Maibowle 2026 – Spätfrühling und Alterserscheinungen

Der Mai war in mancher Hinsicht ein ziemlich verrückter Monat. Die Feiertage ließen zwar Zeit zum Lesen, so dass es für mich ein außergewöhnlich guter Lesemonat geworden ist, doch blogtechnisch war es weiterhin ruhig hier auf der Bowle, weil die Muße und der freie Kopf zum Schreiben bislang (noch) nicht wieder zu alter Form zurückgefunden haben. Doch die Monatsbowle darf natürlich trotzdem nicht fehlen und ich hoffe, dass etwas sommerliche Leichtigkeit auch die Schreibfreude bald wieder spritziger werden lässt.

Spritzig und kurzweilig inszeniert war auf jeden Fall Mozarts „Così fan tutte“ im Landestheater Niederbayern – ein schöner und unterhaltsamer Opernabend.
Und das Theater Nikola hat mit „Acht Frauen“ einen Theaterkrimi mit geballter Frauenpower auf die Bühne gebracht.

Da die Monatslektüre ziemlich umfangreich war, versuche ich wieder Würze in die Kürze zu legen und habe nach Themenschwerpunkten zusammengefasst.
Starke und wichtige Botschaften gegen das Vergessen übermitteln Matthias Brandts eindringliches und klares Buch „Nein sagen“ ebenso wie der wirklich großartige Roman von Shelly Kupferberg „Stunden wie Tage“. Für beide Werke möchte ich eine große Leseempfehlung aussprechen, die von Herzen kommt.

Zudem habe ich im Mai viele Bücher gelesen, die sich mit dem Thema Alter, Trauer und Abschied beschäftigen:
Angeregt durch den faszinierenden Kinofilm „Siri Hustvedt – Dance around the Self“ habe ich Paul Austers letzten Roman „Baumgartner“ und Siri Hustvedts Abschieds- bzw. Erinnerungsbuch „Ghost Stories“ in Kombination direkt nacheinander gelesen – Zeugnisse großer Liebe und Siri Hustvedts Feststellung „I am Baumgartner“ klingt mir immer noch im Kopf.

Das Leben ist gefährlich, Marion, und jedem von uns kann jeden Augenblick etwas zustoßen. Sie wissen das, ich weiß das, jeder weiß das – und wer es nicht weiß, tja, der hat nicht richtig hingesehen, und wer nicht richtig hinsieht, geht am Leben vorbei.“

(aus Paul Auster „Baumgartner“, S.35)

Dazu passt auch Julian Barnes Buch angekündigte „Abschied(e)“, mit dem er sich bewusst von seinem Lesepublikum verabschiedet. Wenn auch mit Wehmut und etwas Melancholie habe ich es sehr gerne gelesen.

Üblicherweise verstehen wir unter unserer Erinnerung doch etwas, was im Laufe unseres Lebens häufig oder selten in uns wachgerufen wurde und sich bei jedem Wiedererzählen ein wenig verändert, bis es schließlich zu einer Version gerinnt, von der wir uns einreden, sie sei die Wahrheit.“

(aus Julian Barnes „Abschied(e)“, S.18)

Was passiert, wenn die Erinnerungen verblassen und die Demenz sie bei Großeltern oder Eltern nach und nach für immer mit sich nimmt, haben zwei Autoren sehr einfühlsam beschrieben: Arno Geiger erzählt in „Der alte König in seinem Exil“ über die Zeit, die er mit seinem dementen Vater verbracht hat und auch in Saša Stanišićs Roman „Herkunft“ spielt die letzte Lebensphase seiner Großmutter – selbstverständlich neben zahlreichen anderen Aspekten – eine wichtige Rolle.
Zu Stanišićs Buch passte eine informative sowie sehenswerte Dokumentation auf ARTE „Tito: Der Mann, der Jugoslawien war“ (noch bis zum 25.05.27 in der ARTE-Mediathek verfügbar).

Im Mai jährte sich das große Erdbeben im Friaul 1976 zum fünfzigsten Mal: Esther Kinsky beschreibt in „Rombo“ auf unnachahmliche Weise und sprachlich virtuos die Folgen des Bebens für den Menschen und das Gebiet – zugleich ein Buch über das Erinnern.

Ein vielfaches „Hier bin ich“ als Antwort auf den biblischen Ruf nach Gegenwart, nach Anwesenheit. Und selbst ein Ruf, eine Anrufung an das Gedächtnis des Orts. Ein unentzifferbares Zeichenband, eine brüchige Erzählung aus angedeuteten, von der Zeit verschlüsselten Bildern, die vom Erinnern als Aufgabe handeln.“

(aus Esther Kinsky „Rombo“, S.165)

Viele Bücher, die ich im Mai gelesen habe, haben mich aufgrund ihrer Qualität und der Tiefe ihrer Geschichten wirklich begeistert und berührt – Leseperlen, die ich hier aus dem Büchermeer fischen durfte.
Völlig in den Bann gezogen hat mich zum Beispiel Tan Twan Engs Roman „Das Haus der Türen“ über das Malaysia der Zwanziger Jahre, das mir nicht nur große Lust darauf gemacht hat, jetzt auch Werke von William Somerset Maugham zu lesen, sondern auf grandiose Weise die Themen der britischen Kolonialherrschaft und der mangelnden Gleichberechtigung der Frau behandelt. Sicherlich eines meiner Jahreshighlights!
Ausführliche Rezensionen gibt es unter anderem bei Literaturreich und Literaturleuchtet.

