Blaue Stunden im Prantlgarten

Wenn ein unvergesslicher Sommertheaterabend meine Schreibfreude sprudeln lässt – wobei man bei den aktuellen Temperaturen auch „ein Schreibfeuer entfacht“ schreiben könnte – dann möchte und muss ich dieses Momentum unbedingt nutzen.
Denn ich durfte im Landshuter Prantlgarten bei den Burgenfestspielen des Landestheater Niederbayern wirklich zweieinhalb blaue Stunden mit Shakespeares „Hamlet“ erleben, die mich restlos begeistert, tief berührt und nachhaltig fasziniert haben.

Wenn man Tickets für eine Freiluftveranstaltung besitzt, geht der Blick bereits morgens, aber auch tagsüber immer wieder abwechselnd auf die Wetter-App und Richtung Himmel und schon der Tag selbst hatte diesbezüglich eine ganz eigene, theaterreife Choreografie bzw. Dramatik. Mittags stand fest und wurde bekannt gegeben, dass draußen gespielt wird – bestes Sommerwetter, heiß, sonnig. Am Nachmittag so gegen 15.00 Uhr ging dann jedoch ein ca. eineinhalbstündiges Sommergewitter mit wolkenbruchartigem Starkregen, Hagel, Blitz und Donner über die Stadt hinweg. Doch der Spuk war zum Glück rechtzeitig wieder vorbei und am Abend konnte bei bestem Wetter – wenn auch mit Waschküchenklima – im Freien bei sonniger Kulisse gespielt werden.

Und an diesem Sommertheaterabend stimmte dann in meinen Augen auch wirklich alles:
Shakespeares „Hamlet“ als eines der großartigsten und bekanntesten Stücke aller Zeiten in einer stimmigen und stimmungsvollen Inszenierung mit Zug, Tempo und Spielwitz in einer durchdachten Kulisse und mit ansprechendem Kostümkonzept. Dazu ein Ensemble, das genial besetzt in bester Spiellaune zur Höchstform aufläuft und eine unvergessliche Aufführung auf die Freiluftbühne zaubert.

Die Inhaltszusammenfassung spare ich mir, denn die lässt sich leicht und jederzeit selbst nachlesen.
Was war also das Besondere an diesem „Hamlet“?
Ich beginne einfach mal bei Bühnenbild und Kostümen: Die Idee, die Handlung in den alten Landshuter Theatersaal des Bernlocher – in seiner blauen Erscheinung – zu verlegen, ist gelungen – gleichsam die Idee des Theaters auf dem Theater. Schließlich wird auch im Stück selbst Theater gespielt. Und zumindest bei den Landshuter Theaterbesuchern kommt unweigerlich Wehmut auf, zumal dieser geschichtsträchtige Raum in der Innenstadt schon viel zu lange für die Öffentlichkeit bzw. Theaterbetrieb gesperrt auf seine Renovierung wartet.

When sorrows come, they come not single spies / But in battalions“

bzw.

„(…) wenn die Leiden kommen,
So kommen sie wie einzle Späher nicht,
Nein, in Geschwadern.“

(Claudius im 4. Aufzug, 5. Szene; Shakespeare „Hamlet“, Reclam, S.90)

Und das Blau zieht sich nicht nur im Bühnenbild, sondern auch in den Kostümen stringent durch den ganzen Abend. Selbst die Fingernägel der Schauspielerinnen und Schauspieler sind blau lackiert. Zudem hat der Ausstatter Philipp Kiefer (wie in der Video-Einführung nachzuhören) immer schon den dänischen Hamlet mit blonden DarstellerInnen umsetzen wollen. Blond und blau ist also der rote – oder soll ich schreiben? – „blaue Faden“ des Abends. Das Konzept von Markus Bartl und Philipp Kiefer ist aufgegangen und das Blau leuchtete regelrecht im abendlichen Prantlgarten.

Doch jetzt zu den ebenfalls leuchtenden bzw. großen Stars des Abends: Markus Bartl konnte als Regisseur wirklich dank der Qualität des Landshuter Ensembles alle Rollen perfekt besetzen und aus dem Vollen schöpfen:
Reinhard Peer gibt – mit Howard Carpendale-Perücke – einen grandiosen, charakterlich bzw. bewusst satirisch überzeichneten Claudius und Antonia Reidel eine starke und facettenreiche Königin Gertrude bzw. „Lady in Blue“ an seiner Seite.
Kammerschauspielerin und Grand Dame des Landshuter Theaters Ursula Erb hat ihren großen Auftritt als Geist von Hamlets Vater und Joachim Vollrath gibt den geerdeten, väterlichen Ratgeber Polonius.
Katharina Schmirl überzeugt als Ophelia, die sowohl den leisen, verspielten als auch den lauten Stellen bzw. der Wahnsinnsszene gewachsen ist.
Herrlich in ihrer fein abgestimmten Synchronität agieren Katharina Elisabeth Kram und Larissa Sophia Farr als Duo Rosencrantz und Güldenstern, sowie als Totengräber.
Steffen Merten steht als warmherziger Horatio Hamlet als Freund zur Seite und Stefan Sieh verkörpert nicht nur Fortinbras im Norwegerpulli, sondern auch den Schauspieler, der gemeinsam mit Hamlet das unerhörte Verbrechen bzw. den Brudermord dem Königspaar szenenhaft vor Augen führen soll.
Und dramatisch ging es auch weiter, denn die packende Fechtszene zwischen Julian Ricker als Laertes und Hamlet soll den beiden erst einmal jemand nachmachen.
Und so gebührt last but not least das größte Lob sicherlich Benedikt Schulz in der hoch anspruchsvollen Titelrolle. Sein Hamlet lebt, tobt, liebt, hadert, trauert, kämpft, ficht, witzelt, wütet, spielt und sinniert als gäbe es kein Morgen. Souverän, wandlungsfähig und stets auf den Punkt bringt er einen grandiosen Hamlet auf die Bühne, der unter die Haut geht und im Gedächtnis bleibt. Chapeau!

