Heldenhaft ins Blaue

Ein Buch in die Hand nehmen, es sich bequem machen und die Reise beginnt: Es geht ab nach Italien mit zwei Büchern, die sofort Lust auf das Land machen und den Zauber spürbar werden lassen: Tim Parks’ „Der Weg des Helden – Auf den Spuren Garibaldis von Rom nach Ravenna“ und Stefan Ulrich’s „Und wieder Azzurro – Die geheimnisvolle Leichtigkeit Italiens“.

Und obwohl sich die gewählten Routen und die Art des Reisens bei beiden doch deutlich unterscheiden, vereint beide Autoren die große Faszination und Liebe zu ihrer Wahlheimat (im Fall von Tim Parks) bzw. der ehemaligen Heimat auf Zeit (im Falle des früheren Rom-Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung Stefan Ulrich).

Tim Parks machte sich im August 2019 gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Eleonora Gallitelli auf eine 30-tägige Wandertour, um den Weg, den Giuseppe Garibaldi und seine Frau Anita im Jahr 1849 mit ihren Anhängern auf ihrer Flucht aus Rom zurücklegten, nachzugehen: Zu Fuß – lediglich mit Rucksäcken und Wanderstöcken – eine körperliche und psychische Herausforderung und eine ganz besondere Erfahrung.

Garibaldini lautete der Name, den die Italiener den Männern gaben, die freiwillig mit Garibaldi in den Kampf zogen. Man war sich einig, dass sie alle vom selben Schlag waren. Schon bald wurde der Begriff aus seinem spezifischen historischen Kontext herausgerissen und bezeichnete ganz allgemein Personen, die kühn und idealistisch sind, die Risiken eingehen, die vielleicht auch naiv, ja unüberlegt handeln.“

(aus Tim Parks „Der Weg des Helden“, S.21)

Basierend auf historischen Aufzeichnungen und Notizen von Zeitzeugen – suchen sie den Weg, aber auch die Beweggründe und die Motivation Garibaldi’s und seines Gefolges. Was bedeutete dieser Fußmarsch, bei dem es galt, den Verfolgern immer einen Schritt voraus sein zu müssen? Welche Schwierigkeiten, Widrigkeiten und Herausforderungen galt es zu meistern?

„Wir reden während der vielen Stunden unterwegs über alles Mögliche, aber ein Thema kommt immer wieder auf: Angst. Die banale Angst vor dem Verkehr, vor Hunden, davor, kein Bett für die Nacht zu finden. Die schwerwiegendere Angst, die alle an ihrem Platz im Leben ausharren lässt: die Angst, keinen neuen Job zu finden, wenn ich den jetzigen kündige, die Angst, nicht genug Geld zu haben, (…) Angst ist der größte Feind der Freiheit.“

(aus Tim Parks „Der Weg des Helden“, S.216)

Und so beschreibt Tim Parks nicht nur die geschichtlichen Ereignisse des Jahres 1849, sondern setzt sie in direkten Kontext mit seinen Reiseerfahrungen aus dem August 2019. Die vielen, steinigen Kilometer bei hochsommerlichen Temperaturen hinterlassen ebenso Spuren an Körper und Geist, wie die Begegnungen mit den Menschen (VermieterInnen, WirtInnen oder Baristas), die er auf seinem Weg trifft.

„Klar, wenn es das Wort pittoresk noch nicht gäbe, dann müsste man es für die Toskana erfinden. Sie ist unerbittlich schön, und das auf eine äußerst beruhigende Art. Die Landschaft hat nichts von der wilden Rauheit Latiums oder Umbriens. Jedes Foto taugt zur Postkarte.“

(aus Tim Parks „Der Weg des Helden“, S.223)

Die Route führt ihn von Rom über zahlreiche Stationen in kleinen und größeren Orten bis nach Ravenna – stets im bestmöglichen Gleichklang mit Garibaldi’s Reiseroute und Zeitplan von 1849.

„Die heiße Sonne, die diesige Luft und ein allgemeines Gefühl großer Weite führen unterwegs zu einer trägen Benommenheit. Man ist zugleich glücklich und erschöpft. Man möchte, dass die Wanderung ewig weitergeht, und man möchte, dass sie sofort vorbei ist.“

(aus Tim Parks „Der Weg des Helden“, S.373)

Die Lektüre ist nicht nur geschichtlich interessant, sondern auch in hohem Maße unterhaltsam und liest sich herrlich süffig und flüssig: Man lernt die Lasagne-Theorie kennen, bekommt ein aktuelles politisches Stimmungsbild des Landes, leidet mit bei Wespenstichen und Blasen an den Füßen oder der Panik über ein verlorenes Handy. Und man wird Zeuge von vielen interessanten Begegnungen mit Menschen in abgelegenen Agriturismi, beim stärkenden Espresso in der Bar oder dem wohlverdienten Abendessen nach langen Wandertagen.
Ein reiches, bereicherndes und vielseitiges Buch, das viel zu bieten hat und mir sehr gut gefallen hat.

Eine vollkommen andere Reise durch Italien – von Nord nach Süd mit einigen Schleifen und Abstechern – macht der ehemalige Rom-SZ-Korrespondent Stefan Ulrich in „Und wieder Azzurro“. Er möchte für sich die Frage beantworten, warum Italien für ihn – und für viele deutschsprachige Urlauber – bereits von Kindheit an Sehnsuchtsort Nummer eins ist.

„Ein Zauber Italiens geht von seinem Sinn für Farben aus. Vielleicht lautet die Formel für Italien überhaupt so: Farben und Licht.“

(aus Stefan Ulrich „Und wieder Azzurro“, S.93)

Ulrich geht den Faktoren und Ursachen seiner Italienliebe auf den Grund, versucht, diese zu enträtseln und auszuformulieren: Kunst, Kultur, Lebensart, Essen und Trinken, Farben und Licht, die Wärme und die Sprache… und … und … und…

„Ich weiß nicht mehr, wann mich das Italienische gepackt hat, diese vokalreiche, klangvolle Sprache, die so großzügig und sinnenfreudig ist wie das ganze Land.“

(aus Stefan Ulrich „Und wieder Azzurro“, S.108)

Es gibt viele Gründe, Italien zu lieben und so sucht er diese – zunächst gemeinsam mit seiner Tochter, dann mit seiner Frau und später alleine mit dem Auto reisend – an zahlreichen Orten: ob am Brenner, in der Bergwelt Südtirols, in Malcesine am Gardasee, in seiner geliebten Maremma oder in Städten wie Florenz oder Rom, aber auch an traumhaften Stränden, in abgelegenen Dörfern des Südens bis hin nach Sizilien und Trapani als letztem Ziel seiner Reise. Er erfreut sich am Wiedersehen mit Freunden und Bekannten, mit geliebten, altbekannten Orten und entdeckt doch auch neue, unbekannte Seiten des facettenreichen Landes.

