Patchwork-Papas

Christian Schnalke, der mir bisher vor allem als Autor der wunderbaren historischen Romane „Römisches Fieber“ und „Die Fälscherin von Venedig“ begegnet ist, hat sich nun mit dem einfühlsamen Roman „Louma“ von einer vollkommen neuen Seite präsentiert. Ein Wagnis, das sich aus meiner Sicht absolut gelohnt hat.

„Louma“ ist die berührende Geschichte einer Patchwork-Familie, die durch den Tod der Mutter das verbindende Zentrum verliert – vier Kinder – je zwei von unterschiedlichen Vätern – bleiben nach dem Tod der Mutter zurück und müssen lernen, mit der Trauer und der neuen Situation umzugehen.

„Lou war natürlich die Sonne. Sie hatte ein eigenes Licht. Sie versorgte die Kinder – und alle, mit denen sie in Berührung kam – mit Energie. In ihrem Licht konnten sie gedeihen und wachsen und Früchte tragen. In ihrer Nähe konnte auch er leuchten. Für die Kinder da sein, ihren Schlaf behüten und ihre Träume inspirieren. Aber nun war die Sonne verschwunden.“

(S.284)

Als Louma plötzlich stirbt, ist das Leben ihrer Kinder Toni, Fabi, Fritte und Nano völlig aus der Bahn geraten. Wie soll es weitergehen? Werden Toni und Fabi von nun an bei ihrem leiblichen Vater Tristan leben, der als Workaholic und erfolgreicher Betreiber einer erfolgreichen Franchise-Café-Kette eigentlich kaum Zeit für sie haben wird und sie zudem von ihren geliebten, jüngeren Halbgeschwistern Fritte und Nano trennen würde?

„Wie konnte man den Rest dieser Familie auch noch auseinanderreißen? Wieso sollten diese Kinder nach ihrer Mutter nun auch noch zwei ihrer Geschwister verlieren?“

(S.38)

Mo – der zweite Ehemann Louma’s und Vater von Fritte und Nano – kann sich dies als „Familientier“ nicht vorstellen. Er möchte die Familie und die Geschwister unbedingt zusammenhalten und gibt sich alle Mühe, die große Lücke, welche Louma’s Tod gerissen hat, zu füllen.
Doch bald schon reift die unglaubliche Idee, dass Tristan doch zu ihnen ziehen könnte – eine Zweck-WG, um die Familie in der schweren Zeit erst einmal vereint zu lassen.

„Um das ein für alle Mal klarzustellen: Tristan ist nicht für Louma hier eingezogen. Sondern für euch. Für mich, für sich selbst. Wir werden etwas Neues sein. Nicht der übrig gebliebene Teil von etwas Altem.“

(S.138)

Dass das neue Familienleben unter einem Dach aufgrund der Lebenseinstellungen und Charaktere von Mo und Tristan, welche unterschiedlicher kaum sein könnten, und der vier Kinder, die alle mit eigenen Problemen zu kämpfen haben und den Verlust der Mutter auf unterschiedliche Art und Weise verarbeiten, turbulent wird und genug Potenzial für Konflikte und Reibereien bietet, wird schnell klar.

Tristan, der als erfolgreicher, dauerarbeitender Yuppie aufgrund seines Ehrgeizes und seiner Selbstdisziplin finanziell wohlsituiert ist und versucht, vieles mit Geld zu lösen, trifft auf Mo, hinter dessen rauer, tätowierter Schale ein sensibler Kern steckt, der sich mit einem schlechtbezahlten Nebenjob über Wasser hält und sich vor allem 24 Stunden am Tag um das Wohl der Kinder zu kümmern versucht.

Tristan’s Kinder Toni und Fabi, die bereits heftig in den Wirren der Pubertät stecken: Tochter Toni, die sich auf einen Auslandsaufenthalt gefreut hatte, welcher nun ins Wasser gefallen ist und sich zu allem Übel auch noch zum ersten Mal so richtig in Nick aus ihrer Schule verliebt hat und Fabi, der sich nach dem Tod der Mutter immer mehr zurückzieht und Stunde um Stunde spielend vor seinem Computer verbringt.

Und Mo’s Kinder – die schmächtige, zerbrechliche Fritte, die mit einem Herzfehler zur Welt kam und doch versucht, stets die Starke in der Familie zu sein und der Kleinste genannt Nano, der neben dem Verlust der Mutter auch noch den geliebten Familienhund Hummel vermisst, der verschwunden ist und den er verzweifelt sucht.

