlaufen. Ein ganz persönlicher, subjektiver und daher auch vielseitiger Reise- und Gastroführer des Spitzenkochs mit vielen schönen Anregungen für die nächste Reise und Rezepten für zu Hause.

Und weil’s gerade so schön war, bin ich auch gleich noch ein bisschen länger in Wien geblieben – allerdings im Jahr 1873 – mit Gerhard Loibelsberger’s Roman „Alles Geld der Welt“, der sich mit dem „Gründerkrach“ auseinandersetzt – einem schweren Börsenkrach und einer damit verbundenen Wirtschaftskrise, die sich im Jahr der Wiener Weltausstellung ereigneten. Die Gier hatte Besitz von den Menschen ergriffen und Träume und Spekulationsblasen platzten.

Auf Sandra Newman’s „Himmel“ war ich ganz besonders gespannt – schließlich sollte William Shakespeare eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Da konnte ich quasi schon gar nicht mehr daran vorbei. Im New York der Zukunft sind Ben und Kate ein Paar, doch die Beziehung leidet erheblich unter der Tatsache, dass Kate immer wieder in ihren Träumen in die Vergangenheit und das England während der Pest zu Shakespeare’s Zeiten zurückgeworfen wird und das Gefühl nicht los wird, dass es ihre Aufgabe ist, den Lauf der Geschichte entscheidend zu beeinflussen. So weit, so spannend – allerdings sprang der Funke auf mich leider nicht wirklich über. Es war zu düster, zu schwermütig, vielleicht meine Erwartung zu hoch und vermutlich passte es auch gerade nicht in die aktuelle Situation und meine Gemütslage. Offenbar für mich nicht das richtige Buch zur richtigen Zeit, aber sicherlich gute Literatur: Bei Bookster HRO und Fräulein Julia findet ihr sehr lesenswerte, interessante und begeisterte Besprechungen.

Um so glücklicher war ich mit meiner Wahl von Ursula März’ „Tante Martl“ – meinem letzten Spontankauf in der örtlichen Buchhandlung, bevor diese wieder schloss. Dieses schmale Büchlein mit seinen ca. 190 Seiten entpuppte sich wahrlich noch zu einem meiner Leseglanzlichter des Jahres 2020. Was für eine Hauptfigur, welch großartige Sprache, welch geniale Mischung aus Humor und Gefühl – da stimmt einfach alles. Ein kleiner Roman, der ganz, ganz groß ist! Herzerwärmend!

Und weil man in der momentanen Lage dringend jede Stimmungsaufhellung und gute Laune gebrauchen kann, die man bekommen kann, wollte ich das Jahr auch mit einem humorvollen Klassiker ausklingen lassen. P.G. Wodehouse und seine komödiantischen Romane um den Butler Jeeves oder Lord Emsworth sind da eine Bank und stets ein Garant für Aufheiterung und zeitlos lustige und spritzige Unterhaltung. Auch „Auf geht’s, Jeeves!“ ließ da nichts zu wünschen übrig und bescherte mir vergnügliche Lesestunden.

Last but not least: Das Christkind schleppte dann dieses Jahr wirklich schwer und legte mir einen echten Brocken unter den Christbaum: der neue Robert Galbraith (alias J.K. Rowling) „Böses Blut“ – der fünfte Band der Cormoran Strike-Reihe – umfasst doch tatsächlich fast 1200 Seiten. Ein neuer Rekord (ich hatte „nur“ mit ca. 800 oder 900 Seiten gerechnet und war dann doch überrascht) und nur gut, dass der Weihnachtsurlaub und die Corona-Situation gerade viel Zeit zum lesen lassen. So kann ich mich da mit aller Ruhe und Muße reinversenken und habe realistische Chancen, die Lektüre noch in diesem Jahr zu beenden.

Der Dezember bescherte mir als Opernliebhaberin aber auch viele Geschenke aus der Opernwelt. Angefangen vom Livestream der „Falstaff“-Premiere aus der Bayerischen Staatsoper mit einem sehr überzeugenden Wolfgang Koch in seinem Rollendebüt, über eine Ausstrahlung auf 3Sat der fulminanten Inszenierung der Oper Zürich von Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ mit einer herausragenden Joyce DiDonato aus dem Jahre 2015, bis zu der völlig zu recht umjubelten Premiere des „Simon Boccanegra“ ebenfalls aus Zürich auf ARTE mit einem genialen Christian Gerhaher (bei Arcimboldi’s World gibt es eine ausführliche Besprechung). Ganz große Oper!
An den Weihnachtsfeiertagen gab es zudem noch Humperdinck’s Märchenoper „Hänsel und Gretel“ aus der Bayerischen Staatsoper als Video-On-Demand – musikalisch ein Genuss – die Inszenierung konnte mich jedoch nicht in gewünschtem Maße berühren.