Und wieder Mal habe auch ich bei der Lektüre viel gelernt und Neues erfahren: So zum Beispiel, dass Molise das italienische Bielefeld zu sein scheint, dass man Häuser in Italien für einen Euro kaufen kann – jedoch nur, wenn man sie dann auch entsprechend renoviert – oder dass es Mode aus Orangenschalen gibt.

Was mir jedoch bereits vor der Lektüre klar war, dass ich die Faszination für Italien mit Stefan Ulrich teile und er mir mit vielem aus der Seele spricht. Seine Begeisterung und Liebe zu diesem Land und seine reichen, fundierten und intelligenten – jedoch nie abgehobenen – Beobachtungen und Schilderungen fangen den Zauber auf unwiderstehliche Art ein.

Kein Wunder also, dass ich ihn nur zu gerne auf seiner Reise begleitet und mich jeden Abend aufs Weiterlesen gefreut habe. Ein Buch für Genießer. Und schon alleine die Literaturliste gibt wieder so viele Anregungen zum Weiterlesen und Weiterschmökern, dass es eine wahre Freude ist.

„Dieses satte, leuchtende Blau ist nicht nur die Farbe Marias, sondern auch Italiens. Wer an Italien denkt, der denkt an dessen blauen Himmel, das Meer, die Trikots der Fußball-Nationalmannschaft oder eben, wie Antonia, an Madonnen im blauen Mantel. Und ist Blau nicht auch die Farbe der Sehnsucht, der Weite, der Harmonie und der Freiheit, alles Empfindungen, die mit Italien verknüpft sind?“

(aus Stefan Ulrich „Und wieder Azzurro“, S.165)

Wer also wie ich gerne wieder einmal ausgiebig in Italiensehnsucht schwelgen möchte, der kann mit diesen beiden Büchern herrliche Lehn- oder Liegestuhlreisen unternehmen ohne sich Blasen an den Füßen laufen zu müssen oder auf der Autobahn im Stau zu stehen. Einfach eines der Bücher schnappen, abtauchen und einen blauen, italienischen Moment genießen!

Buchinformationen:
Tim Parks, Der Weg des Helden
Aus dem Englischen von Ulrike Becker
Kunstmann
ISBN: 978-3956144851

Stefan Ulrich, Und wieder Azzurro
dtv
ISBN: 978-3-423-35181-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich die beiden Italien-Bücher:

Für den Gaumen (I):
Bei den anstrengenden Tagesmärschen durch teils unwegsames Gelände und durch sengende Hitze, hat vor allem die Flüssigkeitszufuhr bzw. das Wasser, aber auch die „Cedrata“, welche sich Tim und Eleonora immer wieder gönnen, meist höchste Priorität. Und da sie sich vegetarisch ernähren freuen sie sich über „mit Reis gefüllte und mit Knoblauch, Minze und Basilikum gewürzte Tomaten, eine römische Spezialität“ (S.49) oder „pici con broccoli“ (S.253).

Für den Gaumen (II):
Dass die Küche Italiens bzw. die typischen Speisen und Getränke auch ein Grund für die Faszination des Landes sind, wird in „Und wieder Azzurro“ schnell klar:
Es wird stets gut gegessen und getrunken, z.B. „Tagliatelle al Tartufo“ oder Rinderbäckchen, bzw. „Guancalino di manzo, in Amarone geschmort, mit hausgemachter Polenta und Kürbispüree“ (S.73) – dazu gerne auch ein Glas Morellino di Scansano.

Zum Weiterhören:
Stefan Ulrich beginnt seine Italienreise im Norden des Landes und kommt da auch mit dem Ladinischen in Berührung – die Gruppe Ganes bietet mit ihren Songs in ladinischer Sprache eine schöne musikalische Gelegenheit, mal in diesen Klang hineinzuhören.

Zum Weiterlesen (I):
Wer Italien lieber mit dem Zug als zu Fuß erkunden möchte, dem kann ich Tim Parks’ amüsantes Buch „Italien in vollen Zügen“ ans Herz legen. Auch dieser Reisebericht der anderen Art ist wirklich unterhaltsam:

Tim Parks, Italien in vollen Zügen
Aus dem Englischen von Ulrike Becker
Goldmann
ISBN: 978-3-442-15953-6

Zum Weiterlesen (II):
Kennen- und schätzen gelernt habe ich Stefan Ulrich durch seine Bücher, die er über seine Zeit als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Rom und Paris verfasst hat. Zum Beispiel die lebendigen und amüsanten Schilderungen der Turbulenzen und des Kulturschocks, den die vierköpfige Familie u.a. in der Anfangszeit in Rom erlebt, sind sehr unterhaltsam zu lesen:

Stefan Ulrich, Quattro Stagioni – Ein Jahr in Rom
Ullstein Taschenbuch
ISBN: 9783548284026

Er selbst hat hingegen auf seiner Italienreise unter anderem den Klassiker schlechthin im Gepäck:

Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise
dtv
ISBN: 978-3-423-12402-7

Bezaubernde Stille

Manchmal braucht man Ruhe. Ein wunderbares Buch, um den Zauber der Stille zu erkunden und zu sich selbst zu kommen, ist Patrick Leigh Fermor’s Reise- und Erfahrungsbericht „Eine Zeit der Stille – Zu Gast in Klöstern“ aus dem Jahr 1957, das jetzt in einer sehr schönen, warmroten Leinenbindung im Dörlemann Verlag wieder neu aufgelegt wurde. Die Lektüre ist geradezu magisch und meditativ und schenkte mir eine wunderschöne Lesezeit mit Muße und guten Gedanken.

In den Fünfziger Jahren besuchte Patrick Leigh Fermor (1915 – 2011) verschiedene Klöster in Frankreich und Kappadokien und verbrachte dort jeweils längere, teils mehrwöchige Aufenthalte. Er tauchte ein in den Klosteralltag und das Leben der Mönche.

„Denn in der Abgeschiedenheit der Zelle – die Stille dieses Lebens wird nur unterbrochen durch die schweigend eingenommenen Mahlzeiten, feierliche Gottesdienste und lange, einsame Spaziergänge durch den Wald – wird der reißende Strom der Gedanken ruhig und klar, und vieles, was man versteckt hat, und alles, was das Wasser trübt, steigt an die Oberfläche und kann abgeschöpft werden; nach einer Weile erreicht man einen in der Welt dort draußen unvorstellbaren Zustand inneren Friedens.“

(S.11)

So beschreibt er seine Aufenthalte im Kloster St. Wandrille de Fontanelle in der Nähe von Rouen, in Solesmes und im strengen Trappistenkloster „La Grande Trappe“ in Frankreich, um schließlich mit einem kurzen Abstecher zu den Felsenklöstern in Kappadokien zu enden.