Es sind die Figuren, die einem schon ab der ersten Seite und der ersten Szene – um der verstorbenen Mutter am Tag der Beerdigung weiter nah sein zu können, zelten die Kinder mit Mo verbotenerweise nachts auf dem Friedhof – ans Herz wachsen. Und es ist die ehrliche, unverblümte Sicht darauf, dass alle Figuren etwas zutiefst Menschliches und ihre Stärken und Schwächen haben – niemand ist perfekt und selbst die verstorbene Mutter Louma wird trotz aller Trauer nicht uneingeschränkt posthum glorifiziert.

Der Autor ist selbst Vater von drei Söhnen – er weiß, wovon er schreibt. Es ist diese absolut glaubwürdige Schilderung der großen und kleinen Alltagssorgen, der Familienzwistigkeiten, Pubertätsprobleme und auch die konfliktbeladene Konkurrenzsituation zwischen den beiden Vätern, welche die Lektüre so authentisch und lebendig machen. Der fast ganz normale Wahnsinn des Familienlebens – der oft genug auch zum Schmunzeln ist. Es ist berührend zu lesen, wie sich Kinder und Väter gegenseitig versuchen, aus der Trauer zu ziehen.

Dass Schnalke, der auch Drehbuchautor ist, es virtuos versteht, grandiose und stimmige Dialoge zu schreiben, die wie mitten aus dem Leben gegriffen sind, hat er schon bei seinen historischen Romanen unter Beweis gestellt. In „Louma“ wird dies für mich aufgrund der vielen, unterschiedlichen Charaktere und der überwiegend jugendlichen Figuren sowie dem damit verbundenen Erzähltempo noch augenfälliger. Im Roman geht es Schlag auf Schlag, die Szenen und Dialoge sitzen perfekt und die Geschichte plätschert trotz der knapp 400 Seiten in keinem Moment dahin. Vielmehr entfacht sie einen Sog, der einen das Buch, nachdem man einmal begonnen hat, nur noch ungern weglegen lässt.

Und wie auch bei den anderen Büchern Schnalke’s stellte sich bei mir sofort wieder das Gefühl und der Gedanke ein, dass es wie geschaffen für eine Verfilmung wäre. Man kann sich die Geschichte sofort auf der Leinwand oder dem Bildschirm vorstellen und spielt im Geist schon mit einer möglichen Idealbesetzung der Rollen – Kopfkino vom Feinsten.

„Louma“ ist ein berührender und warmherziger Roman über ernste Themen, über Trauer und Verlust, welche der Autor stets respektvoll, aber auch humorvoll umgesetzt hat. Ein Buch über Patchwork-Familien, aber vor allem auch über das „füreinander dasein“ und die tröstliche Kraft der Familie – von Freundschaft und Liebe.

Buchinformation:
Christian Schnalke, Louma
Oktopus bei Kampa
ISBN: 978-3-311-30011-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Christian Schnalke’s „Louma“:

Für den Gaumen:
Wenn gar nichts mehr geht, gehen bei Kindern (und auch bei mir) immer Spaghetti – und so auch in diesem Roman:

„Mo hatte eingekauft, und Toni und Nick hatten eine große Schüssel Spaghetti gekocht. Mit mehreren verschiedenen Soße für Vegetarier, Nichtvegetarier und Nichtgemüsemöger.“

(S.394)

Zum Weiterhören:
Bereits auf dem Umschlag wird eines der schönsten Zitate aus dem Roman zitiert, welches Louma als Sonne bezeichnet:

„Im Planetensystem der Familie war Louma die Sonne gewesen. Ohne Louma waren sie den Fliehkräften schutzlos ausgeliefert. Die Planeten schossen haltlos in die Dunkelheit hinaus.“

(vgl. S.228)

Daher ging mir während der Lektüre folgender Ohrwurm von Bill Withers aus dem Jahr 1971 nicht mehr aus dem Kopf: „Ain’t No Sunshine“

Zum Weiterlesen:
Wer wie ich auf den Geschmack des packenden und lebendigen Erzählstils von Christian Schnalke gekommen ist und ein Faible für historische Romane hat, dem seien seine beiden Bände um Franz Wercker „Römisches Fieber“ und „Die Fälscherin von Venedig“, den ich auch schon auf der Kulturbowle vorgestellt habe, wärmstens empfohlen.

Christian Schnalke, Römisches Fieber
Piper
ISBN: 978-3-492-05906-0

Christian Schnalke, Die Fälscherin von Venedig
Piper
ISBN: 978-3-492-05952-7