Doch auch mein heimisches Theater – das Landestheater Niederbayern – besitzt jetzt eine Mediathek und ist ins Streaming eingestiegen und so konnte ich zu Hause auf der Couch eine wunderbare „Madama Butterfly“ in einzigartiger musikalischer Ausgestaltung mit 2 Klavieren und einem Synthesizer (war corona-tauglich ohne Orchester eigentlich fürs Theater geplant) erleben. Zudem gab es eine szenische Lesung für Kinder mit Janosch’s „Oh wie schön ist Panama“, die von Christiane Silberhumer absolut liebevoll inszeniert und den Darstellern grandios interpretiert wurde. Auch für junggebliebene Erwachsene ein großer Spaß! (Online noch verfügbar bis 27.01.21)

Aber wir sind noch nicht am Ende, denn auch dem Münchner Gärtnerplatztheater stattete ich noch einen Besuch per Livestream ab und verfolgte die Premiere des Operettenklassikers „Der Vetter aus Dingsda“ – knallbonbon-bunt und amüsant im 60er-Jahre-Stil inszeniert. Und auch am Silvesterabend werde ich virtuell im Gärtnerplatz mit der Revue-Operette „Drei Männer im Schnee“ (kostenloser Livestream um 18.00 Uhr) das Jahr schwungvoll und gut gelaunt ausklingen lassen.

Also statt Silvesterfeuerwerk ein wahres Kultur-Feuerwerk, das ich in diesem Dezember in meinem Wohnzimmer erleben durfte. Dazu noch Adventskonzerte im Fernsehen, Weihnachtsmusik und ruhige Spaziergänge durch die festlich beleuchtete Stadt bescherten einen ruhigen, besinnlichen und stimmungsvollen Dezember.

Mit der Hoffnung auf ein besseres 2021 für alle Kulturliebhaber und Kulturschaffenden, wünsche ich allen, die meine Kulturbowle lesen und verfolgen einen guten Rutsch, einen stimmungsvollen Jahresausklang und ein gesundes, gutes und glückliches neues Jahr 2021!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Dezember:
Was wäre der Advent ohne Plätzchen? Genau – kein Advent.

© Kulturbowle

Musikalisches im Dezember:
Eine musikalische Entdeckung in diesem Advent war für mich Mykola Leontovych’s „Carol of the bells“, die ich in einer sehr schönen Instrumentalversion für Orchester gehört habe. Dieses Weihnachtslied des ukrainischen Komponisten aus dem Jahr 1914, das häufig auch von Chören gesungen wird, lässt sofort weihnachtliche Bilder vor dem geistigen Auge entstehen.

Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Diamantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.

(Rainer Maria Rilke)

Die Tante zum Schluss

Mein Lesejahr 2020 neigt sich langsam dem Ende zu und zum Schluss konnte ich nochmal ein kleines, feines, literarisches Schmankerl genießen. Bei „Tante Martl“ von Ursula März handelt es sich noch um einen letzten Spontankauf im Dezember in meiner örtlichen Buchhandlung, bevor diese wieder schließen musste und wie schon bei „Alte Sorten“ hatte ich offenbar auch hier ein glückliches Händchen, denn gemäß dem Motto „Das Beste kommt zum Schluss“ zählt dieser schmale Band der ZEIT-Journalistin Ursula März nochmal zu den Büchern, die ich dieses Jahr besonders mochte.

Tante Martl hätte eigentlich ein Martin werden sollen. Als drittes Kind nach zwei Mädchen hätte der Vater dann doch gerne einen Jungen in den Armen gehalten und einen Stammhalter präsentiert und so beginnt Martl’s Leben gleich mit einem Eklat. Denn in Schockstarre lässt es der Vater auf dem Standesamt zu, dass die Geburtsurkunde für einen Jungen ausgestellt wird. Er bringt einfach den Mund nicht auf, um laut einzugestehen, wieder „nur“ ein Mädchen gezeugt zu haben. Erst nach einer Woche und unter lautstarkem Protest und Androhung ernster Konsequenzen durch seine Frau, lässt er den Irrtum amtlich korrigieren.

Martl wird 1925 in der Westpfalz geboren und wird ihr Leben lang im Schatten ihrer zwei älteren Schwestern Bärbl und Rosa stehen. Im Gegensatz zu ihnen wird sie nie heiraten, keine Familie gründen und ihr Leben lang im Elternhaus wohnen bleiben. Sie wird Lehrerin und sie – die ungeliebte Tochter – wird es auch sein, die den Vater am Ende pflegt und selbstlos ihr Leben in den Dienste anderer stellt.