In einer Zeit, in der noch niemand wusste, was ein Wellnessurlaub ist, nutzte Fermor die Ruhe, die Abgeschiedenheit und die Gastfreundschaft in den Klöstern, um ungestört an seinen Büchern zu arbeiten und verfiel – obwohl selbst nicht tiefgläubig – der Faszination des regelmäßigen, fest vorgegebenem Tages- und Lebensrhythmus im Kloster.
Er beschreibt die Wirkung, welche die dramatische Änderung des Tagesablaufs auf ihn hat: der veränderte Schlafrhythmus, der Verzicht auf Alkohol, das Schweigen, die Teilnahme an der Liturgie und den Gebeten, die gemeinsam eingenommenen Mahlzeiten.

Er fächert die oft wechselvolle Geschichte der jeweiligen Klöster auf, beschreibt Umgebung, Natur und Gebäude, seine Eindrücke von großartigen Bibliotheken, Refektorien und Kirchenschiffen.
Und vor allem erzählt er auch von den Äbten und Mönchen, die ihm begegnen: von den Menschen, die sich für diese so besondere Art zu leben entschieden haben, über ihre Motivation und Beweggründe. Fermor beobachtete exakt, war ein genauer und guter Zuhörer und beschreibt mit einer Präzision und Intensität, die ihresgleichen sucht.

Der Autor, der vor allem für seine Reiseliteratur bekannt wurde, gilt als begnadeter Stilist, was ich nach diesem Leseerlebnis aus tiefster Überzeugung unterschreiben würde. Auch mich hat die Sprache – in einer hervorragenden deutschen Übersetzung von Dirk van Gunsteren – und seine lebendige Art zu Beschreiben zutiefst fasziniert. Es ist ein Genuss, diese Prosa zu lesen und man sieht sowohl die Landschaft, die Gebäude, aber auch die Mönche geradezu lebensecht vor sich.

Es ist faszinierend, den Autor beim Eingewöhnen in das Klosterleben und dem anschließenden Entwöhnen zu begleiten. Er hat ein zeitloses Werk geschaffen, das gerade in der heutigen Zeit, in welcher Menschen sich für Minimalismus interessieren und Entschleunigung suchen, kaum aktueller sein könnte.

„Ich glaube, es dauerte etwa vier Tage, bis sich diese Veränderung bemerkbar machte. Ich empfand jene Verlorenheit, jene Einsamkeit und Leere, die den Wechsel von exzessivem städtischen Leben zu ländlicher Abgeschiedenheit stets begleitet.“

(S.39)

Für mich war die Lesezeit von „Eine Zeit der Stille“ ein kostbarer Moment, in dem die Zeit stehengeblieben ist, eine Auszeit von Alltag, Hektik und schlechten Nachrichten: ein durch und durch friedlicher, ruhiger und beruhigender Augenblick.

Es ist kein Buch, dass man an einem trubeligen, lauten und überfüllten Strand lesen sollte, sondern an einem stillen Lieblingsort, der es zulässt, die Lektüre wirklich ungestört und in Ruhe zu genießen. Und der die Möglichkeit bietet, sich die feine Sprache und zeitlose Stilistik auf der Zunge zergehen zu lassen.

„Jenes erste Mysterium jedoch, das der Fremde empfindet, der sich für einige Zeit in einem Kloster aufhält – die langsame, sich steigernde Wirkung heilender Stille -, hat nichts von seinem Zauber verloren.“

(S.130)

Ein Buch über die „Faszination Kloster“ und das hohe Gut der Stille, die doch häufig so schwer zu finden ist. Eine besinnliche, wohltuende und in jeder Hinsicht zauberhafte Lektüre – ein Buch wie ein Geschenk zur richtigen Zeit.

Buchinformation:
Patrick Leigh Fermor, Eine Zeit der Stille – Zu Gast in Klöstern
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
Dörlemann
ISBN: 978-3-03820-103-8

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Patrick Leigh Fermor’s „Eine Zeit der Stille“:

Für den Gaumen:
Die erste Mahlzeit, die Patrick Leigh Fermor beschreibt, lässt wenig zu wünschen übrig – nur der von ihm erwartete bzw. erhoffte Rotwein bleibt aus:

„Inzwischen trugen der Gastpater und eine Schar beschürzter Mönche das Essen auf: Gemüsesuppe und zwei hart gekochte Eier pro Person, gefolgt von Linsen mit Kartoffeln, Endiviensalat und Camembert, zu dem wir vorzügliches Brot aus der Klosterbäckerei aßen. (…) doch die Metallkannen auf unseren Tischen enthielten leider nur Wasser.“

(S.24)

Zum Weiterhören:
Der Autor beschreibt auch die Wirkung und die Faszination, welche die gregorianischen Choräle auf ihn ausgeübt haben.

„Angeführt von einem Chor von Mönchen, die im Mittelgang standen, wurde der Gesang immer komplexer. Ihre Stimmen intonierten das Muster, das die schwarzen gregorianischen Quadratnoten mit ihren kometenhaften Schweifen und maurisch wirkenden Arabesken in der alten, vierzeiligen Notation auf den Seiten ihrer Graduale woben.“

(S.54)

Zum Weiterschauen und Weiterlesen:
Landshut war und ist eine Stadt der Klöster – auch wenn mittlerweile einige Klöster aufgegeben wurden, prägen die Geschichte und die Klostergebäude das Stadtbild und auch die Schullandschaft bis heute. 2018 wurden die Räumlichkeiten des Landshuter Ursulinenklosters – dessen letzte 14 Ordensschwestern ihr Kloster 2016 verlassen hatten und gemeinsam in ein Münchner Altersheim umgezogen waren – im Rahmen einer hochinteressanten Ausstellung des Diözesanmuseums Freising der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: „Zugeneigt – Leben, Lernen, Glauben im Ursulinenkloster Landshut“.
Die Besucher konnten einen Eindruck in die klösterliche Lebenswelt, das Gebäude, den Klostergarten und auch in die Kunstschätze und die schulischen Aktivitäten der Schwestern erhalten. Sogar die Räume der einstigen Klausur, d.h. dem Bereich, der früher ausschließlich den Ordensfrauen vorbehalten war, wurden für die Ausstellungsbesucher geöffnet. Ein interessanter Blick hinter die Klostermauern mitten im Herzen der Stadt.