Sehr berührt hat mich Ann Patchetts „Tom Lake“, das ich im englischen Original gelesen habe (auf deutsch ist es unter dem Titel „Der Sommer zu Hause“ erschienen). Als Theaterliebhaberin mochte ich die Geschichte über die Jugendliebe einer jungen Schauspielerin, die sich bei einem Sommerfestival in einen späteren Hollywood-Star verliebt, und während des Corona-Sommers Jahrzehnte danach ihren Töchtern davon erzählt, sehr. Ein Roman, der durchaus auch eine ausführliche Besprechung hier auf dem Blog verdient gehabt hätte.

Bereits viel besprochen wurde auf Blogs und im Feuilleton Christoph Heins „Das Narrenschiff“, das ich trotz der Seitenstärke von ca. 750 sehr flüssig, schnell und mit Interesse gelesen habe.

Doch zwischendurch hatte ich auch immer wieder Lust auf Krimis bzw. Ablenkung durch Krimiähnliches:
Auf der Krimibestenliste des Deutschlandfunks hatte ich Gianrico Carofiglios „Der Horizont der Nacht“ entdeckt – raffiniert und psychologisch interessant erzählt der itatelienische Autor hier von einem Anwalt aus Bari, der den Glauben an die Gerechtigkeit verliert und mit seinem Beruf hadert.

Must-read ist für mich alljährlich die Taschenbuchneuerscheinung von Martin Walkers Périgord-Reihe mit Bruno, so dass ich auch „Déja-vue“ wieder gerne und mit Genuss – die Kulinarik kommt hier ja bekanntlich nie zu kurz – gelesen habe.

Ungewöhnlich war hingegen „Die Reise ans Ende der Geschichte“ von Kristof Magnusson, ein gewitzter Spionageroman über einen unverhofft zum Agenten mutierten Dichter: ein Buch, das leicht schräg, aus der Mainstream-Reihe heraustanzt ohne sich in eine Schublade stecken zu lassen.

In einem englischen Küstenstädtchen steigt eine ehemalige Nonne, die vor kurzem dem Klosterleben den Rücken gekehrt hat in einer in die Jahre gekommen, leicht schäbigen Pension ab, um herauszufinden, was mit ihrer ehemaligen Mitschwester geschehen ist, die verschwunden ist. Das letzte Lebenszeichen war ein Brief aus eben jener Unterkunft – nachzulesen bei Jess Kidd in „Mord in der Pension Möwennest“.

Die Salzburger Traditionsinstitution des Marionettentheaters ist Schauplatz von Manfred Baumanns Merana-Krimi „Marionettenverschwörung“ und war eine gelungene Überleitung zu meiner Österreich-Lektüre von:
Robert Seethalers neuem Roman „Die Straße“, der ähnlich wieder wie „Das Feld“ kaleidoskopartig erzählt ist und Katharina Köllers „Wild wuchern“, das zwei Frauen in einer abgelegen Hütte in den Tiroler Bergen nach einem Schicksalsschlag wieder zusammenführt.

Der Österreich-Schwerpunkt in meiner Lektüreauswahl wird mich auf alle Fälle auch im Juni weiter begleiten und für die richtige Urlaubsvorfreude sorgen.

Was bringt der Juni sonst noch?

Ein ganz besonderes Konzert steht im Rahmen der Landshuter Hofmusiktage an, denn das berühmte britische Vokalensemble VOCES8 kommt in den Rathausprunksaal.

Und auch zwei Theaterstücke stehen auf meiner Liste:
Zunächst „Roberto Zucco“ – ein Stück des französischen Autors Bernard-Marie Koltès – und dann bei den Burgenfestspielen, die auch im Juni beginnen (hoffentlich bei gutem Wetter open air) Shakespeares „Hamlet“.

Mein Lesekreis hat sich Lukas Rietzschels „Sanditz“ als Monatslektüre ausgesucht.

Zudem gilt es die langen, hellen Abende und das Mittsommergefühl gebührend zu genießen. Ich wünsche allen einen wunderbaren Juni für alle Sinne – genießt den Geschmack von frischen Erdbeeren ebenso wie feine Liegestuhllektüre, Wärme, Licht und das üppige Grün in der Natur!

Also setze ich mich gerne mit Julian Barnes’ Worten ins Café:

Stattdessen sehe ich Schriftsteller und Leser lieber in einer unbestimmten Stadt in einem unbestimmten Land in einem Straßencafé sitzen. Das Wetter ist warm, und wir haben ein kühles Getränk vor uns. Seite an Seite schauen wir hinaus auf die vielen und vielfältigen Erscheinungsformen des Lebens, die an uns vorüberziehen. Wir beobachten und sinnieren.“

(aus Julian Barnes „Abschied(e)“, S.238)

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Mai:
Immer wieder gerne esse ich Parmigiana di Melanzane – gerade auch in der warmen Jahreszeit ist der Auberginenauflauf mit Tomate und Mozzarella ein Gedicht.

Musikalisches im Mai:
Mozart im Mai und die quirlige Landshuter Aufführung weckte auch die Erinnerung an die frühen Tage meines Blogs, in welchen ich einen meiner ersten Beiträge über eine TV-Übertragung von „Così fan tutte“ geschrieben hatte.

Leben heißt Schmerz empfinden, sagte er sich, und in Angst vor Schmerz zu leben, heißt das Leben verweigern.“

(aus Paul Auster „Baumgartner“, S.58)

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