Sinnliche Eskapaden in Triest

Frühsommer in Triest und im neuesten, sechsten Fall von Günter Neuwirths Krimireihe um Inspector Bruno Zabini „Reigen in Triest“ wird es sinnlich, denn Bruno, Luise und zwei befreundete Paare verbringen ein erotisch aufgeladenes Wochenende in einer Villa an der Küste.

1908 – Frühsommer in Triest und Baronin Luise von Callenhoff hat zu einem ganz besonderen Stelldichein bzw. einem entspannten und zwanglosen Sommerwochenende in ihre Küstenvilla geladen.

„Noch bin ich im Unklaren, was du hier inszenierst.“
„Von welcher Inszenierung sprichst du?“
„Von dieser Einladung in deine Villa. Drei Paare fernab des Alltags, keine Dienstboten, eine gut gefüllte Speisekammer, Kaffee und Kuchen, der Weinkeller ist bestückt.“
„Du sagst es selbst, ich schaffe die Gelegenheit, für ein paar Tage den Alltag hinter uns zu lassen.“

(S.74)

Drei Paare – neben Luise und Bruno sind auch noch das Theaterpärchen bzw. die ehemalige Geliebte Brunos Fedora und der Schauspieler Sergio, sowie das frisch verlobte Pärchen Carolina und Arthur mit von der Partie.
Mit atemberaubenden Ausblicken, den Pinien und dem Meer vor der Tür brechen die sechs aus dem starren Alltagskorsett aus und entledigen sich gesellschaftlicher Zwänge und Formalitäten. Es wird gebadet, getanzt, geschlemmt und sich unterhalten. Die Konversationsthemen reichen von Gleichberechtigung, über das Theater bis hin zum Epikureismus.

In vertrauter Atmosphäre werden bald lange gehegte Geheimnisse preisgegeben und viel Privates aus der persönlichen Vergangenheit geteilt.
Charisma und Wein tun das Übrige und schon bald fallen so manche Hüllen und erotische Grenzen verschwimmen… doch vielleicht sind sie doch nicht so unbeobachtet wie sie denken und in den Pinienwäldern vor der Villa lauert noch so manche gefährliche Überraschung…

„Man sollte stets bereit sein, aus der Literatur Lehren für das Leben zu ziehen. Lesen bildet ungemein“, sagte Bruno. Luise nickte Bruno zu. „Völlig richtig. Das Lesen von Büchern vermag uns Welten zu öffnen. Und wenn es Herzen öffnet, ist es auch kein Schaden, vielmehr ist es ein Gewinn.“

(S.185)

Neuwirth begibt sich mit diesem Zabini-Band auf ungewohntes Terrain, stellt das Knistern, Leidenschaft, Begehren bzw. die erotischen Verwicklungen seiner Figuren in den Vordergrund. Die Kriminalhandlung brodelt dieses Mal eher subtil unter der Oberfläche und nimmt nicht den üblichen Raum ein.

„Nun, Arthur, ich schreibe für das Theater, ja, das ist korrekt, aber keine großen Dramen oder Tragödien, sondern handfeste Lustspiele. Das ist mein Metier. Ich will den Leuten nicht mit Katharsis zu höherem kulturellem Sendungsbewusstsein verhelfen, das gelingt nämlich ohnedies nicht. Ich will dem Publikum einen lustigen Abend im Theater bescheren und sie zumindest für die Dauer des Stückes davon abhalten, einander an die Gurgel zu gehen.“

(S.90/91)

Das Buch gleicht einer Theaterinszenierung, einer Bühne, die von den sechs Protagonisten bespielt wird. Ihre Geschichten, ihre Beweggründe und ihre Sehnsüchte stehen im Mittelpunkt der Erzählung. Die schwüle Sommerluft, die aufgeheizte bzw. erotisch aufgeladene Atmosphäre in der Sommervilla bieten den Rahmen für intime Gespräche und Begegnungen. Legere Sommerkleidung, Trinkspiele und anregende Grammophonmusik lassen auch die Standesgrenzen der K-u.K.-Zeit vergessen.