Zugeneigt – Leben, Lernen, Glauben im Ursulinenkloster Landshut
Katalog zur Ausstellung des Diözesanmuseums Freising
Im Kloster der Ursulinen in Landshut (12. Mai bis 11. November 2018)
Herausgegeben von Christoph Kürzerer
Diözesanmuseum Freising
ISBN: 978-3-930618-07-1

Potsdamer Erinnerungen

Ludwig Sternaux (1885 – 1938) war Theaterkritiker, Schriftsteller und Journalist und er war ein glühender Verehrer der Stadt Potsdam. 1924 verfasste er mit „Potsdam – Ein Buch der Erinnerung“ eine wehmütige und melancholische Liebeserklärung an die Stadt in Brandenburg, die ihn zeitlebens faszinierte.

„Wie bunt doch überhaupt das Straßenbild Potsdams ist! Die pompösen Palazzi aus Rom und Florenz, die roten Ziegelhäuschen Hollands, das mittelalterlich ungefügte Nauener Tor neben den hochgeschwungenen Triumphbögen des Brandenburger und des Berliner Tores, in der Kolonie Alexandrowka die russischen Blockhäuser, die Villen der Babelsbergzeit im Tudorstil – alles ungeregelt durcheinander und doch harmonisch in sich ausgeglichen!“

(S.120)

Sternaux erzählt die Geschichte der Stadt: die Anfänge, den Aufschwung, die Blütezeit der Stadt der Monarchie und des Hofes, aber auch der Garnisons- und Soldatenstadt. Er beschreibt in vierzehn Kapiteln die wichtigsten Schlösser und Sehenswürdigkeiten und berichtet im Detail über die jeweiligen Hintergründe, Bau- und Entstehungsgeschichten – spannt sogar auch den Bogen zu den jeweiligen Erbauern, ihren Persönlichkeiten und architektonischen Vorlieben.

So wandert man mit ihm durch das Stadtschloss, den Park und das Schloss Sanssouci, das Neue Palais, ebenso wie zum Marmorpalais, Charlottenhof, auf die Pfaueninsel und nach Glienicke. Orangerie, Pfingstbergschloss und Babelsberg dürfen auch nicht fehlen. Man streift mit ihm durch den Marly-Garten und hinauf zum Belvedere.
Man erfährt zudem nicht nur, woher der Name Potsdam kommt, sondern auch viele Anekdoten und Mythen, die sich um die Stadt und die preußische Monarchenfamilie ranken.

„(…) immer siegt das Gestern. Ein paar Schritte nur seitab, und Vergangenheit lächelt.“

(S.119)

Wer Potsdam kennt, wird viele Orte bereits besucht haben und sich gerne daran erinnern und doch wirft dieser Blick des leidenschaftlichen Verehrers aus dem Jahr 1924 auch ein völlig neues Licht auf so manchen Ort. Man erfährt die Geschichten hinter den Gebäuden, lernt mehr über die Schöpfer der architektonischen Meisterwerke und reist zurück in der Zeit. Mit viel Pathos zeichnet Sternaux das Bild einer unvergleichlichen, einzigartigen Stadt, die bis heute mit einer Fülle an Glanzstücken der Architektur und Gartenbaukunst aufwartet.

„Alles flüstert: es war einmal… heute mehr denn je, obgleich dieser Raum Jahrzehnte hindurch schon unbenutzt geblieben, es sogar preußische Prinzen gibt, die ihn überhaupt nicht kennen; denn nun ist ja selbst die weiße Königskrone, die in die grellroten Schutzhüllen der Polstermöbel eingewirkt, Phantom geworden, alle Pracht ringsum tragischer Traum, der wesenlos verdämmert.“

(S.204)

Das „neue Potsdam“ mit Straßenbahnen, Hektik und umfunktionierten Gebäuden war dem Autor ein Dorn im Auge. Für Sternaux endete die Glanzzeit der Stadt mit dem Niedergang der preußischen Monarchie. Eine Entzauberung der Stadt, die er nicht verwinden konnte – die Trauer über die Abdankung des Kaisers 1918 lässt er immer wieder anklingen. Und so bedient er sich sehr häufig der sprachlichen Bilder von Tod, Trauer, Särgen und Gräbern – sein Buch der Erinnerung kann auch als Requiem oder Totenklage für die Monarchie und dieses „sein Potsdam“ der vergangenen Glanzzeit gelesen werden. Er schwelgt in Melancholie.

„Und wieder ist es ein Abend geworden. Kühl haucht es vom Wasser, die Insel schläft ein. Im Schatten versinkt das Schloß mit allem, was es erzählt: so hell, so strahlend der Tage Glanz gewesen, die es gesehen, nun kommt die große dunkle Nacht.“

(S.162)

Sein Sprachstil ist poetisch, überbordend und alles andere als nüchterne Reiseliteratur. Bildhaft und malerisch beschreibt er die Schlösser und Parkanlagen, das Flair, den Glanz und den Prunk. Man bekommt sofort Lust, sich mit dem Buch in der Hand selbst auf einen Spaziergang durch Potsdam zu machen, die Orte zu suchen und seinen Beschreibungen und der von ihm geschilderten Magie nachzuspüren.

Am Ende des Buchs lässt er in einem märchenhaften Schluss die Figuren, Statuen und Putten an Potsdams Bauwerken lebendig werden und überlegt, was diese wohl zur Stadt und ihren Veränderungen sagen würden. Ein schönes Bild, das die Phantasie anregt und beflügelt – was würden sie wohl heute sagen in einer Zeit, in welcher die Stadt an vielen Stellen wieder in neuem Glanz erstrahlt?

Potsdam ist eine wunderbare Stadt und mit seinen vielfältigen Möglichkeiten und unzähligen Sehenswürdigkeiten mehr als eine Reise wert. Es gibt viel zu entdecken und Sternaux bietet ein Füllhorn an spannenden Orten an, die entdeckt werden wollen. Für Potsdam-Liebhaber, geschichtlich Interessierte und alle, welche die Stadt gerne einmal aus der Perspektive des Jahres 1924 sehen möchten, ist dieser 2021 wieder neu aufgelegte Band (illustriert durch Schwarz-Weiß-Fotografien von Max Baur und mit einem Nachwort von Klaus Bellin) eine gute und interessante Wahl – geradezu ein Klassiker unter den Potsdam-Büchern. Selbstverständlich muss vieles vor dem Hintergrund der damaligen Zeit gelesen und eingeordnet werden, doch wenn man sich darauf einlässt, wird die Lektüre zu einer inspirierenden Zeit – und Gedankenreise.

„Potsdam ist eben Potsdam!“

(S.114)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag Die Mark Brandenburg, Verlag für Regional- und Zeitgeschichte, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Ludwig Sternaux, Potsdam – Ein Buch der Erinnerung
Die Mark Brandenburg
ISBN: 978-3-948052-01-0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Ludwig Sternaux‘ „Potsdam – Ein Buch der Erinnerung“:

Für den Gaumen:
Mit Vorliebe beschreibt Sternaux die schönen Plätze, Altanen, Terrassen und Pavillons, wo der Adel gerne Tee getrunken hat. Von großen Festbanketten werden im Buch keine kulinarischen Details berichtet, aber der Tee zieht sich wie ein roter Faden durch. Daher jetzt im Winter eine schöne, wärmende und gepflegte Tasse Tee… warum nicht?