„Martl aber fühlte sich immer weiter an den Rand gedrängt, und unbemerkt, so glaube ich, begann sie schon damals, auf Kosten ihres eigenen Lebens an dem der anderen wie eine Souffleuse teilzunehmen, die sich im Schatten hält und aushilft, wenn die Darsteller im Text hängen bleiben.“

(S.49)

Ursula März ist das Patenkind von „Tante Martl“ und schildert aus der Perspektive der Nichte das Leben dieser resoluten, patenten und doch stets im Hintergrund stehenden Frau. Eine Liebeserklärung an die Patentante, zugleich gerät das Buch aber auch zum Familienportrait und kann ebenfalls als Gesellschaftsportrait der Nachkriegszeit und der Zeit des Wirtschaftswunders gelesen werden.

In vielen Familien gab es damals eine solche „Tante“, die ledig blieb und sich um die Familie kümmerte, einfach mitlief und doch auch manchmal um die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit beneidet wurde. Denn „Tante Martl“ machte den Führerschein, hatte ein eigenes Auto und fuhr alleine in den Urlaub. Als Lehrerin verdiente sie ihr eigenes Geld und war finanziell unabhängig, dennoch löste sie sich nie vom Elternhaus und blieb stets unter dem Dach ihrer Eltern wohnen.

Erst 1950/51 wurde übrigens die Klausel des „Lehrerinnenzölibats“ gesetzlich gelockert und abgeschafft – erst dann durften die „Fräulein Lehrerinnen“ auch heiraten und zugleich ihren Beruf weiter ausüben.

„Isch stör dich, gell?“, sagte sie dann pikiert. „Bischt aufm Drücker?“ Aber nein, beteuerte ich, sie störe überhaupt nicht, ich mache ohnehin gerade eine kurze Arbeitspause und läge auf der Couch. „Ei, dann sach doch gleich, dass de schloofe willscht“, murrte sie weiter, „des kann isch jo net wisse. Isch sitz am Telefon und net am Fernrohr.“

(S.8)

Was macht aber nun diesen gerade mal 190 Seiten starken Roman zu so etwas Besonderem? Es ist diese absolut unwiderstehliche, mit großem Humor und Schlagfertigkeit gesegnete, starke Frau im Mittelpunkt der Geschichte und es ist das hervorragende Auge der Autorin, die genau die richtigen Worte trifft, um dieses Charakterportrait für den Leser lebendig werden zu lassen. Da sitzt jedes Wort, jeder Satz und man spürt in jeder Zeile die Liebe und den Respekt für die Tante, die auf der einen Seite so uneigennützig agierte und doch selbstständig ihren eigenen, selbstgewählten Weg ging. Es ist aber auch die gelungene Mischung aus Komik und Tragik, denn die Stellen, die einem die Lachtränen in die Augen treiben, wechseln sich mit traurigen, nachdenklichen Szenen ab.

Ein Roman mitten aus dem Leben und in einer Sprache, die genau den angemessenen Ton trifft: witzig und doch respektvoll. Amüsant auch, dass März ihre Tante stets im pfälzischen Dialekt sprechen lässt – das gibt dem Ganzen noch eine weitere, liebenswürdige Färbung und zusätzliche Authentizität. Ein wunderbares Buch über eine tapfere und unerschrockene Frau, die dem Leben mit viel Humor und einem gesunden Sarkasmus begegnete. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung für alle, die gerne lachen und weinen und ein amüsantes, warmherziges und einzigartiges Frauen- und Familienportrait lesen.

Eine weitere schöne Besprechung des Romans findet sich auch auf buchpost.

Buchinformation:
Ursula März, Tante Martl
Piper
ISBN: 978-3-492-31682-8

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Tante Martl“:

Für den Gaumen:
Vielleicht sollten wir uns jetzt nach den opulenten und üppigen Mahlzeiten der Weihnachtsfeiertage an die Devise von Tante Martl halten:

„Des is, was isch a redlisch Mahlzeit nenn: a Scheib Schwarzbrot und gut Butter drauf. Des is was für anständische Leut. Und die, wo sisch von Naschzeusch ernähre, die sin grad zu faul zum Kaue und halte sisch fir was Besseres.“

(S.24/25)

Zum Weiterhören:
Zum Jahresende gehört die champagner-launige Operette „Die Fledermaus“ zum Standardrepertoire der Theater- und Opernhäuser – ein wahrer Silvesterklassiker – und im Libretto von Carl Haffner findet sich folgendes schöne Zitat, das auch gut auf „Tante Martl“ passt: „Eine solche Tante wie diese Tante – noch keine Nichte Tante nannte!“

Zum Weiterlesen:
Stellenweise fühlte ich mich an einen Roman erinnert, den ich bereits vor vielen Jahren gelesen habe: Irene Dische’s „Großmama packt aus“. Ebenfalls ein satirisch-sarkastischer Familienroman mit verschrobenen Charakteren, der einen ganz eigenen, amüsanten Sound besitzt.

Irene Dische, Großmama packt aus
Aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser
dtv
ISBN: 978-3-423-13521-4