Zweifelsohne ein Sommerbuch, das versteckt zwischen erotischer Freizügigkeit aber auch wieder ein Füllhorn an zeitgeschichtlichem und kulturellem Hintergrund bietet und die Themen und gesellschaftlichen Strömungen der damaligen Zeit einfließen lässt. Und auch so mancher augenzwinkernde Seitenhieb auf unsere heutige Zeit lässt sich entdecken:

„Oh ja, liebe Luise, die Idee mit der Bestellung war hervorragend. Vielleicht ist das eine Idee für die Zukunft, dass man sich das Essen nach Hause liefern lässt“, meinte Fedora. „Na, das wäre ein Durcheinander auf den Straßen, wenn Hunderte Essenskutschen quer durch die Stadt rumpeln sollten“, meinte Bruno. „Ich glaube, es ist einfacher, wenn die Leute das, was sie essen, auch selbst zubereiten oder sich in ein Ristorante begeben.“

(S.190)

Dieser Reigen von Neuwirth tanzt in vielerlei Hinsicht aus der Reihe und nimmt innerhalb der Bände um Bruno Zabini eine Sonderstellung ein. Wer den üblichen historischen Kriminalroman mit Polizeiarbeit, Zeugenbefragungen und falschen Fährten erwartet, ist vielleicht an der falschen Adresse oder wird zumindest überrascht sein.
Denn „Reigen in Triest“ ist ein Experiment, eine literarische Spielerei und eine Hommage an österreichische Literaten – allen voran Arthur Schnitzler.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Günter Neuwirth, Reigen in Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-8013-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Reigen in Triest“:

Für den Gaumen:
Bei diesem prickelnden Sommerwochenende darf natürlich auch die passende Verpflegung nicht fehlen. Es wird also fürstlich gespeist und getrunken:

„Der Tisch auf der Veranda war reich gedeckt, sie hatten Suppe, danach Braten mit gedünstetem Spinat und Brokkoli gegessen, dazu war Kräuterrahm gereicht worden. Bruno hatte eine Flasche Rot- und eine Flasche Weißwein entkorkt, Wasser stand in mehreren Karaffen bereit.“ (S.43)

Zum Weiterlesen (I) und Weiterschauen:
Schon der Titel von Neuwirths Roman lässt ja vermuten, dass dieses Mal wohl auch Arthur Schnitzlers Geist durch die Seiten weht: Anspielungen auf zwei seiner wichtigsten Werke – den „Reigen“ und die „Traumnovelle“ – lassen sich nicht verleugnen. Letztere wurde unter anderem von Stanley Kubrick als „Eyes Wide Shut“ verfilmt.

Arthur Schnitzler, Reigen
Reclam
ISBN: 978-3-15-018158-4

Arthur Schnitzler, Traumnovelle
Reclam
ISBN: 978-3-15-018455-4

Zum Weiterlesen (II) bzw. vorher lesen:
Auch bei dieser Krimireihe erhöhte es aus meiner Sicht Lesevergnügen bzw. den Durchblick (vor allem im Hinblick auf die private Entwicklung der Hauptfiguren), wenn man diese in der chronologischen Reihenfolge des Erscheinens liest. Auf meiner Bowle habe ich bislang alle Bände der Krimireihe vorgestellt:
Den Auftakt bildete Dampfer ab Triest, gefolgt von Teil 2 Caffè in Triest“, Teil 3 Sturm über Triest, Teil 4 Südbahn nach Triest und Teil 5 Wettlauf in Triest“.

Günter Neuwirth, Dampfer ab Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2800-5

Günter Neuwirth, Caffè in Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-0111-4

Günter Neuwirth, Sturm über Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-0418-4

Günter Neuwirth, Südbahn nach Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-0630-0

Günter Neuwirth, Wettlauf in Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-0812-0

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