Zum Weiterhören:
Friedrich der Große war selbst begeisterter Musiker. Er spielte Flöte und komponierte auch selbst Flötenkonzerte. So ist auf YouTube eine schöne Aufnahme mit Flötist Emmanuel Pahud und der Kammerakademie Potsdam von seinem Flötenkonzert Nr. 3 zu finden.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Jahren habe ich die sehr gut lesbare und interessante Biografie „Wilhelmine von Bayreuth“ von Uwe A. Oster gelesen. Die Lieblingsschwester Friedrich des Großen, welche die Ehe als Markgräfin nach Bayreuth verschlug, wo sie als Mäzenin und Opernintendantin ihre kunstsinnigen Spuren hinterließ, ist eine hochinteressante Persönlichkeit. Das von ihr initiierte Markgräfliche Opernhaus zählt heute zum UNESCO Weltkulturerbe.

Uwe A. Oster, Wilhelmine von Bayreuth
Piper
ISBN: 978-3-492-24881-5

Salzige Brombeeren

Wieviel kann ein Mensch ertragen? Über eine Grenzerfahrung der besonderen Art hat die Britin Raynor Winn ein außergewöhnliches Buch geschrieben: „Der Salzpfad“. 2018 im Original und 2019 auf deutsch erschienen ist es mittlerweile sicherlich kein Geheimtip mehr, aber es ist ein großartiges Buch, das Mut macht, inspiriert und unbeschreiblich schön zu lesen ist.

Die Autorin beschreibt ihre Wanderung auf dem South West Coast Path an der Küste Englands, welche sie gemeinsam mit ihrem Ehemann unternahm, als sie buchstäblich alles verloren hatten. Finanziell standen sie vor dem Nichts, alle Rücklagen waren aufgebraucht, sie verloren einen Gerichtsprozess sowie ihre Farm und somit ihren Beruf und ihr Einkommen. Zudem bekam ihr Gatte Moth nahezu zeitgleich die niederschmetternde Diagnose an einer tödlichen, degenerativen Gehirnerkrankung (CBD) zu leiden.
Wie viel kann ein Mensch ertragen?

„Ein ewiges Auf und Ab zwischen Ginster und Stein, stets begleitet vom Brausen des Meeres. Ein Rhythmus aus Qual und Hunger, Schmerz und Durst, bis irgendwann nur noch der Rhythmus des brausenden Meeres zu spüren war. Während der Wind das Wasser aufwühlte und die Möwen uns den Weg wiesen, schwanden unsere Bedürfnisse.“

(S.185)

Obdachlos und mit einem Budget von lediglich 48 Pfund pro Woche machen sich die beiden mit nichts als einem Zelt, leichten Ruck- und Schlafsäcken sowie der Kleidung, die sie am Leib tragen, auf den Weg entlang des berühmten Küstenpfads an der englischen Südwestküste – den 1014 Kilometer langen Fernwanderweg South West Coast Path. Ein langer Weg – weg von Problemen, Sorgen – hin zu sich selbst.

Tage voller körperlicher Anstrengung, physischer und psychischer Grenzerfahrungen und der Erkenntnis, dass es kein Zurück in das alte Leben geben wird. Hunger, Durst, Hitze, Kälte, Schmerzen und Angst vor der Zukunft sind die anfänglichen Begleiter und doch merkt man, dass beide Sorgen und Ängste immer mehr hinter sich lassen, dass dieser Weg auf sie eine heilsame Wirkung zu entfalten scheint.

„Der Küstenpfad hatte uns gelehrt, dass die zu Fuß zurückgelegten Kilometer anders waren; wir kannten die Entfernung, den räumlichen Abstand von einem Punkt zum anderen, von einem Schluck Wasser zum nächsten, wir kannten sie mit unseren Knochen, kannten sie wie der Turmfalke im Wind und die Maus, die er im Blick hatte. Bei gefahrenen Kilometern ging es nicht um Entfernung; da ging es nur um Zeit.“

(S.221)

Winn schreibt schonungslos offen über ihre Existenzsorgen, die Angst davor, ihre große Liebe an den Tod zu verlieren, aber auch was es bedeutet, obdachlos zu sein und kein Zuhause, keinen Schutz- und Rückzugsort mehr zu haben.
Gleichzeitig flicht sie Hintergrundinformationen über die Situation der Obdachlosen in England, das britische Sozial- und Rechtssystem ein, ebenso wie großartige Naturbeschreibungen und weiterführende Details zu den Orten und Stationen ihrer Wanderung.

Aber sie berichtet auch über die Menschen, welche ihnen auf dem Weg begegnen und die anfängliche Scham, sich und den anderen die eigene Situation einzugestehen. Sie stoßen auf Unverständnis, Verachtung und Ablehnung, aber dennoch überwiegen letzten Endes vor allem die überraschend positiven und respektvollen Begegnungen mit Menschen, die ihnen Bewunderung und teils auch uneigennützige Großzügigkeit entgegenbringen, sowie neue Perspektiven aufzeigen.
Raynor und Moth wachsen auf diesem langen, strapaziösen Weg über sich hinaus und sie gehen am Ende gestärkt und selbstbewusst einer neuen, anderen Zukunft entgegen.

„Im Grunde hatte wir alle, die wir auf dem Küstenpfad unterwegs waren, etwas gemeinsam; wir waren wohl alle auf der Suche. Suchten nach der Vergangenheit oder der Zukunft, oder nach etwas, was uns fehlte. Es zog uns an den Rand der Zivilisation, auf einen Streifen Wildnis, wo wir frei waren und einfach darauf warten konnten, dass die Antworten kamen – oder eben auch nicht -, wo wir lernen konnten, das Leben, unser Leben zu akzeptieren, wie immer es auch aussehen mochte.“

(S.271)

Die salzigen Brombeeren, die kostenlos am Wegesrand gepflückt werden können, anfangs zu herb schmecken und erst am Ende der Reifezeit ihr volles und unvergleichliches Aroma entfalten, wurden für mich zum Symbol für diese Reise der beiden: Oft sind es die einfachen, kleinen Dinge, welche am Ende zählen, derer man sich aber erst bewusst werden muss. Auch aus Krisensituationen kann man am Ende etwas Positives herausziehen. Und auch das Herbe kann am Ende süß werden.