Judi Denchs erste Rolle nach der Schauspielschule am Old Vic war übrigens die der Ophelia und selbstverständlich spielte sie später auch Gertrude (übrigens mit Daniel Day-Lewis als Hamlet). In ihrem Buch „Shakespeare. The Man who Pays the Rent“ antwortet sie auf eine spannende Frage ihres Interviewers bzw. Co-Autors Brendan O’Hea wie folgt:

Do you ever feel diminished by Shakespeare’s words?
Never diminished, but occasionally overwhelmed. I can sometimes hear something I know really well and go completely to pieces. And that may be to do with having the echo of somebody saying it in my head. Or the memory of a part I’ve played, or a production I’ve seen. Or just the sheer music of it.“

(aus Judi Dench „The Man Who Pays the Rent“, S.121)

Auch ich war nach dieser Inszenierung „overwhelmed“ bzw. geradezu überwältigt, wie sehr ich die Klugheit und die Sprache genossen habe und wieviel ich für mich herausziehen konnte.

Wenn ich mir das Jahr der Uraufführung der heute bekannten Hamlet-Fassung, die 1602 im Globe Theatre in London stattgefunden hat und bei welcher Shakespeare selbst die Rolle des Geistes übernahm, bewusst vor Auge führe, bin ich ergriffen und fasziniert. Denn das Stück hat uns auch heute Jahrhunderte später noch so viel zu sagen und ist für mich unfassbar modern geblieben. Vieles wirkt geradezu brandaktuell.

Die Zeit ist aus den Fugen: Schmach und Gram,
Daß ich zur Welt, sie einzurichten, kam!“

(Claudius im 1. Aufzug, 5. Szene; Shakespeare „Hamlet“, Reclam, S.30)

Ich hatte nach der Aufführung das Gefühl, diesen „Hamlet“ für mich nochmal völlig neu verstanden zu haben – zugegeben mein letzter „Hamlet“-Besuch liegt auch schon viele Jahre zurück.
Zudem war ich überrascht, wie viel Witz in dieser Tragödie zwischendurch – und von Markus Bartl als Regisseur geschickt zur Geltung bzw. zum Glänzen gebracht – doch aufscheinen durfte. Ich liebäugle ganz klar damit, die Chance zu nutzen, d.h. mir diesen „Hamlet“ noch ein weiteres Mal anzusehen (ein paar Termine gibt es noch) und ihn nochmal ganz bewusst zu genießen sowie die Sprache und die grandiose Leistung der DarstellerInnen auf mich wirken zu lassen.

Eine Inszenierung, die wirklich begeistert und vor der auch etwaige Shakespeare-Neulinge oder Skeptiker tatsächlich keinerlei Berührungsängste zu haben brauchen – das ist einfach in jeder Hinsicht richtig, richtig gutes Theater. Bravi!
Für mich ganz klar das Glanzlicht dieser Landshuter Spielzeit, eine großartige Ensembleleistung und ein unvergesslicher Abend zur blauen Stunde mit Theater vom Feinsten bis dann auch noch der Mond seinen stimmungsvollen Auftritt haben durfte.

My words fly up, my thoughts remain below“

bzw.

„Die Worte fliegen auf, der Sinn hat keine Schwingen:
Wort ohne Sinn kann nicht zum Himmel dringen.“
(Claudius im 3. Aufzug, 3. Szene; Shakespeare „Hamlet“, Reclam, S.73)

Gesehen am 21. Juni 2026 im Landestheater Niederbayern bzw. im Landshuter Prantlgarten

Hamlet“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Straubing und Passau zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

***

Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Hamlet“:

Für den Gaumen:
Tja, da hat Hamlet ausser dem vergiftetem Trank, dem letztlich Gertrude zum Opfer fällt, nicht allzu viel zu bieten.
Oder in August Wilhelm Schlegels Übersetzung bzw. Gertrudes letzten Worten:

Nein, nein! Der Trank, der Trank! – O lieber Hamlet! Der Trank, der Trank! – ich bin vergiftet.“

(aus Shakespeare „Hamlet“, Reclam, S.120)

Zum Weiterlesen (I):
Judi Denchs Shakespeare. The Man who Pays the Rent zählt ganz klar zu meinen Lesehighlights in diesem Jahr und ich habe schon in eigenem Blogbeitrag darüber geschwärmt. Ein Muss für Dench- und Shakespeare-Fans!

Judi Dench (with Brendan O’Hea),
Shakespeare. The Man who Pays the Rent
Penguin Books
ISBN: 978-1-405-95642-0

oder in der deutschen Fassung:

Judi Dench/Brendan O’Hea, Shakespeare. Der Mann, der die Miete zahlt
Aus dem Englischen von Christa Schuenke
Dörlemann
ISBN: 978-3-03820-176-2

Zum Weiterlesen (II):
Wer Shakespeares „Hamlet“ nicht im Original, sondern in deutscher Übersetzung lesen möchte, der bekommt im Reclam-Klassiker die Übersetzung von August Wilhelm Schlegel geboten. In der Landshuter Aufführung wurde hingegen eine (modernisierte) Textfassung von Jürgen Gosch und Angela Schalenec gespielt.

William Shakespeare, Hamlet
Herausgegeben von Dietrich Klose
Übersetzt von August Wilhelm Schlegel
Reclam
ISBN: 978-3-15-000031-1

Hinterlasse einen Kommentar