„Der Salzpfad“ ist ein existenzielles Buch, das erdet und demütig macht, indem es dem Leser vor Augen führt, was wesentlich ist im Leben. Man wird dankbar für vermeintlich Alltägliches, die kleinen, einfachen und so oft für selbstverständlich gehaltenen Dinge des Lebens. Und so kann die Lektüre dieses Reiseberichts auch eine wohltuende und heilsame Wirkung auf den Leser entfalten. Großartige Literatur, die tiefere Saiten zum Klingen bringt und gerade jetzt in der stillen Zeit wunderbar bereichernd sein kann. Und vielleicht möchte so mancher nach der Lektüre am liebsten selbst die Stiefel schnüren und einfach losgehen…

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Zeichen & Zeiten und Deutschlandfunk Kultur.

Buchinformation:
Raynor Winn, Der Salzpfad
Aus dem Englischen von Heide Horn und Christa Prummer-Lehmair
Goldmann
ISBN: 978-3-442-14268-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Raynor Winn’s „Der Salzpfad“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch herrschen für Raynor und Moth oft karge Zeiten – nicht selten hungern sie regelrecht, ernähren sich von Nudeln und Fudge. Ein Höhepunkt sind neben gelegentlichen Ausreißern von Pasteten bzw. Cornish pasties (laut Wikipedia „eine gefüllte Teigware, deren Füllung typischerweise aus Rindfleisch, Kartoffeln, Steckrüben, Zwiebeln, Salz und Pfeffer besteht“), welche sie sich jedoch nur selten leisten können, die salzigen Brombeeren, die erst im perfekten Erntemoment ihren ganz besonderen Geschmack entfalten:

„Als ich sie jedoch in den Mund steckte, schmeckte sie besser als alle Brombeeren, die ich je probiert hatte. Weich, süß, ein vollendetes herbstliches Aroma wie ein fruchtiger Rotwein, und im Abgang ein Hauch, wirklich nur ein Hauch von Salz.“

(S.246)

Zum Weiterhören oder für einen Theaterbesuch:
Raynor und Moth stoßen während ihrer Wanderung zufällig auf ein Open Air Theater und haben das Glück, dass ein netter Herr sie dazu einlädt, die Aufführung zu besuchen und ihnen die Tickets schenkt, die sie sich selbst niemals hätten leisten können: auf dem Programm steht die komische Oper „Iolanthe“ von Gilbert und Sullivan. Sie ist eine von vierzehn Opern dieses Duos, welche im 19. Jahrhundert entstanden und auch als „Savoy Operas“ bezeichnet werden. Einfach mal reinhören: Vielleicht verzaubert Euch die Musik und der Feenstaub ja ebenso wie die beiden Wanderer, die einen magischen Theaterabend erleben durften?

Zum Weiterlesen:
Neben der Poldark-Roman-Reihe von Graham Winston taucht vor allem der Sagenstoff um König Artus immer wieder auf. Vielleicht wäre das eine Anregung, sich mal mit diesem großen Mythos zu befassen – was ich bisher literarisch noch nicht getan habe. Auch Literaturnobelpreisträger John Steinbeck hat sich mit „König Artus“ beschäftigt und auch wenn er das Werk nicht mehr ganz vollenden konnte, wäre das doch mal eine Möglichkeit:

John Steinbeck, König Artus
Aus dem Englischen von Christian Spiel
Zsolnay
ISBN: 978-3-552-04546-0

Erfrischende Ostseebrise

Eine kleine Flucht aus dem Alltag, eine charmante Zeitreise und ein wenig Ostseeluft schnuppern: all das bietet Hedwig Dohm’s Freiluftnovelle „Sommerlieben“ aus dem Jahr 1909. Die Büchergilde Gutenberg hat in der Reihe „Büchergilde unterwegs“ nach „Das Buch von der Riviera“ von Erika und Klaus Mann nun auch das unterhaltsame Werk der Urgroßmutter der beiden in einer optisch schönen Aufmachung neu aufgelegt.

Hedwig Dohm war die Großmutter von Katia Mann, Schriftstellerin und überzeugte Frauenrechtlerin – weitere ergänzende Details und biografische Informationen zur Autorin enthält dankenswerterweise auch das Nachwort von Heike Brandt. Als Dohm die „Sommerlieben“ schrieb war sie beinahe 80 Jahre alt und doch atmet dieses Werk neben Lebenserfahrung und Klugheit auch eine jugendliche Frische und Leichtigkeit, die beim Lesen ansteckend wirkt und den Leser sofort in Urlaubsstimmung versetzt.

Allein für solche Sätze wie den folgenden und diese herrliche Sprache lohnte sich für mich schon die Lektüre – (Achtung! Bitte auf der Zunge zergehen lassen):

„Nun weiß ich aus Erfahrung und Seelenkenntnis, daß, wenn der Mensch seinen Ärger zur Papier bringt, sich sofort auch die komisch-amüsanten Seiten der Ärgernisse präsentieren, wahrscheinlich aus einem Instinkt der menschlichen Natur heraus, der sich selbst aus dem Schierling des Missvergnügens noch ein Tröpfchen Honig herausdestilliert.“

(S.13)

Mit spitzer Feder und scharfzüngig formuliert und berichtet „Trautantchen“ Marie Luise in Form von Briefen an den werten Schwager – den die Schwester schmählicherweise treulos verlassen hat – über ihre Sommerfrische im Badeort Salentin auf Usedom, den sie dort mit den ihr anvertrauten Kindern – Nichte Hanna und Neffe Rudi – verbringt.

Die unverheiratete, „ältere Jungfer“ erzählt offen, direkt und schonungslos von der Ankunft im Quartier, das noch ihrer Nachbesserung und Aufmöbelung bedarf und karikiert gnadenlos und pointiert jeden in ihrem Umfeld: Gastgeber, Urlaubsgäste, Dienstpersonal und auch die Kinder – keiner entkommt ihrem Adlerauge und ihrer spitzen Zunge.

„Welch eine Temperamentsfülle! Ihre jubelnde Hingabe an alles, was Genuß verspricht, könnte ein halbes Dutzend Mysanthropen mit Optimismus versorgen.“

(S.48)

So erlebt man anhand ihrer plastischen und intensiven Beschreibungen auch hautnah mit, wie sie bei einer vergnügten Ruderparte plötzlich in ein Unwetter kommt, wie wenig Talent und Ehrgeiz ihr Dienstmädchen Alma für das Kochen und die Haushaltsführung im Allgemeinen aufbringt oder mit welchen Tricks sie das allzu strenge Kindermädchen Miß Jones abzulenken versucht, so dass der kleine Neffe Rudi ein wenig mehr Freiheiten bekommt. Kleine, stimmungsvolle Urlaubs- und Strandszenen, welche die Badekultur (inklusive der Bademode) der damaligen Zeit – gerade die Kaiserbäder an der Ostsee waren sehr en vogue – vor den Augen des Lesers wieder aufleben lassen.

Aber auch ein Gesellschaftsportrait der damaligen Zeit und eine bemerkenswerte Studie über eine unverheiratete Frau, die sich trotz aller Selbstständigkeit und Unabhängigkeit doch auch hin und wieder nach einer erfüllenden Beziehung sehnt.
Die Anklänge und kritischen Untertöne der Frauenrechtlerin sind zwischen den Zeilen ebenso zu finden, wie die dunklen Wolken des aufziehenden Antisemitismus, welche sich bereits vor die Sonne schieben.

Doch der unterhaltsame, amüsante und stellenweise herrlich-bissige Tonfall der Autorin macht die „Sommerlieben“ dennoch zu einer in weiten Teilen locker-luftigen und im Grundton unbeschwerten Lektüre. Man spürt den Wind, sieht die Strandkörbe und die gestreiften Badeanzüge kurz nach der Jahrhundertwende, blickt auf die Wellen und genießt. Manches scheint sich in den letzten hundert Jahren nicht oder kaum verändert zu haben. Wer selbst schon einen Ostseeurlaub verbracht hat, weiß was unbefugte Strandkorbbesetzer, schnelle Wetterwechsel oder geschwätzige Miturlauber anrichten können – so findet sich auch der heutige Leser in vielen Szenen, Episoden, Anekdoten und Gedankengängen wieder oder vielleicht sogar ertappt.

Ein kleines, feines Buch, das so erfrischend ist, wie ein Bad in der Ostsee.
Wunderbar geeignet für einen Nachmittag im Strandkorb oder um vom heimischen Liegestuhl aus für eine Weile an diese herrliche Küste zu reisen. Wer also die Möglichkeit dazu hat, sollte es halten wie Tantchen Marie Luise:

„Täglich in der Morgenfrühe gehe ich ans Meer, um in meinem Strandkorb zu lesen, irgendein Buch, das Stille und Sammlung will.“

(S.55)

Doch nicht „irgendein Buch“: Die „Sommerlieben“ wären hierzu definitiv eine erstklassige Wahl.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei der Büchergilde Gutenberg, die mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite derBüchergilde.

Buchinformation:
Hedwig Dohm, Sommerlieben – Freiluftnovelle
Herausgegeben und mit einem Vorwort von Julia Finkernagel
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 978-3-7632-7285-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Hedwig Dohm’s „Sommerlieben – Freiluftnovelle“:

Für den Gaumen (I):
Die Urlaubskost muss gesund sein und darf nicht so schwer im Magen liegen, deshalb wäre Obst eine hervorragende Wahl, allerdings beklagt Marie Luise, die stolzen Preise für Erdbeeren und ist froh, mit Trockenobst vorgesorgt zu haben:

„Ein Trost in der Not der Öbste ist die Kiste mit den getrockneten Aprikosen, Prünellen und Pflaumen“

(S.23)

Für den Gaumen (II):
Doch auch einem Gläschen Wermut scheint die Tante nicht abgeneigt zu sein:

„Also merke es Dir: Ich bin ein vergnügtes, jüngeres altes Mädchen. Die Vergnügtheit zuweilen gemischt mit etwas Wehmut. Ein Tröpfchen Wermut nicht ausgeschlossen. Das gehört sich für eine ältere Jungfer.“

(S.26)

Zum Weiterschauen:
Ein Zeitgenosse Hedwig Dohm’s, der ab 1909 ebenfalls regelmäßig nach Usedom reiste und das „Dorf Alt-Sallenthin“ (um 1912) auf seine ihm typische Art als Gemälde verewigte, ist der Künstler Lyonel Feininger. Auf der Website des Museum Folkwang kann man sich dieses Gemälde und eine kurze Erläuterung dazu ansehen.

Zum Weiterlesen:
Literarisch fällt mir zur Ostsee sofort auch Eduard von Keyserling’s Roman „Wellen“ aus dem Jahr 1911 – also nur zwei Jahre nach Hedwig Dohm’s „Sommerlieben“ erschienen – ein, den ich vor vielen Jahren gelesen habe:

Eduard von Keyerling, Wellen
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-34682-1

Aller guten Dinge sind… an der Côte d’Azur

Heute gibt es zur Abwechslung mal mehrere Buchtipps auf einmal, denn aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei und ich weilte in der letzten Zeit literarisch gleich drei Mal an der sonnigen Côte d’Azur. Ausgehend vom frisch erschienenen Sachbuch Lutz Hachmeister’s „Hôtel Provençal – Eine Geschichte der Côte d’Azur“, über einen Klassiker der Reiseliteratur von Erika und Klaus Mann „Das Buch von der Riviera“ aus dem Jahre 1931 zu einem Klassiker der Kriminalliteratur von Georges Simenon „Maigret in der Liberty Bar“. Bereit für die Reise an die himmelblaue Küste? Los geht’s!

„Mitte der 1920er Jahre waren in Juan-les-Pins die Dämme gebrochen. Die gesamte Pariser und US-amerikanische Künstler- und Literatenbohème kam im Gefolge von Picasso, den Murphy’s und Cole Porter nach „Juan“. Zur Verwunderung der eingesessenen Antiboas wurde das seit drei Jahrzehnten vor sich hin dämmernde Projekt „Juan-les-Pins“ zu einem Welterfolg.“

(aus Lutz Hachmeister „Hôtel Provençal – Eine Geschichte der Côte d’Azur“, S.45)

Ausgehend von der Geschichte des legendären, mondänen „Hôtel Provençal“ – einem großen, weißen Luxushotel in Juan-les-Pins – erzählt Lutz Hachmeister, wie die Côte d’Azur zu dem künstlerischen und touristischen Zentrum wurde, das es gerade in den Dreißiger Jahren war und wie sich der Tourismus über die Jahrzehnte bis heute an einer der berühmtesten Küsten der Welt weiterentwickelte.

Das weltberühmte Hotel, das 1927 vom reichen Amerikaner Frank J. Gould eröffnet wurde, entwickelte sich schnell zum renommierten und glamourösen Luxushotel in Juan-les-Pins. Hachmeister schildert die bewegte Familiengeschichte des Hotelgründers und widmet sich aber auch ausführlich den Künstlern, Malern, Literaten, Filmemachern, den Stars und Sternchen der Zwanziger und Dreißiger Jahre, die als Gäste nach Juan und in die Nachbarorte kamen. Man liest über den sonnengebräunten Picasso am Strand, die kurze und heftige Liebesaffäre Charlie Chaplin’s mit der jungen Tänzerin Mitzi Müller und über Marlene Dietrich, die samt Entourage an der Küste logierte.

Doch Hachmeister schildert auch den zunehmenden Ausverkauf der Küste, die Ära der Betonbauten und die negativen Entwicklungen über die Jahrzehnte. So steht das Provençal als Tourismusruine schon seit Jahrzehnten leer und Immobilienentwickler suchen immer wieder nach lukrativen Lösungen für das Objekt.

Eine interessante, vielseitige und flüssig zu lesende Kulturgeschichte, die mir einen interessanten und stimmungsvollen Einblick in die wechselhafte Geschichte dieser sonnenverwöhnten Region im Süden Frankreichs und seiner illustren Gäste gegeben hat.
Eine ausführliche, lesenswerte Besprechung zum Buch erschien vor kurzem in der ZEIT.

In den Dreißiger Jahren weilten auch die Geschwister Erika und Klaus Mann an der Côte d’Azur und verfassten einen persönlichen Reiseführer der anderen Art: „Das Buch von der Riviera“. Dieses Büchlein aus dem Jahre 1931 liest sich auch heute noch sehr spritzig, witzig und lebt von seiner amüsanten Ironie, die nichts an Charme eingebüßt hat. Auch wenn so manches Hotel und Restaurant mittlerweile nicht mehr existiert und die Preise für Mahlzeiten und Hotelzimmer noch in Währungen angegeben werden, die ebenfalls schon Geschichte sind, spürt man immer noch die sonnige, unbeschwerte Urlaubsatmosphäre, welche die beiden dort in Künstlerkreisen, in den Bars, Restaurants und am Strand erlebten.

„Was die Läden angeht, in denen wir das Geld ausgeben, das wir nicht mehr haben wollen, so gibt es hübsche Ledersachen zum Beispiel (…)“

(aus Erika und Klaus Mann, „Das Buch von der Riviera“, S.30)

Ein Buch, das auch heute noch die Chance bietet, sich eine Auszeit vom Alltag und einen literarischen Kurzurlaub mit Sonne und französischem Savoir-Vivre zu gönnen. Raus auf den Liegestuhl, ein schönes Getränk und dieses Buch – voilà, fertig ist der zweistündige Urlaub an der azurblauen Küste!
Eine umfassendere, sehr schöne Besprechung findet man auch bei Birgit Böllinger.

1932 – ein Jahr später als das Buch der Mann’s – erschien der Kriminalroman „Maigret in der Liberty Bar“ von Georges Simenon, in welchem er seinen pfeifenrauchenden Kultkommissar ebenfalls an der Côte d’Azur ermitteln lässt.

Maigret, dem die Hitze zu schaffen macht, der zunächst etwas schläfrig nach der langen Zuganreise und unmotiviert ist, kommt erst dann in die Gänge, als er feststellt, dass der Tote ihm verblüffend ähnlich gesehen hat. In Cannes führen ihn seine Ermittlungen in zwielichtige Kneipen und verruchte Etablissements und er stellt fest, dass es auch im luxuriösesten Urlaubsort Licht und Schatten gibt.

„Überall nur Weiß: riesige weiße Hotels, weiße Geschäfte, weiße Hosen, weiße Kleider, weiße Segel auf dem Meer. Als wäre das Leben ein Märchenspiel im Varieté, mit einem Bühnenbild in Weiß und Blau.“

(aus Georges Simenon „Maigret in der Liberty Bar“, S.37)

Diese Krimilektüre rundete meine literarische Stippvisite an der französischen Mittelmeerküste wunderbar ab. Die gerade mal 186 Seiten lasen sich kurzweilig, schnell und zeigten den großen Maigret einmal von einer anderen Seite.

Auch Simenon hatte ein untrügliches Auge für Milieus und Atmosphäre und verstand es, seine Leser in Urlaubsstimmung zu versetzen. Kein Wunder dass auch Maigret dieses Mal lieber Urlaub gemacht hätte, als diesen Fall zu lösen.

„(…) allmählich begriff er die Côte d’Azur: ein einziger, sechzig Kilometer langer Boulevard, der sich von Cannes bis nach Menton erstreckte, von Villen gesäumt, hier und da ein Casino und ein Luxushotel. Das berühmte blaue Meer, das Gebirge und all die Herrlichkeiten, wie die Prospekte sie verhießen: Orangenbäume, Mimosen, Sonne, Palmen, Pinien, Tennis, Golf, Teesalons und amerikanische Bars.“

(aus Georges Simenon „Maigret in der Liberty Bar“, S.130/131)

Buchinformationen:

Lutz Hachmeister, Hôtel Provençal – Eine Geschichte der Côte d’Azur
C. Bertelsmann
ISBN: 978-3-570-10432-3

© C.Bertelsmann

Georges Simenon, Maigret in der Liberty Bar
Deutsch von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Mirjam Madlung
Kampa
ISBN: 978 3 311 13017 8

© Kampa Verlag


in meinem Fall eine Ausgabe der Büchergilde:

Erika und Klaus Mann, Das Buch von der Riviera
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 9783763271962

© Büchergilde Gutenberg

oder:
Erika und Klaus Mann, Das Buch von der Riviera
Kindler Verlag
ISBN: 978-3-463-40715-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerten mich die drei literarischen Reisen an die Côte d’Azur:

Für den Gaumen:
In allen Büchern wird vor allem auch das stilechte Getränk thematisiert: Bei Hachmeister ist es unter anderem ein Vermouth-Cassis, Simenon lässt Maigret an der Côte einen Anis trinken und die Mann’s nahmen gerne einen „after-Dinner-Cognak“.

Zum Weiterschauen:
Bereits im Jahr 2001 war die ARTE-Dokumentation „Hotel Provençal – Aufstieg und Fall der Riviera“ von Lutz Hachmeister für den Grimme-Preis nominiert. Ein Thema, das ihn schon lange begleitet und das er nun auch in seinem Sachbuch verarbeitet hat.

Zum Weiterhören:
Juan-les-Pins ist ebenso berühmt für sein Jazz-Festival und war auch für Musiker stets ein Anziehungspunkt, so erfahren wir, dass Cole Porter („Anything goes“) und Ella Fitzgerald („Cricket Song“) gerne an der Küste weilten.

Zum Weiterlesen:
Gerade Lutz Hachmeister bietet in seinem Buch eine reiche Leseliste im Anhang und verweist immer wieder auf die künstlerischen Querbezüge zu Malerei, Filmen und Literatur. Neben den Mann’s und Georges Simenon stehen unter anderem auch Graham Greene, F. Scott Fitzgerald, Patrick Modiano und Ernest Hemingway auf der Literaturliste. Da gibt es viele Anknüpfungspunkte und Inspirationen zum Weiterlesen. Auf meine Merkliste gewandert ist ein Werk des Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano, das ich bisher noch nicht gelesen habe:

Patrick Modiano, Sonntage im August
Aus dem Französischen von Andrea Spengler
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-46620-9